CPOV

Als der erste Tanz anfängt, beginnt Elliot mit Kate über die Tanzfläche zu schweben, während ich ihn ungläubig beobachte, da ich ihn noch nie so erlebt habe. Normalerweise hält er sich nicht lang bei einer Frau auf, sondern geht mit mindestens drei Frauen gleichzeitig nach Hause. Aber hier scheint sich etwas ernsteres anzubahnen. Als der Tanz vorbei ist, steht Elena auf und raunt mir zu, dass sie tanzen will. Etwas widerwillig begleite ich sie auf die Tanzfläche und wir beginnen, über das Parkett zu rauschen.

„Ich erkenne dich kaum wieder. Was sollte das vorhin? Möchtest du mich vor allen Leuten bloßstellen?", fragt Elena besorgt.

„Meine Güte, Elena, ich hatte ein wenig Spaß. Was ist dein Problem? Werd' ein bisschen lockerer", sage ich genervt.

„Mein Problem ist, dass dieser Saal voll ist mit den wichtigsten Geschäftsleuten Seattles. Da macht es keinen guten Eindruck, wenn du viel Geld für eine kleine billige Blondine bietest während deine Verlobte neben dir sitzt. Man könnte meinen, du wärst sprunghaft und das ist nicht gut fürs Geschäft!", argumentiert sie.

„Dann dürfen sie nicht auf eine Wohltätigkeitsveranstaltung gehen. Ach jetzt ist es sowieso zu spät, also reg' dich bitte ab", würge ich das Gespräch ab.

Nach dem Tanz begleite ich Elena noch zu unserem Tisch und rücke ihr den Stuhl zurecht, entschuldige mich dann aber, um auf mein altes Zimmer zu gehen und mir eine Auszeit zu gönnen. Als ich den Raum betrete, sehe ich mich um und eine Woge des Bedauerns schwappt über mich. Ich setze mich auf mein Bett und sehe mein 15jähriges Selbst in diesem Zimmer und es tut mir in der Seele weh, mich von der Welt so abgeschottet zu haben. Ich hatte eine Familie, die mit mir durch dick und dünn gegangen ist und ich habe nichts daraus gemacht, ganz im Gegenteil: Ich habe sie noch weg gedrängt.

Auf einmal klopft es an der Tür und ich bitte wer auch immer dahinter steht herein. Grace kommt auf mich zu, setzt sich zu mir auf das Bett und schlägt ihre Beine übereinander.

„Weißt du, ich bin ziemlich gut darin, einfach hier zu sitzen und zuzuhören, aber das weißt du bestimmt schon", sagt sie und lässt sich auf mein Bett fallen, während sie ihre Arme so bewegt, als ob sie einen Schneeengel formen würde. „Ich kann mich noch gut daran erinnern, als du damals ins Spital gekommen bist. Es hat mich drei Tage gekostet, an denen ich Tag und Nacht neben dir gesessen bin, bis du endlich mit mir interagiert hast. Ganz zu schweigen von den folgenden zwei Jahren, bis du das erste Wort geredet hast. Glaub' also nicht, dass du irgendwas vor mir verheimlichen könntest, nur weil du nicht darüber redest. Ich weiß, dass etwas im Busch ist, ich weiß nur noch nicht genau was", sagt sie selbstsicher und schweigt dann.

„Mom, ich kann nicht darüber reden, ich will das Kapitel hinter mir lassen!", versuche ich mich herauszureden, aber meine Mutter lacht lauthals.

„Ich bitte dich, du willst das Kapitel nicht hinter dir lassen, du willst mitten drin hineinspringen und nie wieder herauskommen, das sehe ich dir an der Nasenspitze an! Aber gut, wenn du darüber reden willst, dann weißt du ja, wo du mich findest. Für dich habe ich immer ein offenes Ohr", sagt Grace, während sie sich wieder aufsetzt und sich zum Gehen dreht. Ich nehme ihre Hand und drücke sie dankbar. Ich würde ihr so gerne alles erzählen, aber ich wüsste nicht einmal, wo ich anfangen soll. Sie studiert mein Gesicht und lächelt liebevoll, so als wüsste sie haargenau, was in mir vorgeht. Dann steht sie auf und geht zur Tür, aber bevor sie sie von außen schließt, dreht sie sich noch einmal um und sagt:

„Es wäre natürlich schön, wenn du sie demnächst zum Essen mitbringst!", sagt sie hoffnungsvoll und zwinkert mir zu, bevor sie sich umdreht und die Türe hinter sich schließt. Ich sitze mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen da. Was zur Hölle? Wie macht sie das nur? Ich glaube, sie weiß gar nicht, wie sehr sie ins Schwarze getroffen hat.