Er zog mich auf die Füße und führte mich aus dem Raum einen langen Flur entlang in den nächsten Raum, wobei die hölzernen Doppeltüren von alleine aufschwangen.
Sprachlos blickte ich auf die Masse an Bücherregalen, die sich vor uns erstreckten. Gedankenverloren schweifte ich durch die Reihen und meine Finger berührten federleicht andächtig beinahe schon ehrfürchtig die wundervollen Buchrücken.
Auf den ersten Blick konnte ich von leichter Lektüre, bishin zu einigen magischen Büchern viel Interessantes erkennen.
„Wundervoll!", hauchte ich und ich blickte ihn mit einem freudigen Glitzern in den Augen an. Ich liebte es schon jetzt hier. Hier könnte ich sicher Stunden verbringen, ohne mich zu langweilen. Ich freute mich schon jetzt auf die Herbstferien, aber wie ich dann mein Verschwinden allen erklären würde, wusste ich jetzt noch nicht. Mir würde schon etwas einfallen.
Ich zog mir ein willkürliches Buch aus dem Regal, setzte mich auf eine Couch und begann zu lesen. Er setzte sich neben mich und zog mich zu sich, doch ich ließ mich daran nicht stören und schmöckerte in dem Buch.
Wir kuschelten noch einige Zeit schweigend auf dem Sofa, während ich das Buch las, ehe er sich dann plötzlich erhob und mit leichtem Bedauern in der Stimme verkündete: „Wir müssen so langsam los" Ich seufzte, als ich seinen mir ausgestreckten Arm ergriff und mich mit seiner Hilfe ebenfalls erhob.
Ich würde diese Ruhe wirklich vermissen. In Hogwarts war das Risiko entdeckt zu werden, einfach immer gegeben. Wenn ich endlich aus Hogwarts raus wäre, vorausgesetzt ich überlebte dieses Jahr, würde ich endlich zu Severus und unserer Beziehung stehen können.
Er apparierte uns wieder in die Nähe der Appariergrenze auf den Schlossgründen Hogwarts und da es schon recht spät war, weit nach Sperrstunde, legte er keinen Unsichtbarkeitszauber mehr auf uns. Sein Arm lag locker um mich, während wir schweigend nebeneinander herliefen. Sein Arm hinterließ ein angenehmes Kribbeln auf meiner Haut und ich war regelrecht vorfreudig, da er gleich mich auspacken würde, dachte ich mit einem Grinsen auf meinem Gesicht.
Ich fragte mich, wie er reagieren würde, wenn er sah, was ich unter dem doch recht sündigen Kleid trug. Hoffentlich gefiel es ihm und Ginny würde Recht behalten.
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AN: Empfehle ab hier auf YouTube den Musik-Track in Schleife abzuspielen. Der heißt "Most Powerful and Dramatic Classical Music - The Untold" von thesecession und geht 3:12 Minuten. Würde ja gerne den Link einfügen, aber der wird andauernd gelöscht/unbrauchbar gemacht.
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Ich erschrak leicht, als ein dunkler Nebel aufzog, der uns die Sicht nahm. Was war das? Severus spannte sich neben mir sichtlich an und seine Hand ruckte zu seinem Zauberstab. Ich zog ebenfalls meinen Zauberstab und blickte diesem eigentümlichen Nebel entgegen, der nicht normal sein konnte.
Auf einmal stob der mysteriöse Nebel auseinander und einige Schüler traten hindurch. Doch sie wirkten nicht normal. Ihre Augen waren schwarz und sie gingen auch ganz widernatürlich, so als wären sie eine Marionette von irgendjemanden.
Sie stießen einen eigentümlich schrillen Schrei aus, wobei deren Münder synchron aufklappten. Es wirkte wie in einem Horrorfilm und wir befanden uns mitten drin. „Was passiert hier?", fragte ich leicht nervös zu Severus, der nur mit den Achseln zuckte und seinen Zauberstab auf die marionettenhaften Schüler richtete.
Hatte dies etwas mit der Prophezeiung zu tun? Könnte dies die neue Bedrohung, die neue Macht sein? Fragen über Fragen kamen mir auf, als diese Schüler auf einmal auf uns zu rannten. Ich hatte so im Gefühl, dass wir richtig in Gefahr waren. Ich feuerte einen Schleuderfluch auf die Schüler, doch das hielt sie nicht wirklich auf. Sie stoben weiterhin auf uns zu.
„Lauf!", schrie Severus über den Lärm, den diese Schüler veranstalteten hinweg und ich ließ mir das wirklich nicht zwei Mal sagen. Ich sprintete auf Hogwarts zu und wich den Händen aus, die nach mir zu greifen versuchten.
Ich sah ab und an nach hinten, um zu Severus zu schauen, der mir auf dem Fuß folgte und einige nonverbale Flüche in den Nebel schoss.
Ich erreichte das Schloss und rannte weiter in die Eingangshalle. Erst dort machte ich halt und sah mich um. Doch ich erkannte nicht, ob Severus in meiner Nähe war. Leichte Panik durchzuckte mich. Was wäre, wenn...
Ich schüttelte wehement den Kopf. An so etwas durfte ich gar nicht erst denken. Ihm ging es gut. Schließlich war er Severus. Solche Dinge konnten ihm nicht gefährlich werden. Und doch beschlich mich ein unheimliches Gefühl, da sich auch hier so langsam der Nebel bildete und mir die Sicht nahm.
„SEVERUS!", brüllte ich in die Schwärze und konnte kaum meine eigene Hand, die ich hoch erhoben mit meinem Zauberstab umklammert hielt, erkennen.
Als eine Hand meine umfasste, zuckte ich zusammen und unterdrückte einen Schrei, der sich meine Kehle hinaufschlich.
Erst als ich Severus Geruch vernahm und bemerkte, wie er sich schützend vor mich stellte, entspannte ich mich insofern, dass ich mir keine Sorgen mehr um ihn machte.
Aber dennoch war ich immer noch angespannt, weil die akute Gefahr noch nicht vorüber war.
Als dann auch noch Harry, Ron und Ginny mit schwarzen Augen auf uns zuhielten, stieß ich aus Schock über diesen sehr makaberen Anblick einen Schrei aus. Was war hier bloß los?
„Ihr dachtet, es wäre vorbei!" „Ihr dachtet, die Gefahr sei gebannt!" „Doch seid euch gewiss, ich werde über euch kommen!", kam es grotesk und verzerrt von den Dreien vor uns und mir lief eine Gänsehaut über den Rücken.
„Die Zeit ist reif!" „Ihr werdet sterben!" „Ihr werdet für eure Naivität zahlen!" „Nirgends werdet ihr sicher sein!" „Ich bin überall und nirgends!" „Ich bin alles und jeder!", sprachen sie weiter und wechselten sich ab, sodass es noch gruseliger wirkte, als eh schon.
„Ihr könnt niemanden vertrauen!" „Ich kann in jedem Geist sein!" „Nichts wird mich aufhalten!"
Wir wichen zurück und kamen irgendwann an einer Mauer zum Halten. Wohin jetzt? Es gab keinen Ausweg. Wir saßen in der Falle. Vor uns ein mächtiger, nicht einzuschätzender Gegener, der bisweilen unbezwingbar erschien. Hinter uns eine steinernde Mauer, die uns die Flucht versperrte.
Severus drückte sich schützend weiterhin vor mich. Er wollte jede Gefahr von mir fernhalten. An sich eine sehr noble Geste, doch gänzlich fehl am Platz, da ich so oder so in Gefahr war, ob er mich nun beschützte oder nicht. Wir beide waren dem Kommenden auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Wir hatten keine Chance mehr.
Die drei kamen immer näher und standen nun direkt vor Severus, der ihnen unberührt entgegenstarrte. Doch seine Körperhaltung sprach etwas ganz anders. Er war selbst bis zum Zerreisen angespannt.
„Noch seid ihr sicher!" „Ich will, dass ihr etwas verkündet!" „Ich werde über euch kommen!" „Alle, die sich mir nicht anschließen, werden sterben! " „Alle, die sich mir in den Weg stellen, werden sterben!", kam es drohend von ihnen und Ginny erhob ihre Hand, mit der sie dann Severus Kinn ergriff.
Er versuchte ihrem Griff zu entkommen, doch es war ein schier unmögliches Unterfangen.
Um die Drohung zu unterstreichen, kratzte Ginny ihm über die Wange. Ich konnte zwar nicht genau erkennen, wie schlimm es war, doch ich vermutete, die Kratzer hinterließen eine blutige Spur. Er versagte sich jedwede Regung und kein Laut drang über seine Lippen.
„Vergesst das nie!" „Niemand ist sicher!"
Ein Ruck ging durch meinen Körper und ein raues, widernatürliches Lachen drang aus meiner Kehle. „Niemand ist sicher!", lachte ich und fuhr selbst mit so einer Stimme fort: „Selbst deine Liebste ist nicht sicher vor mir!" Ich war nicht mehr Herr meines Körpers. Ich konnte nicht dagegen an und es war, als hätte jemand Fremdes die Kontrolle über meinen Körper, meinen Geist und mein Sein erlangt. Das Denken war mir noch möglich, sodass ich alles erlebte, was um mich herum und mit mir geschah, doch ein selbstständiges Eingreifen war mir nicht möglich. Ich fühlte mich hilf- und machtlos. Etwas, was mir gar nicht gefiel.
„Lass die Finger von ihr!", knurrte Severus drohend aus, als er bemerkte, dass selbst ich nicht geschützt war. Ich sah, wie ich meine Hände an meinen Hals legte und zu drückte. Nur war nicht ich es, die dies tat. Ich wollte schreien und mich wehren. Ich wollte flehen und betteln, dass dies aufhören möge. Ich bekam keine Luft mehr, doch noch immer war dieses Etwas in mir und ließ nicht zu, dass ich etwas anderes tat, als mich selbst zu erwürgen. Ich lachte einige Sekunden noch hohl auf, während meine Hand immer noch um meine Kehle lag, während Severus verzweifelt versuchte, meine Hand von dort weg zu bekommen, was ihm aber nicht gelang.
Auf einmal spürte ich, wie sich das Wesen aus mir zurückzog und ich zusammenbrach, sowie die drei anderen auch. Das letzte, was ich noch mitbekam war, dass Severus mich auffing und ich in seinen Armen bewusstlos die Augen schloss.
