29. Schein
Alles um sie herum war in warmes Licht getaucht, strahlte einen goldenen Glanz aus, sandte den eingefangenen Schimmer hunderter Kerzen zurück in süßlich duftende Luft. Hier, wo augenscheinlich jeglicher kalten Farbe der Zutritt verwehrt wurde, herrschte das satte Braun edel gearbeiteter Sitzmöbel, das dumpfe Gold matt schillernder Platten und Krüge, das energische Rot und heitere Sonnengelb prachtvoller Roben, das bernsteinfarbene Leuchten exotischer Haut und das grelle Weißgelb lodernder Flammen, die ihren Schein gegen blasse Wände warfen, um sie so mit ihrer Wärme zu überziehen. Selbst die Klänge in der Luft waren schwere, warm anmutende Töne, die mal geheimnisvoll und lockend, und dann wieder sehnsuchtsvoll und klagend auflebten. Widerstandslos drangen die einzelnen Noten in ihr Herz, sangen von einer endlosen Melancholie, die in ihrem Körper vibrierte und ein namenloses Sehnen zurückließ.
„Man sagt, dass nur jemand dem großes Leid widerfahren ist, das Instrument bis zur Perfektion beherrscht, da es seine wahre Seele nur einem geschundenen Herz offenbart und mit seinen Tönen eine Klagelied für jenes singt."
Rhazar Ghazeens Stimme unterbrach Daenerys' versunkenem Lauschen und ließ sie den Blick von der dünnen Flöte aus Elfenbein abwenden, welche sie mit ihrem Zauber gefangen gehalten hatte.
„Nun, da es sich bei dem Flötenspieler zweifelsfrei um einen befreiten Sklaven handelt, kann man nichts anderes als vollendete Perfektion erwarten.", erwiderte Meereens Königin mit einem missbilligen Funkeln in den Augen.
„Oh strahlende Königin, lasst uns diesen herrlichen Abend nicht mit derlei leidigen Dingen trüben. Heute soll es nur darum gehen, dass ihr die wahrhaftige Pracht unserer Kultur erlebt und die traditionelle Musik unserer Ahnen ist ein wichtiger Bestandteil dieser."
„Ist dies so? Bisher habt ihr mir eher zu verstehen gegeben, dass es die Sklaven waren, die eure Kultur zu dem gemacht haben, was sie ist. Oder habe ich die Begründungen, welche ihr vorgebracht habt, um euren Handel mit Menschen wiederzubeleben, falsch verstanden, Rhazar?"
Bestürzt kräuselte Ghazeen seine dünnen Lippen, griff zu einem gläsernen Kelch und prostete Daenerys zu: „Ihr habt wahrlich eine spitze Zunge, oh weise Königin."
„Eine spitze Zunge, welche die Wahrheit spricht."
„Natürlich.", antwortete der füllige Mann mit oberflächlicher Höflichkeit, ehe er einen großzügigen Schluck von dem hellen Fruchtwein nahm.
Von allen Anwesenden unbemerkt verebbte das Flötenspiel und wurde sogleich von den flirrenden Klängen einer Harfe ablöst, die sich leise unter die Gespräche der Menge legten.
Indessen Ghazeen damit beschäftigt war die ihm servierte geräucherte Rotbrasse einer genauen Betrachtung zu unterziehen, nutzte Dany die Gelegenheit und ließ ihren Blick durch den vollen Saal streifen. Mehr als Zehndutzend Gäste füllten die oberste Ebene Ghazeens Pyramide. Vorrangig Angehörige seiner Familie, sowie Günstlinge dieser, aber auch einige Mitglieder anderer Hoher Familien waren unter den Anwesenden zu finden. Dem gegenüber stand nahezu die selbe Anzahl Bediensteter, welche ununterbrochen Speisen und Getränke herbeitrugen, um den Wünschen der Versammelten zu entsprechen. Auch jetzt erschien zum wiederholten Male ein junger Mann in blassgrauen Gewändern und goss Meereens Königin Aprikosenwein in ihren immer noch halb vollen Becher. Interessiert sah Daenerys dem auffallend zufrieden dreinblickenden Mann hinterher und dachte wie schon oft an diesem Abend, dass man hier einen eigens auf sie abgestimmten Mummenschanz zum Besten gab.
Jeder einzelne Diener war augenscheinlich bei bester Gesundheit, machte einen, wenn schon nicht glücklichen, dann doch recht gelassenen Eindruck und besonders fiel auf, dass jeder zu Ghazeens Haushalt gehörende Angestellte das Kindesalter schon längst hinter sich gelassen hatte. Ein Umstand, der mit dem restlichen Bild der Stadt nicht vereinbar war und nur allzu offensichtlich ausschließlich für sie geschaffen wurde.
Ebenso waren ihr beim Eintreffen die leeren Nischen und verwaisten Sockel nicht verborgen geblieben, auf denen zweifellos noch vor kurzem Harpyien zu finden gewesen waren. Sie hatte sogar einige Statuen entdeckt, die eindeutig durch Hammer und Meißel übereilt ihre Gestalt ändern mussten und nun verunstaltete Menschenabbilder darstellten.
Selbstverständlich war Daenerys froh diesen abscheulichen Zeugnissen der vergangenen Gräuel nicht begegnen zu müssen, aber zugleich betrübte sie der Umstand, dass in den Tiefen der Pyramiden die Welt immer noch das Gesicht zeigte, welches sie hoffte allmählich geändert zu haben. Anderseits sollte sie erleichtert sein, dass ihr offenbar soviel Achtung oder womöglich auch Angst entgegengebracht wurde, um derlei zu bewirken. Doch was nützten Änderungen hinter verschlossenen Türen, die sobald diese zufielen rückgängig gemacht werden, wenn sich die Menschen nicht ändern, nicht ändern wollten? Genau aus diesem Grund war sie hier und genau aus diesem Grund war sie heute Morgen auch so lächerlich nervös gewesen.
Nicht nur, dass dieser Abend der erste seiner Art hier in Meereen war, er war neben den täglichen Audienzen auch ihr erstes öffentliches Erscheinen seitdem die Gerüchte der Irren Königin die Straßen geflutet haben und der Gedanke an das Bevorstehende hatte erneut einen Knoten in ihrem Magen verursacht. Zudem trug die Anspannung in den ihr stets folgenden blauen Augen wenig zu ihrer Gelassenheit bei. Eher im Gegenteil, da die schlecht getarnte Sorge, die stümperhaft verborgenen Zweifel und die ungenügend versteckte Missbilligung ihre eigene Skepsis nochmal eine erschöpfende Runde durch ihren Geist gejagt hatte, nur um zu dem alten Ergebnis zu kommen. Zugegeben, ihr Entschluss wurde überdies auch von den Reaktionen jener einen Ratssitzung erheblich auf die Probe gestellt, teilte ein jeder ihrer Generäle nach der Offenbarung des Angriffs auf Jorahs Leben seine Meinung und erklärte den Besuch in einer der Pyramiden Meereens für überaus bedenklich. Jedoch hatte Daenerys mit solchen Entgegnungen gerechnet sobald der Übergriff bekannt wurde, sodass sie zwar durchaus aufmerksam den Ausführungen Ser Barristans, den Einwürfen Grauer Wurms und der so selten vorgetragenen Meinung Valonqars gefolgt war, aber von vorn herein nicht die Absicht hatte ihre Pläne zu ändern. Wofür es ohnehin zu spät gewesen war, wenn sie sich nicht selbst durch wankelmütige Entscheidungen bloßstellen oder gar den Unmut eines weiteren Großen Herrn Meereens auf sich ziehen wollte.
War sie aber vollends aufrichtig, musste sie sich auch eingestehen, dass nachdem sich der Sturm in ihr gelegt hatte, flüchtige Vorbehalte aufgetaucht sind, welche sie jedoch unter allen Umständen vor dem Mann, der diese hervorgerufen hat, zu verbergen versuchte und dies fiel ihr in letzter Zeit nicht schwer, bedachte man sein gezeigtes Verhalten in den vergangenen sechs Tagen...
Aber sobald sie die geköpfte Pyramide des Hauses Ghazeen erreicht hatten, fühlte sie sich in ihrem Unternehmen bestätigt, denn jegliches Unbehagen fiel von Daenerys ab und ließ sie die Herrscherin sein, welche sie sein musste.
Bereits einige Male zuvor kam Daenerys nicht umhin der Kunst des verblichenen Ghiscarireichs einen gewissen Reiz zuzugestehen und so auch als sie die kleine Pyramide betreten hatte. Der Aufstieg zur Spitze unterschied sich wenig von den finsteren Korridoren, welche sie von ihrem Herrschaftssitz kannte. Doch beim Anblick der obersten Ebene Ghazeens Pyramide konnte sie die sie befallene Verzückung nicht leugnen, die sie aufgrund der ihr im Vorfeld zugetragenen Beschreibungen nie erwartet hätte. Scheinbar fehlte ihren Generälen, oder Männern im allgemeinen, das Auge für derlei Dinge oder es war schlicht der Tatsache geschuldet, dass man es für unnötig befand ihr Orte zu beschreiben, an denen sie der Meinung der Berichtenden nach erst gar nicht sein sollte. Aber Daenerys war nicht so töricht sich von all dem Blendwerk über die darunterliegende Grausamkeit hinwegtäuschen zu lassen, die Jahrhunderte lang in die Mauern gesickert war.
Die Feierlichkeiten fanden in drei Sälen statt, die sich über die gesamte Länge der westlichen Pyramidenseite erstreckten. Quer verlaufende Öffnungen unterbrachen die Außenmauern, durch welche zur früheren Stunde das goldene Licht der untergehenden Sonne gesickert und jetzt ein samtiges Schwarzblau zu erkennen war. Daenerys saß im mittleren, sowie kleinsten Raum, neben Ghazeen und im Gegensatz zu all den anderen Anwesenden, die entweder zwischen den Pfeilern standen, welche den Raum flankierten und der Harfenspielerin zuhörten oder den Saal durchquerten, um zu dem kleinen Garten zu gelangen, welcher sich in der Mitte der Pyramide befand, waren sie die Einzigen denen hier eine Sitzmöglichkeit vergönnt war.
Neidisch beobachtete Dany eine in kupferfarbenem Gewand gekleidete Frau, welche die zwei Stufen zu einem versetzten Boden hinabstieg, eine der vier Feuerschalen umrundete, die ihr zuckendes Licht auf das lieblich erklingende Zupfinstrument warfen und dann die breiten Stufen hinaufstieg, welche in die laue Nacht führten.
Möglichst unauffällig rutschte Daenerys auf dem goldenen Seidenkissen umher und blickte zu der etwas abseits stehenden Missandei. Bisher hatte sie die Dienste ihrer Übersetzerin noch nicht in Anspruch nehmen müssen, beherrschte Ghazeen die gemeine Zunge untadelig und auch sein Hochvalyrisch war frei von jedem verzerrenden Dialekt. Doch da Dany hoffte die anstrengenden Schmeicheleien ihres Gastgebers bald gegen aufrichtigere Gespräche austauschen zu können, war sie froh um Missandeis Anwesenheit zu wissen. Darüber hinaus sagte der Blick ihrer Freundin, welcher neugierig umherschweifte, dass auch ihr diese Abwechslung alles andere als lästig war.
„Ich würde mir gerne die Beine vertreten, werter Rhazar. Eure Gäste sind schließlich nicht hier erschienen, um mich den gesamten Abend beim Essen zu beobachten.", sagte Daenerys, hatte dabei aber eher die Flucht vor dem zwar kunstvoll angefertigten, zugleich aber überaus unbequemen Stuhl im Sinn.
„Wie ihr wünscht, oh unvergleichlich schöne Königin. Doch ich bitte euch noch einen Moment zu verweilen, habe ich doch allein zu euren Ehren eine ganz besondere Spezialität der Meereener Küche zubereiten lassen, welche ihr unter keinen Umständen auslassen solltet."
Eine ganz besondere Spezialität? Noch ausgefallener als die in Minzsoße gekochten Hundeohren, den nur allzu frischen Tintenfischeintopf oder die auf jeder erdenklichen Art zubereiteten Innereien, fragte sich Dany, lächelte aber dennoch höflich und griff nach dem Aprikosenwein.
Wenn auch überall Kerzen, Fackeln und verzierte Laternen ihren flackernden Schein auf die Gäste sandten, tanzten doch recht viele Schatten durch den Saal, ließen Ecken verschwimmen und verbargen schummrige Nischen.
„Ah, hier kommt die nur für euch angerichtete Köstlichkeit.", flötete Ghazeen und wies mit einer fleischigen Hand zu einem herannahenden Tablett, welches auf dem runden Tisch zwischen Daenerys und dem Herr der Pyramide gestellt wurde, dessen Holz fast schwarz erschien, sodass sich in seiner polierten Oberfläche die goldene Platte spiegelte.
Für einen Moment starrte Daenerys ratlos auf den überladenen Teller bis sie erkannte, was in der Mitte der Ansammlung von Feigen, Blasenkirschen und Preiselbeerzweigen thronte und sogleich bereute sie den zuvor genommenen Schluck Wein, drang die herbe Süße doch ungebeten in ihren Mund zurück. Unter großer Mühe rief sie ihre Gesichtszüge zur Ordnung und zwang sich der sogenannten Köstlichkeit einen zweiten Blick zu schenken.
Lindgrüne Federn ragten aus einem Gewirr dürrer Zweige und Gräser hervor, die sich zu einem kleinen Rund formten, um so das, was in ihrer Mitte zu finden war perfekt hervorzuheben. Eine Absicht, die vortrefflich erzielt wurde, leuchteten die zwei goldgelben Körper im Dunkeln des Nests gleich eines Feuers in sternloser Nacht.
„Der Lantoor ist das Höchste, was man seinem Gaumen zuführen kann, oh Erhabene. Selbst unter den bessergestellten Mitgliedern meines Volks gilt es als Privileg diesen Vogel verspeisen zu können."
Ohne ihre wahren Gefühle preiszugeben nickte Daenerys und ließ die handtellergroßen Körper nicht aus den Augen, als sie erwiderte: „Ein Privileg, welches anscheinend noch nicht zur Gänze zubereitete ist."
Verschmitzt grinste Rhazar Ghazeen und fuhr mit der Zungenspitze über seine glänzenden Lippen, die eigenartig kurze Zähne freigaben.
„Ganz und gar nicht, oh gescheite Königin. Der Lantoor wird in einem Alkoholgemisch ertränkt, gerupft und dann im Ganzen gebraten, bis er diese herrliche Farbe annimmt."
Wie kommt man nur dazu ein Tier, welches zumal noch nicht einmal genügend Fleisch besitzt um selbst den kleinsten Hunger zu stillen auf diese Art und Weise herzurichten? Unfähig länger ihre Abscheu zu verbergen verzog Dany den Mund und scheiterte so an ihren eigenen Vorsätzen.
Für diesen einen Abend hatte sie sich vorgenommen jedes vorschnell gefasste Urteil zu unterdrücken und offen für Neues zu sein, für neue Einblicke in eine ihr so verwerflich erscheinende Lebensart, für unerwartete Sympathien und vor allem offen für die Menschen, welche sie nicht müde wurde ihr Volk zu nennen. An diesem heutigen Abend sollten ihre Gedanken wenigstens für ein Paar Stunden das Schwert niederlegen, das sie schon so lange gegen sich selbst führte. Sie wollte nicht an das denken, was war und an das, was kommen wird. Sie wollte einfach hier sein. Sie wollte nur sich und den Moment genießen. Sie wollte ihren eigenen Bestrebungen diese Menschen und was sie antrieb besser zu verstehen eine Möglichkeit geben wahr zu werden. Und auch wenn sie grundsätzliche, moralische Meinungsverschiedenheiten nicht umgehen konnte, so sollte es ihr immerhin gelingen Respekt für traditionelle Speisen aufzubringen, beschloss Daenerys und zog ihre Mundwinkel wieder in die Höhe.
„Der Vogel wird demnach im Ganzen verzehrt, ... mit Knochen und Schnabel?"
„So wie er vor euch liegt, Euer Gnaden und seid unbesorgt, die Zubereitung hat die Knochen weich und den Schnabel knusperig werden lassen.", erklärte Ghazeen und hielt Dany das kleine Nest hin.
Teilnahmslos lagen die beiden fettig schimmernden Vögel nebeneinander und reckten die Reste ihrer verkohlten Beinchen in die Luft. Straff spannte sich geröstete Haut über kugelrunde Bäuche und Köpfe mit trüben Augen streckten sich eigenwillig nach oben, sodass die spitzen Schnäbel anklagend auf Dany gerichtet waren.
„Man isst ihn mit den Fingern. Keine Klinge soll das Fleisch des Lantoors verunreinigen."
Kaum hatte Ghazeen seine Ausführung beendet, sammelte er einen der kleinen Körper aus dem Nest und steckte ihn sich in den Mund. Genüsslich schloss der wuchtige Mann die eng zusammenstehenden Augen und begann ausführlich zu kauen.
Wahrscheinlich bildete sie sich dies nur ein, aber Daenerys glaubte das Knacken von Knochen zu hören, was ihre Entschlossenheit augenblicklich dämpfte und wiederholt einen bitteren Geschmack in ihren Mund trieb.
Das ist doch absurd, schoss es ihre durch den Kopf, wenn du zeigen kannst, dass dir die Gepflogenheiten dieser Menschen nicht gleichgültig sind, indem du einen winzigen Vogel isst, dann wäre es mehr als unsinnig zu zögern, auch wenn es sich dabei um ein Tier handelt, welches noch all seine Innereien und das gesamte Skelett besitzt.
Bestimmt ergriff Daenerys den verbliebenen Lantoor und versuchte nicht auf den nachgiebigen Leib zwischen ihren Fingern zu achten. Bewusst vermied sie es in die gestockten Augen zu blicken und schob sich den Vogel eilig in den Mund. Zaudernd drückte sie ihre Zähne aufeinander, äußerst darauf bedacht das Atmen und jegliche Überlegungen zu der weichen, warmen, saftigen Masse auf ihrer Zunge zu unterlassen.
„Ein wahrlich unbeschreiblicher Genuss, nicht wahr?", richtete Ghazeen das Wort an die Königin, welche erleichtert Wasser ihre Kehle hinabspülte und hoffte somit jede auch noch so kleine Spur irgendeines Geschmacks tilgen zu können.
„Unbeschreiblich, in der Tat, werter Rhazar."
„Nun dann huldvolle Königin, lasst mich euch euren Wunsch erfüllen und euch einige meiner geschätzten Gäste vorstellen."
Schwerfällig drückte sich ihr Gastgeber in die Höhe und zupfte an seiner goldgelbenen Tokar umher, welche an seinem wohlgenährten Körper haftete und dessen Anblick Dany plötzlich an ein übergroßes Exemplar einer dieser bedauernswerten Vögel erinnerte.
Es war befreiend nach mehreren Stunden, die sie damit verbracht hatte die ausgefallensten Gerichte Meereens zu kosten, endlich die Beine zu bewegen, doch auch Daenerys hatte zuerst ihre Mühe die Menge an Stoff zu bändigen, die sich heute um ihren Körper schloss. Wie eine verirrte Schneeflocke in der Wüste strahlte das Weiß ihres Kleids in dem Meer aus gelblichen Gewändern und versicherte ihr jeden auch noch so anderweitig beschäftigten Blick.
Filigrane Spitze aus Myr lag dicht an ihrer Haut und ließ die Schultern unbedeckt, auf denen einzelne Strähnen ihrer kompliziert geflochtenen Frisur fielen. Kostbare Seide schmiegte sich eng an ihre Hüften, fiel aber alsbald auseinander, um ihr mehr Bewegungsfreiheit zu bieten und reichte bis zu ihren Knöcheln. Das Muster der Spitze, welches das gesamte Kleid überzog, formte hunderte kleine Flammen in dessen Mitte jeweils ein traubenkerngroßer Rubin saß und bei jedem Schritt ein feuriges Glimmen über ihre Robe fließen ließ.
Als sie das ausschließlich für den heutigen Abend und noch dazu in Windeseile angefertigte Kleid zu Gesicht bekommen hatte, war sie im ersten Moment von der auffälligen Pracht eingeschüchtert gewesen. Solch eine prunkvolle Robe hatte sie seit langer Zeit nicht mehr getragen und wenn sie darüber nachdachte, musste sie zugeben, dass sie noch nie ein solches Gewand ihr Eigen nennen konnte, weder als Khaleesi, noch in Qarth und schon gar nicht zu Zeiten, als man ihren Bruder den Bettelkönig genannt hatte. Aber schnell spürte sie das erhabene Gefühl, welches ihr das strahlend weiße Kleid verlieh und ein hingerissener Ausdruck in blauen Augen befreite sie zusätzlich von jeglicher Scheu.
Ganz von selbst teilte sich das Meer aus Gesichtern und zu allen Seiten neigten sich Köpfe, wurde das breiteste Lächeln gezeigt oder aber man reckte den Hals, um einen genauen Blick auf diese Drachenkönigin zu erhaschen.
Vielleicht sollte sie sich nicht so fühlen, nicht hier, inmitten dieser heuchlerischen Masse, die doch eigentlich all das symbolisierte, was sie verdammte. Aber Daenerys konnte sich nicht gegen das erhabene Gefühl von Macht und Kontrolle wehren, das sie mit zurückgeworfenen Schultern, erhobenem Kinn und gestrecktem Rücken durch die Menge schreiten ließ. Keinesfalls jedoch nahm sie ihre gezeigte Selbstsicherheit als selbstverständlich, nicht nach dem, was die Konfrontation mit der Wirklichkeit vor einigen Tagen angerichtet hatte. So erschreckend die Offenlegung der Tatsachen auch gewesen sein mag, die von den Ängsten empor getragene Furcht wieder von der Dunkelheit zerrissen zu werden, war ebenso, wenn nicht noch erschreckender gewesen. Sie wollte die erst kürzlich gefundene Freude, das lichte Gefühl von Glückseligkeit, welches so schwer zu finden und noch schwerer festzuhalten war, nicht wieder gegen Verzweiflung und Entsetzen eintauschen. Doch die aufwühlenden Empfindungen ließen jene Furcht für kurze Zeit wieder wahr werden und in der Einsamkeit ihrer Träume kauerte sie erneut in finsteren Ecken, auf harten, kalten Steinböden und wartete auf etwas, dass sie nicht benennen konnte. Allerdings half es nicht die Augen zu öffnen, die Kälte wartete selbst dann noch auf sie und floss auch durch den Körper neben ihr...
Jetzt erinnerte nichts mehr an das erbärmlichen Häufchen Elend, das sie gewesen war, jedenfalls nichts, was nach außen hin zu erkennen sein sollte und solange sie die Versammelten täuschen konnte, würde sie sich auch selbst täuschen können.
Indes sie den Saal durchquerten richtete Ghazeen ein ums andere Mal Daenerys' Aufmerksamkeit auf die verschwenderischen Verzierungen an den Wänden, auf die filigranen Kapitelle der Pfeiler, sowie auf das großflächige Bodenmosaik, welches sich unter ihnen ausbreitete.
„Würden nicht dutzende Füße die Herrlichkeit überdecken, könntet ihr ein Abbild des ersten Schiffes erkennen, das den Anfang des Ruhms meiner Familien bedeutet hat. Aber was rede ich denn da, wenn ihr es wünscht lasse ich den Raum räumen, sodass ihr eine ungestörte Sicht habt, oh berauschende Königin."
„Dies ist nicht nötig. Die Schönheit des Bildes bleibt mir auch so nicht verborgen.", versicherte Dany eilig, „Um welche Art Stein handelt es sich? Ich habe diesen sanften Farbton nun schon bei einer Vielzahl Ornamente in eurem Haus bemerkt, doch kann ich ihn keinen mir bekannten Mineral zuordnen?"
Unter dem Torbogen, der in den südlichen Saal führte blieb Ghazeen stehen und deutete zu beiden Seiten. Links und Rechts zeigten die Wände das Relief hochmütig aussehender Männer, welche etwas in den Steinhänden hielten, das für Daenerys verdächtig nach einer Peitsche aussah. Doch bevor sie ihre verurteilenden Gedanken in Worte fassen konnte strich eine blasse Hand über die dargestellten Gewänder und Ghazeen erklärte mit unüberhörbarem Stolz in der Stimme: „Bei diesem rosafarbenen Gestein handelt es sich um rote Edelkorallen, welche lediglich hier, in den Gewässern der nördlichen Sklavenbucht wachsen. Seit jeher schmückt sich das Haus Ghazeen mit der Pracht dieser Pflanzen. Die Verbundenheit zum Meer, welches seit Jahrhunderten unsere Schiffe trägt, soll für jeden auf den ersten Blick zu erkennen sein und offenbar fanden meine Vorfahren mehr Gefallen an dieser lebendigen Farbe, als an düsteren, blauen Steinen."
Korallen waren ihr bisher nur als Schmuckstücke begegnet, erkannte Daenerys, als sie über die großporige Oberfläche fuhr und ein kaum wahrnehmbares Glitzern entdeckte.
„Der Einfallsreichtum eurer Baumeister was die Materialien betraf, scheint mir keine Grenzen gekannt zu haben.", bemerkte Dany süßlich.
Der Einfallsreichtum was die Motive anbelangt war aber offenbar sehr begrenzt, entschied sie, nachdem sie einen genaueren Blick auf das in Stein gehauene Bild warf. Denn eindeutig als Sklaven auszumachende Gestalten trugen die gemeißelten Plattformen, auf welchen die lebensgroßen Männer platziert waren.
Nicht heute Abend, ermahnte sich Daenerys. Es ist das Erbe ihrer Vergangenheit und gerade sie sollte verstehen, dass das Heute keine Macht über das Gestern hat. Dennoch war es ihr nicht möglich die Abscheu vollständig auszublenden.
Intensiv würzig duftendes Räucherwerk drang in ihre Nase, als sie den benachbarten Saal betraten und trieb ihr fast Tränen in die Augen. Heftig blinzelte Daenerys das leichte Brennen weg, ehe sich auch hier die Menschen ihrer soeben erschienenen Gestalt zudrehten. Freundliche Gesichter in denen unverhohlene Neugier leuchtete dominierten zumeist, aber es gab auch jene, die ihre Skepsis offen zeigten und aus zusammengekniffenen Augen die Schritte ihrer Eroberin beobachteten.
Auch in diesem Raum führten zwei Stufen zu einer abgesenkten Ebene, die hier jedoch mit Gästen gefüllt war und wo sich im mittleren Saal der Zugang zu dem verheißungsvollen Garten befand, erlaubten hier riesige, kunstvolle Fenstergitter lediglich einen undeutlichen Blick auf das Grün.
Unvermutet legte Ghazeen seine Hand auf Daenerys' Rücken und neigte sich dicht zu ihr herüber: „Meine Königin, wenn es euch gefällt würde ich euch gerne mit einem meiner ältesten Handelspartner bekannt machen, dessen Familie ähnlich meiner seit Generationen das Leben Meereens mitbestimmt."
„Gerne, werter Rhazar.", antwortete Daenerys beflissen, musste aber den kaum zu überwindenden Drang die Berührung Ghazeens abzuschütteln gewaltsam niederzwingen.
„Darf ich euch Zkahaz zo Zhak vorstellen, oh teure Königin."
Ein hochgewachsener Mann mit außergewöhnlich ebenmäßigen Gesichtszügen trat an sie heran, drückte seine linke Hand gegen seine senffarbene Tokar und verbeugte sich.
„Es ist mir eine Ehre die mächtige Königin, welche sich Mutter der Drachen nennt, kennenzulernen. ... Dies ist meine Gemahlin Thaezza.", erklärte Zkahaz zo Zhak und deutete mit flacher Hand zu der zierlichen Frau an seiner Seite.
„Auch mir ist es ein Vergnügen.", beteuerte Daenerys und meinte die respektvolle Floskel durchaus ernst.
Viele hundert Menschen sind ihr seit sie die Mauern Meereens bezwungen hatte begegnet. Ehemalige Sklavenmeister, sowie Befreite. Und auch wenn unter den letzteren nur allzu oft Frauen zu finden waren, konnte sie dies von den Großen Familien nicht behaupten. Somit war Thaezza zo Zhak die erste höher gestellte Frau dieser Stadt deren Bekanntschaft sie machte.
„Euer Gnaden, darf ich euch sagen wie hinreißend ihr ausseht. Euer Gewand ist unverkennbar das erlesenste Kleidungsstück, das ich je gesehen habe. Ist es ein Schnitt, den man in eurer Heimat trägt?"
Wenn auch ein Lächeln um den Mund Zhaks Gemahlin lag, beschlich Dany dennoch das Gefühl versteckte Missbilligung in den großen braunen Augen zu sehen. Wäre es angebrachter gewesen, wenn sie eine traditionelle Tokar angelegt hätte? Nun, es wäre fraglos ein eindeutiges Zugeständnis an Meereen gewesen. Zugleich wollte sie diese Menschen nicht vergessen lassen wer sie war und da sie ohnehin niemals gänzlich dazugehören wird, dies auch gar nicht anstrebte, konnte sie den Unterschied getrost nach Außen tragen, sollten sie doch nicht vergessen, dass sie trotz dieser Annäherung für Veränderung stand.
„Der Schnitt orientiert sich nur unwesentlich an der Kleidung in Westeros. Aber ich danke euch für eure schmeichelnden Worte, Thaezza."
Dankend nickte die Frau Daenerys zu und musterte mit einem kalten Blick den silbernen Halsschmuck, was Danys Hand unbewusst nach den zwei edel geformten Drachen tasten ließ, deren Schnauzen sich in der Mitte ihres Schlüsselbeins berühren könnten, würde sie nicht eine kleine, blutrote Glasperle davon abhalten.
Jäh ertönte ein künstliches Lachen, welches Ghazeens Worte vorausging, die er an seinen Handelspartner richtete: „Da siehst du es mal wieder Zkahaz, reden Frauen über Kleider und Stoff sind wir mehr als überflüssig."
„Nur dass eine dieser Frauen eure Königin ist.", gab Daenerys streng zu verstehen und sah Ghazeen herausfordernd in das pikiert wirkende Gesicht.
Hörbar räusperte sich der dicke Mann und bemühte sich eilig zu versichern: „Selbstverständlich, oh begnadete Königin. Selbstverständlich."
Sie hatte zu viel erreicht, um sich derartige Aussprüche anzuhören. Die Zeiten da andere, da Männer Entscheidungen für sie getroffen haben, sind schon lange vorbei. Nie wieder wollte sie Hilflosig- und Wertlosigkeit durchleben, nicht wenn andere ihr diese Empfindungen vermittelten und sie so zu einem schwächeren, zweitrangigen Wesen machten. Und vielleicht sind es auch die Erfahrungen ihrer Vergangenheit, die den Drang nach Gerechtigkeit so heiß in ihr am Brennen hielten, wann immer es zu den versklavten Seelen dieser Welt kam. Denn sie wusste nur zu gut, was es bedeutete verkauft zu werden.
„Sagt mir Zkahaz zo Zhak, mit welchen Waren treibt euer Haus Handel?"
Flüchtig flogen die dunklen Augen des Angesprochenen zu Ghazeen, richteten sich aber augenblicklich wieder auf Daenerys, die eine Antwort erwartete.
„Euer Gnaden, die Wurzeln der edlen Familie Zhak reichen zurück bis vor den Untergang des ruhmreichen Ghiscari Imperiums und ebenso lange taten sich fähige Kapitäne, wie gescheite Händler aus unseren Reihen hervor.", sagte der hochgewachsene Mann und untermalte seine Äußerung mit übertriebenen Handbewegungen, während seine Frau jedes Wort mit einem enthusiastischen Nicken bestätigte.
Doch Dany war es durchaus nicht entgangen, dass ihre eigentliche Frage unbeantwortet blieb, was ihr dennoch die Antwort vermittelte, welche sie verlangt hatte.
„Auf das stolz zu sein, was die erreicht haben, welche vor uns kamen ist ein Leichtes. Nur sollte man auch gegenüber den falschen Wegen der Vergangenheit nicht blind sein. Dabei stimmt ihr mir doch sicher zu?"
„Wie es euch gefällt, Euer Gnaden. Aber ich frage euch, warum sollte man etwas ändern, das seit Jahrhunderten tadellos funktioniert?"
„Tadellos?", sagte Daenerys und achtete nicht weiter auf das leise Lachen, welches ihr entwischte und auf den gleichmäßigen Zügen Zhaks einen nicht ganz so ansehnlichen Ausdruck hinterließ.
„Oh erhellende Königin, eine Nacht wie diese mit missklin- "
Ghazeens hohle Worte keinerlei Beachtung schenkend, wandte sich Daenerys erneut an den wenig erfreut wirkenden Zkahaz zo Zhak: „Wer nicht fähig ist sich zu verändern ist dem Untergang geweiht. Dies gilt für Menschen ebenso wie für Königreiche."
„Demnach ist Meereen weit von einem Untergang entfernt, hat eure Ankunft doch weitaus mehr, als bloße Änderungen gebracht.", erwiderte Zhak erregt.
„Ich habe Freiheit gebracht wo nur Ketten waren, Gerechtigkeit wo Unrecht geherrscht hat und- "
„Und vernichtende Stagnation wo einst florierendes Wachstum Bestand hatte, Euer Gnaden."
Mit ihrem verächtlich ausgespuckten Titel befiel Daenerys zum ersten Mal an diesem Abend tatsächlich Unbehagen, hier inmitten all dieser Menschen, welchen sie ein neues Leben aufgezwungen hatte und zugleich nahm sie zum ersten Mal seit sie diese Pyramide betreten hatte ein unruhiges Rascheln in ihrem Rücken wahr.
Kaum hatte sie am frühen Abend einen Fuß über die Schwelle Ghazeens Heimstatt gesetzt, eilte der wuchtige Mann an ihre Seite und führte sie umgehend fort von ihrer kleinen Gesellschaft, die ihr nichtsdestotrotz unbeirrt gefolgt war. So waren es jetzt Missandei, Ser Barristan und Jorah, die hinter ihr standen und dem hitziger werdenden Gespräch lauschten. Aber natürlich waren sie nicht die Einzigen aus dem Gefolge der Drachenkönigin. In jedem der drei Säle befanden sich mehrere Unbefleckte und wie Dany berichtet wurde, musste auch der Kommandant der Zweitgeborenen, sowie einige seiner Männer irgendwo hier zu finden sein.
„Mein guter Freund, ich denke die Königin will heute Abend vor allem dem Vergnügen frönen. Politische Diskussionen musst du wohl während einer Audienz in der Großen Pyramide anbringen, Zkahaz.", versuchte Ghazeen sichtlich beschämt den Mann zu beruhigen und auch Thaezza zo Zhak legte ihre Hand in einer beschwichtigenden Geste auf den Arm ihres Gemahls, wobei eine Vielzahl goldener Armreifen klirrend ihrem Handgelenk entgegen rutschte.
Enttäuscht ließ Daenerys ihren Blick über die Herrin des Hauses Zhak wandern, die mit abschätzenden Seitenblicken und den ergebenen Gebaren gegenüber ihren Ehemann nur allzu unmissverständlich ihre Einstellung verdeutlichte.
„Womöglich ist dies ein angebrachter Vorschlag.", sagte Daenerys zu Zhak und nahm den vehementen Klang aus ihrer Stimme, „Für wie unwahrscheinlich ihr dies auch haltet, mir liegt viel daran, dass diese Stadt unter meiner Herrschaft zu ihrer alten Kraft zurückfindet und ich weigere mich zu glauben, dass dies nur mit der Ausbeutung und Versklavung von Menschenleben möglich ist."
Trotzdem Zkahaz zo Zhak aussah, als hätte er soeben die widersinnige Idee eines Kindes vernommen, blieb die Königin weiterhin ruhig, denn ihre Worte entsprachen durchaus der Wahrheit. Hatte Ghazeen, entgegen seiner andauernden Beschwörungen, dass dieser Abend nur dem Genuss gewidmet sein sollte, vorab schon einige seiner dringlichen Angelegenheiten mit ihr besprochen. Vorrangig handelte es sich bei diesen, um die Erschwernisse mit welchen die Händler zu kämpfen hatten, nun da ihre erträglichste Ware nicht mehr zur Verfügung stand. Ganz gleich wie sehr sie diesen Menschen jenen Missstand insgeheim gönnte, sie konnte diese Zwangslage nicht außen vor lassen. Immerhin ging es darum Gold in die leeren Kammern der Stadt zu bringen. Gold, um Bauern zu entlohnen, welche Getreide anbauten. Gold, um die wenigen Händler aus aller Welt zu bezahlen und Gold, um den angeheuerten Söldner ihren zugesagten Sold zu zahlen. Aber um all dies verwirklichen zu können, um überhaupt an den Neuaufbau des Handels zu denken, benötigt sie kundige Meereener, welche die Stadt und Umgebung kennen, die wissen was das Land hervorbringt. Und egal wie sehr sie die Großen Herren und alles wofür sie standen auch verachtete, ihre leeren Handelsschiffe wollten mit Waren gefüllt werden.
Nachdem Zhaks Augen abschätzend über Daenerys' Körper gekrochen waren, senkte er ehrerbietig seinen Kopf und erklärte: „Gewiss, Euer Gnaden. Es wäre eine Ehre. … Nun will ich euch nicht länger von den anderen Gästen fernhalten, welche unbestritten ebenso ihre Hochachtung kund tun wollen. Ich wünsche euch weiterhin einen glanzvollen Abend."
Ohne ein Wort des Abschieds an Ghazeen entfernte sich das Paar mit schnellen Schritten und verfiel sobald sie außer Hörweite war offensichtlich in ein reges Gespräch.
„Oh huldvolle Königin, verzeiht Zkahaz zo Zhak sein unbeherrschtes Wesen. Ich gebe euch mein Wort, dass ich jeden, der euch mit ähnlichen Themen belästigt umgehend zum Schweigen bringe."
„Eure Sorge ist unnötig, Rhazar. Ich bin schließlich hier, um in ungezwungener Umgebung von den Problemen der Menschen zu erfahren und ich habe nichts anderes als leidenschaftliche Diskussionen erwartet.", gab Daenerys zu verstehen, auch wenn sie das ungute Prickeln nicht leugnen konnte, das mit dem soeben beendeten Austausch einherging.
„Doch nicht ohne, dass ihr von dem erquicklichen Sommerwein gekostet habt, welcher im Übrigen aus eurer Heimat stammt. Aus Westeros. Süßer Roter vom Arbor. Ein wahrlich feiner Tropfen, meine Königin."
Süßer Roter... Wein vom Arbor... Die Worte an sich und der überschwängliche Klang mit dem Ghazeen das Getränk anpries, blieben eigenartig hartnäckig in Daenerys' Kopf hängen. Ertönten wieder und wieder, als wären sie fest entschlossen etwas ganz Bestimmtes freizulegen.
Süßer Roter... Wein vom Arbor... Und dann durchfuhr sie ein greller Schauer, der unerwartet eine lang schlafende Erinnerung aus der Tiefe holte.
„Süßer Roter! Ich habe süßen Roten aus Lys, Volantis, vom Arbor. Ich habe alles!... Eine Probe für die Khaleesi?... Einmal probiert und ihr werdet euer Kind nach mir benennen... Ich habe einen trockenen Roten vom Arbor. Nektar der Götter. Ich bringe euch ein Fässchen..."
...
„Ich habe Durst, mach es auf!"
„Der Wein ist für die Khaleesi, nicht für euresgleichen."
„Tue was er sagt."
„Wie die Prinzessin befiehlt. … Süß, nicht wahr? Riecht ihr die Frucht, Ser? Kostet Mylord! Wenn das nicht der feinste Wein ist, der je eure Zunge berührt hat." ...
„Meine ehrwürdige Königin, ist etwas nicht zu eurem Gefallen?"
„Wie meint ihr?", fragte Daenerys verwundert und starrte entsetzt auf die dunkle Flüssigkeit, welche Ghazeen ihr reichen wollte.
„Wenn euch dieser Wein nicht zusagt, lasse ich bringen was auch immer ihr begehrt."
Schwach schüttelte sie den Kopf und sagte mit belegter Stimme: „Nein..."
Weiterhin tanzten Bilder des flüchtenden Weinhändlers durch Daenerys' Geist und lösten sich nur widerwillig in graue Schwaden auf.
„...Ich denke, dass ich vorerst genügend berauschende Getränke zu mir genommen habe."
„Ganz recht, Euer Gnaden. Eure Anwesenheit ist berauschend genug.", säuselte Ghazeen und stellte zwei schmale Goldbecher wieder auf ein bereitgehaltenes Tablett.
Erleichtert, dass ihr Rhazar für den Moment den Rücken zuwandte, bemühte sich Daenerys die ihr abhanden gekommene Erhabenheit wiederzuerlangen, war sie sich der auf sie gerichteten Augenpaare doch nur zu bewusst, die sich auf jedes Anzeichen von Schwäche stürzen würden.
Niemals hätte sie angenommen, dass sie sich der unangenehm klingenden Worte des Weinhändlers derartig detailliert entsinnen könnte und warum sie gerade jetzt jene grässliche Erinnerung befiel, konnte Dany ebenso wenig erklären. Dutzendfach hatte sie Wein vom Arbor getrunken, ohne dass dieses beklemmende Gefühl sie hatte erstarren lassen. War es dieser Ort, die Menschen oder schlicht die Tatsache, dass sie entgegen ihrer Beteuerungen den Meereener nicht das vorgespielte Maß an Vertrauen entgegen brachte? Wenn es Gift war, das sie fürchtete, dann war es aber ohnehin zu spät, hatte sie doch bereits reichlich Wein getrunken und die verschiedensten Speisen zu sich genommen. Oder war es lediglich Zufall, dass sich dieser Vorfall in ihr Gedächtnis geschlichen hat?
„Khaleesi, geht es euch gut?", erklang ein besorgtes Flüstern zu ihrer Linken.
Zuerst weitete die Stimme, die eben noch in ihrem Kopf zu hören war Danys Augen, doch nach einem tiefen Atemzug brachte sie ein leises Lächeln hervor, ehe sie sich dem Ritter zuwandte: „Es besteht kein Grund zur Sorge, Ser."
Wenig überzeugt von ihrer haltlosen Versicherung bedachte Jorah sie mit einem skeptischen und zugleich wissenden Blick, der Danys Finger zucken ließ, wollte ihre Hand doch instinktiv seine Wange berühren. Doch sie würde dies hier nicht wagen, konnten sich unter Umständen diejenigen in ihrer Nähe aufhalten, die den Tod zu ihm geschickt hatten. Sie wollte Jorah durch unbesonnenes Handeln nicht noch mehr in Gefahr bringen, als er es ohnehin schon war. Und so hoffte sie, dass ihre Augen nicht verrieten, wovon ihr Herz nur allzu laut erzählte.
In dem Moment, als sie sich erneut zu Ghazeen umdrehte, musste sie aber erkennen, dass es bereits zu spät war. Angespannt zuckte die schmale Linie Ghazeens Lippen, als wollte sie jeden Augenblick in ein hämisches Grinsen zerspringen. Doch es war der Glanz in den ockerfarbenen Augen, welcher Daenerys die Zähne fest aufeinander beißen ließ. Gier und Sensationslust behaftete Blicke, beladen mit Verachtung, kratzten über Jorahs Gestalt, sodass sie sich am liebsten zwischen die beiden Männer gestellt hätte, um den Ritter abzuschirmen.
„Wollen wir weiter, oh verlockende Königin?"
Nur langsam nahm Ghazeen seine Augen von Jorah, als er mit öliger Stimme zu Daenerys sprach und ihr dann unterwürfig den Weg wies.
Noch mehr Namen, die sie im nächsten Augenblick schon wieder vergessen hatte, noch mehr Lobgesänge auf ihr Äußeres, den jegliche Bedeutung fehlte, noch mehr unterdrückte Abneigung, die sich nur schlecht hinter aufgesetztem Lächeln verbergen konnte, wurde Daenerys zugetragen und zogen durch ihren Verstand wie nicht greifbarer Rauch.
„...darf ich euch vorstellen..."
„...und dies ist..."
„...ein solch außergewöhnliches Gewand..."
„...im Glanz eurer Gegenwart..."
„...wie ihr wünscht...wenn es euch gefällt...eine Ehre...ganz nach eurem Belieben..."
Eine hohle, gut eingeübte Phrase jagte die nächste und stahl Daenerys' Aufmerksamkeit, schob erneut den Weinhändler und dann die Art wie Ghazeen ihn angeblickt hatte in ihr Bewusstsein. Gab es das, was sie zusehen geglaubt hatte wirklich oder wollte sie so dringend etwas finden, das ihre Befürchtungen rechtfertigte? Steckte hinter dem eindringlichen Blick womöglich nur ein kurz aufflackerndes Interesse?
„...Natürlich warten wir jetzt ungeduldig auf Enkel. Aber wie es aussieht haben die beiden nicht vor etwas zu übereilen.", berichtete die Mutter Ghazeens Schwiegertochter mit einem echten Strahlen auf dem Gesicht, welches an diesem Abend selten zu finden war.
Der zweitälteste Sohn ihres Gastgebers hatte sich noch vor der Eroberung Meereens vermählt und nun erwartete man offenbar alsbald Bericht von einem Erben zu erhalten. Daenerys war nicht überrascht zu hören, dass die angeheiratete Familie ähnlich vermögend und ebenso fest in den Handelsgeschäften der Stadt verankert war. So war diese Verbindung wohl eher von rationalen Entscheidungen, als von Gefühlen beeinflusst worden. Ein Eindruck, den ihr auch das Paar selbst vermittelt hatte, als dieses früher am Abend Speis und Trank mit ihnen geteilt hatten.
Rhazam Ghazeen war ein überaus nervöser Mann, der zwar ebenso verschwenderisch mit Worten umging wie sein Vater, aber von deren Selbstsicherheit augenscheinlich wenig besaß, dennoch genügte ein Blick, um zu wissen, dass man Vater und Sohn vor sich hatte. Und auch wenn es Daenerys widerstrebte, bemitleidete sie die wunderschöne Frau an Rhazams Seite, die mit ihren edlen Gesichtszügen, dem seidigen tiefschwarzen Haar und einer melodischen Stimme durchaus eine bessere Partie hätte machen können und dies schien sie selbst auch zu denken, war ihr Unmut sichtlich ihres Gemahls kaum unbemerkt geblieben. Somit war Dany auch wenig betrübt gewesen, als sich die Zwei vorzeitig entschuldigt hatten. Unterdrückte, unausgesprochene und unklare Gefühle kannte sie selbst nur zu gut, da musste sie nicht noch den schwelenden Konflikt anderer beiwohnen...
Ehe Ghazeen sie weiterführte wandte sich Daenerys eilig an die ältere Frau ihr gegenüber, um zu versichern, dass sie hoffte, dass ihr Warten nicht mehr allzu lange andauert und sie sich bald an einem Enkel erfreuen kann.
Trotzdem jede heruntergebrannte Kerze lange bevor sie ihrem Ende begegnen konnte ausgetauscht wurde, hatte Dany den Eindruck, dass sich das Licht mehr und mehr mit umher greifenden Schatten vermischte und einem sanften Schummer Platz machte. Vielleicht beschlich sie aber auch langsam Müdigkeit und ihre Augen spielten ihr einen Streich. Wenn es keine Müdigkeit war, dann auf jeden Fall Erschöpfung, die erheblich an ihrer Hingabe für diese Feier nagte. Während der Audienzen der letzten Monate sah sie sich zwar auch mit einer Vielzahl Menschen konfrontiert, die Forderungen an sie stellten, jedoch war dieses stete Kommen und Gehen neuer Gesichter und deren Geschichten etwas gänzlich anderes.
Das undeutliche Ziehen an einer ihrer herabhängenden Haarsträhnen machte die Königin auf verfangene Haare aufmerksam, die sich um die silberne Schwinge des rechten Drachens gewickelt haben und die sie nun unbemerkt versuchte zu befreien. Aus Gewohnheit strich sie die erlöste Strähne hinter ihr Ohr, rückte das Drachenpaar zurecht und bevor sie sich dem Herrn des Hauses zuwenden konnte, fiel ihr Blick auf eine kleine Nische zwischen einen der breiten Pfeiler, in welcher man hier gepolsterte Bänke, Stühle und kleine Tische platziert hatte.
In jener einen Nische saß ein Paar im diffusen Licht einer orangefarbenen Glaslaterne dicht beieinander und wirkte wie ein Zeichnung aus einen der Bücher, welche sie als Kind besessen hatte. Zwar war sie zu weit weg, um zu verstehen, was sie einander zuflüsterten, doch das zarte Lächeln der Frau und die Art wie der Mann sie ansah verrieten, dass es zweifellos liebevolle Worte sein mussten. Als dann der Mann ohne Vorwarnung aufsah, senkte Daenerys ertappt den Blick, denn auch wenn die Szene jede Verwerflichkeit entbehrte, hatte sie dennoch das Gefühl bei etwas äußerst intimen gestört zu haben. Flüchtig huschte ihr Blick nochmals zu der kleinen Nische und erneut fand sie das Paar in den Augen des jeweils anderen versunken vor, ohne auch nur den geringsten Anschein zu erwecken, dass sie sich um die von allen umringte Drachenkönigin scherten.
Verwirrt bemerkte Daenerys ihre in Falten gelegte Stirn und die von einem ihr unbekannten Ort aufsteigende Traurigkeit, die doch eigentlich keinen Anspruch auf ihr Herz hatte. Auch sie besaß das, was in den Augen des Paares aufflammte. Auch sie wurde geliebt. Auch sie liebte. Warum nur flüsterte ihr dann dieser leise Schmerz unverständliche Dinge zu? Warum nur schmerzte immer noch jeder Moment des Glücks? Und warum befiel sie Neid beim Betrachten dieser einfachen, ungetrübten Liebe, die frei von Fesseln der Vergangenheit und der Gegenwart sein musste. Das weißt du nicht, ermahnte sich Dany. Du kannst nicht wissen, welche Pein andere insgeheim quält. Was ihr aber schlagartig klar wurde, war der eigentliche Grund ihrer abwegigen Eifersucht. Natürlich neidete sie ihnen nicht ihre Liebe, ihre eigenen Empfindungen waren viel zu überwältigend, viel zu strahlend, um derartig zu fühlen. Es war diese Unbeschwertheit, diese offene, für die ganze Welt erkennbare Selbstverständlichkeit, die sie innerlich verkrampfen ließ.
Mit aller Kraft zog sich Daenerys aus ihren zähen Gedanken und versuchte sich wieder auf ihre Umgebung zu konzentrieren, wo Ghazeen damit beschäftigt war Persimonenstückchen von einer Platte zu sammeln. Tief holte Dany Luft, ließ stickige Wärme in ihre Lungen und atmete leise aus.
„Die Früchte stammen von meinen eigenen Bäumen. Probiert sie und ihr werdet nie wieder Früchte aus einem anderen Garten wollen, oh betörende Königin."
Zweifelnd hob Daenerys eine Augenbraue, nahm aber nichtsdestotrotz eine der goldgelben Spalten, die sich sternenförmig aneinanderreihten. Obwohl auch diese angepriesene Speise die gleiche Farbe wie die unglückseligen Vögel hatte, konnte Dany dem Lobgesang Ghazeens diesmal zustimmen. Gewöhnlich vermied sie Persimonen, da sie zumeist auf Früchte mit unappetitlich mehligen Fruchtfleisch traf, doch die Frucht auf ihrer Zunge war angenehm geschmeidig und zuckersüß.
Gerade als sich das Summen der umherschwirrenden Stimmen mit der Anstrengung ihres nur noch schwach leuchtenden Lächelns vermischte, führte Ghazeen sie zurück in den Hauptsaal. Ächzend ließ sich der rundliche Mann, dem inzwischen der Wein ins Gesicht gekrochen war, auf seinen Stuhl fallen, langte aber sogleich wieder nach einem bereitstehenden Becher.
„Meine Königin, ihr habt im Verlauf des Abends ein ums andere Mal versichert, dass euch das Wohlergehen Meereens am Herzen liegt.", bemerkte Ghazeen.
„Und es war mir ernst damit. Die Menschen dieser Stadt sind mir durchaus wichtig."
„Demnach werdet ihr uns nicht einfach den Rücken zukehren und uns eurer glorreichen Präsenz entziehen?"
Beinahe war Daenerys versucht dem schauspielerischen Können ihres Gastgebers zu applaudieren, der sie mit exzentrischem Bedauern ansah.
Lieblich lächelte die Königin Meereens Rhazar Ghazeen an, langte über den Tisch und legte ihre Hand auf Ghazeens.
„Seid unbesorgt, ich beabsichtige noch für lange Zeit in Meereen zu verweilen.", versicherte sie und tätschelte die teigige Hand.
Für den Moment eines Wimpernschlags verengten sich Ghazeens glasige Augen, ehe er erneut Kontrolle über sein Auftreten erlangte und ihr demütig zunickte.
„Welch erfreuliche, überaus erleichternde Nachricht, oh große Königin."
Daenerys fragte sich wie oft er an diesem Abend jene Frage auf der Zunge gehabt hatte, nur um sie dann doch wieder herunterzuschlucken. War dies letztendlich der wahre Grund ihrer Anwesenheit? Wollte man herauszufinden, wann man die verhasste, fremde Königin wieder los sein würde? Nein, dies wäre absurd und der Aufwand um an diese Information zu gelangen wäre sichtlich übertrieben.
„Viele beten dafür, dass ihr eure ferne Heimat für das euch treu ergebene Meereen aufgebt."
„Ist dies so? Gehört ihr auch zu diesen Vielen?", fragte Daenerys spitz, den unerträglichen Schmeicheleien allmählich überdrüssig.
„Selbstverständlich. Der Glanz, den ihr nach Meereen gebracht habt, ist eine nie dagewesene Gunst."
„Beten auch die maskierten Angreifer für den Verbleib dieser Gunst?"
Kaum erfreut über diese Frage rutschte Ghazeen auf seinem Stuhl umher, der ihn dafür nur sehr wenig Spielraum gab und sammelte ein sandfarbenes Tuch aus den Falten seiner Tokar, mit dem er sich die glänzende Stirn abtupfte.
„Euer Gnaden, seit ich euch meine Hilfe bei der Suche nach diesem frevelhaften Pack angeboten habe, sind mir keinerlei Anzeichen dieses Abschaums mehr zu Ohren gekommen.", behauptete Ghazeen.
Schrieb er sich wirklich das Ausbleiben weiterer Angriffe zu, was sowieso nicht der Wahrheit entsprach, fragte sich Daenerys und taxierte den verunsicherten Mann.
„In der Tat, es gab keine Übergriffe auf meine Unbefleckten."
„Vermutlich war es ohnehin nur ein zerpflückter Haufen verzweifelter Narren, die eventuell noch nicht einmal mehr aus Meereen stammten, oh bewundernswerte Königin. Eure unumstößliche Macht muss ihnen gezeigt haben, wie sinnlos und töricht ihr Handeln war."
Fest drückte Dany ihre im Schoß gefalteten Hände zusammen, spannte ihre Kiefermuskeln an und wunderte sich woher sie die Kraft nahm diesen anmaßenden Worten immer noch ein Lächeln zu schenken.
Nicht mal mit der Wimper hatte er gezuckt, als sie von den Unbefleckten gesprochen hatte. Verstellte er sich nur so gut oder wusste er wahrlich nichts von den Angriff auf Jorah? Doch was bedeutete dann seine so plötzlich gezeigte Nervosität und der zusätzliche Schwall abstoßender Schmeicheleien? Ghazeen konnte doch wohl nicht noch immer denken, dass er sie mit diesem Katzbuckeln gewinnen konnte oder hatte er wirklich Angst sie zu verstimmen? Nun ja, wenn er weiterhin dermaßen freizügig seine klebrigen Worte verstreute, würde sie ihm vielleicht tatsächlich einen Grund zur Furcht geben, überlegte Daenerys flüchtig und grinste verstohlen in einen Becher angenehm kühlen Wassers.
„Eine Angelegenheit ganz anderer Natur beschäftigt euer Volk ähnlich dringend, oh gnadenvolle Königin.", richtete der mittlerweile stark errötete Mann das Wort abermals an Daenerys und sah sie eindringlich an, als hoffte er, dass sie das angeschlagene Thema fallen ließ.
Seufzend stellte sie den Wasserbecher auf den Tisch und tat Ghazeen den Gefallen: „Und welche wäre das, werter Rhazar?"
Ehedem dieser antwortete, fokussierten sich seine Augen kurzzeitig auf einen Punkt hinter Daenerys, nur um sich dann mit einem erwartungsvollen Glühen auf sie zu richten.
„Eure Untertanen fragen sich, ob ihre über alle Maßen schöne Königin ihnen alsbald einen König zu schenken gedenkt."
Sofort zerbrach ihre schickliche Maske und so sehr sie sich auch bemühte, Daenerys gelang es nicht die Mauer aus Anstand wieder aufzurichten. Dies hatte er gerade nicht wirklich gefragt? Eine solche Dreistigkeit würde er nicht wagen. Fragte er, weil er von der Beziehung zu ihrem Ritter wusste? War er doch derjenige, der für den Angriff verantwortlich war, der für alle Angriffe verantwortlich war? Entsprach es letzten Endes doch der Wahrheit, dass sie blind, töricht und einfältig entschieden hatte, als sie dem hier zustimmte? Hatte sie alle ins Verderben geführt? Daenerys' Herz setzte zu einem wilden Galopp an und als sie den Griff der Wut spürte, verstand sie, dass sie sich, ganz gleich ob ihre Sorgen der Wahrheit entsprachen oder nicht, beruhigen musste.
Nach und nach richtete sie die schützenden Mauern wieder auf, nahm einen neutralen Gesichtsausdruck an, atmete kontrolliert ein und aus, und störte sich selbst an Ghazeens begierigem Starren nicht weiter. Jetzt, nachdem er ihre Reaktion erlebt hat, würde er wahrscheinlich erst recht auf weitere Fragen diesbezüglich drängen und mit dieser Erkenntnis im Sinn sagte Daenerys zu dem fetten Mann: „Derlei Dinge haben bislang noch keinen Platz unter all den Überlegungen zu Meereens Zukunft gefunden. Ich kann euch aber versichern, dass eine Königin auch ohne König weise und mit Erfolg zu herrschen vermag, Rhazar Ghazeen."
„Gewiss, vor allem mit den richtigen Männern an ihrer Seite, die sie beraten."
Bis auf ihre Finger, die mit aller Macht die geschwungenen Armlehnen umklammerten, drang nichts von dem fassungslosen Zorn in ihrem Inneren nach außen. Im besten Fall war es schlicht Einfalt, die den Handelsherrn befallen hatte, konnte Daenerys diese Unverschämtheit kaum mit dem kriecherischen Mann verbinden, der ihr in den letzten Stunden pausenlos Essen aufgedrängt hatte. Im schlimmsten Fall war es eiskalte Berechnung und wenn dies an dem war, würde diese nicht allzu lange auf wärmendes Feuer verzichten müssen.
„Ich würde wohl eher die Tausenden von befreiten Menschen, Gerechtigkeit und nicht zu vergessen meine Drachen anführen, die meine Position unterstützen."
„Ach ja richtig, die Drachen. … Doch so mächtig diese womöglich auch immer sein mögen, ersetzten sie doch keinen angemessenen Gemahl, der zudem Meereen und euch einen Erben schenken könnte.", gab Ghazeen zu verstehen und fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen.
Durchdringend fühlte sie den Stich, der ihr Herz zerteilte, als die Worte sie erreichten. Doch dieser Schmerz gehörte ihr alleine. Ihr ganz alleine. Nie würde sie ihn offen zur Schau stellen. Nie mit jemanden teilen. Auch ihm hatte sie bisher noch keinen Blick auf die Splitter ihres zerstörten Glücks gewehrt. Selbst er, der all ihren Schatten ohne zu zögern entgegen getreten war, kannte den Teil ihrer Selbst nicht, der vor all der Zeit gestorben war und den sie dennoch stets mit sich trug.
„Bei allem Respekt, oh erhabene Königin, aber geeignete Kandidaten könnt ihr Zuhauf unter den Mitgliedern der Großen Familien Meereens finden, die euch zudem die Gunst des Volkes verschaffen würden."
„Habe ich mich verhört oder habt ihr mir in den verstrichenen Stunden nicht ohne Unterlass versichert, dass ich die Gunst Meereens bereits besitze?", fragte Daenerys absichtlich teilnahmslos.
„Durchaus, meine gütige Königin.", begann Ghazeen und wirkte erneut verunsichert, „... Mein ältester Sohn, welcher ein überaus geschätzter und fähiger Geschäftsmann ist, hat bisher seine Hand noch keiner würdigen Frau angeboten.", beendete der zusehends stärker schwitzende Mann seine Erklärung.
In der Tat, es ist pure Einfalt, erkannte Daenerys resignierend und hätte am liebsten die Augen verdreht, stattdessen antwortete sie: „Belastet euch nicht mit Sorgen, die nicht die euren sein sollten und was euren Sohn betrifft, so bin ich sicher, dass auch er bald eine passende Gemahlin finden wird."
„Oh Strahlende, lasst mich euch von den ruhmreichen Taten meines Soh- "
„Genug. Ich nahm an es war deutlich, dass dieses Thema beendet ist."
Wenig gefasst nahm Ghazeen ihre resolute Erwiderung auf, zwang sich aber dennoch zu einer halbherzigen Verbeugung.
Das eintretende Schweigen gab Daenerys' Aufgebrachtheit die Möglichkeit in eine unruhige Befangenheit überzugehen, die sich mit dem Gedanken, dass Jorah unmittelbar hinter ihr stand und alles mitgehört haben musste, ausbreitete.
Natürlich war der Ritter mit überschwänglichen Schmeicheleien, die man in seiner Gegenwart an sie richtete vertraut, musste er dies doch nahezu während jeder Audienz ertragen. Auch die Vergangenheit hatte ihn mehr als einmal gelehrt mitanzusehen wie das, was sein Herz begehrte von anderen eingefordert wurde und sie hatte dies einst bereitwillig geschehen lassen, hatte gar für jeden sichtbar den Glanz des Umwerbens genossen. Aber jetzt zog sich beim bloßen Gedanke an jene Person, die sie dermaßen geblendet und geschwächt hatte, Daenerys' Kehle zusammen.
Doch dieses indiskrete Ansinnen Ghazeens, welches zudem überaus plump vorgebracht wurde, war anders, als seine bisherigen inhaltslosen Huldigungen. Dieser Mann, einer der ehemaligen Großen Herrn, ein Fremder, hat mit seinen gewagten Worten etwas ins Licht gezerrt, was sie beide nur zu gerne ungesehen gelassen hätten. Gedanken an die Zukunft, an ihre Zukunft.
Mit Überlegungen was die Königin Meereens und die Königin der Sieben Königsländer erwartete beschäftigten sie sich ohne Unterlass. Strategien um diese Stadt zu kontrollieren, Maßnahmen um das Volk zu besänftigen, Taktiken um ihre Feinde in Schach zu halten, Analysen ihrer Verbündeten und Widersacher in Westeros, Kalkulationen zum Aufwand eines Aufbruchs gen Westen und Gedankenspiele zur Eroberung ihrer Heimat. Politische Werkzeuge und Methoden, die nur zu leicht vergessen ließen, dass sie selbst auch eines dieser Werkzeuge war. Die größte Macht einer Frau bestand nun mal in einer Vermählung mit jemanden, der Vorteile für ihre Anliegen bedeutet und natürlich im Hervorbringen eines Erbens.
Aber nicht für mich, dachte Daenerys zerknirscht. Meine Macht liegt im Feuer und in meinem Blut, dem rechtmäßigen Blut.
Flatternd stoben die Vorhänge auf der anderen Seite des Raums auseinander und gaben flüchtige Einblicke auf den dahinter liegenden Garten preis, welcher zu weit entfernt war, um Einzelheiten zu erkennen. Aber die kurz aufblitzende Dunkelheit und die tanzenden Stoffbahnen schienen Dany zu sich locken zu wollen.
Aus dem Augenwinkel beobachtete sie den kahlköpfigen Mann, der sich nun immer wieder mit dem Tuch über die Stirn tupfte und von Zeit zu Zeit ein nervöses Lächeln über den Tisch sandte. Als dann eine hektisch wirkende Dienerin an Ghazeen herantrat und ihn etwas Unverständliches zuraunte, erhob sich dieser mit einem sichtlich erleichterten Gesichtsausdruck, entschuldigte sich und eilte für einen Mann seiner Statur erstaunlich schnell davon.
Die ach so liebliche, erhabene und gütige Königin hatte wohl für Ghazeen mit der groben Absage um ein Vielfaches an Reiz verloren, erkannte Daenerys und sah zu einer laut sterbenden Kerze, die Rauchfahnen aus einem der orange schwarz gemusterten Gläser schickte, welche in der Mitte der Tischplatte verteilt waren.
Er konnte doch nicht wirklich gehofft haben, dass sie auf dieses unwürdige Angebot einging, fragte sich Dany flüchtig und erhob sich ebenso, um an Ser Barrsitan gewandt zu sagen: „Ser, ich gedenke die Feier alsbald zu verlassen. Bitte arrangiert alles Nötige."
„Wie ihr wünscht, Euer Gnaden.", nickte der Ritter mit einem verständnisvollen Gesichtsausdruck.
Wenn Selmy diese demütigenden Äußerungen Ghazeens vernommen hat, dann war es mehr als einfältig zu hoffen, dass Jorah dieser Austausch verborgen geblieben war. Langsam drehte sie sich zu dem undeutlichen Schemen in ihrem Augenwinkel um und hob zögernd den Blick. Doch sie sah nichts von ihrer eigenen Betretenheit, von Missfallen oder von dem Wehren, welches keines sein wollte und ihr dennoch in den letzten Nächten entgegengestarrt hatte. Im Gespräch mit Barristan versunken rutschte nur für einen winzigen Moment ein wachsamer Blick aus blauen Augen zu ihr, zeigte jedoch keine bestimmte Empfindung, an der sie sich hätte festklammern können.
Matt seufzend kehrte Daenerys ihren Rittern den Rücken zu und hakte sich, vollkommen gleichgültig gegenüber den sie verfolgenden Blicken der Menge, bei Missandei ein. Gemächlich schlenderte sie mit ihrer Freundin in Richtung des Gartens, der die ganze Zeit über um ihre Aufmerksamkeit gebuhlt hatte. Raschelnd schmiegte sich der kanariengelbe Stoff Missandeis Gewand an ihre weiße Seide, als sie die in die Nacht führende Treppe emporstiegen.
„Gefällt dir der Abend, Missandei?"
„Die Menschen sind sehr zuvorkommend und höflich zu euch, Euer Gnaden."
„Das sind sie.", gab Dany zu und sah forschend zu Missandei, „Aber meine Frage hast du nicht beantwortet."
Vom Nachtwind aufgestachelt, wehten ihnen die durchscheinenden Vorhänge entgegen und ehe sie den bernsteinfarbenen Stoff hinter sich ließen, drückte Daenerys sanft den Arm ihrer Übersetzerin.
„Sag mir was du denkst, meine Liebe."
„Auf Naath, in meiner Heimat, gab es eine Redewendung, Euer Gnaden.", setzte Missandei vorsichtig an, „Man sagt, wenn die Augen lügen, folgt ihnen bald der Mund. … Und ich habe heute viele lügende Augen gesehen."
Fraglos waren dies weise, sowie wahre Worte. Aber insgeheim ahnte Daenerys, dass die Münder hier schon Lügen hervorgebracht haben, ehe die Augen überhaupt gesehen hatten. Aber Missandei so unverzagt sprechen zu hören, erfüllte sie mit Freude. War es für ihre Übersetzerin anfangs doch nicht einfach gewesen die Fesseln in ihrem Geist abzulegen. Zugleich musste Daenerys an die vielen Male denken, da Missandei ihr von der Insel Naath erzählt hatte. Einem Ort im Sommermeer, der mit seinen Schmetterlingen und den friedvollen Menschen so idyllisch klingt, dass sie sich selbst schon dorthin gewünscht hat, würden Missandeis Erzählungen nicht stets damit enden, dass sie von der Ausbeutung ihrer kleinen Insel und der Versklavung deren Bewohner sprach. Und auch, wenn ihre Freundin nach der Befreiung beteuert hatte, dass es ihr Wunsch war an ihrer Seite zu bleiben, konnte sich Dany nur zu gut vorstellen, dass Missandei, ganz ähnlich wie sie selbst, von der fernen Heimat träumt.
Unglaublich sanft, als wollte der Duft sie nicht mit einer überladenden Fülle verschrecken, wallte ihr der Geruch von warmer Erde, prächtigen Blüten und frischem Grün entgegen, versprach ihr die schwere, süße Luft im Inneren der Pyramide mit einem belebenden Hauch auszutauschen und ihr womöglich einige Augenblicke Ruhe vor den lügenden Augen zu gönnen.
„Euer Gnaden, vielleicht tue ich eurem Gastgeber auch Unrecht.", gab Missandei leise zu bedenken.
„Nein, meine Liebe. Das Unrecht haben sie anderen angetan.", murmelte Dany und seufzte befreit, als endlich eine kühle Brise über ihre erhitzte Haut strich.
/ Lantoor = Ortolan (da war ich mal wieder gaaanz kreativ und habe ein wenig mit der Buchstabenkonstellation gespielt 8-) ) Und ja, der wird wirklich so gegessen. Nur mit dem kleinen Zusatz, dass man eigentlich noch den Magen entfernt. Aber vielleicht hat das nur mich so fasziniert/ abgeschreckt und Ortolanverspeisung ist allerorts bekannt?.
Korallen sind natürlich Tiere, aber ich befürchte, dass zu Zeiten, da Drachen den Himmel durchflogen haben, dies noch nicht bekannt war.
