Kapitel 29
Trauriges Wiedersehen und ein unerwarteter Brief
Wenn wir uns wiedersehen, werde ich ein anderer Mensch sein. Vielleicht nicht besser oder schlechter, aber anders. ( Damaris Wieser, (1977), deutsche Lyrikerin und Dichterin)
Es kam plötzlich und unerwartet für Draco. Die Fackeln der Gänge schienen sich alle auf einmal zu entzünden, dennoch blieb der Raum dämmrig und plötzlich schien überall… Magie zu sein.
Das war es auch, was Draco aufblicken ließ und noch ehe er sich versah, war dort sein Vater, in seiner schwarzen Robe und mit der Totenkopfmaske im Gesicht. Begleitet wurde er von einigen anderen Todessern, die Draco als Wilson und Every identifizierte.
Die Fesseln lösten sich auf Handzeichen mit einem lauten Klirren und Draco ging zu Boden, verkniff sich jeden Laut und schaute erst auf, als eine grobe, behandschuhte Hand ihm in den Nacken fasste.
„Jetzt wirst du bezahlen. Dafür dass du unserer Familie Schande bereitet und unseren Meister hintergangen hast.", zischte sein Vater.
„Der Einzige der hier jemanden hintergeht und Schande über die Familie bringt, bist du selbst.", flüsterte Draco zurück und senkte den Kopf, ließ sich anstandslos mitschleifen. Er war sich nicht einmal sicher ob sein Vater ihn überhaupt gehört hatte.
Niemals war ihm der Gang durch die Kerker so kurz und doch so unendlich lang erschienen. Flüchtig erinnerte er sich noch an die wunderbare Kühle der Kristallkugel, deren Scherben wohl immer noch in seinem Zimmer lagen und deren Erinnerung ihn nicht verlassen hatte.
Er hoffte nur, dass sein Opfer nicht umsonst gewesen war und es Harry gut ging. Vielleicht würde er sich eines Tages an Draco erinnern.
Er erinnerte sich noch genau an seine Mutter. Diese bittere, alte Frau, die krank in ihrem Bett gelegen hatte. Sie hatte ihm einmal gesagt, dass der Weg das Ziel war. Erst viel später hatte er erfahren, dass es ein Muggelspruch war und dass man falscher nicht liegen könnte. Zumindest in seinem Fall.
Der Weg, fiel ihm schon immer schwer und viele Male war er von ihm abgekommen.
Hatte sein Leben in die Hände von Menschen gegeben, die ihn ausnutzten. Genauso wie er sie ausgenutzt hatte und das Ziel schien in vielen Momenten so unendlich weit weg zu sein, dass er über den Weg kaum nachzudenken vermocht hatte.
Doch nun… Nun erschien es ihm zum greifen nahe. Das Ziel und sein Ende.
Warum genau er sich so sicher war, wusste er nicht einmal. Niemals hatte er auf Unsinn wie Wahrsagen vertraut und vielleicht war dies auch ein Grund dafür, dass der den Trubel und die Aufregung Potter wegen niemals hatte begreifen können.
Vorsichtig strich er über die schwarzen Roben, die nicht so ganz anders waren, als die die er im Alltag trug.
War es niemanden aufgefallen, dass er nie andere Farben getragen hatte?
Schwarz, das Nichts. Die Unendlichkeit. Das Böse vielleicht. Doch für ihn war es ein Trost und eine Erinnerung.
Mit geübten Bewegungen setzte er sich die Maske auf, die ihn unerkenntlich machen sollte und ihn dennoch als das auszeichnete was er war. Der Tod und ein Diener des Teufels.
Es war tröstlich, dass niemand ihn vermissen wurde, sollte er diese Nacht nicht überleben.
Und er war ein Realist. Er würde diese Nacht nicht überleben.
Aber dennoch würde mit seinem Ableben auch seine Schuld abbezahlt sein und vielleicht würde sich irgendwann einmal jemand an ihn erinnern. Und wenn nicht… Er glaubte nicht, dass es einen Unterschied machen würde. Er hatte Liebe erfahren, Verrat, Trauer und Bitterkeit.
Es war nicht so als wollte er sterben, aber Opfer mussten gebracht werden und das Ziel war plötzlich nicht mehr so weit entfernt wie noch vor einigen Jahren.
Vielleicht würde er sie wiedersehen. Seinen Engel, dessen Kind er beschützt hatte.
Er war vieles gewesen in seinem Leben.
Professor. Spion. Verräter und der Springer im Schachspiel des Lebens.
Doch wie auch hier, war der Weg das eigentliche Ziel.
Es war ein Meer aus schwarzen Roben. Noch nie hatte Draco die Eingangshalle von Malfoy Manor so schwarz gesehen wie jetzt. Und in mitten dem Meer aus schwarzen Gestallten stand er.
Draco erkannte ihn nicht, weil er keine Maske trug oder an dem schlangenähnlichem Gesicht und den roten Augen, sondern an der Magie, die von ihm ausging.
Sie schien alles auszufüllen, dick und stickig, gefüllt mit Schwärze und Draco wurde für einen kurzen Moment an den Kadaver eines längst veränderten Tiers erinnert.
So ganz anders, als die Magie seines Vaters, die kühl und kontrolliert schien, als die von Dumbledore, warm und hell oder die von Harry. Wild und mit einem Hauch von Sturm, wie kurz vor einem Gewitter bei Nacht. …
„Ah, der junge Malfoy. Welch eine Ehre!", die Stimme klang wie ein Gemisch aus der schlangen und der menschlichen Sprache, schien in alle Ritzen und Löcher zu dringen und übertönte alle anderen Geräusche. „Lasst ihn los!"
Draco spürte wie die stützenden Arme, derjenigen die ihn aus dem Kerker geschliffen hatten, verschwanden. Strauchelnd fiel er auf den Boden und fing sich erst im letzten Moment mit den Händen ab. Schwindelnd hob er den Kopf und blickte direkt auf den Mann, der sein Leben und das von vielen anderen Menschen zerstört hatte.
Mit geschmeidigen Schritten stand Lord Voldemort auf und schien förmlich auf Draco zuzuschweben. Die roten Augen fixierten ihn und Draco spürte den schmierigen Geist des dunklen Lords in seinem Kopf, wie es seine Schilde zerstörte und sich tiefer bohrte, wie mit jeder Sekunde weitere Erinnerungen vor seinen Augen zu erscheinen schienen.
Von weitem konnte er Geschrei hören und es dauerte einen Augenblick, bis er begriff dass es seine eigene Stimme war.
So schnell wie der Kontakt hergestellt worden war, so schnell verschwand er auch wieder. Hinterließ Schmerzen, die er kaum noch wahr nahm.
„Wie interessant. Du hast einen hübschen Kopf, junger Malfoy." Der kahle Kopf wurde leicht zur Seite gelegt und Draco schüttelte sich innerlich. „Du ekelst dich vor mir? Dabei war ich einmal ein so attraktiver, junger Mann, ich hätte dir sicherlich gefallen." Er lachte leise und Draco erwartete schon das Klirren von zerbrechenden Fensterscheiben zu hören; es kam nicht. „Du hast mich verraten, junger Malfoy. Hast diesen Potterjungen beschützt und gerettet, durch deine Hilfe konnte er fliehen. Welch Edelmut, du bewiesen hast, einem Gryffindor würdig, genauso wie die Dummheit deiner Tat." Trotz der Verachtung, spürte Draco kein Bedauern. „Aber dennoch… es wäre schade, solch einen klugen Kopf und so einen begabten Zauberer zu verlieren. … Ich bin gnädig gestimmt heute, ich gebe dir eine Chance." Er machte eine Pause und Draco wich den Augen, die noch immer auf ihn gerichtet waren aus. Er konnte nicht. Er konnte nicht einmal den verdammten Namen aussprechen, geschweige den dem dunklen Lord in die Augen schauen. Er war kein Gryffindor, er war nicht Harry.
„Willst du zu denen gehören, die dich hintergangen haben, die nicht einmal zu deiner Rettung kommen? Die den Krieg verlieren werden, durch ihre Dummheit und ihren… Edelmut? Oder willst du deiner Familie treu sein, Reinheit des Blutes und Traditionen aufrechterhalten? Ich habe deine Zweifel sehr wohl gesehen und vielleicht… bist du doch noch lernfähig."
Wollte er das wirklich? Er glaubte nicht ganz an die Chance, die ihm hier gegeben wurde, aber wenn doch…
Harry hatte nichts unternommen, Draco wusste nicht einmal ob es ihm gut ging, ob er sicher nach Hogwarts gekommen war.
Vielleicht war all dies nur ein Test? Vielleicht hatte Harry niemals von hier entkommen können und nun wurde seine endgültige Treue getestet?
War dies nicht eine Chance mit dem Leben davon zukommen? Seine Familie oder zumindest seinen Vater stolz zu machen? Dies war alles was er immer gewollt hatte… Früher…Manchmal ist es besser für den Glauben zu sterben, als ohne ihn zu leben.
War es nicht das was Harry gesagt hatte?
„Lieber sterbe ich für die, denen ich vertraue, als mit einem Monster zu leben.", flüsterte Draco erschöpft und schaute auf. Es kostete ihn alle Kraft diese Worte auszusprechen und dennoch…
„So viel Liebe… Was für eine Verschwendung." Es schien fast bedauernd. „Ich werde dir zeigen, was es bedeutet zu den Verlierern zu gehören. „Cruci.."
Plötzlich schien die Hölle auszubrechen. Ein violetter Fluch schoss durch die Luft, traf seinen Vater der immer noch im Abstand hinter ihm stand und setzte eine ganze Kette von weiteren Flüchen los.
„Finden den Verräter!", kreischte Voldemort, doch Draco konnte ihn kaum noch hören.
„Draco! Fang!"
Später würde Draco nicht mehr wissen wie er den Portschlüssel hatte fangen können, ob er ihn überhaupt gefangen hatte oder ob er von ihm getroffen worden war.
Sicher war nur, dass er ihn irgendwie bekommen hatte, dennoch kurz nachdem er die Worte in der Masse aus Geschrei und Flüchen gehört hatte, spürte er schon das unangenehme Ziehen in seinem Bauchnaben und die Welt verschwand in einem Wirbel aus Farben.
Er wusste nicht genau, wann der Alarm losging, aber es musste wohl um zwei Uhr Morgens gewesen sein. Es war als wäre er aus einem erholsamen Dämmerschlaf aufgewacht und hätte bemerkt, dass er zu spät zu Snapes Unterricht kommen würde.
Sein Kopf schnappte von seinem provisorischen Nachtlager, sein Lieblingssessel im Gryffindorgemeinschaftsraum, nach oben und obwohl er sich noch völlig benommen fühlte, warf er sich schleunigst seinen Unsichtbarkeitumhang, stand auf und verschwand durch das Porträt der fetten Dame.
Er war auf halben Weg zu Dumbledore, als ihm auch schon McGonagall entgegen kam, das Gesicht verwirrt und schläfrig, aber dennoch pflichtbewusst.
Harry war sich sicher, dass sie auf dem Weg zu den anderen Gryffindors war um diese wegen des Alarmes zu beruhigen; und wahrscheinlich auch um sicher zu gehen dass Harry selbst unter ihnen war. Nachdem er mit Dumbledore gesprochen und dann den Krankenflügel in Richtung Turm verlassen hatte, hatte sie ihn auf halben Weg abgefangen und ihm in ihrer strengen Art versichert, dass sie sein Verhalten nicht begrüßen würde und dass sie sich alle große Sorgen gemacht hatten.
Er nahm es ihr nicht übel, aber dennoch… War dies nicht sein verdammtes Schicksal? Hatte er überhaupt eine andere Wahl, als den Helden zu spielen?
Dumbledore wollte es, Voldemort begrüßte es und die gesamte Zaubererwelt erwartete es.
Niemals hatte er wirklich eine Wahl gehabt.
Als er so leise, aber zügigen Schrittes seinen Weg zum Büro des Direktors machte, kamen ihm seine Gedanken, schmerzhaft bekannt vor.
Hatte Malfoy nicht so etwas Ähnliches gesagt? Das man manchmal einfach keine Wahl hatte…. Vielleicht hatte er am Ende doch gar nicht so Unrecht.
Es fiel Harry überraschend einfach, sich diese Erkenntnis einzugestehen.
Langsam öffnete er seine Augen, nur um sich kurz darauf sicher zu sein, dass dies keine besonders gut Idee war. Alles war so verdammt hell und…. Scheinend. Und der Boden auf dem er lag, war zu weich und zu warm.
Wenn das die Hölle war, dann war seine Strafe wahrscheinlich auf ewig in der heißen Sonne zu braten. Ja, Draco war sich vollkommen sicher.
„Draco?", hallte eine fragende Stimme zu ihm herüber die sich verdächtig nach Potter anhörte. Potter war auch in der Hölle? Warum? Weil er sein Leben weggeworfen hatte, als er wieder eine seiner sinnlosen Rettungsversuche unternommen hatte?
„Bin ich tot?", stöhnte er und startete einen weiteren Versuch die Augen zu öffnen. Er erschreckte sich nicht, als Potters Gesicht, hell und strahlend vor ihm auftauchte. Ein besorgtes Lächeln lag auf seinen Lippen, aber es war ein Lächeln und wenn dies die Hölle war, dann konnte Draco wohl dich gut und gerne hier bleiben.
„Nein." Endlich wurde die Welt wieder klarer, die Helligkeit verschwand nach und nach. „Aber fast. Du bist hier in Sicherheit, in Hogwarts. Soll ich Madam Pomfrey holen? Wie fühlst du dich?"
„Mach die verdammten Vorhänge zu.", knurrte Draco, aber er wusste dass seiner Stimme der Schneid fehlte.
Er konnte Schritte hören, dass Rascheln von Vorhängen und endlich schien die Welt wieder normal zu sein.
„Du wirst dich ein wenig schwindelig fühlen, dass soll ich dir von Madam Pomfrey sagen lassen und das Fieber ist auch noch nicht ganz runter gegangen, sie haben…"
„Potter, hol zwischendurch Luft.", erwiderte Draco säuerlich. „Mir geht's gut." Das war gelogen und das wussten sie beide, allerdings würde Draco nichts anderes sagen; Harry wahrscheinlich auch nicht, wäre er an seiner Stelle. „Wie lange war ich… bewusstlos?"
„Zwei Tage. Was erinnerst du?"
„Nicht viel. Die Todesser, meinen Vater und… den dunklen Lord. Dann brach alles…" er hielt sich den Kopf fuhr sich durch die Haare, die überraschender Weise sauber waren. „Dann brach Chaos aus und… War das Professor Snape?" Es war die einzig mögliche Lösung, außerdem erinnerte sich Draco noch an die Stimme und er war sich ganz sicher, dass dieselbe schon hundert Mal gehört hatte.
Harry schaute betreten zur Seite und erst jetzt bemerkte Draco, dass er aufgekratzt wirkte, übernächtigt. Hatte er sich solche Sorgen um Draco gemacht und das obwohl ihn dieser ausgeliefert hatte?
„Er ist tot, Draco."
Harry fühlte sich erleichtert und schwerelos. Die letzten zwei Tage hatte er kaum geschlafen, geschweige den gegessen – er wusste nicht einmal genau warum-, war fast verrückt geworden vor Sorge. Doch die Erinnerung an den Kopf, den Voldemort ihnen mit schwarzen Eulen geschickt hatte, hatte sich für immer in sein Gedächtnis gebrannt. Das Gesicht ernst dreinblickend, die Augen geschlossen, die Haare, die nicht mehr so fettig aussahen hatten ihm in dem Blutleeren Gesicht gehangen.
Harry hatte ein Leben für ein anderes eingetauscht, dass wusste er selbst. Und es tat weh, schmerzte so unglaublich.
Wie häufig müsste er dies noch machen, bevor endlich alles vorbei war?
„Du weißt, dass er dieses Schicksal selbst gewählt hatte? Er hatte nein sagen können, aber hat es nicht getan. Er hatte eine Lebensschuld bei deinem Vater die er auf dich übertragen hat und diese hat er endlich erfüllen können. Ich denke nicht, dass er seinen Tod bereut."
„I-ich…" Woher wusste er das? Warum tröstete Draco ihn, obwohl er selbst es viel nötiger hatte?
„Du solltest dich auch hinlegen." Dracos Gesicht war blass, vom Blutverlust, auf seiner Stirn hatten sich Schweißperlen gebildet und Harry war sich sicher, dass es ihm gar nicht gut ging. „Du siehst halb tot aus und glaub mir Potter, das tut deinem Teint gar nicht gut. Ein wenig Schönheitsschlaf deinerseits würden meinen Augen gleich besser bekommen." Er wusste dass es flach war, aber es tat seinen Zweck, als er das leichte Lächeln auf Harry Lippen sah.
Harry war kurz darauf verschwunden und Draco schaute noch einige Minuten danach auf die zugefallene Tür, die Worte des Jungen hallten noch immer in seinem Kopf wieder.
Es war für Draco ein komisches Gefühl zu wissen, dass sein Meister und Hauslehrer, tot war. Er wusste dass es nicht seine Schuld gewesen war, Snape hatte seine Entscheidung selbst getroffen und Draco hatte weder sich noch Harry mit seinen Worten angelogen.
Sie beide waren nicht Schuld.
Er schaute etwas sehnsüchtig aus dem Fenster.
Aber wäre es nicht für sie gewesen…
Es war ein seltsames Gefühl, als seine Augen anfingen zu brennen. Es war schon so lange her, dass er das letzte Mal geweint hatte, dass er geglaubt hatte es vergessen zu haben. Sein Vater hatte ihm immer gesagt, das ein Malfoy nicht weinen, nein, heulen würde.
Aber nach allem was geschehen war, würde nicht mal er selbst sich noch einen Malfoy nennen.
Mit einer entschlossenen Handbewegung wischte er sich die ersten und letzten Tränen weg.
Er bezweifelte, dass Snape dies gewollte hätte.
„Aufwiedersehen.", flüsterte er ruhig, zog sich die Decke wieder über und legte sich mit geschlossenen Augen auf die Seite.
Die Stimmung in der großen Halle war gespannt und Sorge hing noch immer in der Luft, genauso wie die Angst vor einer weiteren Attacke.
Die Unterrichtsstunden waren seit dem Tag des Angriffs ausgefallen, doch noch immer hatte niemand die Schüler wirklich aufgeklärt. Es gab Gerüchte, wie immer.
Einige besagten, dass die Slytherins, die kaum ihre Räume verlassen hatten, die Todesser hereingelassen hatten. Andere meinten, Harry Potter wäre doch zu Voldemort übergelaufen. Sein plötzliches Verschwinden war ein Hinweis in diese Richtung, auch wenn ihnen allen gesagt worden ist, dass er lediglich attackiert worden war und verletzt im Krankenflügel lag.
Lediglich Dean und Seamus wussten was geschehen war, McGonagall hatte es ihnen gesagt, auch, dass Harry schon lebendig wieder zurück sei.
Dass er noch immer nicht mit ihnen gesprochen hatte, tat ihnen beiden weh, aber sie sagten nichts, redeten nicht darüber, auch nicht untereinander.
Wenn Harry mit ihnen sprechen wollen würde, dann würde er kommen.
„Liebe Schüler und Schülerinnen." Dumbledore war aufgestanden und schien sie alle einzeln anzusehen. „Die letzten Tage waren tragisch und es tut mir Leid euch eine weitere, traurige Nachricht überbringen zu müssen." Er sah traurig aus, bemerkte Dean abwesend, hörte aber dennoch zu und sein Blick verließ Dumbledore nicht. „Ein weiteres Mitglied aus unseren Reihen hat sich tapfer gegen Voldemort gestellt, hat seit mehreren Jahren für uns spioniert, immer und immer wieder sein Leben in Gefahr gebracht. Schlussendlich opferte er dieses um einen Schüler zu retten, einen Schüler wie ihr, dem kaum eine Wahl geblieben ist. Er hat mutig gekämpft und ich möchte dass ihr ihn für immer in guter Erinnerung behaltet. Severus Snape, Zaubertrankmeister und Lehrer in Hogwarts, soll euch nicht nur als derjenige der euch Schlaftränke und Gifte beigebracht hatte, nicht nur als der Lehrer den ihr jeden Tag hier gesehen habt, in Erinnerung bleiben. Sondern als einer der Helden, der er war." Er hob den goldenen Kelch in die Höhe und obwohl es wohl keinen in Hogwarts gab, der Snape wirklich gemocht hatte, taten sie es alle Dumbledore gleich.
„Auf Severus Snape."
Und tausendfach echote der Name ihres Lehrers in der großen Halle wieder.
Harry kam am nächsten Tag früh in den Krankenflügel, nachdem er sich in den Raum der Wünsche zurückgezogen hatte um unangenehmen Fragen seitens der anderen Schüler zu entgehen.
Gerade wollte er die Tür aufstoßen, als ihm Stimmen aus dem Inneren entgegen kamen, von denen er sicher war, dass sie weder Pomfrey noch einem anderen Lehrer gehörten.
Zögernd blieb er stehen und lauschte.
Es hatte Draco bei weitem nicht verwundert, dass Blaise sich kurz nach Morgengrauen zu ihm gesellte. Eigentlich hatte er sich schon auf eine frühere Begegnung mit dem Slytherin gewappnet, doch da er die ersten paar Tage verschlafen hatte und selbst Gerüchte ein wenig brauchten um sich zu verteilen, war er erst jetzt gekommen.
„Ich hätte nicht gedacht dich noch einmal hier zusehen.", meinte Blaise nach einer Weile des Anstarrens und Abschätzens.
Draco konnte ihn durchaus verstehen, er fühlte genau dasselbe. Die Frage, die sich schon seit einer ganzen Weile zwischen sie geschoben hatte und die man nun nicht mehr ignorieren konnte, war relativ einfach, doch genauso wie schon damals mit Harry schwer aussprechbar.
Und Blaise war nicht Harry, für den Taten mehr wert waren als Worte. Blaise wollte eine Antwort von Draco und Draco von ihm, allerdings schien keiner von ihnen sie aussprechen zu wollen.
Bist du mein Feind oder mein Freund?
„Ich auch nicht, glaub mir.", erwiderte Draco vorsichtig, ließ seinen –ehemaligen?- Freund nicht aus den Augen. Er wusste, dass Blaise ihn betrogen hatte. Zu erst hatte er Pansy Hinweise über die Freundschaft mit Harry gegeben. Denn auch wenn es in Hogwarts kaum Geheimnise gab, Harry der Meinung war sie wären unvorsichtig gewesen, so hatte Draco sich immer versichert, Sprüche über sie und ihre Umgebung zu hängen sollte jemand sie erwischen. Dass man ihre Abwesenheit bemerkt hatte, hätte mehrere Gründe haben können und es wäre unwahrscheinlich gewesen, dass sich Gryffindors und Slytherins über eine mögliche Beziehung zwischen ihnen, Harry und Draco, unterhalten würden. Natürlich wären ihre… waren Harry Freunde misstrauisch geworden, allerdings nahm Draco eher an, dass sie denken würden, dass ihr Freund endlich jemanden gefunden hätte an dem er seinen Heroismus auslassen konnte.
Draco hatte keine wirklichen Freunde, außer Blaise und Blaise hatte ihn mit bestimmten Bemerkungen getestet und anschließend gezwungen sich zu entscheiden.
Draco war in eine Falle getappt und diese war zugeschnappt, als er die Nachricht gelesen hatte. Er hatte es in dem Moment, in der Nacht, kurz bevor die Todesser angegriffen hatten, nicht wirklich bemerkt, aber jetzt, hatte er genug Zeit.
Und er war sich sicher, dass die Schrift dieselbe war, wie die, die er schon so häufig in den Zauberkunsthausaufgaben gesehen hatte.
„Wusstest du das deine Schrift ziemlich Mädchen haft ist?", fragte er noch einer Weile, starrte dabei aus dem Fenster und nicht auf Blaise, der noch immer unbeweglich da stand.
„Als du meine Schriften kopiert hast, hatte dich das nie gestört."
„Nein, da nicht." Draco drehte sich langsam um. „Aber das war damals und nicht heute, oder?"
Er hörte die Schritte die sich langsam in Richtung Tür bewegten. „Wegen Snape… Es tut mir Leid, Draco."
Zwischen ihnen war noch nichts in Ordnung, dass wusste Draco. Er wusste allerdings auch, dass sie sich nicht hassten, nur das Vertrauen, wenn es dieses jemals zwischen ihnen gegeben hatte, war verschwunden und es würde brauchen, bis es wiederkam.
Draco hatte jetzt Zeit und er würde warten können.
Genauso wie Blaise.
„Mir auch."
Es waren die Stimmen, die Harry innehalten ließen. Es brauchte nicht lange, bis er erkannte, wer dort mit Draco war. Blaise.
Für einen kurzen Moment, wollte er die Tür einfach aufstoßen, so tun, als hätte er nicht bemerkt, dass jemand anderes im Krankenflügel war, aber nur für einen kurzen Moment.
Er wusste dass die beiden Freunde waren oder gewesen sind, er war sich nicht sicher und es wäre unfair, ihnen diesen Moment zu verweigern.
Wer wusste, wann sie Zeit haben würden miteinander zu sprechen, sollten die ersten Schüler erfahren, dass Draco Malfoy zurück war.
Mit schnellen Schritten, verschwand er in den Fluren.
Er stieß die Tür zum Innenhof auf, genau derselbe in dem er sich immer mit Draco getroffen hatte. Wie er hier hingekommen war, wusste er gar nicht so genau, aber vielleicht war ihm der Weg mittlerweile schon so vertraut, dass er nicht einmal darüber nachdenken musste wohin er zu gehen hatte.
Warmer Wind wehte ihm in einer Brise um das Gesicht und verwirrte seine Haare noch mehr. Die Luft roch ein wenig stickig und staubig, üppig angereichert von dem Geruch der Pflanzen und Blumen.
Langsam ließ er sich an der rauen Turmwand auf den kühlen Steinboden sinken. Hier war es schattig, aber dennoch warm und angenehm. Wie er den Sommer liebte.
Es vergingen wohl nur wenige Minuten, in denen er hier gesessen hatte und leer in den Hof gestarrt hatte ohne wirklich nachzudenken, als das leise Rascheln von Federn ihn aufmerksam werden ließ.
Er hatte eigentlich mit Hedwig gerechnet, die ihn besuchen kam, doch stattdessen stürzte ein kleiner, fedriger Ball auf ihn nieder, schoss nach oben und flog wild um seinen Kopf. Erschrocken zog er die Arme hoch und versuchte sich vor den Schlägen zu schützen, die auf ihn niederprasselten. Es dauerte einen kurzen Moment bevor Harry begriff, dass es sich um eine kleine Eule handelte.
Und nicht nur um irgendeine Eule.
„Pig?", flüsterte er fast und eine Welle der Überraschung und Aufregung rollte über ihn, ließ seinen Magen sich seltsam zusammen ziehen.
Er hatte nicht mit einer Nachricht gerechnet, egal was mal zwischen ihnen gewesen war, nicht mit all den Veränderungen.
Seine Hand schoss nach oben, schloss sich um die kleine Eule und mit geübten Fingern, entfernte er die Nachricht. Pig schuhte aufgeregt, kniff ihn etwas fester in den Finger und Harry ließ ihn etwas erschrocken los.
Schnell öffnete er den Brief. Es war ein relativ großes Pergament, sehr klein zusammen gefaltet und Harry konnte sich vorstellen, das Pig einige Probleme gehabt haben musste es von Frankreich bis nach hier herzubringen.
Er entfaltete es vorsichtig und bemerkte zu seiner Überraschung dass seine Finger zitterten.
Lieber Harry,
Es war eindeutig Hermines, feine, enge Schrift und seine Augen begannen zu brennen. Es hatte Streit zwischen ihnen gegeben und sie hatten sich innerhalb kürzester Zeit auseinander gelebt, dennoch hatte er sie vermisst. So schmerzlich vermisst.
Ich hoffe diese Nachricht erreicht dich und ich konnte mich auf Pig verlassen. Mittlerweile ist es März und hier in Frankreich wird es langsam wieder warm. Du kannst dir nicht vorstellen, was für eine aufregende Stadt es ist in der wir leben und erst die Schule! Bestimmt erinnerst du dich noch an das vierte Jahr? Wie könntest du nicht?
Es ist so ganz anders als Hogwarts, aber genauso interessant. Ich soll dir Grüße von Fleur und ihrer Schwester ausrichten.
Aber ich denke nicht, dass es das ist was du wissen willst, oder?
Ganz ehrlich, ich weiß selbst nicht genau, warum ich dir schreibe oder was ich dir schreiben soll, aber eines ist gewiss… es tut mir Leid, was geschehen ist. Ich weiß nicht genau warum Ron dies getan hat oder warum Molly Hals über Kopf verschwunden ist, dennoch tut es mir Leid.
Wir sind so schnell auseinander gegangen und haben es nicht einmal bemerkt. Zu viel ist geschehen, dass wir nicht mehr ändern können und ich will nicht einmal wissen, was noch geschehen wird. Ich weiß nicht ob du es verstehen kannst, aber … ich bin froh nicht mehr dort zu sein. Die Erinnerung an meine… an meine Eltern, die Schule und all die Fragen, Voldemort und…
Es wird nicht mehr über dich gesprochen hier. Dein Name existiert und ist bekannt, aber es ist nicht so wie in England. Hier sind wir nicht mehr Harry Potters Freunde, sondern einfach nur Ron und Hermine. Und es ist eine Entlastung.
Oh nein, ich gebe dir nicht die Schuld, wie könnte ich? Es ist nicht deine Schuld, es war schließlich auch unsere Entscheidung…
Ich denke du verstehst was ich sagen will.
Ich wünschte manchmal es wäre noch genauso wie früher, ohne die Schatten und ohne die Ungewissheit, aber ich denke das ist nur ein Wunsch, nicht?
Aber das ist es nicht weshalb ich dir schreibe. Ich schreibe dir um zu sagen, dass es mir Leid tut, das ich etwas hätte sagen müssen, aber… Ich kann nicht anders. Ich liebe Ron und ich werde nicht mehr von seiner Seite weichen. Er ist das Letzte was mir noch geblieben ist, neben dir.
Aber Harry… dich liebe ich als meinen Freund und nicht so wie Ron. Es ist schon seltsam, das ausgerechnet mir etwas passiert, was man weder erklären, noch lernen, noch kontrollieren kann. Ich kann es nicht nachlesen und aufschreiben, sondern muss nach Gefühl handeln. Dies wäre eher etwas für dich, nicht war?
Ich wünsche dir alles Gute und viel Glück.
Und… auf das wir uns eines Tages wieder sehen werden.
Alles Liebe,
Hermine
Erst jetzt bemerkte er die Tränen die über seine Wangen liefen und das Pergament benetzten und noch bevor er sich zurückhalten konnte, kamen die ersten Schluchzer.
Noch lange würde er dort sitzen, den Blick in die Richtung gerichtete in der Pig verschwunden war, das Gesicht aufgequollen und das Verlangen haben, dass ihn jemand wirklich verstehen würde oder es zumindest versucht.
Erst später, als die letzten Tränen gefallen waren, das Gesicht sich heiß und angespannt anfühlt und er selbst erschöpft, müde geworden war, würde er das verstehen, was Hermine wohl schon verstanden hatte.
Die Zeit von damals kam nicht wieder und es blieb ihm nur noch der Blick nach vorne.
