Sie drehte sich um zu Michael, der das kleine Kissen, in das die zwei Eheringe gesteckt waren, trug. Er schritt um den Altar herum und stellte sich neben Malfoy. Der Mann bekam den Ring normalerweise immer zuerst. Den zweiten konnte er im Anschluss dann der Braut anstecken. Brav streckte Malfoy seine rechte Hand aus. Hermine biss sich auf die Lippen, zögerte nur ganz kurz, als sie zu ihm ging und sich bewusst etwas abwandte. Sie riss sich mit einem Ruck die Kette mit ihrem Ring vom Hals und ließ sie in ihre Hand gleiten.
Es war ohnehin Malfoys Ring, sollte er ihn doch zurückhaben, ein Familienerbstück immerhin. Sie konnte und wollte dieses Ding nicht mehr haben, nicht, wenn Malfoy mit einer anderen glücklich wurde.
Hermine nahm mit ihrer freien Hand den Ehering, den ihr Michael auf dem Kissen hinstreckte, entgegen. Vorsichtig steckte sie ihn an Malfoys dargebotenen Ringfinger; mit der anderen Hand, in der sich ihr Anhänger befand, drückte sie gleichzeitig Malfoys Hand und ließ ihre Kette in seiner Handfläche zurück.
Michael indes führte mit seinem Zauberstab eine stehende Acht aus. Hermine wusste, dass er gerade angestrengt „Consociatio lacuno!" dachte, um die Verbindung zu vertiefen. Der goldene Glanz intensivierte sich um Malfoy.
Malfoy öffnete seine Hand und blickte schockiert auf Hermines Kette mit dem Ring. Sein Kopf schnappte nach oben und er suchte den Augenkontakt mit Hermine. Er wollte etwas sagen, doch es kam nur ein heiseres Husten hervor. ‚Er kann mich nicht erkennen!', dachte Hermine, ‚Vor ihm steht nur eine gewöhnliche, blonde Frau in grünem Kleid!'
„Mr Malfoy?", unterbrach Michael ihr Blickduell. Der Angesprochene zuckte leicht zusammen und nahm den dargebotenen anderen Ring von dem Kissen. Er wandte sich mit starrem Gesichtsausdruck Gabrielle Delacour zu und ratterte sein Sprüchlein von ewiger Liebe und Treue herunter. Dann steckte er ihr den Ring an.
Hermine und Michael blickten sich an, nickten einander zu. Dieser Zauber musste synchron ausgeführt werden. ‚Consociatio obsignamus!' Hermine beschrieb mit ihrem Zauberstab wieder eine liegende Acht. Unendlichkeit. Unterbewusst nahm sie wahr, wie Gabrielle Malfoy antwortete, dass auch sie ihn immer lieben werde.
Der goldene Glanz um den Altar, die zwei Liebenden, wurde immer stärker. Hermine ließ ihren Zauberstab sinken. Es hatte funktioniert. Jetzt noch der letzte Schritt, zu dem sie Michael aber nicht mehr brauchte. Sie trat ein paar Schritte zurück. „Mr Malfoy, Sie dürfen die Braut nun küssen.", verkündete sie. Ihr Ex-Mann zog Gabrielle zu sich, küsste sie leidenschaftlich. Nicht so… neutral, wie er Hermine geküsst hatte. ‚Egal jetzt!', sagte eine Stimme in ihrem Hinterkopf, ‚Erledige den letzten offiziellen Schritt der Zeremonie!' ‚Savationes claudent consotiationem!', dachte Hermine den ungesagten Zauber.
Doch es passierte nichts. Kein sich intensivierender goldener Nebel um die frisch Verheirateten. ‚Savationes claudent consotiationem!', dachte Hermine erneut. Nichts passierte. ‚SAVATIONES CLAUDENT CONSOCTIATIONEM!', schrie Hermine in Gedanken. Doch immer noch passierte nichts.
Sie blickte zu Michael hinüber. Er begriff und sie sah, wie er seine Augen vor Konzentration schloss, doch nichts geschah.
Nach einer Weile waren Draco Malfoy und Gabrielle Malfoy fertig, sich zu küssen. Ganz offensichtlich spürte Draco, dass irgendetwas nicht stimmte – immerhin hatte er das ganze Procedere schon einmal durchlaufen.
Sein Blick fiel auf die Kette mit dem Anhänger, den er immer noch verborgen in seiner Hand trug, dann auf Hermine, dann öffnete sich sein Mund in Überraschung.
‚Was hat er begriffen, das ich nicht verstanden habe?', wunderte sich Hermine. Sie tauschte einen panischen Blick mit Michael aus, doch auch er wusste offenbar nicht, was hier gewaltig schief lief.
Malfoy kratzte sich am Kinn, dann sagte er leise etwas zu Gabrielle, die sich daraufhin ihren Trauzeugen zuwandte.
Dann holte er seinen Zauberstab aus seiner Jackettasche heraus und richtete ihn auf Hermine. Sie sah, wie sich sein Mund bewegte, doch ihr geflüstertes „Protego!" kam eine Sekunde zu spät. Sie spürte, wie ihre Gesichtszüge sich veränderten und ihre Haare schwerer wurden, sah wie sie braun wurden und sich kringelten.
Verdammt! Hier konnte man nicht disapparieren.
„Hermine!", stieß Malfoy aus. „Deine Augen… ich wusste es!"
Hermine stand wie angewurzelt da.
Mit einem Satz war er bei ihr und noch bevor Hermine irgendetwas daran ändern oder sich wehren konnte, presste er seine Lippen auf ihre. Ihr Protest wurde durch Dracos Zunge verschluckt und Hermine spürte auf einmal einen fast schmerzhaften Stich und ein elektrisches Prickeln in ihrem Körper, wie sie es noch nie gespürt hatte.
Nach einer halben Ewigkeit ließ Malfoy sie los und Hermine bemerkte, dass sich nun ein intensiver Glanz um sie und Malfoy gebildet hatte. Gabrielle, die etwas weiter entfernt und außerhalb des Glanzes stand, blickte fassungs- und wortlos auf beide.
Auch Michael blickte beide verständnislos an.
„Was… was hast du getan?", fragte Hermine mit rauer Stimme. „Komm, gehen wir!", sagte ein lächelnder Draco Malfoy und zog Hermine mit sich bis zum nächsten Apparationspunkt.
In der nächsten Sekunde fand sich Hermine auf den Ländereien des Malfoy Manors wieder. Sie zog ihren Arm energisch von Draco zurück.
„Was geht hier vor? Was soll das, warum schleifst du mich hier her?", verlangte sie zu wissen. „Ich glaube, der hier gehört dir.", sagte Draco und überreichte Hermine ihren nun golden funkelnden Ring wieder. Hermine erstarrte. Dann blickte sie in das grinsende Gesicht von Draco Malfoy.
Dann verstand sie, was ihm sofort klar gewesen war. Verdammter Malfoy!
Die Bindungsmagie in ihrem alten Ring war stärker als die neue zwischen Malfoy und Gabrielle gewesen. Die Magie, die zwischen ihr und Malfoy in diesem Ring weiterexistiert hatte, hatte auf die Nähe von ihr und Malfoy reagiert. Sie hatte Malfoy seinen neuen Trauring angesteckt. Und sie hatte ihm gleichzeitig einen zweiten Ring gegeben. Für eine Eheschließung mussten zwei Objekte, durchdrungen von Bindungsmagie, ausgetauscht werden. Traditionellerweise Ringe. Somit war es hinfällig gewesen, dass Malfoy mit Gabrielle einen dritten Ring ausgetauscht hatte. Wo die Magie zwischen Hermine und Malfoy naturgegeben ohnehin schon stärker war durch die bereits existierende Bindung.
Nein. Hermine blickte Malfoy mit großen Augen an.
„Hermine, ich hatte so eine Ahnung, wo du hin verschwunden bist. Besonders, nachdem ich in St. Mungo's aufgewacht bin und mich an deine Frage über die Unsäglichen erinnert habe. Ich war sehr wütend, besonders als du meine Briefe nicht beantwortet hast. In den nächsten Tagen ist das Ministerium auf mich zugekommen, um mir mitzuteilen, dass das neue Ehegesetz für mich immer noch oder, besser gesagt, wieder gilt. Ich beschloss, nicht nach dir zu suchen und habe Mutter auch davon abgehalten. Wenn du kommen hättest wollen, wärst du gekommen. Dich zu etwas zu zwingen - darüber bin ich schon lange hinweg."
Hermine hörte ihm wortlos zu.
Malfoy unterbrach seine Ausführungen. „Hermine, sag endlich etwas!", sagte er, verärgert, weil sie, untypischerweise, gar nichts kommentierte.
„Ich habe dir nicht geglaubt… oder nicht glauben wollen… Ich… ich glaube, ich habe dich vermisst.", sagte Hermine leise und hielt wie zum Beweis die Kette mit ihrem Ring daran hoch.
„Bei Merlin, Hermine Granger!", sagte Malfoy ungläubig. „Warum bist du denn nie nach Hause gekommen?" Dann zog er sie zu sich und küsste sie erneut.
Hermine spürte seine Lippen auf den ihren und wusste in dem Moment, dass sie ihm nicht widerstehen konnte. Und es auch nicht wollte. Zu lange waren sie um sich herumgeschlichen, hatten Spielchen gespielt, ihr Verlangen unterdrückt, sich gemieden und vermisst.
Hermine wusste auf einmal, dass Draco Malfoy vielleicht gar kein schlechter Mensch war und sich geändert hatte. Nur sie hatte sich auch ändern, Abstand gewinnen und ihre eigenen Vorurteile gegen ihn überwinden müssen. Er hatte sie auch vermisst. Er hatte gewollt, dass sie wieder kam, obwohl sie frei voneinander gewesen waren.
„Komm!", murmelte Draco und brachte sie ins Manor.
In seinem Zimmer angelangt, wusste Hermine genau, was sie wollte. Und sie spürte auch ganz deutlich, was Draco wollte.
Sie ließ ihre Kette auf sein Nachtkästchen fallen, um beide Hände frei zu haben. Draco entledigte sich seines Jacketts und begann, den Reißverschluss ihres Kleides zu öffnen. Hermine fühlte, wie er ihre entblößte Schulter mit Küssen bedeckte und sich langsam wieder nach oben zu ihrem Mund vorarbeitete.
Sie wusste eigentlich nicht so genau, was sie tun sollte, aber Draco wusste es dafür umso besser. Er half ihr, sein weißes Hemd aufzuknöpfen. Fast ehrfürchtig ließ Hermine ihre Finger an seiner Brust bis zu seinem Bauch entlanggleiten. Draco half ihr aus dem grünen Kleid. „Komm!", sagte er und geleitete Hermine zu seinem Bett. „Setz dich!" Er bückte sich herunter und zog Hermines Absatzschuhe aus.
Mit seinen Händen fuhr er vorsichtig und mit federleichten Berührungen an den Innenseiten von Hermines Beinen entlang. Hermine schauderte. So etwas hatte sie noch nie verspürt. Dracos Hände bewegten sich nach außen, über ihre Hüften, bis zu ihren Brüsten. Sie wollte – oder konnte – gar nicht mehr hinterfragen, wieso er so geschickt ihren BH öffnen konnte, denn die Behandlung, die er ihr zuteilwerden ließ, ließ Hermines Gehirn fürs Erste verstummen.
Irgendwann fand sie sich auf seinem Bett liegend wieder, Draco halb über ihr, während er ihr letztes Kleidungsstück entfernte. Hermine setzte sich auf. Draco blickte sie fragend an. „Ich… ich…", murmelte Hermine verlegen, biss sich auf die Unterlippe und verschränkte ihre Arme. „Tut es eigentlich weh?", fragte sie ihn schließlich. Draco schüttelte den Kopf. „Vielleicht, das weiß ich nicht. Aber vertrau mir einfach und entspann dich.", sagte er nur. Hermine nickte. Dieses Mal würde sie ihn nicht hinterfragen, sondern ihm glauben – nicht denken.
Dracos Arm diente Hermine als Kopfkissen. „Ist es immer so?", fragte sie. Draco lachte einmal kurz. „Nein, ist es nicht. Es wird besser.", sagte er amüsiert. „Der goldene Glanz ist richtig stark geworden…", stellte Hermine wissenschaftlich fest. Sie spürte, wie Draco neben ihr zustimmend nickte.
Hermine löste sich von ihm und stützte sich auf ihren Ellenbogen. „Draco, wir vom Ministerium… als Unsägliche… wir haben eine Berufung. Wir dürfen keine Ehepartner haben." Sie wusste nicht, was das für sie beide bedeutete.
Draco drehte seinen Kopf zu ihr und nahm ihre Hand und hielt sie hoch. „Hermine, siehst du an irgendeinem deiner Finger einen Ring? Ist irgendeine Art von Magie unwiderruflich an deinen Körper gebunden? Ich sehe nichts, das uns verbinden würde."
„Aber… die Magie um uns herum… wir sind verbunden, jetzt noch mehr als je zuvor!"
Draco grinste. „Dafür, dass du schon monatelang in der Mysteriumsabteilung arbeitest, weißt du erstaunlich wenig. Oder... ich hoffe, es ist meine Schuld, dass du im Moment nicht klar denken kannst." Er grinste anzüglich. Dann sagte er: „Geh einmal ins Bad." „Ähhm, was, wieso denn?" „Los, geh einfach, nur zu. Und dann sag mir, was dir so alles auffällt." Draco grinste zufrieden.
Hermine schälte sich unter den Laken hervor, bekleidete sich notdürftig und ging eine Türe weiter in Dracos Bad. Das wohlige Kribbeln, das sie mit ihm verspürt hatte, war verschwunden. Ebenso der goldene Glanz. Wie war das möglich?
Hermine ging wieder zurück in Dracos Zimmer und hob ihre Kette mit dem Ring auf und nahm sie mit ins Bad. Dieses Mal folgte ihr der Glanz.
„Diese Magie ist nicht personen-, sondern objektgebunden!", rief sie aus. Draco grinste sein unnachahmliches Grinsen. „10 Punkte für Gryffindor!", spottete er. „Wie konnte ich das nur nicht sehen?", fragte sich Hermine. „Wir… wir präparieren die Ringe mit der Magie in einem Raum, den wir die ‚Verborgene Krypta' nennen. Erst bei der Zeremonie wird die Magie in dem Ring an eine Person gebunden."
Draco hörte ihr interessiert zu. Hermine war es egal, dass sie ein Schweigegelübde abgelegt hatte. Wenn sie etwas zu Geheimes sagen würde, dachte sie bei sich, würde der Zauber sie schon daran hindern.
Hermine öffnete den Verschluss von dem Kettchen und wollte den Ring davon entfernen. Es ging nicht. „Schau, die Bindungsmagie hat sich wirklich auf den Träger des Rings übertragen. Nicht ich, sondern die Kette.", sagte Hermine fasziniert zu Draco.
Am nächsten Tag erschien Hermine wie gewohnt in ihrer Arbeit. Michael erwartete sie schon, nur um ihr mitzuteilen, dass ein Gespräch mit dem Chef anstünde.
Hermine hatte das befürchtet. Die Zeremonie hatte nicht funktioniert und sie verschwand einfach so, ohne die Vorfälle zu klären.
Nach kurzer Zeit wurden sie und Michael in das Büro ihres Chefs zitiert. Er wollte sofort wissen, was schief gelaufen war und warum der Zauber auf Hermine übergesprungen war.
„Nun, wie Sie sehen, Mr Croaker", sagte Hermine selbstbewusst, „habe ich keine der bestehenden Gesetze gebrochen. Ich bin nicht verheiratet – oder sehen Sie den Glanz an mir? Oder könnte ich mich auch nur zehn Meter von meinem Ehemann entfernen, wenn ich frisch verheiratet wäre?"
Michael blickte sie verwirrt an. Er wusste, was er gesehen hatte, und er verstand es nicht. Croaker auch nicht. „Ich habe in den automatischen Berichten nachgesehen.", ergänzte Hermine. Sie war schlau. Vielleicht schlauer als das Ministerium. „Mr Malfoy wird nicht mehr unter dem Status ‚ledig' geführt. Es ist also alles in bester Ordnung." Natürlich wurde er nicht mehr unter diesem Status geführt, er hatte den Teil der Zeremonie ja auch ordnungsgemäß eingehalten.
Nachdem Hermines Chef festgestellt hatte, dass es nichts brachte, weder Hermine noch Michael zu befragen, entließ er beide, ohne Konsequenzen. Nach Gabrielle Delacour hatte er gar nicht gefragt.
Am Ende ihres Arbeitstages apparierte Hermine zu dem Haus ihrer Eltern. Sie musste noch ein paar Dinge zusammenpacken, die sie ins Malfoy Manor mitnehmen wollte. Und bevor sie dorthin apparierte, überlegte sie sich besser ein paar gute Ausreden für Narcissa.
Als sie in ihrer Tasche Platz für Kleidung machen wollte, fiel ihr eine Glaskugel in die Hand. Die Prophezeiung, die sie zu feige gewesen war, sich anzuhören.
Hermine setzte sich damit auf ihr Bett und überlegte lange. „Weißt du was, Cassandra Trelawney?", sagte sie schließlich zu der Kugel. „Ich weiß, was ich glaube und was ich nicht glaube. Ich glaube nicht an Vorhersagen und Schicksal. Eher an verdammt große Zufälle. Und jetzt – jetzt weiß ich auch ohne deine Hilfe, wie meine Zukunft aussehen wird: nämlich als Unsäglicher und als Frau von Draco Malfoy."
Hermine stand auf, ging zu ihrem Kamin und rollte die Kugel in das knisternde Feuer. Als das Feuer schließlich das Glas schmolz, war Hermine schon längst ins Malfoy Manor disappariert.
„Eine Hexe so schlau wie keine andere ihres Zeitalters… wird helfen, den Dunklen Lord zu besiegen, wird die Liebe auf steinigem Weg erfahren und wird die Liebe so gründlich erforschen wie keiner je zuvor… sie wird Antworten finden. Sie wird durch verschlossene Türen gehen und die größte Hilfe dabei wird ihr lebenslänglich derjenige sein, dessen Lord sie gestürzt hat und der sie am meisten hasst…"
