19: [Trophäe]
I stepped into a room of clocks that all told different times
I stepped into a mirrored world that mirrored all our crimes
You keep picking at the scab and I'll keep selling the plaster
You keep telling me that I'm bad
But I keep on getting better faster
You hold me down and you hold me up
You can't communicate
You brought me up just to bring me down
I've nothing left to say
I've lost, I've lost my innocence
I've found my self-belief
And in a cup of loneliness
I've found instant relief
You hold me down, you hold me up
Oh Daddy, are we out of luck?
You brought me up to bring me down
You shut me in, you shut me up
I'm gone, I'm gone to heaven
I'm gone, I'm gone to hell
If nobody could see I'd hold my hand out to be held
You hold me down and you hold me up
I can't communicate
You brought me up just to bring me down
I've nothing left to say
I've lost, I've lost my confidence
I found my self belief
And in a cup of loneliness
I sailed a thousand seas
-Marina and the Diamonds,'Scab and Plaster'
„Aaaaaaahh… Ich fühle mich, als sei ich aus mehreren Metern Höhe heruntergefallen!" Klagte Asuka, ihre durch das lange Sitzen verspannten Muskeln großzügig durchstrecken.
„Wenn wir nachhause kommen, darf ich zuerst in die Badewanne, damit das klar ist!"
Ihre Worte schafften es gar nicht wirklich, an die Ohren des Jungens zu gelangen, der neben ihr auf einer Bank saß und mit ihr darauf wartete, dass Dr. Akagi, die im selben Zimmer hinter einem blickdichten Raumteiler dabei war, das First Child zu untersuchen und gegebenenfalls zu versorgen, endlich damit fertig sein würde, um ihre Aufmerksamkeit danach den anderen Children zuzuwenden; Asuka hatte in der Zeit, die man gebraucht hatte, um sie aus ihrem Plug zu holen und hier runter zu bringen, erst richtig gemerkt das sie im Wesentlichen den ganzen Tag mit einem einzigen Kampf verbracht hatte, ohne sich die klitzekleinste Pause leisten zu können, so dass sie alle fünf Minuten etwas neues fand, über dass sie meckern wollte, und ständig angab, dass sie endlich ihren Plugsuit abstreifen und sich das LCL aus den Haaren waschen wollte, bevor sich der Gestank der Substanz darin all zu tief einbrannte.
Shinji selbst hatte nicht mehr wirklich die Kraft, auf irgendwas davon zu antworten. Selbst, wenn man ihn die Badewanne konkurrenzlos überlassen hätte, hätte er sobald man ihn endlich nachhause gehen ließ nicht mehr die Fähigkeit gehabt, sich irgendwo anders hinzuschleppen als in sein warmes, kuscheliges Bett.
Zunächst war es etwas ganz anderes gewesen, was seine fehlenden Antworten bedingt hatte, eine Unruhe, die nicht hatte weichen können, bis er die Krankenstation erreicht hatte, und dort direkt nach Mayumi gefragt hatte. Er konnte diesen Kampf nicht als Triumph abhaken, bevor er nicht sicher sagen konnte, dass alle beteiligten wohlauf waren – und das beinhaltete auch Mayumi.
Egal, wie sehr er den Schlaf dieser Nacht brauchte, und wie redlich er sich ihn verdient hatte, so hätte er ihn trotz allem nicht finden können, wenn er sie nicht zuerst gesehen hatte – In derselben Sekunde, in der er Dr. Akagi gesehen hatte, Und das konnte er dann auch, wenn nur durch eine Glasscheibe hindurch, an der er Hände und Gesicht platt drücken musste, um in der Finsternis auf der anderen Seite etwas zu erkennen;
Selbst, nachdem sich seine Augen an die Finsternis gewöhnt hatten, musste er erst regelrecht nach ihr suchen, um ihren kreidebleichen, schlaffen Körper inmitten der ganzen Kabel und Maschinen entdecken zu können – auf dem zweiten Blick stach ihre papierweiße Haut aus der Dunkelheit des Raumes ungemein heraus, egal, wie sehr sie durch Kleidung, Haare, Elektroden und auch eine von diesen Atemmasken verdeckt wurde.
„Wird… wird sie…"
Den Rest der Frage, wie immer man ihn formulieren wollte, sollte sich Dr. Akagi von ihm aus dazu denken, er brachte es weiß Gott nicht fertig, ihn auszusprechen.
„Ihr Organismus war… zum Glück nicht so eng mit dem Kern verflochten, wie wir es zunächst vermutet hatten… Obwohl sie den Kern vermutlich schon sehr lange in sich getragen haben muss, wird sie ohne ihn überleben können, auch, wenn sie vermutlich eine ganze Weile Medikamente schlucken werden muss… Zudem hat es ihren Körper sehr ausgelaugt, den Engel zu enthalten, und jetzt, wo wir ihn entfernt haben, sind die Mechanismen, mit denen der Engel seinen Wirt zu erhalten versucht hat, weggebrochen… und dann gab es da noch die ganzen Verwachsungen, die wir rausoperieren mussten…"
„Aber Sie… sie haben doch gesagt…"
„Ja, sie wird höchstwahrscheinlich überleben. Mach dir da mal keine Sorgen, Shinji-kun. Alles, was ich dir sagen wollte, ist, dass sie wegen der Operation noch geschwächt ist… Du kannst sie vielleicht in den nächsten Tagen einmal besuchen kommen."
Durch diese Worte ausreichend befriedigt hatte Shinji der falschen Blondine in den Untersuchungsraum gefolgt – Die Verbindung zwischen seiner offenen Sorge um Mayumi und einer leichten Zunahme bei Asukas stetigen Klagen erkannte er jedoch nicht.
Es dauerte nicht lange, bis Dr. Akagi mit ihnen fertig war – Sie hatten alle nur blaue Flecken und ähnliche kleine Wehwehchen, bei denen es sich nicht wirklich lohnte, sich die Mühe mit irgendeiner Behandlung zu machen.
Asuka bekam aus überwiegend psychologischen Gründen ein paar Pflaster verpasst, aber da hörte es dann auch auf.
Vor der Tür des Untersuchungszimmers erwartete sie dann aber eine kleine Überraschung: Sie wurden erwartet, und das nicht von irgendwem – Mit Misato hätten sie fast schon gerechnet, Kaji hätte sie auch nicht gewundert, doch nie im Leben hätten sie erwartet, dass sie hier Commander Gendo Ikari in Person antreffen würden, dessen eindrucksvolle Silhouette sie alle weit überragte.
Sofort war zwischen Shinjis Nervenzellen so viel Verkehr wie auf einer Autobahn in den Sommerferien, unzählige Gedanken rasten durcheinander – War er wegen ihm hier? Wollte er etwa fragen, ob er in Ordnung war, oder sogar… nein, daran sollte er besser nicht einmal denken, am Ende würde er doch bloß nur allein und enttäuscht sein. War es nicht wahrscheinlicher, dass er eine Beschwerde hatte oder sonst wie unzufrieden war?
Ob es das eine oder das andere war, ließ sich aus seinem Gesicht nicht herauslesen; Diese Sonnenbrille verbarg seine Augen und gab Shinji das Gefühl, vor einer Betonmauer zu stehen, die so hoch war, dass er ihr oberes Ende nicht sehen würde, wenn er seinen Kopf so weit wie möglich in den Nacken legen würde.
In diesem Bruchteil einer Sekunde malte er sich in seinem Kopf endlose Möglichkeiten aus, ganze Universen, die sich aus verschiedene Reaktionen auf jede einzelne davon erwuchsen, ein Baum aus Alternativen und den Alternativen der Alternativen, der so schnell so weit in die Höhe schoss, dass man meinen könnte, dass er sich den Himmel greifen wollte…
Die Zeit schien wie gefroren, die Zunge des Third Child versiegelt, es war einer von diesen Momenten, bei denen man glauben konnte, dass sie ewig währten, wenn nicht sein pochendes, schlagendes Herz ihm vergewissert hätte, dass die Uhren noch tickten, sein gieriges, sehnendes, blutendes Herz, dass sich betrogen durch den kleinsten Schimmer seiner Hoffnung trotz der vielen Wälle, die es gegen diese grausame Welt errichtet hatte, weit offen ließ, eine bunte Zielscheibe, für jeden, der einen Speer in sein Innerstes treiben wollte, bereit, um enttäuscht zu werden, um zu zersplittern und zu leiden, bis die Splitter seiner nur noch durch sehr viel Klebeband in einem Stück gehaltenen Seele zu stumpfen Staub zertreten waren.
Dann, als er alles, was er war, offen gelegt und sich völlig ergeben hatte, obwohl er sich sicher war, die ganze Welt in seiner Umgebung zugunsten von dem aufzugeben, was schon immer der Grund für seine verzweifelten, Hilflosen Handlung gewesen war, brach ein Dorn aus Furch durch sein Sein, als er ihm schlagartig klar wurde, das sein Vater seinen Blick gesucht zu haben schien… oder war dies nur seine Einbildung? Sollte er sich jetzt schämen?
Hatte er seine große Chance vielleicht gerade in den Sand gesetzt? Die Chance darauf, gesehen, gehört und bemerkt zu werden…?
Er wusste nicht, was er tun sollte, starrte einfach in völliger Hilflosigkeit, komplett ausgeliefert in die Richtung dieser Sonnenbrillengläser, hoffend, dass irgendwo dahinter die Augen waren, von denen er gesehen werden wollte, das sein Herz nicht beim nächsten Wort zerbersten würde, wie ein Luftballon aus Glas.
Es war auch ein Stückl weit Trotz und Protest, der Wille zu zeigen, dass er keine Angst mehr vor diesem Blick hatte, dass es schon etwas mehr brauchte, um ihn einzuschüchtern.
Schon allein diesen augenkontakt zu halten verlangte ihm mehr ab als eine Partie Armdrücken, ja, vielleicht mehr als der ganze, vorige Kampf.
War da… eine Regung in seinem Gesicht…? Wollte er etwa… etwas sagen…?
Ob das nun so passiert wäre, oder nicht, Shinji fand es nicht heraus; stattdessen geschah etwas Wahnwitziges. All diese unsichtbaren Symbole, diese winzigen Zeichen der Geboten Distanz, wurden übertreten wie die dünne Luft, die sie waren, als Asuka ein paar Schritte vorwärts ging, sodass sie beinahe direkt vor dem Leiter von Nerv stand, nah genug, dass sie ihre Arme nicht hätte ausstrecken können, ohne seine dunkle Uniform zu berühren.
Das verrückte war, Shinji spürte sich selbst furchtsam zusammenzücken, als hätte er sie in das Gehege eines fleischfressenden Raubtiers steigen lassen; Sie benahm sich, als seien all diese Grenze, die das Third Child nicht zu übertreten wagte, einfach nicht da.
„Oh, Hallo, Herr Commander!" grüßte sie zuckersüß, noch ihre besten Theaterleistungen aus der Schule überbietend. „Schön, Sie hier zu treffen! Ich nehme an, Sie wollen noch Kommentare wegen des Kampfes abgeben…?"
„Nein, das nicht." Antwortete er knapp. Wenn dabei irgendetwas mitschwingen sollte, sei es positiv oder negativ, dann konnte es Shinji jedenfalls nicht heraushörten.
Was Asuka da tat entnervte ihn, er hatte irgendwie die irrationale Angst, dass sie jede Sekunde mit Haut und Haaren verschlungen werden konnte, nur, weil sie sich wie immer wichtigmachen wollte und es von vorneherein klar gewesen sein würde, dass ihr das einmal zum Verhängnis werden sollte, aber es war auch Neid, der in seinem Inneren brannte – wie kam es das sie, eine völlig fremde, einfach hingehen und ihn ansprechen konnte, wenn er, sein eigener Sohn, nichts weiter tun konnte, als wie angewurzelt dazustehen?
Er wollte etwas sagen, irgendetwas tun, aber im blieb nichts anderes übrig als zuzusehen, wie Asuka von ihrem üblichen Geltungsdrang versuchte, ihrem Gesprächspartner das Lob, dass sie hören wollte, praktisch aus den Lippen zu saugen, während Shinji selbst nichts anderes blieb, als sich im Stillen nach eben diesen Worten zu verzehren, die er sich so lange herbeigewünscht hatte: „Na ja, viel gibt es ja auch nicht zu kommentieren…" meinte Asuka lächelnd. „Immerhin haben wir den Engel ja wirklich makellos platt gemacht!"
„Der Feind ist besiegt. Das ist alles, was zählt."
Shinji wusste nicht, was er aus dem Satz machen sollte, konnte sich zahllose negative wie auch positive Interpretationen ausmalen; Der Gesichtsausdruck seines biologischen Erzeugers war da leider nicht gerade aufschlussreich.
Asuka, die ja, na ja, eben Asuka war, entschied sich, es einmal als Lob zu sehen, und entsprechend strahlte sie auch, doch Shinji fühlte sich davon nicht wirklich motiviert und er kam auch nicht dazu, weiter darüber nachzudenken, als der Leiter von Nerv offenbarte, was ihn eigentlich hierherführte, indem er an ihnen beiden vorbeischritt, und sich der zweiten, bis her stillen EVA-Pilotin zuwendete.
„Rei."
„Ja?"
„Lass uns gehen. Du musst sicher erschöpft sein."
Und dann gingen sie, die anderen beiden Children völlig links liegen lassen.
Shinji lag in Trümmern.
Es traf ihn wie ein Schlag ins Gesicht, so hart, heftig und doch unausweichlich, das er über den Schock hinweg vergaß, zu weinen.
Ach, natürlich.
Natürlich war es nicht seinetwegen, was bildete er sich auch ein.
Unwissend darüber, dass er innerlich in Ruinen lag, weil sich sein Äußeres nicht verändert hatte, drehte Asuka sich zu ihm hin, als ob nichts sei, und begann, mit ihrem üblichen Gerede: „Da geht sie hin, unser kleines Prinzesschen, ohne uns des kleinsten Blickes zu würdigen!
Ich sag's dir, Third Child, die ist hat es wirklich faustdick hinter den Ohren!"
In einer anderen Situation hätte er vielleicht entgegnet, dass das, was sie eben getrieben hatte, sich auch mit einem Satz beschrieben ließ, in dem die Wörter „Vorgesetzter" und „einschleimen" vorkamen, aber im Moment wollte er nichts mehr sagen, hören oder sehen.
Auch dies interpretierte Captain Shikinami interpretierte das auf ihre eigene Art und Weise: So, wie sie es wollte. „Kaum zu fassen, dass der für das olle Püppchen sogar sein geliebtes Söhnchen hier links liegen lässt… Richtig krank, wie sie 'nem dreißig Jahre älteren Mann schöne Augen macht…"
Klingel, klingel, auch hier bimmelte wieder der Heuchler-Alarm.
Doch Shinji war schon vom ersten Satz so geplättet, dass er sich den Zweiten gar nicht erst antat.
Musste sie ihm jetzt auch noch Salz in die Wunde reiben…? Er hörte fast schon nicht mehr hin, als sie wieder zu sprechen begann… Umso mehr überraschte ihn, was er hörte: „...Aber mach dir keine Sorgen, billige Schleimerei wird es nie mit echtem Talent und echter harter Arbeit aufnehmen können, und dass wird der Alte schon noch früh genug merken, vor allem, wenn du weitermachst, wie bis her. Aus dir scheint ja langsam tatsächlich so etwas wie ein richtiger Kämpfer zu werden… also mach schön zu weiter! Im Zweifelsfall kannst du ja immer versuchen, alles so zu machen, wie ich auch."
Auch das ließ ihn mit nichts als seiner eigenen Sprachlosigkeit zurück, wenn es sich dabei auch um eine Sprachlosigkeit einer anderen Art handelte.
Vielleicht wäre seine Reaktion von ähnlicher Art gewesen, wenn er die Worte hören können hätte, die seinem Vater in der Kehle stecken geblieben waren.
Wie er jedoch reagieren würde, wenn er wüsste, was der noch im Untersuchungszimmer befindlichen Dr. Akagi gerade durch den Kopf ging, nachdem sie durch den Spalt der nicht ganz ordnungsgemäß geschlossenen Tür mitgehört hatte, wäre wohl eine ganz, ganz andere Geschichte…
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Nachdem Asuka und Shinji sich erst einmal das LCL von der Haut geschrubbt und sich die Klamotten, mit denen sie gekommen waren – Genauer gesagt, ihre Schuluniformen – wieder übergezogen hatte, ließ sich Misato keine Zeit damit, sie einzusammeln und in ihrem Auto zu verstauen, und sich mit ihnen auf den Weg nachhause zu machen – nicht, ohne ihnen vorher einiges an Knabberkram in die Hände zu drücken.
„Tut mir leid, dass es nur irgendwelche Süßigkeiten aus den Automaten sind, aber ich glaube nicht, dass es viel Sinn macht, einen Pizzaservice anzurufen, bevor der ganze Schutt aus der Innenstadt weggekehrt ist… Ein Glück, das wir eher am Rand der Stadt leben…"
Die Automatenbrezeln, Saftdosen und Schokoriegel waren den beiden Children mehr als genug, zumal ihnen jetzt erst bewusst wurde, dass sie den ganzen Tag noch keine anständige Mahlzeit zu sich genommen hatten, und beim Geruch von süßem nicht lange brauchten, um entsprechenden Kohldampf zu entwickeln.
Unter diesen Umständen flogen selbst Asukas übliche Einwände bezüglich ihrer Linie im hohen Bogen zum Fenster raus – Tatsächlich, so stellte Misato überrascht fest, waren die Children wohl dermaßen damit beschäftigt, endlich ein paar Kalorien in sich reinzuschaufeln, dass es zwischen ihnen auf der Heimfahrt auf wundersame Weise keinerlei Streit gab... Oder hatte das gar einen ganz anderen Grund?
Misato versuchte ihr Bestes, um nicht zu kichern.
Schien fast so, als sei die Rechnung, die sie verfolgt hatte, als sie die zwei in eine Wohnung gepackt hatte, mehr als nur aufgegangen…
In mehr als nur einer Hinsicht, Operation gelungen.
Auch, wenn sie sich natürlich darüber im Klaren sein musste, dass sie nur eine Schlacht, aber noch lange nicht den Krieg gewonnen hatte – Irgendwie müsste das doch zu schaffen sein, die beiden dazu zu kriegen, dass sie einander beim Namen nannten…
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Letztlich endete der Tag für Shinji wie so oft unter seiner guten alten Zimmerdecke, die er, inzwischen in einem lockeren Unterhemd und einer kurzen Hose, wie sooft nachdenklich anstarrte.
Eine Menge war passiert, seit er das das letzte Mal getan hatte, auch wenn es knapp zwei Tage gewesen waren. Es war ziemlich turbulent geworden, dieses Leben…
Ja, jetzt fiel ihm ein, dass es am heutigen Tage genau drei Monate her war, dass er hierhergekommen war… Er dachte zurück an diese Vision mit den Treppenstufen, und wie er an deren oberen Ende herabgesehen und dort unten jemanden entdeckt hatte…
Als Mayumi heulend und zitternd vor ihm gekniet hatte, glaubte er, diese Person am unteren Ende der Stufen wiedererkannt zu haben – Nicht sie, aber jemand, der ihr ähnlich war, jemand, der ihr einmal sehr ähnlich gewesen war…
Da fiel ihm ein, heute musste es genau drei Monate her sein, dass er nach Tokyo-3 gekommen war… Es fühlte sich an wie so viel mehr… Er hätte sich damals nie träumen lassen können, das er einmal in der Position sein würde, jemand anders Trost und Halt zu geben… Er würde sich vermutlich kaum wiedererkennen…
Er hatte die Bedeutungen von Freundschaft, Familie und Liebe gelernt, und viele andere neue Erfahrungen gemacht, alles Dinge, die er zuvor nicht gekannt hatte… ganz neue Dimensionen, die zu seinem Denken dazugekommen waren…
Eigentlich… konnte er mit Recht behaupten, dass er zumindest… ein bisschen stärker geworden war, nicht…?
Auf jedem Fall konnte er sagen, dass er sich selbst etwas besser kennengelernt hatte.
Seltsam, dass ihm das erst aufgefallen war, als er Mayumi gesehen hatte…
„Wir erkennen und selbst, indem wir andere erkennen", hm?
Er glaubte, dass irgendwo schon mal gehört zu haben…
Es wäre nicht richtig gewesen, zu sagen, dass er verstand, es kam ihm alles noch sehr schwamming vor, das mit dem stärker werden, und… das mit der Zukunft. Aber er glaubte, dass er jetzt etwas näher dran war, und dass er wusste, auf welchem Pfad er wandeln musste, wenn er auch das noch begreifen wollte, was er nicht verstand.
Das hier… schien der richtige Weg zu sein…
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Dass er diese Nach von einer Vision verschont blieb, war wohl zu viel verlangt, aber immerhin war die von heute relativ harmlos.
Er sah sich selbst wieder mit seinem Cello in seinem Raum sitzen, als sich plötzlich wieder die Tür öffnete – Trotzdem gab es bei ihm keinerlei Schreck, als hätte er das schon eine Weile erwartet und wüsste schon, wem der beim Näherkommen stetig wachsende Schatten gehörte, der sich im Lichtkegel der Eingangstür bewegte.
„Guten Morgen, Ikari-kun!"
„G-Guten Morgen!"
Aha. Dann erwarteten ihn heute also keine mysteriösen Alter Egos oder fremde, applaudierende Frauen, sondern einfach nur das gute Fräulein Langley-Soryu.
Dass sie die angenehmere Variante war, zeigte schon, wie irre diese Visionen mit der Zeit geworden waren…
H-Halt, er meinte natürlich das gute Fräulein Langley-Shikinami.
Wie kam er denn überhaupt auf „Soryu"?
Hach, nein, die eigentliche Frage war, wieso benutze sie seinen Namen, und warum schien ihn das nicht im Geringsten zu wundern.
Jedenfalls schlenderte sie an ihm vorbei, setzte sich lässig auf einen zweiten Stuhl, von dem er hätte schwören können, das er eben noch nicht dagewesen war, und packte eine Geige aus, mit der er sie noch nie zuvor gesehen hatte.
„Also, was spielen wir heute?"
„Den Pachelbelkanon." Wusste er aus irgendeinem Grund.
„Da hast du es mit deinem Cello natürlich leicht! Du musst ja immer nur Arpeggien spielen."
Hach, wenigstens eine Sache war noch normal: Darauf das Asuka, wie auch immer ihr Nachname jetzt lautete, etwas zu meckern finden würde, war immer Verlass.
Daraus, dass sie trotz ihrer Beschwerden begann zu spielen, versuchte er sich gar nicht erst einen Reim zu machen – Er hatte sich mittlerweile soweit an ihr widersprüchliches Verhalten gewöhnt, dass er es bei Zeiten sogar richtig süß war.
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Nun hatte Shinji in seiner jugendlichen Naivität gehofft, dass auf seine große Heldentat am gestrigen Tage in guter alter Superheldenfilmmanier der Beginn einer spannenden Romanze folgen würde, doch spätestens auf dem Schulweg holte ihn die Realität in Form von Nagato ein, der von seinem Vater die ernüchternden Fakten erfahren hatte: Eines der ganzen Gebäude, dass bei dem ganzen Chaos zu Bruch gegangen war, war anscheinend die neue Wohnung der Yamagishis gewesen, und die Tatsache, dass sein eigenes Kind in die Kampfhandlungen involviert gewesen war, war für Mayumis Vater wohl Grund genug, als seine neue neue Wohnung nur Immobilien in Betracht zu ziehen, die weit, weit weg von Tokyo-3 lagen.
So sollte die „epische Liebesgeschichte" zwischen ihm und Mayumi scheinbar zu Ende sein, bevor sie wirklich begonnen hatte… Und er Idiot hatte schon begonnen, sich sorgen darüber zu machen, was er machen sollte, falls sie ihn fragte, ob er ihr Freund sein wollte…
Es war einfach nicht fair, aber es ließ sich wohl nicht ändern; Davon, dass sein Leben nichts mit dem eines „klassischen" Superhelden zu tun hatte, konnte er ohnehin ein Liedchen singen.
So blieb dem Third Child nichts anderes übrig, als tief seufzend sein Leben zu verfluchen, und sich zu überlegen, wie er sich am besten von ihr verabschieden sollte.
Eine mögliche Verbindung zwischen der Nachricht von Mayumis baldigem Wegzug und Asukas untypischer guter Laune erkannte er ebenfalls nicht, auch wenn er ihre Versuche, ihn auf ihre eigene Art aufzumuntern, durchaus zu schätzen, auch, wenn sie ihn eher verlegen (und teils auch ziemliche Angst) machten als munter.
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„Und, und, wie war das noch mal mit meinen Eiern…?"
Touji seufzte, angesichts der stets putzmunteren Nervensäge, die Kensuke bisweilen sein konnte, endgültig aufgeben. „Na gut, na gut, du hast ja recht. Ich gebe es ja zu: Eier oder nicht, diese Typen vom NERV-Sicherheitsdienst sind Profis…"
„Na bitte, geht doch." Strahlte Kensuke.
„Trotzdem, diese Sicherheitslady war gruselig…"
„Das ist dieselbe Tuss, die damals gekommen ist, um sich Shinji zu schnappen."
„Okeh, okeh… Apropos schnappen, es war gut, das wir verhindern konnten, das Mitsurugi und die Klassensprecherin nichts von unserem kleinen Ausflug mitbekommen haben…"
„Dafür werden es spätestens heute Abend unsere Eltern wissen... Menno, und dabei hatte ich meinen Vater endlich überzeugt, dass er mir diese limitierte Sammlereditionen von diesen Modell-Kriegsschiffen kauft… Übrigens inklusive eines maßstabsgetreuen Modells der IJN Shikinami."
„Was…?" Touji, der eben noch seinem vermutlich bald verflossenen Taschengeld nachgetrauert hatte, kriegte sich vor Lachen nicht mehr ein. „Es gibt ein Kriegsschiff namens „Shikinami"?"
„Yap."
„Oh mein Gott… Das muss ja ein ziemlich gruseliges Kriegsschiff gewesen sein."
„Na ja, eigentlich gab es das Schiff, bevor es die Shikinami aus unserer Klasse gab…"
„Ihr Gruseligkeitsfaktor überwindet eben die Zeiten!"
Das war alles, was es brauchte, damit die beiden Jungs in lautes Lachen ausbrachen.
„Und dann haben wir sie auch noch ausgerechnet auf einem Kriegsschiff kennen gelernt!" prustete Touji.
„Das war doch ein Flugzeugträger! Die „Shikinami" war ein Zerstörer, dass ist was ganz anderes."
„Weißt du, Kensuke, für mich sind das alles einfach nur Schiffe mit Kanonen dran. Andererseits, unsere „liebe Freundin" aus dem Westen ist in der Tat ziemlich… zerstörer-isch."
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In dieser und ähnlicher Manier setzten die Jungs ihren allmorgendlichen Weg in die Hallen der Bildung fort, wobei der übliche Schulweg heute alles andere als „üblich" aussah – Zerstörte Gebäude zu ihrer linken, zerstörte Gebäude zu ihrer Rechten, nur die Schule war durch einen Wink des Schicksals ganz geblieben.
Aufregen konnten sie sich darüber nicht, da sie zum fraglichen Zeitpunkt selbst im Inneren dieses Gebäudes gewesen waren, aber wirklich froh waren sie darüber auch nicht.
Man hätte doch erwarten können, dass man ihnen wenigstens einen Tag frei geben würde, nachdem die halbe Stadt in Schutt und Asche gelegt worden war. Doch anderseits gehörten diese Kämpfe hier ja fast zum Alltag – würde man nach jedem davon eine Ausnahme gewähren, würde man in ihnen erstarren und das normale Leben in dieser Stadt würde zum Stillstand kommen – Die Show musste also weitergehen, und es waren ja auch Vorkehrungen getroffen worden, um das zu ermöglichen – Da die ganz großen, zentralen Gebäude zur Zeit des Kampfes tief unten in der Geofront verstesteckt gewesen waren, war zumindest ein gewisses Mindestmaß an Infrastruktur sichergestellt; Man konnte noch einkaufen gehen und viele konnten auch gleich weiter arbeiten – Es war wichtig, es gerade wenn wieder eine größere Abwanderungswelle bevorstand, irgendwie die Ökonomie am Laufen zu halten, und auch mit dem Wiederaufbau ließ man sich keine Zeit – Einige Bereiche waren noch gesperrt, weil dort noch die Entsorgung des Sees aus roter Matschepampe lief, in die der Engel sich verwandelt hatte. Doch die Straßen waren in dieser Nacht noch geräumt worden, um dem morgendlichen Berufsverkehr Platz zu machen, und auch wenn einige der unglücksseligen Gebäude immer noch als unangetasteter Schutt am Boden lagen, konnte man mit einem einzigen Blick über die Skyline verfolgen, wie die fraglichen Bereiche mehr und mehr mit Kränen und Baugerüsten überwuchert wurden wie mit einer Art Flechte, auch, wenn der Kontrast zwischen den ruinierten Gebäuden und ihren schillernden Geschwistern aus der Geofront schon krass war.
Aber an sich wurde doch vieles getan, um ihnen das Leben hier annehmlich zu machen, auch wenn sich nicht ändern lies, dass das hier ein Kriegsgebiet war.
Eine dieser „Annehmlichkeiten", wobei der Begriff in dieser Hinsicht relativ war, bestand auch darin dass solange die Schule noch stand auch Unterricht stattfinden würde.
Und mit Unterricht war auch Unterricht gemeint – Als der Weg der beiden Jungs in ihrem Klassenzimmer geendet hatte, war die schöne Tafelanschrift, die das baldige Kommen des Schulfestes verhieß, zwar noch da, aber irgend ein Spaßvogel hatte sie treffenderweise mit einem großen, roten „X" dekoriert.
„Die Party wäre dann wohl geplatzt…" kommentierte Touji.
„Hätte ich mir eigentlich denken können…"
„Stimmt…"
„Ach ja, was ist eigentlich mit der Neuen?"
„Noch im Krankenhaus, aber wir werden sie wahrscheinlich nicht wiedersehen… Sie hat scheinbar ihr Haus verloren, und jetzt will ihr alter Herr scheinbar eins, das eine geringere Wahrscheinlichkeit hat, von irgendwelchen Riesenrobotern zertrampelt zu werden."
„Tja, da kann mal wohl nichts machen…" kommentierte Touji. „In dieser Stadt ist halt echt der Wurm drin… Ach ja, wo ist eigentlich Shinji hin."
„Der ist gleich da drüben." Berichtete Kensuke, wenig enthusiastisch auf eine Traube von Mädchen deuten, die scheinbar mal wieder dabei waren, sich Asukas in der Regel ziemlich dramatisierte, und obligatorisch in Bezug auf ihre eigenen Anteil an dem Kampf aufpolierte Erzählung über den letzten Kampf anzuhören, die selbst den Begriff „Jägerlatein" nicht mehr verdient hatten.
Shinji stand wenig begeistert daneben und ließ sie nur machen – Zunächst fühlte sich Touji ja versucht, zu ihm hinüber zu rufen, was das lange Gesicht sollte, wenn er doch so populär bei die den Damen war, aber der Grund für Shinjis mangelnden Enthusiasmus war dann doch schnell ersichtlich.
„Und dann habe ich das schleimige Rieseninsekt schließlich platt gemacht wie eine Ameise unter einem Wanderstiefel… Natürlich hätte ich das auch ganz allein geschafft, aber dieses Mal hatte ich ausnahmsweise Mal auch so was wie nützliche Unterstützung, und zwar von ihm hier!" Asuka deutete mit einer ausladenden Geste auf Shinji.
„Ich weiß, er sieht wirklich nicht so aus, (und meistens liegt man gar nicht so falsch damit, nach seinem Aussehen zu gehen) aber wenn er will, dann kann er wirklich ein Maß an Mut und ein Abbild von Männlichkeit sein!"
Shinji konnte nicht sagen, ob das Sarkasmus war, oder nur ein ganz normaler Witz.
„Ach, dann stimmt es, dass ihr miteinander geht…?"
„Ich gebe zu, dass er definitiv eine bessere Wahl wäre, als 99% der gehirnamputierten Jungs auf dieser Schule, aber mein Herz hat sich schon vor einer langen Zeit für Kaji-san entschieden!"
„…Armer Ikari-kun."
„Es muss wohl eine einseitige Liebe sein."
„Wie tragisch…."
„Ach ja, Mädels, hab ich euch überhaupt schon von Kaji-san erzählt? Er ist wirklich der Mann unter den Männern…"
Touji musste sein Lachen zurückhalten. „Na dann, Prost Mahlzeit! Armer Shinji… Na ja, wenigstens ist Shikinami beschäftigt und lässt uns in Ruhe."
„Oh ja!" stimmte Kensuke zu, sich genüsslich in seinem Stuhl zurücklehnend.
„Ruhe und Frieden sind einfach das Beste!"
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„Dann warst du also dabei, bei dieser Sache mit Yamagishi-san?"
„Yep. Auch wenn Dr. Akagi das meiste gemacht hat."
Nagatos sonst eher starre Gesichtszüge entspannten sich zu einem seltenen Lächeln.
„Ich bin richtig stolz, einen Vater zu haben der an solchen großen Dingen arbeitet, wie die Rettung der Menschheit…"
Der ältere Mitsurugi hatte sich nicht nur deshalb von seinem Sohn abgewendet, weil er mit dem Abwasch zu tun hatte; Er hörte aus seiner Stimme heraus, dass er gerade jetzt lächeln musste, und wenn er es sich erlauben würde, mit diesem Lächeln konfrontiert zu werden, dann würde er sich unweigerlich auch damit auseinandersetzen müssen, dass er es nicht verdient hatte.
Spätestens jetzt war es ihm klar, nachdem er mitangesehen hatte, wie sie dieses blasse, schwächliche Mädchen aufgeschnitten hatten – Sie musste auch irgendjemandes Tochter sein, und es fiel ihm nur all zu leicht, sich Nagato an ihrer Stelle vorzustellen.
Also drehte er sich weg, auch, um seinen eigenen Gesichtsausdruck zu verstecken.
Mitsurugi Minoru hasste diese Ungewissheit, er hasste diesen falschen Frieden…
Er hatte diese Situation nicht gewollt, alles, was er sich gewünscht hatte, war es, gerade dieses Lächeln noch einmal wiederzusehen.
Er hatte nicht die Weitsicht gehabt, um zu begreifen, dass er es nicht zurückgekauft, sondern nur ausgeborgt hatte.
Oder vielleicht hatte er sie auch nicht haben wollen.
In diesem Fall war es seine Sünde; Noch ein Grund, sich wegzudrehen.
Vielleicht hatte er sie nicht haben wollen, weil es bedeutet hätte, aufzugeben.
Hätte er damals anders gehandelt, hätte er niemals diese Zeit hier haben können…
Nagato schien glücklich zu sein, vielleicht glücklicher, als er es seit dem Tod seiner Mutter je gewesen war…
Also warum reichte das nicht aus, um sein verdammtes Gewissen endlich zum Schweigen zu bringen?
Machte es keinen Sinn, jetzt zu lachen, wenn man wusste, dass man später einmal weinen würde?
Endete nicht jedes Leben irgendwann, ohne dass es die Fähigkeit der Menschen trübte, sich zu freuen?
Waren Menschen etwa solch sinn- und ziellose Geschöpfe, dass sie nur Hoffnung haben konnten, weil sie nicht sahen, wie der Tod genau hinter ihnen stand und ihre Hälse langsam aber sicher mit seiner Sense umzingelte?
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Er schätzte, dass dies nun das dritte Mal war, dass er das NERV-Hauptquartier betrat, ohne explizit hergebeten worden zu sein, aber ganz sicher war er sich da inzwischen auch nicht mehr – Begann das inzwischen, Teil dessen zu werden, was er als Normalität kannte?
Er schätzte, dass es darauf ankam, ob er in Zukunft weitere Gründe dazu haben sollte, oder nicht.
Der Grund, der ihn dieses Mal herführte, war zumindest ein anderer als bei den letzten beiden Malen: Gleich, nachdem er heute aus der Schule entlassen worden war, war er auch los, um Mayumi zu sehen – Es war ein glücklicher Zufall, dass er sich erinnert hatte, wo dieser Buchladen war, an dem er sie damals getroffen hatte – So kam er zumindest nicht mit leeren Händen. Natürlich konnte er nur hoffen, dass Mayumi die zwei Bücher, die er da gekauft und noch in derselben braunen Tüte mitgeführt hatte, in der der Verkäufer sie ihn eingepackt hatte, nicht schon besaß, und dass sie ihr, falls sie sie noch nicht hatte, auch gefallen würden.
Er kannte sich mit so etwas nicht aus, also hatte er sich einfach etwas vom Verkäufer empfehlen lassen; auch hatte er kurz mit sich debattiert, ob er nicht nach einem Geschäft suchen sollte, wo er irgendwas wie eine Schnur oder ein Geschenkband erwerben könnte, um die schlichte, braune Tüte wenigstens mit einer Schleife verzieren zu können, kam aber letztlich zu dem Schluss, dass er jetzt nicht eine halbe Stunde damit verschwenden wollte, einen Laden zu suchen, von dem er nicht einmal wusste, ob es so etwas hier in der Gegend überhaupt gab, und hatte sich auf den Weg zum Hauptquartier gemacht, wo er dann zunächst überraschend seine Probleme damit hatte, überhaupt die Krankenstation zu finden – Bis jetzt war er dorthin immer bestenfalls eskortiert und im schlechtesten Falle bewusstlos hin gekarrt worden, sodass er nie wirklich dazu gekommen war, sich den Weg zu merken, und letztlich nicht umhin kam, ein paar vorbeilaufende NERV-Mitarbeiter nach dem Weg zu fragen.
Als er die Kranstation selbst dann erreicht hatte, wurde er vom dortigen Personal dann aber sofort erkannt, und an dem Korridor, in dem auch sein „üblicher" Raum lag, vorbei direkt zu Mayumis Zimmer geführt.
Die Krankenschwester, die ihn aufgegabelt hatte, war obendrein so freundlich ihm zu erzählen, dass es bei Mayumi zu keinerlei weiteren Komplikationen gekommen war, und dass man sie morgen wohl entlassen würde… was auch hieß, dass er schon bald das letzte Mal sehen würde.
Was ihn dennoch beunruhigte, war die Tatsache, dass er sich nicht erinnern konnte, diese Krankenschwester jemals getroffen zu haben – Kannte sie ihn einfach nur vom Hörensagen her und hatte irgendwo ein Bild von ihm gesehen, oder war sie es gewesen, die ihn vor einer Weile im „knusprig frittierten" Zustand des Plugsuit vom Leib geschält hatte?
Der Gedanke daran war… unangenehm und ließ ihn trotz der wirklich lobenswerten Freundlichkeit der Dame erst einmal aufatmen, als diese ihn dann vor der entsprechenden Tür allein ließ – Man hatte Mayumi seit gestern in einen anderen Raum verlegt – Dieser hatte in seiner Wand keine Glasscheibe.
Shinji hoffte zutiefst, dass das bedeutete, dass sie die ganze Maschinerie in dem anderen Raum nicht mehr gebraucht hatte.
Nun wurde es aber Zeit.
Zeit, dass er seine Hand zu diesem Türknauf bewegte.
Es war doch nicht so schwer – sich mit der anderen Hand der Bücher vergewissernd, die er gekauft hatte, und sich damit daran erinnernd, dass er hier sozusagen etwas „auszuliefern" hatte, legte er los.
Ja, genau so, das war doch gar nicht so schwer.
Außer, dass er gerade, als er den Türknauf fest gegriffen und zu zwei Dritteln aufgedreht hatte, Schritte vernahm. Von plötzlicher Angst ergriffen, dass man ihn etwas fragen könnte, worauf er nicht sachgemäß antworten konnte oder wollte, drehte er sich zunächst einmal um, zuerst ohne die Finger vom Türknauf zu lösen – Hinter ihm stand ein hochgewachsener, dunkelhaariger Mann, der ein elegantes, minimalistisches, silbernes Brillengestell auf der Nase trug.
Das Third Child hatte ihn noch nie zuvor gesehen.
„Was machst du hier?" verlangte der Fremde schroff zu wissen.
„Ich…. Ich… ich mache hier… gar nichts…" versuchte er zu erklären, sich jetzt ein Stück weit von der Tür entfernend.
„Na, das wollen wir doch mal hoffen."
Und dann nahm der Fremde den Türknauf selbst in die Hand und trat ohne zu zögern ein.
Shinji brauchte nicht lange, um zu begreifen, wer das wohl sein musste, und zu sehen, dass diese Person scheinbar hier war, um Mayumi zu sehen, führte ihm vor Augen, dass eine andere Person nicht hier sein würde, wenn er sich in Mayumis Situation befinden würde…
Auch, wenn er hätte warten können, bis dieser Mann den Raum wieder verließ, auch, wenn er sich hätte verstecken können, um Nachfragen zu vermeiden, so hatte er doch seinen Willen verloren, sie zu sehen.
Er hatte dieses Gefühl des nicht-dazugehörens, des ganz-weit-weg-seins, mit dem er einfach nicht umgehen konnte.
Sie hatte etwas, was er nicht hatte, und das gefiel ihm nicht; Vielleicht war er missgünstig, ja, höchst wahrscheinlich; Er hatte sich gestern nicht getraut, Misato zu fragen, ob sie ihn für einen schlechten Menschen hielt und der Grund, wie es ihm immer stärker klar wurde, war, dass er die Antwort bereits kannte, und zu feige gewesen war, um sie zu hören.
Oder wenn keine Missgunst, dann war es einfach nur Unsicherheit oder Verzweiflung – Was auch immer es war, er konnte sich denken, dass diese Empfindung aufhören würde, Sinn zu machen, wenn er einmal wirklich darüber nachdenken sollte, und daher vermied er es.
Wäre er nicht davongerannt, wäre er vielleicht zu einer Statue erstarrt und nie im Leben von dieser Stelle weggekommen, auf ewig gelähmt von der schweren, teergleichen Schwärze, welche die Quelle seiner Gefühle zu verkleben drohte, wenn er es nicht irgendwie schaffen sollte, sie herauszuschütteln.
Eben noch waren seine Gedanken erfüllt gewesen von Zielen, von Dingen, die er Mayumi mit auf den Weg geben wollte, von großen, wichtigen Dingen, doch in dem Augenblick, indem er den Gedanken an diesen Mann nicht mehr zurückhalten konnte, wann immer seine Versuche, zu verdrängen, wie sich der schlimmste Moment seines Lebens, eine seiner ersten und zugleich die schmerzlichste Erinnerungen sich in seinem Innersten immer und immer wieder wiederholte, wie der fragliche Teil einer defekten Schallplatte, in seine Seele gepresst wie ein Zeichen auf seiner Haut, dass er einfach nicht hinfort waschen konnte, sah er sich zu nichts anderem reduziert als demselben hilflosen, kleinen Kind, dass er damals gewesen war, als er ihn fortgeworfen hatte, wie den an den Rändern klebenden Rest in einer Getränkedose, die man halbherzig, aber dennoch mit verformender Gewalt in einen Mülleimer gestopft hatte, nachdem sie ausgiebig benutzt hatte, bis sie nicht mehr zu gebrauchen war.
Er konnte nicht das Gefühl abschütteln, dass er sie noch hören konnte, die Schritte, die seinen Vater am Vortag in exakt diesem Korridor in einer geraden Linie an ihm vorbei geführt hatten, durch das vergehen der Zeit immer leiser, leiser und leiser geworden, aber nie ganz verstummt.
Wenn es die Geräusche nicht waren, dann war zumindest die Wunde, die sie gestern gerissen hatten, noch blutig und frisch, und jetzt, wo niemand hier war, an den er sich klammern konnte, hinderte sie nichts daran, einfach wieder aufzubrechen;
Nein, den Mut oder die Stärke, um Mayumi zu besuchen, hatte er jetzt definitiv nicht mehr –
Im Angesicht seines Vaters wurde alles, was er zu erreicht haben glaubte, bedeutungslos.
Was machte er sich da eigentlich vor?
Die Distanz zwischen ihnen war nicht das kleinste Fitzelchen kleiner geworden.
-
Was Shinji nicht wusste war, dass der Mann, der Mayumis Zimmer soeben betreten hatte, nichts war, um das man sie beneiden müsste.
Seine erste Amtshandlung beim Betreten des Klassenzimmers bestand darin, seiner Tochter, die sich zum Lesen eines Buches in ihrem Krankenbett aufgesetzt hatte, in routinierter Manier eine schallende Ohrfeige zu versetzen.
„Mayumi!" brüllte er. „Bist du denn von Sinnen?"
Noch bevor die Meldungen über den Schmerz ihr Gehirn erreichten, hatte sie schon ein Stoßgebet dafür in den Himmel gewusst, dass er doch bitte nicht… darüber bescheid wissen sollte, dass er nur sauer war, weil sie nicht im Schutzraum geblieben war…
Was… passiert war, hatte sie nur in dem Gedanken gemacht, dass sie nie dafür gerade stehen müssen würde, dass sie nicht mehr da sein würde, um die Fragen zu beantworten…
Ein trügerisches Gefühl der Freiheit war es gewesen, für dass die Realität, von der sie sich abgewendet hatte, nun bestraft wurde…
Trotzdem war sie froh… das sie noch hier war.
Sie hatte entschieden, dass sie noch hier sein wollte und dass sie sich darüber freute, und das würde auch diese Person ihr nicht zu Nichte machen – Sie zitterte, musste sich an ihrer Decke festkrallen, ihre ganze Köpersprache war unterwürfig und furchtsam wie eine zu aller Zeit fluchtbereite Spitzmaus, aber dennoch zwang sie sich dazu, ihm wieder in die Augen zu sehen; Sie allein waren stählern.
Auch, wenn sie das Trommelfeuer an harten Worten, das nun folgte, schon mit hellseherischer Gewissheit herannahen gespürt hatte, war es doch schmerzlich, ihm standhalten zu müssen, aber sie versuchte es; Es ging nicht darum, besonders souverän oder beherrscht zu wirken; Schon, nicht in Tränen auszubrechen oder um Vergebung zu betteln wäre schon ein Sieg.
„Ich… ich weiß ich… hätte den Schutzraum nicht verlassen sollen, aber es gab da etwas das ich unbedingt-"
„Oh, ich weiß genau, was du vor hattest… du selbstsüchtiges, egostisches Stück. Hältst diese Welt wohl für unter deiner Würde, was? Zu sagen, das dir „alles zu viel ist" ist sehr einfach, junge Dame! Was mit mir und allen anderen wird, was wir fühlen, wenn du deinen tollen Stunt abziehst, war dir wohl herzlich egal, wie… Solchen irrsinnigen Nihilismus habe ich dir nicht beigebracht, Mayumi! Du hast mir wirklich einen Kummer gemacht, und eine Schande!"
Da ging es wieder, das gute alte Ritual; Spätestens jetzt war der Teil gekommen, wo es von ihr erwartet war, dass sie eingestand, dass sie Unrecht hatte und um die Gnade seiner Vergebung bat… Dass das hier nicht die gewöhnliche Standpauke wegen einer weniger als idealen Note war, sondern der „Streitpunkt", soweit man ihre recht einseitigen Austauschen, die von ihrer Seite aus zumeist nur aus „Ja"s und eiligem Nicken zu bestehen pflegten, überhaupt als „Streit" bezeichnen konnte, damit zu tun hatte, änderte herzlich wenig.
Er weigerte sich nach wie vor, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass der Fehler irgendwie bei ihm liegen könnte, dass er ihr wehgetan haben könnte…
Er nahm sie nicht ernst, in seinen Augen war alles, was sie tat, eine kindische Phase, ihre großen Fragen, ihre tiefen Sorgen, ihre wichtigsten Entscheidungen… wenn er es ernst nehmen würde, würde er nicht so darauf spucken, oder?
Doch sie hatte schon längst entschieden, dass sie genug hatte.
Sie war nicht der Typ, der zu Hass oder Groll in der Lage war, dass sie einfach ein schwaches, sein, sanftes Wesen hatte, war etwas, womit sie leben musste…
Sie wünschte sowohl den vielen Kindern, die sie ausgegrenzt oder übersehen hatte, als auch diesem Mann nichts Übles, aber sie wollte nicht mehr leiden müssen.
Es war ganz, wie Ikari-kun es gesagt hatte? Warum sollte sie es sein, die dafür diese Welt verlassen musste…?
Sie sah nicht ein, dass sie das hier verdient haben sollte… oder nein, vielleicht hatte sie es vorher verdient, weil sie es hatte gefallen lassen, aber wenn das den Unterschied machen würde, dann war es etwas, dass in ihrer Macht lag…
Es war ein seltsames Gefühl, als würde sie irgendwo hoch oben stehen, wo sie den kühlen Wind auf ihrer Haut spürte, wie auf diesem Hochhaus, aber statt der Tiefe war es der Himmel, der zu ihr rief.
„N-nein…"
Es war kein großer, dramatischer Ruf, fast ein flüstern, aber nur fast; So leise, dass man die Absicht, die Worte zu verstecken in den Ton hätte hineinlesen können, in dem sie gesprochen waren, war es nicht.
Sie hatte das ganz bewusst, und ganz gerichtet gesagt, speziell adressiert an die einzige Person, die hier war, um es zu hören. Eine Person, die dieses Wort wohl seit sehr, sehr langer Zeit nicht ins Gesicht gesagt bekommen hatte.
„Was hast du da gesagt…?"
„Ich… ich sagte nein…!" Ihr ganzer Körper zitterte, und ihre Stimme tat es auch, aber egal, wie viel Überwindung es sie kostete, sie weigerte sich, ihren Blick abzuwenden.
„Was soll das heißen, nein?"
„Nein heißt nein… Ich… ich denke nicht, dass… das das so richtig ist…"
Es klang seltsam, darüber nachzudenken nach dem was… passiert war, aber als sie älter geworden war und begriffen hatte, was… ihre Mutter da für ein Schicksal ereilt hatte, hatte sie begonnen, viel darüber nachzudenken. Darüber, warum so etwas geschah, und warum Menschen so etwas taten… Die Assoziation, die… so was oft mit Arroganz und Egozentrismus bekam, hatte sie von Anfang an nicht verstanden – Eigentlich gab es Zwei möglichen Gründe, wegen denen Menschen so etwas taten.
Einer war die Quelle von Erzählungen, die über Herrscher, Krieger und Philosophen erzählt wurden, die ein unrechtes Urteil akzeptiert oder aber den Tod gewählt hatten, um dem Feind nicht erlauben, ihren Tod zu einem Spektakel zu machen oder aber um zu vermeiden, dass sie unter Folter zu Verrätern wurden; Das war die Wahl, die protestierende Mönche oder Freiheitskämpfer trafen, wenn sie in Hungerstreik gingen oder sich selbst in Brand steckten; Das war die Entscheidung derer, die von grausamen Regimes verfolgten Unterstützung boten, auch, wenn sie den Preis kannten. Dies waren Taten, mit denen man seinen Stolz oder seine Würde beschützte, oder aber ein anderes, wichtiges Ideal; die Tatsache, dass ein Mensch so etwas über seinen Selbsterhaltungstrieb stellen konnte, war der ultimative Beweis dafür, dass der Mensch keine bloße Instinktmaschine von Genen und psychologischen Einflussfaktoren ist; Es war die selbe Fähigkeit, die einem erlaubte, ein Märtyrer zu werden oder sein eigenes Leben für jemand anderes herzugeben – Unabhängig davon, dass nicht jedes Ideal für das jemand gestorben war, auch erstrebenswert war, oder davon, dass man jetzt debattieren könnte, ob der Tod der betreffenden dem Ideal wirklich gedient hatte, war an diesen Handlungen doch immer etwas nobles, erhabenes, über die niederen Vorzüge dieser Erde hinausgehendes…
Aber die meisten Menschen waren keine Helden oder Märtyrer.
Die meisten derer, die diese Welt durch ihre eigene Hand verließen, waren einfach nur einsame, fehlgeleitete Menschen, die in einer dunklen Stunde, überkommen von Gefühlen, die es ihnen unmöglich machten, über die Schmerzen des Hier und jetzt hinwegzusehen, deren Urteilsvermögen vielleicht noch zusätzlich durch Drogen oder Krankheiten getrübt sein konnte, einfach einen verzweifelten Schritt wagten, weil niemand ihnen gesagt hatte, dass sie auf dieser Welt sein dürften, oder, weil sie sich selbst daran gehindert hatten, diese Worte zu hören.
Man sprach hier von Menschen, die nie ihren Wert erkannt hatten, die nicht gewusst hatten, dass sie ein Loch in diese Welt reißen würden und vermutlich geblieben wären, hätten sie geahnt, dass ihr Verschwinden einen Unterschied machen würde…
Auch hierin konnte Mayumi keine Arroganz oder Undankbarkeit erkennen.
Es war einfach nur traurig.
Dass ihre Mutter gestorben war, war traurig.
Aber es war ihr nie wirklich erlaubt gewesen, traurig zu sein – Sei es aus einer Wut auf die Frau heraus bedingt, die ihn „verlassen" hatte, oder anderweitig zu begründen, ihr Vater hatte es nie gern gesehen, dass sie sich mir irgendetwas beschäftigte, dass mit ihrer Mutter zu tun hatte…
Sie hatte ihre Trauer in sich gehalten und versteckt, und mit der Zeit gelernt, es mit all ihren Gefühlen so zu machen – Dieser Mann war niemand, dem sie eine Schwäche Zeige zeigen konnte, und durch ihn lernte sie, diese Welt und die Menschen darin als feindselig und angsteinflößend wahrzunehmen, sodass sie selbst dann Schwierigkeiten hatte, sich anderen zu öffnen, als sie in der Schule Menschen begegnete, die mit ihren Vater nichts zu tun hatten…
Aber das alles sollte jetzt zu Ende sein.
Wenn sie von den Ereignissen der letzten Tage eines gelernt hatte, dann, dass ihren Tränen freien Lauf zu lassen, auch eine Art von Mut sein konnte…
Die Gefühle, die sie hegte, waren nicht immer nobel oder richtig, aber es waren ihre, es war das, was sie zu ihr selbst machte… und dafür, dass sie sie selbst war, hatte sie sich lange genug geschämt.
Mehr als das brauchte es auch nicht, um die Augen ihres Gesprächspartners zu Weiten…
Mit einem Mal offenbarte sich ihm, was das Mädchen, das er bestenfalls von allem, was mit ihrer Mutter zu tun hatte, fernhalten wollte, damit sie nicht deren Pfad ins Nichts einschlug, und schlechtesten falls einfach nicht hatte ertragen können, weil sie ihn mit ihrer Ähnlichkeit und der Art, wie sie sich an deren Besitztümer geklammert hatte, an den schmerzlichen Verlust seiner Frau erinnert hatte, wirklich war, und wo sein Platz lag.
In all den Jahren, wo er der Meinung gewesen war, dass er durch sein hartes Durchgreifen ein Opfer gebracht hatte, um sie mit aller Macht vom falschen Weg abzuhalten, war er in Wahrheit nur ein Hindernis gewesen, ein Klotz der sie an ihrem Bein hängend wie ein Mafiosi-Betonschuh dabei gestört hatte, zu fliegen… Er hatte ihr nur im Weg gestanden, eine Hürde, die sie nun letztendlich überwunden hatte.
Die Entschlossenheit, mit der sie trotz ihrer offensichtlichen Furcht in seine Augen starrte, führte ihm vor Augen, dass sie gerade etwas geschafft hatte, was er in seinem ganzen Leben nicht fertigbracht hatte… Er selbst war immer eines Feiglings gewesen, unfähig, sich seinem eigenen Vater oder irgendwelchen anderen Menschen in den Weg zu stellen… Vielleicht hatte er gerade deshalb solch eine harte Kontrolle über seine Frau und seine Tochter ausgeübt, um wenigstens in seinem eigenen Haus die Macht zu haben.
Das war wohl das schlimmste daran, dass er seine Fehler gemacht hatte, obwohl er die Pein, die er anderen dadurch zugefügt hatte, selbst am besten kannte.
Machtlos stand der diesem Mädchen gegenüber und war gezwungen, sich einzugestehen, dass sie stärker war als er.
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Es blieb wohl nur noch übrig zu sagen, dass sich die Verhältnisse im Hause Yamagishi von diesem Tag an bedeutend änderten.
Ob es das Third Child wohl glücklich gemacht hätte, wenn er gewusst hätte, was er bewirkt hatte?
Das Fragezeichen hatte durchaus seine Berechtigung und nahm sie daher, das der EVA-Pilot im selben Augenblick dabei war, allem Glück, dass er bis jetzt erfahren hatte, die Wirklichkeit abzusprechen und einzusehen, dass er auch in der Zukunft, so real, wie diese jetzt auch immer sein mochte, keines zu suchen brauchte;
Das Treffen mit Mayumis Vater, oder vielmehr die sorgsam verdrängten Gedanken an seinen eigenen Vater und die Art, wie dieser einfach an ihm vorbei gelaufen war und wie alle anderen etwas zu haben schienen, was er nie besessen hatte, hatte ihm schlichtweg den Wind aus den Segeln genommen und ihn wie ein driftendes Wrack zurückgelassen, das völlig verlassen war bis auf ein paar vergessene, blinde Passagiere welche dadurch, dass sie sich versteckt hatten, nie erfahren hatten, dass man das stetig weiter sinkende Schiff schon vor einer langen, langen Zeit verlassen hatte; Shinji kümmerte er gar nicht mehr, wohin er lief, er wollte nur da weg, an welchem Ort er sich statt dessen befinden würde, war völlig nebensächlich.
Bald war er nicht einmal mehr am Rennen, sondern lief nur noch, ziellos, auch, wenn er sich davor hütete, anzuhalten, bei einem Schritt nicht wissend, wo der nächste hingehen würde, als triebe ihn ein tierischer Instinkt oder eine hexenhafte Verwünschung, wie ein Werwolf, der dem Mond nachlief, oder ein kleines Kind, das hilflos dem Luftballon hinterher sah, den es versehentlich losgelassen hatte, schmerzlich beobachtend, wie der farbenprächtige Punkt weiter und weiter in der Atmosphäre verschwand, und nicht einmal Gelegenheit habend, ihm dabei zuzusehen, weil einen alles drum herum zum Weitergehen drängte.
Es war einfach zu viel, zu oft, und immer alles auf einmal, in jeder möglichen Hinsicht…
Das Geschehnis eben war nur der Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht und die zerbrechliche Balance zertrümmert hatte.
Er konnte nicht mehr, er wollte nicht mehr, es ging nicht mehr...
Dabei hatte heute Morgen alles noch ganz anders ausgesehen, oder war das nur eine Illusion…?
Shinji hätte es sich sagen können, er wurde aus diesem wilden Mischmasch aus Gefühlen einfach nicht schlau, und, jetzt, wo er daran dachte, genau so wenig aus seiner Umgebung – Er hatte einfach nicht mehr darauf geachtet, wohin er gelaufen war, und nun hatte er eben so wenig Ahnung davon, wohin es ihn verschlagen haben könnte – Der Korridor wirkte etwas düsterer als die meisten anderen, aber viel mehr konnte er darüber auch nicht sagen – Mit der Krankenstation, auf der er seine letzten sinnvollen Gedanken gefasst zu haben glaubte, hatte diese
Er musste irgendwo tief im Herzen des Labhyrinths sein, tatsächlich würde es ihm beim gegenwärtigen Verrücktheitsgrad seines Lebens nicht wundern, wenn demnächst eine Art Minotaurus um die nächste Ecke gesprungen käme.
Es war, als wollte das Schicksal sein grausames Werk auch noch mit einer Kirsche garnieren – Jetzt war er nicht nur deprimiert, nein, jetzt hatte er sich auch noch verirrt.
Auch noch an seinem eigenen Arbeitsplatz.
Als ob das heute Morgen mit Asuka nicht schon genug gewesen wäre…
Er konnte sich sehr gut vorstellen, was sie wohl so in etwa sagen würde, wenn sie ihn jetzt sehen könnte – er musste wohl einen ziemlich lachhaften Anblick abgeben.
Wenn sie hier wäre, würde sie ihn wohl mehr oder weniger brüsk dazu auffordern, sich zusammenzureißen…
„Ikari-kun?"
(1) Ob Rei unseren Protagonisten etwas aufmuntern wird oder nicht erfahrt euch in Kapitel 20: [Bildflimmern]
