Im Lager
Nachdem ich etwa zwei Stunden in meiner Zelle gesessen hatte, wurde mir etwas zu Essen gebracht, doch wie damals in Durzas Gefangenschaft gab ich nur vor etwas davon zu mir zu nehmen, indem ich das Wasser, wenn nicht hingesehen wurde, auf den Boden schüttete und das Brot einfach in meine Tasche steckte. Denn ich war mir sicher, dass sie die Droge gegen meine Magie in das Essen gemischt hatten, genau wie damals als ich in Gil'ead gefangen gewesen war. Jetzt war ich auch sehr froh, dass ich Murtagh nie erzählt hatte, wie ich mich zu jener Zeit ohne seine Hilfe aus der Zelle befreit hatte.
Damals hatte es fast einen ganzen Tag gedauert, bis die Droge ganz aus meinem Körper heraus war. Doch dieses Mal spürte ich schon nach den knappen zwei Stunden, die ich hier war, wie sie langsam, aber stetig, nachließ. Ich wusste nicht woran es lag, aber ich vermutete, dass meine elfischen Eigenschaften eine bessere Abwehr dagegen haben musste. Die Zeit, die es noch dauern würde verbrachte ich aber nicht untätig. Aufmerksam beobachtete ich das Treiben um meine Zelle herum. Auf dem kleinen freien Platz, auf dem meine Zelle platziert war, standen nur drei Wachen für mich ansonsten liefen öfters einmal weitere Soldaten vorbei, ohne jedoch innezuhalten.
Zwei weitere Stunden später konnte ich schon wieder leicht das Bewusstsein anderer Menschen um mich herum wahrnehmen. Unbemerkt würde ich also nicht durch das Lager kommen, dazu waren zu viele Soldaten hier. Ich tastete nach dem Dolch in meinem Stiefel, als sich ein Plan in meinem Kopf formte. Zwischenzeitlich kam auch Murtagh noch einmal vorbei. Er schien den Fehler in seinem Plan immer noch nicht bemerkt zu haben. Er versicherte sich bei den Wachen, ob ich meine Mahlzeit auch gegessen hatte. Ahnungslos wie sie waren bejahten sie es. Zufrieden zog er wieder von dannen, um sich anderen Dingen zuzuwenden, die hier wohl seiner Aufmerksamkeit bedurften. Immerhin hatte er augenscheinlich das Kommando über dieses Lager.
Ich konnte nicht genau abschätzen, nach wie vielen Stunden meine Magie zurückkehrte, doch in einem Moment setzte ich mich ein wenig ruckartig auf, denn ich spürte die Energie in meinem Inneren. Ich musste also nur noch den richtigen Moment abwarten. Die Soldaten, die mich bewachten hatten glücklicherweise keinen großen geistigen Schutz, oder sie hielten ihn nicht aufrecht, da sie dachten, dass ich ihnen unter Einfluss der Droge nichts anhaben konnte. Weit gefehlt, dachte ich mir und schickte alle drei gleichzeitig in eine Bewusstlosigkeit, sobald keine weiteren Soldaten sich auf der kleinen Zeltlichtung befanden.
Mit einem weiteren Zauber öffnete ich die Zellentür und kletterte hinaus. Ich hatte die Vermutung, dass Murtagh diesen Plan sehr kurzfristig entworfen hatte. Weder hatte ich eine starke Bewachung, noch war das Schloss der Zelle mit Magie verstärkt. Und der größte Fehler: er hatte mich nicht schwören lassen, wie lange ich seinen Anweisungen folgen musste. Also entschloss ich, dass dieser Moment der passende wäre, damit aufzuhören. Ein Glück hatte ich mit der Zeit gelernt, wie ich selbst in der alten Sprache Hintertürchen offen lassen konnte.
Einmal aus der Zelle draußen zog ich meinen Dolch aus dem Stiefel. Dann packte ich meine Haare in ein Bündel und schnitt sich mir mit einem Ruck ab. Es würde keine schöne Frisur sein, doch mit kurzen Haaren würde ich weniger auffallen. Mit Magie verbrannte ich die abgeschnittenen Haare, dann nahm ich mir einen der dunklen Mäntel von einem der Soldaten. Rasch verschwand ich hinter einer Zeltreihe. Es würde nicht lange dauern, bis mein Fehlen entdeckt wurde, und ich wollte so weit wie möglich von der Stelle weg sein.
Und tatsächlich, keine Minute später ertönte schon Getrampel hinter mir. Ich drückte mich in die nächste Zeltwand und zog mir die Kapuze über den Kopf. Zwei Soldaten liefen vorbei, ohne mich zu bemerken und rannten auf ein Zelt zu.
„Was wollt ihr?", sagte eine barsche Stimme, die ich als Murtaghs erkannte.
„Herr", rief eine andere Stimme.
„Was", zischte Murtagh.
„Die Cullens sind eingetroffen, ihr wolltet sie sprechen?"
Ich hielt mich davon ab zu laut den Atem einzuziehen und verwandte sofort wieder den Zauber, der meinen Geruch einhielt, in der Hoffnung, dass er durch den restlichen Plan nicht zunichte gemacht wurde. Dies war eine Komplikation, die ich nicht in Betracht gezogen hatte. So leise wie möglich holte ich das Brot aus meiner Tasche, das ich mir zuvor eingesteckt hatte. Ich biss etwas davon ab, kaute und schluckte. Ich spürte, wie mir erneut meine Magie entzogen wurde. Auch konnte ich niemanden um mich herum wahrnehmen. Ich musste mich wieder auf meine elfischen Sinne verlassen. Doch vielleicht hielt es auch Murtagh und andere Magier davon ab, meinen Geist wahrzunehmen.
„Die Drachenreiterin ist entkommen, Herr", sagte einer der beiden Soldaten zu Murtagh, der fluchte und ihnen keine weitere Aufmerksamkeit schenkte. Es war als könnte ich spüren, wie er seinen Geist aussandte, um mich zu suchen, und ich biss die Zähne hoffnungsvoll zusammen.
„Wir müssen uns beeilen. Ich kann sie nicht finden, aber weit kann sie nicht sein. Schlagt sofort Alarm", rief er wütend.
„Ja, Herr", riefen die Beiden und liefen davon.
Aus dem Augenwinkel sah ich wie alle sieben Cullens auf Murtagh zugingen und ich hielt regelrecht die Luft an. Doch sie gingen alle an mir vorbei, ohne etwas zu bemerken. Da ich den Zauber vor der Einnahme der Droge ausgesprochen hatte, schien er noch eine Weile nachzuwirken. Doch ich musste mich beeilen, denn lange würde er wahrscheinlich nicht mehr halten.
„Da seid ihr ja endlich", sagte Murtagh ungeduldig. „Was hat euch so lange aufgehalten? Ach, vergesst das, das erklärt ihr mir später. Jetzt sucht ihr erst einmal die Drachenreiterin, die durch die Dummheit meiner Soldaten entflohen ist."
„Wie Ihr wünscht", sagte Carlisle und fügte hinzu: „Ich möchte euch aber bitten, uns nicht wie eure Untergebenen zu behandeln. Ihr wisst genau, dass wir Ihnen genauso wenig unsere Treue geschworen haben, wie Galbatorix."
Ich horchte auf. Sie hatten Galbatorix nicht ihre Treue geschworen? Aber wieso kämpften sie dann für ihn. Am liebsten wäre ich aus meinem Versteck gekommen und hätte sie gefragt, doch ich unterdrückte es. Die Gruppe entfernte sich wieder von Murtagh, der ein wütendes Knurren ausstieß. Ich konnte ihm nicht verübeln, dass er frustriert war, immerhin war sein Plan komplett schief gelaufen. Aber Mitgefühl konnte ich ihm trotz allem nicht entgegen bringen. Immerhin hatte er mich an Galbatorix ausliefern wollen.
Als auch Murtagh sich auf den Weg, vermutlich auf die Suche nach mir, gemacht hatte, kam ich aus meinem Versteck. Mit dem Dolch in der Hand machte ich mich auf in die Richtung aus der ich hergeführt worden war. Zugegebenermaßen. Mit den Cullens im Lager war der Plan komplizierter geworden, aber ich hatte keine andere Wahl. Ich war nun einmal nicht die Art von Person, die sich gern gefangen halten ließ.
Hin und wieder begegnete ich Soldaten und musste mich im Schatten verstecken. Niemand von ihnen bemerkte mich, da sich der schwarze Mantel gut in den Schatten einfügte und ich somit kaum zu erkennen war. Ich war gerade auf den letzten Metern vor dem Wald, als ich hörte, wie jemand hinter mir zwischen die Zeltreihen trat. Es war zu spät, sich jetzt noch zu verstecken, das war mir klar, denn ich war schon längst gesehen worden.
„Du, was machst du da?", fragte eine Stimme, die ich sofort als Edwards erkannte.
Sofort verkrampfte ich. Selbst wenn er mich nicht an meinem Geruch erkannte, so war der schwarze Mantel auffällig genug, um mich anzuhalten. Dazu kam auch noch ein Windstoß, der mir die Kapuze vom Kopf wehte. Ich schickte ein Dankgebet gen Himmel dafür, dass ich mir die Haare abgeschnitten hatte.
„Du bist die Drachenreiterin, nicht wahr?", fragte er leise.
Noch immer antwortete ich nicht, wagte es nicht, mich zu bewegen. Warum kam er nicht zu mir und nahm mich gefangen? Das war immerhin sein Auftrag.
„Mach dir keine Sorgen", sagte er plötzlich leise. „Ich mag auf Galbatorix' Seite stehen, aber ich arbeite nicht mit Entführungen. Hätte Murtagh dich in der Schlacht gefangen genommen, hätte ich nichts gesagt. Aber was er tut ist feige. Versteh mich nicht falsch, ich werde dir nicht noch einmal helfen und sollten wir uns auf dem Schlachtfeld begegnen, dann erwarte keine Gnade, aber jetzt werde ich dich gehen lassen."
Ich traute meinen Ohren nicht. Carlisle hatte wirklich die Wahrheit gesagt, als er gemeint hatte, dass sie an keinen Schwur gebunden waren. Und sie waren immer noch die Personen, die ich kennen gelernt hatte. Sie wollten nicht unnötig töten. Aber warum dann hier kämpfen? Ich verstand es nicht. Was ich jedoch verstand war, dass Edward mich gehen ließ und niemandem davon erzählen würde. Und dass er mich nicht erkannt hatte. Ohne mich umzudrehen lief ich weiter, in den Wald hinein, wo ich die Kapuze wieder aufsetzte und zwischen den Bäumen verschwand. Meine Flucht hatte keine halbe Stunde gedauert.
