Das vibrieren seines Handys auf dem Nachttisch, weckte ihn.
Müde reckte er sich, verschlafen öffnete er die Augen blinzelnd, da die Sonne strahlend, brennend in seine kleine Wohnung schien. Der Vorhang war wohl letzte Nacht offenbar nicht zugezogen worden…wie denn auch? Er hatte kaum Zeit gehabt.
Chris seufzte langsam, dann gähnte er.
Wieder vibrierte das kleine, elektronische Ding auf der Holzoberfläche. Hatte er es nicht gestern in seiner Tasche? Nein, er musste es wohl seit gestern Morgen dort liegen gelassen haben. Suchend griffen seine Finger danach, er zwang ein Auge auf und seufzte abermals, brummte murrend. Am liebsten hätte Chris weitergeschlafen, denn er hatte letzte Nacht wirklich einen wunderschönen, perfekten Traum gehabt.
,,Ja?…" müde fielen Chris noch einmal die Augen zu.
Die schnellen, hektischen Worte und das Geschnatter seiner kleinen Schwester, das ihm so früh am morgen an den Kopf geworfen wurde, konnte er kaum richtig auffassen. Wie spitze Pfeile schossen sie in sein Ohr, ohne Anfang und ohne Ende.
,,Claire?…Was´n los?"
,,Ich sag es noch mal!…" Claires Stimme klang schrillend, grell und laut, ,,…Jill ist nicht nach hause gekommen, sie ist einfach so verschwunden, als wir hier in Washington angekommen waren. Hat sich ein Taxi geschnappt und weg war sie!…Ich dachte sie wäre wieder zurück heute morgen, wollte ihr Luft lassen, doch sie war nicht in ihrem Zimmer…Ich hab's auf ihrem Handy probiert, sie geht nicht ran, hat es wohl aus…Mann, das ist alles deine Schuld, das sie so durch den Wind ist und…und Miller springt auch schon im Dreieck, da ihr beide doch heute morgen um acht eine Anhörung hattet. Mann Chris wo bist du denn?…Und Jill ist weg und…du kannst sie so nicht einfach im Stich lassen! Ich…"
,,Claire, halt mal die Luft an…" Chris setzte sich auf und blickte zur Wanduhr, ,,…Jill geht es gut, okay…sie ist bei mir."
,,WAS?!"
Chris zog sich abrupt das Handy vom Ohr und verzog das Gesicht, denn noch so schlaftrunken wie er war, klang Claires Stimme wirklich viel zu laut.
,,Hör zu…ich erklär´s dir später, wir kommen sowieso nachher ins Hauptquartier…" ohne weiteres kappte der Agent die Verbindung, ließ das Mobiltelefon neben sich und sich selbst zurück ins Bett fallen. Er seufzte ein drittes Mal.
Seine Schwester konnte einen schlimmer aufwecken, als ein nervig, piepender Wecker, der unaufhörlich klingelte. Die Uhr an der Wand hatte ihm verraten, das es bereits halb zehn war. Zu spät. Bei weitem. Ärger würde es ohnehin geben, also genehmigte Chris es sich, sich ausgiebig zu strecken und allmählich wach zu werden. Dabei wünschte er sich noch einmal in seinen Traum zurück und es gelang ihm…
Sanft schmiegte sich dann, nur wenige Sekunden später, auch schon jemand an ihn, berührte seine Brust, legte ein Bein über seine und ließ einen leisen Seufzer von sich.
Er lächelte und legte seinen Arm um sie, um `seine´ Jill, denn es war wirklich ein endlich wahr gewordener Traum gewesen. In einer Umarmung waren beide eingeschlafen, es war wunderschön und noch immer vermochte Chris es kaum zu fassen. Das Jill jetzt in seinen Arme lag, war kaum vorstellbar gewesen, schier unmöglich, doch so war es gekommen und es machte ihn mehr als glücklich. Es hatte ihm auch gut getan, seine Seele zu erleichtern, es ging ihm jetzt etwas besser, aber natürlich war ihm klar, das noch vieles nicht normal war. Jill würde ihre Zeit brauchen, alles Erlebte zu vergessen, genauso wie er auch, aber sie würden es schaffen, sich gegenseitig Halt geben, wenn einer drohte abzurutschen.
Zusammen.
Chris öffnete die Augen nach einigen ruhigen Minuten wieder, drehte den Kopf etwas zur Seite und blickte zu ihr herab. Schlaff und gemütlich hing sie an seiner Seite, locker fielen ihr die blonden Haare ins Gesicht. Die Zudecke des Bettes umhüllte beide nur spärlich. Im hereinfallenden Sonnenlicht fiel sein Blick auf die feine, weiße Narbe an ihrer rechten Schulter, dort, wo sie einst in Raccoon City eine von Nemesis´ Tentakeln durchbohrt hatte, wo alles angefangen hatte und wo sie sich mit dem T-Virus infizierte, das ihr auf ironischer Weise irgendwie über die letzten drei Jahre das Leben gewährleistet hatte. Hätte sie keine Antikörper besessen...Chris wollte sich nicht ausmalen, was Wesker dann mit ihr gemacht hätte.
Doch das hier, war nicht ihre einzige Narbe.
Letzte Nacht, hatte er die nur noch feine Linie auf ihrem Bauch gesehen, wo einst die Kralle eines Hunters sie verletzte, als sie und Chris in Russland waren.
Er fragte sich, ob die neuen Verletzungen aus Alaska ebenso zu sehen sein würden, wie die noch frische Narbe am rechten Oberschenkel, die sie sich durch eine Granate bei ihrer Flucht mit Josh zugezogen hatte. Letztlich war es ihm egal, Jill war einfach perfekt für ihn und er selbst hatte ebenfalls genug Kampfspuren in all den Jahren gesammelt, viele kleinere, aber auch einige größere. Seine linke Schulter zum Beispiel, dort hatte sich einst unter dem Kampf gegen T-A.L.O.S. ein dicker Metallsplitter eingegraben und natürlich durfte er nicht vergessen, das seine neuste Bisswunde wohl auch noch lange Jahre zu sehen sein würde.
Die zehn Zentimeter lange, noch gut sichtbare Narbe an seinem Rücken, unter dem linken Schulterblatt war eine eher unschöne Erinnerung an einen noch unschöneren Messerkampf.
Zwei Jahre war es nun her und es war passiert während einer Mission in Südostasien. Er war damals noch voller ärger und Trauer über Jills `Tod´ sodass er bei einer eher harmlosen Infiltration mit seinem Partner wegen Unachtsamkeit und Missachtung der Order in einen Hinterhalt geriet.
Die BSAA hatte in vor Ort schon notdürftig zusammengeflickt und als er wieder zuhause war, hatte sie ihn zwangsbeurlaubt und ihm ein Disziplinarverfahren an den Hals gehängt, mit Verordnung eines psychologischen Gutachtens.
Chris schluckte, das lag aber alles schon weit, weit hinter ihm, war vergangen. Er sah jetzt nur noch nach vorne.
Behutsam strich seine Hand hauchzart über ihren Rücken: ,,Jilly?…Bist du schon wach?"
Augenblicklich reckte Jill sich, atmete tief durch und brummte etwas, das man als `nein´ deuten konnte.
Glucksend begann Chris leise zu lachen, seine Brust, die momentan ihr Kopfkissen war, zuckte dabei auf und ab. ,,Das hört sich aber anders an…" seine Hand strich ihr das Haar hinters Ohr.
Jill war bereits dabei, die Augen zu öffnen. Die Helligkeit brannte wie Feuer, doch sie hob den Kopf, blickte ihn mit noch kleinen Augen an.
,,Morgen…" hauchte er und schenkte ihr ein Lächeln, jedoch ließ er ihr Zeit um zu sich zu kommen.
Sie schwieg, versuchte sich ebenfalls an einem, doch es gelang ihr nicht wirklich. Kaum zu glauben war es auch noch immer für sie, als sie ihn anblickte. Es war kein Traum gewesen. Es war gut so.
,,Gut geschlafen?" wollte der Agent wissen und sah ihr zu, wie sie sich aus der Umarmung löste und wieder neben ihn bettete.
Jill schluckte kurz und nickte dann leicht, nicht ohne Stiche im Kopf entgegen zu nehmen: ,,Ja…ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so ruhig geschlafen habe…Danke."
Chris drehte sich auf die Seite, damit er sie besser anblicken konnte. Ihm fiel ihr heftiges Blinzeln auf. Er streckte seine Hand aus und strich ihr mit dem Daumen über die Wange: ,,Noch Kopfschmerzen?" Er wusste von Claire um ihre Gehirnerschütterung in Fort Yukon.
Sie nahm umgehend seine Hand mit ihrer und spielte ein Lächeln auf: ,,Es geht mir gut."
,,Tapfer, wie immer…" bemerkte er nebenbei, denn er wusste dass das nicht ganz zutraf und blickte ihr dann in die Augen, ,,…Jemand wie du sollte sich wirklich noch ausruhen…Warum haben die dich eigentlich schon entlassen? Du warst vier volle Tage bewusstlos."
,,Die haben mich nicht entlassen, ich bin gegangen."
,,Was? Wieso?"
,,Ja, ich wollte nicht mehr bleiben…" sie schluckte und blickte unter sich, ,,…in Krankenhäusern liegt man doch sowieso nur sinnlos rum."
Chris nickte wissend, sie hatte schon immer Krankenhäuser gehasst. Er musterte sie genau, wusste, das es noch mehr gab, er sah es ihr an: ,,Und was ist der wahre Grund?"
Bitter versuchte sie zu lächeln: ,,Ich…hatte wohl Angst, dass du weg bist, wenn ich warte." Zaghaft, fast unsicher, blickte Jill wieder zu ihm auf.
Er kam ihr näher, ihre Nasenspitzen berührten sich und er sagte dann: ,,Ich bin ein Idiot…ich hätte diesen Fehler nicht begehen sollen, wollte nur das Beste für dich."
,,Ich weiß…du wolltest schon immer nur das Beste für mich und in deinen Augen war es das auch wohl…Wir haben beide Fehler gemacht, Chris, sind beide vor dem Weg gelaufen, was wir eigentlich so dringend brauchten…lass es uns vergessen, diese unschöne Woche einfach streichen…Ich glaube wir beide haben uns bereits genug Vorwürfe gemacht und mit logischen Erklärungen kann man sich unser fast kindisches Verhalten und krampfhaftes voreinander Weglaufen sowieso nicht erklären."
Nickend stimmte er zu: ,,Es ist ja doch alles gut geworden. Fast wie in einem Film, nicht wahr?" Er lächelte, Jill ebenfalls.
Dann ging sein Lächeln in ein Schmunzeln um und er fragte: ,,Hat sich jetzt etwas für dich verändert? Es ging dir doch nicht etwa…zu schnell?"
,,Was? Der Sex?…" grinste Jill zurück, ,,…Nein, um ehrlich zu sein dachte ich schon, wir würden überhaupt kein Ende mehr finden." Sie zog ihn damit auf und sah, das er belustigt die Augen verdrehte. Dann schüttelte er lachend den Kopf und drückte sie an sich: ,,Ja, das war schon…gut…so wie es eben war, em…" er schluckte und sprach dann weiter, sein Grinsen verging und er wurde wieder ernst, ,,…Ich wollte nur wissen, ob wir nicht vielleicht besser hätten noch warten sollen. Ich meine, es war, um Himmels Willen nicht falsch, aber…ich will dich zu etwas drängen." Der Agent sah ihr dabei in die Augen. Es war noch immer alles so neu und so eigenartig und ja, ein Teil von ihm hatte noch immer Angst gleich aufzuwachen, sie wieder zu verlieren.
Jill schluckte kurz und verneinte, auch sie war wieder ernst geworden: ,,Nein, es war nicht zu schnell oder glaubst du, du könntest mich zu irgendetwas…drängen, was ich nicht auch will?…Weißt du, wir waren schon immer vertraut miteinander…wir haben lange genug gewartet, mehr als drei Jahre okay…" auch sie schluckte, bevor sie weiter sprach, ,,…Geändert hat sich für mich nicht viel. Der einzige Unterschied ist, das wir beide endlich uns dazu durchgerungen haben uns zu sagen, das wir…" sie drehte sich lächelnd auf den Rücken und schüttelte leicht den Kopf, ,,…Gott, das hört sich so komisch an."
Chris stimmte ihr Lächeln leicht mit ein stützte sich mit dem Ellenbogen auf der Matratze ab, währen der mit der freien Hand um ihre Taille griff, bewusst den Körperkontakt suchte. ,,…das wir uns lieben?"
Verlegen zeichnete sich die Röte auf ihren sonst blassen Wangen ab: ,,Schöne Agenten sind wir, was? Wenn wir nicht mal das zur Sprache bringen können, was in und vorgeht."
,,Ich weiß was du meinst. Gut das wir dieses Problem nicht auf den Missionen hatten."
Jill lachte. Sie genoss es ihm in die Augen zu blicken und es wurde einen Moment lang still. Gegenseitig sahen sie einander an, jeder versank in seinen eigenen Gedanken und es schien beinahe ein Knistern um sie herum hörbar zu sein.
Chris strich ihr noch immer sanft über die Taille, hielt den Blickkontakt aufrecht und schluckte: ,,Jill, ich…"
,,Du musst nicht…" unterbrach sie leise und ihre Finger spielten an seinen Haarspitzen neben dem Ohr, ,,…Ich weiß es doch schon."
Er schluckte erneut und fuhr dann fort, ,,Ich weiß, das du es weißt, aber ich möchte es."
Wieder schenkte sie ihm ein Lächeln, erwartete seine Worte.
,,Ich liebe dich Jilly…" sagte er dann genauso leise, offen und ehrlich, ,,…mehr als du es ahnst."
Sie seufzte leise genoss das aufkeimende Kribbeln in ihrem Bauch. Es war eigenartig wie diese drei kleinen Worte, die sie ohnehin schon kannte eine derartige Rührung in ihrem Innern auslösen konnten. Sie wusste, das er sie liebte, sie hatte es schon immer irgendwie gewusst, doch diese Wahrheit nun wirklich aus seinem Mund zu hören erfüllte sie mit Glücklichkeit. Beinahe war ihr erneut zum weinen.
Jill streckte sich und gab ihm einen leichten Kuss, dann sagte sie: ,,Wir hätten das schon vor so langer Zeit tun sollen…vielleicht schon nach Russland, als wir den Sieg über Umbrella in der Tasche hatten. Wir sind beide so verdammt dumm und dämlich."
,,Du hast verdammt recht, wir sind sogar noch dümmer als dumm, aber blicken wir nicht mehr zurück, lassen wir einfach alles hinter uns und denken nur an das Hier und Jetzt, alles andere ist unwichtig." Chris strich ihr sanft über die Wange und schmunzelte, als er noch einmal an Russland zurückdachte. Ihre Worte bezüglich ihres Lebens, wie sie es am liebsten verbringen wollen würde, waren ihm von damals fest in Erinnerung geblieben und es brachte ihn auf eine Idee. Ein Gedanke, nein ein Entschluss. Er würde es tun, sie fragen, das schwor er sich, er wollte es…
,,Chris?…" Jill rief ihn in die Realität zurück, ,,…Träumst du?"
Er besann sich und grinste dann breit: ,,He?…In anbetracht der Situation hier, ja, vielleicht…Ich befürchte wohl, ich könnte jedem Moment aufwachen und feststellen, das alles…"
,,Schhh…" sie legte ihm ihren Zeigefinger vor die Lippen, ,,…du träumst nicht, Redfield. Ich bin hier und gehe erst wieder, wenn du selbst mich aus deiner Wohnung zerrst…mit den Füßen voran, okay?"
Chris lachte umgehend, umarmte sie vollends und drückte sie an sich: ,,Darauf kannst du lange warten, Valentine…" Wieder beugte der Agent sich zu ihr runter, begann dann erneut sie zu küssen…
Es vergingen Minuten, kamen Chris und Jill allerdings nur wie Sekunden vor.
Sie mochten es, sich zu küssen, zu berühren.
Chris hing wieder über ihr, hielt sie mit einer Hand im Arm, mit der anderen strich er ihre Seitenlinie entlang, bis zu ihrem Oberschenkel, dann wieder hinauf zu ihrer Taille, genoss aber den Augenblick.
Jill ließ ihre Hände derweil über seine Seiten gleiten, sie mochte es, so nahe bei ihm zu sein und schlug sich noch einmal im stillen gegen die Stirn, das die das nicht schon viel früher gemacht hatte. Es war doch alles so einfach gewesen.
Sie spürte, wie seine Küsse dann wieder fordernder wurden, seine Hand zu ihrer Brust glitt. Aus einem Reflex heraus dann, stemmte sie ihre Hand an seine Brust, drückte ihn sanft von sich und sah ihn schweigend an.
Er hielt ihrem Blick stand, sichtlich verwundert darüber und fragte: ,,Hab ich dir weh getan?" Chris befürchtete fast, sie jetzt doch verschreckt zu haben. Nur schwer konnte er sich in ihrer Gegenwart beherrschen, doch trotz allem war die Furcht sie zu verlieren noch immer da.
Noch müde schloss Jill die Augen und schüttelte leicht den pochenden Kopf, dann sah sie ihn wieder an und lächelte hauchzart: ,,Wir kommen zu spät."
Chris grinste erleichtert: ,,Ja, ich weiß…aber es ist mir ehrlich gesagt egal."
,,Hey, mein Agentendasein ist wohl Geschichte, aber du sollst deinen Job nicht auch noch verlieren, zumindest nicht wegen mir."
,,Nun, einen schöneren Grund gibt es für mich wohl kaum…" wieder grinste er, doch atmete dann durch, ,,…aber du hast recht…wir sollten `das hier´ lieber verschieben." Aber er kam nicht drum herum, noch einmal ihre Lippen zu berühren…
,,…Es gibt noch weitere geheime Projekte…" Jeder hörte Jill zu. Sie stand neben Chris im Konferenzraum. Beide wurden zunächst zu dem Vorfall in Alaska befragt, Chris hatte seine Aussage gemacht, genau wie sie, doch Jill erzählte ihren Vorgesetzten nun die volle Wahrheit. Etwas, das sie bisher verschwiegen hatte aus Gründen, die sie selbst nicht nachvollziehen konnte.
Miller, Stevens und Anderson saßen den beiden gegenüber an ihren Pulten und hörten mit eindeutigen Blicken zu. Alle drei waren natürlich über die Verspätung der beiden Agenten mehr als ungehalten, auch wegen der Katastrophe in Alaska.
Jills Stimme klang voller Reue, es kostete sie wenig Überwindung zu sprechen: ,,…Albert Wesker war es…Er hat erst für Umbrella gearbeitet, aber seit dem Vorfall in den Arklays, hatte er den Spieß umgedreht. Er arbeitete nur noch für sich. Er hat sich in der Spencer Villa um Raccoon City ein Virus injiziert, das ihn so gut wie unbesiegbar machte. Er spielte mit uns allen, von Anfang an, ließ Informationen durchsickern, die uns damals nach Russland führten, denn ihm war klar, das Macht nur noch von mehr Macht übertroffen werden konnte…Er hat Umbrella mit unser aller Hilfe aus dem Verkehr gezogen. In Wahrheit waren wir seine Spielfiguren. Wesker hatte die Viren aus Russland mitgenommen, er war dort, hat alles beobachtet und ein Schach Matt gesetzt, in dem er die Viren auf dem Schwarzmarkt verkauft und den Bioterrorismus in der Welt verbreitet hat. So hat er sich seine Forschungen finanziert…jahrelang…" Jill schluckte und blickte unter sich. Sie machte nicht wenige gezwungene Pausen, da ihr immer wieder ihre Stimme zu versagen drohte, ,,…Jetzt war ihm nur noch Oswell E. Spencer im Weg. Das wir in jener Nacht seinen Weg kreuzten, war Zufall. Er hatte nicht mit unserem Auftauchen gerechnet, gedacht, seine Spuren verwischen zu können und nach dem…" wieder atmete sie durch, blieb jedoch beherrscht, ,,…Nach dieser Nacht, war ich dafür verantwortlich, dies zu tun…Ich habe seine Spuren verwischt, hinter ihm aufgeräumt, zu seiner Uroboros Forschung beigetragen, die Viren in Afrika freigesetzt und gescheiterte Versuche an Menschen…beseitigt. Ich war sein Schutzschild…. Es gibt neben der Forschungsreihe in Alaska und dem Hauptlabor in Afrika noch drei weitere. Sie befinden sich in Brasilien, China und Neuseeland, in abgelegenen Gegenden, die genauen Koordinaten werde ich Ihnen natürlich mitteilen…Zudem wurde in der chinesischen Einrichtung an einer neuen Virenart geforscht, die sich mit der P30 Substanz und dem T-Virus zusammensetzt. Es wurde dort versucht…Untoten ähnlich wie den CI´s Verstand zurückzubringen, sie gefügig zu machen, kontrollierbar, so wie…so wie einst mich. Wie weit die Forschung dort jedoch war, weiß ich nicht, auch nicht, ob dort immer noch jemand ist, da all die Anlagen, genau wie jene in Alaska hoch gejagt werden sollten, falls Wesker etwas…zustößt."
,,Wieso steht in diesen Unterlagen nichts davon, die wir im Hauptlabor in Afrika sicher gestellt haben?" wollte Agent Miller wissen. Er teilte den beunruhigenden Blick seiner beiden Kollegen.
Jill zuckte mit den Schultern: ,,Sie waren geheim. Noch nicht mal Excella Gionne wusste davon…ich habe es mitbekommen, da Wesker regelmäßig nach Forschungsfortschritten fragte, seine dortigen Kontakte kontaktierte. Mein Körper mochte unter seinem Befehl gestanden haben, aber meinen Ohren entging nichts…Die einzelnen Laborleiter, waren angewiesen alle Beweise zu vernichten für den Fall, das Uroboros scheitert. Ich dachte dem wäre auch so, ich dachte die Anlagen wären vernichtet worden, ich dachte, die Gefahr wäre vorbei…" sie stoppte, blickte dann gänzlich zu Boden und fühlte sich schäbig und entblößt. Die Agentin spürte wie die Blicke der Drei sie durchstießen, aber es gab ihr Halt, das Chris neben ihr stand.
Chris blickte zu ihr rüber, hatte von all dem ebenfalls keine Ahnung gehabt, doch er wusste, das es ihr schwer viel, sie sich unendliche Vorwürfe machte und am liebsten hätte er ihre Hand genommen, ihr Halt gegeben, doch er musste sich beherrschen, immerhin war dies erstens eine Anhörung und zweitens sah die Dienststelle es überhaupt nicht gerne, wenn zwei Agents mehr als nur berufliche Partner waren.
,,Warum in aller Welt haben sie uns das Verschwiegen, Captain Valentine?…" fragte Agent Anderson nach einigen Momenten der Stille. Seine Stimme klang keineswegs erfreut, er klang wütend, ,,…Sie hätten das alles schon längst und mehrfach erwähnen können, als wir Sie danach fragten!…Ihnen ist doch sicherlich klar, das wir Ihr Schweigen nicht einfach so hinnehmen können. Es werden Maßnahmen gegen Sie eingeleitet. Wenn wir rechtzeitig von all dem in Kenntnis gesetzt worden wären, hätte die Einwohnern von Fort Yukon nicht das gleiche Schicksal mit denen aus Raccoon City geteilt!"
,,Zudem geht es auf ihre Kappe, das fünf Agents der BSAA qualvoll den Tod gefunden haben…" hielt Agent Stevens aufbrausend mit, ,,…und wenn jetzt erneut Viren auf dem Schwarzmarkt auftauchen, die noch tödlicher als die bisherigen sind?…Himmelherrgottnochmal!…" Der Mann verstummte und schnaufte, ließ Miller dann wieder die Führung.
,,Natürlich werden wir bei der Beurteilung Ihres Falles, berücksichtigen, das Sie unter der Kontrolle Albert Weskers mit Hilfe des P30 standen, aber ich kann Ihr Schweigen ebenso wenig dulden. Sie haben außerdem nicht nur gegebene Befehle meinerseits missachtet und auf eigene Faust eine Rettungsaktion gestartet, bei denen leicht noch zwei weitere Menschen außer Ihnen hätten sterben können, sondern auch noch Eigentum und Waffen der BSAA entwendet! Sagen Sie, hatte Agent Claire Redfield eine Ahnung davon?"
Jill schüttelte den Kopf und blickte ihn an: ,,Nein."
,,Sind Sie sicher? Wie sonst hätten Sie an das Equipment kommen sollen, ohne entsprechenden Sicherheitsausweis?"
,,Man findet immer einen Weg, wenn man zur Diebin erzogen wurde."
Chris drehte den Kopf zu ihr, während die drei Agents den Blick tauschten.
Jill schluckte und wusste, das sie ihr nicht glaubten, dennoch wollte sie Claire nicht mit hineinziehen. Sie ergriff erneut das Wort: ,,…Es war alles meine Idee, Gentleman. Ich alleine bin verantwortlich. Für alles, was Sie mir vorwerfen und ich weiß, es gibt keine Entschuldigung für mein Schweigen und mein Handeln. Daher werde ich mich allem beugen, was Sie im Rahmen meiner Strafe anordnen. Ich übernehme die volle Verantwortung für meine Taten."
Am liebsten wäre Chris dazwischen gegangen.
Natürlich fand auch er es nicht gut, das Jill geschwiegen hatte, aber er hasste es, wenn Jill in die Ecke getrieben wurde, doch dies war ein Kampf, den sie eben alleine fechten musste und würde er eingreifen, würde er es nur noch schlimmer machen.
,,…Ich habe Ihnen nun alles mitgeteilt, was ich weiß, ich hoffe, wenigstens das können Sie mir glauben."
Miller tauschte weitere Blicke mit Stevens und Anderson, Gemurmel folgte und einstimmiges Nickten. Dann blickten die drei sie an, erster Vorsitzender Miller sagte: ,,Captain Valentine, wir haben uns vorab bereits beraten, was Sie und Ihren Status angeht. Sie sind immer ein angesehenes Mitglied der BSAA gewesen und Ihre frühere Taten und Erfolge in Zusammenarbeit mit Agent Redfield und Agent Luciani werden wir natürlich berücksichtigen, auch die gegebenen Ereignisse in Afrika, die zum Ende Albert Weskers führten, doch bis wir Ihre Aussagen nicht überprüft und Aufklärungsteams an die vorhin angesprochenen Orte geschickt und Untersuchungen beendet haben, bleibt uns nichts anderes übrig, als all das in die Wege zu leiten…" er schluckte kurz, dann sah er ihr fest in die Augen, ,,…Nach einstimmigem Entschluss was Ihre Person betrifft, sind Sie, Agent Jillian Valentine, ab sofort und mit voller Wirkung auf unbestimmte Zeit vom Dienst suspendiert. Der Rang des Captains, sowie alle anderen, werden Ihnen aberkannt. Sie werden keinerlei Zugang mehr zu den Kontrollbereichen der BSAA hier und in jedem anderen Hauptquartieren der Welt haben…Ich bitte Sie um Ihren Ausweis und ihre Marke, Agent Valentine."
Sie schluckte, doch prompt tat sie es. Irgendwie hatte sie es erwartet, auch wenn sie recht erschrocken darüber war.
Jill ging auf das Pult zu, zückte dabei die geforderten Gegenstände aus der Jeans und legte beides vor ihre
Vorgesetzten nieder.
,,Sie dürfen gehen, `Miss´ Valentine…" sagte Agent Stevens.
,,…Agent Redfield, wir haben noch einige Fragen an Sie…" vollendete Anderson.
Jill drehte sich derweil um, warf ihrem Ex-Partner einen flüchtigen, undurchdringlichen Blick zu und verließ dann den Raum, ohne ein weiteres Wort…
