Titel: Den Jäger erlegen

Autorin: Sleepy Tiger

Email: lapoetica@web.de

Warnung: Sindarin ahead!

Disclaimer: Yüzuklerin Efendisi © J.R.R. Tolkien

35. Kapitel: Der Weg aus der Finsternis

Damelos, der Sohn Thranduils, jüngerer Bruder von Legolas Grünblatt, Zwilling von Damenyon und der zweite in der Thronfolge Düsterwalds, hatte noch nie etwas für den Nahkampf übrig gehabt. Daher war es eine sehr große Überraschung für ihn, als er in letzter Sekunde der hervor schnellenden Klinge seines Gegners ausweichen konnte. Er sprang schnell nach hinten, um etwas Distanz zu schaffen, als der andere eine unvorhergesehene Bewegung machte. Damelos, der vor Schreck leider nicht schnell genug reagieren konnte, stolperte über seine eigene Füße und landete mit einem Schrei auf seinen königlichen Hintern. Sein Gegner entwaffnete ihn mit einem einzigen Tritt, sprang auf ihn und packte ihn fest an die Gurgel. Obendrein drückte sich kaltes, scharfes Metall fest an seine Wange. „Lostach, Damelos Thranduilion." [1]

Lautes und schadenfrohes Lachen von nicht allzu weit weg füllte seine Ohren, die vor Scham ganz rot und heiß waren. Nein, Nahkampf war ganz sicher nicht seine Disziplin. Zaghaft blinzelte er zu dem „Feind" hoch und wünschte sich, diesem unzufriedenen Blick entkommen zu können.

Elladan, Sohn Elronds, saß auf seiner Brust, klemmte mit den Knien Damelos Arme ein und hielt ihn bloß mit einer Hand nieder. Der Bruchtal Elb machte keine Anstalten, sich zu erheben, sondern verlagerte absichtlich ungünstig sein Gewicht. Damelos wagte es nicht, zu stöhnen oder gar seinem Unmut Luft zu machen, da Elladan wie ein finsterer Gott über ihr ragte. Statt dessen sank er in sich zusammen und legte resigniert den Kopf so weit wie möglich in den Nacken, um noch höher zu den Bäumen Bruchtals blicken, die den Übungsplatz umsäumten, auf dem sich die beiden Elben gerade befanden.

Es war eine große Ehre gewesen, als Lord Elrond auf dem Fest in Lothlorien die Zwillinge nach Bruchtal eingeladen hatte. Thranduil war es zwar lieber gewesen, daß sie mit ihm nach Düsterwald zurückkehrten, da Legolas wieder auf Wanderschaft war. Aber ebenso erkannte der König, daß ein Besuch in Bruchtal für die jungen Prinzen von Vorteil sein konnte. Damelos und Damenyon konnten von dem Moment an nicht mehr still sitzen, als ihr Vater ihnen seinen Segen für die Reise gegeben hatte.

Bruchtal war so anders als Düsterwald. Alles war heller und erhabener. Elrond persönlich führte sie durch sein Haus und stellte sie schließlich seinen Söhnen Elladan und Elrohir vor. Nach einem Abendessen schlug Elrohir einen freundschaftlichen Wettbewerb in Bogenschießen vor. Damelos konnte sich nicht erinnern, welcher Dämon seinen Bruder geritten hatte, als dieser mit großem Enthusiasmus zustimmte. Er hatte nichts gutes geahnt, als sie schließlich zu viert auf den Übungsplatz in Bruchtal standen. Es stellte sich heraus, daß die beiden Düsterwald Zwillinge dem anderen Zwillingspaar absolut nicht gewachsen waren. Aber statt die beiden oder gar Düsterwald zu verspotten, nahmen Elrohir und Elladan sie kurzerhand unter ihre Fittiche.

Auch davon war Damenyon einfach nur begeistert und er stürzte sich mit vollem Elan in die entsetzlichen Übungen, die auch bald andere Disziplinen einschlossen. Wie zum Beispiel den Nahkampf. Damelos war sich der unglaublichen Ehre zwar bewußt, aber er stellte sich so unendlich ungeschickt an. Wie gerade eben. Außerdem war Elladan ein äußerst strenger und anspruchsvoller Nahkampf-Lehrer. Wenn es nach ihm gegangen wäre, würden sie auch die Nächte auf dem Übungsplatz verbringen.

Am Rande eben dieses Platzes lachte immer noch der andere Zwilling aus Düsterwald, Damenyon. Er hielt sich mit beiden Armen den Bauch und lachte so hart, daß er von der Bank zu fallen drohte. Neben ihm saß Elrohir. Seine Reaktion auf Damelos' Ungeschick war weitaus ruhiger, dennoch sprach sein breites Lächeln Bände. Damelos' Blick schwenkte von den Bäumen zu seinem Bruder, den er zutiefst beleidigt ansah. Er hatte  mehr Mitgefühl von jemanden von selbem Fleisch und Blut erwartet.

Doch Elladan drückte seine Klinge gegen Damelos' Kinn und der junge Elb beeilte sich, seinen Lehrer anzusehen, denn sonst hätte ein langer Schnitt seinen Unterkiefer für einige Tage geziert.

„Was sollte das?" fragte Elladan mit tödlicher Ruhe.

„Es tut mir leid", murmelte der junge Elb betreten. „Ich habe nicht aufgepaßt."

Elladans Blick verfinsterte sich noch mehr. „Du wirst die Übungen bis zum Sonnenuntergang machen."

Damelos nickte gehorsam, sofern es mit der scharfen Klinge an seinem Gesicht ging. Kopfschüttelnd erhob sich der Bruchtal Elb und schlenderte zu seinem Bruder hinüber. Damelos rappelte sich hastig auf und folgte ihm.

„Elladan, sei nicht so hart. Damelos macht sich nur große Sorgen um seinen Bruder", meinte Elrohir, als die beiden sich ihnen näherten. Damenyon hatte sich soweit unter Kontrolle, daß er nur noch leise vor sich hin kicherte.

„Wer sich im Kampf ablenken läßt, hat bereits verloren", entgegnete Elladan ungnädig und sah seinen Schüler über die Schulter hinweg scharf an.

„Es tut mir leid", wiederholte Damelos ehrlich betrübt. „Ich werde mich beim nächsten Mal mehr bemühen."

Elladan blickte dem unglücklich wirkenden Elben eine Weile schweigend an, runzelte die Stirn und brummte schließlich: „Vergiß die Übungen. Wir machen für heute lieber Schluß."

Statt erleichtert aufzuatmen, sah Damelos noch elender aus als vorher. Er blickte voller Reue dem Bruchtal Elben hinterher, der ohne ein weiteres Wort den Platz verließ. Elrohir drückte tröstend seine Schulter und sagte lächelnd: „Geht und seht nach Legolas. Er sollte sich wirklich ausruhen oder wenigstens einen Bissen essen."

Wie aufs Stichwort verschwand Damenyons heiteres Lächeln und er blickte düster auf den Boden. Seine Lippen verzogen sich mißmutig, als er finster prophezeite: „Er wird auch heute nicht auf uns hören."

„Das heißt nicht, daß Ihr aufhören dürft, Euch um ihn zu bemühen", tadelte Elrohir. Damenyon hatte den Anstand zu erröten. Elladans Zwilling zwinkerte ihm zu und schlenderte summend von dannen. Seufzend begaben sich Damelos und Damenyon zu ihrem Bruder Legolas.

Ihr Weg führte sie vom Übungsplatz durch die vielen schönen Gärten, durch die große Eingangtür, an der Halle des Feuers, an der Bibliothek vorbei und über viele Stufen zu den Schlafzimmern, denen man gerne den sterblichen Gästen Bruchtals zur Verfügung stellte. In einem der hinteren und versteckten Räumen lag Asani mo Ifrey. Ständig überwacht von den Heilern Bruchtals und von Legolas Grünblatt.

Vor genau vier Tagen war Legolas mit Fräulein Asani in den Armen in Bruchtal eingetroffen. Reiter und Pferd hatten arg mitgenommen ausgesehen.

Nur Asani war völlig unversehrt gewesen. Eingewickelt in vielen Decken hatte sie ausgesehen wie ein schlafendes Kind. Aber laut Legolas war sie alles andere als unversehrt. Sie war vergiftet und etwas in ihrer Seele wehrte jeden Heiler ab. Keiner der elbischen Heiler aus Aragorns Garde hatte ihr helfen können und nun war er mit ihr die lange Reise nach Bruchtal angetreten, um Lord Elrond deswegen zu konsultieren. Dieser war jedoch zwei Tage zuvor nach Minas Tirith aufgebrochen, um seine Tochter zu besuchen..

Ohne genau zu wissen, was vorgefallen war, hatten sich Damelos und Damenyon auf einmal gezwungen gesehen, die Toren zu verschließen, als Legolas wütend verkündet hatte, daß er Lord Elrond eben hinterher reiten würde. Elronds oberster Ratsherr Erestor, der ihn in seiner Abwesenheit vertrat, konnte den aufgelösten und wütenden Prinzen beruhigen und schickte sofort einen Boten, um Lord Elrond zurückzuholen. Glorfindel, angelockt von dem Tumult am Eingang, tauchte alsbald auf und ihm gelang es dann, Legolas Asani abzunehmen und in ein Krankenzimmer zu bringen. Aber leider waren weder Glorfindel noch Erestor Heiler von Lord Elronds Klasse. So blieb ihnen nichts anderes übrig, als die Wirkung des Giftes zu verlangsamen, um für Lord Elronds Rückkehr mehr Zeit zu schinden, und zu warten. Und Legolas wartete...wartete...und wartete...

Anfangs hatten sich die Düsterwald Zwillinge die Mühe gemacht, zu fragen, ob Legolas auch wirklich bei Fräulein Asani saß. Aber mittlerweile wußte jeder Elb im Bruchtal, daß der Prinz von Düsterwald sich seit vier Tagen nicht vom Fleck bewegt hat.

Damelos trat diesmal als erster in das Schlafzimmer und sein Herz sank in tiefe Trauer, als er seinen Bruder so vorfand wie gestern. Wie immer saß Legolas neben Asanis Bett. Wie immer hielt er ihre Hand zwischen seinen. Wie immer versuchte er es aus eigener Kraft, ihr Bewußtsein zu erreichen. Wie immer war er nach einigen Stunden völlig erschöpft und war der Verzweiflung nahe, denn sie zeigte nie eine Reaktion. 

Damelos sah zu Damenyon, aber dieser stand noch in der Tür und beobachtete mit einer undurchdringlichen und seltsam finsteren Miene seinen älteren Bruder. Es sah nicht aus, als wollte er eintreten. Damelos war von Damenyons Verhalten zwar verwirrt, aber es machte ihn noch mehr Sorgen, als Legolas sich nicht nach ihnen umdrehte. Für gewöhnlich gab sein Bruder mit einer Geste zu verstehen, daß er ihre Anwesenheit wahrnahm. Aber von Tag zu Tag wurde sein Bruder geistesabwesender...

~*~

Rückblende: Perrigon, vor sieben Tagen...

Der Rückweg erschien Legolas noch länger und undurchdringlicher als der Hinweg. Trotz der Kreidemarkierungen schien sich die Anzahl der Gänge in der Zwischenzeit verdreifacht zu haben. Legolas verdrängte seine Angst und Verzweiflung, war doch anderes wichtiger.

Asani wurde immer schwerer in seinen Armen und Bahrio schien immer langsamer zu werden. Aber Legolas war dem Ritter dankbar, daß er ihm trotz seiner Schmerzen den Weg leuchtete. Daher schluckte der Elb jede Bemerkung über das Schneckentempo hinunter. Er brauchte Bahrio, sonst hätte er Asani schultern müssen, um die Fackel tragen zu können.

Dennoch schien der Mensch Legolas' Ungeduld zu spüren, denn er wandte sich mit einem entschuldigen Lächeln um und flüsterte kaum hörbar: „Jetzt müßt Ihr nur noch rechts abbiegen und Ihr seid wieder an der Treppe, Hoheit."

Legolas nickte bloß und rannte an dem Menschen vorbei. In seiner Sorge um Asani fand er sich unfähig, ein dankendes oder gar ein tröstendes Wort zu sprechen. Er brauchte vor allem letzteres selbst. Asani sah im Schein der Fackel zunehmend blasser aus und Legolas fragte sich, ob die Linien an ihrem Hals und ihrem Gesicht nur Dreck oder die Venen waren, die durch ihre Haut schienen.

Er wußte nicht, ob er sich nicht doch zu sehr auf Asani konzentriert hatte, denn bei der nächsten Biegung sah Legolas viel zu spät die 30 Pfeilspitzen, die auf ihn gerichtet waren. Sofort wirbelte der Elb herum, drückte Asani dabei schützend an sich und wollte schon wieder zurückrennen, als eine männliche und autoritäre Stimme hastig Einhalt gebot. Legolas drehte sich mit einem erleichterten Lächeln um, denn die Stimme gehörte einem Freund. „Aragorn!"

Der König stand in voller Rüstung hinter drei Reihen seiner Ritter und sah den Elbenprinz mit einer Mischung aus Überraschung und Erleichterung an. Sein Blick fiel auf Asani und er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, als Gimli ihm zuvorkam.

„Legolas!" brüllte der Zwerg hinter den blitzenden Pfeilen und schon fielen die ersten Ritter um, als er sich unwirsch seinen Weg durch die Männer suchte. „Runter mit den Bögen, Männer!"

Aragorn folgte dem Zwerg und stieg über die umgefallenen Männer weg.

„Elb, sag mir nicht, du bist allein unterwegs!" schimpfte Gimli sofort. Er hielt jedoch abrupt inne, als er Asani in Legolas' Armen sah. „Du hast sie wiedergefunden? Wie geht es ihr?" Der Zwerg sprang auf und ab, um etwas von dem Mädchen zu sehen, denn der Elb hielt sie einfach zu hoch.

„Legolas, hier laufen Orks herum", sagte Aragorn dann zu dem Elben. „Wir müssen auf der Hut sein."

„Hier war nur ein Ork", erzählte Legolas schnell und ungeduldig. Sein besorgter Blick löste sich nicht eine Sekunde von Asanis Gesicht. „Die vier Männer mit denen ich gegangen bin, wurden von ihm überwältigt und drei liegen immer noch in einer Zellen im hinteren Bereich des Verlieses. Der vierte ist schwerverletzt, aber sollte gleich hier eintreffen. Es gibt Kreidemarkierungen an den Wänden. Wenn ihr ihnen folgt, werdet Ihr die anderen drei finden." Legolas sah kurz zu Aragorn auf. Seine Stimme begann zu zittern. „Asani braucht dringend einen elbischen Heiler."

Der König Gondors hatte während Legolas' Bericht immer wieder besorgte Blicke auf Asani mo Ifrey geworfen. Sie erinnerte Aragorn mehr an eine Tote. Aber er sagte nichts dazu, sondern wandte sich mit einem barschen Befehl an seine Männer: „Holt mir Lhûrniel!"

„Lhûrniel ist noch bei dem älteren Lord Kerrigan", erwiderte ein Ritter prompt.

Aragorn fuhr ihn beinahe ungehalten an: „Dann geht und holt ihn!"

„Sehr wohl!" Und sofort rannten vier Männer los.

„Vielleicht sollten wir sie irgendwo hinlegen, wo es nicht so kalt und feucht ist", schlug Gimli ruhig vor, der es aufgegeben hatte, einen Blick auf Asani zu erhaschen. Er starrte nämlich voller Entsetzen auf ihren Arm, der vor ihm jetzt vor ihm baumelte. Er sah die Adern und Venen durch die fahle Haut, die mit getrocknetem Blut und Dreck überzogen war. „Wie wäre es mit der Küche? Da gibt es eine große Feuerstelle und viel Platz."

Legolas schien mit dem Vorschlag einverstanden. Er nickte knapp und rannte schon los. Aragorn schickte zur Sicherheit einen Teil der Männer in die Gänge, um nach Orks und den drei Rittern zu suchen. Nur Gimli dachte daran einen weiteren Boten den ersten vier hinterher zu schicken, damit dieser Lhûrniel auch sofort in die Küche kam und nicht hier im Verlies landete. 

Minuten später wurde die große Palastküche im Erdgeschoß von der Garde des Königs besetzt. Das Personal wurde grob hinausgeworfen und an jeder Tür und jedem Fenster postierte sich ein grimmig dreinschauender Ritter. Eine große Arbeitsplatte wurde geräumt und Asani darauf gelegt. Zwei Mägde kochten Wasser, legten saubere Tücher bereit und räumten die Kräutersammlung des Palastes aus, für den Fall, daß dieser Lhûrniel etwas davon brauchen sollte.

Gimli und Aragorn halfen den beiden Dienerinnen und sahen möglichst nicht zur Legolas und Asani hin. Denn der Elb hatte seiner Geliebten die schmutzigen Lumpen ausgezogen und wusch sie vorsichtig. Während er den feuchten Lappen über ihren Körper führte, war er peinlich genau auf der Suche nach Wunden oder gebrochenen Knochen. Er hatte ihren Pakt mit dem Schwert nicht vergessen. Aber er wünschte, sie hätte eine Wunde, die er versorgen konnte. Er wünschte sich, daß er etwas für sie tun konnte. Etwas, daß sie die Augen wieder öffnen ließ. Aber da war nichts, wo er hätte Hand anlegen könnte. Legolas sah ihr verzweifelt ins Gesicht. Er konnte ihr nicht helfen und es blieb ihm nur das Warten auf Lhûrniel.

Der elbische Heiler, nach dem Aragorn rufen ließ, kam einige Augenblicke später. Sehr außer Atem und sichtlich nervös betrat er die Küche. Sofort verneigte er sich tief vor seinem König. „Verzeiht, Majestät, aber Seine Lordschaft ist erst jetzt über den Berg."

Aragorn lächelte milde. „Wir brauchen deine Fähigkeiten als Heiler, Lhûrniel." Er deutete auf das Mädchen auf dem Küchentisch. Der junge Elb sah erstaunt hin. Fragen schossen durch seinen Kopf. War dies das Mädchen, nach dem alle gesucht hatten? Er hatte doch das Zimmer gesehen, aus dem sie entführt wurde. Warum sah sie so unversehrt aus? Schnell entledigte er sich seinem Umhang und stellte sich neben dem Mädchen. Legolas stand ihm gegenüber auf der anderen Seite des Tisches. Lhûrniel wollte den Prinzen beten, zur Seite zu gehen, aber er bemerkte, daß Legolas die Hand des Mädchens fest in seiner hielt. Stimmt, das Mädchen war seine Geliebte.

„Ein Ork hat sie vergiftet und sie ist in einem schwarzen Schlaf gefallen", flüsterte er ihm zu. Sein Daumen strich zärtlich über Asanis Handknöchel, als er den jungen Heiler angespannt beobachtete. „Aber ihr Geist war für mich unzugänglich."

Lhûrniel lächelte beruhigend den Prinzen an und begann dann mit einer schnellen Untersuchung. Legolas Grünblatt von Düsterwald war ein Held und Krieger und kannte sicherlich nur die Grundlagen der elbischen Heilkunst. Er, Lhûrniel, hingegen hatte Lord Elrond als Lehrer gehabt, ehe er Lady Arwen nach Gondor gefolgt und schließlich in die Dienste des Königs getreten war.

Zuerst mußte er das Mädchen aus der Finsternis holen, ehe er die Vergiftung heilte. Er hatte ihre verfärbten Lippen bemerkt und bei einer näheren Untersuchung ihrer Mundhöhle fand er Rückstände des Orkgiftes an ihren Zähnen. Gifte, die eingenommen wurden, sollten erbrochen werden oder man trank so lange, bis der Körper davon gereinigt war. Beides war jedoch unmöglich, wenn sich das Opfer in einem schwarzen Schlaf befand. Wie Legolas zuvor auch, sandte Lhûrniel ein Licht in Asanis Geist und versuchte sie aus dem schwarzen Schlaf zu wecken. Aber er stieß auf unerwarteten Widerstand. Es fühlte sich hart und sehr kalt an. Er hatte das Gefühl, auf eine Mauer aus Metall gestoßen zu sein.  Der junge Heiler stutzte. So etwas hatte er noch nie erlebt. Er entschied sich, noch etwas tiefer in ihren Geist einzudringen. Das Ergebnis war, daß die Mauer aus Metall anfing, sich zu bewegen. Sie schob ihn Stück für Stück aus der Seele des Mädchens. Als er sich mit aller Macht dagegen stemmte, wurde das Metall heiß. Glühend heiß. Schließlich glaubte Lhûrniel, in blauen Flammen zu stehen. Voller Angst und Panik floh der Elb schreiend aus der Seele des Mädchens.

Als er die Augen aufriß und nach Luft japste, sah er die Küche und alle anderen wieder vor sich. Aber der Rückzug aus ihrer Seele war so übereilt gewesen, daß er die Orientierung und die Balance verlor. Er wankte und schwankte gefährlich, als ihn plötzlich jemand an der Jacke festhielt. Es war Legolas, der ihn über den Tisch hinweg stützte.

„Was ist los?" fragte er stirnrunzelnd. „Konntet Ihr sie erreichen?"

Der junge Heiler mußte einige Male blinzeln und Legolas' Worte im Gedanken wiederholen, ehe er eine verständliche Antwort geben konnte, die dann leider „Ich weiß nicht so genau" lautete.

Legolas ließ ihn mit einem Schnauben los und wieder begann der andere Elb zu straucheln. Aragorn hatte mehr Mitleid für seiner elbischen Garde und ließ einen Stuhl und ein Glas Wasser holen. Unter Legolas' düsteren Blick trank der junge Elb und sortierte diesmal sorgfältiger seine Worte. „Nun, Hoheit...Ich konnte sie nicht erreichen, weil es nicht das Gift ist, das sie in dem schwarzen Schlaf hält. Mir scheint, etwas anderes in Form einer Mauer aus Metall versucht sie vor allem, das von außen auf sie eindringen könnte, zu schützen." Lhûrniel hielt kurz inne. „Es ist, als wäre noch jemand in ihrer Seele."

„Eine Mauer aus Metall?" wiederholte Gimli brummend und sah den Heiler an, als wäre er nicht ganz zurechnungsfähig. Aber plötzlich hellten sich seine Augen auf und er rief: „Legolas, das Schwert! Sie hat doch diesen Pakt mit dem Schwert geschlossen, oder nicht? Es soll sie doch vor allem Übel beschützen."

„Bitte was?" fragte Lhûrniel verwirrt und von seinem König zu dem Zwerg und dann zu Legolas, der geistesabwesend die Hand seiner Geliebte küsste, ehe er langsam von diesem mysteriösen Pakt erzählte. Der junge Heiler erbleichte bei jedem Wort.

„Dann...", begann er entsetzt und wich unwillkürlich vor Asani zurück. Dabei bemerkte er nicht, wie sich Legolas' Augen gefährlich verengten. „Dann ist ihre Unsterblichkeit unnatürlich!"

Legolas fuhr ihn scharf an: „Das braucht Euch nicht zu interessieren. Helft ihr!"

Aragorns und Gimlis Köpfe fuhren bei diesen harten Ton überrascht herum. Lhûrniels Wangen röteten sich. Vor Empörung oder Scham war nicht zu erkennen. Er biß sich auf die Lippen, bevor er bedauernd sagte: „Vergebt mir. Aber in dem Fall kann ich nichts für sie tun."

Legolas atmete scharf ein. Seine linke Hand schoß mit einem Male vor, packte den anderen Elben am Kragen und zog ihn so nah zu sich, daß sich ihre Nasen berührten. „Könnt Ihr wirklich nichts für sie tun oder wollt Ihr nicht, weil Ihr glaubt, daß sie womöglich zur dunklen Seite gehört?"

„Mein Prinz!" keuchte Lhûrniel mit weit aufgerissenen Augen. Verängstigt versuchte er sich dem harten Griff zu entziehen. „Ich würde nie..."

„Erlaubt Euch kein Urteil über jemanden, den Ihr nicht kennt", zischte Legolas ihm zu und schüttelte ihn einmal. Gehorsam schüttelte Lhûrniel den Kopf und würgte ein „Niemals, Hoheit" heraus.

„Legolas, beruhige dich!" rief Gimli und versuchte Legolas vor noch mehr Unsinn abzuhalten. „Das hilft uns doch nicht weiter!"

Gimlis Appell schien etwas zu bewirken, denn Legolas ließ den anderen Elben los. Aragorn scheuchte den immer noch geschockten Lhûrniel aus Legolas' Griffweite, als dieser jedoch wieder vortrat, seinen Kragen richtete und Legolas' vernichtenden Blick trotzte. „Es war nie meine Absicht, schlecht von diesem Fräulein zu denken. Aber ihr Zustand übersteigt meine Fähigkeiten als Heiler. Ich will Euch auch erklären, warum." Er wartete auf Legolas' Reaktion. Erst als dieser nicht mehr den Eindruck machte, als wollte er auf ihn losgehen, fuhr der Heiler fort: „Ihr Pakt mit dem Schwert könnte einige Schwierigkeiten bei der Heilung machen."

„Aber es soll doch seine Herrin schützen und heilen", warf Gimli verwirrt ein. „Warum sollte es hinderlich sein?"

„Eine Waffe kann nicht Gut oder Böse unterscheidet. Es soll nur töten. Das allein ist seine Bestimmung", erklärte Lhûrniel. „Aber eine Waffe ist auch nur ein Ding und wird eines Tages beiseite gelegt und vergessen. Durch den Pakt wird dem Schwert versprochen, daß es ihm dieses Schicksal nie widerfahren wird, dafür muß es den Geist und den Körper seine Herrin vor allem schützen. ‚Vor allem' meint auch alle, die versuchen in ihren Geist einzudringen. Sei es aus bösen oder guten Absichten. Das Schwert kann ja nicht unterscheiden."

„Warum hält es sie überhaupt in diesem Schlaf?" brummte Gimli verwirrt.

„Weil Orkgifte auch den Geist angreifen", erwiderte der Heiler. „Die Opfer verfallen meist dem Wahnsinn und bringen sind am Ende selbst um. Um seine Herrin davor zu schützen, hat das Schwert wohl eine Mauer um ihren Geist gezogen."

„Aber das Schwert hat doch auch nichts...davon", meinte der Zwerg vorsichtig und sah bedeutungsvoll auf den stillen Körper auf dem Tisch. Lhûrniel zuckte hilflos mit den Schultern. Er fuhr allerdings zusammen, als Legolas eine Hand auf seinen Arm legte. Aber diesmal wurde ihm weder gedroht noch wurde er angeschrien oder durchgeschüttelt. Statt dessen sah er in zwei Augen voller Schmerz und voll tiefem Kummer.

„Sagt mir", flüsterte Legolas. „Gibt es wirklich keine Hoffnung für sie?"

Lhûrniel mußte schlucken. Legolas' Qual war so deutlich zu spüren, daß es sein Herz rührte und es ihm vor Mitleid bis zum Hals schlug. Er war jünger als Legolas und hatte noch lange nicht gelernt, seine Emotionen unter Kontrolle zu halten. Daher war er den Tränen nahe und seine Stimme zitterte verdächtig, als er leise vorschlug: „Lord Elrond könnte ihr helfen. Vielleicht kann er die Mauer aus Mithril überwinden."

Der junge Elb errötete bis unter die hellen Haarwurzeln, als ihn alle auf einmal ansahen. Er räusperte sich verlegen und sah überallhin nur niemanden in die Augen.

„Es ist eine Überlegung wert", brummte Gimli langsam.

Legolas begann auch zu überlegen. Zumindest versuchte er es. Seine Gedanken ließen sich nicht sortieren, als er Asanis kalte, schlaffe Hand in seiner hielt. Er sah auch beinahe durch den jungen Elben hindurch. „Lord Elrond?"

„Dann sollten wir nach ihm schicken", schlug Aragorn vor und blickte gleichzeitig zu seiner Garde, die in unmittelbarer Nähe stand.

„Nein", entschied Legolas kühl. „Das wird nicht nötig sein. Ich bringe sie zu ihm"

„Legolas! Sie ist schwerverletzt und vergiftet", warf Gimli entsetzt ein. Er hielt den Elben am Arm fest, als er Asani fest in einen Umhang wickelte und hochheben wollte. „So eine lange Reise ist nicht gut für sie."

„Wenn wir einen Boten nach Bruchtal schicken, wird er mindestens drei Tage brauchen", erwiderte Legolas. „Die gleiche Zeit wird Lord Elrond brauchen, um hierher zu kommen. In sechs Tagen wird auch Lord Elrond ihr nicht mehr helfen können."

„Woher willst du das wissen?" rief Gimli und warf die Hände in die Luft. „Legolas, sei nicht so stur! Denk mal an Fräulein Asani!"

Legolas beugte sich zu Asani hinunter und strich schweigend über ihre fahlen Wangen. Es schien, als würde er Gimli nicht mehr antworten, aber dann drehte er sich mit glasigen Augen zu seinem Freund und gestand flüsternd: „Ich denke an nichts anderes."

Rückblende Ende

~*~

Tatsächlich schaffte Legolas die harte Strecke zwischen Perrigon und Bruchtal in drei Tagen. Er hatte dabei weder sich noch das Pferd geschont. In Bruchtal angekommen hatte ihn die nächste böse Überraschung erwartet. Lord Elrond war nicht Bruchtal. Legolas wäre mit Asani auf das nächste Pferd gesprungen, denn seines war zu Tode erschöpft und zeigte offen sein Widerwillen, als Legolas wieder nach seinen Zügeln gegriffen hatte. Aber die beiden Berater Elronds hatten ihn rechtzeitig davon abgehalten und ließen Asani in Elronds Haus bringen. Diejenigen, die dort verweilten, erfuhren Ruhe, Frieden und Heilung und wurden von Kummer und Angst befreit.

Nach der ersten Nacht wurde ihr Atem tiefer. Ihre Lippen und Wangen bekamen einen rosigen Schimmer. Dennoch wurden Legolas' Sorgen immer größer. Ihr Körper schien kälter und dünner zu werden. Es war, als würde das Gift sie langsam von innen verzehren.

„Legolas?" Ein sanftes Schütteln schreckte ihn auf. Sein jüngerer Bruder Damelos stand neben ihn und blickte ihn besorgt an. Damenyon hatte den Raum nicht betreten und beobachtete ihn abwartend.

Statt einer Begrüßung sah der ältere Bruder fort. Er wußte bereits, was die Zwillinge ihm sagen wollten. Seit Tagen sagten sie nichts anderes. Damelos' Hand drückte seine Schulter, als seine Stimme die schon bekannten Worte zu ihm trug. „Geh und ruh dich aus, Legolas."

„Nein, ich kann nicht." Die Worte klangen hohl und flach, weil er sie schon so oft gesagt hatte.

„Legolas, ich bitte dich", fuhr Damelos fort. „Sie würde nicht wollen, daß du dich so quälst." Er kniete sich neben seinem älteren Bruder und blickte zu ihm hoch. „Geh und ruh dich aus."

Legolas sah seinen Bruder hart und kalt an. Für einen Moment schien es, als würde er sie beide aus dem Zimmer werfen, aber statt dessen vergrub er sein Gesicht in beide Hände und schüttelte schweigend den Kopf. Er atmete tief ein. „Ich kann sie nicht allein lassen."

„Legolas..."

„Ich sagte, nein."

„Bitte, Legolas", drängte Damelos weiter.

„Legolas!" zischte Damenyon plötzlich wütend. Er schloß die Entfernung zwischen ihm und seinem Bruder nur mit wenigen Schritte und riß Legolas' Hände herunter, damit er ihm wieder in die Augen sehen konnte. „Ich kann das nicht mehr mit ansehen."

„Dann geh", erwiderte Legolas unbarmherzig. Aber er bereute seine Worte sofort.

Für einen Moment blitzte Schmerz in Damenyons Augen auf. Aber er ließ Legolas nicht los. „Komm mit uns, Legolas, ansonsten bin ich gezwungen, dich hier an den Haaren hinauszuschleifen."

„Das wagst du nicht", wisperte Legolas mit einer Mischung aus Erstaunen und Empörung.

„Oh doch." Damenyon blickte ihn mit tödlicher Entschlossenheit an. „Ich wage es."

„Und ich werde ihm helfen", fügte Damelos ruhig hinzu. Er zuckte unter Legolas' eiskalten Blick nicht zusammen. Das Training mit Elladan hatte ihn abgehärtet.

Legolas erhob sich und fegte die Hand von seiner Schulter. Er und seine Brüder waren gleich groß, aber er war der Ältere und der erfahrene Krieger. „Ihr wollt mir drohen?"

„Ich drohe nicht", gab Damenyon mit der gleichen Arroganz zurück und kam sogar einen Schritt näher. Sein Blick war genauso hart wie der von Legolas.

Damelos wußte, daß Nyon nicht den Hauch einer Chance gegen Legolas hatte. Aber sein Zwilling würde sich gegen Legolas stellen, wenn er überzeugt war, daß es seinem geliebten Bruder helfen würde. Damelos zwängte sich zwischen sie. „Legolas, du kannst nicht Tag und Nacht bei ihr wachen ohne zu essen und zu ruhen. Willst du wirklich, daß sie dich so sieht? - Weißt du, wie du aussiehst?" Er sah Legolas zögern und redete daher schnell weiter: „Willst du wirklich, daß sie sich gleich nach dem Aufwachen Sorgen um dich macht? Legolas, breche ihr damit nicht das Herz."

Für einen Moment fürchtete der Zwilling, daß Legolas nun auf ihn losgehen würde, als er ihn mit einem vernichtenden Blick durchbohrte. Aber statt dessen begann er zu wanken und schließlich fiel er kraftlos in den Stuhl zurück und bedeckte erneut sein Gesicht mit beiden Händen. „Ich kann sie nicht noch einmal allein lassen. Seht doch, was ihr beim ersten Mal widerfahren ist."

Damelos konnte nicht umhin, erleichtert aufzuatmen. Legolas konnte manchmal wirklich furchterregend sein. Er begann auch zu wanken. Nahkampf war nichts für ihn...

„Legolas, hier ist sie sicher", flüsterte Damenyon beschwörend. Er legte beide Hände auf die herab gesunkenen Schultern seines Bruders. „Das ist Bruchtal und wir sind im Hause Elronds."

Legolas sah auf und wollte wohl etwas erwidern, aber eine sanfte Stimme kam ihm zuvor. „Ihr solltet auf Eure Brüder hören."

Drei Augenpaare sahen abrupt zur Tür. Dort stand Lord Elrond. Er mußte erst vor einigen Augenblicken angekommen sein, denn er trug nicht die üblichen langen Gewänder, sondern steckte noch in seinen Reisekleidern und war von einem wohl sehr scharfen Ritt reichlich zerzaust. Sein langes Haar war ein wenig von Wind verweht und etliche Strähnen hatten sich aus der silbernen Spange gestohlen. Auf der linken Wange sah man noch die letzten Spuren vom weggewischten Dreck und es haftete der Geruch von frischer Erde und Wald an dem Lord.

„Lord Elrond!" riefen Damelos und Damenyon gleichzeitig und vergaßen fast, sich zu verbeugen und den Hausherren gebührend zu begrüßen. Legolas blieben die Worte im Halse stecken. Er wußte nicht, ob er den Elbenlord an die Gurgel springen sollte, weil er so lange für die Heimreise gebraucht hatte, oder ob er sich vor ihm auf den Boden werfen und für das Leben seine Geliebten betteln sollte. Unbewußt entschied er sich für eine etwas unglückliche Mischung aus beidem. Er fiel vor dem Lord auf die Knie und sagte in einem befehlsähnlichen Ton: „Lord Elrond, helft mir!"

Lord Elrond schmunzelte. „Steht wieder auf, Legolas. Es gibt keinen Grund für solche Gesten."

Er legte seinen Umhang ab und gab ihn Damelos, der ihn bereitwillig in Empfang nahm. Mit schnellen Schritten ging er zum Bett und ließ sich vorsichtig neben Asani nieder. Schnell und routiniert untersuchte er sie und sagte dabei kein Wort.

Legolas, der sich mittlerweile wieder erhoben und dicht hinter Elrond stand, flüsterte: „Es ist nicht das Gift, das den Heilern Schwierigkeiten macht."

„Das wurde mir gesagt", erwiderte Elrond ruhig. Er sah Legolas ernst ins Gesicht. „Aber geht und ruht Euch aus, Legolas."

„Ich kann nicht", erwiderte Legolas fest. Er schaffte es, nicht gereizt zu klingen. „Ich werde nicht von ihrer Seite weichen. Bitte laßt mich Euch helfen."

„Ihr könnt mir in Euren Zustand nicht helfen", antwortete Lord Elrond ehrlich. Sein Ton und seine Augen wurden weicher, als er fortfuhr: „Ihr könnt ihr damit nicht helfen."

„Bitte, Lord Elrond..."

„Wie viele Tage schon habt Ihr es versucht?" unterbrach der Lord einfühlsam. Legolas preßte die Lippen zusammen und sah fort. Sein Schweigen war Antwort genug für Lord Elrond. Dennoch fragte er weiter: „Hat sie dabei je das Bewußtsein erlangt?"

Ein Muskel bewegte sich in Legolas' Wange. Er schüttelte verbittert den Kopf. Ein letztes Mal sah er in die grauen Augen des Lords, atmete tief ein und nickte zögernd. „Ich werde gehen."

Aber er bewegte sich nicht einen Zoll und starrte lange auf Asanis schlafende Gestalt. Erst als Damelos ihn sanft am Arm zog, machte Legolas einen Schritt weg vom Bett. Es fiel ihm schwer. Lord Elrond konnte es ihm ansehen. Mit jedem Schritt weg von ihr, schienen sich immer mehr die unterdrückte Müdigkeit, die verleugnete Hoffnungslosigkeit und der tiefe Kummer in seinem schönen Gesicht abzuzeichnen. Als er die Tür erreichte, mußte ihn einer seiner Brüder stützen. 

Der Elbenlord fragte sich, ob der Prinz hinter der Tür zusammenbrechen würde, und spielte kurz mit dem Gedanken, Glorfindel oder Erestor zu dem Elbenprinzen zu schicken, damit sie sich seiner annahmen, als die beiden Ratsherren auch schon in der Tür auftauchten. Sie hatten zwei Diener im Schlepptau, die anscheinend mit der halben Apotheke Bruchtals, gefüllten und leeren Wassereimern und Tücher beladen waren. Neugierig trat Glorfindel vor und blickte Lord Elrond abwartend an. Dieser nickte bloß und ließ alle vier Elben eintreten. Der Diener, der zuletzt eintrat, winkte eine Wache herbei und verschloß sorgfältig die Tür. Niemand war es nun erlaubt, den Raum zu betreten...

~*~

Sie war erschöpft. Ganz furchtbar erschöpft. Sie lehnte sich an das kalte Metall und sah sich um. Alles war still. Alles war schwarz. Alles war tiefe schwarze Finsternis. Um sie herum und in ihr. Sie war seit Stunden hier. Waren es Stunden? Waren es vielleicht doch schon Tage? Jahre?

Daran war nur dieser Ork schuld. Dieser verdammte Ork! Dieses verdammte Zeug, das er ihr in den Hals gegossen hatte. Wie flüssiges, bitteres Feuer hatte es sich seinen Weg in ihren Magen gebrannt und sich in ihrem Körper ausgebreitet. Eine Ewigkeit war sie Schmerzen und Trugbildern ausgesetzt gewesen, bis die schwarze Stille sie in ihre tröstende Arme genommen hatte. Zuerst war sie glücklich, daß die Schmerzen aufgehört hatten, und daß kaltes Metall ihren überhitzten Körper kühlte. Obwohl sie nicht wußte, woher dieses Metall herkam.

Aber als sie keine Schmerzen mehr hatte und dem Ork die Ohren abschneiden wollte, fand sie keinen Weg mehr hinaus. Sie wußte ja nicht einmal, wohin sie gehen mußte. Es war schließlich alles gleich dunkel und finster. Außerdem war alles so still hier. Anfangs hatte sie noch laut mit sich geredet, aber nach einer Weile machte sie es wahnsinnig. Sie wünschte sich so sehr, Legolas' Stimme zu hören. Aber wo war der blöde Elb nun? Er hatte ihr doch versprochen, daß er ihr überallhin folgen würde. Hatte er sich womöglich hier drin verlaufen? Ihr humorloses Lächeln verschwand, als sie eine andere Möglichkeit erwog. War er überhaupt hier? War er ihr wirklich gefolgt? Konnte er ihr überhaupt bis hierhin folgen? Asani lehnte sich kraftlos an die Wand und seufzte. Es klang so hohl in der Finsternis.

Hier. Wo war bloß hier? Noch nie war sie an so einem Ort gewesen. Alles war so düster und hatte den Charakter von Irgendwo im Nirgendwo. Dann war diese seltsame Mauer aus Metall. Asani hätte an ihr entlang laufen können, um wenigsten herauszufinden, wo das Ende war. Aber sie war so müde. Sie war so entsetzlich müde. So erschöpft. Und alles schien so sinnlos. Es war so hoffnungslos...

Die Wand, an der sie lehnte, begann auf einmal zu beben. Erschreckt krabbelte Asani davon weg und versuchte verzweifelt in der Finsternis etwas zu sehen. Vergebens. Sie hörte nur ein tiefes, hartes, grollendes, bedrohliches Geräusch, das sich ihr immer mehr näherte. Die Vibrationen des Bebens erfaßten sie und fuhren ihr durch Mark und Bein. Am deutlichsten spürte sie es in ihrer rechten Schulter. Seltsamerweise schienen sich die Erschütterungen nur auf dieses Körperteil zu konzentrieren. Die ersten feinen, scharfen Kristalle betäubenden Schmerzes stachen fest in ihr Fleisch und ließen sie zusammenzucken. Aber sie biß die Zähne zusammen. Sie mußte schleunigst weg. Was immer hier bebte und grollte. Es kam immer näher. 

Asani hielt sich ihre Schulter, kroch und robbte sich weg. Jedoch fügten sich die feinen Kristallen zu einem Klumpen zusammen, der dumpf pochend in ihrer Schulter hing und schwer auf den rechten Lungenflügel drückte. Sie mußte innehalten und zu Atem kommen. Mit klopfenden Herzen starrte sie in die Richtung, aus der das Beben kam. Neue Geräusche kamen hinzu. Etwas schien zu zersplittern. Kleine Steine oder kleine Metallbrocken fielen auf den Boden. Staub rieselte.

Machte sich jemand an der Metallmauer zu schaffen? Ihre Frage beantwortete eine senkrechte Linie hellen Lichtes, die die massive Wand durchbrach und die Dunkelheit durchschnitt wie ein Schwert. Gleichzeitig zerbrach der schmerzhafte Klumpen ihrer Schulter. Asani japste erschrocken nach Luft und fiel vornüber. Hastig wandte sie sich ab. Das Licht, so wenig es auch war, blendete sie. Es folgte ein leises Krachen und die Mauer explodierte mit viel Getöse. Ihre Schulter explodierte mit.

Zumindest fühlte es sich so an. Ein scharfer Schmerz durchbohrte ihre rechte Schulter und schoß einmal quer durch ihren Körper. Der Schock und die Qualen rissen sie zu Boden. Licht flutete durch ihre Finsternis und wärmten ihren steifen Körper. Aber es war so unerträglich. Asani versuchte, sich aufzusetzen und sich wieder davon zu machen. Aber ihre Schulter schien ihr dabei im Weg zu sein.

„Asani, lasto beth nîn", flüsterte eine männliche Stimme in die Stille.

Sie fuhr herum und blinzelte ins das strahlende Licht. Diese Worte kamen aus dem Licht. Und in diesem strahlenden, warmen Licht stand eine hohe Gestalt mit langem Haar und weißen Gewändern. Etwas unsicher sah sie sich um und sagte erneut: „Asani, lasto beth nîn. Tolo dan nan galad." [2]

Sie verstand kein Wort. Sie blieb sitzen, hielt sich ihre schmerzende Schulter und starrte den Neuankömmling an, als wäre er ein Wunder. Einen Moment lang ergötzte sie sich an die frische Erinnerung an den Klang seiner Stimme. Außer daß es sehr melodische Stimme war, war es wundervoll, Sindarin zu hören. Sie hatte den Rhythmus der Sprache erkannt. Tränen traten in ihre Augen und sie vergaß ihre Schulter. „Legolas, bist du das?"

Der Fremde hörte sie wohl, denn sein Kopf ruckte in ihre Richtung. Eine Weile schien er sie anzusehen. Genau erkennen konnte sie es nicht. Dann verfolgte sie völlig regungslos, wie er auf sie zukam. Es war ein Elb. Aber nicht der, den sie erwartet hatte. Dieser hier schien älter und weiser zu sein als Legolas. Sein langes Haar war dunkel und seine Augen grau und gütig. Er kam ihr so bekannt vor. Aber sie konnte sich nicht erinnern, wer das war. Sein Blick wurde besorgt, als er sie genauer musterte. Immer noch hielt sie sich ihre rechte Schulter. „Schmerzt es sehr?"

Asani nickte wie ein dummes Kind.

„Das tut mir sehr leid", sagte der Elb voller Bedauern und hockte sich zu ihr hin. „Ich hätte daran denken müssen, daß du und das Schwert miteinander verbunden seid. Wird das Schwert beschädigt, leidest auch du Schmerzen." Sie antwortete nicht, ließ es aber zu, daß er sich ihre Schulter ansah. „Fürwahr ein hoher Preis..."

Asani blinzelte ihn verständnislos an. Wovon redete er?

„Ich kann hier nichts für dich tun, Asani. Möchtest du nicht mit mir kommen?"

Sie schüttelte den Kopf und antwortete zaghaft: „Ich warte auf Legolas."

Der fremde Elb blickte sie traurig an. „Aber er wartet darauf, daß du zu ihm kommst."

„Der blöde Elb soll herkommen", entgegnete sie unerwartet trotzig und schluckte den Kloß hinunter, der sie langsam aber sicher beim Atmen störte. Statt tief einzuatmen, schluchzte sie leise auf. Schließlich gestand sie weinend: „Ich komme hier nicht heraus."

„Ich weiß", flüsterte er beruhigend. „Komm mit mir und ich führe dich hier heraus."

Asani blickte ihn immer noch mißtrauisch an und schniefte. „Wirklich?"

Er nickte lächelnd und reichte ihr die Hand. „Tolo gwanin, Asani."[3]

Sie sah zuerst skeptisch auf seine ausgestreckte Hand und blickte sich unsicher um. Vorsichtig legte sie ihre Hand in seine.

„Mae, Asani. Tolo gwanin. Tolo dan nan galad." Der Elb umschloß sie mit seiner warmen und starken Hand und zog sie zu sich. Aber statt sicher in seinen Armen zu landen, flog sie durch seinem Körper hindurch und wurde in das warmen Licht hinter ihm hinein gesogen. Sie wehrte sich und wollte zurückspringen, aber sie hatte nicht die Kraft dazu. Sie versuchte alles, um diesem hellen Sog zu entkommen. Das Licht würde sie verbrennen! Aber sie konnte sich nicht bewegen. So hob sie schützend beide Arme vors Gesicht und biß die Zähne zusammen. Sie fiel durch das gleißende Licht und landete...irgendwo. Zumindest spürte sie, wie sie auf etwas lag. Es war weich, federnd und entsetzlich warm und laut. Sie riß die Augen abrupt auf.

„Edra i chin!"[4]

„Rathannech hen, Elrond!" [5]

Was war? Aber Asani hatte keine Zeit, sich damit zu beschäftigen. Ein scharfer Blitz schoß von ihren Zehen bis zur Schädeldecke hoch und ließ sie schreiend hochfahren. Viele Hände drückten sie nieder und Angst brandete in ihr hoch. Woher kamen all diese Hände? Wem gehörten sie?!? Asani schlug wild um sich und wollte nur noch weg.

„Es ist alles gut", flüsterte eine melodische Stimme direkt über ihr und zwei Arme schlangen sanft um sie. Asani blickte hoch und sah wieder in diese grauen Augen. Es war der Elb aus dem Licht. Nur sah er jetzt gar nicht so überirdisch aus. Sein Haar war etwas zerzaust und er hatte Dreck im Gesicht. Außerdem sah er so erschöpft aus. Vielleicht war es das, das sie schließlich ruhiger wurde.

Sie wollte ihm keine Last sein, denn er hatte sie wirklich aus der Finsternis heraus geführt, und sie vertraute ihm. Er schien sie zu verstehen, denn er lächelte sie dankbar an und zog sie enger in seine Arme.

„Asani mo Ifrey", flüsterte er lächelnd. „Du bist wieder bei uns."

Es sah aus, als wollte ihm etwas antworten, aber zu seinem maßlosen Erstaunen tastete sie ihn ab. Der Elb blinzelte und brach in schallendes Gelächter aus. Als sie ihn jedoch beleidigt ansah, strich er über ihren Kopf als wäre sie ein verirrtes Kätzchen und schmunzelte: „Diesmal bin ich wirklich da."

„Lord Elrond, die Medizin ist fertig", sagte eine andere Stimme von irgendwo her. Sofort fuhr Asanis Kopf herum und erst jetzt sah sie vier weitere Elben, die um sie herum standen und anlächelten. Wer waren sie? Wo kamen die auf einmal her?

„Gebt sie mir", sagte der freundliche Elb und hielt auf einmal ein kleines Gefäß in der Hand. Er hob es an Asanis Lippen und nötige sie sanft, den Inhalt auszutrinken.

Asani war so schwach, daß sie sich nicht wehren konnte und nur mit Widerwillen gehorchte. Sie versuchte den bitteren Saft auszuspucken, aber der Elb hielt ihr Kinn etwas höher und goß alles vorsichtig in ihren Rachen. Asani wimmerte hilflos und wollte seine Hand fortschieben, aber sie bewegte sich nicht.

„Ich weiß, es schmeckt furchtbar", flüsterte er ihr zu und strich zärtlich über ihren Kopf und ihre Schultern. „Aber du mußt das trinken, mein Kind."

Sie begann zu weinen und wand sich in seinen Armen. Aber der Elb hielt sie fest und flüsterte etwas in einer anderen Sprache. Sie verstand den Sinn seiner Worte nicht, aber deren Klang war schön und sehr beruhigend. Nach einer Weile gab sie auf und verkroch sich geschlagen in seiner Umarmung. Unbeherrscht wie ein Kind begann sie zu schluchzen. Der Elb wiegte sie sanft und strich dabei immer wieder über ihren Kopf und ihren Rücken. Schließlich legte er seine Wange auf ihren Scheitel und seufzte tief. „Es ist alles nur halb so schlimm."

Trotz ihres Gejammers hörte sie ihn und sah ungläubig zu ihm auf. Sie wollte ihm sagen, daß es noch viel schlimmer war. Aber statt dessen preßte sie die Lippen fest aufeinander. Ihr Magen revoltierte und sie spürte, wie sich die Speiseröhre langsam weitete. Mit weit aufgerissenen Augen versuchte sie den plötzlichen Würgereiz zu unterdrücken. Aber es ging nicht. Sie sah dem Elben verzweifelt ins Gesicht und er schien sie sofort zu verstehen. Sanft zog er sie bis zum Bettrand, bis sie in eine leere Waschschüssel hineinsah. Er hielt ihre Haare zurück und strich beruhigend über ihren Rücken, als sie ihre Finger in die weiche Matratze krallte und sich in die Schüssel übergab, als gäbe es keinen Morgen.

Als ihr Magen nichts mehr hergab, brach sie erschöpft zusammen. Die warme Luft fühlte sich unangenehm auf ihrer feuchten Haut an. Mit schweren, fahrigen Bewegungen versuchte sie sich das weiße Hemd von ihrem Körper zu ziehen. Sofort war jemand zur Stelle und tupfte ihr schweißbedecktes Gesicht mit einem nassen, kalten Tuch ab. Sanfte, tröstende Stimmen hüllten sie ein und beruhigten allein durch ihren Klang Asanis wirren Geist und rasenden Herzschlag. Es kamen noch mehr Hände hinzu, die sie entkleideten, wuschen, vom Bett hoben, wieder hineinlegten und sie zudeckten.

Sie machten sie nervös und verwirrten sie noch mehr. Ein letztes Mal versuchte sie sich aufzusetzen, aber jemand drückte sie in die Kissen zurück. Es war der freundliche Elb, der sie auf der Finsternis geführt hatte. Hinter ihm standen zwei weitere Elben, die sie freundlich anlächelten. Aber keiner von ihnen war Legolas. Verwirrt sah sie sich um und Angst schnürte ihr die Luft ab. Wo war der blöde Elb? „Legolas?"

„Sshh...beruhige dich, mein Kind. Er wird kommen", flüsterte der eine Elb beschwichtigend und strich sanft die nassen Strähnen aus ihrer Stirn und tupfte ihr Gesicht mit einem Tuch ab. Sanft wie der Winde berührten seine Fingerspitzen ihre Augenlider. „Aber bis dahin...Losto, Asani."[6]

Ihr Lider flatterten und plötzlich schoß sein Name durch ihre Gedanken. Ein seliges Lächeln erhellte ihre Züge. "Lord Elrond…"

Elrond lächelte sie an und nickte.

„Danke..."

Ende des 35. Kapitels

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Manchmal habe ich Lust, einfach nur „Hab kein Bock darauf. Laßt uns zum nächsten Kapitel übergehen" zu schreiben. Warum müssen Elben eine eigene Sprache haben? Warum habe ich das bloß eingebaut? Okay, Schwamm drüber....

[1] Lostach, Damelos Thranduilion. - Du schläfst, Damelos Thranduils Sohn.

[2] Asani, lasto beth nîn. Tolo dan nan galad. – Asani, höre meine Stimme. Komm zurück zum Licht. (Das habe ich ja sowas von geklaut.)

[3] Tolo gwanin, Asani. – Komm mit mir.

[4] Edra i chin! – Sie öffnet die Augen!

[5] Rathannech hen, Elrond! – Ihr habt sie erreicht, Elrond!

[6] Losto, Asani. – Schlaf, Asani.

Habe ich mir dabei einen abgebrochen…