Es war merkwürdig, dass er das Geräusch des Aufschlags nicht mitbekam. Er war sich sicher, er hätte es hören müssen, wo genau er sich auch immer befand - in der Luft noch, oder schon im Wasser. Der alte Kahn musste mit einem berstenden Krachen auf die Wasseroberfläche niedergegangen sein, doch für McKay existierte dieser Moment nicht.

Seine Welt endete kurzzeitig, als seine Füße (oder was er sein Kopf, seine Schulter, vielleicht auch zuerst seine Arme?) die Wasseroberfläche durchstießen. Es traf ihn wie ein Schlag. Das war es. Ende und Schicht im Schacht, und das Wasser schloss sich über seinem Kopf. Etwas Schweres traf ihn schmerzhaft am Arm, was genau, wusste er nicht. Ein mächtiger Sog zog ihn nach unten. Mehr aus einem Reflex als aus wirklichen Willen heraus arbeitete McKay dagegen an, trat Wasser und kämpfte. In seinen Ohren rauschte es, doch alle anderen Geräusche schienen ihm wie ausgestellt.

Es war vorbei. Dessen war er sich sicher. Er hatte es versaut, ein für alle Mal, und es überraschte ihn, als er dann tatsächlich die Wasseroberfläche durchbrach und einatmete. Er lebte noch. Oh Gott. Oh Gott. Das war nicht möglich.

Immer noch schien die wirkliche Welt nicht zurück gekehrt. Er hätte unmöglich sagen können, wo genau er war, was er tat, wie hell oder dunkel es war, er war in sich abgeschlossen, auf Automatik gestellt. Sheppard war jetzt irgendwo dort unten, unter der Wasseroberfläche, in dem sinkenden, zerschmetterten Boot. Ein beschämendes, unwürdiges Ende nach all der Mühe und der Zähigkeit, mit der der andere Mann sich an ihrer beider Leben geklammert hatte.

Plötzlich bemerkte McKay, dass seine eigenen Bewegungen fast erlahmt waren. Er tat nichts dagegen, verharrte immer noch in seinem halben Traumzustand, unwillig, noch einmal etwas zu versuchen. Seine Reise schien ihr Ende erreicht zu haben, jedenfalls so lange, wie er hier noch fast mühelos im Wasser hängen konnte - und nicht denken, bloß nicht dran denken, wer jetzt durch das kalte Wasser bis zum schwarzen Seegrund sank…

"Herrgott noch mal", keuchte jemand neben ihm, eine heisere Stimme, und McKay zuckte zusammen, als ein Schwall Wasser sich über sein Gesicht ergoss, als der andere Mann den Kopf zurückwarf.

"Du verdammter Idiot", sagte er nur, das war das einzige, zu dem er sich gerade im Stande fühlte. Es kam ein bisschen heraus wie ein Röcheln, und Sheppard lachte, als wäre er jetzt endgültig übergeschnappt, und packte McKay am Oberarm, zog ihn und schob ihn halb aufs Ufer zu, dass sich plötzlich in der Ferne abzeichnete wie ein fahler Silberstreif.

Wie kalt ihm wirklich war, das bemerkte McKay erst, als er stehen konnte. Wasser troff von seiner Gestalt herab, und er schauderte und schlotterte so heftig, dass Sheppard nur einen Blick auf ihn warf und wieder anfing zu lachen. Er klang wirklich etwas übergeschnappt, lachte und klapperte gleichzeitig mit den Zähnen, und McKay schlug halbherzig nach ihm und erwischte ihm am Oberarm.

Mit einem übertrieben lauten Keuchen und einem mädchenhaften Kiekser fiel Sheppard zurück ins Wasser, riss dann beide Arme nach oben und warf Rodney einen Schwall Wasser entgegen. Mit einem empörten Aufprusten wollte dieser ausweichen, fiel aber nur seinerseits hin. Sheppard, der sich schon wieder aufgerichtet hatte, fiel prompt vor Lachen zurück ins Wasser.

Schließlich, nach einigen Minuten, hatte keiner von ihnen mehr Kraft für eine Fortsetzung der Wasserschlacht. Beide atmeten schwer, McKay, der sich gerade etwas aufgewärmt gefühlt hatte, fing wieder an zu zittern, und stand hastig aus dem flachen Wasser auf, was natürlich überhaupt nicht half. Er sah zu Sheppard herüber, dessen Kichern allmählich verebbt war, und hielt dem Colonel dann eine Hand hin, um ihm aufzuhelfen.

"Du blöder Idiot", wiederholte er noch einmal. "Das war schon wieder einer deiner Phönix-aus-der-Asche-Momente, stimmt's?"

Sheppard lachte, hatte aber den Anstand, halb verlegen auszusehen. "Du kennst mich doch, Rodney", antwortete er schließlich, in einem eher scherzhaften Tonfall, und schien es dabei belassen zu wollen. McKay hakte nicht nach - es erschien nicht richtig, nicht ausgerechnet jetzt.


Die Sonne war noch nicht aufgegangen, doch ihr Licht kündigte sich schon an. Die Welt war in ein kühles Grau getaucht, und von unirdischer Klarheit und Zeitlosigkeit. Es musste in der Nacht geregnet haben, der Dunst und der Geruch hing immer noch über den blassen Sträuchern und dem niedergedrückten langen Gras. Das Ufer bestand aus einem schmalen Streifen dunklen Sand, und dann einer leichten Anhöhe. Kalte Grashalme streiften McKays Knöcheln, als sie hinaufgingen.

Sheppard wusste, er sollte eigentlich fragen, was genau passiert war, als er verschwunden war, doch es erschien ihm merkwürdig unwichtig. Außerdem konnte er sich das meiste zusammen reimen.

Sie waren auf einem Schiff gewesen, nicht? Unwillkürlich wandte er sich um, der See lag ruhig und friedlich da, ohne ein Zeichen der sicher spektakulären Landung. Die eisengraue Felswand mit dem aus der Entfernung klein wirkenden heraus schießenden Wasserfall wurde langsam heller, angestrahlt von einer Sonne, die sich anschickte, über den Horizont zu klettern.

Die Luft war kühl und klar, und Sheppard atmete tief ein, während sie schweigend weiter die Anhöhe erklommen. Der metallene und merkwürdig penetrante Geruch des Sandes schien gleichsam weggeweht zu werden, mit ihm jedes einzelne Körnchen, das sich noch in Sheppards Kopf und Erinnerung befinden zu haben schien. Er fühlte sich gleichsam erneuert.

Ein Hauch Gelb mischte sich in das graue Licht, ließ die tropfenbehangenen Halme aufschimmern. Sheppard seufzte verhalten, grinste dann McKay zu, der leicht zurücklächelte, mit einem Blick, mit dem man normalerweise leicht labile Irre bedachte, was Sheppard vor Lachen aufschnauben ließ. McKay schüttelte nur den Kopf, grinste aber auch.

"Jetzt müssen wir nur noch den Jumper finden", sagte er, und es hörte sich nicht einmal sarkastisch an. "Dann sind wir bald wieder zu hause…"

"Jaaa" Sheppard verfiel in ein Schlendern, weil sie das Ende der Anhöhe fast erreicht hatten. "Ich denke, das wir ein Kinderspiel"

"Da wäre ich mir nicht so sicher", antwortete eine tiefe Stimme. Eine Gestalt erhob sich auf dem hohen Gras zu ihrer Linken.

Sheppard und McKay erstarrten. Vor dem erscheinenden Lichstreifen am Horizont schoben sich noch andere, hoch gewachsene Figuren, und einen Moment lang war es Sheppard, als sei ihm der Boden unter den Füßen weggezogen worden.

Nein. Nicht jetzt. Nicht, wo sie so lange es geschafft hatten, so lange überlebt. Das war einfach nicht fair, und dass er das dachte, verriet wohl viel über seinen Zustand. Die Pegasus-Galaxie war nicht fair, aber es war leicht, das manchmal zu vergessen.

McKay neben ihm hatte noch keinen Laut von sich gegeben. Sheppard wollte ihn nicht ansehen, und er verfluchte sich innerlich dafür, doch er konnte einfach nicht. Es war nicht gerecht - McKay hatte sie hier hergebracht, auf eine Art und Weise, die für diesen Mann - für jeden Mann - eine absolute Heldentat war, und nun mussten sie so kurz vor dem Ziel scheitern.

Es war ein nichts sagendes Gesicht, dass der Mann hatte, der den Trupp anführte, der nun seine Gewehre auf die beiden Männer richtete. Groß und recht leer, fand Sheppard, mit nur einem Anflug der Grobheit, den seine Bemerkung eben noch verraten hatte. Die kleinen Augen hielten kein Mitleid, nur einen gewissen Triumph, der aber frei von jeder Art von persönlicher Freude war. Sheppard wusste nicht, ob das die Sache erträglicher machte oder nicht…

Sie standen mit dem Rücken zum Sonnenaufgang, die Anhöhe hinter ihnen. Sheppard konnte McKay atmeten hören, laut, aber merkwürdig gleichmäßig, wenn er auch hin und wieder ein Zittern mehr ahnte als hörte.

"Umdrehen"

Die Sonne hatte es fast geschafft. Die ersten hellen Strahlen verwandelten den unbewegten grauen See in eine Goldplatte, und Sheppard schaffte es endlich, den Kopf zu wenden und McKay anzusehen.

Der Wissenschaftler stand gerade. Es war merkwürdig - er wusste nicht, wie lange er noch imstande sein würde zu fühlen, zu denken, zu empfinden - doch in diesem Moment spürte Sheppard nur Stolz, einen jähen, überraschenden Stolz auf den Mann, der da neben ihm stand und das Kinn vorschob und die Hände so stark zu Fäusten geballt hatte, dass die Knöchel weiß hervortraten - und vielleicht auch auf sich, denn er war es, neben dem der andere stand.

Er wusste nichts zu sagen. Keine berühmten letzten Worte fielen ihm ein. Ein wirres, hektisches Gedankengewusel hatte in seinem Kopf eingesetzt, als jede Erinnerung sich noch ein allerletztes Mal in den Vordergrund drängen wollte, ein letztes Mal sich ins Leben schob.

Keine letzten Worte. Das übernahm ein anderer für ihn.

Mit einem Knistern schaltete sich ein Funkgerät ein. McKay zuckte zusammen, erstarrte dann bei der trockenen Stimme, die sich meldete.

"Ich denke, wir kommen gerade rechtzeitig"

Und dann löste sich die Welt in einen Schwall von goldenen und silbernem Licht auf.


Colonel Caldwell wirkte auf eine fast unverschämte Weise selbstzufrieden, als er sich aus seinem Kommandosessel erhob und auf sie zutrat, und Sheppard flog jäh die Vorstellung an, der Mann würde jeden Moment die Arme ausbreiten und "Tadaaa" sagen.

Stattdessen lächelte er nur verhalten.

"Willkommen zurück, Colonel Sheppard. Dr McKay"

Ihr wisst nicht, was mich das kostet, das nicht mit einem absoluten Cliffhanger zu beenden... das Ende war so perfekt, aber so gemein bin ich nicht, schon gar nicht, weil ich jetzt erst einmal für zwei Wochen in Urlaub fahre. Dann sehen wir weiter...