33. Kapitel

Ein Gasthof nahe Milton Manor – William fühlt sich hilflos und Elizabeth trifft endlich eine Entscheidung

William hatte für sich und Mrs. Collins gerade noch die letzten beiden Zimmer im Gasthof „Landsend" ergattern können. Gasthöfe wie dieser, die ordentlich waren und anständig geführt, waren rar gesät in der dünnbesiedelten Gegend. Im „Landsend" ging es auch nicht so ausgelassen und unschicklich zu wie im „Naked Monk" – hier kletterten zumindest keine Schankmädchen auf die Schöße der männlichen Gäste und verteilten Küßchen (William errötete sanft bei der Erinnerung an dieses Etablissement) – man konnte ohne weiteres tugendhafte junge Damen hier einkehren lassen.

Elizabeth würde für eine Nacht bei Charlotte im Zimmer schlafen können. Die freundliche Wirtin war – gegen einen kleinen Aufpreis, versteht sich – gerne bereit, ihr ein Bett in Charlottes Kammer stellen zu lassen.

Elizabeth hatte während der kurzen Fahrt zum Gasthof kein Wort gesagt. Sie hatte sich in einer Ecke der Kutsche unter einer Decke zusammengerollt und die ganze Zeit über nachdenklich aus dem Fenster geschaut, nur ab und zu nach Charlottes Hand gegriffen, als ob sie sich davon überzeugen wollte, daß ihre Freundin noch immer da war. William hatte sie besorgt beobachtet, aber auch er hatte nichts gesagt und sie in Ruhe gelassen. Sie würde schon reden, wenn ihr danach war. Er war sehr froh, daß Mrs. Collins mit nach Cornwall gekommen war. Elizabeth würde ihr vertrauen und er schätzte Mrs. Collins als intelligent genug ein, daß sie ihr eine gute Zuhörerin und, wenn Elizabeth das wollte, eine kluge Beraterin sein würde.

Er selbst hatte seinen Auftrag weitestgehend erfüllt. Er würde sich im Hintergrund halten und abwarten, wie sich Elizabeth schließlich entscheiden würde. Würde sie zu Thornton zurückkehren? Das würde bedeuten, sie müßte bis auf weiteres auch mit seiner Mutter und deren Tochter zusammenleben. William schätzte Thornton so ein, daß er seine Mutter nicht aus dem Haus jagen würde. Entschied sie sich gegen Thornton... nun ja. Wahrscheinlich würde sie in diesem Fall mit Mrs. Collins nach Hunsford gehen. Und dann? Zurück in ihr Elternhaus? Sich eine neue Stellung suchen? Allzu viele Möglichkeiten standen ihr nicht offen. Sie war nicht um diese Aufgabe zu beneiden, wahrhaftig nicht.

Sie könnte natürlich jederzeit zurück nach Pemberley kommen. Mit ihm. Aber nicht als Gouvernante. Als seine Frau. William schüttelte über sich selbst erstaunt den Kopf. Natürlich, Darce. Kaum wäre sie dieser Hölle hier entronnen, würde sie sich auch schon in eine neue Beziehung stürzen. Daran durfte er nicht einmal denken!

Nun gut, vielleicht vorerst nicht als seine Frau, spann William die Idee müßig weiter, sie könnte natürlich sofort ihre Stellung als Gouvernante wieder antreten. Die Kinder würden überglücklich sein. Er würde überglücklich sein! Sie könnte sich alle Zeit der Welt nehmen, die sie brauchte, um diese schlimmen Erfahrungen zu vergessen. Er würde ihr dabei helfen. Hannah und Alexander würden ihr dabei helfen. Und eines Tages würde er sie heiraten. Er lächelte bei dem Gedanken. Es hörte sich doch alles sehr einleuchtend an, oder etwa nicht?

Das Lächeln verging ihm jedoch recht schnell, als ihm die Contessa in den Sinn kam, die ja ebenfalls immer noch auf Pemberley lebte. Liebe Güte, sie hatte er tatsächlich vollkommen vergessen. Wegen ihr war er in erster Linie nach Rosings gekommen und es gab noch so viele offene Fragen, zu denen er sich Antworten erhoffte... Eine Antwort hatte er sich jedoch schon selbst gegeben: selbst wenn er Elizabeth niemals würde haben können, er war sich ziemlich sicher, daß er die Contessa nicht heiraten würde.

Elizabeth hatte darum gebeten, sich gleich auf ihr – vielmehr Charlottes – Zimmer zurückziehen zu dürfen und Charlotte begleitete sie. William hatte daher genügend Zeit bis zum Abendessen, um einen langen, einsamen Spaziergang am Meer zu machen und sich den Kopf und die Gedanken ein wenig von der frischen Brise durchpusten zu lassen. Wenn er schon einmal hier an der Küste war, konnte er die Zeit schließlich auch genießen – sofern er nicht anderweitig gebraucht wurde.

Aber Elizabeth schien ihn nicht zu brauchen, sehr zu seinem Leidwesen. Er fühlte sich ein wenig nutzlos, fast überflüssig. Er, der sonst immer die Fäden in der Hand hielt, der die Entscheidungen traf, nach dessen Willen es meistens ging. Hier konnte er nur abwarten.

Er sah Elizabeth an diesem Abend auch nicht mehr. Charlotte traf ihn Stunden später im Schankraum des Gasthofes an und leistete ihm beim Abendessen Gesellschaft. Sie hatte für Elizabeth ein Tablett hochbringen lassen, es aber als unhöflich empfunden, Mr. Darcy den ganzen restlichen Abend sich selbst zu überlassen. Nicht, daß es ihn gestört hätte, den Abend alleine zu verbringen, er war das schließlich gewohnt, aber er wußte die Geste zu schätzen. Außerdem konnte ihm Charlotte mehr von Elizabeth erzählen.

„Sie schläft jetzt," sagte Charlotte und nahm William gegenüber auf einer Bank platz. „Das arme Kind, sie ist so erschöpft." Charlotte schüttelte unwillig den Kopf. „Ich muß ihnen nochmals sehr, sehr herzlich dafür danken, daß sie die lange Reise und die ganzen Mühen auf sich genommen haben, Mr. Darcy. Ich weiß nicht, wie lange sie dieses Leben noch ausgehalten hätte."

William wehrte ihren Dank ab. „Ich hätte mir mein Leben lang Vorwürfe gemacht, Mrs. Collins. Wir können nur hoffen, daß sie jetzt die für sie richtige Entscheidung trifft."

Charlotte seufzte. „Die Ärmste, sie steckt in einem furchtbaren Zwiespalt. So wie ich mitbekommen habe, liebt sie Mr. Thornton wirklich aufrichtig. Aber allein der Gedanke, sie müßte zurück in dieses Haus läßt sie jedesmal in Tränen ausbrechen." Sie spielte gedankenverloren mit ihrem Essen auf dem Teller. „Ich kann es mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, daß sie unter diesen Umständen bei ihm bleibt. Mrs. Thornton wird sie niemals akzeptieren. Vielleicht hören die Bosheiten mit der Zeit auf, aber die seelischen Wunden, die diese Frau und später auch ihre Tochter in Lizzy aufgerissen haben...sie wird lange brauchen, darüber hinweg zu kommen."

William brach das Herz. Am liebsten wäre er aufgesprungen und nach oben in Elizabeths Zimmer gestürzt, hätte sie in die Arme genommen und beschützt, aber er konnte nur vollkommen hilflos hier sitzen und darauf warten, daß Elizabeth eine Entscheidung treffen würde. Sie würde sie alleine treffen müssen, er konnte ihr nicht helfen. Niemand konnte es ihr abnehmen. Und er durfte eines nicht vergessen: Elizabeth liebte Thornton. Und nicht ihn. Er selbst war bloß ihr ehemaliger Arbeitgeber, ihm wäre sie höchstens dankbar, daß er ihr ermöglichte, von hier wegzukommen. Das wäre keinesfalls gleichbedeutend damit, daß er sie in Zukunft weiterhin sehen würde.

Aber Charlotte Collins war eine aufmerksame, kluge und verständige Frau. Sie spürte sehr wohl den inneren Aufruhr ihres Gegenübers und sie fragte sich, wie Mr. Darcys Gefühle Elizabeth gegenüber wirklich aussahen. Sie hatte seine liebevollen, aber auch nachdenklichen Blicke gesehen, die er ihr in der Kutsche zugeworfen hatte. Die Enttäuschung, die Hilflosigkeit darüber, daß es ihm aus Gründen der Schicklichkeit nicht gestattet war, sich mehr um sie zu kümmern. Elizabeth war viel zu durcheinander gewesen, um dies wahrzunehmen und Charlotte hatte sie nicht darauf angesprochen. Sie war gespannt, ob Mr. Darcy mit ein ausschlaggebender Grund für Elizabeths Entscheidung sein würde. Allerdings hatte sie momentan eher den Eindruck, daß die zärtlichen Gefühle eines weiteren Mannes eher schlecht für ihren sehr fragilen Zustand waren. Sie hoffte, Mr. Darcy würde Elizabeth nicht zu sehr bedrängen.

Elizabeth schlief erwartungsgemäß sehr schlecht in dieser Nacht. Ständig wachte sie nach bösen Alpträumen auf und weckte Charlotte nicht bloß einmal durch ihre Schreie. Charlotte beruhigte sie jedes Mal, nahm sie in die Arme und wiegte sie hin und her wie ein kleines Kind, bis Elizabeth wieder einschlief. Es war eine anstrengende, nervenaufreibende Nacht für sie beide.

William war angenehm überrascht, als er am nächsten Morgen eine Notiz von Charlotte erhielt, die ihn zu einem Spaziergang mit ihr und Lizzy einlud. Sie trafen sich nach dem Frühstück, das jeder in seinem Zimmer eingenommen hatte und gingen langsam los in Richtung Strand. Die ersten Meter plauderten sie über den Gasthof, über das Wetter und wie sie alle mehr oder weniger gut geschlafen hatten. William fand, daß Elizabeth immer noch blaß aussah und auch ihre Augen waren noch gerötet, aber so hin und wieder blitzte ein wenig von der alten Elizabeth auf, auch wenn man sehr genau hinschauen mußte.

Sie waren etwa zweihundert Meter gelaufen, als Charlotte sich die Hand vor die Stirn schlug und stehenblieb. "Es tut mir leid, ich bin so schrecklich vergeßlich. Ich habe doch tatsächlich meinen Schal vergessen und es ist so windig hier. Bitte, Mr. Darcy, gehen sie schon mal vor, ich komme gleich nach. Wir treffen uns am Strand!" Ohne die Antwort eines der beiden abzuwarten, drehte sie sich um und machte sich auf den Weg zurück ins Haus.

William sah Elizabeth erstaunt an, die wiederum Charlotte erstaunt nachblickte. Schal vergessen, in der Tat! Zumindest entlockte diese offensichtliche Ausrede Charlottes, die den beiden ein wenig Privatsphäre verschaffte, Elizabeth ein Lächeln. William sah es mit großem Wohlgefallen und bot ihr höflich seinen Arm.

Die ersten Meter legten sie schweigend zurück, und jeder war sich der Nähe des anderen nur zu sehr bewußt. Es war ein kameradschaftliches, angenehmes Schweigen und William genoß den sanften Druck ihrer Hand in seiner Armbeuge. Schließlich war es Elizabeth, die das Schweigen brach.

„Ich habe ihnen noch gar nicht persönlich dafür gedankt, was sie alles an Mühen und Unannehmlichkeiten auf sich genommen haben, Sir," sagte sie leise und warf ihm einen scheuen Blick zu. „Daß sie Charlotte hierher begleitet haben, werde ich ihnen nie vergessen."

William drückte ihre Hand. „Dafür sind Freunde da, Miss Elizabeth. Ich würde es jederzeit wieder tun."

Elizabeth errötete sanft, als er sie beim Vornamen nannte. „Danke."

William hätte gerne gewußt, ob sie schon eine Entscheidung getroffen hatte, wußte aber nicht, wie er das Thema unverfänglich ansprechen konnte, ohne sie direkt zu fragen. Er bot daher einfach seine Hilfe an.

„Miss Bennet, ich denke ich muß nicht extra betonen, daß sie auf Pemberley immer eine offene Tür finden, sollten sie Hilfe oder Unterstützung jedweder Art benötigen." Elizabeth hatte Tränen in den Augen. Er war so unglaublich freundlich, und sie fühlte sich seiner so unwürdig. Wie oft hatte sie sich früher mit ihm verbal duelliert, war ihm gegenüber äußerst impertinent gewesen, hatte seine Erziehungsmethoden angezweifelt! Und doch war er ein fürsorglicher, liebevoller Vater und ein gerechter Gutsherr für seine Bediensteten und Pächter. Jetzt hatte er den weiten Weg auf sich genommen nur um ihr zu helfen, bot ihr indirekt an, wieder nach Pemberley zu kommen, wenn sie Hilfe benötigte. Sie blieb stehen und suchte verzweifelt nach einem Taschentuch in ihrem Mantel, fand aber keines. Tränen liefen ihr über die Wangen.

William schaute sie entsetzt an. „Miss Bennet! Habe ich etwas falsches gesagt? Bitte verzeihen sie…ich wollte nicht..." Er reichte ihr sein eigenes, blütenweißes Taschentuch und in seinen Augen spiegelte sich Besorgnis wider. Elizabeth gelang ein kleines, ersticktes Lachen, während sie dankbar das Taschentuch annahm. „Nein, nein, Sir. Sie haben überhaupt nichts falsches gesagt, im Gegenteil. Ich bin nur so gerührt über so viel Freundlichkeit, ich verdiene ihre Güte nicht. Ich…"

William unterbrach sie. „Sschh…sagen sie nichts, Elizabeth. Bitte."

Elizabeth schniefte noch einmal und nickte. Wieder hatte er sie beim Vornamen genannt, sogar ohne das „Miss". Er war so besorgt um sie, so freundlich, daß es sie zu Tränen rührte. Und wenn sie es recht überlegte, war er immer schon so gewesen. Wenn er sie früher einmal angefahren hatte, war es durch ihre eigene Schuld gewesen, dachte sie zerknirscht, niemals grundlos. Es war meistens dann gewesen, wenn sie sich über seine – im nachhinein sinnvollen – Anweisungen hinweggesetzt oder eigenmächtige Entscheidungen getroffen hatte. Jetzt wußte sie, daß er immer nur besorgt um sie gewesen war. Und ja, sie hatte sich oft genug benommen wie ein kleines Kind und seine Zurechtweisungen nur zu sehr verdient. Ihr eigener Vater hätte sie wahrscheinlich übers Knie gelegt!

Wie sehr sie Pemberley vermißte! Sie liefen langsam ein Stück weiter und William spürte erstaunt, daß Elizabeth näher an ihn gerückt war. Er lächelte.

„Wie geht es überhaupt Hannah und Alexander?" fragte Elizabeth nach einer Weile. Sie fühlte sich zum ersten Mal seit vielen Wochen wieder wohl und geborgen. William strahlte eine Stärke, eine Sicherheit aus, an seiner Seite konnte sie sich sicher und beschützt fühlen. Sie genoß seine Nähe. William lächelte. „Oh, den beiden geht es gut. Mr. Ladislaw unterrichtet nun beide. Es wird sie freuen, Miss Elizabeth, daß Hannah eine große Vorliebe für die griechische Sprache entwickelt hat."

Elizabeth blieb abrupt stehen und starrte William überrascht an. „Sie erlauben ihr, die klassischen Sprachen zu lernen?" fragte sie und zum ersten Mal zeigte sich ein richtiges, offenesLächeln auf ihrem Gesicht, wenngleich ein wenig ungläubig. Williams Herz schmolz dahin und beinahe hätte er geweint, so sehr rührte ihn dieser Blick. Er mußte sich abwenden, es war ihm peinlich.

„Nun...ja, sie hat so sehr darum gebeten und da ich leider keine Gouvernante mehr hatte, die ihr Handarbeiten beibringen konnte," er zwinkerte ihr zu, „habe ich zugestimmt." Elizabeth drückte warm seine Hand. „Danke, Mr. Darcy. Ich bin über diese Entscheidung sehr, sehr glücklich." William wehrte ab. „Sie hatten in mancher Beziehung recht, Miss Bennet. Ich hätte öfter auf sie hören sollen."

„Oh nein, nein, das dürfen sie nicht sagen! Sie sind ein ganz wunderbarer Vater." William verbarg seine Anspannung hinter einem nervösen Lachen. Er fürchtete, es würde nicht mehr lange dauern, und er würde sie in seine Arme schließen und besinnungslos küssen. Das alles ging entschieden über seine Kräfte.

„Ich vermisse die beiden," sagte Elizabeth leise, als sie langsam weitergingen. „Wir... ähm... Hannah und Alexander vermissen sie auch, Miss Bennet." Er zwang sich zu mehr Distanz, wollte er keinen nicht wieder gutzumachenden Fehler begehen. Nein, er durfte sie nicht drängen. Er konnte ihr seine Hilfe, seine Unterstützung in allen Dingen anbieten, aber er konnte ihr unter keinen Umständen vorschlagen, daß sie mit ihm nach Pemberley fahren sollte. Damit würde er alles zerstören, was sich zwischen ihnen in den letzten Minuten so zaghaft aufgebaut hatte.

Elizabeth lächelte und schmiegte sich wieder ein bißchen näher an ihn. Schweigend liefen sie am Meer entlang, atmeten die frische, feuchte Luft tief ein, fühlten sich wohl in der Gesellschaft des anderen. Sie mußten gar nicht viele Worte darum machen. Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis Charlotte Collins wieder zu ihnen stieß und sie langsam zum Gasthof zurückgingen.

Die beiden Frauen zogen sich zum Ausruhen auf ihr Zimmer zurück, während William sich von der Wirtin Kaffee erbat und ebenfalls seine Kammer aufsuchte. Für ihn hieß es jetzt abwarten, er konnte nichts weiter tun. Abwarten, Kaffee trinken und an Elizabeth denken.

William begab sich um die Mittagszeit in die Gaststube in der Hoffnung, Elizabeth und Mrs. Collins würden vielleicht ihr Mittagessen dort einnehmen. Doch die Wirtin mußte ihn enttäuschen, die Ladies hatten sich eine Kleinigkeit auf ihr Zimmer bringen lassen. William verzehrte etwas kaltes Fleisch und Brot und da er Thornton nicht unbedingt über den Weg laufen wollte, der sicher jeden Moment hier eintreffen würde, verließ er das „Landsend" und machte einen Bummel durch den kleinen Ort. Vielleicht fand er ein Mitbringsel für seine Kinder.

Zwei Stunden später betrat er den Gasthof wieder. Weder von Charlotte noch von Elizabeth war irgend etwas zu sehen, also ging William auf sein Zimmer. Er fragte sich, ob Thornton schon eingetroffen war, und ein Blick aus seinem Fenster gab ihm prompt Antwort. In der Ferne, aber trotzdem noch deutlich auszumachen, konnte er zwei Gestalten erkennen, bei denen es sich eindeutig um Thornton und Elizabeth handelte. Sie liefen nicht in solch freundschaftlicher Atmosphäre nebeneinander her wie sie beide heute morgen. Elizabeth gestikulierte und redete offenbar ziemlich aufgeregt, schüttelte immer wieder den Kopf und auch Thornton war keineswegs reglos. Sie schienen recht leidenschaftlich zu diskutieren.

William verfolgte sie mit seinen Blicken. Er wollte den beiden nicht hinterher spionieren, aber er konnte sich einfach nicht abwenden. Elizabeth mußte eine Entscheidung treffen und es würde heute, es würde sogar sehr bald geschehen.

Die beiden unterhielten sich sehr, sehr lange und sehr emotional. Aber schließlich schienen sie zu einer Einigung gekommen zu sein. William sah, wie sie sich langsam dem Gasthof näherten und verbarg sich hinter dem Vorhang. Seine Neugier war ihm überaus peinlich, aber er konnte nicht anders. Er hoffte, aus ihrem Verhalten etwas ablesen zu können und schalt sich einen egoistischen Mistkerl. Sollte sich Elizabeth gegen Thornton entscheiden, wäre dieser am Boden zerstört, soviel war sicher, und es täte William aufrichtig leid um den Freund. Aber eine solche Entscheidung könnte ihm selbst eine zweite Möglichkeit bieten. William haßte sich beinahe für seine selbstsüchtigen Gedanken.

Beide gingen schweigend und mit gesenkten Köpfen und ihm fiel auf, daß Elizabeth nicht an Thorntons Arm ging. War das bereits ein Hinweis? William entdeckte Thorntons Kutsche ein Stück vom Gasthof entfernt. Die Tür öffnete sich, die beiden traten hinzu, Thornton sagte irgendetwas, küßte Elizabeth auf die Stirn, stieg ein und fuhr davon. Elizabeth schaute der Kutsche lange hinterher, bis sie hinter der nächsten Kurve verschwunden war, drehte sich um und ging langsam auf den Gasthof zu. Ihr Gesicht war tränenüberströmt.