Im ersten Augenblick begriff Harry nicht, warum er sich kaum bewegen konnte, als er erwachte und warum sein gesamter Körper schmerzte. Aber dann schaffte er es, sich mühsam etwas aufzurichten und stellte fest, dass er im Schnee lag.
Dracos Wärmezauber hatte seine Wirkung verloren und seine Gliedmaßen waren vermutlich halb erfroren. Sein Gesicht schmerzte als würde es von tausend kleinen Nadeln gestochen aber er sagte sich, dass er vermutlich froh sein konnte, überhaupt noch etwas zu fühlen. Er brauchte einen Moment um sich zu orientieren, dann fiel sein Blick auf die Gestalt, die neben ihm im Schnee ausgestreckt lag.
„Draco!" Er rappelte sich mühsam auf die Knie auf und fasste Draco an den Schultern. „Wach auf, wir müssen hier weg." Dracos Wangen, sowieso schon immer sehr blass, waren jetzt beängstigend bleich und seine Lippen bereits blau gefroren. Harry legte eine Hand an seine Wange. „Komm schon!"
Draco öffnete die Augen und Harry atmete erleichtert auf.
„Erinnerst du dich wieder?" fragte Draco, zu ihm aufsehend.
Harry runzelte die Stirn. Verschwommen erinnerte er sich an einen Traum, den er gehabt hatte und in dem er im Privet Drive in seinem alten Schrank unter der Treppe aufgewacht war. „Woran?"
„Dass du hierhergehörst."
„Natürlich gehöre ich hierher."
„Du hast mir einen ziemlichen Schrecken eingejagt." Draco setzte sich mit Harrys Hilfe auf. Harry bemerkte, dass er bebte vor Kälte und auch ihm selbst ging es nicht besser. Er tastete nach seinem Zauberstab und versuchte sich daran zu erinnern, wie genau der Wärmezauber funktionierte. In seinem Kopf lief noch alles durcheinander und die Kälte ließ ihn kaum einen klaren Gedanken fassen.
In diesem Moment hörte er ein kaltes Lachen hinter sich. Es klang als würde Eis in Stücke springen und ließ sein Herz sich schmerzhaft zusammenziehen.
Eine Hand immer noch auf Dracos Schulter sah er sich um. Ein Stück von ihnen entfernt türmte sich der Spiegel Raef vor ihnen auf, nahe genug, dass Harry die feinen Risse sehen konnte, die über seine gesamte Spiegelfläche liefen. Viele Splitter waren herausgesprungen und lagen im Schnee verteilt, doch er konnte noch immer gut das Spiegelbild von Lord Voldemort erkennen.
Strauchelnd erhob er sich und reichte Draco eine Hand, sodass dieser sich ebenfalls hochziehen konnte. Draco ließ seine Hand nicht los.
Das Lachen verstummte und Voldemort, der im Spiegel überdimensional groß erschien, sah schweigend auf sie herab. Harrys Herz klopfte zum Zerspringen, aber gleichzeitig war seine Wut so groß, dass er keine Schwierigkeiten hatte, Voldemorts Blick Stand zu halten, als er voller Hohn auf ihn herabsah.
„Lächerlich", sagte Voldemort ruhig. „Deine größte Angst ist es also zu deiner Familie zurück zu kehren, Harry Potter. Ich sollte deine größte Angst sein, denn ich bin derjenige, durch dessen Hand du sterben wirst."
Das ist es, was er nicht begreift, dachte Harry. Dass es manchmal nicht das Schlimmste ist, zu sterben. Dass es Schrecklicheres gibt als den Tod. Dass der Tod nicht einmal ein Feind sein muss. Er schwieg jedoch und sah Voldemort unverwandt an. Er fragte sich, warum dieser ihm auch jetzt nicht in seiner wahren Gestalt gegenübertrat. Jetzt, da er wieder einen Körper besaß, da er zurückgekehrt war. Aber vermutlich hatte es ihm zu denken gegeben, dass er Harry auch bei seinem zweiten Versuch nicht hatte töten können. Dieses Mal gab es jedenfalls keine Zuschauer, keine Versammlung von Todessern.
„Aber zunächst werde ich dich aus der Welt schaffen, Malfoy Sprössling." Voldemorts Augen richteten sich auf Draco. „Ich hatte also Recht mit der Annahme, dass es sich bei deiner Familie um Verräter handelt."
Harry spürte, wie Draco sich neben ihm anspannte, aber er antwortete nicht. Die bodenlose Angst, die sich in diesem Moment in Harry auftat, nahm ihm schier den Atem.
Er erinnerte sich noch zu gut an Voldemorts Worte, bevor Cedric gestorben war. „Tötet den Überflüssigen."
Voldemort richtete seinen Zauberstab auf Draco und Harry hob ebenfalls seinen Stab. Im selben Augenblick sprachen sie die todbringenden Worte und ihre MAgie prallte aufeinander. Harry sah das helle Aufblitzen von Funken über der Schneedecke, spürte die unheimliche Kraft, die gegen seine arbeitete, die ihn zwingen wollte, den Stab zu senken. Sein Arm schmerzte höllisch, so als wäre er von einem starken elektrischen Schlag getroffen worden. Der Schmerz zog sich bis tief in seinen Körper, ließ ihn die Zähne zusammenbeißen und aufstöhnen. „Nein", flüsterte er. Er wusste, dass es Dracos sofortigen Tod bedeuten würde, wenn er dieses Duell verlor. Und er spürte, dass er verlieren würde. Die Kälte hatte ihn geschwächt und von den Erlebnissen im Spiegel war er auch noch immer mitgenommen. Er war nicht auf der Höhe seiner Kräfte. Und auch wenn die Projektion von Voldemort, gegen die er kämpfte vielleicht nicht die Kräfte des Originals hatte, war sie zu stark für ihn.
Seine Finger wurden taub, sein Arm zitterte und er war nicht sicher, wie lange er noch würde Stand halten können. Er war erschöpft, immer noch halb erfroren vor Kälte und bald würde er Voldemorts Kraft nichts mehr entgegenzusetzen haben. Und er wusste, dass dieser es auch spürte. Seine Kraft verstärkte sich noch, warf sich gegen Harrys und Harry fühlte wie er schwächer wurde, wie die Schmerzen ihn übermannten und seine Finger sich langsam öffneten, um den Zauberstab loszulassen.
Aus den Augenwinkeln nahm er wahr, wie auch Draco seinen Zauberstab zog. Er wollte ihm sagen, dass er nichts tun konnte. Es war fast immer tödlich, sich in ein Duell zwischen zwei Zauberern einzumischen. „Frangere" hörte er Draco neben sich rufen und im nächsten Moment geschahen mehrere Dinge gleichzeitig. Der große Spiegel vor ihnen zersprang endgültig und seine Scherben regneten in den Schnee, während Voldemorts Spiegelbild in tausend Scherben zersprang. Die Kraft, die Harry nach hinten drängte ließ nach. Im gleichen Augenblick entglitt ihm sein Zauberstab und er umklammerte sein schmerzendes Handgelenk mit der linken Hand. Da war immer noch der pulsierende Schmerz in seinem Innern und sein Arm war taub bis zum Ellenbogen. Seine Knie gaben nach und er sank in den Schnee.
„Harry?" Draco war neben ihm, legte einen Arm um seine Schultern. „Bist du in Ordnung?"
Harry konnte nur nicken. Er war in Ordnung. Er musste nur für einen kurzen Augenblick die Augen schließen. Nur für eine Minute. Er war so todmüde.
„Wir dürfen nicht einschlafen", flüsterte er und seine eigene Stimme klang wie ein Echo in seinen eigenen Ohren.
Er spürte, dass Draco versuchte, ihn hochzuziehen, aber auch dessen Bewegungen waren schwach und erratisch und schließlich sank er neben Harry in den Schnee.
Harry spürte keine Kälte mehr, er hatte vor nichts mehr Angst. Alles um ihn herum war ruhig und vom Himmel fiel jetzt wieder Schnee. Er tastete nach Dracos Hand und schloss die Augen.
Das nächste was er merkte war, dass er hochgehoben wurde. Er dämmerte langsam wieder an die Oberfläche seiner Gedanken, schaffte es aber nicht, die Augen zu öffnen. Er fühlte, dass er getragen wurde und erst das ließ ihn wacher werden.
„Draco?" flüsterte er.
„Keine Sorge, Snape hat ihn", sagte eine vertraute Stimme. „Wir bringen euch zurück ins Schloss. Du bist in Sicherheit."
Harry blinzelte und sah rote Haare. Zunächst dachte er, dass es Ron war, der ihn trug, aber der hätte ihn vermutlich nicht mit solcher Leichtigkeit halten können. Dann erkannte er Bill Weasley und entspannte sich. „Wie habt ihr uns gefunden?"
„Cai kam zu Charlies Hütte und hat uns gezeigt, wo wir euch finden können. Snape hatte euer Verschwinden bereits bemerkt und wir wollten gerade aufbrechen, um nach euch zu suchen. Aber ohne Cai hätten wir euch vermutlich nicht rechtzeitig entdeckt.
Harry bemerkte, dass ihm nicht mehr kalt war. Jemand musste einen Wärmezauber gewirkt haben. Er hob den Kopf und sah direkt neben Bill Snapes hochaufgerichtete Gestalt. Er trug tatsächlich Draco, der offenbar bewusstlos in seinen Armen lag.
„Ist mit Draco alles in Ordnung?" fragte Harry besorgt.
Bill nickte. „Er schläft. Und das solltest du jetzt auch tun. Mach dir keine Sorgen, Harry. Es wird alles gut."
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Als Harry das nächste Mal erwachte, befand er sich auf der Krankenstation. Er war schon oft genug hier gewesen, um das mit einem Blick an die Decke erkennen zu können. Er fühlte sich erschöpft und ihm war ein wenig schwindelig. Sein Arm war nicht mehr taub, aber er fühlte einen pochenden Schmerz. Abgesehen von leichten Kopfschmerzen fühlte er sich ansonsten gut. Er wandte den Blick zur Seite und lächelte erleichtert, als er Draco im nächsten Bett sah. Seine Augen waren geschlossen und seine Haut war bleich wie das Laken, aber Harry konnte sehen, dass er ruhig atmete. Er machte Anstalten, sich aufzurichten, merkte aber sofort, dass der Schwindel dadurch stärker wurde und das Stechen in seinem Kopf durchdringender. Vermutlich war es eine gute Idee, noch für eine Weile liegen zu bleiben.
Im nächsten Moment erschien auch schon Madame Pomfrey mit strengem Blick an seinem Bett, eine braune Flasche in der Hand, aus der sie jetzt eine rosa Flüssigkeit in einen kleinen Becher fühlte.
„Wie geht es ihnen, Mr. Potter?"
„Gut", sagte Harry, war allerdings erstaunt, wie schwach und heiser seine Stimme klang. Er räusperte sich. „Ich fühle mich noch ein wenig schlapp."
„Nun, das wundert mich nicht", sagte Pomfrey. „Ich habe ihnen einen Schlaftrunk verabreicht und sie haben zwei Tage durchgeschlafen." Ihre Züge wurden etwas weicher. „Sie brauchten beide die Erholung."
„Wird Draco auch bald erwachen?"
„Er war vorhin bereits wach und hat nach ihnen gefragt." Pomfrey hob eine Augenbraue und Harry war sich sicher, dass sie über alles Bescheid wusste. Sie hielt ihm das kleine Gefäß mit der Flüssigkeit hin und er trank es gehorsam aus, auch wenn es eine wenig bitter schmeckte. „Was ist mit den Anderen?" fragte er. „Ron, Hermione? Sirius? Charlie? Ist mit ihnen alles wieder in Ordnung?"
Madame Pomfrey nickte. „Die Situation war sehr viel ernster, als wir alle angenommen hatten und nachdem sie und Mr. Malfoy den Spiegel zerstört hatten, brauchten viele der Schüler die Hilfe eines Heilmagiers. Aber es ist für alle gut ausgegangen."
Harry atmete auf und ließ sich in die Kissen zurücksinken. Plötzlich war die Vorstellung noch für ein paar Stunden zu schlafen einfach wundervoll. Trotzdem war seine Neugierde noch nicht ganz befriedigt. „Was genau ist eigentlich passiert?" fragte er, merkte aber, dass seine Stimme immer undeutlicher wurde.
„Darüber wird Mr. Dumbledore mit ihnen sprechen, wenn sie sich noch ein wenig ausgeruht haben. Schlafen sie jetzt."
Harry wollte protestieren, wurde aber von einer solchen Müdigkeit nach unten gedrückt, dass er einfach nicht widerstehen konnte.
Als er das nächste Mal erwachte, saß Draco an seinem Bett und hielt seine Hand und dieser Anblick kam Harry so unwirklich vor, dass er zunächst wieder die Augen schloss, weil er sicher war, dass er träumen musste.
„Hey? Bist du wach?" fragte Draco und drückte seine Hand.
„Ist dir klar, dass uns hier jeder sehen kann?" fragte Harry.
„Jeder nicht." Dracos Lippen verzogen sich zu einem kleinen Lächeln. „Madame Pomfrey lässt noch niemanden zu uns hinein. Aber selbst wenn . . ."
Draco brach ab, aber Harry fragte sich ob er ihm tatsächlich hatte sagen wollen, dass es ihm egal sei. Er beschloss allerdings lieber nicht weiter darauf einzugehen. Wenn Draco sich im Moment so mutig fühlte, dann wollte er das lieber nicht durch seine Fragerei kaputt machen. Er schloss noch einmal die Augen und genoss es, Dracos Hand in seiner zu spüren.
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Wie er erwartet hatte, waren Ron und Hermione seine ersten Besucher, als Madame Pomfrey schließlich entschied, dass sie genug erholt waren, um etwas Gesellschaft zu bekommen. Draco saß neben ihm auf seinem Bett und las „Die mächtigsten Zaubertränke", während Harry in einem Quidditchheft blätterte, als Madame Pomfrey die beiden ankündigte. Harry konnte fühlen, wie Draco sich neben ihm kurz anspannte. Es störte ihn nicht, wenn Madame Pomfrey sah, wie nahe sie sich waren und Madame Pomfrey verzog nie auch nur eine Mine. Harry nahm an, dass sie in ihrer Zeit auf dem Krankenflügel in Hogwarts schon ungewöhnlicheres gesehen hatte als einen Gryffindor und einen Slytherin, die ineinander verliebt waren. Aber natürlich waren Ron und Hermione etwas Anderes und Harry hätte es verstanden, wenn Draco lieber in sein eigenes Bett gewechselt wäre.
Aber dann straffte sich Draco etwas. „Lassen sie sie ruhig herein."
Ron hielt kurz inne, als er Draco auf Harrys Bett sah, Hermione jedoch ließ es sich nicht anmerken, falls sie überrascht war. Mit wenigen Schritten war sie bei Harry und fiel ihm um den Hals. „Es tut mir so leid", sagte sie. „Wir haben dich im Stich gelassen dieses Mal."
„Nein, das habt ihr nicht." Harry legte fest die Arme um sie. „Du kannst nichts dafür, dass es dich erwischt hat, Hermione. Du warst sehr tapfer."
„Das war ich nicht. Ich hätte mehr dagegen ankämpfen müssen."
„Aber das hat keiner geschafft. Ohne das, was du über den Spiegel Raef herausgefunden hast, hätten Draco und ich nicht gewusst, wie wir ihn bekämpfen können. Oder dass wir ihn überhaupt suchen müssen."
Hermione machte sich von ihm los und holte aus ihrer Umhängetasche zwei Päckchen Schokofrösche. Sie hielt Draco das erste davon hin. „Wir dachten ihr könnt etwas Süßes gebrauchen. Und danke Draco, dass du auf Harry aufgepasst hast."
Draco nahm das Paket an und Harry konnte sehen wie verlegen er war. Es steigerte sich noch, als Ron ihm seine Hand entgegenstreckte.
„Ich hoffe wir können alles was zwischen uns war vergessen", sagte Ron. Er klang ein wenig steif dabei, aber Harry erkannte es absolut an, dass er über seinen Schatten sprang.
Er hätte es nicht gedacht, aber schon ein paar Minuten später saßen Ron und Hermione an seinem Bett und unterhielten sich mit ihm über das was geschehen war, so wie sie es immer getan hatten. Nur, dass jetzt auch Draco ab und zu etwas zu dem Gespräch beitrug. Und es schien wie das normalste von der Welt. Irgendwann tastete er sogar mit seiner Hand nach Dracos, und der nahm sie und hielt sie fest. Er begriff nicht mehr, wieso ihm das hier einmal so völlig unmöglich vorgekommen war.
Und dann trat Sirius ins Zimmer und Ron, der gerade erzählt hatte, wie verwirrt er sich gefühlt hatte, nachdem die Spiegelscherbe entfernt worden war, verstummte. Sirius blieb in der Zimmertür stehen, als wage er es nicht wirklich näher zu treten, als befürchte er, dass er nicht willkommen war und Harry beeilte sich aufzustehen und ihm entgegen zu gehen. Es fiel ihm noch nicht ganz leicht, selbst die wenigen Meter zu gehen, die ihn von Sirius trennten. Ihm wurde sofort schwindelig und er schwankte ein wenig, aber er wusste, dass er Sirius zeigen musste, wie sehr er auf ihn gewartet hatte. „Es ist so schön dich zu sehen", sagte er und schlang die Arme um seinen Paten. Und als fiele eine Art Versteinerung von ihm ab umarmte Sirius ihn ebenfalls.
Für einen langen Augenblick standen sie einfach so da und Harry legte seinen Kopf an Sirius' Schulter. Er erinnerte sich noch zu gut an den Alptraum im Spiegel, der ihm suggeriert hatte, dass auch Sirius nicht real war und jetzt wieder von ihm im Arm gehalten zu werden bedeutete ihm einfach alles.
„Ich habe dich als Patensohn nicht verdient", murmelte Sirius. „Ich hätte für dich da sein müssen. Ich hätte merken müssen, dass ich nicht ich selbst war."
Harry machte sich sanft los, damit er Sirius ansehen konnte. „Niemand hat es gemerkt", sagte er. „Mach dir keine Vorwürfe. Ron und Hermione ging es genauso. Madame Pomfrey hat gesagt man könnte sich nicht dagegen wehren, weil der Spiegel die eigenen schlimmsten Ängste und Gefühle verstärkt."
Harry wollte sich lieber gar nicht erst ausmalen, wie schrecklich das Gefühl für Sirius gewesen sein musste, nach allem was er in Azkaban durchlebt hatte. Für ihn musste es von allen am schlimmsten gewesen sein, von der Scherbe befallen zu sein. Harry schluckte. „Ich bin froh, dass du es überlebt hast."
Sirius lächelte und strich Harry die Haare aus dem Gesicht. „Wie schon gesagt. Ich habe dich nicht verdient."
„Wie geht es Remus?" fragte Harry vorsichtig, weil er hoffte, nichts Falsches zu sagen.
„Es ist alles wieder in Ordnung", sagte Sirius. „Aus irgendeinem Grund, den ich nicht begreife ist auch er mir gegenüber sehr nachsichtig."
„Das ist gut zu hören. Wirklich gut."
Sirius drehte sich zum Bett und Harry sah förmlich, wie er sich einen Ruck gab. Er ging auf Draco zu, der noch immer in Harrys Bett saß und Sirius ein wenig angespannt entgegensah. Aber Sirius streckte seine Hand aus und nach kurzem Zögern nahm Draco sie. „Herzlich Willkommen in unserer Familie", sagte Sirius. „Ich habe zwar nicht erwartet, dass ich das je zu einem Slytherin sagen würde, nachdem ich mich von meiner gesamten Slytherin-Familie losgesagt habe, aber es ist Harrys Entscheidung. Und ich akzeptiere sie."
Draco sah einen Augenblick so aus, als wüsste er nicht, wie er reagieren sollte. Aber dann wanderten seine Augen kurz zu Harry und die Andeutung eines Lächelns erschien auf seinen Lippen. „Vielen Dank. Ich freue mich darauf, sie näher kennen zu lernen, Mr. Black."
„Sirius, bitte."
Draco nickte. „Sirius."
Ron, Hermione und Sirius hatten danach nur noch wenige Minuten, bevor Madame Pomfrey sie hinausscheuchte, um kurz darauf, das Abendbrot für Draco und Harry zu bringen.
Sie aßen gemeinsam in Harrys Bett und auch als es Zeit zum Schlafen war, blieb Draco neben ihm und legte einen Arm um ihn. Harry schloss die Augen und rückte näher. Er wusste nicht, wie es werden sollte, wenn sie die Krankenstation verließen, weil er sich so an Dracos Nähe gewöhnt hatte. Die Tage vergingen so wundervoll und mühelos, wenn er Draco direkt neben sich hatte. Er glaubte nicht, dass sie sich wieder so aus dem Weg gehen würden, wie vor den Ereignissen im Spiegel, aber ganz sicher konnte er nicht sein, wie Draco sich verhalten würde. Und schließlich blieb die Tatsache, dass sie in zwei verschiedenen Häusern waren und schon allein deswegen weniger oft zusammen sein konnten.
Harry seufzte leise und strich mit den Fingerspitzen über Dracos Arm. Sonst hatte er es immer kaum erwarten können, die Krankenstation zu verlassen und in seinen Gemeinschaftsraum zurückzukehren. Dieses Mal war es anders.
Er nahm an, dass Madame Pomfrey ihre Anwesenheit auf der Station absichtlich ein wenig verlängerte und er rechnete es ihr hoch an. Genauso wie die Tatsache, dass sie Draco vorwarnte, bevor er das erste Mal Besuch aus seinem Haus bekam.
„Mr. Zabini und Mrs. Parkinson sind hier. Möchten sie sie sehen?" fragte sie eines Tages, als sie ihnen den Trank brachte, den sie jeden Nachmittag bekamen und den sie beide abscheulich fanden.
Harry konnte fühlen, wie Draco neben ihm zusammenzuckte und er fragte sich, ob Draco vielleicht gar nicht mit Besuch gerechnet hatte.
„Ja, natürlich", sagte er dann allerdings.
Harry seufzte leise, als Draco ihm noch einen kleinen Kuss auf die Wange gab und dann zu seinem Bett hinüberging. Er konnte es ihm absolut nicht übelnehmen, aber vielleicht hatte er ein bisschen gehofft, dass Draco jetzt auch vor den anderen Slytherins zu ihrer Beziehung stehen würde. Aber selbst wenn, wollte er wahrscheinlich nicht, dass sie es erfuhren, indem sie Draco in Harrys Bett vorfanden. Er konnte sich bei dem Gedanken ein kleines Lächeln nicht verkneifen und angelte sich eins der Bücher vom Nachttisch, die ihm Hermione aus der Bibliothek mitgebracht hatte. Wenn er Madame Pomfreys Trank hinunterbekommen und gleichzeitig Pansy Parkinsons Gesellschaft ertragen sollte, brauchte er etwas Ablenkung. Er verzog das Gesicht als er feststellte, dass es sich um ein Schulbuch handelte und nahm stattdessen lieber eins der Comics, die ihm Dean durch Ron hatte zukommen lassen.
Pansy und Blaise traten so leise ein, als würden sie zumindest einen heiligen Tempel betreten und dazu passten auch ihre ehrfürchtigen Gesichtsausdrücke. Harry musste immerhin eingestehen, dass ihnen Draco offenbar wirklich wichtig war.
Sie schienen beide etwas verwirrt darüber, dass Harrys Bett nah bei Dracos stand, sagten aber nichts dazu, sondern nickten einfach nur zu ihm herüber. Pansy hielt einen Strauß Blumen in der Hand und Blaise eine Schachtel der teuersten Pralinen aus dem Honigtopf. Harry erinnerte sich, dass Lavender Parvati erzählt hatte, dass jede von ihnen einen kleinen Zauberspruch enthielt, der sich erfüllte, wenn man sie aß. Es konnte passieren, dass Blüten auf einen regneten oder man Vögel singen hörte.
„Bei Merlin, Draco, wir sind so froh, dass es dir wieder gut geht", sagte Pansy und streckte Draco den Blumenstrauß entgegen, als befürchte sie, dass er explodieren könne, wenn sie ihn weiter festhielt. „Ganz Slytherin ist in Aufruhr!"
„Typisch", sagte Draco und wies auf eine Vase, die auf seinem Nachttisch stand. Pansy verstand den Wink und stopfte die Blumen hinein.
„Es geht alles durcheinander", sagte Blaise und reichte Draco die Pralinen. „Vincent und Gregory fangen mit allen anderen Streit an. Pansy ist schlecht gelaunt…"
„Blaise redet den ganzen Tag nur von dir."
„Das tue ich nicht!"
„Jedenfalls wird es Zeit, dass du zurückkommst. Wie geht es dir denn hier?"
Pansy warf einen Blick über ihre Schulter zu Harry, der so tat als sei er in sein Comic vertieft.
„Gut", sagte Draco. „Sehr gut. Ich habe schließlich angenehme Gesellschaft."
„Angenehme…" Blaise brach ab, als er Dracos Blick sah. „Wie auch immer", begann er noch einmal. „Wir wollten dir auf jeden Fall sagen, dass wir hinter dir stehen, Draco. Ganz egal was passiert.
Harry horchte auf. Er fragte sich, ob sich tatsächlich schon bis zu den Slytherins herumgesprochen hatte, dass zwischen ihm und Draco etwas war. Auf der anderen Seite war das vielleicht keine Überraschung. Die Slytherins waren alles andere als auf den Kopf gefallen und in der letzten Zeit war so viel passiert, dass Blaise eigentlich nur eins und eins zusammenzählen musste. Trotzdem war Harry mehr als überrascht über seine Reaktion. Draco musste ihm tatsächlich wichtig sein.
„Danke Blaise", sagte Draco. „Ich weiß das wirklich sehr zu schätzen. Aber jetzt solltet ihr vielleicht gehen. Madame Pomfrey sieht es nicht gerne, wenn wir zu lange Besuch haben. Und wir gehen früh schlafen."
Harry fragte sich, ob es Draco überhaupt auffiel, dass er im Plural sprach. Pansy und Blaise war es auf jeden Fall aufgefallen. Sie tauschten einen Blick und Harry konnte sehen, wie Pansy die Augenbrauen hob. Beide verabschiedeten sich von Draco und Blaise drehte sich danach zu Harry um. „Bis bald, Harry", sagte er. „Und gute Besserung weiterhin." Harry dachte, dass es vermutlich das freundlichste war, was er bisher von einem Slytherin außer Draco zu hören bekommen hatte.
Er ließ den Comic sinken und lächelte Blaise an. „Danke sehr. Und bis bald."
Draco kam zu Harrys Bett herüber, sobald die beiden die Tür hinter sich geschlossen hatten und setzte sich auf die Bettkante. In einer Hand hielt er den Pralinenkasten, den er von Blaise bekommen hatte, in der anderen den scheußlichen Heiltrank, den Madame Pomfrey ihnen gebracht hatte. „Lass uns beide dieses Zeug austrinken und als Belohnung dürfen wir uns jeder eine Praline aussuchen. Was hältst du davon?"
Kurz darauf saßen sie nebeneinander in Harrys Bett und beobachteten grinsend eine kleine Schar tanzender Mäuse auf der Bettdecke, die durch Harrys Praline herbeigerufen waren. Begleitet wurden sie von einem Violinkonzert, dem Spruch aus Dracos Praline, das allerdings nicht im Geringsten zum Tanz passte.
Harry rückte etwas näher zu Draco und legte seinen Kopf an dessen Schulter. Er wollte es genießen, solange er noch konnte. „Irgendwie werde ich das Gefühl nicht ganz los, dass Zabini in dich verliebt ist."
Draco aß eine weitere Praline und Harry grinste als daraufhin eine rote Rose in der Luft vor ihm aufblühte. „Siehst du was ich meine?"
Draco nahm die Rose und reichte sie Harry in einer fast beiläufigen Geste und der konnte es fast nicht glauben, wie laut sein Herz daraufhin schlug. Er hatte noch nie eine Rose geschenkt bekommen. Zu schade, dass sie nur ein Zauber war und bald verblassen würde.
„Quatsch. Er schwärmt vielleicht für mich."
„Wie halb Slytherin."
„Wieso nur halb? Und wieso nur Slytherin?"
Harry grinste und knuffte Draco einmal in die Seite. „Du hast wirklich ein gesundes Selbstwertgefühl."
„Kein Wunder", sagte Draco ernst. „Der fantastischste junge Zauberer der magischen Welt hat sich in mich verliebt."
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Wow, wir sind beim vorletzten Kapitel angelangt! Ich kann es kaum glauben, dass ich die Geschichte nach all der Zeit wirklich noch weitergeschrieben habe! Vielen Dank an alle Leser, die bis hierhin gekommen sind oder mich sogar schon seit Jahren begleiten, wie boeli und zissy. Es macht Spaß für euch zu schreiben. 3
