Kapitel 36 – Gründer
Hermine hob die Münze vom Boden auf und schaute Draco betroffen hinterher. Sie fragte sich, was diesen Ausbruch hervorgerufen hatte. Draco hatte sich in letzter Zeit seltsam verhalten. Sie seufzte und fuhr die Umrisse der Münze mit ihrem Finger nach, während sie über seine Worte nachdachte. Versuchte sie wirklich, Draco in „einen blassen Schatten von Harry Potter" zu verwandeln? Ihr Blick verfinsterte sich. Warum musste er so verdammt kompliziert sein? Er trieb sie vollkommen zur Weißglut und war an diesem Tag stachlig wie ein Igel. Selbst im Krankenflügel hatte er sie gemieden, bis sie ihn anscheinend verärgert hatte, indem sie ihn Malfoy genannt hatte.
Ich gehöre nicht hierher.
Seine Worte trafen sie. Würde Draco sich immer wie ein Ausgestoßener fühlen müssen?
Sie hörte Schritte, die sich näherten, und dann stand Harry neben ihr.
„Ist alles in Ordnung mit Malfoy?", erkundigte er sich.
Hermine blickte ihn ernst an und schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht. Er ist in den Slytherin- Gemeinschaftsraum gestürmt."
„Wirst du mit ihm reden gehen?"
„Er scheint mich nicht in der Nähe haben zu wollen. Ich wünschte, er würde mir anvertrauen, was ihn so beschäftigt."
„Susan Bones hat ihn gerade beschuldigt, ein Todesser zu sein und Dumbledore ermordet zu haben", rief Harry ihr in Erinnerung. Sie dachte einen Moment lang nach und entschied schließlich, dass dies nicht der Grund für Dracos Qualen sein konnte.
„Er hört es die ganze Zeit. Moody will ihn immer noch in einen Weihnachtspudding verwandeln. Er hat sich noch nie von Beleidigungen stören lassen. Außer von deinen vielleicht."
„Nein, ich glaube, er mag meine Beleidigungen richtig. Sie geben ihm einen guten Vorwand zur Vergeltung."
Hermine seufzte. „Ich denke, die Belastung macht ihm zu schaffen. Er ist aus seinem Element. Wir haben alle einander und er hat das Gefühl, allein zu sein. Er ist es gewohnt, als unerträglicher Tyrann verschrien zu sein. Und jetzt, da wir ihn als einen Mitmenschen betrachten, weiß er nicht, wie er darauf reagieren soll."
„Deshalb schlägt er in typischer Malfoy- Art aus."
„Ja. Ich denke, er sehnt sich danach, die Deckung herunterzulassen. Aber ihm graust es davor, verletzt zu werden."
Harry sah sie erstaunt an. „Wie können Mädchen überhaupt an solche Dinge denken? Ich dachte, er wäre einfach nur angepisst, weil er keine widerwärtigen Beleidigungen ablassen und sich dadurch Befriedigung verschaffen kann."
„Das ist so typisch Mann", bemerkte Hermine und verdrehte die Augen. „Außerdem muss er sich nicht wirklich zurückhalten, wenn er jemanden beleidigen will. Da ist immer noch Ron."
„Ja, da ist immer noch Ron", wiederholte Harry. Etwas in seiner Stimme ließ sie scharf aufblicken.
„Was ist?"
Harry zuckte die Achseln. „Nichts." Aber seine grünen Augen wichen ihrem Blick aus. Hermine stützte die Hände auf die Hüften.
„Harry James Potter, wenn du etwas weißt, solltest du besser damit rausrücken."
Er wirkte eindeutig schuldbewusst.
„Hör mal, ich weiß gar nichts. Es ist nur eine Vermutung, die auf etwas basiert, das Malfoy im Eberskopf gesagt hat."
„Und zwar?"
„Malfoy hat erwähnt, dass er Ron einen Gefallen schuldet. Weil Ron ihn vor den Carrows in Snapes Haus gerettet hat."
„Draco schuldet Ron einen Gefallen?"
Harry nickte, doch Hermine konnte keine Verbindung zu Harrys Verdacht herstellen.
„Und worum hat Ron ihn gebeten?"
Harry errötete. „Ich weiß es nicht. Malfoy hat nichts verraten. Wie gesagt, es ist nur eine Idee."
Hermine hörte ihm gar nicht zu, da sie wusste, dass es sie teuflische Mühen kosten würde, Harry zu einer direkten Antwort zu bringen. Was, wenn es nicht etwas war, das Draco besaß, sondern etwas, das er tun könnte? Worum könnte Ron Draco bitten? Sich selbst mit Avada Kedavra zu belegen natürlich, aber abgesehen davon... Sie warf Harry einen Blick zu, der erwartungsvoll schwieg. Endlich machte es Klick bei ihr.
„Das hat er nicht", stieß sie hervor. Harry beobachtete sie, sagte aber nichts. Sie verengte die Augen und fuhr ruhiger fort: „Sag mir, dass Ron Malfoy nicht gewarnt hat, sich von mir fernzuhalten."
Harry hob die Schultern und nickte dann zögernd. „Das würde mich nicht überraschen."
Hermine spürte eine solche Wut in sich aufsteigen, dass es sie überraschte, ihr Haar nicht von der Wucht in Flammen aufgehen zu sehen.
„Ich. Werde. Ihn. Umbringen.", entschied sie und wirbelte auf dem Absatz herum.
Harry packte ihren Arm und hielt sie zurück. „Tu nichts Unüberlegtes!"
„Unüberlegtes? Für wen zur Hölle hält Ron sich? Ich bin nicht sein Eigentum!"
„Ron hat Angst, dich zu verlieren", entgegnete Harry lahm.
„Dazu muss er mich erstmal besessen haben, Harry!"
„Das weiß ich. Aber ich glaube nicht, dass Ron es tut." Er stockte und drängte dann weiter: „Was empfindest du überhaupt für Malfoy?"
Hermine wich vor der Frage zurück. Sie war nicht bereit, ihre Gefühle zu Draco zu analysieren, vor allem nicht vor Harry Potter. „Ich weiß es nicht. Im Augenblick ist alles so verwirrend. Außerdem, denke ich, ist das Wichtigste jetzt, Malfoy zu fragen, was er für uns empfindet."
„Für uns?" Harry war perplex.
„Ja! Er hat sich dazu entschieden, zu uns zu kommen. Schau dir an, was er alles getan hat! Wir hätten nie geglaubt, dass er uns helfen würde. Aber genau jetzt wären wir am Ende, wenn Malfoy nicht wäre. Meine Eltern würden wahrscheinlich tot sein. Neville und Luna wären gefangen und möglicherweise ebenfalls nicht mehr am Leben. Wir hätten den Becher nicht gefunden und zerstört. Wir hätten nicht vier Todesser im Kerker eingesperrt! Um ehrlich zu sein, hat Malfoy in der letzten Woche mehr für uns getan als wir mit dem ganzen Orden im letzten verdammten Jahr erreicht haben."
Harrys Gesichtsausdruck war grimmig.
„Tja, Malfoy scheint es nicht zu realisieren."
„Vielleicht sollte jemand es ihm erklären", schlug sie sachte vor. Harry schaute sie hoffnungsvoll an.
„Nein, nicht ich. Offensichtlich hat er so etwas wie einen edelmütigen Eid geschworen, der ihn im Moment davon abhält, meine Gesellschaft zu akzeptieren. Geh du mit ihm reden. Ich werde in der Zwischenzeit eine kleine Unterhaltung mit unserem Freund Ron führen."
„Du wirst ihn doch nicht verletzen?"
„Kaum", antwortete sie mit stählerner Stimme.
Harry seufzte tief, machte sich jedoch gehorsam auf den Weg zum Slytherin- Kerker. Hermine rief ihm hinterher: „Wenn er das Passwort nicht geändert hat, dann lautet es Apfel."
„Apfel?"
„Du weißt schon – Garten, Baum, Schlange... Apfel. Er wird es dir erklären."
Harry schüttelte irritiert den Kopf und verschwand. Hermine schob den Kiefer nach vorn und machte sich auf die Suche nach Ronald Weasley.
Draco lag auf der Couch im Slytherin- Gemeinschaftsraum, sich elend fühlend. Er hätte Hermine nicht so anfahren sollen. Seine gegenwärtige schwarze Stimmung war definitiv nicht ihre Schuld. Wenn irgendjemand bewiesen hatte, fest auf seiner Seite zu stehen, dann war es Granger. Er hatte keinen Zweifel, dass sie diejenige gewesen war, die zu seiner Rettung im Wald aufgerufen hatte. Er hatte immer noch keine Ahnung, wie es ihr gelungen war, ihn zu finden.
Er seufzte. Bereits jetzt bereute er den Verlust der Galleone. Was hatte ihn bloß geritten, sie wie ein verwöhntes Kind von sich zu schleudern? Wahrscheinlich sollte er sie suchen gehen und sich bei ihr entschuldigen. Nur hasste er es sich zu entschuldigen. Und Ron Bastard Weasley würde es ihn teuer zu stehen kommen lassen. Verdammt, er hätte sich einfach den Carrows zur Folter ausliefern sollen. Das hätte sich langfristig als weniger schmerzhaft erwiesen.
Draco hörte Schritte und realisierte, dass er das Passwort hätte ändern sollen. Er hatte wirklich nicht erwartet, dass Hermine ihm folgen würden. Zu seiner Überraschung entpuppte es sich als Harry Potter, der am Ende des Sofas auftauchte.
„Hey, Malfoy", sagte Potter in beiläufigem Tonfall, als wäre es eine alltägliche Erfahrung für den Auserwählten, in den Slytherin- Gemeinschaftsraum zu spazieren.
„Das wird mir eine Lehre sein, einer Gryffindor das Passwort zu verraten", versetzte Draco trocken. „Hat sie ein Rundschreiben veröffentlicht?"
„Entspann dich. Sie hat es mir nur gesagt, weil sie der Meinung war, dass du sie nicht in der Nähe haben willst."
„Scharfsinnig, wie immer", bemerkte Draco. Er beobachtete Harry neugierig, im Stillen fragend, was ihn hierher führte. Hatte Granger ihn für ein einfühlsames Gespräch heruntergeschickt? Falls das der Fall war, schien Potter mit dem Herzen nicht recht bei der Sache zu sein, was keineswegs überraschend war. Harry wanderte ziellos umher und nahm den Slytherin- Schnickschnack in Augenschein.
„Es ist abscheulich dunkel hier", kommentierte Potter. „Wie könnt ihr es nur ertragen?"
„Slytherins schätzen die Dunkelheit."
„Das tue ich auch, aber in Maßen."
Draco deutete auf die Wände. „Normalerweise sind die so verzaubert, dass sie Fenster darstellen, die die tatsächlichen Wetterbedingungen widerspiegeln. Es ist hier sonst so hell wie im Gryffindor- Turm. Aber da ich der einzige bin, der hier wohnt, scheinen sie auf solche Belanglosigkeiten verzichtet zu haben."
Harry gab ein unverbindliches Geräusch von sich und entzündete mit seinem Zauberstab ein Dutzend Kerzen und Wandleuchter.
„Fühlst du noch irgendwelche Nachwirkungen von Greybacks Angriff?", fragte Harry beiläufig.
„Nein. Nichts."
„Bill Weasley hat gesagt, dass er sich überhaupt nicht anders fühlt, außer dass er eine Neigung für sehr leicht angebratenes Fleisch entwickelt hat."
„Ich esse meine Steaks ohnehin so, deshalb werde ich wahrscheinlich gar nichts bemerken. Wie groß stehen die Chancen, dass du mich zufrieden lässt?"
„Nicht zu deinen Gunsten."
„Solltest du nicht oben bei deinen Freunden sein?"
„Sie können warten. Das hier nicht."
Draco war nicht sicher, ob er wissen wollte, worauf „das hier" verwies. Er verschränkte die Arme unter dem Kopf, um Langeweile zu heucheln. Harry ließ sich auf einem Sessel in der Nähe nieder, seufzte und fuhr sich mit einer Hand durchs Haar.
Einmal, zählte Draco unwillkürlich.
Harry sagte: „Weißt du noch unser erstes Jahr, bevor wir in die Häuser geteilt wurden? Du wolltest mein Freund sein, nur weil ich berühmt war."
Draco funkelte ihn an. Es gefiel ihm ganz und gar nicht, gerade daran erinnert zu werden. „Das war, bevor ich bemerkt habe, was für ein Trottel du bist."
„Das war, bevor du mich verärgert hast, indem du Ron Weasley beleidigt hast. Weißt du, ich habe schon oft darüber nachgedacht, was geschehen wäre, wenn ich Ron nie kennen gelernt hätte und nicht voreingenommen zu den verschiedenen Häusern gewesen wäre. Wusstest du, dass der Sprechende Hut mich nach Slytherin stecken wollte?"
Draco lachte kurz und schüttelte entgeistert den Kopf.
„Dich? Den Gryffindor durch und durch? Das wäre wahnsinnig komisch gewesen."
„Ernsthaft, es ist fast passiert. Wenn es so gekommen wäre, mit wem, denkst du, hätte ich am wahrscheinlichsten Freundschaft geschlossen?"
„Montague?", fragte Draco sarkastisch. Harry ignorierte es.
„Und denk mal nach. Was Voldemort betrifft, scheint ein unausweichliches Schicksal auf mich gelegt worden zu sein. Ich denke nicht, dass ich ihm hätte entfliehen können, wenn ich in ein anderes Haus geteilt worden wäre. Ich glaube, ich hätte Quirrell trotzdem aufhalten müssen, und Tom Riddle, und alles andere erledigen, zu dem ich gezwungen werde."
Seinem eigenen Willen zum Trotz war Draco fasziniert von Harrys Vermutung.
„Denkst du wirklich, dass du als Slytherin dieselben Abenteuer erlebt hättest?"
Harry nickte. „Da bin ich mir sicher. Ich vermute, Dumbledore hat einige von ihnen als Test für meine Fähigkeiten eingerichtet. Ich hätte natürlich Hilfe benötigt, vor allem bei der Überwindung der Fallen, die den Stein der Weisen bewacht hatten. Du bist so schlau wie Hermine. Du hättest die Teufelsschlinge und Snapes Zaubertränkegeheimnis gelöst – und du bist der einzige, den ich erkenne, der Ron beim Zaubererschach schlägt..."
Draco setzte sich auf und schwang die Füße auf den Boden. Ihm gefiel die Richtung nicht, die Harrys Gedanken eingeschlagen hatte. „Du denkst, ich hätte dir geholfen, Voldemort zu besiegen?"
„Wer denn sonst? Weißt du, ich wäre nie diesem Reinblüter- Schwachsinn verfallen, selbst wenn ich nach Slytherin gekommen wäre. Ich glaube auch nicht, dass du noch daran glaubst. Falls du es überhaupt jemals getan hast."
Draco schwieg. Er schüttelte den Kopf und schaute Harry an. „Also meinst du, dass wir Busenfreunde geworden wären?", sagte er nach einem Augenblick, sich bemühend, den Sarkasmus aus seiner Stimme herauszuhalten. „Du und ich?"
„Ich glaube, es wäre unvermeidlich", erwiderte Harry leise. Seine grünen Augen blickten ihn aufrichtig an. Draco vergrub sein Gesicht in den Händen. Verdammte Scheiße! Warum haben Potter und seine Freunde darauf beharrt, jede nur mögliche unerwünschte Gefühlsregung aus einer Person herauszuquetschen? Draco unterdrückte den seltsamen Anflug von Emotionen, die Harrys Worte heraufbeschworen hatten. Er blickte auf und zeigte Potter ein höhnisches Lächeln. Doch diese Geste wies nicht die übliche Überzeugungskraft auf.
„Ich bin nicht dein Freund, Potter."
Harry lächelte ehrlich belustigt.
„Du hast dich für diese Position in derselben Minute eingeschrieben, in der du Hermine über die Gefahr gewarnt hast, in der ihre Eltern schwebten. Und das Beste daran ist, dass du es dir selbst eingebrockt hast. Wie Hermine festgestellt hat, hast du in letzter Zeit mehr getan als jeder andere. Und du hast den Preis gezahlt."
Draco stand verärgert auf. Er funkelte Harry an und versuchte, die alten Gefühle des Hasses zu seinem Feind wiederzuerwecken. Potters sardonisches Lächeln trug dazu bei, doch es reichte nicht aus. Immer wieder kam Draco Harrys Gesichtsausdruck im St. Mungos in den Sinn, grimmig vor Sorge, als er Malfoy sanft dem Krankenhauspersonal übergab. Verdammt, Draco wollte kein Mitglied von Potters treuer Anhängerschaft sein!
„Du hast sie nicht mehr alle, weißt du das?", versetzte er barsch.
Harry hob die Schultern. „Tja, das ist ganz allein Hermines Schuld. Sie scheint dich zu mögen. Aber bekanntlich lässt sich über Geschmäcker streiten."
„Dazu schaue man sich nur dich und das rothaarige Mädchen an", entgegnete Draco, die Gelegenheit des Themenwechsels beim Schopf packend.
„Lass Ginny da raus. Wir sprechen von dir und Hermine."
„Da gibt es kein ich und Hermine´."
„Willst du, dass sich das ändert?"
„Erwartest du ernsthaft, dass ich darauf antworte?"
„Nein. Nicht wirklich." Harry lachte und erhob sich. „Komm schon. Es ist doch blödsinnig, dass du hier allein herumbrütest, jetzt da wir anfangen, deine anstrengende Anwesenheit zu vermissen."
„Ich brüte nicht herum." Draco bemühte sich um einen Weg, Harry zurückzuweisen.
„Dass du allein in Selbstmitleid versinkst?"
„Ich hoffe, wenigstens du hast Spaß."
Harry gluckste und ging zum Kamin, um das riesige Gemälde von Salazar Slytherin zu begutachten, der in kaum verhohlenen Zorn auf Potter herabstierte.
„Meinst du, er dreht sich gerade im Grabe um?", fragte Harry. Draco hatte dem Gemälde schon lange Zeit keine Beachtung mehr geschenkt. Slytherin trug einen grauen Unterrock mit einem schwarzen Gürtel. Ein großer schwarzer Umhang, mit leuchtendem Grün umsäumt, war über eine Schulter geworfen und mit einer einfachen Brosche in Form einer Schlange festgesteckt. Als Kontrast zu der schlichten Brosche funkelte das Slytherin- Medaillon pompös an seiner Brust. Er hielt einen Holzstab in der einen Hand und einen Zauberstab in der anderen. Der Siegelring blitzte kurz auf, als Salazar sich bewegte. Als wenn verärgert von ihren Blicken, verschwand er.
Harry zuckte die Achseln und wandte sich zu Draco um. Es war allgemein bekannt, dass die Gründer nie aus ihren Gemälden sprachen, obwohl keiner den Grund dafür kannte. Dracos Augen weiteten sich, als ihm ein Gedanke kam.
„Heilige Scheiße! Komm mit, Potter. Mir ist gerade etwas eingefallen!"
Ohne zu warten, rannte Draco aus dem Slytherin- Gemeinschaftsraum, immer zwei Stufen auf einmal nehmend.
„Wohin gehen wir?", rief Harry.
„Ravenclaw- Turm", erwiderte Draco.
Es schien eine Ewigkeit zu dauern und beide keuchten vor Erschöpfung, als sie den Westturm endlich erreichten. Auf halbem Weg überkam Draco beinahe eine Welle von Benommenheit, die ihn zwang, sich eine kleine Pause zu gönnen und die Stufen in einem gemächlicheren Tempo zu erklimmen. Er war erleichtert und zur gleichen Zeit verärgert, dass Potter keinen Kommentar abgab. Als sie sich ihrem Ziel näherten, erwähnte Harry, dass er noch nie im Ravenclaw- Turm gewesen war, was Draco seltsam vorkam, wenn man bedachte, wie viel Zeit Potter damit zugebracht hatte, Hogwarts zu erkunden.
„Noch nie? Nicht einmal als geehrter Gast deiner alten Flamme Cho?"
Harry schoss das Blut ins Gesicht. „Sie war nie wirklich meine Freundin."
„Zu schade, dass du nicht nach Slytherin gekommen bist. Ich hätte dir in Sachen Mädchen weiterhelfen können. Du brauchst dringend Hilfestellungen."
„Fick dich, Malfoy", sagte Harry unüberzeugend. Draco grinste. Potter musste sich wohl bewusst sein, dass es stimmte. Cho Chang und Ginny Weasley? Potter hatte es wahrscheinlich kaum zum Knutsch- Stadium gebracht. Draco würde sein halbes Vermögen darauf verwetten, dass der Auserwählte noch Jungfrau war. Er beschloss, dieses Thema für später aufzuheben, wenn er mehr Zeit hatte.
Ähnlich wie im Gryffindor- Turm versperrte ein Gemälde den Eingang zum Ravenclaw- Gemeinschaftsraum. Doch es starrte ihnen keine Person entgegen, sondern es hockte eine Sphinx im Wüstensand. Sie blickte sie ausdruckslos an. Als Draco wieder normal atmen konnte, sagte er: „Wir begehren Einlass."
Die Sphinx neigte den Kopf und antwortete: „Eine Münze steckt in einer Flasche, mit einem Korken verschlossen. Entferne die Münze, jedoch nicht den Korken. Und zerbrich nicht die Flasche."
„Ein Rätsel?", fragte Harry atemlos.
„Natürlich ist das ein Rätsel. Wir haben es mit einer Sphinx zu tun. Weißt du die Antwort?"
„Eine Münze aus einer verkorkten Flasche entfernen, ohne den Korken herauszuziehen oder die Flasche zu zerbrechen?"
„Das ist die Frage, nicht die Antwort." Draco grinste. „Du bist wirklich hilflos ohne Granger, was?" Harry funkelte ihn an und Draco antwortete der Sphinx: „Ganz einfach. Man schiebt den Korken in die Flasche und holt die Münze heraus."
Das Gemälde schwang zur Seite.
„Kein Passwort, sondern ein Rätsel?", fragte Harry.
„Ravenclaws. Sie lieben es, ihr Intellekt unter Beweis zu stellen."
Draco trat ein, gefolgt von Harry.
„Woher wusstest du von den Rätseln?"
„Ich habe einmal im dritten Jahr einen unterhaltsamen Abend mit einem Ravenclaw- Mädchen verbracht", erwiderte Draco. „Sie hat ein Diagramm erstellt, das zeigt, wie die verschiedenen Stellungen – "
„Vergiss, dass ich gefragt habe!", unterbrach Harry hastig.
„Da entgeht dir aber was", erwiderte Draco glucksend. „Unglücklicherweise ist sie im darauf folgenden Jahr nach Beauxbatons versetzt worden. Ihre Eltern haben wohl herausgefunden, dass ihr hauptsächliches Studiumsfeld die männliche Anatomie ist."
Der Ravenclaw- Gemeinschaftsraum war leer. Die meisten der Ordensmitglieder befanden sich wahrscheinlich in der Großen Halle. Draco lief zu dem riesigen Gemälde von Rowena Ravenclaw.
„Genau wie ich in Erinnerung hatte", bemerkte er befriedigt. Harry stellte sich verwirrt neben ihn. Rowenas Kleidung ähnelte der Slytherins, nur dass sie die Farben Blau und Schwarz aufwies. Draco deutete auf ihr Handgelenk. „Du hast vermutet, dass der Dunkle Lord Gegenstände von jedem der Gründer haben wollte, richtig? Ich habe das Medaillon und den Ring an Salazar bemerkt und da ist mir dieser Armreif eingefallen."
Ein großer Goldarmreif, verziert mit funkelnden Saphiren, schmückte Rowena Ravenclaws Handgelenk. Sie lächelte sanft auf sie herab und hob die Hand. Ein winziger goldener Anhänger in Form eines Raben baumelte vom Reif herunter.
„Ich wette, du hast Recht", hauchte Harry. „Tom Riddle könnte es auf dieselbe Weise gefunden haben wie Hufflepuffs Becher. Während er bei Borgin und Burkes gearbeitet hat." Er seufzte. „Nun wissen wir, hinter was wir her sind, aber immer noch nicht, wo wir suchen müssen. Und es sagt uns auch nicht, was er von Godric Gryffindor benutzt haben könnte. Dumbledore hat mir versichert, dass die einzigen beiden Gryffindor- Artefakten sicher in seinem Büro verwahrt sind – das Schwert und der Sprechende Hut."
„Vielleicht sollten wir einen Blick darauf werfen."
Harry nickte. „Zumindest führen da nur ein paar Stufen hin. Es muss wirklich nicht sein, dass du mir noch umkippst."
Draco schnaubte. „Ich bin überrascht, dass du nicht angeboten hast, mich zu tragen. So wie du es zu genießen scheinst, Hand an mir anzulegen."
„Träum weiter, Malfoy." Draco hatte diesen Gesichtsausdruck seit dem Tag, da er eingetroffen war, nicht mehr bei Potter gesehen. Der Ausdruck reiner Abscheu ließ Malfoy laut auflachen.
Vielleicht würde sich die ganze Freundschaftssache als doch nicht so schlimm herausstellen.
