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„Rrr, lass uns rausgehen!" Ich spürte wie mich die Nacht nach mir rief. Ich konnte kaum noch still sitzen, also sprang ich auf. Unruhig bewegte ich mich im Verlies. Ich konnte die Dunkelheit förmlich fühlen. Mich zog ein unwiderstehlicher Drang nach draußen. Meine Augen bekamen einen fiebrigen Glanz vor Vorfreude. Sebastian musste trotz allem über meine Euphorie lächeln, und er konnte mich verstehen. Ob er es wahrhaben wollte oder nicht, die Liebe zur Nacht teilten wir beide. Ich umfasste mit beiden Händen seine Hand und zog ihn mit mir. „Komm, lass uns die Nacht erobern!" Sebastian ließ sich von mir anstecken und folgte mir gerne nach oben. Es war wunderschön. Der Vollmond hing tief über den Bäumen. Tief sog ich den frischen Duft ein und lauschte all den Geräuschen. Unzählige Grillen zirpten um die Wette, eine Eule schrie in der Ferne und zwischen den Felsen raschelte eine Maus. Wer glaubt die Nacht sei ohne Leben der irrt, Vampire waren nicht die einzigen Jäger der Nacht. Eine Fledermaus flog dicht über unsere Köpfe hinweg, ich konnte sie sehen. Als Vampir besaß ich die Fähigkeit bei Dunkelheit fast so gut wie bei Tage zu sehen. Zu dem war mein Gehör geschärft, wie das einer Fledermaus und ich konnte so schneller laufen als ein Wolf. Das Rascheln des Windes in den Bäumen lockte mich und so gab es für mich kein halten mehr. Ich lief los.
Den Abhang hinab und in die Wälder. Meine Füße fühlten sich leicht an und lachend rannte ich zwischen den Bäumen hindurch, ohne dagegen zu laufen. Ein kribbeln im Nacken sagte mir, dass Sebastian die Verfolgung aufgenommen hatte. Diesmal musste er sich anstrengen mich zu fangen. Leichtfüßig setzte ich über einen Baumstumpf hinweg um plötzlich stehen zu bleiben. Vor mir hockte im Gras ein Hase. Ich ging in die Hocke und blickte ihm in die Augen. Er duckte sich, er erkannte den Jäger in mir. Sein Herzschlag beschleunigte sich und das Blut schoss ihm durch die Adern. Ich konnte seine Furcht fühlen, für mich eine völlig neue und faszinierende Erfahrung. Ich richtete mich wieder auf und hielt meine Nase in die Luft. Hier wimmelte es vor tausenden neuen Gerüchen, einer interessanter als der andere. Unweit von mir lauerte ein Fuchs auf diesen Hasen. Übermütig klatschte ich in die Hände und der Hase entschwand ins nächste Gebüsch, der Fuchs würde es schwer haben ihn noch zu fassen. Ich lief weiter, vorbei an grasenden Rehen. Doch ein stechender Duft ließ mich erneut inne halten. Seitlich von mir erhob sich ein Bär. Ohne Furcht betrachtete ich ihn. Er kam auf den Hinterpfoten ein paar Schritte näher. Blieb dann stehen und schien die Situation abzuwägen. Er merkte, dass ich keine Bedrohung für ihn war und setzte seine Vorderpfoten wieder auf den Boden um sich zu trollen. Ich fühlte mich so gelöst und frei, ich wäre wohl ewig weiter gelaufen, wenn nicht in diesem Moment Sebastian an meiner Seite aufgetaucht wäre. „Jetzt verstehe ich erst warum du in der Nacht so gerne im Wald bist, es ist atemberaubend."
Die Welt erschoss sich mit tausenden Geräuschen neu für mich und ich wünschte es wäre ewig Nacht. Ich drehte mich mit ausgestreckten Armen im Kreis, den Kopf tief im Nacken. Sebastian schaute mir eine Weile zu und fasste dann nach meiner Hand. „Es gibt noch mehr zu sehen." lockte er mich und ich folgte ihm. Gemeinsam liefen wir Seite an Seite. An einem Bach blieb er stehen. Am gegenüberliegenden Ufer trank eine Hirschkuh aus dem Bach und hob erst bei unserem Erscheinen misstrauisch ihren Kopf. Ich legte den meinigen schräg, versuchte abzuwägen und sprang los. Die Hirschkuh war keinen Schritt weit gekommen, als ich meine Zähne tief in ihre Kehle vergrub. Ich riss sie mit mir zu Boden und trank ihr Blut. Es rann mir noch warm die Kehle hinab. Welch Genuss, einfach köstlich. Wie konnte Sebastian seine Flaschen und Konserven nur gegen das tauschen? Ängstlich zuckte das Tier unter mir. Sein Herzschlag ging schnell und dann verstummte er für immer. Ich war wie berauscht von dem Blut und würde von nun an jagen um mir den Saft des Lebens zu besorgen. An Sebastians Mine konnte ich deutlich erkennen, dass er sich Sorgen um mich machte. Ich war, obwohl er mich geschaffen hatte, ihm immer noch fremd als Vampir. Nachdem ich mein Mahl beendet hatte, ging ich zum Bach und kniete nieder. Sorgfältig wusch ich mich und besah mir dabei mein Spiegelbild. Ich sah mich selbst zum ersten Mal als Vampir. Meine Fangzähne waren lang und spitz. Langsam bildeten sie sich zurück und übrig blieb der Mensch. Ich war schön.
Noch nie empfand ich mich selbst als schön, bis heute. Ich richtete mich auf und überquerte den Bach. „War es das was du mir zeigen wolltest?" fragte ich ihn mit einem Grinsen. Ich wusste genau, dass es das nicht war. „Du lernst sehr schnell." Er runzelte die Stirn. Ich erinnerte mich, wie er zuerst als junger Vampir alleine durch die Welt gestolpert war. Mir stand so ein Schicksal nicht bevor. Ich hatte ihn. Zärtlich strich ich ihm über die Wange. Ich wollte ihn. „Fang mich!" flüsterte ich und setzte davon. Vom Osten her zogen dichte Wolken auf und ein fernes Grollen kündigte ein Gewitter an. Auch die Luft veränderte sich, sie pulsierte, war elektrisch aufgeladen. Der Wind gewann an Stärke. Das Unwetter würde rasch näher kommen. Angestachelt davon, lief ich zurück zur Ruine. Von dort aus würde man einen atemberaubenden Ausblick auf dieses Schauspiel haben. Ein tiefes Knurren hinter mir sagte mir, dass diese Naturgewalt auch auf Sebastian wirkte, auch er schien entfesselt. Ich war wie paralysiert und wusste, dass das was jetzt kommen würde, unausweichlich war. Magisch zog es uns zueinander. Ich vergrößerte den Abstand und ein ärgerliches Fauchen von hinten sagte mir, dass auch Sebastian schneller wurde. Er liebte die Jagd und ich auch. Ich wurde wieder langsamer, ließ ihn aufholen, gab ihm das Gefühl mich fassen zu können um ihm vor der Nase davon zu laufen. Ein Blick hinter mich zeigte, dass nicht mehr Sebastian, sondern der Vampir hinter mir her war. Ich lachte hell auf. Vorfreude machte sich in mir breit. Ich konnte seine Berührungen bereits spüren. Wenige Meter trennten uns voneinander, doch ließ ich ihn nicht näher kommen, noch nicht. Immer wieder holte er ein paar Schritte auf und fiel dann wieder zurück. Wir beide genossen das Spiel und um uns tobten die Elemente. Die ersten Tropfen klatschten mir bereits ins Gesicht. Sturmböen peitschten über mich hinweg, zerrten an meiner Kleidung. Ich musste mich anstrengen um voran zu kommen. Ich erreichte die Baumgrenze.
Nur mehr den steilen Abhang hinauf und ich würde in mitten der Burgruine stehen. Schwerer Donner ergrollte gefolgt von einem Blitz der den Himmel taghell erscheinen ließ und dann öffnete der Himmel seine Schleusen. Über uns ergoss sich sintflutartiger Regen, statt Unterschlupf zu suchen, hob ich mein Gesicht dem Regen entgegen. Ich war in wenigen Minuten bis auf die Haut durchnässt und Sebastian erging es nicht anders. Ich legte die letzten Meter zur Ruine zurück und wartete auf dem höchsten Punk auf ihn, meinen Geliebten. Diese Nacht würde uns gehören. Atemlos hielt ich inne. Mein ganzer Körper prickelte vor Erwartung. Langsam stieg er empor, im Schleier des dichten Regens wirkte er beinahe unwirklich. Heftig sog ich die Luft ein um sie genauso wieder auszustoßen. Er blieb wenige Meter vor mir stehen und neigte den Kopf leicht schräg.
Ich konnte es kaum noch erwarten, bis er endlich bei mir war. Wohl wissend wie ich nach ihm fieberte, ließ er sich Zeit. Träge schob er sich näher und verwandelte sich dabei zurück. Wieder blieb er stehen. In diesem Moment ertönte erneut ein tiefer Donner und kaum war er verhalt zuckte ein heller Blitz über den Himmel. Sebastians Züge wirkten in diesem Licht dämonisch und ein Stöhnen drang über meine Lippen. Er streckte einen Arm aus. „Komm zu mir!" forderte er mich auf. Am liebsten hätte ich mich auf ihn gestürzt, doch auch ich beherrschte dieses Spiel. Hochmütig hob ich den Kopf. „Nein!" erwiderte ich kalt, obwohl in mir ein Vulkan brodelte. Sein Mund verzog sich zu einem spöttischen Grinsen. „Oh doch du wirst kommen!" Er lockte mich mit süßer Stimme und innerlich schmolz ich wie Schnee in der Sonne, aber noch widerstand ich. „Niemals!" hauchte ich und machte einen Schritt zurück. Meine Lider waren halb geschlossen, der Mund leicht geöffnet. Ohne es zu wissen, sah ich für ihn genauso sinnlich aus, wie ich mich fühlte. Sein Anblick nahm mich gefangen. Sein dunkles Haar klebte in feuchten Strähnen an seiner Stirn. Seine nasse Kleidung umschloss ihn wie eine zweite Haut und gab seinen starken Körper frei. Nichts blieb mir verborgen, auch nicht wie erregt er war. Langsam begann er sein Hemd aufzuknöpfen und schob es über seine breiten Schultern. Mein Mund wurde staubtrocken und ich konnte kaum schlucken. Achtlos warf er es zu Boden und sah mich dabei unverwandt an. „Komm zu mir!" forderte er erneut und diesmal brauchte er nicht zu warten.
