Kapitel 35

Vertagt

Kaum hatten die Richter den Saal verlassen, erhob sich Amanda und lief unruhig hin und her. Sie hatte das dringende Bedürfnis irgendetwas zu zerstören, nur um ihrer Wut etwas Luft zu verschaffen. Das war alles so überflüssig und wenn sie noch einmal nach Askaban gehen musste, wegen dieses Falls, war das schon schlimm genug, doch nun auch noch Severus… Das war viel schlimmer. Kurz sah sie Severus an, wusste aber nicht, was sie sagen sollte und schwieg daher erst einmal.

Snapes Gelassenheit war auch nur noch reine und perfekte Fassade, denn er sah dem, was ihm blühte, keineswegs gelassen entgegen. Er wusste, dass er es in Askaban weit schlimmer treffen konnte als Amanda und stand innerlich vor einem kleinen Scherbenhaufen.

Er musste sich eingestehen, dass er die letzten Wochen wirklich wieder einmal so etwas wie Glück verspürt und erlebt hatte und nun stand alles kurz vor dem Ende, was er sich bis heute schwer erarbeitet hatte. Für einen kurzen Moment sah man seinem Gesicht an, welche Gedanken ihn gerade bewegten, doch es war nur wie ein kurzer Schatten, der darüber huschte, dann war seine Miene auch schon wieder die gleiche Maske wie zuvor.

Im Gegensatz zu Amanda blieb er ruhig auf seinem Stuhl sitzen, denn seine ganze Wut hatte sich mittlerweile in Resignation und Selbstvorwurf verwandelt. Er hätte Amanda damals nie verteidigen dürfen, hämmerte es immer wieder in seinem Kopf. (A/N: Autsch... Der Arme... – Ja… *schnief*)

Auch wenn es nur kurz war, sah Amanda doch, was in Snape vorging. Sie setzte sich wieder neben ihn. Sie musste sich zusammenreißen, denn immerhin war es irgendwie ihr Verschulden, dass er hier saß. „Tut mir leid", sagte sie nur leise. Etwas Besseres und vor allem Passendes fiel ihr einfach nicht ein.

Er sah sie an. Sein Blick verlor sich wie immer in unergründlichen Tiefen und doch hatte er für kurze Zeit etwas Bedauerndes inne. „Nein... Mir tut es leid", entgegnete er ruhig und leise. „Ich hätte es wissen müssen... Ich war Dir keine Hilfe, sondern das Gegenteil."

„Doch Du bist eine große Hilfe. Es ist ja nicht Deine Schuld, dass es Menschen gibt, die sich nicht um Gesetze scheren." Amanda seufzte leise. Es erschien ihr immer noch alles völlig surreal, aber sie befürchtete, dass sich das ganz schnell ändern würde.

Snape wollte gerade noch einmal etwas erwidern, doch es öffneten sich wieder die Türen zur Empore und die Richter kamen aus der Beratung zurück.

Gerade als der Vorsitzende das Urteil verkünden wollte, ging plötzlich die Tür auf, durch die Amanda und Severus anfangs den Saal betreten hatten. Durch sie hindurch schritt ein sichtlich empörter Dumbledore, gefolgt von weiteren fünf Zauberern mittleren und älteren Alters. Alle sahen nicht sonderlich begeistert aus.

Mitten im Raum blieb die kleine Gruppe stehen und der Schulleiter von Hogwarts ergriff sofort das Wort. „Ich denke, dass ich auch im Namen meiner anwesenden Kollegen spreche", er deutete leicht hinter sich, „wenn ich Aufklärung verlange was hier vor sich geht!" Seine Stimme war ruhig und streng und es ging eine Aura von seiner Person aus, die wohl jeden Respekt erheischen ließ, der sich gerade in seiner unmittelbaren Nähe befand.

Amanda drehte sich ein wenig erschrocken zur Tür um und war überrascht und erleichtert, Dumbledore zu sehen, der aufgebrachter war, als Amanda ihn je zuvor erlebt hatte. Vielleicht nahm dieser Tag ja doch noch ein gutes Ende, dachte sie.

Der Vorsitzende des Wizengamots räusperte sich etwas verlegen und blickte kurz zu Birch, doch sein Blick war nicht zu deuten. „Albus, ich dachte, Sie und Ihre Kollegen wären heute verhindert?!"

„So", erwiderte Dumbledore fragend und ließ seinen eisblauen Blick vom Vorsitzenden zu Birch gleiten und wieder zurück. „Nun, wie Sie gerade alle sehen können, sind wir das nicht. Wir haben lediglich keine Einladung zu dieser Zusammenkunft bekommen und dafür würden wir nun gerne den Grund erfahren. Schließlich hat jeder Angeklagte das Recht, vor dem kompletten Wizengamot Anhörung zu finden."

Noch einmal sah der Vorsitzende zu Birch, diesmal mit leicht gerunzelter Stirn und hochgezogenen Augenbrauen. Dann antwortete er auf des Schulleiters Forderung. „Das kommt mir gerade zum ersten Mal zu Ohren, Albus. Nach meiner Information wurden die Einladungen an die Mitglieder des Wizengamots korrekt versandt und die Antwort ihrerseits war, dass Sie verhindert seien."

„Dann wurde irgendwo gepfuscht", meldete sich ein kleiner dicker Zauberer nun lautstark zu Wort und erschien neben Dumbledore. „Wir haben jedenfalls keine Benachrichtigung erhalten und deshalb muss diese Anhörung vertagt werden, bis dieser unangenehme Vorfall lückenlos aufgeklärt ist!" Das Gemurmel der anderen Zauberer um Dumbledore deutete Zustimmung an.

„Wenn das so ist…" Ergriff der Vorsitzende wieder das Wort und nahm sein Holzhämmerchen zur Hand. „Hiermit vertage ich die Anhörung bis zur Aufklärung der Gründe, die zu dieser Nichtinformation geführt haben, wegen unrechtmäßiger Prozessführung. Die Angeklagte Miss Amanda Brown ist solange in Untersuchungshaft nach Askaban zu bringen, genauso wie ihr Bürge, Herr Professor Severus Snape."

Dann klopfte er auf den Tisch und nahm seine Unterlagen zusammen. „Wir sehen uns im Sitzungszimmer, meine Herren", wandte er sich noch kurz an die Gesamtheit des Wizengamots, denn es war nun auch in seinem Sinn, dieser äußerst peinlichen Sache so schnell wie möglich auf den Grund zu gehen.

Unter leisem Gemurmel packten auch die anderen Zauberer ihre Sachen und folgten dem Vorsitzenden, genauso wie sich alle Zauberer um Dumbledore, ausgenommen ihm selbst, auf den Weg nach draußen machten.

Amanda sah den Vorsitzenden ungläubig hinterher, dann stand sie auf. „Hey! Moment mal! Wieso denn bitte Askaban? Ich kann genauso gut zu Hause bleiben!" Sie sah sich hilfesuchend nach Dumbledore um.

Auch Snape war ruckartig aufgestanden nach diesem Beschluss, doch sagte er nichts, denn es würde ohnehin nichts mehr ändern. Mit starrer Miene sah er noch kurz den Richtern auf der Tribüne zu, wie sie den Raum verließen, dann wandte er sich zu Dumbledore um, der gerade im Begriff war, im die Hand auf die Schulter zu legen und etwas zu sagen.

„Albus…", fing er mit gepresster Stimme an, doch dieser unterbrach ihn.

„Ich kann nichts tun, Severus. Nur die Aufklärung so weit beschleunigen, wie es nur geht." In Dumbledores Stimme schwang Bedauern mit. „Hier scheint im Moment einiges nicht so zu laufen, wie es sollte und sei versichert, ich werde der Sache auf den Grund gehen." Er klopfte ihm sanft auf die Schulter, dann drehte er sich zu Amanda um und lächelte sie ein wenig aufmunternd an.

„Dann kannst Du auch gleich diesem… Birch auf den Zahn fühlen…" Snape unterdrückte eine Tirade von Verwünschungen, bei der Nennung des Richters.

„Das werde ich tun", entgegnete Dumbledore noch. Dann ging auch schon wieder die Tür auf und vier Ministeriumsbeamten kamen in den Saal, um Amanda und den Tränkemeister in Verwahrung zu nehmen.

Die Beamten kamen zielstrebig auf Amanda und Severus zu. Amanda bliebe einfach stehen und wartete darauf, dass sie weggebracht wurde. Es hatte ja doch keinen Sinn mehr, irgendwelchen Widerstand zuleisten. Das würde nur noch mehr Probleme bringen.

Sie vermied es, Snape anzusehen, denn sie fand noch immer, dass es hauptsächlich ihre Schuld war, dass er nun noch einmal nach Askaban musste, ohne zu wissen, ob er dort je wieder herauskommen würde.

Zwei Beamte fassten Amanda je an einem Arm und führten sie aus dem Gerichtssaal. Es würde nicht mehr lange dauern und sie würde wieder in einer kalten Zelle in Askaban sitzen, dachte sie, als sie vor Snape den Saal verließ. So ganz wollte sie es noch nicht glauben, wo der Tag so schön hätte werden können.