36. Flucht
„Schneller."
Zum wievielten Male Daenerys jene eindringlich gesprochene Aufforderung an diesem frühen Morgen vernahm, wusste sie nicht genau. Aber wie schon zuvor, gehorchte sie ohne zu zögern. Trotz schmerzender Hacken und wund geriebener Zehen hastete sie dem unnachgiebigen Mann hinterher, der sie mit einem missbilligenden Blick bedachte, ihre Hand packte und sie unsanft zu einer höheren Geschwindigkeit anhielt. Es hatte eine Weile gedauert, bis sie sich an diese, einer Königin unwürdigen, Behandlung gewöhnt hatte. Ihr Begleiter hingegen fügte sich von Anfang an problemlos in seine Rolle als Wegführer ein. Als pflichtgetreuer Krieger und disziplinierter Unbefleckter hatte Schwarzer Egel jegliches ergebene Verhalten gegenüber seiner Königin abgelegt, sobald sie die Große Pyramide verlassen hatten und half Daenerys für die Zeit an seiner Seite zu vergessen wer sie gemäß ihrer Titel zu sein hatte.
Der Himmel im Osten schimmerte bereits in einem blassen Rosa, doch Meereen war noch von Nacht durchflutet. Bedrohlich ragten die Stufen der Pyramiden wie Berge auf, die näher zu rücken schienen und die Schluchten durch welche Dany eilte zu beengten Pässen zusammenschoben. Niemand kreuzte ihren Weg und die unverwechselbaren Laute einer erwachenden Stadt kamen noch von weit her. Dass sie insgeheim nach Schreie lauschte, versuchte die Königin, die jetzt keine sein durfte, zu verdrängen. In diesem Teil der Stadt schliefen die Großen Herren noch immer in ihren uralten Pyramiden, in ihren prunkvollen Gemächern, in ihren komfortablen Betten und träumten doch alle den gleichen Traum. Einen Traum von Gold und Blut.
Für eine Weile verließen sie den Schutz der in Schatten liegenden Gänge und Daenerys' Begleiter führte sie über eine breite Ziegelstraße, die an einem aufwendig gestalteten Zierbrunnen endete. In der Mitte tanzten nackte Frauen, hielten Tonkrüge in ihren fahlen Händen und gossen silbrige Wasserfälle in das Becken. Doch waren es nicht die mondblassen Körper, die Dany plötzlich zum Stehen brachten. Zu sehr damit beschäftigt Schritt zu halten, und ihre nicht zu verleugnende Unruhe zu bändigen, hatte sie kaum auf den Weg geachtet und war dem Unbefleckten nahezu blind gefolgt. Die im Licht der Dämmerung eher grauen, als blauen Steine der Pyramide zu ihrer Linken erkannte sie jedoch sofort und der Blick zur fehlenden Spitze war gänzlich unnötig. Daenerys wusste wem diese Pyramide gehörte. Nein, gehört hatte.
„Oh Strahlende. Oh Erhabene. Etwas Unaussprechliches ist geschehen."
Furcht und Entsetzen hatten sie angefleht. Geantwortet hatte weder Gnade noch Barmherzigkeit.
„Ihr seid unversehrt, wie mir scheint."
Langsam rutschte das locker um Daenerys' Kopf gelegte Tuch ihre seidigen Haare hinab, die unerkannt mit dem Zwielicht des Morgens verschmolzen. Verblüfft starrten farblose Augen, in denen das violette Schimmern nur zu erahnen war, zu dem Ort, an dem sie sich für immer hätten schließen sollen.
„Oh Glorreiche, ich bitte euch um euren Beistand."
Um die Vorteile seiner Person zu genießen, hatte die Königin das Abscheuliche in Ghazeen ignoriert. Zumindest eine Zeit lang. Doch dieser Pakt, den sie mit sich selbst geschlossen hatte, existierte nur, um gebrochen zu werden. Und als es dann soweit war, hatte sie es durchaus als Gerechtigkeit empfunden. Aber jetzt wurde Daenerys beim Anblick der Pyramide seltsam kalt.
„Schneller.", zischte der Unbefleckte mit dunklen, wachsamen Augen, die jede noch so winzige Ritze zwischen den Steinen abzusuchen schienen und schob Dany in eine Gasse, die zu einer steilen Treppe abfiel.
„Entsinnt ihr euch des Angebots, welches ihr mir vor einigen Tagen nach Zkahaz zo Zhaks Besuch gemacht habt?"
„Ja, Euer Gnaden."
„Steht ihr noch zu eurem Wort?"
„Uneingeschränkt."
„... Er soll die Pyramide nicht mehr verlassen."
Ja, sie hatte ihre Gerechtigkeit bekommen, und dennoch verzog Dany beim Gedanken an das sich ergötzende Lächeln des Söldnerkommandantens das Gesicht.
Streng rügte sich Daenerys jetzt nicht in Erinnerungen abzudriften, die ihre dringend benötigte Aufmerksamkeit trübten, und so konzentrierte sie sich auf die ausgetretenen, glatten Stufen unter ihr. Am Ende des Abstiegs blieb das erwartete Kommando schneller zu laufen überraschenderweise aus. Stattdessen stoppte Schwarzer Egel, richtete fahrig den staubfarbenen Stoff seines abgewetzten Gewandes, um das darunter verborgene Breitschwert nicht zu entblößen.
„Lasst den Kopf unten.", kommentierte der schlaksig wirkende Mann seine Geste im rauen Valyrisch der Skalvenbucht, während er überflüssigerweise zu Boden deutete.
Der Unbefleckte war einer von Grauer Wurms fähigsten Generälen und, wie ihr versichert wurde, am geeignetsten, um sie unbemerkt durch Meereen zu geleiten. Danys trockener Mund und der stechende Knoten in ihrer Magengrube waren sich dessen offenkundig nicht bewusst. Hier, wo das Pyramidenviertel endete, begann der gefährliche Teil ihres Vorhabens. Sorgfältig schlang Daenerys das Ende ihres grauen Kopftuches um ihren Hals und steckte verräterische Haare unter durchscheinenden Stoff. Als dann aber eine Mischung aus Seifenlauge und Ebereschenasche in ihre Nase stieg, fiel Dany wieder ein, dass ihr Haar sie nicht mehr betrügen konnte.
Erheblich langsamer als zuvor setzten sie ihren Weg durch die sich mit Leben füllende Stadt fort und mit jedem Schritt rieben sich Danys schmerzende Hacken an dem ungewohnten Schuhwerk. Zeitweise war das Brennen alles woran sie denken konnte, doch selbst als sich etwas Feuchtes über ihre Fersen verteilte, biss sie tapfer die Zähne zusammen und eilte ihrem Wegführer hinterher. Immer noch war die Zahl der Menschen, die ihrem Tagwerk nachgingen, recht überschaubar. Jene Wenigen bedachten sie allerdings mit argwöhnischen Blicken aus gehetzten Augen. Kaum verwunderlich, dachte Daenerys, brachte doch jede Nacht Angst und Stille, und jeder Morgen ließ das Leid in den hellsten Farben erstrahlen.
Seit Jorah ihr die Harpyienmaske gebracht hatte, ist kein Tag angebrochen, da sie nicht in das Blut der vorangegangenen Nacht getreten war. Unbefleckte, Zweitgeborene, einstige Sklaven, selbst jene Hochgeborenen Meereener, die den Frevel begingen der unliebsamen Eroberin Respekt zu zollen, fielen dem Hass zum Opfer. Oftmals erinnerte sich Daenerys an die Zeremonie im Tempel der Grazien zurück. All das Blut, welches ihr bis an die Knöchel gereicht hat, war im Vergleich zu den roten Fluten, die nun durch die Straßen Meereens strömten, belanglos. Nein, mittlerweile ertrank sie in dem Rot. Sie ging unter in all dem Blut, all der Feindschaft und all den erfolglosen Bemühungen dem Terror ein Ende zu setzen. Je tiefer sie sank und je näher der unreine Boden kam, desto deutlicher wurde das dort Verborgene. Fragen, die sie beantwortet geglaubt hatte, denen sie eigentlich den Zugang verwehrt hatte, schwirrten wieder durch ihren Kopf und machten es schwer, manchmal gar unmöglich, in die Augen derer zu blicken, die ihr Vertrauen entgegenbrachten. Denn was würde sie antworten, wie würde sie es erklären, wenn diese Fragen ihrer Kontrolle entkamen und unbarmherzige Wahrheiten offenbarten? Nun, um eben dies zu verhindern war sie schließlich hier. Energisch, als wolle sie mit ihren kraftvollen Schritten, die hart auf das Pflaster trafen, der Stadt Schmerzen zufügen, vergaß Daenerys einen Augenblick lang ihre Rolle. Sofort reagierte Schwarzer Egel mit einem warnenden Gesichtsausdruck und schob sie beherzt an neugierig dreinblickende Männer vorbei, welche soeben aus einem der wenigen geöffneten Gasthäuser traten. Auch ein Großteil der Freudenhäuser hatte sich dem Schlachten der vergangenen Wochen gebeugt. Wer wollte schon Kunden empfangen, die nicht einmal lange genug lebten, um zu zahlen?
Ebenso verschlossen waren die Zugänge der Kampfarenen, doch dies bereits seit dem Tag, da Daenerys Targaryen die Stadt betreten hatte. Tore des Schicksals nannten die Meereener die Eingänge zu den Arenen, welche von haushohen Marmortafeln flankiert wurden, auf denen die Namen der Gefallenen ihren versprochenen Ruhm erhielten. Bitter schnaubte Daenerys, während sie voller Ironie die Namen betrachtete. Sie hatte diese menschenverachtenden Kämpfe verboten, auf dass niemand mehr sein Leben inmitten einer grölenden Menge lassen musste. Jetzt waren dies die einzigen Orte der Stadt, in denen kein Blut die Erde durchtränkte. Stattdessen starben die Menschen in finsteren Nischen, verlassenen Hinterhöfen oder ihrem eigenen Heim. Ungesehen. Unbejubelt. Unbeachtet.
Tempel, Badehäuser und Stadtvillen endgültig hinter sich lassend folgten sie buckligen Gassen, durch die sich flach gemauerte Rinnen zogen und die Luft mit übelriechenden Dämpfen erfüllten. Nackter Sandstein säumte ihren Weg wie ein blasses Band, das ab und an von geschlossenen Fensterläden durchbrochen wurde. Schwere, hölzerne Lider, die sich jederzeit teilen könnten und jeden, der es wagte in die dahinter liegenden Augen zu blicken ewige Finsternis brachten.
Das rosa Glimmen im Grau des Ostens schenkte Daenerys unvermutet Trost und der Gedanke an verborgene Klingen rückte in den Hintergrund. Selbst das Pochen ihrer blutigen Hacken wurde erträglicher und ehe sie in einem federnden Gang verfiel, ermahnte sich Dany den Schutz der Zurückhaltung nicht leichtfertig aufs Spiel zu setzten, versprach der Sonnenaufgang doch ein baldiges Ende dieser Hatz durch eine Stadt, in der die Königin das Volk fürchtete. Oder verhielt es sich genau anders herum?
Unentschieden sprangen Dächer zwischen zwei- und einstöckigen Häusern umher und als sich plötzlich eine Lücke auftat, stellte Daenerys frustriert fest, dass die Große Pyramide immer noch so nah wirkte wie zur Stunde ihres Aufbruchs. Womöglich gab es kein Entkommen, ganz gleich wie weit und wie schnell sie laufen würde, der Schatten der Pyramide würde sie immer und überall erreichen.
Ohne Ankündigung blieb Schwarzer Egel stehen und Dany prallte ungebremst gegen den Unbefleckten, der sie mit forscher Hand zurückstieß. Unmittelbar vor ihnen kreuzte eine Querstraße die Gasse auf der sie sich befanden und schickte undeutliches Stimmengewirr voraus. Was auch immer ihr Begleiter erblickt haben mochte, es genügte um den sonst starren Gesichtsausdruck des Unbefleckten für den Augenblick eines Herzschlags mit Wehmut zu verwässern. Kurz glaubte Daenerys, dass Schwarzer Egel beabsichtigte nach dem verhüllten Schwert zu tasten, aber schon im nächsten Augenblick beugte er sich zu ihr hinab und beharrte mit monotoner Stimme: „Richtet euren Blick nach vorn und beeilt euch."
Katzengleich schob er sich voran, spähte um die Ecke und schubste Daenerys gleichzeitig in die entgegengesetzte Richtung. Der Drang über die Schulter zu blicken und dem zu begegnen wovor Schwarzer Egel sie abschirmte, wuchs zu einem Prickeln in Danys Nacken an und so hörte sie sich entgegen besseren Wissens im Befehlston der Königin, welche sie jetzt nicht sein durfte, fragen: „Was ist dort geschehen?"
„Seid still.", wurde Daenerys leise zischend zurechtgewiesen.
Zugleich verblüfft von den schroffen Worten, sowie dem bitteren Gefühl der Kränkung, öffnete sie im lautlosen Protest den Mund, tanzten doch Empörung, bis hin zu Tadel auf ihrer Zungenspitze, bereit sich Gehör zu verschaffen. Irgendwo hinter Daenerys ertönte ein spitzer Aufschrei, der nur von qualvollen Schmerzen herrühren konnte. Mit jenem verzerrten Widerhall im Ohr presste Dany die Lippen aufeinander und schluckte den gefährlich unpassenden Anflug von falschem Stolz hinunter. Voller Reue sah sie Schwarzer Egel an, der mit zusammengezogenen Brauen neben ihr her eilte, darauf bedacht seine Pflicht zu erfüllen und die Königin schnellst möglich von dem Geschehen fortzubringen.
Doch ein Drache wendet seinen Blick nicht ab, ganz gleich wie furchtbar der Schrecken auch sein mochte. Zudem wusste Dany ohnehin was sie erwarten würde. Warum sollte sie ihre Vorstellung nicht durch die Realität bestätigen lassen?
Warmes Morgenlicht explodierte in der Straße und eine goldene Blindheit nahm ihr vorübergehend die Sicht, um dann das Entsetzen im Schein des anbrechenden Tages glühen zu lassen. Um mich, so wie jeden Morgen, zu verhöhnen, dachte Daenerys pikiert, während Umrisse von Speeren und Stachelhelmen durch die goldene Flut des Sonnenlichts wandelten. Erst als sie die am Boden liegenden Körper ausmachte, verflog Danys Verdruss über ihr Scheitern und wurde von dem eisigen Hauch abgelöst, welcher sich stets auf ihre Brust legte, wenn sie den Zahlen ihrer gefallenen Krieger gestattete zu echten Menschen zu werden. Menschen aus Fleisch und Blut. Menschen mit Träumen und Hoffnungen. Menschen, die ihr dankbar gewesen waren. Menschen, die ihr gefolgt waren. Menschen, die an sie geglaubt hatten.
„Verlasst Meereen, Euer Gnaden. Ich flehe euch an, verlasst dieses Schlachthaus."
„Ich werde nicht nachgeben und vor diesem Abschaum mein Knie beugen."
...
„...Stolz ist ein trügerisches Ding. Mit der Zeit gewöhnt man sich nur allzu sehr daran und beginnt über die eigenen Irrtümer hinwegzusehen. Euer Gnaden, ich bit- "
„Ich werde Meereen nicht verlassen."
...
„Ihr meint ihr könnt Meereen nicht verlassen."
Wild hämmerte Daenerys' Herz gegen ihre Rippen, ob nun aufgrund der Erinnerung an jene eine Ratssitzung oder dem soeben Gesehenen. Immer weiter durch verlassene Hinterhöfe und hilflos verworrene Gänge folgte sie dem Unbefleckten, vollkommen sicher, dass sie sich verirrt haben mussten. Aber Schwarzer Egel bog zielsicher in Gassen und Straßen ein, die sich für Dany kaum noch voneinander unterschieden.
Der Gürtel an ihrer Hüfte wurde allmählich immer schwerer und begann unangenehm an ihren Hüftknochen zu scheuern. Während Dany das Leder zurechtrückte, schoben ihre Finger den kratzigen grauen Nesselstoff ihrer Robe über den darunter verborgenen Griff aus poliertem Horn, was ihr Missbehagen zeitgleich milderte und verstärkte. Scharf mochte die Klinge des Dolches sein, aber wie nützlich würde sich diese in ihren Händen erweisen? Nie hatte sich jemand die Mühe gemacht ihr den Umgang mit Waffen zu lehren. Und warum auch? Von Kindesbeinen an hatte man ihr zu verstehen gegeben, dass die gewählte Waffe einer Frau die Nadel zu sein hatte, um Wandbehänge mit den ruhmreichen Taten der Männer zu besticken. Als Königin wiederum umgaben sie hunderte von Klingen, welche jedwede Gefahr abhielten. Und welchen Nutzen hatte geschärfter Stahl, wenn man das Feuer selbst kontrollierte. ... Im Moment war aber lediglich ein einziger Mann an ihrer Seite. Ein Einziger gegen Hunderte, die sie tot sehen wollten.
Die Luft wurde feuchter und penetrante Gerüche steigerten sich zu einem fauligen Gestank. Daenerys drückte das Kopftuch vor die Nase, obwohl dies wenig gegen die Ausdünstungen des Skahazadhan ausrichtete. Trüb und braun, von all den Hinterlassenschaften der Stadtbewohner, bewegte sich der Fluss Richtung Meer. Schwarzer Egel führte sie jedoch stromaufwärts, dicht am Ufer des zäh fließenden Stroms entlang.
„Ist es ratsam den Fluss im Rücken zu haben?", fragte Dany, indes der Unbefleckte ihren Oberarm umfasste und sie vorantrieb.
„Es ist der schnellste Weg und besser als massiven Stein im Rücken zu haben."
Bei der Vorstellung gezwungen zu sein in das übelriechende Wasser springen zu müssen, in dessen schmutzigen Fluten Klumpen unerkennbaren Ursprungs schwammen, wandte sich Daenerys mit Freuden den Heerscharen von Raten zu, die immer wieder durch ihre gehetzten Schritte aufgescheucht auseinanderstoben.
Ungeachtet wie lange sie den Biegungen des Skahazadhans folgten, die Große Pyramide schwebte weiterhin über den Dächern, ließ sie nicht entkommen, und irgendwann erwischte sich Dany dabei, wie sie nach ihr Ausschau hielt, sobald sie dann doch einmal hinter Mauern verschwand. Und jedes Mal ermahnte sie sich aufs Neue nicht zurückzublicken. Ihr Ziel lag jenseits all dessen, was sie gelernt hatte zu hassen.
Als sie den Fluss endlich verließen und in das Durcheinander unbefestigter Wege unmittelbar vor dem nordöstlichen Stadttor eintauchten, glitzerte Schweiß auf Daenerys' Stirn und im Nacken lösten sich verklebte Haare, als sie ihren geflochtenen Zopf über die Schulter warf. Einen Moment fürchtete sie dunkle Flecken auf ihren Handflächen zu entdecken, aber scheinbar war die Maskerade so unerschütterlich wie versprochen. Unter ihren Kleidern trug sie ein Wams aus gehärtetem Leder, das mit dünnen Stahlplatten verstärkt war und nass geschwitzt an ihrem Rücken haftete. Vermutlich sollte sie jedoch froh sein, dass Jorah seinen Willen nicht bekommen und sie in ein Kettenhemd gesteckt hatte. Es grenzte ohnedem an ein Wunder, dass der starrköpfige Ritter ihren Schutz so bereitwillig in andere Hände gelegt hatte. Viel mehr noch, es war sein Vorschlag gewesen. Würde ihre helle Haut und die violetten Augen alleine schon mehr als genügend unerwünschte Aufmerksamkeit auf sich ziehen, könnte das Bild durch einen hochgewachsenen Ritter mit fremdländischen Aussehen kaum unauffälliger wirken. Somit war Schwarzer Egel, welcher in Astapor geboren wurde, die perfekte Wahl, um einen Meereener zu mimen. Aber natürlich war diese riskante Variante der Stadt zu entkommen nicht die erste Überlegung gewesen. In solch großen Städten wie Meereen gibt es zweifelsohne Unmengen an verborgenen Pfaden und mit Sicherheit auch solche, die aus der Stadt hinausführen, hatte Barristan Selmy angemerkt. Einen Weg aus der Stadt, wurde dennoch nicht gefunden. Meereen hütet seine Geheimnisse, nicht nur die blutigen.
Zwischen soliden Steinhäusern wuchsen zusehends mehr Hütten, Schuppen und Verschläge aus der festgetretenen Erde. Mehr und mehr Menschen drängten auf die Straßen und begannen ihr Tagwerk. Trotz der Angriffe, die Dany erneut in verzagte Grübeleien und schlaflose Nächte gestürzt hatten, hielten die meisten Menschen an ihrem Alltag fest. Was blieb ihnen auch anderes übrig, fragte sie sich im Stillen, während sie einen mit weißem Staub übersäten Bäckergehilfen beobachtete, der pralle Mehlsäcke von einem Karren lud.
In dem undurchschaubaren Gewimmel fühlte sich Daenerys eigenartigerweise sicherer, als in den leeren Pflasterstraßen entlang der Pyramiden. Schwarzer Egel war diesbezüglich scheinbar anderer Meinung und legte wieder einen eisernen Griff um ihren Arm. Schnell könnten aus den ausgemergelten Gesichtern der greisen Bettler oder den geschäftigen Mienen der Händler, Gesichter aus Gold werden. Es war naiv zu glauben, dass ihr hier, inmitten des einfachen Volkes, keine Gefahr drohte. Dāria ossēnātās stand in blutroten Lettern an mehreren Hauswänden und einige kamen zudem mit obszönen Zeichnungen einher, welche Dany vermied allzu lange anzusehen. Niemand hatte sich die Mühe gemacht diese Schmähungen von den Steinen zu waschen. Wie sicher konnte sie da schon sein, in einer Stadt, in der selbst diejenigen sie verachteten, welche ihr einst freudestrahlend zugejubelt hatten?
Mittlerweile verfluchte Daenerys die Stiefel an ihren Füßen. Jeder Schritt glich dem Schnitt eines Messers und so sehr sie auch dem Bedürfnis zu Humpeln nachgeben wollte, blieb für derlei keine Zeit. Zusammen mit dem Menschenstrom in welchem sie trieben, betraten Schwarzer Egel und Dany einen formlosen, unbefestigten Platz, der an der mächtigen Stadtmauer endete. Selbst hier in den Armenvierteln säumten klobige Verteidigungstürme jede Biegung der Befestigungsanlage, von wo aus heißes Öl auf anrückende Feinde gegossen werden konnte, wenn diese kühn genug waren so weit vorzudringen, und zugegebenermaßen hatte die schiere Größe der Mauer auch Daenerys Targaryen Respekt abgefordert, als sie noch nicht Königin Meereens gewesen war. Allerdings stand es heute in ihrer Absicht die Stadt zu verlassen, und nicht sie einzunehmen. Die Sorge, dass man sie an ihrem Vorhaben hindern könnte, war jedoch ähnlich.
Unauffällig deutete Schwarzer Egel zu einer verkommen aussehenden Schenke, die wie so viele auf den ersten Blick geschlossen wirkte. Doch der Unbefleckte missachtete die verwitterte Tür des Gasthauses und hielt auf zwei angebundene Maultiere in einer Seitenstraße zu. Eines war braun mit schwarzen Beinen, das andere schwarz mit braunen Beinen. Beide waren sie schwer bepackt, zumindest hatte es den Anschein, und beide kauten geräuschvoll, während sie abwechselnd die Mäuler in einen Eimer Hafer steckten.
Bis aufs Äußerste angespannt und zur selben Zeit benommen war sie mitten in der Nacht in ihre Verkleidung geschlüpft, während sie im Gedanken nochmal jeden Punkt ihres Plans durchgegangen war. Sobald sie die Lasttiere erreichte, hatte sich Daenerys eingeredet, würde der riskanteste Part hinter ihr liegen. Dass jedoch die eigentliche Herausforderung erst hinter den Mauern Meereens wartete, eine Aufgabe weit furchterregender, als Klingen schwingende Meuchelmörder, dieser Einsicht hatte sich Dany verwehren müssen, wenn sie überhaupt bis zu den Maultieren gelangen wollte. Nach jeder Lage Stoff, die sie mit Missandeis Hilfe überwarf, hatte Dany innegehalten, mit der Absicht wieder in die Sicherheit ihres Bettes zu fliehen. Was wäre, wenn sie dabei war einen furchtbaren Fehler zu begehen? Wie konnte sie sich sicher sein? Was, wenn sie nicht fähig war ihn zu schützen? Aber jedes mal, bevor sie sich mit bebenden Händen der Kleider entledigen konnte, übertönten die Fragen ihrer Berater ihre eigenen.
„Wie lange gedenkt ihr noch zu warten?"
„Auf was wartet ihr?"
„Was werdet ihr tun, wenn sie nicht zurückkehren?"
Wenn sie nicht zurückkehren, dann bin ich verloren, war die einzig wahre Antwort, welche Daenerys zu geben hatte, die jedoch niemand wollte. Aber weniger die an sie gerichteten Erwartungen und das Wissen, was sie ihrem Blut nach tun musste, als der Blick zum kalten, verlassenen Bett und der Gedanke an jenen, der ihr vorausgeeilt war, hatte Dany mit Mut und Zuversicht erfüllt.
Dankbar für den Trost, streichelte sie das struppige Fell des streng riechenden Tieres und klammerte sich an die Aussicht irgendwo in der kahlen Wildnis jenseits Meereens auf Jorah zu treffen.
„Sind die Wachen am Tor eingeweiht?", wollte Daenerys wissen, obwohl sie die Antwort bereits kannte, derweil sie es dem Unbefleckten gleichtat und den Strick ihres Maultiers zu lösen begann.
„Ja. Sie haben den Befehl uns unbehelligt passieren zu lassen."
Kein Stückchen rührte sich das fransige Seil, als sich Dany abmühte den offenbar zu fest gezurrten Knoten zu entwirren. Mit steigender Frustration versuchte sie die Schlinge auseinanderzudrücken, die sich wenig beeindruckt von ihrem Krafteinsatz zeigte. Wie lächerlich, ging es Daenerys durch den Kopf und spürte absurderweise Tränen der Wut in ihren Augenwinkeln, als einer ihrer hübsch zurecht gefeilten Fingernägel mit einem schmerzhaften Ziehen brach. Wenig interessiert an der kleinen Tragödie, trat Schwarzer Egel neben seine Königin und zog ohne sichtliche Anstrengung an einem augenscheinlich beliebigen Ende des Stricks, das dann sogleich vom Holzbalken fiel.
„Mir wurde versichert, dass dies fügsame Tiere sind. Ihr dürftet keine Probleme haben."
Natürlich nicht. Sie war an der Spitze eines Khalasars geritten und wusste mit Reittieren umzugehen. Dennoch kribbelten Danys Wangen beschämt, als ihr der Unbefleckte die Zügel in die Hand drückte. Dieses eine Mal begrüßte sie die emotionslosen Mienen der Unbefleckten, war sie sich doch sicher, dass Schwarzer Egel im Moment nur Mitleid oder gar Spott für sie übrig hatte. Und zurecht, tönte ihr eigener Hohn. Wie viel ist von der unerschrockenen Khaleesi noch übrig, nach Wochen der Tränen, des Jammerns und des Zitterns, nach Monaten der gesüßten Speisen, gepolsterten Stühle, seidigen Gewänder und weichen Pantoffeln? Bald schon wird sie darauf eine Antwort erhalten, ob sie nun bereit war oder nicht.
Wie versprochen trottete das schwarze Maultier brav neben Dany her, folgte ihr widerstandslos in die Menschenmenge und überholte sie gar, als sie abrupt anhielt. Wovon sie bislang nur gehört hatte, breitete sich vor den Stadttoren wie ein Teppich lebender Körper aus. Ganze Familien verließen Meereen, flohen vor Gräueltaten, die vor niemanden mehr Halt machten und blutgetränktes Chaos hinterließen. Sie flohen vor ihren Fehlern, vor ihrer Kurzsichtigkeit und wenn sie Ser Barristans Worte Wahrheit zugestand, dann flohen sie auch vor ihrem Stolz. Die Gelbe Stadt war das Ziel dieser Menschen, wie Daenerys wusste. Doch Yunkai war drei Wochen entfernt und das zu Pferd. Eine solche Reise war kräftezehrend genug, auch ohne Kinder, Alte und Kranke und der gesamten Habe auf Karren gespannt.
„Bleibt. Geht nicht.", hätte sie den Menschen am liebsten entgegen geschrien. Nur wollte ihr kein überzeugender Grund einfallen dies zu tun. Ebenso wie das Versprechen, dass sie Chaos und Blut ein für alle Male aus der Stadt vertreiben wird, leise in ihrem Kopf verhallte und selbst in der Einsamkeit ihres Geistes fühlte es sich nur wie ein verzweifelter Wunsch an.
Durch das einfache Holztor passten bequem zwei Ochsenkarren nebeneinander, dennoch stauten sich die Menschen. Unerkannt fügten sich der Krieger und die Königin in die Masse ein und rückten langsam vor. Jede ängstliche Miene, die gezwungen war einer unbestimmten Zukunft entgegenzusehen nahm in Daenerys' Augen einen anklagenden Ausdruck an. Nervös zupfte sie an ihrem Kopftuch und versuchte die irritierende Ungeduld beiseitezuschieben, die ihre Beine schwer werden ließ. Königin Daenerys Targaryen hätte man es nicht zugemutet zu warten. Allein ihr Erscheinen hätte die Menge geteilt. Ein empörter Schrei ertönte neben Dany, woraufhin sie schuldbewusst zu ihrem tierischen Begleiter blickte. War es anmaßend so zu denken, wenn sie doch nun einmal daran gewöhnt war, als Königin behandelt zu werden? Welche Bedeutung hatte Macht und Herrschaft, wenn sie ohne Blendwerk in sich zusammenfielen? Machte einzig Krone und kostbarer Stoff sie zur Königin? Der Gedanke gefiel Dany wenig, aber wie sollte es auch anders sein. Selbst ein so eigenwilliges Volk wie die Dothraki bedienten sich äußeren Zeichen der Macht, um Macht zu besitzen. Khal Drogos langes Haar als Zurschaustellung seiner Unbesiegbarkeit war da keine Ausnahme gewesen. Menschen glauben das, was ihre Augen berichten und im Moment sah man eine gewöhnliche Frau, die wie so viele andere der Stadt entfliehen wollte.
Gerade, als sich die Menschen nach kurzem Halt wieder in Bewegung setzten, wurde Dany unsanft angerempelt. Ein Junge von vielleicht zehn Jahren schlüpfte an ihr vorbei und drängelte sich vor das Maultier, das wenig Interesse an dem Geschehen bekundete. Daenerys hingegen verfolgte neugierig den kleinen Lockenkopf, der sich verdächtig nah hinter einem Mann in gelb blauer Tokar stellte. Gekonnt ließ der Junge ein Messer aus dem Ärmel in seine Hand rutschen und trennte, fast zu schnell um es zu verfolgen, den Münzbeutel von seinem Besitzer. Mit einem schelmischen Grinsen Richtung Daenerys verschwand der Beutelschneider im Gemenge und es vergingen einige Augenblicke, ehe Dany hastig nach dem Gürtel an ihrer Hüfte tastete. Erleichtert atmete sie auf, als sie alles dort vorfand, wo es zu sein hatte.
Wenige nur versuchten in die Stadt zu gelangen, trotzdem hallte jetzt lautstarke Empörung über die versammelten Köpfe und als Daenerys näher an das Stadttor heranrückte, entdeckte sie den Ursprung des Aufruhrs. Einer der wachhabenden Söldner stritt lebhaft mit einem auffällig farbenprächtig gekleideten Mann: „Das könnt ihr doch wohl nicht ernst meinen? Wer soll denn diese Viecher kaufen, frage ich euch? Die haben doch mehr Läuse, als Fell."
Schwarzweiße Äffchen rüttelten in vier Käfigen an zerbrechlich aussehenden Gitterstäben und beschwerten sich aufgebracht über ihre Lage, wobei sie immer genau den Moment abpassten, wenn der Söldner zu sprechen begann. Zuletzt hatte Dany solch putzige Tiere auf dem westlichen Markt in Vaes Dothrak gesehen und während sie, zusammen mit ihren Mägden, verzückt vor den Käfigen der lustigen Tiere stand, hatte Jorah ähnlich gesprochen wie der Söldner, erinnerte sich Daenerys.
Leidenschaftlich diskutierte der Händler nun über den Wert der Affen, brachte aber offenbar keine überzeugenden Argumente vor, da sich der kahlköpfige Zweitgeborene mit abgespannter Stimme an seinen Kameraden wandte: „Was macht man denn bitte mit diesem Viehzeug? Essen kann man die wohl kaum."
„Auf den Sommerinseln werden sie gebraten, habe ich gehört.", gab der andere Söldner zu Bedenken und riss eilig seinen Finger zurück, den er durch die Rohrstäbe eines Käfigs gesteckt hatte.
„Auf den Sommerinseln können Vögel sprechen und für Weiber ist es eine Ehrung, als Hure zu arbeiten. Also ich scheiß drauf, wo diese langschwänzigen Bastarde gegessen werden."
Unziemliche Flüche und aufgeregtes Affengekreisch trug der Wind auch dann noch an Daenerys' Ohr, als sie schon längst auf dem Rücken des Maultiers saß und schaukelnd zum Beginn eines steinigen Pfades getragen wurde. Vertieft in der hitzigen Auseinandersetzung mit dem Affenhändler, hatten die Zweitgeborenen keinen Blick an das ungleiche Paar verschwendet.
Eine Zeitlang teilten sie sich den Weg mit hoch bepackten Eseln, Zugpferden, wertvollen Milchziegen, klappernden Karren, schmächtigen Burschen, breitschultrigen Männern, weinenden Kindern und klagenden Greisen. Unmittelbar vor Dany saß eine Frau mit einem Säugling an der Brust auf einem mit Fässern beladenen Wagen und starrte sie aus tief liegenden Augen, in denen jegliche Hoffnung erloschen war, an. Nirgends waren freundliche oder zuversichtliche Mienen zu sehen. Verzweiflung, Ungewissheit, Mutlosigkeit und nur in einigen wenigen Gesichtern war Wut zu finden. Wie viele von ihnen werden wohl in der Gelben Stadt ankommen, fragte sich Daenerys, während sich Schuldgefühle wie eine eiserne Faust um ihre Kehle legten.
Doch während die Meereener die südliche Strecke nach Yunkai nahmen, schlugen Schwarzer Egel und die Drachenkönigin die nordöstliche Route ein. Dank Daenerys' unauffälliger Gewandung, den braunen Haaren und einem demütig gesenkten Haupt, hatte ihr niemand allzu große Beachtung geschenkt. Erst, als sie sich von der Gruppe trennten, folgten ungläubige und vor allem entsetzte Blicke. Eine alte, zahnlose Frau, deren Haare wie Daunen um ihren Kopf schwebten, als sie diesen missbilligend schüttelte, krächzte Dany unverständliche Worte hinterher, die jedoch kaum Zweifel daran ließen, was sie von ihrer gewählten Reiserichtung hielt.
„Wir hätten die Straße bereits vor einer Stunde verlassen sollen.", schätzte Schwarzer Egel, der, nun da sie außer Sicht neugieriger Augen waren, seinen Waffengurt freilegte, „Verzeiht, Königin Daenerys, aber ich fürchte für Rast ist keine Zeit. Es liegt immer noch eine beachtliche Strecke vor uns und wir sollten wenigstens die Hälfte zunichte machen, ehe die Sonne ihren höchsten Stand erreicht."
„Natürlich."
Dick und trocken fühlte sich Danys Zunge an, als sie die knappe Erwiderung formte. Schon war sie im Begriff den Unbefleckten um Wasser anzuhalten, da fiel ihr wieder ein, dass sie selbst eine Flasche am Gürtel trug. Trotzdem der Ritt auf dem Maultier erstaunlich bequem war, haderte Daenerys mit dem Gleichgewicht, als sie nach dem Wasser tastete und die Hufen unter ihr zur selben Zeit mit losem Gestein rangen, woraufhin Schwarzer Egel sie prüfend betrachtete. Seine dunklen Augen verweilten aber nur kurz. Irgendetwas hinter der Königin zog seinen Blick in die Ferne.
Sie war also noch in Sicht, vermutete Daenerys. Die Stadt, nach welcher sie sich nicht umgedreht hatte, seit sie durch deren Mauern geschlüpft waren. Obwohl der Wind nicht müde wurde sie voran zuschieben, zerrte zugleich ein unsichtbarer Sog an ihr, wollte sie verführen sich ein letztes Mal umzublicken, flüsterte, und rief nach ihr. Vielleicht war auch dies eine List der Harpyie, dachte Dany zornig und verstaute die Wasserflasche mit harschen Bewegungen. Würde sie sich dem zuwenden, was sie eben verlassen hatte, dem sie soeben entkommen war, würde sie Dinge fühlen, welche eine Herrscherin nicht fühlen sollte. Und womöglich wäre es gefährlich diesen Gefühlen nachzugeben. Gefährlich, und verführerisch einfach. Selbst nach diesen Gefühlen zu fragen erschien zu riskant. Was, wenn die Erleichterung zu groß wäre und die Freiheit zu laut tönte? Unüberhörbar laut. Nicht die Fragen, die Antworten sollte sie fürchten.
Zwei Stunden weiter nördlich wuchsen die sanften Hügel zu ansehnlichen Buckeln heran, welche Daenerys' schwarzes Maultier sicher und zuverlässig erklomm. Lediglich die sich von der blassen Erde kaum abhebenden Schlangen, die hier und da ihre Köpfe auf eingerollten Schwänzen ausruhten, brachten die Reittiere aus ihrer stoischen Ruhe. Doch je höher sie kamen, desto seltener wurde der Anblick der geschuppten Körper, die in Felsspalten oder unter stacheligen Sträuchern verschwanden, sobald sie das Beben der Hufen spürten. Die Sonne strahlte senkrecht auf sie hinab und doch war die Hitze hier weniger drückend. Die Luft roch nach trockener Erde, Sonne und einer Frische, welche die auflebenden Böen von weit her herantrugen. Längst hatte Dany das Kopftuch an einen der Sattelriemen festgebunden, und schloss nun mit windzerzaustem Haar zu Schwarzer Egel auf.
„Sollten wir nicht alsbald unser Ziel erreichen?"
Der spitze Haaransatz des Unbefleckten wurde von mehreren Falten unterstrichen, während dieser gleichförmige Felsen, vertrocknete Büsche und weiß blühende Kriechpflanzen musterte. Vergebens suchte Daenerys nach Auffälligkeiten, die diesen Ort von der hinter ihr liegenden Landschaft unterschied, konnte aber im Gegensatz zu ihrem Gefährten nichts dergleichen entdecken.
„Seht ihr die flache Felsformation, Königin Daenerys?", fragte Schwarzer Egel und deutete zu einem Hügelkamm, „Dahinter liegt unser Ziel."
Eben noch hatte sie sich das Ende dieser ersten Etappe herbeigesehnt. Aber jetzt, da es ihr abrupt vor die Nase gesetzt wurde, befiel Dany das unerklärliche Verlangen weiterhin ziellos über Anhöhen und durch Täler zu reiten. Denn hinter dem Hügelkamm, welchen Dany mit verkniffenen Augen betrachtete, war nicht nur ihr Ziel zu finden, wie Schwarzer Egel unnötigerweise erwähnte: „Jorah der Andale wird unsere Ankunft schon erwarten."
Das wird er mit Sicherheit, dachte Daenerys und biss sich beim Gedanken an einen vor Sorge auf und ab tigernden Jorah in die Innenseite ihrer Wange. Aber nein, ihr Bär würde wohl eher regungslos vor sich hin brüten.
„Dann sollten wir ihn nicht länger warten lassen."
Abseits der Wege bewies das Maultier abermals seine Geschicklichkeit und als spürte es die drängelnde Aufregung seiner Reiterin, ließ es seinen Artgenossen kurzerhand hinter sich zurück. Es war nicht mit dem Hochgefühl eines stürmischen Ritts auf ihrer Silbernen zu vergleichen, doch zum ersten Mal seit die Stadt hinter ihr lag, ließ Daenerys die überwältigende Erleichterung zu. Als hätte sie wochenlang nur abgestandene Luft geatmet und nun strömte endlich eine prickelnde Helligkeit in ihre Lungen, die sich mit der Vorfreude Jorah wiederzusehen vermischte und es ihr leicht machte zu glauben, dass die Gräueltaten der Harpyie nur ein böser Traum gewesen waren, dass sie die vor ihr liegende Herausforderung spielend meistern wird, dass sie nichts mehr aufhalten kann. Selbst die Schwere der Erde unter ihr schien an Bedeutung zu verlieren.
Auf der Anhöhe angekommen, rutschte Dany gekonnt vom Sattel, zuckte aber augenblicklich zusammen. Nach der langen Ruhepause protestierten die aufgescheuerten Hacken mit unerwarteter Heftigkeit, und nicht nur diese. Jeder Muskel, der sie während des Ritts über größtenteils unebenes Gelände auf dem Rücken des Maultiers gehalten hatte, begehrte auf. Fest entschlossen weder Füßen, noch Rücken Beachtung zu schenken, setzte sich Daenerys mit steifen Gliedern in Bewegung.
Leeres Ödland, dessen Boden durch die Sonne hart wie Ziegel geworden war, hatte sie den halben Tag lang umgeben, lediglich mit vereinzelten verkümmerten Bäumen bestückt, sodass sich Dany schon gefragt hatte, ob sie überhaupt in die richtige Richtung ritten. Zwar war die Erde der weitläufigen Ebene, die sich nun vor Daenerys ausbreitete ebenso von netzförmigen Rissen durchzogen, aber ganz in der Nähe sammelten sich mehrere Feigenbäume zu einem kleinen Hain, unter dem sich sichtbar mehr Grün in das ausgeblichene Gelb mischte.
Hektisches Hufgetrappel trug Schwarzer Egel an Daenerys' Seite, um dann wie erwartet auf die kleine Baumgruppe zuzuhalten, welche beim Näherkommen sogar einen schlammigen Pfuhl offenbarte. Versonnen betrachtete Daenerys die schattige Oase und es dauerte eine Weile, ehe sie den Fehler des idyllischen Bildes ausmachte. Auf der Suche nach ihrer Stute flog ihr Blick rasch über den Rand des Teiches und durch das umliegende Wäldchen, aber weder ein weißes, noch ein schwarzes Pferd war zu sehen.
„Er ist nicht hier.", sprach Dany das Offensichtliche aus, als sie unter die Äste trat, wobei ihr sonst so selbstbewusst gesprochenes Valyrisch von Furcht verwässert wurde, „Aus welcher Richtung wird er kommen?"
„Westen.", erwiderte der Unbefleckte, führte die Maultiere zum Teich und band sie an einer mächtigen, geschwungenen Wurzel fest, „Aber ihr solltet euch jetzt Ruhe gönnen. Es liegt noch ein anstrengender Weg vor euch."
Wohl wahr, aber diesen Weg wird sie nicht ohne Jorah antreten. Was kann ihn aufgehalten haben? Er ist lange vor ihr aufgebrochen und sollte demnach auch lange vor ihr am festgelegten Treffpunkt sein. Zudem waren sie ohnehin nicht rechtzeitig erschienen. Wo bleibt er?
„Ser Jorah sollte vor uns hier eintreffen, nicht wahr?"
Der zittrige Klang in ihrer Stimme war Daenerys gleichgültig. Schwarzer Egel war niemand, dem vorgetäuschte Stärke beeindruckte, noch hatte er für derlei Verwendung. Außerdem hatte sie während ihrer morgendlichen Flucht durch Meereen lang genug Angst für Mut ausgegeben und jetzt stand ihr ein wenig Furcht durchaus zu, befand Daenerys, den beschwichtigenden Worten des Unbefleckten zum Trotz.
„Um keinen Verdacht auf sich zu lenken oder mögliche Verfolger abzuschütteln war der Weg des Ritters fast doppelt so lang, wie der unsrige, Königin Daenerys. Vielleicht wurde er wie wir von der Vielzahl an Fliehenden aufgehalten."
„Der Mond stand noch hoch am Himmel, als er aufbrach, und die Menschen, welche uns zurückgehalten haben, waren Familien, die wohl kaum Mitten in der Nacht eine solch gefährliche Reise antreten würden. Die Straßen sollten leer gewesen sein..."
Ja, so leer wie in jeder Nacht. Einzig erfüllt von Schatten und Gold.
Derartiges zu denken war wenig ratsam, doch die Schreckensbilder kamen trotzdem, wie auch Daenerys' Gedanken ohne ihr Zutun zum Unaussprechlichen strebten, von dessen Grausamkeit sie sich nicht abzuwenden vermochte.
„Schwarzer Egel, reite ihm entgegen.", befahl die Königin, entschlossen gegen die Gaukeleien ihres Verstandes anzukämpfen.
„Ich werde euch nicht alleine zurücklassen, Königin Daenerys."
„Dann werde ich euch begleiten."
„Nein.", entschied der Unbefleckte und gab zu Verstehen, dass er weder das eine, noch das andere zu tun gedachte.
Erzürnt ballte Dany die Hände zu Fäusten und ging auf den unbeugsam wirkenden Mann zu: „Ich werde hier nicht tatenlos ausharren mit dem Wissen, dass Ser Jorah womöglich ... auf Hilfe angewiesen ist."
Eindringlich musterte Schwarzer Egel Daenerys und schien ihre Worte sorgfältig abzuwägen, nur um dann mit der resoluten Stimme des Mannes, dem sie durch die Straßen Meereens gefolgt war, zu verkünden: „Ich habe gelobt euch unbeschadet hierher zu geleiten und eure Sicherheit in die Hände des Ritters zu legen. ... Es tut mir leid, Königin Daenerys, aber wir werden hier warten."
Daenerys nahm einen tiefen Atemzug und beließ die Luft in ihren Lungen. War es Wut über den ihr entgegengebrachten Widerwillen, die nun heiß durch ihr Blut wallte? Enttäuschung? Verletzter Stolz? Oder die Einsicht, dass ihr Wort, ihr Befehl, momentan keinerlei Macht besaß? So sehr sie es auch wollte, sie konnte den Unbefleckten nicht dazu zwingen nach Jorah zu suchen und ebenso wenig konnte sie hoffen dem sorgsamen Schutz ihrer Wache zu entkommen. Zugleich musste Dany aber zugeben, dass die Vorstellung Jorah alleine anzutreffen und ihm diesen Umstand zu erklären wenig verlockend erschien. Fürs Erste war es wohl das Beste abzuwarten. In wenigen Stunden mochte sich Schwarzer Egels Meinung zu ihrem Ansinnen womöglich geändert haben. Wortlos ließ Daenerys den Unbefleckten stehen, stolzierte zum westlichen Rand des lichtdurchfluteten Hains und atmete erst aus, als sie außer Hörweite war. Wo man auch hinsah krochen armdicke Wurzeln wie Schlangen aus der Erde und bogen sich in skurrilen Formen durch die Luft. Unfähig auf einer dieser hölzernen Windungen Platz zu nehmen, war es nun an Daenerys rastlos und mit wandernden Gedanken zwischen Feigenbäumen umherzueilen.
Mittlerweile überlagerten sich ihre Stiefelabdrücke zu Hunderten im Sand und auch die Schatten der Bäume hatten sich inzwischen weiter gen Osten gedreht. Neu entflammt pulsierte der Schmerz durch ihre Fersen. Die abgeriebene Haut auf ihren Zehen warf Blasen. Ein einzelner Schweißtropfen rann ihren Steiß hinab und versickerte im groben Nessel ihres Gewands. Verstohlen schielte Dany zu dem Wache stehenden Unbefleckten und spielte kurz mit dem Gedanken sich des schützenden Leders zu entledigen. Stattdessen gab sie ihren eigenen Wachposten auf und ließ sich in den Schoß eines dicken Baumes sinken. Umringt von ineinander verschlungenen Wurzeln, auf denen pechschwarze Ameisen in strenger Ordnung entlang marschierten, zog sie sich vorsichtig die Stiefel von den wunden Füßen. Verschmierte Blutspuren. Feucht schimmernde Haut. Schwarzrot verkrusteter Schorf. Auf den ersten Blick sah es schlimm aus. Nachdem Daenerys aber die Wunden mit klarem Wasser aus ihrer Trinkflasche gereinigt hatte, blieben nur noch grashalmbreite Abschürfungen zurück. Stöhnend streckte Dany die Beine aus, spürte den warmen Sand unter den Fußsohlen, ließ den Kopf gegen die warme Rinde sinken und suchte die unverändert vor ihr liegende Ebene nach einem Reiter ab, der nicht kam.
„Königin Daenerys.", brach Schwarzer Egels Stimme in Daenerys' konzentriertes Starren, „Ihr solltet etwas essen."
Hunger verspürte sie keinen, geschweige denn Appetit, dennoch nahm sie das in Leinen gewickelte Fladenbrot entgegen und bedankte sich mit einem Nicken. Das letzte anständige Mahl war das gestrige Abendessen gewesen. Heute Morgen hatte die frühe Stunde den Gedanken an Nahrung nicht zugelassen, oder vielmehr hatte der harte Knoten, zu dem ihr Inneres geworden war, dagegen aufbegehrt. Würde Jorah bei ihr sein, würde er vermutlich darauf bestehen, dass sie etwas zu sich nahm. Nur zu gut konnte sie sich die hochgezogenen Brauen des Ritters vorstellen und vielleicht würde ihr auch jener amüsierte Ausdruck, den er von Zeit zu Zeit hinter einer bedenklichen Miene verbarg, zuteilwerden. Wenn er nur bei ihr wäre... Lustlos zupfte Dany ein Stückchen Brot ab und kaute gleichermaßen lustlos auf dem salzigen Teig umher. … Was würde sie jetzt für einen tadelnden Blick aus blauen Augen geben.
Aufgerieben, entkräftet und niedergeschlagen hatten die dahingegangenen Wochen sie zurückgelassen, tiefe Wunden in ihre Autorität, ihre Herrschaft und ihr Vertrauen geschlagen. Die Kämpfe in den Straßen bewirkten nichts, angedrohte Strafen wurden ignoriert und für mögliche Verhandlungen fehlte die Gegenseite. Das Volk schwieg aus Angst, aus Loyalität oder aufgrund des Hasses, den es empfand. Und auch sie hatte es nicht mehr in ihrer Kraft gefunden dieser Verachtung einzig durch bloßes Ausharren die Stirn zu bieten. Der Verdruss über die Beleidigung ihrer Herrschaft war nicht mehr zu ertragen gewesen und hatte sie verhöhnt.
Sie werden dafür büßen. Sie werden ihre gerechte Strafe erhalten. Sie werden ihre Masken nie wieder absetzten, wenn sich das geschmolzene Gold erst in ihre Gesichter frisst.
Derlei Drohungen kreisten neuerdings ständig durch ihren Kopf, aber wie sollte sie diese wahr werden lassen, und wollte sie das überhaupt? Wollte sie die Wunden der Stadt und das Leid der Unschuldigen rächen, wenn sie noch nicht einmal ihre eigenen Wunden gerächt hatte? So viel hatte sie vor nicht allzu langer Zeit gefürchtet. Ihre Macht. Ihr Erbe. Seine Liebe. Ihre Liebe. Die Dunkelheit. … Doch die Dunkelheit war nicht mehr schwarz. Ein bedrohliches Glimmen hatte sich in die Schatten gemischt.
Nachdenklich fuhr sich Daenerys durchs Haar und löste den locker sitzenden Knoten. Vielleicht war der Preis am Ende zu hoch und sie bezahlte zu viel für etwas, was sie so nie eingefordert hatte. Insbesondere wenn sie sich eingestand, dass der Harpyienkonflikt nicht all ihr Sein bestimmte. Und das hätte er müssen. Wäre sie die überlegende Königin für die sie sich halten wollte, würde sie ihr Herz von allem anderen frei machen. Jeden Tag stritten sich die Königin und ihr Berater, und jede Nacht versöhnten sich Jorah und Daenerys. Doch es war nicht genug und irgendwie konnte sie nicht sagen, ob es die Tage oder die Nächte waren, die ihr zu wenig gaben.
Dany schloss die Augen und die Sonne auf ihrer Haut wurde zum Geist Jorahs Berührungen der letzten Nacht. Das Wispern der Blätter über ihr wurde zu seinem Versprechen unbeschadet zu ihr zurückzukehren, heiser gegen ihren Hals geatmet. Fast spürte sie, wie der Bass seiner Stimme durch ihren Körper bebte. Hinter ihren geschlossenen Lidern verbarg sich jedoch nicht nur sein Zuspruch und seine Zärtlichkeit. Ungebeten und in den unpassendsten Momenten sprang ihr seine von Entsetzten durchmischte Fassungslosigkeit in den Sinn. Nie wieder sollte er sie auf diese Weise ansehen. Nie wieder. Dabei hatte sich dieses Bild schon längst unauslöschlich in ihren Verstand gebrannt und ließ sie bei jedem Zusammentreffen nach jenem grausamen Funken Enttäuschung suchen, den sie sich auf dem schummrigen Balkon hoffentlich nur eingebildet hatte. Doch das verstört dreinblickende Mädchen, das verschüttete Gift zu ihren Füßen und die goldene Maske in seinen Händen waren auch keine Einbildung gewesen. Warum sollte es mit seinen Gefühlen dann anders sein?
Sie war sich durchaus bewusst gewesen, dass der Frieden in Meereen lediglich eine Farce gewesen war, die auch sie bereitwillig mitgespielt hatte und die irgendwann ihr unweigerliches Ende finden musste. Aber dies waren die Sorgen der Königin gewesen. Dany hatte die Ruhe einfach genossen, hatte willentlich verdrängt, dass es nicht von Dauer war, hatte sich im Traum ihrer Liebe verloren. Für eine kurze Zeit hatte sie sich gestattet etwas zu leben, was für sie nie wahr sein konnte. Doch für den Moment hatte es sich echt genug angefühlt. Allerdings musste auch dieser Traum sein Ende finden. In den letzten Wochen war Jorah wieder mehr zu ihrem Ratgeber geworden. Das musste er. Und trotzdem Dany wusste, dass eben dies die Wahrheit ihrer Liebe ist, und immer sein wird, haderte sie damit dies zu akzeptieren. Es erneut zu akzeptieren. Denn akzeptiert hast du es längst, genau in dem Augenblick, als du vor so vielen Monden die Tür zu seinem Quartier geöffnet hast, musste Daenerys einräumen und dachte daran, wie närrisch sie sich vorgekommen war, als sie frierend, nur in ihren Nachtgewändern gekleidet, auf dem zugigen Gang gestanden hatte. Atemlos war sie damals durch die Pyramidenkorridore gestürmt und erstarrt, als sie an ihrem Ziel angekommen war. Nach schier unendlich langem Zögern hatte sie all ihren Mut zusammengenommen, nur um festzustellen, dass das Zimmer leer war. Oft erinnerte sie sich an diese Nacht zurück. Natürlich. Aber gelegentlich musste sie auch an diese Leere denken, die ihr einst alle Kraft geraubt hatte. Getrieben vom Grauen ihrer Träume hatte sie nur gewollt, dass ein schlagendes Herz und ein warmer Körper sie von der Verlogenheit der Nacht überzeugte. Doch es war das Grauen, das durch die verlassene Unterkunft an Überzeugung gewonnen hatte, und manchmal fragte sie sich, ob es Königin Daenerys irgendwann ebenso ergehen wird, dass am Ende nichts auf sie wartet.
Mühsam drückte sich Daenerys von ihrem Thron aus Wurzeln hoch und tapste barfuß zu den Maultieren, um das übrige Fladenbrot zu verstauen. In den Zweigen über ihr beklagte ein Vogel die ihm aufgezwungene Gesellschaft und neben ihren achtsam platzierten Schritten huschten ungesehene Tierchen durchs Unterholz. Würde Jorah nicht bald erscheinen, müssten sie die Nacht hier verbringen, oder sich damit abfinden in die Dämmerung zu reiten. Bis jetzt standen ihnen noch genügend Tagstunden zur Verfügung, schätzte Dany und spähte durch das Blätterdach zur Sonne. Sie kannte alle Einzelheiten ihrer Reise. Jede Station und was sie erwartet hatte sie sich eingeprägt. Sie wusste, dass der Weg, den sie zusammen mit Schwarzer Egel am Vormittag genommen hatte ein aufgegebener Viehtriebpfad und nicht in Karten verzeichnet war, dass die Entfernung zwischen dem kleinen Hain und der nächsten geplanten Rast an die fünf Stunden betrug, eher sechs, wenn man die bereits zurückgelegte Strecke der Pferde bedachte, und dass sie solange gen Norden reiten werden, bis der Skazadhban sie in die Berge führt. Dieses Wissen gab ihr Sicherheit und das Gefühl von Kontrolle. Etwas, was bei ihrer ersten Reise quer über den Kontinent gänzlich gefehlt hatte.
Tausende sind mit ihr gereist, als sie nicht mehr, als Khal Drogos Khaleesi gewesen war. Ihre Kos, die für ihren Schutz gesorgt hatten. Ihre Mägde, die für ihre Kleidung, ihre Bäder, ihr Wohlbefinden verantwortlich gewesen waren. Die Sklaven des Khalasars, die sich um Verpflegung, den Aufbau der Zelte und so vieles mehr gekümmert hatten. Dieses Mal würde es nur sie und Jorah geben, und obwohl diese Vorstellung eine freudige Wärme in ihr wachrief, brachte sie sogleich eine alberne Nervosität mit sich. Doch das war mehr als unwichtig, und wenn Jorah erst bei ihr war, würde jedes ängstliche Kribbeln verfliegen. Das musste es. Das wird es. Wenn er erst bei ihr war...
„Ich schaffe das nicht alleine.", wisperte Daenerys den Bäumen zu.
Die Antwort gab ihr allerdings ein verirrter Schwarzschnäpper, der sich mit einem grellen Flötenton Gehör verschaffte und vor Daenerys durch vertrocknete Blätter hüpfte, die wie Glas unter ihren Füßen zerbrachen.
„Schwarzer Egel wurde in alles eingewiesen. Er wird die Reise mit dir fortsetzen, falls … es erforderlich sein sollte."
„Das ist unnötig, denn du wirst da sein."
„Du weißt ebenso gut wie ich, dass dies nicht gewiss ist und- "
„Ich will es aber nicht hören."
„... Daenerys, es ist einfach zu wichtig, als dass du dich durch ... als dass du dich von irgendetwas aufhalten lässt, ganz gleich was es ist und irgendwann wi- "
„Nein. Hör auf mir zu sagen, dass du nicht da sein wirst und was ich dann zu tun habe."
Mit federnden Sprüngen gab der zartgliedrige Vogel den Weg vor und Dany folgte. Oder trieb sie ihn vielmehr vor sich her? Schwarzschnäpper bevölkerten Meereen zuhauf und bisher hatte sie diese auch nur dort angetroffen. Flink sprangen die schwarzen Krallen von einer Wurzel zur nächsten, standen aber jedes Mal still, wenn Daenerys zu weit entfernt war. Aber das ist doch unsinnig, empörte sie sich, es ist nur ein dummer Vogel und der wartet bestimmt nicht auf mich. Auf einmal missfiel ihr der Anblick des Tiers, das jederzeit seine Flügel benutzen und über die umliegenden Berge hinwegfliegen könnte, aber stattdessen auf dem Boden verweilte.
„Du gehörst nicht hierher. Flieg zurück.", verlangte Dany verärgert, wandte sich vom Schwarzschnäpper ab und durchlebte erneut den Abschied, der gleichsam keiner gewesen war.
„Wage es nicht ein Lebewohl an mich zu richten. Für ein solches besteht keinerlei Anlass. Wir sehen uns in wenigen Stunden wieder."
„Ist das ein Befehl, Khaleesi?"
„Kein Befehl, eine schlichte Tatsache."
...
Seit seiner Verbannung... Seit seiner Rückkehr, berichtigte sich Daenerys, war Jorah stets in ihrer Nähe gewesen. Ein Befehl hatte genügt und ganz gleich wo er sich aufhielt, kam er zu ihr. Heute wäre jedoch jeder Befehl vergebens. Heute war er so unerreichbar wie er es einst gewesen war, als sie verstört in einer Ecke seines Quartiers gekauert hatte. Nur mit dem Unterschied, dass sie heute wusste auf was sie wartet, und das war eine weitaus größere Qual.
„Königin Daenerys. ... Jorah der Andale."
In einem Wust schwarzblauer Federn erhob sich der Schwarzschnäpper in die Lüfte, als Dany herumwirbelte und zum Rand der Baumgruppe eilte. Der Reiter war noch nicht mehr als ein daumennagelgroßer Punkt in der Ferne, dem ein weißer Schemen folgte. Nichtsdestotrotz nistete sich die Erleichterung auf Danys Gesicht ein und nahm die Last von ihr, die erst jetzt, da sie verschwand, ihre vollendete Schwere zeigte. Wenige Stunden nur hatte sie gewartet, womöglich nicht mehr, als einen tränennassen Wimpernschlag oder einen aufgeregten Herzschlag lang, und doch hatte sich die Zeit des Wartens zu einer Ewigkeit ausgedehnt.
Als Daenerys die Schnallen seines Umhang ausmachen konnte, suchten ihre unstet hin und her schnellenden Augen nach Verletzungen, dem Grund für sein Zuspätkommen. Glücklicherweise fand sie nichts derartiges und auch seine Bewegungen, als er sich aus dem Sattel schwang, offenbarten nichts.
Kaum kehrte Ser Jorah Mormont seinem schwarzen Hengst den Rücken zu, fand sich Daenerys Targaryen auch schon in seinen Armen wieder und spürte das altbekannte, törichte Brennen in den Augenwinkeln, woraufhin sie ihr Gesicht nur noch tiefer in die grobe Wolle, die seine Brust bedeckte, drückte. Gleichermaßen dringlich presste auch er sie an sich und machte selbst nach geraumer Zeit keine Anstalten ihr Wiedersehen zu beenden.
„Ich habe dich warten lassen. Verzeih."
Kalte Finger schoben mattbraunes Haar aus ihrem Gesicht und als Daenerys seine vor Anspannung harten Rückenmuskeln spürte, endete ihre Umarmung abrupt. Eine ihrer trügerischen Strähnen in der Hand haltend, betrachtete Jorah wehmütig das vom Braun verdeckte Silber.
„Konntet ihr die Stadt ohne Zwischenfälle verlassen?"
„Ja. Wir sind nur nicht so schnell vorangekommen wie erhofft.", gestand Dany und forschte in seinen Augen nach einer Erklärung für das eigenartige Gefühl, das sich ihrer bemächtigte. Irgendetwas stimmte nicht. Irgendetwas, das über Erschöpfung und Sorge hinausging.
„Aber wodurch wurdest du aufgehalten?"
Für einen Moment sah Jorah zu Schwarzer Egel, der soeben Daenerys' Pferd von Jorahs Sattel losband und zum modrigen Pfuhl inmitten des Hains führte. Zögerlich und mit Bedacht antwortete der Ritter: „Auch ich bin nicht wie geplant vorangekommen..."
Zuweilen übermittelte Jorah Neuigkeiten unumwunden, ganz direkt. Zu anderen Gelegenheiten wiederum, schien er jede Silbe zu prüfen, und es fühlte sich für Dany so an, als wären die letzten Monate nie geschehen. Dann sah sie nur eines in dem Antlitz des Mannes, der ihr so viel bedeutete. Angst. Angst davor ihr zu viel zuzumuten. Angst davor sie wieder in die Dunkelheit zu treiben. Vielleicht auch Angst davor sie endgültig an diese zu verlieren. Bisher war es ihr nicht gelungen zu verstehen was es war, das ihn einmal ohne Bedenken sprechen und ein anderes Mal zaudern ließ. Die Mitteilungen unterschieden sich in ihrem Wesen, vor allem in jüngster Zeit, kaum voneinander. Woran machte er also seine Entscheidung wie er ihr unangenehme Nachrichten beibrachte fest? Womöglich reagierte Jorah nur auf das, was sie ausstrahlte oder auf das, was er sah, grübelte Dany, bemüht sich so entspannt wie möglich zu geben.
„Es hat einen Angriff gegeben.", sagte der Ritter vorsichtig, um dann hastig hinzuzufügen, „Doch als ich hinzukam, war es schon vorüber. ... Die Folgen des Angriffs haben meinen Aufbruch verzögert."
„Lediglich die Folgen?", forschte Daenerys skeptisch nach, und hob ihre Hand zu Jorahs Gesicht, als er unerwartet schroff erklärte: „Ich bin unverletzt."
Verblüfft über seine heftige Reaktion weiteten sich Danys Augen und konnten den Ausdruck auf seinem Gesicht nicht mit seinen Worten in Einklang bringen. Irgendetwas stimmte nicht.
„Und die Tatsache, dass du wohlauf bist, ruft dein Missfallen hervor?"
„Natürlich nicht, Daenerys.", seufzte Jorah reumütig, als er erkannte wie seine Erwiderung aufgefasst wurde.
Obwohl seine Beteuerung in ihren Ohren eigenartigerweise wenige überzeugend klang, verbannte Dany den Argwohn aus ihrer Miene und strengte ein dünnes Lächeln an.
„Sorge dich nicht. Mir geht es gut. ... Es war einfach ein langer Ritt."
Ja, dieser Tag, der erst zur Hälfte hinter ihnen lag, war in der Tat äußerst kräftezehrend. Und war sie es nicht gewesen, die eben noch beim Anblick eines unbedeutenden Vogels plötzlich grundlos übertriebene Frustration verspürt hatte? Die Erschwernisse der zurückliegenden Stunden sind nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Warum sollte der Ritter eine Ausnahme darstellen, fragte sich die Königin, nickte ihm zum Zeichen ihres Verständnisses zu und stellte pflichtbewusst jene Frage, der sie inzwischen mehr als überdrüssig war, und von der sie insgeheim gehofft hatte sie allzu bald nicht mehr stellen zu müssen: „Wie viele haben diesmal ihr Leben gelassen?"
Der schwarze Hengst wollte sich nicht mehr länger mit der Ungerechtigkeit abfinden, dass ihm Wasser verwehrt wurde, während die Silberne dies längst genoss und tänzelte unruhig umher, sodass sein Reiter die Zügel ergriff und Richtung Bäume ging.
„Ich kann dir keine Zahl nennen. Doch sei gewiss, es sind auch Harpyien gefallen."
Seine Stimme war dunkel vor Groll und Daenerys sah wie sich sein Kiefer anspannte, als er die Zähne fest aufeinander presste. Mit großer Mühe versuchte sie aus der Spannung um seine Augen die Müdigkeit und Abgeschlagenheit herauszulesen, von welcher er gesprochen hatte. Aber es wollte ihr einfach nicht gelingen. Vor allem nicht mit dieser für ihn untypischen Bemerkung. Jorah war niemand, der sich mit solch grimmiger Genugtuung an einzelne Verluste des Feindes ergötzte. Nicht, wenn sie Männer aus ihren eigenen Reihen verloren hatten. Was brachte auch das Zählen der Toten, wenn am Ende doch nur Furcht, Misstrauen, Verachtung und Schmerz stand?
Irgendetwas stimmte nicht.
„Na, meine Schöne. Du kannst mir auch nicht verraten was er verbirgt, hmm?", flüsterte Daenerys der weißen Stute zu und streichelte über ihren seidigen Hals, während sie verstohlen Jorah und Schwarzer Egel beobachtete, die sich unweit des Teichs austauschten.
Danys Füße steckten wieder in den unsäglichen Stiefeln, jedoch kühlte jetzt eine mintgrüne Paste ihre Wunden, die von einer dünnen Lage Leinen bedeckt waren. Neben der wohltuenden Salbe, hatte sie auch den herbeigesehnten tadelnden Blick aus blauen Augen erhalten, nachdem Jorah ihrer nackten Füße gewahr wurde. Als dann das kleine hölzerne Kästchen mit dem herb riechenden Inhalt zum Vorschein kam, hatte sie kurz gefürchtet es wäre jene grässliche Salbe, welche man ihr einst auf den Unterarm geschmiert hatte. Die Bilder jener Nacht waren verschwommen und von Nebel umhüllt, doch nicht so der unerträgliche Schmerz, hervorgerufen durch die Heilsalbe, welche ihr letzten Endes doch noch das Gefühl von Feuer auf der Haut gelehrt hatte.
Wie schon die Maultiere, waren auch die beiden Pferde schwer beladen. Zusammengerollte Schlafmatten, Taschen und Bündel mit Proviant lagerten hinter den Sätteln. Ohne die beiden Männer aus den Augen zu lassen, raffte Daenerys den Stoff ihres Gewandes, holte den verborgenen Dolch hervor und ließ ihn flugs in einer der Satteltaschen, unter einem Knäuel Kleidung verschwinden.
„Ist alles so wie du es angeordnet hast oder fehlt etwas?"
Ertappt zuckte Dany zusammen, lächelte Jorah aber über den Rücken des Pferdes hinweg an und schloss unbemerkt die Schnallen der Tasche.
„Nein. Es ist alles da.", erklärte Daenerys mit einem scheelen Blick auf die zusammengerollte Peitsche, die unter einer der Tragetaschen hervorlugte, „Und selbst wenn etwas fehlen würde, jetzt ist es ohnehin zu spät."
Nicht wahr, mein Bär, setzte sie im Stillen hinzu. Jetzt ist es ohnehin zu spät.
„Dann sollten wir aufbrechen. Die Sonne steht noch hoch genug, um vor der Dämmerung die geplante Strecke zu schaffen."
Sorgfältig verschnürte Jorah eine ansehnlichen Ansammlung trockener Zweige und kleiner Ästchen hinter seinem Sattel, und begann nochmal alle übrigen Halterungen zu überprüfen. Ihn nachahmend ruckelte auch Dany an Riemen, Seilen und Schnallen, bestrebt sich von dem nervösen Flattern abzulenken, das mit dem nun nicht mehr zu unterdrückenden Gedanken an den Grund dieser Reise anwuchs.
War das hier ein Fehler? Tat sie das Richtige? Sie musste das nicht tun. Niemand zwang sie dazu. Sie könnte den Weg, welchen sie gekommen war, wieder zurückreiten. ... Könnte sie? ... Könnte sie? … Könnte sie?...
„Lass los.", streiften sanft gesprochene Worte ihr Ohr. Lange Finger schoben sich zwischen ihre, die verkrampft an einem ledernen Riemen klammerten.
Sie lag nur da, die Hand, die nicht ihr gehörte, bewegungslos auf ihrer, weder zwang sie sie dazu loszulassen, noch drückte sie sie mit ihrer Präsenz nieder. Sie war einfach nur da. Daenerys wiederum wollte ihren schmerzlich festen Griff lösen, doch es war ihr kaum möglich den Blick von der Berührung abzuwenden.
Könnte sie? … Könnte sie? … Könnte sie loslassen?...
„Bin ich schwach, weil ich Meereen verlassen haben oder wäre zu bleiben schwach und feige gewesen? Ich … ich bin mir nicht mehr sicher.", hörte sie sich plötzlich mit dünner Stimme fragen.
„Ich weiß es nicht. ... Es war Stärke vonnöten so lange zu bleiben, trotz all der Gegenwehr. Doch was du nun zu tun gedenkst erfordert eine gänzlich andere Art von Stärke."
Daenerys gab stockend den Lederriemen frei und sah verunsichert zu Jorah auf, nicht sicher was sie aus seiner Antwort machen sollte. War es Stärke? Oder war es vielmehr Einfältigkeit? Wenn sie ihn jetzt anblickte und sich bewusst machte wohin sie unterwegs waren, gab es nur eine Antwort. Sie war eine Närrin, ob nun stark oder schwach. Ihn bei sich zu haben war ihre Schwäche, für die sie dieses eine Mal stark sein musste. Dieses Mal musste sie vorangehen. …. Dieses Mal war sie es, die ihn beschützen musste. Sie allein.
Könnte sie? ... Könnte sie? ... Könnte sie Jorah beschützen, wenn der Zeitpunkt da ist?...
„Du hast eine Entscheidung getroffen, Daenerys und das fällt nie leicht. ... Jetzt zurückzublicken ist unnütz, und gefährlich. Konzentriere dich auf das, was kommt.", ergänzte Jorah und vertrieb die restlichen Schwaden ihrer Benommenheit.
Aber es waren nicht seine Worte, die Worte ihres Beraters, die er schon so oft an sie gerichtet hatte, es war eher der Unterton darin, welcher Dany glauben ließ, dass er mehr zu sich selbst, als zu ihr gesprochen hatte, der sie wieder vollends in den kleinen Hain zurückholte und ihre eigene Unsicherheit für den Moment blasser werden ließ. Was stimmt nur nicht, fragte sie sich zum wiederholten Male, pflichtete ihm aber in einem resignierenden Ton bei: „Ja, vermutlich hast du recht."
Mit einer einzigen Bewegung schritt Jorah auf sie zu, umfasste behutsam ihren Kopf, als sei sie aus feinstem Porzellan, und küsste sie mit unerträglicher Vorsicht auf die Stirn. Seinen Kuss, wenn es denn überhaupt einer war, spürte sie kaum. Vielleicht waren es aber auch gar nicht seine Lippen und das was auf ihre Haut traf war lediglich sein warmer Atem, als er seufzte: „Wir sollten reiten."
Bevor sich der Ritter jedoch von ihr losmachen konnte, stellte sich Daenerys auf die Zehenspitzen, schob ihre Finger über seinen Nacken in die feinen Haarspitzen und küsste ihn in der Hoffnung, dass dieser Kuss über jegliche Zweifel erhaben war. Jorah schmeckte nach dem Apfel, welchen er zuvor viel zu hastig hinuntergeschlungen hatte, und irgendwie schmeckte er auch nach Traurigkeit. Zu gerne hätte Dany den Augenblick am vergehen gehindert. Doch dies lag nicht in ihrer Macht, ebenso wenig wie sie sich momentan mit ihrem unguten Gefühl Jorah betreffend auseinandersetzen konnte. Sie haben schon zu viel Zeit verstreichen lassen.
„Jetzt können wir reiten."
Der Abschied von Schwarzer Egel war kurz und emotionslos, gleich so wie der Krieger den Dank seiner Königin mit der starren Würde eines Unbefleckten entgegennahm und dann den Rückweg nach Meereen antrat. Als Jorah und Daenerys etwa eine Meile vom Feigenhain entfernt waren, drehte Dany sich nochmal um. Aufgewirbelter Sand schwebte über dem gewählten Pfad der Maultiere, die soeben den Berggrat erreichten und mit jedem Schritt mehr und mehr zu einem winzigen Fleck zusammenschrumpften. Nachdem sich der Horizont über Schwarzer Egels Umriss erhoben hatte, wandte sich Daenerys von dem, was hinter ihr lag ab und trieb das Pferd voran. Der Wind hatte gedreht und wehte ihr jetzt mit seichten Böen ins Gesicht. Vor ihr breiteten sich die stetig anwachsenden Hügel des Hochlandes aus, ohne von bemalten Ziegeln oder behauenen Stein unterbrochen zu werden. Einzig die raue Weite lag vor ihr und rief sie zu sich.
Die Ungewissheit war immer noch da, und auch die Angst davor zu viel zu riskieren, etwas zu verlieren, was sie nicht verlieren durfte. Nachdenklich starrte Daenerys auf Jorahs Mantel, an dem der Wind mit gewagtem Übermut riss. Nach kurzem Zögern schloss sie zu Jorah auf und lenkte ihre Silberne so nah zu ihm heran, dass sich ihre Beine berührten. Fragend zog der Ritter die Augenbrauen hoch. Doch Dany lächelte nur leise und hob den Blick gen Himmel.
Weiße Wolken mit grauen Bäuchen zogen vorbei und nur wenige Fuß über ihren Köpfen sprang ein faustgroßer Vogel aufgeregt durch die Lüfte. Endlich hatte die erstarrte Gleichförmigkeit des Firmaments ein Ende gefunden. Nun beherrschten wieder Gestalten aus Wind und Wolken das Blau, und schon bald würde sich auch Feuer zu diesem Gebilde hinzugesellen. Zumindest hoffte dies Daenerys Targaryen.
„Wie lange gedenkt ihr noch zu warten?"
„Auf was wartet ihr?"
„Was werdet ihr tun, wenn sie nicht zurückkehren?"
…
„Dann werde ich zu ihnen zurückkehren."
/Dāria ossēnātās - Tötet die Königin (Aber diese kleine, offensichtliche Wandschmiererei konntet ihr euch bestimmt selbst ganz gut übersetzten.)
