Zwischenspiel
Normalerweise war es Glorfindel, der Erestor in seinen Gemächern oder in dessen Arbeitszimmer aufsuchte. Doch nachdem sich sein Freund geraume Zeit nicht hatte blicken lassen, hielt Bruchtals Truchsess es anscheinend für nötig, einmal nach dem Rechten zu sehen. Auch wenn der blonde Heerführer kein Wort gesagt hatte, so konnte Erestor sich doch ganz gut vorstellen, was den sonst so unternehmungslustigen Glorfindel dermaßen lange abgeschottet in seinen Gemächern hielt. Und so kam es, dass die beiden höchsten Herren in Elronds Haus eine Karaffe mit dem nen-e-naur nach der anderen leerten und den Sonnenuntergang über Bruchtals Wasserfall betrachteten.
Über eine Stunde hatten sie nicht mehr getan, als schweigend beisammen zu sitzen und zu trinken, bis Glorfindel völlig unvermutet Tränen übers Gesicht gelaufen waren. Er gestand seinem ältesten Freund, dass er zuweilen das Gefühl hatte, ohne Nimriels Anwesenheit in Bruchtal verrückt zu werden. Es wäre eine Sache sich von ihr fernzuhalten und sie trotzdem in der Nähe zu wissen, aber eine völlig andere, ganz ohne sie zu sein.
Erestor hatte nichts gesagt, lediglich immer wieder nachgeschenkt und den Kriegerfürsten weinen lassen wie ein kleines Kind. Am Ende berichtete Glorfindel von Firiels Standpauke und der oberste Berater kam nicht umhin breit zu grinsen und zu bemerken, dass er den Ratschlag doch einfach mit Nimriel zu reden schon vor Jahrhunderten erteilt hatte. Woraufhin der Balrogtöter ihn anfuhr, dass er zwar um Erestors Fähigkeiten als Ratgeber wusste, aber ihn in diesem Belang trotzdem nicht ernst nehmen würde. Der Truchsess verhielt sich ja mindestens genauso verbohrt wie er, was die Frauen anging. Außerdem wäre diese Chance nun sowieso vertan, da Nim nicht mehr in Bruchtal weilte. Doch es war einfach nicht Glorfindels Abend, denn mit einem noch breiteren Grinsen erzählte Erestor, was sich bei Nims und Alvariels Abschied vor Glorfindels Auftauchen abgespielt hatte.
„Du willst doch nicht ernsthaft behaupten, dass Du, der schreckliche Erestor, der Elb ohne Gefühle, Firiel gegenüber angedeutet hast, dass sie in Deinem Leben eine Sonderstellung einnimmt?" Von einem Moment auf den anderen schien Glorfindel seinen Kummer vergessen zu haben.
„Natürlich habe ich das nicht getan." erwiderte Erestor fast schon schelmisch. „Aber ich habe deutlich gemacht, dass ich sie alles andere als abstoßend finde. Vielleicht hast Du einmal in Deinem Leben Recht gehabt, als Du gesagt hast, ich solle ihr die Möglichkeit geben, selbst zu entscheiden was sie von mir hält. Anstatt mich so zu benehmen, dass ihr gar nichts anderes übrig bleibt als mich nicht zu mögen."
Mit erstaunter Miene drehte Glorfindel sich halb zu seinem Freund herum. „Gibst Du mir das schriftlich, dass Du einen Rat von mir befolgt hast?"
„Natürlich nicht. Die Verantwortung dafür, dass noch irgendwer glaubt, dass man Deine Ratschläge ernst nehmen sollte, werde ich nicht auf meine Schultern laden." antwortete Erestor todernst.
„Hab' ich mir gedacht. Und wie hat die gute Frau Firiel Deine subtilen Hinweise aufgenommen?" hakte Glorfindel grinsend nach.
Doch hier verdüsterte Erestors Miene sich wieder. „Sie war verwirrt. Und noch dazu war ich entweder zu subtil oder sie legt trotz allem keinen Wert auf meine Gesellschaft. Ich habe sie seit dem Fortgang von Nimriel und Alvariel nicht mehr gesehen."
Der Balrogtöter hatte in all den Jahrtausenden, die er Erestor nun schon kannte, gelernt, in dessen stets gleichbleibend kalter Miene zu lesen. Und jetzt glaubte er deutlich zu sehen, dass der gefürchtete Berater etwas enttäuscht war. Was Glorfindel zu einem fröhlichen und nur halbherzig unterdrücktem Glucksen animierte.
„Und das wundert Dich ernsthaft? Hast Du wirklich damit gerechnet, dass Du Deine mannigfachen Unhöflichkeiten ihr gegenüber mit einem Kompliment ausbügeln könntest? Meine Güte, Du bist in der Tat der eingebildetste Elb, den ich kenne."
Erestor rollte genervt mit den Augen. „Du tust gerade so, als wäre sie eine von diesen schüchternen Frauen, die nie den Mund auf kriegen und vor Ehrfurcht und Angst vor mir zerfließen."
Glorfindel schien seine gedrückte Laune endgültig überwunden zu haben, denn er explodierte in einen seiner typischen Lachanfälle. „Dass ich das noch erleben darf! Erestor von Bruchtal benimmt sich wie ein bockiger, zurückgewiesener Jüngling! Hast Du bei all dem wirklich vergessen, dass Du sie hierher geholt hast, aus ihrer Heimat in eine fremde Welt? Und weswegen? Und dass sie, obgleich sie natürlich erwachsen ist, immer noch grob geschätzte 7.200 Jahre jünger ist als Du und die Welt und deren Bewohner nicht so gut kennt?"
Erestor rutschte noch etwas weiter in seinem Stuhl herunter und nahm mit düsterer Miene einen tiefen Schluck aus seinem Glas. „Nein, das habe ich nicht. Und dennoch weiß ich nicht, wie sie fühlt. Ich will sie nicht bedrängen."
Glorfindel schaute sein Gegenüber einige Momente lang eingehend an, dann zuckte er mit den Schultern. „Na wenn sie das genauso sieht wie Du, wird das nie was. Bist Du noch nicht auf die Idee gekommen, einfach offen mit ihr zu reden?" fragte der blonde Krieger hinterlistig. „Und wie wahrscheinlich ist es bitte, dass sie Deine Gefühle nicht erwidert, wenn Du Dir so vollkommen sicher bist?"
Der schwarzhaarige Elb beugte sich nach vorne, stützte die Ellenbogen auf den Knien ab und vergrub das Gesicht in seinen Händen. „Sie ist nicht aus dieser Welt. Sie ist keine von uns. Wie wahrscheinlich ist es, dass sie zu Bindungen unserer Art fähig oder willens ist? Dass die Valar für sie etwas Derartiges vorgesehen haben? Und wieso sollte sie sich ausgerechnet auf mich einlassen wollen, wenn es für sie keinen vorherbestimmten Gefährten gibt und sie ihre Entscheidung frei treffen kann?"
„Ich wusste gar nicht, dass Du an mangelndem Selbstbewusstsein leidest." spöttelte Glorfindel grinsend.
„Nein, ich auch nicht. Egal wie alt man wird, man macht doch immer wieder neue Erfahrungen." antwortete Erestor finster.
„Wir haben einen Orkangriff hinter uns. Vor uns liegt ein Krieg, der vielleicht die Welt, die wir kennen, endgültig vernichtet und meine beiden obersten Berater haben nichts Besseres zu tun, als über ihre Unfähigkeit zu romantischen Beziehungen zu diskutieren. Ich bin wirklich stolz darauf, ausgerechnet Euch beiden so hohe Posten anvertraut zu haben."
Elrond war wahrscheinlich der einzige Elb in Bruchtal, der es schaffte, dass Erestor und Glorfindel erschreckt auffuhren. Mit einem ungewohnt spöttischen Grinsen, das der Hausherr sich nur in privaten Kreisen leistete, lehnte er im Türrahmen und musterte die beiden Elben eingehend.
„Wie lange stehst Du schon da?" knurrte Erestor ungehalten.
„Eine Weile, aber Du vergisst wohl meine Fähigkeiten. Ich weiß bereits seit geraumer Zeit, was in Dir vorgeht. Keine Sorge, ich werde niemandem etwas verraten und damit Deinen Ruf eines unnahbaren Eisheiligen zerstören." spöttelte der Hausherr ungewohnt gut gelaunt.
„Nein, das wird er ganz sicher nicht." stimmte Glorfindel verschmitzt grinsend zu. „Wie würde das denn auf das gemeine Volk wirken, wenn Herr Elrond, der weise Halbelb und Herr von Bruchtal sich so profanen Vergnügen wie dem Tratsch hingibt? Das wäre ein ernsthafter Riss in seiner mühsam gepflegten Fassade."
„Gerade von Dir hätte ich etwas mehr Mitgefühl erwartet. Du weißt doch, wie es ist einem Haus vorzustehen und ein gewisses Bild in der Öffentlichkeit zu wahren." klagte Elrond mit übertrieben gekränkter Miene und lehnte sich den beiden Elben gegenüber an die Brüstung des Balkons.
Die Missbilligung, die allerdings beim nächsten Satz in seiner Stimme durchklang, war nicht mehr gespielt. „Ihr trinkt zu viel!"
Glorfindel nahm den Vorwurf jedoch nicht allzu ernst und grinste fröhlich zurück. Entweder hatte er inzwischen wirklich etwas zu tief ins Glas geschaut oder die Gewissheit, dass er nicht der einzige Elb mit Beziehungsproblemen war, gab ihm Auftrieb. „Das ist alles eine Frage des Standpunkts, lieber Elrond. Vielleicht trinkst Du auch nur zu wenig. Können wir Dir etwas anbieten?" fragte er scheinheilig, obwohl er die Antwort bereits kannte.
„Nein. Zumindest nichts von diesem Gebräu." Die Abneigung des Hausherren gegen das nen-e-naur war weithin bekannt, aber das hielt seine beiden Obersten natürlich nicht davon ab, es in rauen Massen nach Imladris zu importieren. Elrond hatte nach dem kleinen Unfall mit der Destille die Herstellung in Bruchtal verboten.
„Also, was willst Du hier? Du bist doch sicher nicht hergekommen, um uns auf den Pfad der Tugend zurückzuführen." fragte Erestor schließlich.
„Nein, dafür ist es bei Euch beiden sowieso zu spät. Aber darf ich Dich vielleicht daran erinnern, dass ich der Herr dieses Hauses bin? Ein wenig mehr Respekt wäre angebracht." schoss Elrond sofort zurück. Erestor dagegen drehte sich mit einem boshaften Grinsen erst halb zu Glorfindel, dann schaute er wieder Elrond an. „Man möchte kaum glauben, dass wir schon seine Großeltern aus den Flammen von Gondolin gerettet haben, als er nicht mehr als eine vage Idee der Valar war. Darf ich Dich daran erinnern, Elrond, dass die Jüngeren immer noch den Älteren Respekt schulden und nicht umgedreht?"
„Ich könnte Euch beide auch einfach aus meinem Haus werfen, wenn mir danach ist." funkelte der Halbelb zurück, während Glorfindel versuchte, sein lachendes Gesicht mehr schlecht als recht in seinem Glas zu verstecken.
„Könntest Du, aber Du würdest es nicht tun." schaltete er sich dann ein. „Du bist doch viel zu weise, um zwei Ausnahmetalente wie uns gehen zu lassen. Allein könntest Du einpacken und Deiner geliebten Gefährtin endlich in den Westen folgen."
In einer theatralischen Geste warf Elrond die Arme gen Himmel. „Oh ihr Valar! Was habe ich nur verbrochen, um so gestraft zu werden?" Doch gleich darauf setzte der geplagte Hausherr eine ernste Miene auf. „Es muss etwas Schwerwiegendes in Düsterwald passiert sein. Ich habe gesehen, dass Thranduil uns einen Boten schickt. Er dürfte bald hier eintreffen."
„Erst die Zwerge und jetzt auch noch Waldelben. Bleibt einem denn gar nichts erspart?" murmelte Erestor nachdenklich, fügte dann aber mit einem hinterhältigen Grinsen hinzu: „Schickt er seinen Sohn?"
Elrond war sich zwar nicht so ganz sicher, aber er ging davon aus.
„Der arme Junge hat garantiert die Gelegenheit beim Schopf ergriffen, um sich wenigstens eine Zeit lang von seinen mannigfachen Verehrerinnen frei zu machen, die doch alle so gerne einmal mit dem berühmten Königsspross ins Bett wollen." spöttelte Glorfindel vor sich hin.
„Er kann einem schon leidtun." meinte Elrond, was den Heerführer zu einem weiteren Lachen animierte. „Wieso? Weil die schönsten Frauen Düsterwalds sich ihm stets und ständig auf einem Silbertablett präsentieren und er nur mit dem Finger schnippen muss, wenn ihm nach weiblicher Gesellschaft ist? Ja, das ist wirklich ein ärgerlicher Umstand!"
„Du vergisst, dass nicht jeder die gleichen Ambitionen hat wie Du. Legolas ist ein ernsthafter Charakter, dem mehr an Ruhe gelegen ist." versuchte der Hausherr Thranduils Sohn in Schutz zu nehmen.
„Ihr tut ja gerade so, als würde er völlig enthaltsam leben. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass das so nicht ganz stimmt. Und weil er es so ruhig liebt, hat er auch freiwillig den Oberbefehl über Düsterwalds Grenzwachen übernommen oder wie?" hielt der blonde Krieger dagegen.
„Nein, aber wahrscheinlich um so dem Palastleben und den ganzen aufdringlichen Hofschranzen zu entkommen." sprang nun auch Erestor für den Waldelben in die Bresche.
„Ich sehe schon, Ihr beide seid wild entschlossen, ihn in Schutz zu nehmen und ich habe keine Chance." gab Glorfindel schließlich klein bei.
„Deine Abneigung gegen Thranduils Spross gründet doch nur auf Eifersucht, weil er selbst Dich bei sämtlichen Frauen ausstechen würde, wenn's drauf ankommt." stichelte Erestor.
„Hmmm, aber nur seines Titels wegen. Wäre er nicht der Sohn des letzten Elbenkönigs in Mittelerde, würde ihn wahrscheinlich keine Frau anschauen." versetzte Glorfindel.
„Und wenn Du nicht der berühmte Balrogtöter wärst, dann würde es um Deinen Erfolg bei der holden Damenwelt wahrscheinlich auch ein bisschen schlechter bestellt sein." hielt Elronds Berater dagegen, während der Hausherr breit grinste.
„Glorfindel, Du konzentrierst Dich eindeutig zu sehr auf Deine niederen Instinkte." meinte nun auch Elrond feixend. Doch Glorfindel holte zum ultimativen Gegenschlag gegen seinen ältesten Freund aus und dafür war ihm Elronds letzter Kommentar ein gutes Sprungbrett.
„So, Herr Halbelb? Du meinst, dass ich mich zu sehr von meinen niederen Instinkten leiten lasse? Dann hättest Du dabei sein sollen, als wir unsere beiden Angebeteten in dieser Hütte im Wald gefunden haben. Sie waren durchweicht bis auf die Knochen und lediglich mit äußerst leichter Unterwäsche bekleidet. Von den Damen hat es wohl keine bemerkt, aber ich war nicht derjenige, der wieder unhöflich werden musste, um sich selbst davon abzuhalten, einer bestimmten Sterblichen auch noch die letzten Fetzen Kleidung vom Körper zu reißen. Erestor hatte seit langer Zeit mal wieder diesen äußerst sündigen und lasterhaften Ausdruck in den Augen, den ich von ihm nur zu gut aus dem Ersten Zeitalter kenne."
So und ähnlich ging es noch eine ganze Weile weiter zwischen der elbischen Dreifaltigkeit Bruchtals, bis sich die Dunkelheit endgültig über das Tal senkte und zumindest Elrond sich verabschiedete.
