Kapitel 35
„Onkelchen? Onkel De-he….!"
Ein Luke und Arik unbekannter Mann steckte den Kopf durch die Tür der Werkstatt, stutzte kurz, als er die beiden sah und schob sich dann ganz herein. Er war schlank und durchtrainiert, glattrasiert und trug das lange dunkle Haar im Nacken zu einem Schwanz gebunden. Trotz der eher kühlen Temperaturen trug er nur eine ärmellose Jacke, die reichlich Ausblick auf eine muskulöse Brust und einen flachen Bauch bot. Arik betrachtete ihn durchaus interessiert, Luke eher mißtrauisch.
„Wer sind Sie und was wollen Sie hier?" fragte er schärfer als gewohnt.
„Was ich hier will?" echote der Fremde. „Ich wohne hier!" Sein Blick und Tonfall waren beinahe gekränkt, als er vor ihnen stehenblieb und sie musterte. „Dich kenn ich nicht", meinte er dann zu Arik, „aber du mußt Luke sein." Er streckte ihnen beiden die Hand hin. Arik schüttelte sie schmunzelnd, Luke zögerte ein wenig, bevor er einschlug. Irgendetwas an dem Kerl kam ihm vage vertraut vor… er erinnerte ihn ein wenig an Han in seiner flapsigen Art.
„Bin ich.", antwortete er immer noch kühl. „Das ist Arik Cass, Captain der Sturmtruppen auf der EXECUTOR. Und wer bist du?"
„Wrenga Jixton, Spion, Schmuggler, Dienstleistungen aller Art." Jix tippte sich lässig mit zwei Fingern an die Schläfe. „Und ich suche deinen alten Herrn. Wo steckt denn Meister Atemnot? Eigentlich dachte ich, er sei hier, nachdem sein Büro und der Trainingsraum leer waren."
Arik unterdrückte ein Prusten, während Luke immer verwirrter und wütender wurde. „Hör mal, ich weiß wirklich nicht, wer du bist und woher du meinen Vater und dieses Haus kennst, aber für dich ist das immer noch ‚Lord Vader', verstanden?"
„Ah, bah." Jix winkte ab und schielte an ihm vorbei auf die Werkbank. „Er wär wirklich schwer enttäuscht, wenn ich ihn ansprechen würde wie jeder andere. Was gibt'n das? Lichtschwerter? Cool. Eure?" Er wartete keine Antwort ab, sondern wandte sich zum Gehen. „Na, ich such mal weiter. Man sieht sich. Tschü-hüs…"
Die Tür glitt hinter ihm zu, und Luke und Arik sahen sich sprachlos an.
„Wer beim flauschigen Ewok war DAS denn?"
„Hast du doch gehört – Wrenga Jixton, wer auch immer das ist. Machen wir weiter, oder suchen wir meinen Vater?"
„Dein ‚alter Herr'", Arik grinste kurz, „wird uns den Kopf runterreißen, wenn wir diesen letzten Schritt vor der Vollendung hier nicht vor dem Essen fertigbekommen, wie er es uns aufgetragen hat, das weißt du ganz genau. Und nur um uns zu ärgern, würde er vermutlich noch einmal Yoda zitieren und einen Vortrag über die sprichwörtliche Geduld der Jedi halten."
Luke knurrte. „… und sich unter seiner Maske den Wolf lachen, weil er eben diese Geduld als Sith für überflüssiger als eine Schiffsladung Sand nach Tatooine hält. Aber du hast recht – wir werden es noch früh genug erfahren…"
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„Was soll das werden, wenn's fertig ist?"
Max, der eben die Rechte auf den Handlauf der Treppe gelegt und sich für den Abstieg gesammelt hatte, hielt inne und drehte sich um. Drei Schritte hinter ihm stand Vader in der Zivilkleidung des Heilers und musterte ihn finster.
„Ich wollte nach unten, in die Bibliothek. Warum?"
„Hatte ich dir nicht verboten, die Treppen zu Fuß zu gehen? Nimm den Stuhl."
Max seufzte. „Dava… es geht mir gut. Wirklich. Du hast es doch gespürt bei unserem kleinen… Kampf. Oder? Hätte ich das geschafft, wenn meine Beine nicht in Ordnung wären?"
„Trotzdem." knurrte Vader und kam näher, bis er vor ihm stand. „Die Treppen sind hoch und steil, und deine Muskeln sind noch geschwächt. Ruf mich wenigstens und laß mich mit dir hinuntergehen!"
„Jetzt bist du ja da." Veers lächelte. „Also – kommst du mit runter?"
Die himmelblauen Augen blitzten verdächtig, auch wenn sich diesmal kein verräterisches Lächeln abzeichnete. „Hm… noch nicht. Ich denke eher, du hast eine Strafe verdient."
Veers wurde leicht zurückgedrängt, bis er mit dem Rücken an der Wand stand, und bemühte sich um eine ernste Miene. „Strafe?"
Vader nickte grimmig. „Strafe. Es gibt eine brutale und eine harmlosere Methode. Welche bevorzugst du?"
„Oh, eine Wahl! Nun, das will gut bedacht sein… laß mich überlegen…" Veers strich sich nachdenklich über den blonden, leicht grau durchsetzten Vollbart, der zwar noch kurz war, jedoch schon deutlich das Drei-Tage-Stadium hinter sich gelassen hatte. „Was wäre denn die brutale Methode?"
„Du küßt den Boden."
„Unschön. Und die harmlosere?"
„Du küßt mich."
„Na, das ist doch ein Wort. Ich nehme die Strafe an, Mylord." Veers' Mundwinkel zuckten, als er sich vorbeugte und Vader leidenschaftlich küßte, der ihn an sich zog und den Kuß ebenso erwiderte.
„Also, das hätte ich mir in meinen wildesten Träumen nicht vorgestellt…", drang plötzlich eine amüsierte Stimme von unten zu ihnen herauf. „Daß ich mal meinen Lieblingsonkel und Lieblingschef beim Knutschen erwische!" Denn daß er es sein musste, war in dem Moment klargeworden, als Veers ihn küsste – in Vaders Haus als Vaders Geliebter das mit jemand anderem zu tun, wäre blanker Selbstmord.
Vader löste sich betont langsam und gelassen aus dem Kuß, hielt aber Max noch umfangen, als er hinuntersah. „Jix. Du hast wahrhaftig ein Händchen für den rechten Augenblick."
Jix erwiderte den Blick vollkommen unschuldig, während er allerdings seinen maskenlosen Chef höchst aufmerksam und neugierig musterte.
„Wieso? Hab ich euch bei was gestört?"
„Nein." knurrte Vader. „Aber ich begann mich eben mit einer entsprechenden Idee anzufreunden."
„Hups." Jix kratzte sich am Kopf. „Soll ich später wiederkommen? Ich hab noch nicht gegessen…"
Veers und Vader wechselten einen Blick und antworteten synchron: „Nein."
„Schade." Jix seufzte. „Ich hab Hunger."
„Dann geh dir was holen – und komm dann in mein Büro."
„In Ordnung."
„Oh, und Jix…"
„Ja?"
„Kein Wort zu Luke, bevor du nicht mit mir gesprochen hast, verstanden?"
Jix runzelte die Stirn, nickte aber. „Gut. Ich bin gleich bei dir."
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Eine Viertelstunde später trat er durch die offene Tür in Vaders Büro und fand den Sithlord nun wieder im vertrauten Schwarz hinter seinem Schreibtisch. Er wies Jix mit einer Geste einen Stuhl zu und lehnte sich abwartend zurück.
„Also, was bringt dich her?"
„Der Alte hat Wind davon bekommen, daß Luke bei dir ist.", erwiderte der Spion ernst, während er sich niederließ. Vader erstarrte.
„Wie das?"
„Es gibt wohl ein Leck auf der EXECUTOR. Leider konnte meine Quelle mir nicht sagen, wer es ist – sie hatte es auch nur aus zweiter Hand, war sich aber absolut sicher. Seine Runzligkeit muß getobt haben."
Vader nickte langsam. „Früher oder später würde er es erfahren, damit mußte ich rechnen. Ich werde das Leck finden… und abdichten."
Jix nickte ungerührt. „Ich hör mich weiter um, aber ich glaube nicht, daß ich es rauskriege. Wenn es einer von Palpatines Leuten ist… keine Chance. Und Luke hat nun mal Aufsehen erregt – selbst wenn er, wie ich hörte, in einer Uniform steckte."
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Der Träger dieses Namens, nach Erfüllung seiner Aufgabe auf dem Weg in sein Zimmer, um sich zu waschen, hielt vor der nur angelehnten Tür des Büros inne, als er Jix' Worte hörte.
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„Niemand wußte von ihm – außer einer Handvoll Leute."
„Offensichtlich ist die Hand größer, als du dachtest.", bemerkte Jix ironisch. „Weiß dein Sohn eigentlich über … die jüngsten Ereignisse Bescheid?"
„Nein, dazu ist es noch zu früh! Und du wirst ihm auch nichts darüber erzählen, verstanden?" versetzte Vader scharf.
„Aber meinst du nicht, daß - "
„Nein!"
„Warum denn nicht, bei allen schleimigen Raumschnecken?"
„Ich habe meine Gründe. Es ist noch zu früh!"
Jix schnaubte. „Wirst du es ihm sagen, bevor du ihn zum Kaiser bringst?"
„Das wird man sehen. Wenn deine Quellen recht haben, könnte das früher der Fall sein, als ich dachte."
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Luke, draußen im Gang, hatte unbewußt die Luft angehalten. Was hatte das zu bedeuten? Wollte sein Vater ihn etwa doch dem Kaiser ausliefern? Das war doch unmöglich! Nicht nach dem Gespräch, das sie in der Nacht geführt hatten. Er vertraute seinem Vater. Er liebte ihn. Er mußte sich irren!
Er hoffte, daß er sich irrte, als er nachdenklich weiterging. Aber tief in seinem Inneren setzte sich ein kleiner Widerhaken des Zweifels fest.
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Jix schwieg eine Weile und musterte die ausdruckslose Maske ihm gegenüber. „Weißt du, es freut mich wirklich für dich und Max, daß es geklappt hat bei Zarketh."
Vader legte den Kopf ein wenig schräg, sagte aber nichts.
„Doch, ja. Mir hat gefallen, was ich gesehen habe."
„Der Kuß? Oder meine Visage?" erkundigte Vader sich spöttisch.
„Beides.", versetzte Jix ernsthaft. „Aber warum trägst du noch den Anzug, wenn alles in Ordnung ist? Doch nicht nur wegen Luke. Und warum ist es eigentlich noch zu früh?"
„Ich trage ihn zur Tarnung. Der Kaiser darf nicht wissen, daß ich geheilt und eben dabei bin, meine vollständige Macht zu erlangen. Ich bin noch nicht ganz komplett, was meine Fähigkeiten angeht… es steigert sich immer noch. Und Luke? Nun, er ist noch ein Padawan. Palpatine weiß, daß er machtsensitiv ist. Vielleicht überprüft er ihn von Zeit zu Zeit. Hier kann ich ihn einigermaßen abschirmen, aber die Tatsache, daß er hier ist und von mir lernt, ist nicht so schlimm wie die, daß ich den Kaiser besiegen kann, sobald ich gänzlich wiederhergestellt bin. Und ich vertraue Lukes Schilden einfach noch nicht. Was er nicht weiß, kann nicht zum Kaiser durchdringen."
„Kapiert." brummte Jix. „Was hast du also vor?"
Vader seufzte. „Zuerst muß ich mich mit Palpatine auseinandersetzen. Es wird nicht lang dauern, bis er sich mit mir in Verbindung setzt, und bis dahin muß mir was Glaubhaftes eingefallen sein. Für die Tatsache, daß er hier ist, ebenso wie dafür, daß ich ihn noch nicht zu ihm bringen kann. Das geht erst, wenn er so weit ist, daß er mich unterstützen kann, wenn ich den Kaiser umbringe."
Der Spion nickte nachdenklich. „Kann ich dir irgendwie helfen?"
Vader überlegte. „Kommst du an die aktuellen Dienstpläne der roten Garden ran? Und die Paßwörter für die Sicherheitskameras?"
„Autsch. Geht's nicht etwas einfacher?" Jix zog eine Grimasse. „Na schön, ich seh mal, was ich tun kann. Kann ich bis morgen bleiben?"
„Aber natürlich. Dein Zimmer ist bereit für dich… wie immer. Neffe."
Dasselbe Lächeln, das in Vaders Stimme zu hören war, zeigte sich breit und deutlich auf Jix' Gesicht. „Ich dank auch recht schön, Onkel D."
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Etwas später trafen Vader und Jix als letzte am Mittagstisch ein. Die anderen waren schon beim Dessert, als sie sich dazusetzten. Vader knurrte der Magen, aber er beherrschte sich. Er war Warten gewohnt.
„Wie weit seid ihr mit der Aufgabe, die ich euch gestellt habe?" erkundigte er sich bei Luke und Arik.
„Fertig, Vater. Es ist alles vorbereitet."
„Sehr schön. Dann werden wir uns jetzt gleich daranmachen, die Kristalle einzusetzen… der letzte Schritt."
Arik schüttelte leicht den Kopf. „Mann. Ich, ein Jedi. Ich kann's immer noch nicht glauben."
„Gab es Jedi in deiner Familie?" erkundigte sich Luke.
„Wenn, wurden sie totgeschwiegen.", meinte er schulterzuckend. „Einer zu sein oder welche zu Verwandten zu haben, ist seit der Gründung des Imperiums und der großen Säuberung nicht sehr gesund." Er warf Vader einen entschuldigenden Blick zu, doch der nickte nur.
„Es kamen nicht alle um.", sagte der dunkle Lord ruhig. „Zwar fast alle, die zum Augenblick des Inkrafttretens von Order 66 mit Klontruppen unterwegs waren, und alle, die sich im Tempel aufgehalten hatten, aber von denen, die allein auf Mission waren, haben sich viele versteckt. Einige davon bis heute. Ich habe in all den Jahren zwar viele aufgestöbert und getötet – das war und ist meine Hauptaufgabe neben der Verfolgung der Rebellen - aber nicht alle. Und ganz ehrlich, ihr beiden: der Jediorden war wie ein alter Busch, vertrocknet, abgestorben, verholzt. Das radikale Zurückschneiden wird ihm gut tun."
Luke starrte seinen Vater fassungslos an, die Brutalität und Kälte tat ihm weh. „Was? Du befürwortest diese… Morde? Das Abschlachten?"
Vader schwieg einen Moment, scheinbar gelassen in seinem Stuhl zurückgelehnt, die Arme auf den Lehnen, und musterte seinen Sohn. „Ja. In gewisser Weise ja."
„Was?" wiederholte Luke scharf.
„Luke, die Regeln des Ordens waren zum großen Teil falsch. Schau, das Zölibat, das Verweigern der Ausbildung von angeblich zu alten Kindern, die Schönfärberei von Aktionen, die ihrerseits nichts weiter als Mord sind – landläufig verharmlosend „Lichtschwert-Diplomatie" genannt… das war nicht in Ordnung. Und es wäre nicht geändert worden, solange nicht frisches, junges Blut in den Rat gekommen wäre – was die alten Meister nie zugelassen hätten. Schau mich an! Ich wäre niemals auf die dunkle Seite abgedriftet, hätte man mir gestattet, mich zu verlieben, hätte man mir nicht zuerst die Ausbildung verweigert und mich im folgenden immer kleingehalten… obwohl man mich den „Auserwählten" nannte! Aber selbst darüber gab es Diskussionen… Yoda war sich unsicher, Mace glaubte es nicht. Qui-Gon Jin, einer der Besten, war nie im Rat – sie hatten Angst vor ihm. Er war ein Rebell. Und ich weiß von einer Handvoll anderer Jedi, die heimlich Familie hatten. Sie leben übrigens beinahe alle noch, und ich werde sie auch nicht jagen." Der Vocoder übertrug Vaders Erregung nur teilweise, aber sowohl Luke als auch Arik spürten, wie wütend er war. „Wir drei, ihr beide und ich, werden den Orden wieder neu errichten. Sobald ihr ausgebildet seid."
Luke starrte grimmig auf seinen Teller, während Ariks Blick besorgt zwischen beiden hin- und herglitt. Veers seufzte, und Jix staunte und war froh, nicht Vaders Sohn zu sein…
Der dunkle Lord erhob sich abrupt. „Kommt mit. Wenn alles klappt, dürft ihr eure Klingen hinterher an den Droiden testen."
„Wo ist der Haken?" murmelte Arik, als er ihm folgte. Luke schloß sich an, immer noch mit finsterem Gesicht.
„Der Haken", versetzte Vader trocken, „besteht darin: wenn es nicht klappt, gibt es keine Magna-Droiden mehr, kein Schloß Bast – und uns ebenfalls nicht."
„Verdammt." murmelte Jix und starrte den dreien nach, die durch eine Tür verschwanden. „Warum mußte ich Trottel unbedingt heute herkommen?"
Veers grinste. „Wie Vader schon sagte: du hast eben ein Händchen für den richtigen Augenblick."
