Kapitel 3.06 – Wenn der Morgen graut


Severus nutzte den Vormittag auf dem Sofa nicht zum Schlafen. Er war nie jemand gewesen, der sonderlich viel Schlaf brauchte, und auch wenn die wenigen Stunden der letzten Nacht äußerst unbequem gewesen waren, fühlte er sich nicht müde. Eher angenehm erschöpft und im Gegensatz zu vorher endlich ruhig.

Dass Sex ein so ausgezeichnetes Mittel war, um Frustration und Wut abzubauen, hatte er zwar schon häufiger festgestellt, aber für gewöhnlich pflegten die unangenehmen Dinge, vor denen er weglaufen wollte, schnell wieder zu kommen. Dieses Mal war es anders. Sogar zwei Stunden später verspürte er noch nicht das Bedürfnis aufzustehen und irgendetwas zu tun. Es schien auszureichen, dafür Sorge zu tragen, dass Hermine und er nicht vom Sofa fielen.

Das einzige, das ihm diese Zeit etwas vermieste, war die mangelnde Durchblutung seines linken Arms. Hermine lag glücklicherweise nach innen, so dass er den Arm nicht brauchte, um sie festzuhalten. Doch das war nur ein schwacher Trost. Deswegen hatte er irgendwann vorsichtig begonnen, nach seiner Hose zu angeln.

Alle paar Minuten schob er sich ein bisschen weiter vor und als er den Bund endlich zu fassen bekam, verdrehte er erleichtert die Augen. Kurz darauf hatte er seinen Zauberstab in der Hand, deutete auf die Couch und verbreiterte sie um einen halben Meter. Dann rutschte er ein kleines Stück von Hermine weg, die daraufhin die Nase rümpfte und sich weiter nach unten kuschelte. Sie lag nun auf seiner Brust und nicht mehr auf dem Arm. Severus konnte spüren, wie das Blut in seinen Arm floss und verbot es sich, diesen zu bewegen, bis das Kribbeln aufgehört hatte.

Danach verschränkte er seine Arme hinter dem Kopf und erlaubte sich ein sehr selbstgefälliges Grinsen über den Anblick der wirren Locken unter seinem Kinn. Es war immer nett, einen Kampf zu gewinnen. Vor allem, wenn man eine solche Trophäe davon trug.


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Über der Spüle im Labor hing ein kleiner Spiegel. Bisher hatte Severus ihn stets für komplett überflüssig gehalten, doch nachdem sie den halben Tag im Wohnzimmer verbracht hatten, wäre es ein unnötiger Weg gewesen, erst nach oben in sein Zimmer zu gehen. Vor allem, da es sich nur um eine Inspektion seines Halses handelte.

Und das Ergebnis eben dieser ließ ihn mürrisch das Gesicht verziehen. Ein großer, dunkelroter Fleck hatte sich dicht unter seinem rechten Ohr gebildet und war durch kein noch so geschicktes Legen der schwarzen Haare oder des Kragens zu verdecken. Hermine hatte genau die fünf Zentimeter dazwischen gefunden.

Nicht, dass es hier irgendwen interessiert hätte, dass er einen Knutschfleck hatte. Aber es ging ihm um das Prinzip. Knutschflecke waren eine grausame Angewohnheit von Frauen, die ihren Mund systematisch missbrauchten (und das noch an den falschen Stellen). Deswegen grunzte er leise, als er die Tür zum Labor aufgehen hörte und wandte sich von der Spüle ab, um seine Schülerin angemessen zu empfangen.

Hermine versuchte halbherzig ein Grinsen zu verbergen, kaute dabei auf ihrer Unterlippe und band sich die Haare so unstrukturiert zu einem Knoten, dass sie keine zehn Minuten halten würden – da würde er jede Wette eingehen. Dennoch beraubte dieser Anblick ihn eines Großteils seines fein heraufbeschworenen Grolls und so klang seine Stimme eher samtig als gereizt: „Ausnüchterungstrank."

Sie wirkte leicht verwirrt, nickte jedoch brav. „Ein Trank, der Alkohol aus dem Organismus zieht und so vor einer Alkoholvergiftung bewahrt. Geprägt von starken Nebenwirkungen wie Erbrechen, Kopfschmerzen, Lichtempfindlichkeit und Abgeschlagenheit. Sollte nur unter ärztlicher Aufsicht angewandt werden."

Severus feixte. „Erstaunlich, wie gut Erfahrungswerte hängen bleiben, nicht wahr?"

Sie rümpfte die Nase. „Ich hätte es auch ohne Erfahrungswerte gewusst."

„Davon bin ich überzeugt."

Während er sich daran machte, die Zutaten für die Standard-Version auf dem Tisch auszubreiten, schlug Hermines Stimmung so extrem um, dass sie nicht einmal etwas sagen musste, damit er es bemerkte. Was sie natürlich trotzdem tat: „Bekomme ich ab jetzt für jede richtige Antwort einen Kuss?"

Severus hob seine Augenbrauen und sah sie abschätzend an. „Ich denke gar nicht daran!"

Sie zog eine Schnute. „Warum nicht?" Er deutete auf den Knutschfleck und kniff die Augen zusammen, als Hermine zu kichern begann. „Steht dir ausgezeichnet!"

„Ich geb' dir gleich ausgezeichnet", knurrte er.

„Es hat dir aber gefallen, was ich mit deinem Hals angestellt habe!"

„Es würde mir noch viel besser gefallen, wenn du dich an Stellen austoben würdest, die nicht so offensichtlich sind. Vor allem, wenn wir hier erstmal wieder rauskommen."

„Ich werde es mir merken. Aber bis es soweit ist, kann ich mich dort austoben."

Severus hätte wirklich ausgesprochen gerne protestiert, aber sie begleitete ihre Worte mit einigen angenehmen Berührungen auf seinem Rücken. Ihre Hände waren warm und durch den dünnen Stoff seines Hemdes breitete diese sich auf sehr verlockende Weise aus, raste direkt hinunter in seine Lenden.

„Solange wir hier sind!", stellte er klar und war froh, dass seine Stimme wenigstens halbwegs energisch klang. Gleichzeitig griff er nach ihren Händen und drehte sich zu ihr um. „Jetzt werden wir diesen Trank brauen. Und wenn du artig bist, werde ich dir vielleicht sogar meine Modifikationen für den Trank gegen die Nebenwirkungen zeigen."

Er hatte richtig gelegen mit seiner Hoffnung, dass diese Aussichten Hermines Gedanken aus der Gosse zurück ins Labor holen würden. Ihre Augen begannen wissbegierig zu strahlen, während sie ein knappes „Okay!" herausbrachte.


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Am Abend saß Severus über den Test gebeugt, den er Hermine vor einigen Tagen hatte schreiben lassen. Es beschäftigte seinen Geist und machte ihn weniger angreifbar für die Frustration, die noch immer in seiner Nähe lauerte wie ein Bergleopard und nur auf eine geeignete Gelegenheit wartete, ihn anzufallen.

Er hatte festgestellt, dass es besänftigend wirkte, wenn er sich in der Nähe der Terrassentür aufhielt. Dort, wo die frische Luft in den Raum drang und ihm einen Anflug von Ruhe vermittelte. Er wünschte sich, Albus hätte niemals mit ihm gesprochen. Er wünschte sich, er wäre niemals nach draußen gegangen, um sich in den Kampf einzumischen.

Severus runzelte die Stirn und rief seine Gedanken zum Thema zurück. Sonst fand Hermine später womöglich noch Fehler in seinen Korrekturen. Das war nicht akzeptabel, nicht einmal in Anbetracht der Tatsache, dass sie nun anders zueinander standen. Wenn es um ihre Ausbildung ging, mussten sie differenzieren. Es täte sonst weder ihr noch ihm gut.

Ein leises Knacken riss ihn aus seinen Überlegungen. Er hob den Kopf und sah, dass Hermine mit nachdenklichem Gesichtsausdruck am Türrahmen lehnte. „Es ist schon spät", stellte sie fest, nun, da er auf sie aufmerksam geworden war.

„Ich weiß", antwortete Severus. „Aber meine Schülerin kam in ihrem Aufsatz wieder einmal vom Hölzchen aufs Stöckchen und ich fürchte, es kann noch einige Zeit dauern, ehe ich mit der Korrektur fertig bin." Er hob eine Augenbraue, bewegte sich ansonsten jedoch nicht einen Millimeter.

„Deine Schülerin kam nur vom Hölzchen aufs Stöckchen, weil ihr Lehrer Fragen zu Themen gestellt hat, die noch nicht behandelt wurden. Sie dachte, diese Art der Rache wäre angemessen." Bei ihren Worten kam sie langsam durch das Zimmer.

„Dann muss sie damit leben, dass ihr Lehrer nun nicht für andere Aktivitäten zur Verfügung steht."

Hermine verzog empört das Gesicht. „Oh, aber der Test wurde geschrieben, bevor sie das Privileg bekam, ihn für andere Aktivitäten zu beanspruchen! Sie ist der Meinung, dass das nicht fair ist."

Er schnaubte leise. „Ihr Lehrer ist der Meinung, dass ihn das nicht interessiert."

Sie war zwischenzeitlich am Tisch angekommen und zischte ein leises „Mistkerl!", während sie sich auf der glatten Oberfläche abstützte.

Severus runzelte die Stirn und bedeckte den Test dann mit einem Stück Pergament. Ihre Augen zuckten leicht und bestätigten seine Vermutung. „Du wirst nichts über das Ergebnis erfahren, bevor ich fertig bin."

Daraufhin fügte sie ihrer vorherigen Äußerung ein „Sadist!" hinzu, was ihn unbekümmert die Schultern zucken ließ. „Dann mach wenigstens morgen weiter. Du kannst dich sowieso nicht mehr konzentrieren."

„Was macht dich da so sicher?"

„Ich kenne deine Mimik inzwischen gut. Und ich habe dich schon seit einigen Minuten von der Tür aus beobachtet. Du hast dich darüber geärgert, dass deine Gedanken ständig abgeschweift sind." Sie wirkte sehr selbstgefällig bei ihren Ausführungen.

„Ist das so?", knirschte er.

„Oh ja. Aber keine Angst, ich mache mir nicht die Illusion, dass du mir sagen wirst, was dich beschäftigt. Zwar warst du es, der auf diese Beziehung scharf war, aber das ändert nichts daran, dass der Einzelgänger tief in die steckt."

Er hob neuerlich eine Augenbraue, sagte aber nichts. Hermine hatte mit ihren Worten ins Schwarze getroffen und dass sie dennoch einen sanften Ausdruck auf dem Gesicht hatte, zeigte ihm, dass sie es noch akzeptieren konnte.

Schließlich nahm sie ihm die Feder aus der Hand und bedeckte ihren Test komplett. „Was bezweckst du damit, Hermine?", fragte er leise.

Sie zuckte mit den Schultern. „Dass ich den Einzelgänger vorerst hinnehme, heißt nicht, dass ich heute Abend alleine in mein Bett gehen werde." Sie griff nach seiner Hand und zog ihn auf die Beine. Selbst wenn Severus hätte protestieren wollen, wäre es ihm angesichts dieses schlichten Kontaktes kaum mehr möglich gewesen. Ihre Wärme floss durch seine leicht kühle Handfläche und ließ seine Nervenenden empfindlicher als sonst reagieren. Es fühlte sich zu gut an, um es abzuweisen.

Hermine ging erst zur Terrassentür und schloss diese, danach wandte sie sich um und führte ihn durch den Flur die Treppe hinauf. „Zu mir oder zu dir?", fragte sie feixend und etwas nervös.

„Zu dir", antwortete er einem inneren Impuls nach, konnte aber nicht denselben Schalk aufbringen, den Hermine an den Tag legte.

Sie nickte einfach und drehte sich zu ihrem Zimmer um. Die Luft roch etwas abgestanden und nachdem sie seine Hand losgelassen hatte, ging sie zum Fenster hinüber und kippte es. Ohne dass Severus etwas dagegen tun konnte, fiel ihm auf, dass der Geräuschpegel, der nach dem Öffnen eines Fenster normalerweise anstieg, konstant blieb. Als steckten sie in einem Vakuum.

Erst Hermines Kopf, der durch sein Sichtfeld wischte, schaffte es, ihn aus dieser eigentümlichen Starre zu reißen. Sie sah ihn bedauernd an und strich über seine Brust. Es schien, als ob sie etwas sagen wollte. Severus schüttelte den Kopf und beugte sich zu ihr hinunter. Irgendwann war es genug.


- 13.05.2002 -


Hier unten im Garten an der äußeren Grenze zu stehen, wenn die Sonne aufging, wurde zu einer Art abstrusem Ritual für Severus. Er hatte es nicht darauf abgesehen, Merlin bewahre! Aber er wachte jedes Mal auf, wenn die ersten Sonnenstrahlen noch nicht richtig greifbar, aber irgendwie schon merklich in der Luft lagen. Jedes Mal verließ er dann Hermines Bett und ging hinunter.

Sie wachte nicht auf, wenn er das tat. Jahrelange Übung darin, sich leise und unbemerkt von anderen zu bewegen, hatte ihm dabei geholfen, zeitweise wirklich lautlos zu werden. Außerdem hatte sie einen tiefen Schlaf.

Nichtsdestotrotz befand sie sich meistens schon in der Küche und kümmerte sich um das Frühstück, wenn er ins Haus zurückkehrte.

Bisher hatte sie kein Wort darüber verloren, dass er morgens den Zaun anstarrte wie ein Wolf den Vollmond. Doch er machte sich keine Illusionen, dass sie es irgendwann tun würde. Und mit gutem Recht. Immerhin erkannte er sich selbst nicht wieder in diesem Verhalten.

Dennoch schloss er in einem Anflug von Resignation die Augen, als sich zwei kleine Hände um seine Taille schoben und vor seinem Bauch verschränkten. Hermine lehnte ihren Körper gegen seinen Rücken und sandte wohlige Wärme durch die Kleidung.

„Werde ich jemals einen Morgen erleben, an dem ich neben dir aufwache, so wie ich neben dir eingeschlafen bin?", fragte sie leise.

Severus senkte den Blick und betrachtete ihre Hände. Es kostete ihn Überwindung, sie mit seinen zu bedecken. Dennoch war er froh, als er es getan hatte. „Ich weiß es nicht", antwortete er mit tiefer Stimme.

Hermine schwieg daraufhin, löste sich aber auch nicht von ihm. Er genoss ihre Nähe und je länger sie ihm das Gefühl gab, sich nach ihrem Zögern nun doch gänzlich in die Hände dieser Beziehung zu begeben, desto leichter fiel es ihm, sich auf sie einzulassen. Zuerst hatte sie ihn nach allen Regeln der Kunst verführen müssen, wenn sie meinte, dass es an der Zeit sei, ihn abzulenken. Inzwischen sträubte er sich nur noch aus Prinzip und das wusste sie.

Wenn er daran dachte, wie oft er sich in den letzten Tagen in Hermines Bett wiedergefunden hatte (und das zu allen möglichen und unmöglichen Zeiten), konnte er nicht anders, als dreckig zu grinsen. Allerdings war es deswegen in letzter Zeit auch häufiger mal vorgekommen, dass sie die Unterrichtseinheit nachts um zwei abgehalten hatten. Danach hatte er kaum eine Stunde geschlafen, ehe der nahende Sonnenaufgang ihn geweckt hatte.

Als er sich mühsam aus seinen Gedanken riss, griff er nach der oberen von Hermines Händen und zog sie um seinen Körper herum, so dass er sie in den Arm nehmen konnte. So fühlte er sich momentan am wohlsten. Der schlanke Körper dicht an seinem, der Geruch von Magnolien in seiner Nase. Es vermittelte ihm ein andersartiges Gefühl von Freiheit, das jedes Mal stärker wurde. Und um nichts in der Welt hätte er diese Feststellung irgendwem anvertraut.

„Gib mir noch ein bisschen Zeit."

Sie nickte beinahe unmerklich. „Du hast alle Zeit der Welt."

Severus lächelte schmerzlich, als ihm bewusst wurde, dass sie ein Gespräch dieser Art schon einmal geführt hatten. Nur damals war er es gewesen, der ihr ‚alle Zeit der Welt' eingeräumt hatte. Er nahm sich fest vor, diese nicht auf acht Monate zu strecken.

„Kommst du jetzt mit rein und hilfst mir beim Frühstück oder ist es dein Plan, mich zur braven Hausfrau zu erziehen?" Sie hob den Kopf und sah ihn mit schmalen Augen an.

„Du hast mich durchschaut", murmelte er gespielt bedauernd.

„Tja, mir entgeht eben nichts!" Hermine grinste und machte sich aus seiner Umarmung frei. Bevor sie ihn ins Haus und an den Kühlschrank lockte, streckte sie sich allerdings nach seinen Lippen und erinnerte ihn an das, was dem Frühstück möglicherweise folgen könnte.


- 25.05.2002 -


Die Stimmung im Labor war angespannt, was ausnahmsweise einmal nicht an der Laune von Hermine lag. Severus hatte sie vor dieser Stunde gewarnt, dass er sofort alles abbrechen würde, wenn sie es wagen sollte, nur ein Wort zu sagen, das nichts mit dem Trank zu tun hatte. Von Ablenkungen sexueller Natur einmal ganz abgesehen.

Er hatte dies nicht getan, weil Hermine sonst dazu neigte, ihn beim Brauen zu verführen. Normalerweise unterhielten sie sich zwar vertraut, aber ihre Aufmerksamkeit litt niemals darunter. Heute allerdings ging es nicht nur darum, dass sie aufmerksam waren. Sie mussten wachsam und konzentriert sein.

„Warum ist der Trank während der Zubereitung so leicht entzündlich und explosiv?", fragte er mit scharfer Stimme, als die Mischung vor ihnen in eine zehnminütige Ruhephase ging. Danach musste die geschnittene Drachenlunge hinein.

„Weil er aus einer Reihe der empfindlichsten Zutaten besteht. Sowohl die Luchshaare, als auch das Dianthuskraut und die Eibenrinde sind Stoffe, die mit äußerster Vorsicht gehandhabt werden müssen, da ihre Wirkungen schnell ins Gegenteil umschwingen. Und zusammen mit der Drachenlunge und den Phönixfedern reicht schon eine kleine Unachtsamkeit, damit alles in Flammen aufgeht." Hermine wirkte nervös, während sie den Trank genau im Auge behielt.

Severus nickte zustimmend. Sie hatte ihre Hausaufgaben gut gemacht. Doch eigentlich hatte er auch nichts anderes erwartet. Beziehungsweise hatte er sich alles andere verboten, da sie ihn gestern Abend ziemlich resolut in sein Zimmer verbannt hatte, um lernen zu können. Das einzig Gute daran war gewesen, dass er heute Morgen in den Garten hatte gehen können, ohne dass sie es bemerkt hatte.

„Was mich viel mehr interessiert", setzte sie in diesem Moment an, „ist, warum ein Düngemittel für Rosen so explosive Zutaten enthält. Wer traut sich denn so noch daran, es für ein paar Pflanzen zu brauen?"

Severus feixte. „Du glaubst gar nicht, was auf dem entsprechenden Markt für mit diesem Mittel gedüngte Rosen gezahlt wird. Eben weil das Düngemittel nur von Tränkemeistern mit entsprechender Erfahrung korrekt zubereitet werden kann." Hermine runzelte nachdenklich die Stirn. „Aber die Entwicklung dieses Mittels entspringt einer sehr viel banaleren Geschichte. Ich weiß nicht, wie viel davon wahr ist. Mein Mentor hat sie mir einmal erzählt, aber das Ganze muss etwa zur Gründerzeit Hogwarts' stattgefunden haben und damals hat sich niemand großartig dafür interessiert, Hintergründe wie diese genau zu dokumentieren."

„Muss ja abenteuerlich sein, wenn du vorher schon so viel erklärst", wandte Hermine ein und zog sich den Stuhl unter dem Tisch hervor, um sich darauf zu setzen.

„Ob es abenteuerlich ist, kann ich nicht beurteilen. Es ging – natürlich – um eine Frau." Hermine hob eine Augenbraue. „Alle guten Entdeckungsgeschichten handeln von einer Frau. Und die Umkehrung des Vicissitudo Virtus wird sich in diese Reihe gesellen."

Daraufhin lief sie rot an. „Ein Fehler, für die Ewigkeit bewahrt", murmelte sie.

„Aber natürlich. Nun, bei dieser Entdeckergeschichte ging es jedenfalls um eine Frau, die eigentlich schon in festen Händen war, nämlich in denen des Tränkemeisters. Sie standen kurz vor der Hochzeit, als ein Blumenzüchter in den Ort kam und sämtliche Frauen mit seinen Rosen verzückte. Auch die des Tränkemeisters."

„Natürlich." Hermine kaute auf ihrer Unterlippe und stützte den Kopf in die Hand, während Severus erzählte.

„Der Tränkemeister konnte das nicht zulassen. Er war angesehen im Ort und wenn ihm die Frau so kurz vor der Hochzeit weglief, wäre er das Gespött der Leute. Also hat er einen seiner Diener damit beauftragt, die Rosenbeete des Züchters mit einer Mischung zu beträufeln, die dem Boden die Nährstoffe entzog, so dass die Rosen langsam aber sicher eingingen."

Er unterbrach sich und warf einen kritischen Blick in den Kessel. Ein paar große Blasen waren aufgestiegen, doch der Trank hatte sich wieder beruhigt. Es war allerdings nur eine Frage der Zeit, ehe es eine mehr oder weniger große Explosion geben würde. Hermine hatte schon mehrere Fehler gemacht, die den Trank hinfällig machten. Severus hatte ihr dies noch nicht gesagt; er wollte die Zeit, die sie hatten, nutzen, damit sie die weiteren Schritte schon einmal durchgehen konnte.

„Nach einigen Tagen erzählte man sich im ganzen Dorf von der Tragödie und der Tränkemeister musste erkennen, dass seine Zukünftige am Boden zerstört war. Sie hatte die Rosen wirklich nur um der Rosen Willen geliebt. Also hat er sich hingesetzt und ein Rezept ersonnen, das den Rosen helfen sollte."

„Was es nicht tat", kombinierte Hermine.

Severus nickte, während er den Trank einmal umrührte. „Er braute den Trank und schickte seinen Diener ein weiteres Mal los. Doch es half nicht. Die Rosen gingen weiter ein. Also versuchte er es mit einem gehaltvolleren Mittel."

Hermine seufzte, woraufhin er sie mit einer hochgezogenen Augenbraue ansah. „Wenn das keine Liebe ist… Da zerbricht der arme Mann sich den Kopf für die Rosen des Kontrahenten, nur damit seine Zukünftige glücklich ist."

„Willst du mir auch einen Kontrahenten besorgen, wenn Albus uns rauslässt?"

„Hm, vielleicht."

Er kam nicht mehr dazu, auf ihre Antwort zu reagieren, denn die Zeit, die der Trank ziehen musste, lief ab, wie ein leises Klingeln sie wissen ließ. Severus schob die Schale mit der Drachenlunge zu Hermine, die eine Pinzette zur Hand nahm. „Vorsichtig ein Stück nach dem anderen vom Rand des Kessels aus in die Mischung gleiten lassen", wies er sie mit gefurchter Stirn an und verfolgte jede ihrer Bewegungen mit Argusaugen.

Die Art und Weise, wie sie nun eines der blutigen, roten Stücke nach dem anderen in den Trank gleiten ließ, zeugte von einer großen Geschicklichkeit. Denn obwohl der Trank bereits ruiniert und so leicht entzündlich war, begann er lediglich träge zu blubbern. Eigentlich hatte Severus damit gerechnet, dass er ihnen spätestens jetzt um die Ohren fliegen würde. Ein Grund mehr, ihn aufmerksam zu beobachten.

Hermine atmete erleichtert auf, als das letzte Stück im Trank war. Sie legte die Pinzette beiseite und wischte sich mit dem Ärmel die schweißnasse Stirn. „Das Feuer unter dem Kessel ist bei Tränken dieser Art irgendwie immer noch heißer als sonst", murmelte sie.

Severus hatte allerdings nicht mehr als ein schwaches Lächeln für sie übrig. Er begutachtete die Reaktionen des Trankes aus gebührender Entfernung und zog sie schließlich am Arm neben sich. „Du kannst bei diesem Trank niemals sicher sein, ob er sich nicht doch noch anders entscheidet und deinen Labortisch ruiniert. Nicht bevor er vollkommen abgeschlossen und sicher verkorkt in einer Phiole in deinem Regal steht."

Sie sah ihn mit großen Augen an. „Du machst mir Angst."

„Schön, dass das noch funktioniert", erwiderte er und schaffte es, dabei den alten, schnarrenden Lehrertonfall zu benutzen. Hermine kräuselte die Nase. „Es gibt nicht viel, das gefährlicher in der Zubereitung ist als dieser Trank. Und das meiste, das wirklich gefährlicher ist, gehört in die schwarzmagische Sparte", erklärte er deswegen mit neutraler Stimme weiter.

„Das macht Mut", murmelte sie verdrossen.

Severus lächelte kurz. „Gib es zu, du genießt es, diesen Trank zu brauen."

Erneut sah sie ihn mit diesen riesigen Augen an. Dann jedoch breitete sich ein verhaltenes Grinsen auf ihrem Gesicht aus. „Und wie!"

„Es hätte mich erstaunt, wenn es anders gewesen wäre. Aber dann musst du auch lernen, ihn zu verstehen. Sieh dir die kleinen Schaumkronen an, die sich gebildet haben." Sie tat, was er ihr gesagt hatte. „Wenn sie sich gelb verfärben, solltest du besser das Feuer löschen. Sind sie blau, kannst du es wagen, das Ganze unter strenger Beobachtung noch weiter köcheln zu lassen. Sind sie rot… Nun, dann versuchst du besser gar nicht erst, dein Labor zu retten."

Hermine schluckte. „Severus, ist das gelb oder rot?"

„Ich bin mir noch nicht sicher…"

Ihre Miene panisch zu nennen, wäre eine Untertreibung gewesen.

Dann leuchtete die Schaumkronen rot auf und ein trotz der drohenden Gefahr zufriedenes Lächeln kräuselte Severus' Lippen. „Unter den Tisch!", wies er sie mit scharfer Stimme an und folgte ihr, nachdem sie sich geduckt hatte. Der einzige Ort im Labor, bei dem sie sicher sein konnten, dass er nicht von Tropfen des heißen Trankes getroffen werden würde, war der Boden unter der Tischplatte.

Einige Sekunden warteten sie, dann ertönte ein lauter Knall, gefolgt von einem abenteuerlich klingenden Platschen. Hermine schnaufte leise. „Was für eine Sauerei..."

„Ich dachte, nach einem Schuljahr neben Longbottom wärst du so etwas gewohnt gewesen." Er feixte, konnte jedoch nicht der Versuchung widerstehen, sich ihren wild verknoteten Haaren ein kleines Stück zu näheren.

„Das ist doch schon so lange her..." Ein etwas wehmütiger Ausdruck schlich über ihr Gesicht, bevor sie sich abwandte und wieder unter dem Tisch hervorkroch. „Ist der Trank jetzt entschärft, oder müssen wir immer noch vorsichtig sein?", fragte sie, als sie bereits wieder stand und sich den Staub von der Hose klopfte.

„Vorsicht ist niemals verkehrt." Er folgte ihr mit knackenden Knien und zog die Nase kraus, als er das Chaos auf dem Tisch sah. „Aber ich denke, da wird nicht mehr viel passieren."

„Merlin sei dank", nuschelte Hermine.

„Wie sieht es aus, hast du Lust, die Reste genauer zu analysieren?" Er wusste, dass sie sich ihre Fehlschläge gerne noch einmal in Ruhe ansah und dabei gleich ihr Repertoire an Analysezaubern auffrischte.

„Im Prinzip schon, aber ehrlich gesagt lieber nicht mehr heute."

„Dann kühle den Trank langsam ab, damit ich die brauchbaren Reste in eine Phiole füllen kann." Seine Blicke glitten skeptisch über die verschmolzenen Überreste des Kessels, in denen kleine Pfützen dreckig grünen Trankes schwammen.

Während Hermine seinen Anweisungen folgte, wandte Severus sich zum Regal um und suchte einige Phiolen heraus. Sie achtete gar nicht weiter darauf, was er tat, sondern hielt ihre Aufmerksamkeit auf den Trank konzentriert. Eine kleine Zahl schwebte darüber in der Luft. 67° Celsius zeigte sie momentan an und sie sank weiter. Bei 45° Celsius hielt Severus sie auf. „Das genügt. Zu schnelles magisches Abkühlen könnte etwas am Trank verändern, was nicht unserem Tun entspänge."

Hermine machte ihm Platz und Severus zog seinen Zauberstab, um die Pfützen auf magischem Wege in die Phiole zu befördern. „Warum kippe ich den Trank nicht durch einen Trichter?", fragte er dabei.

„Damit er nicht unnötig bewegt und womöglich doch noch gereizt wird." Sie klang etwas abwesend, doch die Antwort war natürlich richtig. „Wie ging die Geschichte mit dem Tränkemeister eigentlich aus?"

Severus setzte zum Sprechen an, doch er kam nicht mehr dazu, ihr zu antworten. Er wusste im Nachhinein nicht mehr, woran es gelegen hatte. Möglicherweise hatte er zu viele Dinge auf einmal getan – Hermine antworten, die schwerer werdende Phiole fester greifen und den Zauberstab über dem Kessel kreisen lassen. Jedenfalls spürte er an seiner Hand, dass der Trank urplötzlich an Hitze zunahm. Die Zahl in der Luft schoss so rasend in die Höhe, dass die einzelnen Werte nicht zu erkennen waren. Das letzte, was er mitbekam, war Hermines Warnung – leider viel zu spät.


TBC...