Tanja: Gwathiel kommt in diesem Kapitel noch nicht vor – aber dass sie wieder auftaucht, steht definitiv außer Frage. Und glaub mir – ich freue mich als Autorin genauso auf das Zusammentreffen wie Du als Leserin. Danke für die Review!

Gwiwi: Der Brief taucht in Kapitel 31 ‚Ein Brief aus der Heimat' auf.

Little Lion: Ich denke Boromir wird keinesfalls aus dieser Geschichte verschwinden. Ich hoffe Du wartest mit mir zusammen ab, was sich da noch entwickeln mag?!

Lady-of-Gondor: An Dich einfach nur ein DANKE+knuddel+


Kapitel 35

Momente der Erkenntnis

Glîwen erwachte mit steifem Nacken und zu Tode erschöpft, als jemand an der Tür klopfte. Der lange Ritt nach Lorien und die überwältigenden Eindrücke ihrer alten und neuen Heimat hatten ihre Kräfte ausgezehrt und so zog sie sich die Decke über den Kopf, rollte sich zusammen und hoffte, dass der Besucher wieder fortgehen würde. Es war zwar bereits heller Tag, aber Glîwen fühlte sich, als hätte sie nur eine Stunde geschlafen – und das auf einem haradischen Nagelbrett.

Doch das Pochen an der Tür war überaus hartnäckig und so seufzte Glîwen und glitt aus dem Bett, um sich Hemd und Hose anzuziehen. Ihr störrisches Haar, das dringend einer Wäsche bedurfte, mit einer Hand zusammenfassend, öffnete sie mit der anderen Hand die Tür und spähte hinaus. Müde ins milde Herbstsonnenlicht blinzelnd, erblickte sie Haldir, der ein Bündel in der Hand trug und ein wenig ungeduldig wirkte.

„Ich wollte Dich nicht stören, verzeih. Früher bist Du immer -." Er stockte und ein Ausdruck tiefer Verlegenheit machte sich auf seinem Gesicht breit, ersetzte seine Ungeduld, als er begriff, dass es passiert war – dass sie Maßstäbe der Vergangenheit für einen gegenwärtigen Zustand nutzten.

„Ja, früher war ich ein Frühaufsteher, aber da hatte ich auch keine eiligen Ritte über mehrere Tage hinter mir." Obwohl ihre Worte nicht als Kritik gemeint waren, klangen sie doch schärfer als beabsichtigt und sie hätte sich auf die Zunge beißen mögen, als sie bemerkte, dass er etwas vor ihr zurückwich. „Es tut mir Leid", beeilte sie sich zu sagen und biss sich verlegen auf die Unterlippe. „Komm bitte herein."

Sie hielt ihm die Tür auf und er folgte ihr, ebenso zögerlich wie am vergangenen Abend sein jüngerer Bruder. Sein Blick glitt durch den Talan, über die von den Tüchern befreiten Möbel, das zerwühlte Bett und Glîwen, die sich durch diese Musterung unwohl zu fühlen begann und sich beeilte, etwas Ordnung an sich selbst und im Raum zu schaffen.

Haldir räusperte sich, gerade, als sie sich anschickte, ihr Bett zu machen und als sie ihn anblickte, sah sie ihn warm und gewinnend lächeln.

„Du musst nicht nur wegen mir aufräumen. Dies ist jetzt Dein Talan und hier kannst Du tun und lassen, was Du willst. Thindians Geist geht hier sicherlich nicht um, auch wenn ich ihn eben zu spüren vermeinte." Er hob die breiten Schultern und Glîwen, die gerade etwas antworten wollte, bemerkte auf einmal, dass ihr aus einem unerfindlichen Grund die Worte im Hals stecken blieb. Sie konnte es nicht erklären, aber es erschien ihr, als wäre in diesem Moment ein Bild, das sie sich von ihrem Vater in den vergangene Jahren gemacht hatte, von ihm abgeglitten und durch die Realität ersetzt worden. „Ich habe Dir einige Sachen mitgebracht."

„Danke", murmelte Glîwen gedankenverloren und stellte erst dann fest, dass er ihr das in grauen Stoff eingeschlagene Bündel bereits entgegenhielt. Sie legte es auf die Kommode, an der sich ihre Großmutter jeden Morgen zu Recht gemacht hatte und packte es aus. In diesem Moment war sie froh darüber, dass Haldir ihr Gesicht nicht sehen konnte, denn Glîwen war die Röte in die Wangen gestiegen. „Du kannst wirklich Gedanken lesen", stellte sie im nächsten Moment fest und drehte sich wieder zu ihm um. Er hatte ihr frische elbische Kleidung und Essenzen für das Bad gebracht, das sie so dringend nötig hatte. Doch erneut stolperte sie über ihre Worte, denn als sie ihn ‚Vater' nennen wollte, konnte sie es nicht. Er schien es nicht zu bemerken – vielleicht wollte er es auch nicht bemerken. Anhaltspunkt dafür war das beredete Schweigen, das sich zwischen ihnen ausbreitete und den Raum zwischen ihnen einnahm, bis Glîwen schließlich allen Mut zusammennahm. „Also, nochmals Danke. Ich weiß das zu schätzen, dass Du Dir Gedanken um mich machst."

Haldir, der in die Betrachtung des Fußbodens hinter Glîwen versunken gewesen war, hob den Kopf und lächelte erneut, versonnen, nachdenklich – vielleicht auch ein wenig wehmütig. Über seinen Augen, deren klares Blau Glîwen fast vergessen zu haben meinte, lag ein schwer zu benennender Schleier der Distanz.

„Das ist das Geringste, das ich tun kann und will. Aber ich fürchte, dass ich vielleicht zu viel erwartet habe." Er sah so geknickt aus, dass ihm Glîwens Herz zuflog.

„Das haben wir beide - Ada", sagte sie leise.

xxx

‚Vielleicht bin ich töricht', dachte Glîwen und durchschwamm das natürliche Becken, das sich vor einer der lorischen Quellen gebildet hatte. Schon als Kind hatte sie mit ihrer Großmutter darin geplanscht und als Jugendliche war es ihr riesig groß erschienen, doch noch erging es diesem Ort wie allen anderen aus Glîwens Erinnerungen – er schrumpfte in ihrer Wahrnehmung. Doch während Orte kleiner wurden, wurde die Bedeutung von Dingen, über die sie sich selten bis niemals Gedanken gemacht hatte, immer größer.

Sie rollte sich im Wasser auf den Rücken und ließ sich treiben, die Augen geschlossen und das jähe Spiel aus Licht und windbewegten Blätter genießend, das bis unter ihre Lider vordrang.

Seit sie wieder in Lorien war, hatte sie damit nach und nach begonnen, diesen Ort in Gedanken nicht mehr mit einem‚Zuhause' gleichzusetzen und das störte sie sehr. Vor allem aber ging es ihr nahe, dass es an sich nicht die Schuld ihrer Familie oder des Waldes war. In Lorien war alles unveränderlich und ewig und die Elben wie eingefroren in eine Blase aus Zeit, die nichts berühren konnte. Haldir und seine Brüder waren noch immer groß gewachsene, sehr attraktive Männer, die Bäume noch immer groß und wunderschön anzusehen im Morgenlicht. Was sich verändert hatte, war sie selbst und alles andere war gezwungen, sich ihr anzupassen – ihrem Verhalten, ihrer Wahrnehmung, ihrem Körper.

An diesem Tag war es ihr besonders am Verhalten ihres Vaters aufgefallen – und an ihrer unerwarteten Reaktion auf ihn. Zu bemerken, dass er ein überaus anziehender Mann war, erschien ihr wie ein niemals wieder gut zu machender Frevel – hatte sie diesen Mann doch bei ihrem letzten Zusammensein noch mit der glühend unschuldigen Liebe einer Tochter bedacht. Doch damals war sie ein Kind gewesen-.

Es musste der jähe Schock der Erkenntnis sein, die andere Kinder im Lauf vieler Jahre gewinnen durften, für die sie aber nur wenige Augenblicke Zeit gehabt hatte, der ihr Verhalten erklärte. Er hatte es ihr nicht möglich gemacht, die natürliche Distanz, die eine Tochter zu ihrem Vater empfinden sollte, aufzubauen. Selbst Haldirs unverändertes Erscheinungsbild half Glîwen nicht dabei, ein neues Denkungsschema entwickeln zu können und ihn wieder mit den unschuldigen Augen eines Kindes sehen zu können. Das gab ihr zu denken und so fragte sie sich – und das nicht das erste Mal seit dem vergangenen Abend – ob ihre Rückkehr nach Lorien wirklich eine so gute Idee gewesen war. Vor allem aber schämte sie sich, weil eine Stimme in ihrem Kopf anmerkte, dass Haldir keineswegs ihr leiblicher Vater war.

Mit erneut brennendem Gesicht tauchte sie unter Wasser und genoss, wie die verwirrend neue alte Welt verschluckt wurde, der dumpfen, verzerrten Stille der Einsamkeit wich. Erst als ihre Lungen protestierten, tauchte sie wieder auf und schwamm ans Ufer zurück. Dort wusch sie sich die Haare mit einer der Essenzen, die Haldir ihr gegeben hatte, dann stieg sie ans Ufer und schlüpfte sie aus dem nassen Unterkleid, das ihr zwar auf der Reise gute Dienste geleistet hatte, das aber gerade nur noch zum Schwimmen und dann für das Feuer geeignet war. Sie trocknete sich ab und schlüpfte in den grauen Rock und die bestickte, weiße Tunika, die sie aus dem Bündel entnahm. Sich im Moos niederlassend und den Frieden des Waldes und des Teiches genießend, begann sie mit dem ebenfalls in dem Bündel enthaltenen Kamm Kletten, Knoten und den letzten Reisestaub aus ihren Haaren zu entfernen.

Ihre Gedanken wanderten erneut zu der Begegnung mit ihrem Vater an diesem Morgen. Sein Gesichtsausdruck, als sie ihm mehr als deutlich gemacht hatte, dass alten Erfahrungen miteinander vielleicht nicht mehr zählten, würde ihr unvergesslich bleiben. Glîwen seufzte leise und fragte sich, ob er in diesem Moment über genau dieselben Probleme nachgrübelte wie sie. Ihr Leben erschien ihr momentan wie eine zu große Tunika, die man ihr einfach übergestülpt hatte und die nicht passen wollte, ganz gleich, wie sie sich recken und strecken konnte. Also war es Zeit für eine neue Tunika – ein neues Leben, das zwar auf ihrem alten aufbaute, aber sich daran orientierte, dass sie die vergangenen Jahre nicht in Lorien verbracht hatte. Es würde nicht einfach werden und vor allem konnte sie es nicht alleine schaffen. Sie musste mit Haldir reden und das, was zwischen ihnen noch beschwiegen wurde, ansprechen.

Entschlossen erhob sie sich und packte ihre Sachen zusammen. Dann machte sie sich auf den Weg, um Haldir zu suchen.

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„Ich habe mich wie ein Dummkopf benommen", seufzte Haldir und beobachtete seinen Bruder Rumil, der ungerührt einigen Fisch die Köpfe abhackte. Sie hatten die Forellen aus einem der Fischteiche außerhalb von Caras Galadhon geholt und Rumil beschäftigte sich seitdem damit, zuzuhören, zu brummeln und seine berühmte Fischsuppe zu kochen. Nachdem sie alle Zutaten besorgt hatten, hatten die beiden Brüder eine der ebenerdigen Kochstellen aufgesucht, die zur mittäglichen Zeit stark frequentiert wurden. Um die kostbaren Mallorn-Bäume vor der Brandgefahr zu schützen, hatte Galadriel von langer Zeit dafür gesorgt, dass windstille Plätze zwischen den Wurzeln mit Tischen und einer gemauerten Feuerstelle ausgestattet wurden. Über ein Seilbahnsystem konnten die frisch gekochten Mahlzeiten in die Baumkronen und zu den Talanen transportiert werden. Rumil kochte gerne und hatte in den vergangenen Jahren auch die nötige Ruhe für diese Kunst gefunden. Nachdem er den Fisch ausgenommen, filetiert und klein geschnitten hatte, warf er die Stücke in den Kessel über dem Feuer, aus dem es nach Kräutern und Gemüse duftete.

„Hm", meinte er und rührte stirnrunzelnd um. „Noch nicht ganz perfekt."

„Kann es sein, dass Du mir nicht zugehört hast?", erkundigte sich Haldir und nun war es an ihm, die Stirn in Falten zu legen. „Ich habe ein Problem!"

„Oh, ich weiß das", gab Rumil zurück und probierte die Suppe, bevor er noch einige Kräuter zugab. Den Kochlöffel wie einen Marschallsstab schwenkend, wies er dann mit dem Küchengerät auf Haldir. „Und das Problem wirst Du noch länger haben, wenn Du es nicht offen mit Glîwen ansprichst. Es bringt rein gar nichts, zu warten und zu hoffen, dass sich gewisse Fragen stillschweigend regeln lassen. Sie ist eine Andere und ganz gleich wie sehr wir und wie sehr sie sich bemühen wird, nichts wird mehr so sein wie früher. Wir dürfen nicht mehr jene Dinge von ihr erwarten, die sie als Kind ausgezeichnet haben, denn sie ist erwachen und hat bisher ein Leben ohne uns geführt – ein Leben, das vielleicht nicht immer schön war, aber das tut nichts zur Sache. Und da wir gerade davon reden, dass sie erwachsen ist - als ich sie an der Grenze wiedergesehen habe, war es ein Schock für mich, sie auf einmal als Frau zu erleben und nicht mehr als Mädchen. Andere Männer haben jahrelang Zeit, um sich an so etwas zu gewöhnen und wir hatten bisher nur zwei Tage. Da verschwimmen die Grenzen sicherlich allzu leicht."

„Willst Du damit sagen, dass Du sie attraktiv findest?" Haldir konnte den drohenden Unterton in seiner Stimme nicht unterdrücken. Doch Rumil verdrehte lediglich die Augen und lächelte fröhlich.

„Natürlich finde ich sie attraktiv. Bin ich blind oder verheiratet – so wie Du?"

In die letzten Worte legte er eine besondere Betonung, bei der sich Haldirs Nackenhaare aufstellten.

„Willst Du mir etwas unterstellen?", erkundigte er sich, einen Wutausbruch gerade eben unterdrückend. Rumil schüttelte den Kopf und hob abwehrend die Hände, dann seufzte er tief und setzte sich neben seinen Bruder auf die Holzbank.

„Nein, ich unterstelle Dir nichts", sagte er sanft. Sein Tonfall bewirkte, dass Haldir sich augenblicklich beruhigte und sich seines Ausbruches zu schämen begann. Manchmal pflegte er zu vergessen, dass Rumil nicht mehr jener Spötter war, der er noch vor ein paar Jahren gewesen war. „Aber ich erinnere Dich daran, dass Gwathiels Besuch in Bruchtal nicht ewig dauern wird und dass Du vor derselben Situation stehen wirst wie vor Glîwens Entführung – vielleicht sogar vor einer schlimmeren Situation. Gwathiel war schon immer eifersüchtig auf Glîwen. Und jetzt stell Dir vor, was geschehen wird, wenn Deine Verbundene dieses exquisite weibliche Wesen an Deiner Seite vorfindet und bemerkt, dass zwischen Dir und Glîwen wieder eine große Nähe herrscht. Sie wird außer sich sein."

Haldir nickte nachdenklich und blickte schwermütig zu Boden. Er hatte zugegebenermaßen Gwathiel und ihre Reaktion auf die Rückkehr seiner lange vermissten Tochter ausgeblendet, um die Probleme nicht zu sehen, die sich daraus ergeben würden. Dass er seiner Verbundenen damit Unrecht tat, war ihm vollends bewusst und die Tatsache stellte einen Grund mehr für ihn dar, sich zu schämen. Gwathiel war nun schon so lange Teil seines Lebens, dass er nicht mehr wusste, wie er ohne sie zurecht kommen sollte, andererseits war es so, dass sie ihm schon fast selbstverständlich erschien. Er freute sich stets an ihrer Gegenwart und den Bund mit ihr einzugehen war eine für ihn logische Entscheidung gewesen, denn welche Ansprüche konnte man mehr an einen Partner stellen als Vertrautheit, Zuneigung und gegenseitigen Respekt? Sie war in seinen schwersten Zeiten bei ihm gewesen und hatte ihn unterstützt. Damit hatte sie all die Boshaftigkeiten, die sie gegen Glîwen begangen hatte, in seinen Augen gesühnt. Zudem war es in der Vergangenheit geschehen und er hoffte auf eine friedliche Zukunft mit Gwathiel an seiner Seite. Er war kein junger Elb mehr, kein Krieger in vorderster Front, der sich durch den Kampfesrausch zu überbordenden Gefühlen leiten ließ. Warum also sollte er nicht mit dem zufrieden sein, was er hatte und darauf bauen, dass alles sie blieb, wie es war? Er konnte sich selbst keine Antwort auf diese Frage geben, warum er den Gedanken an Gwathiel so rigide aus seinem Bewusstsein gedrängt hatte, und nahm sich vor, sich bei Gwathiel für seine Untreue des Gedankens zu entschuldigen.

Die offenen Fragen wollte er mit Glîwen so bald wie möglich klären, um sein Gewissen und seine Gedanken zu beruhigen, die sich einfach nicht in geordnete Bahnen und damit zum Schweigen bringen ließen.


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