Die zweite Chance

Fanfiction von Slytherene


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Danke schön an Textehexe, Spitzohr, Sally S., Reditus Mortis und Moonlight für Eure Reviews! Alcina, danke für den wahren Review-Marathon!

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Liebe Leserinnen,
es hat ein bisschen länger gedauert mit dem Update, sorry. Aber die letzten zwei Wochen war schlicht viel los bei mir, auf der Arbeit mussten Kranke ersetzt werden , es gab ein Cossplay, und ich hatte Besuch…
Aber dafür geht es jetzt weiter, und Remus beweist mal wieder die innere Stärke und den Mut, für die wir ihn so mögen – und eine Spontaneität, die eher nicht zu erwarten war.


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Beta-gelesen von TheVirginian, muchas gracias!

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Dolores

War between her and the dark creatures
She needs someone to blame
In the end, little she can do alone

She believes but what she sees
She receives but what she gives

(frei nach Nightwish)

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35. Alte Feinde, neue Wege

„Remus!"

„Merlin, Moony, hörst du mir überhaupt zu?"

Tonks' und Sirius' Rufe holten ihn unwiderruflich in die Gegenwart zurück. Er blinzelte und angelte dann nach der Teetasse auf seinem Nachttisch.

„Also, wie läuft es denn nun mit deinem Sohn?", beharrte Tonks unsensibel, dafür jedoch nicht minder gut gelaunt und neugierig.

„Wir hatten ein paar gute Gespräche", antwortete Remus ausweichend.

„Was für Gespräche? Du hast mir gar nichts davon erzählt!", protestierte Sirius sofort.

Aufseufzend ließ Remus die Tasse sinken. „Padfoot, es ist wirklich…persönlich."

„Aber ich bin dein bester Freund. Dein einziger, außerdem", jammerte er.

„Der beste: ja. Der einzige: Merlin sei Dank, nein", erwiderte Remus. „Wisst ihr, ich muss erst selbst mit diesen Dingen klarkommen. Da ist soviel Neues, das auf mich einstürzt. Mit Ende dreißig Vater zu werden, von einem Augenblick zum anderen, ist nicht so einfach."

„Du bist doch den Umgang mit Jugendlichen gewöhnt", warf Sirius ein. „Du bist der beliebteste Lehrer in Verteidigung seit Schülergedenken."

„Schüler und der eigene Sohn sind sicher ein enormer Unterschied", gab Tonks zu bedenken. „Aber Remus: Harry liebt dich, und du bist nicht einmal sein Pate. Er ist im gleichen Alter wie dein Sohn. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Matti anders über dich denkt als Harry. Ich meine, schlechter, verstehst du?"

Remus verstand sie genau. Doch sie hatte ja keine Ahnung, Tonks mit ihren dreiundzwanzig Jahren. Was wusste sie, aufgewachsen bei liebenden Eltern, über die Einsamkeit eines Kindes? Was wusste er selbst, genau genommen, davon?

Nachdem er im Feldlazarett wieder zu sich gekommen war, hatte er sich den vielfältigen Aufgaben, die auf ihn einstürzten, nicht entziehen wollen. Wie viele andere war er eigentlich zu schwer verletzt, um herumzuhumpeln und Listen der Verstorbenen anzufertigen oder völlig verstörte Teenager zu trösten, die den Umfang des Blutzolls nicht begreifen wollten und konnten. Doch er hatte über Jahre die schriftlichen Angelegenheiten des Ordens geregelt und Schüler betreut, er würde nicht damit aufhören, nur weil sein Knie schmerzte oder seine Schulter noch verspannt war.

Als Poppy ihn schließlich beim verbotenen Wald aus dem Verkehr zog, wo er die Namen der toten Werwölfe auflistete, war ihr Gesicht vor Zorn gerötet.

„Glaubst du nicht, dass all die, die sich jahrelang hinter Akten in Ministerialstuben versteckt haben, jetzt besser geeignet sind, um tote Werwölfe zu katalogisieren, Remus Lupin?", fuhr sie ihn an.

Ihr Stab huschte über seinen Körper, und das orange Leuchten verhieß nichts Gutes.

„Einige von ihnen kannte ich. Niemand wird sich darum scheren, wer sie waren", gab er zur Antwort, während er sich bemühte, eine Liste aufzuheben, die ihm aus der Hand geglitten war. Die Tinte drohte im nassen Schnee zu verwischen.

„Dir kann es ja wohl egal sein", schnauzte sie zurück, um dann versöhnlicher hinzuzufügen: „Keine Sorge, Umbrigdes Bürokratie funktioniert weiterhin einwandfrei. Ein Team aus ihrer Abteilung ist bereits unterwegs." Die Heilerin seufzte, als sie Remus' jetzt in Zorn verzogene Miene sah. „Du kannst dir nicht vorstellen, was für Mühen Mr. Laaksonen von der finnischen Botschaft mit Dolores hat. Sie versucht tatsächlich, die Sirene in Haft nehmen zu lassen. Es ist nämlich verboten, Dunkle Kreaturen einfach so hinzuschlachten. Ausgerechnet Umbridge hat sich erdreistet, Dumbledore heute Vormittag darauf hinzuweisen. Und sie hat von Mrs. Nykänen die Auslieferung ihrer Mutter verlangt. Heute Nachmittag, das heißt eigentlich, gerade im Moment - ist im Ministerium die Anhörung deines Sohnes."

Remus blieb der Mund offen stehen. Das erfuhr er so nebenbei, ein paar Meter vom Verbotenen Wald entfernt, zwischen dreihundert Leichen?

„Ich habe eben erst Kenntnis davon bekommen", erklärte Poppy beruhigend. „Ich fand, jemand sollte es dir sagen. Aber Remus, wenn du meinen Rat als Heilerin willst, deine Verletzungen…"

Remus packte sie an den Schultern und drückte ihr einen Kuss auf die faltige Wange. „Danke, Poppy. Du bist eine echte Freundin. Heute Abend werde ich ein vorbildlicher Patient sein, versprochen, aber jetzt muss ich nach London."

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Die Disapparition kostete Remus einiges an Kraft, erstaunlicherweise mehr, als er aufbieten musste, um an den Wachen im Ministerium in Umbridges Abteilung vorbei zu kommen. Dabei war es ganz hilfreich, dass ausgerechnet Skeeter ihn neben Dumbledore, Potter und Snape in einem mehrseitigen Artikel zum Helden gekürt hatte, der Voldemort vor den Augen hunderter Zeugen die Stirn geboten hatte. Zudem musste Tonks mit ihren Kollegen gesprochen haben. Die Auroren machten ihm anstandslos Platz, und auch Umbridges graubekittelte Kampftruppe ließ ihn – wenn auch unwillig – passieren. Mit vor unterdrücktem Zorn zitternden Händen stieß Remus die Tür zu der Amtsstube auf. So viele Jahre hatte er sich vor dieser Abteilung des Ministeriums geduckt! So viele Chancen hatten ihn Umbridges ungerechte Gesetze gekostet! Er würde nicht zulassen, dass sie dasselbe mit seinem Sohn tat.

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Matti lehnte in entspannter Haltung an einem der Büroschränke. Er trug Muggelkleidung, und ohne die nietenbesetzten Stiefel und den fellverbrämten Umhang wirkte er deutlich jünger. Neben ihm stand Eero Laaksonen mit ernstem Gesichtsausdruck.

An einem breiten Schreibtisch aus Mahagoni, hinter dem sie fast verschwand, hockte Umbridge auf mindestens drei Kissen, und nur das auffällige Rosa ihrer Robe rückte sie sofort ins Blickfeld jedes Eintretenden. Rechts und links von ihr saßen ihr Untersekretär und ein weiterer Zauberer, der eine der grauen Uniformen der Exekutiveinheit trug. Remus schauderte unwillkürlich, als er ihn sah. Nach jedem Vollmond hatte er das Auftauchen einer dieser Uniformen am Morgen gefürchtet. Er hielt in der Tür inne.

Umbridge gegenüber saß ein großer Mann mit kurzgeschorenem grauen Haar und einer zweireihigen Nadelstreifenrobe. Der Fremde schob Umbridge eben ein Pergament mit Paragrafen zu.

„Wie Sie sehen, besteht Ihrerseits überhaupt keine Zuständigkeit für meinen Mandanten. Mr. Nykänen ist weder ein Werwolf noch eine Sirene."

„Er hat zugegeben, sich in einen Wolf zu verwandeln", beharrte Umbridge störrisch.

„Definitionsgemäß ist eine Werwolf eine Dunkle Kreatur, die dadurch gekennzeichnet ist, dass sie sich an Vollmond zwanghaft und unter Verlust jeder Rationalität in eine wolfsähnliche Bestie verwandelt, die einen das Gemeinwohl gefährdenden Jagdtrieb entwickelt", zitierte Remus den einschlägigen Paragrafen. Er kannte ihn auswendig.

Umbridge blieb der Mund vor Schreck und Überraschung offen stehen. Aller Augen wandten sich ihm zu. In Mattis Blick leuchtete etwas auf, und er lächelte. Remus stockte für einen Moment der Atem. Der Junge hatte das Lächeln seiner Mutter.

Der Zauberer im grauen Zweireiher erhob sich. „Das hätte ich nicht besser definieren können, und ich habe immerhin magisches Recht studiert. Sie müssen Mr. Lupin sein. Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle? Mein Name ist Reprobate Lawbender. Ich bin Anwalt und meine Kanzlei vertritt die Familie Nykänen bereits seit vierhundert Jahren, wann immer Rechtsberatung in Großbritannien erforderlich wird."

„Normalerweise vertritt er Lucius Malfoy", ergänzte Matti mit spöttischem Unterton. „Sorgen sind somit völlig unbegründet."

„Todesser und Werwölfe", zischte Umbridge. „Das ist wirklich eine feine Allianz."

Remus fand, ihr Argument war nicht von der Hand zu weisen.

„Mein Mandant verwandelt sich völlig unabhängig vom lunaren Zyklus", erläuterte Lawbender der wütenden Umbridge ruhig. Ganz offenbar ärgerte sie sich maßlos darüber, dass sie einem vermutlich gewieften Rechtsverdreher gegenüber saß. Wenn Lawbender Malfoys Anwalt war, beherrschte er sein Metier sicher hervorragend. „Dabei befindet er sich im Vollbesitz seiner geistigen und moralischen Kräfte."

„Ich kann's gerne vorführen", bot Matti mit kühlem Ton an.

Umbridge schnaubte empört. „Unterstehen Sie sich, junger Mann. Ich will kein Vieh hier in meinem Büro. Lupins Anwesenheit ist völlig ausreichend. Was wollen Sie eigentlich hier?", wandte sie sich ihm zu.

Mister Lupin", mischte sich Eero ein, „ist ein Freund der Familie Nykänen."

Ein warnender Blick aus seinen grauen Augen traf Remus, dem in genau diesem Augenblick klar wurde, dass er Matti hier mehr schaden als nützen konnte. Wenn Umbridge erfuhr, dass er Mattis Vater war, würde sie keine Ruhe geben, bis sie irgendeinen verqueren Paragrafen hervor gezerrt hatte, der dem Jungen zum Nachteil gereichte.

„Ein Zauberer, der sich auf Wunsch und ohne Benutzung seines Stabes, unter Mitverwandlung seiner Kleidung in ein bestimmtes oder beliebiges Tier verwandelt, ist definitionsgemäß ein Animagus", ergriff Lawbender wieder das Wort. „Im Umkehrschluss sind Sie nicht zuständig, Miss Umbridge."

„Laut Auskunft der kanadischen Behörden ist Ihr Mandant nicht als Animagus registriert", konterte Umbridge.

„Die Registrierung erfolgte in Finnland", wandte Laaksonen ein.

„Bisher konnten Sie nicht einmal beweisen, dass Mr. Nykänen finnischer Staatsbürger ist", giftete Umbridge zurück.

Remus sah sofort an den Gesichtern der Anwesenden, dass sie einen Treffer gelandet hatte.

„Die Mutter meines Mandanten kümmert sich derzeit um die Dokumente, die dies belegen", erklärte Lawbender.

„Schön", gab Umbridge spitz zurück. „Bis diese hier sind, steht ihr Mandant unter dem Gewahrsam des Ministeriums."

Laaksonen verdrehte sie Augen.

„Benennen Sie einen Kautionsbetrag", forderte Lawbender kühl. Seine professionelle Ruhe nahm der Situation die Spitze. Remus hatte das Gefühl, dass dieser Mann immer noch einen Trumpf aus dem Ärmel ziehen konnte, in jeder Lage.

„Einen Kautionsbetrag benennen? Das kann ich nicht", gab Umbridge triumphierend zurück. „So gerne ich Ihnen entgegen kommen würde, Mr. Lawbender. Es besteht Fluchtgefahr." Ein süffisantes Lächeln spielte um ihre dünnen Lippen.

Remus ballte die Faust.

„Ei, Isä", warnte Matti. Ihre Blicke trafen sich. „Es kann nicht lange dauern, bis Mutter wieder hier ist. Unser Name öffnet jede Tür in Helsinki."

„Du meine Güte, ein Statusbewusstsein wie die Malfoys. Jetzt ist mir auch klar, warum Sie hier sind, Lawbender", rief der Uniformierte neben Umbridge ärgerlich aus. Er wandte sich an seine Vorgesetzte. „Sie waren alle dort, damals im St. Mungos, als der alte Malfoy starb. Ich erinnere mich genau: Sie, Mr. Laaksonen. Die junge Miss Nykänen, die Mutter des Beschuldigten. Lucius Malfoy und seine spätere Frau Narcissa, damals noch eine Black. Dazu ihr Cousin Sirius Black, der verurteilte Mörder. Damals natürlich noch auf freiem Fuß. Und Sie, Lupin, Sie waren doch mit Black befreundet." Er runzelte die Stirn. „Sie waren damals auch dort. Malfoys Verlobte hat Sie als Heiler angesprochen, doch das waren Sie nie. Ein Werwolf darf ja Merlin sei Dank nicht einmal studieren."

„Zweifellos ein Akt der Diskriminierung", erklärte Laaksonen nüchtern.

Doch er konnte den uniformierten Zauberer nicht ablenken. Dieser starrte mit gerunzelter Stirn in Mattis kanadischen Pass, dann wieder von dem jungen Finnen zu Remus. „Das war im Januar 1990. Sie sind im Juli geboren, nicht wahr, Mr. Nykänen?" Er blätterte in dem Pass. „Hier steht ‚Vater unbekannt'. Nun, Mr. Nykänen, ich denke, ich habe eine Idee, wieso Ihre Animagusgestalt die eines Wolfes ist."

„Wieso denn?", erkundigte sich Umbridge, die nicht begriff.

Die Miene ihres Kollegen blieb neutral, nur um den Mund verriet ein harter Zug seine Ungeduld.

„Nun, Lupin hier, von dem wir sicher wissen, dass er ein Lykantroph ist, taucht plötzlich bei dieser Anhörung auf. Wölfe neigen doch dazu, ihre Welpen zu schützen, koste es, was es wolle."

Erkenntnis flackerte in Umbridges Gesicht, und ein Lächeln, das zwischen süßlicher Zufriedenheit und Gemeinheit schwankte, umspielte ihre Lippen.

„Das ist doch Unsinn", entgegnete Lawbender kühl. Sein Gesichtsausdruck verriet keine Regung. „Warum sollte sich eine junge Frau aus einer der ältesten reinblütigen Familien Finnlands mit einem Werwolf…"

„Reinblütig?", höhnte Umbridge. „Sie meinen wohl, wenn man außer Acht lässt, dass klauenfüßige Monster in die Linie eingekreuzt werden. Wir haben immerhin Krallenspuren in den Leichen einiger toter Lykantropher gefunden. Diese armen Wesen hatten ja keine Chance", heuchelte sie Anteilnahme. „Aber jetzt sehe ich klarer. Zwei verschiedene Dunkle Kreaturen ziehen einander natürlich magisch an. Sie sind das Produkt einer illegalen Verbindung, Mr. Nykänen. Sie dürften gar nicht am Leben sein. Nach englischem Recht…"

Ohne Vorwarnung war Remus halb über den Tisch gehechtet und hatte Umbridge am Kragen ihrer rosa Kostümjacke gepackt. Grob zerrte er sie auf seine Seite des Schreibtischs. Noch während er dies tat, war ihm klar, dass er einen kapitalen Fehler beging. Wenn er sie sofort losließ und sich in aller Form entschuldigte, konnte er vielleicht noch glimpflich mit ein paar Monaten Askaban davon kommen. Doch er hatte nicht das geringste Bedürfnis, sich zu entschuldigen. Diesmal nicht!

„Sie werden sich aus Mattis Leben heraushalten", knurrte er, während er sie losließ. „Er ist kein Werwolf, und selbst wenn er einer wäre… Ich werde nicht dulden, dass Sie ihm antun, was Sie mir und unzähligen anderen angetan haben. Das Maß ist voll, Miss Umbridge."

„Sie drohen mir!", rief sie mit sich überschlagender Stimme. „Das war ein tätlicher Angriff! Das werden Sie mir büßen, Lupin. Ich werde Ihnen im Nacken sitzen, bis Sie und dieser ganze Abschaum widernatürlicher Kreaturen in Askaban verreckt. Für so was wie euch ist eine Silberkugel das einzige Mittel. Ich werde…"

„Sie werden meinen Sohn sofort aus Ihrem Gewahrsam entlassen", sagte eine kühle Stimme von der Tür her.

Sanni betrat den Raum und reichte Lawbender einen ganzen Stapel Dokumente. „Würdest du bitte magische Kopien anfertigen, bevor wir sie aushändigen, Reprobate?"

Laaksonen warf einen Blick auf die Pergamente. Eines davon nahm er, unterschrieb und versah es mittels seines Zauberstabs mit einem Siegel. Lächelnd reichte er es Umbridge.

„Damit dürften weder über die Staatsbürgerschaft noch über den diplomatischen Status von Mister oder Miss Nykänen Zweifel bestehen", erklärte er kühl.

„Solche Papiere müssen vom Botschafter persönlich beglaubigt werden", fauchte Umbridge.

„Dann wird es Sie besonders freuen, zu erfahren, dass ich Ihrem Chef, dem Herrn Zaubereiminister, heute morgen meine Ernennungsurkunde überbracht habe", gab Laaksonen kühl zurück. „Gentlemen, meine Damen, ich denke, es wird Zeit, diesen nicht besonders gastlichen Ort zu verlassen."

Er wandte sich zur Tür.

„Schön, schön", erwiderte Umbridge gefährlich leise. „Sie können alle gehen – bis auf Lupin hier. Sie sind festgenommen."

Sanni starrte von Umbridge zu Remus. „Wieso? Mr. Lupin hat mit dem Tod von Voldemorts Schergen nichts zu tun."

Sie hatten schließlich diesen Teil der Gespräche knapp verpasst.

„Nun, sagen wir mal, Ihr Liebhaber hat sich im Ton vergriffen, Miss Nykänen", erläuterte der Uniformierte frohlockend. „Er hat die Untersekretärin des Ministers tätlich angegriffen."

Sannis Blick glitt zu Remus. „Hast du wirklich?", fragte sie, halb überrascht, halb amüsiert.

Remus zuckte die Achsel. Es gab genügend Zeugen, warum also abstreiten?

„Sie sagen besser gar nichts", empfahl Lawbender Remus mit drängender Stimme.

„Wir gehen jetzt", erklärte Remus äußerlich gelassen. „Sie können ja mal versuchen, mich aufzuhalten. Das hat Voldemort übrigens auch probiert."

Lawbender schlug sich gegen die Stirn, doch Sanni lachte hell auf.

„Am besten, Sie schicken einen Bußgeldbescheid", empfahl sie Umbridge.

„Damit wird es nicht getan sein!", rief der Uniformierte. Er zog seinen Zauberstab.

Sanni war so schnell über dem Schreibtisch, dass niemand ihr in den Arm fallen konnte. Gewandt drängte sich ihre zierliche Gestalt zwischen den Ministeriumszauberer und den Tisch. Obwohl der Mann bis an die Wand zurück wich, berührte ihr Körper fast den seinen. Es war offensichtlich, dass er vor der Sirene mehr Angst hatte als vor irgendjemandem sonst im Raum.

Nur Remus, der über ein sehr feines Gehör verfügte, verstand ihren gezischten Satz. „Es heißt Mister Lupin. Wissen Sie eigentlich, wie Ihr Bruder starb, Mulciber? Er stand während eines Konzerts direkt neben dem Dunklen Lord, und er bezahlte für diesen Logenplatz einen hohen Preis. Mit seinem Kopf, denn dieser zerbarst zu tausenden matschiger Knochensplitter. Und jetzt zeigen Sie mir, dass Sie mich verstanden haben."

Sie starrte den Mann aus leuchtenden Augen an, in denen blaue Flammen zu zucken schienen.

„Sie hören noch von uns, Mister Lupin", presste der Uniformierte hervor. Er war totenbleich geworden.

Sanni trat einen Schritt zurück. „Ich sehe, wir verstehen uns", sagte sie kühl.

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„Die Familie der Nykänen war schon immer noch eine Spur aufregender als die der Malfoys", stellte Lawbender fest, als sie das Ministerium verließen. „Das hat mir mein Großvater schon erzählt, als ich noch ein kleiner Junge war. Er hatte recht." Lawbender wischte sich mit einem Seidentuch über die verschwitzte Stirn. „Ich war noch nie so froh, aus dem Ministerium wieder heraus zu sein wie heute", bekannte der Anwalt. „Bei Merlin, bist du wahnsinnig, Sannitara, den Chef des Werwolffangkommandos zu bedrohen?"

„Wieso, ich habe doch diplomatische Immunität", antwortete sie schulterzuckend.

„Du bringst mich in Helsinki in arge Erklärungsnöte, das ist dir aber schon bewusst?", erkundigte sich Laaksonen ernsthaft. Auch er wirkte unendlich erleichtert, die Situation hinter sich zu haben.

„Wenn man euch so zuhört, könnte man glauben, Ihr hättet nicht vorgestern noch dem Dunklen Lord gegenüber gestanden", stellte Matti kopfschüttelnd fest. „Ich meine, die Frau ist eine kleine Ministeriumsbeamtin, was kann die euch schon anhaben?"

Remus legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Dafür, dass du das nicht beurteilen kannst, bin ich unendlich dankbar", sagte er. „Ich muss mich bei dir entschuldigen, ich habe dich ohne Not in zusätzliche Gefahr gebracht. Hier aufzutauchen war ein Fehler. Ohne einen lykantrophen Vater wäre die ganze Angelegenheit ins Umbridges Büro unkomplizierter gewesen."

„Wenigstens sehen Sie das ein", seufzte Lawbender.

„Was für ein Quatsch", entgegnete Matti. „Was hätte mir schon passieren können? Selbst wenn Mutter erst morgen mit den Papieren gekommen wäre, dann hätten die mich eben für eine Nacht festgehalten. Na, und?" Provozierend betrachtete er die älteren Zauberer. „Ich war froh, dich zu sehen, Remus", setzte er hinzu.

Etwas Schöneres hätte Matti nicht sagen können, auch wenn er Remus jetzt wieder beim Vornamen nannte, anstatt ihn - wie eben in Umbridges Büro - mit dem finnischen Wort für Vater anzusprechen. Isä. Vermutlich war es genau das, was er in diesem Augenblick gebraucht hatte. Einen Vater.

Sanni legte einen Arm um ihren Sohn. Sie musste sich dazu ordentlich strecken, Matti war mehr als einen Kopf größer als sie. Ihr Blick ruhte auf Remus' Gesicht.

„Du hast der alten Hexe die Stirn geboten. Alle Achtung."

„Ma, er hat Voldemort gegenüber gestanden", warf Matti ein.

„Deine Mutter hat recht, das ist etwas ganz anderes", sagte Remus sanft. „Ich werde es dir erklären, jedoch nicht mehr heute Abend." Er lächelte. „Mir fehlt der Mut, es heute mit einer weiteren Hexe aufzunehmen. Madam Pomfrey wird mich in etwas Unappetitliches verwandeln, wenn ich nicht stante pede bei ihr erscheine." Er lächelte Sanni zu, und zum ersten Mal erwiderte sie dieses Lächeln, wenn auch flüchtig.

„Wir müssen ebenfalls zurück nach Hogwarts, deine Großmutter wartet sicher schon", sagte sie zu Matti.

Remus wusste bereits, dass man die Laulajatar Noita in der Nähe der Heulenden Hütte im Wald untergebracht hatte. Entweder Sanni oder Matti waren stets bei ihr, weil es viel zu gefährlich gewesen wäre, sie allein zu lassen. Er fragte sich, wer jetzt bei der Sirene wachte, vermutlich einer oder sogar mehrere der Hukkareiter.

„Du siehst müde aus", stellte Sanni zu Remus gewandt fest. „Da wir dasselbe Ziel haben, vielleicht schließt du dich uns an? Eero stellt uns einen Portschlüssel zur Verfügung, das erspart dir eine kraftzehrende Apparition."

„Das wäre sehr freundlich", antwortete Remus.

Sein Mund war seltsam trocken. ‚Das wäre sehr freundlich', was für ein gestelzter Satz! Er ärgerte sich über sich selbst. Sein Herz pochte spürbar unter dem Hemd. War das langsam steigende Fieber der Grund, das auch seine Wangen färbte, oder gab es da noch etwas anderes? Eine lächerliche Frage!

Als sie wenige Minuten später die Hände an einen dicken Pappelzweig legten, achtete er sorgsam darauf, Sanni nicht zu berühren. Er hatte sich so wenig im Griff, seine Kräfte waren schlicht verbraucht. Natürlich war er weder dumm noch unsensibel. Er kannte sich selbst gut genug, um zu wissen, dass es Sannis Nähe war, die seine Gefühle Achterbahn fahren ließen. Doch was brachte es, seine Sehnsucht an Träume zu verschwenden, die im Tageslicht zerplatzen würden wie Seifenblasen? Vermutlich gab es längst einen anderen in ihrem Leben. Sie war eine selbstbewusste Frau, kein junges Mädchen mehr, und nachdem er ihre Briefe nie beantwortet hatte, war es nur natürlich, dass sie sich anderweitig orientierte. So wie er es getan hatte, nachdem sie - vermeintlich - ums Leben gekommen war.

Er würde nach Dänemark reisen und mit Mette sprechen, das beschloss Remus in dieser Nacht. Er musste einfach wissen, was damals genau mit den Briefen geschehen war - und er hatte einen mehr als unerfreulichen Verdacht.


Fortsetzung folgt


Finnisch mit Matti:

"Ei. Isä." Diese Warnung an Remus bedeutet natürlich soviel wie "Nicht. Vater. Lass es sein."