A/N: Freitag ist der Tag für neue Kapitel, wie ihr inzwischen sicher wisst, und auch heute möchte ich euch nicht enttäuschen. Wir dürfen deshalb die nächste Nachhilfestunde in Zaubertränke besuchen, und ich hoffe, ihr habt viel Spaß dabei! LG Mo
35. Zaubertränke und Kopfschmerzen.
Sechs neugierige Schüler stürmten am übernächsten Tag das Arbeitszimmer, und nun sah Severus sich mit etwas konfrontiert, das er so bislang nicht kennengelernt hatte: mit eifrigem Interesse seitens seiner Schützlinge. Keine Angst, keine Nervosität rein aufgrund der Tatsache, dass er in ihrer Nähe war, keine Spur von Misstrauen oder gar Hass in ihren Blicken.
Erwartungsvoll standen sie vor ihm, hingen an seinen Lippen und beobachteten aufmerksam jede seiner Bewegungen, als er den Trank vom letzten Mal zu verbessern begann. Vor allem Hermine und Neville hatten eine Menge gar nicht so dummer Fragen zu den Zutaten, und er stellte rasch fest, dass es Spaß machte ihnen alles haarklein zu erklären.
Natürlich, zuerst hatten sie ihm wie zwei Tage zuvor schon Harry und Ron ein paar verwunderte Blicke zugeworfen, weil sie ihn noch nie in Muggelkleidung gesehen hatten. Doch das hatte sich schnell gelegt, während sie gemeinsam das Rezept der Zunft mit dem aus dem Schulbuch verglichen.
Der junge Longbottom verfügte erfreulicherweise über ein erstaunlich umfangreiches Wissen, was Kräuterkunde betraf, und für eine Weile diskutierten sie beide ernsthaft die Vorteile der verschiedenen Möglichkeiten, Schlafbohnen möglichst effektiv zu entsaften. Longbottoms Vorschlag mit der Knoblauchpresse klang interessant genug, um ihn beizeiten zu testen.
Hermine Granger dagegen war ziemlich begabt darin, komplexe Zusammenhänge logisch zu erfassen und umzusetzen, und war die ganze Zeit hochkonzentriert bei der Sache. Sie würde vermutlich – wenn sie ab und zu ein wenig mehr auf ihre Intuition vertrauen würde, anstatt an Buchseiten zu kleben – einen recht ordentlichen Lehrling abgeben.
Der Rest der Truppe war zwar vom Verständnis her ein wenig langsamer, doch sie gaben sich alle Mühe, und als schließlich nach gemeinsamer Arbeit der Trank im Kessel sämtlichen Zunftanforderungen genügt hätte, füllten sie die Hälfte davon voller Stolz auf ihre Arbeit in Flaschen um. Poppy Pomfrey würde sich sicher über den Nachschub freuen. Den Rest des Tranks, sowie den Inhalt von Potters und Weasleys Kesseln, bewahrten sie für die Weiterverarbeitung zu diversen Varianten auf.
„Und jetzt?" fragte Ron Weasley nach einer Teepause am Nachmittag voller Tatendrang. „Machen wir weiter?"
Das passiert jetzt nicht wirklich, oder?
Severus musterte den Rothaarigen verblüfft. So etwas war ihm in seinen fast zwanzig Jahren als Lehrer noch nicht untergekommen. Er hatte sich mit ahnungslosen, faulen, widerspenstigen, unmotivierten und mit schlicht untalentierten Schülern herumschlagen müssen – doch niemals, wirklich niemals, hatte jemand ernsthaft eine Zugabe verlangt! Und schon gar kein Gryffindor.
Gut, das mochte zu einem Großteil – wie von just dem selben Weasley bereits neulich so freundlich angedeutet – an seiner eigenen negativen Einstellung zu den Schülern gelegen haben. Furcht blockiert das Lernvermögen. Und dass er selbst keinen Spaß am Unterrichten gehabt hatte, war sicher auch nicht sehr hilfreich gewesen.
Oh, es war beileibe nicht so, dass er sein Wissen nicht hätte weitervermitteln wollen. Genau deshalb hatte er sich ja für diese Lehre entschieden: er wollte den Nachwuchs ausbilden. Sich und der ganzen Welt beweisen, dass er mehr zu bieten hatte als einen schwarzen Kapuzenumhang und eine Todessermaske. Dass er etwas beitragen konnte – dass er nicht so wertlos war, wie alle dachten. Nur die äußeren Umstände waren dermaßen störend gewesen, dass er von Anfang an nicht die geringste Freude dabei verspürt hatte, als er seinen Posten antrat.
Ausgerechnet Hogwarts. Und mit seinem Hintergrund! Hätte der Schulleiter nicht wenigstens noch ein paar Jahre verstreichen lassen können? Zumindest, bis die letzten von denen, die ihn ebenfalls noch als Schüler gekannt hatten, das Schloss verlassen hatten? Bis Gras über seine Verhandlung gewachsen war und ihn nicht mehr jeder verdächtigt hätte, immer noch auf der falschen Seite zu stehen?
Doch es nützte alles nichts, die Vergangenheit war schlicht und ergreifend genau das: Vergangenheit. Niemand konnte jetzt noch etwas daran ändern. Und wenn er seine zukünftigen Optionen so betrachtete, immerhin war die leidige Sache mit der Tarnung endlich passé, dann konnte aus seinem Unterricht durchaus noch etwas werden. Aber zuerst galt es, diese Übereifrigen auszubremsen, bevor ein Unglück geschah.
Abwehrend hob er die Hände und zwang sich, in die Gegenwart zurückzukehren. „Immer langsam, Ronald Weasley, Sie werden diesen Sommer noch oft genug am Kessel stehen. Es ist ja nicht so, als hätte ich einen überfüllten Terminkalender. Aber jetzt ist erst mal Saubermachen angesagt. Denken Sie daran: Reste vorheriger Tränke im Kessel können völlig unvorhergesehene Dinge mit Ihren Zutaten anstellen."
Kopfschüttelnd sah er dem kleinen Grüppchen zu, wie sie die großen Kessel zu schrubben begannen. Ein paar solche Schüler mehr in seinen Klassen, und der Unterricht könnte sogar in Hogwarts wesentlich inspirierender sein. Nun ja, oder zumindest erträglich, korrigierte er den aufkeimenden Optimismus rasch auf die Stufe einer realistischen Einschätzung herunter, bevor sich das Hochgefühl zu hartnäckig festsetzen konnte.
Vielleicht… nur vielleicht… eine Arbeitsgruppe für talentierte Schüler? Wir werden sehen. Mach dir nicht zu große Hoffnungen. Hoffnungen neigen dazu, enttäuscht zu werden. Gerade du solltest das wissen.
Mit einem ergebenen Seufzen ließ er sie gewähren, setzte sich in einen der Sessel, fuhr sich geistesabwesend über die Stirn und schloss kurz die Augen. Die pochenden Kopfschmerzen, die er seit Beginn des Unterrichts einigermaßen erfolgreich verdrängt hatte, stellten sich nun wieder ein, was sicher auch ein bisschen an seiner Grübelei lag.
Mit einiger Anstrengung öffnete Severus die Augen wieder, rieb sich unauffällig den Nacken und widmete sich dann erneut seinen Schülerinnen und Schülern. Ein kleiner, einfacher Aufwärmtrank würde sie die nächste Stunde über beschäftigen, und dabei konnte auch nichts Gravierendes schief gehen, weshalb die Anleitung im Schulbuch die gleiche war wie die im offiziellen Tränkeverzeichnis der Zunft. Genau das, was er jetzt brauchte.
„In Ordnung", begann er, und sofort richteten sich sechs Augenpaare auf ihn, „diesen Trank sollten Sie alle schon einmal zubereitet haben, er ist Stoff der dritten Klasse. Aber um etwas Routine zu bekommen, ist er genau richtig. Achten Sie einfach auf die angegebene Reihenfolge im Rezept, hier wird ausdrücklich erwähnt, dass die Zimtstange erst kurz vor der Verwendung zerstoßen werden darf. Here we go."
Das Arbeitszimmer summte sofort wieder vor Geschäftigkeit. Kessel wurden auf ihren Halterungen über den Feuerschalen platziert, Schneidbretter, Waagen und Zutaten bereitgestellt, und Severus stellte zufrieden fest, dass sich die von ihm vorgeschlagene Vorgehensweise bereits in ihren Köpfen festzusetzen begann: anstatt wild drauflos zu schnibbeln, vertiefte sich seine Miniklasse zuerst in das Rezeptblatt und ging danach konzentriert an die Vorbereitung von Ingwerknollen, Chilischoten und getrockneten Nesseln.
Sogar die stets etwas verträumt wirkende Luna Lovegood schien sich momentan auf der gleichen Existenzebene zu befinden wie ihre Kameraden – und das allein war schon ein angenehmer Nebeneffekt. Severus schüttete innerlich immer noch den Kopf über ihre Bemerkung zu seinem Kaffee-Projekt. Obwohl, die Erinnerung an genau diese Äußerung hatte ihn am gestrigen Abend geholfen, erfolgreich einige trübe Gedanken zu verscheuchen.
Während sie die Nesseln im Mörser bearbeiteten, den Ingwer schälten und die restlichen Zutaten ordentlich in Stücke oder Scheiben schnitten, ging er zu den jungen Leuten hinüber, zog sich einen Stuhl an den Tisch heran und behielt die jungen Leute im Auge.
Das Rezept war einfach, und so stellte keiner von ihnen Fragen. Sie arbeiteten allesamt konzentriert und hatten nur Augen für ihre Chilischoten. Es war ruhig im Raum, abgesehen von den normalen Geräuschen, die beim Vorbereiten von Trankzutaten entstehen. Vertraute, wohlbekannte und jedes Mal wieder angenehm beruhigende Geräusche.
Doch auch diese verstummten nach und nach, während Ingwer, Chili, Zimt und gemahlene Nesseln in die dampfenden Kessel wanderten. Ein Duft wie zur Weihnachtszeit breitete sich im Arbeitszimmer aus.
Während Harry, Ron, Hermine, Neville, Ginny und Luna mit Thermometern, Sanduhren, Rührstäben und Zutatenschüsseln hantierten, stützte Severus die Ellbogen auf die Arbeitsplatte und presste die Handballen fest gegen die pochenden Schläfen.
Es war ihm durchaus bewusst, dass die Kopfschmerzen von – wieder einmal – viel zu wenig Schlaf herrührten. Das war allerdings immer noch besser als die heftigen Migräneanfälle, die ihm die häufige Anwendung von Okklumentik des Öfteren beschert hatte. Diese waren in letzter Zeit glücklicherweise seltener geworden, seit die Bedrohung durch den Krieg verschwunden war und er selbst sich in – relativer – Sicherheit befand.
Leider nutzte ihm dieses theoretische Wissen im Augenblick herzlich wenig, und auch der kleine Schluck Salix-Saft vor dem Mittagessen hatte nicht viel gebracht. Ein großer Becher des bitteren Gebräus hätte vielleicht Abhilfe geschaffen, aber er war auch ohne die Nebenwirkungen des Safts bereits müde genug. Und ihm war kalt.
Erschöpft vergrub er das Gesicht in den Händen und schloss die brennenden Augen. Die kühle, samtene Dunkelheit hinter den geschlossenen Lidern war eine Wohltat, und die Wärme der duftenden Dämpfe sorgte dafür, dass sich seine angespannten Nackenmuskeln ein wenig lockerten.
Nur eine Minute…
„Professor?"
Eine leise, besorgte Stimme holte ihn in die Wirklichkeit zurück, und er fühlte die leichte Berührung einer Hand auf seiner Schulter. Mühsam öffnete er die Augen und stemmte sich hoch. Er musste eingeschlafen sein, mit dem Kopf auf den verschränkten Armen; alles, was er davon hatte, war ein ziemlich schmerzhaftes Ziehen im Nacken, das sich zu den inzwischen hartnäckig hämmernden Kopfschmerzen gesellt hatte.
Er wusste nicht, wie lange er geschlafen hatte, aber es konnte nicht allzu viel Zeit vergangen sein. Er fühlte sich immer noch wie gerädert. Langsam hob er die Hand und rieb sich die brennenden Augen.
„Alles okay?" erkundigte sich Hermine Granger mit einem kritischen Blick und stellte ein Glas Wasser vor ihm auf die Tischplatte, während die anderen ihn allesamt beunruhigt musterten. Himmel, ihren Gesichtern nach zu urteilen musste er furchtbar aussehen. Vermutlich genau so wie er sich fühlte.
„Kurze Nacht", murmelte er noch ein wenig benommen und beließ es bei dieser Erklärung. „Wie weit sind Sie?"
„Schon ne ganze Weile fertig", antwortete der junge Weasley leicht verlegen und wies mit einer Hand vage auf die Ansammlung abgefüllter, ordentlich beschrifteter Fläschchen. „Aber wir dachten, wir lassen Sie besser noch ein bisschen schlafen. Sie sehen ziemlich erledigt aus, wissen Sie. Vielleicht legen Sie sich lieber eine Stunde hin oder so. Wir machen hier drin Ordnung, okay?"
Severus schüttelte abwehrend den Kopf. „Geht schon wieder", meinte er und schob seinen Stuhl zurück, „lassen Sie mal sehen, was Sie da zusammengebraut haben…"
Harry und Ron griffen beide gerade noch rechtzeitig zu, als ihn ein heftiges Schwindelgefühl überfiel und seine Beine unter ihm nachgaben.
„Okay, das reicht jetzt endgültig", hörte er Ginny entschieden sagen, „ab ins Bett mit Ihnen. Haben Sie letzte Nacht überhaupt geschlafen?"
Um die Wahrheit zu sagen: er wusste es nicht mit Sicherheit. Er erinnerte sich nur an mehrere äußerst real wirkende Albträume, die ihn jäh aus dem Schlaf gerissen hatten. Den gewohnten, fast schon verzweifelten Griff nach einer blauen Kristallflasche – die nicht mehr da war. Deren Inhalt ihm nicht mehr helfen konnte. Und an den dumpfen Druck zwischen seinen Schläfen, als er in der Morgendämmerung endgültig und ein wenig resigniert die Augen geöffnet hatte.
