And here we go ... - vorletztes Kapitel vor dem Epilog, meine Lieben :) Ein herzliches Dankeschön an die Reviewer, dank Weihnachtsstress fehlen von mir oft noch Antworten auf eure Nachrichten, entschuldigt bitte!


Teil 36


„Also war sie ruhelos, weil sie sich von Abby verabschieden wollte? Ihr die Möglichkeit zu einem Zuhause geben wollte?", fragte Sarah, legte das Sofakissen beiseite und setzte sich bequemer hin. Dean hatte sich im Sessel aufgerichtet und zu erklären begonnen. Leise zuerst, stockend, bis er einen Weg gefunden hatte, seine Emotionen in den hinteren Teil seines Kopfes zu befördern und die Tatsachen in den vorderen.

„Ja und …" Dean sah hinunter auf seine Finger „… sie hat nach ihrem Ring gesucht."

Und das Wichtigste von allem: „Wir konnten nicht so auseinander gehen."

Er hatte versucht, die Geschichte zusammen zu fassen. Aber so viele Details wollten ans Tageslicht und erzählt werden, damit sie nicht in Vergessenheit gerieten. Kleine, manchmal unwichtige Erlebnisse, die ein paar Menschen Trost spenden konnten, obwohl der Großteil der Menschheit sie für Alltäglichkeiten hielt.

Inzwischen dämmerte draußen der Morgen. Blassgraue Wolken zogen über den Himmel und machten ein Durchkommen der Sonne unmöglich.

„Wieso war sie kein Geist wie alle anderen auch?", hakte Sarah nach und stellte damit die Frage, die ihnen allen Kopfzerbrechen bereitete.

„In Anbetracht der Tatsache, dass ihr Geister scheinbar alle für normal haltet …", schaltete sich Abby ein und stellte die Tasse auf den Tisch, an der sie sich gewärmt hatte „… hätte ich eine Theorie. Normale Geister fangen direkt an zu … spuken. Umherzuwandern, oder nicht?"

„Normalerweise schon", gab Sam zu, neugierig geworden, auf was die junge Frau hinaus wollte.

„Vielleicht war der Auslöser, dass Dean zurückkam. Hierher, wo es so abrupt endete."

„Das wäre möglich", gestand Dean.

„Also hatte sie eine kleine Ewigkeit Zeit, genügend Energie zu sammeln. Sie musste nicht jede Nacht auftauchen und umhergehen, sie war wie gefangen. Sie konnte nicht weg, aber es war niemand hier, für den sich ihre Anstrengungen gelohnt hätten. Als du schließlich zurückgekommen bist, hat sich dieses Gefängnis aufgelöst und ihre Energie war frei. Genug, um für eine gewisse Zeit in Fleisch und Blut zurück zu sein."

Fleisch und Blut … Dean schauderte bei dem Gedanken an Rachels kalte Hände, die Tatsache, dass sie atmete und ihr Atem eisig blieb. Keine blauen Flecken, keine Kratzer. Wie auch, wenn das Blut nicht mehr zirkulierte? Auf eine groteske Art war sie lebendig gewesen und andererseits …

„Und die gewisse Zeit war so lange, wie sie am Leben erhalten wurde. Drei Monate. Sie war hirntot" – als Abby es so sachlich aussprach, zuckten drei Anwesende zusammen und Dean lief eine Gänsehaut auf – „nur … in dieser Zeit konnte sie vermutlich schon genügend Energie sammeln. Genug Verlangen, nach einem anderen Ende."

Es war nicht so, dass Dean sich nicht daran erinnerte – im Gegenteil, es war, als wäre es gestern gewesen und er wünschte sich nichts sehnlicher, als diesen Moment aus seinem Kopf zu verbannen.

-S-S-S-

Sonntag, 2. November 2003

Dr. Connor stand reglos neben dem jungen Mann, der einen innerlichen Kampf ausrang, der ihn sein ganzes Leben begleiten würde. Er hatte schon viele Männer und Frauen gesehen, die dieser Entscheidung nicht gewachsen oder an den Folgen zerbrochen waren.

Er hatte das untrügliche Gefühl, dass - ohne Hilfe - das auch hier passieren würde, aber Dean schien entschlossen zu sein, niemanden zu holen.

Also war er hier, als moralische Unterstützung, wie er es innerlich nannte und beobachtete mitfühlend, wie Dean sich auf die Bettkante setzte.

Er wollte es nicht, aber er hörte die leisen Worte trotzdem.

„Es tut mir Leid, Rae … so Leid …"

Im Laufe der Monate hatte Dr. Connor Dean ins Herz geschlossen. Er tauchte jeden Tag auf, gab keinen Zentimeter nach in seiner Liebe zu seiner Frau. Jeden Morgen musste er sich schier auf die Beine kämpfen, seinem Anblick nach zu urteilen, aber er kam. Irgendwo im Krankenhaus fand man ihn immer. Wenn die Hoffnung ein Ende hatte, blieben viele Menschen fern.

Nicht Dean. Er kämpfte verbissen.

Mit ihm hatte er so einige Versuche miterlebt, Rachel wieder ins Leben zu holen. Jedenfalls so lange, bis endgültig klar war, dass sie nicht mehr aufwachen würde. Es war rührend. Herzzerreißend; wenn es nicht so klischeehaft geklungen hätte.

Er wusste um die Gefühle, die den Angehörigen das Leben zur Hölle machten.

Aber da war noch etwas. Eine unterschwellige Wut. Blicke, die eindeutig mehr zeigten, als Angst und Verzweiflung. Schuld?

Nur warum?

Es war nicht die Schuld, die Menschen fühlten, die die lebenserhaltenden Maßnahmen beenden würden. Sie war von Anfang an da gewesen. In seinem Verhalten, in ihm. Schuld, die ihn von innen heraus zerfraß.

Warum …

Rachel war völlig unverletzt angekommen. Die Polizei und die Mediziner hatten in stundenlangen Untersuchungen und Befragungen ausschließen können, dass in ihrem Fall Gewalt zu ihrem Zustand geführt hatten. Einzig und allein das Blutgerinnsel in ihrem Kopf war dafür verantwortlich. Eine alte Gehirnerschütterung, die Venen verengt hatte ...

Dean konnte keinerlei Schuld nachgewiesen werden. Stoisch waren die Fragen an ihm vorbeigezogen, mit akribischer Sicherheit füllte er jede Minute des entsprechenden Tages – ein hieb- und stichfestes Alibi, untermauert von mehreren Zeugen.

Schließlich war die Polizei abgezogen und die Ärzte ihren Tätigkeiten nachgegangen, die sich nicht aufschieben ließen. Und Dean … er war zurückgeblieben. Äußerlich völlig unberührt von dem tagelangen Aufhebens.

Äußerlich. Nicht innerlich. In der nächsten Doppelschicht, die Leon Connor nach dem Verschwinden der Cops schob, fand er Dean an die Wand gelehnt, hinaus aus dem Fenster starrend in die beleuchtete Auffahrt. Scheinwerfer von der Straße erhellten für Sekunden sein Gesicht, schmerzverzerrt, und tauchten es wieder in dämmrige Dunkelheit.

„Es war meine Schuld", erklärte er und Leon zuckte zusammen. Dean hatte mit keiner Faser zu erkennen gegeben, dass er ihn gehört hatte – noch wandte er sich um.

„Warum?" – Das hatte er auch damals gefragt und nie eine Antwort erhalten.

Der gleiche Schmerz stand ihm jetzt in den Augen, als er Rachels Hand sacht drückte, sich vorbeugte und sie auf die Stirn küsste.

Obwohl es unmöglich war, wünschte sich Leon, dass sie aufwachen würde, von der liebevollen Geste.

Lange Zeit verharrte Dean, die Muskeln an seinem Rücken verhärteten sich sichtlich unter dem dünnen Hemd. Die Lederjacke lag auf dem zweiten, leeren Stuhl. Leon fragte sich erneut, ob es niemanden gab, der sich von Rachel verabschieden wollte, ob Dean es ihnen nicht gesagt hatte, oder ob sie es nicht wollten.

Egal, was es war, es ging ihn nichts an.

„Möchten Sie noch einen Augenblick alleine sein, Dean?", fragte er zögernd, doch der gehetzte Ausdruck auf Deans Gesicht gab ihm die Antwort. Noch länger und er würde untergehen, sang und klanglos begraben in einem Ozean von Emotionen.

Tief durchatmend setzte Dean sich auf. Die letzten Worte an Rachel hatte niemand gehört und niemand würde sie je hören.

Leon Connor trat näher, legte Dean die Hand auf die Schulter und wartete auf die Bewegung zu den Apparaten hin. Er war nicht hier um zu drängen, zu entscheiden. Er war hier um zu helfen.

Es war immer wieder ein Schlag, wenn man genau das nicht konnte. Helfen war eine Berufung und wie es Berufungen an sich hatten, brachten sie Enttäuschungen, Fehlschläge und durchwachte Nächte mit sich. Trauer und Wut. Er kannte all das, weil er es oft erlebt hatte. Man konnte nicht sagen, dass man sich je daran gewöhnte, denn jedes Schicksal war anders. Immer wieder standen neue Menschen vor ihm.

Jedes verlorene Leben hinterließ eine Lücke.

Und jedes gerettete war die Strapazen wert.

Hier konnte er nichts mehr tun.

Zitternd streckte Dean die Finger nach dem alles entscheidenden Knopf aus, legte die Fingerkuppe darauf. Leon konzentrierte sich auf den jungen Mann – seine Patientin war verloren, ihr Mann war es nicht. Er hätte gerne etwas gesagt, doch seine Kehle war wie zugeschnürt.

Er schloss die Augen und wartete, bis das regelmäßige Piepen in einen vernichtenden, lang gezogenen Ton überging. Kurz löste er die Hand von Deans Schulter und öffnete die Augen, damit er das Geräusch abstellen konnte.

Das Summen der Geräte erstarb und zurück blieb eine Leere, die ihm das Herz zusammenzog. Wie erstarrt verharrte Dean an seinem Platz, schielte aus den Augenwinkeln zum Bett hinüber, während Leon sich daran machte, die sichtbaren Schläuche und die Beatmungsmaske zu entfernen. Wenigstens diesen letzten Dienst konnte er Rachel erweisen.

Das untrügliche Gefühl des Todes stempelte dem Zimmer seine Marke auf. Man wusste es genau, ohne es wirklich realisiert zu haben. Man fühlte es. Etwas hatte den Raum verlassen.

„Dean?"

Der Angesprochene drehte sich langsam um. Keine Träne in den Augen, kein Wort auf den Lippen. Er wirkte einfach nur … gebrochen.

„Sie ist nach Hause gegangen", sagte Leon leise. Er war kein sehr gläubiger Mensch, aber einigen half dieser Trost. „Möchten Sie …?"

„… nein." Obwohl er nicht weinte, war seine Stimme rau, gepresst. Deans Blick blieb an dem Bild haften, das über dem Bett hing. Die beiden Hände waren ein schwacher Trost. Unstet irrten seine Augen umher, vermieden es, seine tote Frau anzusehen. Er kam nicht näher an das Bett heran als den Meter, den er jetzt davon entfernt stand.

Es war wahr.

Dean Winchester unterschied sich in vielen Dingen von allen Menschen, die Leon Connor bisher kennen gelernt hatte.

In seinen Werten.

Seinem Verhalten.

Einschließlich seinem Umgang mit dem Tod.

Aber in einem war er allen anderen gleich. Der Liebe zu seiner Familie.

Er hörte das typische Geräusch, als die Lederjacke angezogen wurde und drehte sich gerade noch um, um die Gestalt des Mannes aus der Tür treten zu sehen. Leon machte keine Anstalten, ihn aufzuhalten.

Für Jahre war es das letzte Mal, dass sie einander sahen.

-S-S-S-

„Eine Frage bleibt noch …", fing Sam an, der das untrügliche Gefühl hatte, er musste Dean aus seinen Erinnerungen reißen, bevor sie ihn mit sich davon trugen.

„Was?", fragte Abby.

„Warum konnte ich sie sehen?"

Das war eine berechtigte Frage. Erst, als Sarah so orientierungslos vor der Szene am Friedhof gestanden hatte, war ihnen klar geworden, dass Rachel nicht für alle Menschen sichtbar, geschweige denn greifbar war.

Dazu hatte Dean inzwischen seine ganz eigene Theorie.

„Erinnerst du dich an Stanford? An meinen Besuch?"

Es war schwer, sich nicht daran zu erinnern. Sam nickte und hob den Kopf, um seinen Bruder zu mustern. Er hielt sich tapfer, das musste man ihm lassen.

„Als du gegangen bist, bist du gegen sie gestoßen."

Sam runzelte die Stirn und fragte sich, ob das alles war. Eine körperliche Berührung, die es ihm ermöglichte, einen Geist zu sehen. Wie viele Menschen hatte Rachel in ihrem Leben berührt … unabsichtlich angerempelt oder höflichkeitshalber die Hand gegeben? Konnten all diese Menschen sie sehen?

„Vielleicht liegt es auch daran, dass ihr Brüder seid", warf Sarah ein. „Daran, dass sie Hilfe brauchte. Und dieser Kontakt hat es begünstigt."

Nachdenklich legte Sam den Kopf schief. Das war eine Möglichkeit, die er nicht hatte in Betracht ziehen können, weil er sich nicht einmal mehr daran erinnerte, gegen jemanden gestoßen zu sein. Wenn er damals all das gewusst hätte …

„Dann ist es jetzt vorbei? Alles?" Irgendwie klang Abby hoffnungsvoll. Nicht in einer Art und Weise, dass es wirklich vorbei war, nein, mehr … mehr nach Hoffnung auf ein Wiedersehen.

„Nicht ganz." Überrascht von der Aussage hielt Sam inne und drehte sich zu Dean um. Der zog seine Tasche neben der Couch hervor, wo er sie achtlos hatte liegen lassen und griff zielsicher hinein. Ein Umschlag kam zum Vorschein, der keine Aufmerksamkeit erregt hätte, wäre nicht ein offizielles Stadtsiegel darauf zu sehen gewesen.

„Was ist das?", argwöhnte Abby, als ihr der Umschlag gegeben wurde.

„Die Besitzurkunde für das Haus", erklärte Dean und wirkte seelenruhig dabei. Weder Abby noch Sarah fiel das unruhige Zucken seines rechten Augenlids auf. Sam setzte sich zurück und ließ die Szene geschehen. Das hier war Deans Abschluss eines Lebensabschnittes. Mehr als da sein konnte er nicht – und wenn er genau das tun musste, um Frieden zu finden, dann sollte er es in Ruhe tun.

„Das kann ich nicht annehmen."

„Offiziell war es euer Erbe, Abby. Du hast die Erbschaft damals ausgeschlagen. Das Haus lief eine ganze Weile auf Rachels und meinen Namen, aber im Grunde gehört deine Familie hierher."

Deine Familie.

Die Worte echoten in Sams Ohr. Dean sah Abby nicht als Teil seiner Familie, nicht direkt jedenfalls. Er schien weiterziehen zu wollen, was ihn wiederum vor einige Entscheidungen stellte. Rasch wechselte er einen Blick mit Sarah, die genau das gleiche zu denken schien und schluckte hart.

„Ich möchte, dass du hier bleibst. Rachel hat dir die Wahl gelassen – ich kann das nicht. Sie wurde nicht verbrannt; indem du hierher kommst kannst du verhindern, dass sie ein weiteres Mal umhergeht und nicht mehr … die Rae ist, die wir kannten." Deans Stimme war eine merkwürdige Mischung aus Sanftheit und Härte, die keinen Widerspruch zuließ. „Also?"

Stille dehnte sich aus. Abby knickte die Ecken des Kuvertes, wand es in ihren Händen und senkte einmal zustimmend den Kopf. „Ich bleibe."

-S-S-S-

„Warum wurde sie nicht verbrannt?" Sams Stimme klang zögerlich, vorsichtig, als spräche er mit einer tickenden Zeitbombe und befürchtete jede Minute, dass sie hochging und Dean lächelte schief in die Dunkelheit des Innenraumes des Impalas hinein.

„Sie wollte es nicht."

„Ihr habt darüber gesprochen?"

Dean wusste nicht, warum Sam das abwegig fand. In ihrer Situation – ihrem Beruf – war der Tod immer und überall. Und dennoch … „Nein."

„Woher wusstest du es dann?"

„Ich wusste es einfach. Sie war Rachel. Das hat sich nie verändert."

Obwohl er auf die Straße starrte, konnte er sie plötzlich sehen.

Wie sie sich zwei Meter vom Wagen entfernt umdrehte und ihn anstrahlte. Die Sonne fing sich in ihren braunen, dichten Wellen, ließ sie aussehen wie fließendes Gold und die dunkelgrauen Ränder ihrer Augen um die hellere Iris hatten diese magische Anziehungskraft auf ihn. Ihr Mund, der einen Kuss formte, den sie mit einem sanften Hauchen auf Reisen zu ihm schickte.

Er würde es immer wissen.