Leon S. Kennedy 1977: Ja, es geht jetzt nach Miami und es wird weiter sehr spannend bleiben. :)
Alexa- Wesker: Albert und Helena passen als Paar tatsächlich nicht gut zusammen, aber ich mag die beiden trotzdem zusammen. Sie geben sich eben gegenseitig etwas. Und das Leon sich Sorgen um seine Partnerin macht, ist natürlich verständlich. Jakes Instinkte sind denke ich aus seiner Söldnerzeit sehr gut geschärft. :) Ob Alex seine Tochter bald in die Arme schließen kann, das bleibt abzuwarten. :)
Sorry, dass es soooo lange gedauert hat. Ich habe einfach nichts zu Papier gebracht und hatte soooo viel Ärger und Stress und tausend Sachen zu erledigen. Ich hoffe, es geht jetzt in den Osterferien mal wieder etwas schneller voran. Vielleicht schaffe ich noch mindestens zwei andere Kapitel, da ich jetzt wieder im Schreibfluss drin bin. :)
Alex Wesker tippte unermüdlich auf dem Computer, um in die tiefsten Geheimnisse von AquaSystemTex einzudringen und nur einen winzigen Hinweis auf seine Schwägerin Sheila Yamamoto zu finden. Die Zeit drängte.
Sie war wie ein Phantom, das er jagte, ein Schatten, der ihm immer einen Schritt voraus war. Er durchstöberte fieberhaft den Firmenrechner und vor allem die Archive, aber bis auf die spektakuläre Geschichte des Unternehmens stieß er auf nichts Brauchbares.
„Das gibt's doch nicht!", fluchte er immer wieder verärgert vor sich hin und hätte dabei am Liebsten die Tastatur in den Bildschirm gerammt. Das Ticken der Uhr an der Wand machte ihn nur noch nervöser und schließlich musste er sie von der Wand nehmen und die Batterie entfernen, dass sie endlich Ruhe gab.
Claire gesellte sich mit einer Tasse Kaffee zu ihm, die er dankend annahm.
„Hast du schon was gefunden?", fragte sie vorsichtig, weil sie seine Angespanntheit bemerkte.
„Ich komme nicht so richtig weiter", gab Alex zähneknirschend zu. „Ich finde alles mögliche, irgendwelchen überflüssigen Mist, aber nicht das, was wir brauchen. Der Direktor einer Abteilung speichert doch tatsächlich Pornos auf seinem Firmen- PC! Ist der eigentlich komplett bescheuert?! Ein Buchhalter hat ein paar Rechnungen falsch vermerkt, ein paar Leute werden demnächst ihre Kündigung erhalten, lauter… solche… Sachen. Keine Spur von Sheila."
„Hast du schon alles durchgeprüft?", fragte Claire mit Blick auf den Computer. Das Desktop war voll mit irgendwelchen Dokumenten, mit komplizierten Zahlenfolgen und einem Hackingprogramm, das Alex benutzte. Sie konnte sie daraus keinen Reim machen. Mit IT hatte sie schon in der Schule zu kämpfen gehabt und sie hegte stille Bewunderung für Alex´ Hackingkünste.
„Ich habe einen groben Durchlauf gemacht", erklärte Alex. „Das bedeutet, dass ich alles durch mein Programm gejagt habe, was im Moment frei zugänglich für mich ist. Ich habe mich noch nirgends wirklich reingehackt, weil ich ein bisschen Angst habe, dass mich die Firewall oder ein Programm zum Abfangen solcher Angriffe erwischt und mich sperrt."
„Du meinst das da unten, oder?", fragte Claire und deutete auf eine Reihe von Zahlen- und Buchstabenfolgen in roter Farbe, neben denen jeweils ein Schlüssel und ein Ausrufezeichen zu sehen waren.
„Genau, das sind Geheimdokumente, an die ich nicht rankomme. Sie werden von einem speziellen Programm geschützt, was mich natürlich zu der Frage führt, was AquaSystemTex da verbergen will."
„Geh doch mal drauf", meinte Claire. „Versuch macht klug. Wenn es nicht klappt, dann… sehen wir nach etwas anderem."
Alex nickte widerwillig.
„Haben Sie etwas gefunden, Alex?", fragte Clive O´Brian.
„Ja, ich denke, ich habe da etwas", sagte Alex Wesker langsam, während er das Laptop, mit dem er gearbeitet hatte, an einen großen Bildschirm anschloss, damit alle seine Arbeit der letzten Stunden betrachten konnten.
„Hast du… irgendwas von dieser Sheila gefunden?", fragte Jake.
Sherry fiel auf, dass Jake sich merkwürdig verhielt. Er überspielte es gut und ließ sich nach außen nichts anmerken, aber sie fand, dass er nervös und angespannt war. Irgendetwas beschäftigte ihn und Sherry hatte eine leise Ahnung, was es sein könnte: Endlich war die Wahrheit über das Beziehungsende seiner Eltern ans Licht gekommen.
Soweit sie wussten, war Sheila Yamamoto dafür verantwortlich, dass Wesker Anna Muller verlassen und sie und Jake damit zu einem Leben in Krankheit und Armut verurteilt hatte. Sherry konnte sich gut in Jakes Situation hineinversetzen. Wahrscheinlich brannte er darauf, der Frau, die indirekt den Tod seiner Mutter zu verantworten hatte, selbst gegenüberzutreten. Mit Sicherheit war er auf der Seite seines Vaters, der für die Vergangenheit Rache nehmen wollte.
„Nein, leider nicht. Wenn auch ich aus dem, was ich tatsächlich habe, gewisse Rückschlüsse ziehen kann", erklärte Alex, während er tippte und die Maus bewegte. Auf dem großen Bildschirm erschien eine Liste von Namen.
„Ich habe ziemlich tief graben müssen, um das zu finden. Da geht es um ein Treffen der verschiedenen Vorstandsvorsitzenden von AquaSystemTex. In Miami", fügte er hinzu, „dort, wo sich der Hauptsitz der Firma in Nordamerika befindet. Offenbar findet dort eine Sitzung statt und alle wichtigen Leute müssen dorthin kommen."
„Warum ist es geheim?", fragte Jill. „Solche Treffen gibt es doch in anderen Firmen auch, die sind ganz normal. Warum sollte man das geheim halten wollen?"
„Genau das ist der Punkt. Und das führt mich zu der Überlegung, ob das nicht etwas mit Sheila zu tun haben könnte. Natürlich, und das ist das Problem, sind das alles nur Spekulationen. Ich weiß nichts Genaues. Sheilas Name taucht nirgends im Zusammenhang mit der Firma auf."
„Das ist nicht gut", meinte Chris missmutig. „Glauben Sie, dass Albert… schon weiter ist als wir?"
„Das ist eine gute Frage", musste Alex zugeben. „Wir können ja nicht wissen, was er von Takeshi erfahren hat, wenn dieser ihm überhaupt irgendetwas gesagt hat. Fakt ist aber, dass diese Information, die ich dort ausgegraben habe, momentan unser einziger Hinweis ist."
„Wo findet das genau statt?", fragte Jill.
„Der Hauptsitz in Nordamerika ist in Miami", erklärte Alex. „Dort findet morgen Abend das Treffen der Führungsriege statt. Wenn wir einen Hinweis auf Sheila wollen, werden wir ihn höchstwahrscheinlich nur dort bekommen. Wenn das Treffen so geheim gehalten wird, dann muss… mehr dahinter stecken. Wenn sie wirklich in die Firma eingestiegen ist, dann wird sie eine hohe Position innehaben und eine Entscheidungsträgerin sein. Sie ist immerhin die Tochter eines Gründers. Es ist unsere einzige Chance. Außerdem können wir davon ausgehen, dass Albert es ebenfalls dort versuchen wird, wenn er dieselben Informationen hat wie wir. Takeshi als Geschäftsführer könnte ja davon wissen."
Chris nickte zum Zeichen, dass er verstanden hat.
„Ich hab mich auch in die Buchhaltung gehackt und weiß, wo die ganzen Leute untergebracht werden. Sie sind alle in einem Hotel namens „Blauer Lotus", ein Fünfsternebetrieb. Die Firma zahlt den Aufenthalt. Das ist unser Anhaltspunkt."
„Mit Verlaub, Mr. Wesker", warf O´Brian ein, „das ist alles mehr als wage."
„Das ist mir klar, aber was sollen wir denn anderes machen? Wir haben keine andere Möglichkeit. Sonst sehe ich schwarz, dass wir Albert oder Sheila finden. Das ist unsere einzige Spur im Moment. Und Miami ist nicht die Welt. In ein paar Stunden sind wir dort."
„OK", sagte Chris. „Es wird uns kaum etwas anderes übrig bleiben, als dieser Spur zu folgen. Wir stellen ein Team zusammen, dann fliegen wir."
„Ich werde mitkommen", sagte Jake.
„Jake…" Sherry fasste ihn besorgt am Arm.
„Jake, glaubst du, das ist eine gute Idee?", fragte Chris ernst. „Ich denke nicht, dass…"
„Ich werde mitkommen. Es geht schließlich um meinen Vater. Und ich will der Frau, die das Leben meiner Mutter zerstört hat, in die Augen sehen, wenn sie stirbt."
Niemand fand eine Antwort auf diese Worte.
Miami, Florida
Sheila Yamamoto stand am Fenster ihres gemieteten Appartements und sah hinab auf die Lichter der Stadt. Ihre langen schwarzen Haare waren nass von der Dusche, die sie genommen hatte und hingen lose ihren Rücken hinab. Ein paar Wassertropfen formten sich an den Spitzen und fielen zu Boden. Sie trug nichts außer einem weißen Bademantel. Sie hatte ihre Arme um ihren Körper geschlungen und hielt in einer Hand ein Glas Scotch. Im Hintergrund lief leise ein Plattenspieler mit Jazzmusik.
Sie schloss für einen Moment die Augen und holte tief Luft. Erleichterung machte sich in ihr breit, dass der Abend überstanden war. Sie hasste die Leaderboardtreffen, aber es war nun mal obligatorisch.
2001 hatte sie gegen ihren Willen den Posten als Geschäftsführerin von AquaSystemTex übernommen und leitete seitdem das sehr erfolgreiche Unternehmen. Sie hatte das Erbe ihres Vater und Onkels vor dem sicheren Untergang bewahrt, aber nie hatte sie in ihrer Arbeit für die Firma Erfüllung gefunden. In ihrer Jugend hatte sie nie Interesse gezeigt, weshalb ihr Cousin Takeshi den Konzern übernommen hatte. Nach seinem grandiosen Scheitern, war nur noch sie übrig geblieben. Was tat man nicht alles für die Familie…
Sie nahm einen Schluck ihres Drinks. Die Flüssigkeit brannte in ihrem Hals, aber es war eine Wohltat. Das Glas Scotch gehörte seit langem zu ihrem allabendlichen Ritual, genauso wie die Platte mit ihrer Lieblingsmusik zu hören.
Einst war Sheila Yamamoto eine hübsche, ansehnliche Frau gewesen, doch die Jahre des Schmerzes und des Kummers waren nicht spurlos an ihr vorbeigegangen. Sie war nur noch ein Schatten ihrer einstigen Größe und Schönheit. Ein Schicksalsschlag vor über zwanzig Jahren hatte zu ihrem Verfall beigetragen. Heute mied sie nicht nur die Öffentlichkeit, lebte zurückgezogen und in Einsamkeit, Alkohol und jahrelange Medikamenteneinnahme hatten ihr schwer körperlich zugesetzt. Sie legte bei Weitem nicht mehr so viel Wert auf ihr Äußeres wie früher. Das Leben hatte für sie an Wert verloren und ihr Dasein glich nur mehr einem Dahinsiechen, einer nie enden wollenden Qual.
Und das alles nur wegen ihm. Wegen dieser einen Person. Wegen dem Mann, den sie liebte.
Albert Wesker.
Tagein, tagaus hatte sie in den letzten 22 Jahren an ihn gedacht. Sie erinnerte sich gut daran, wie sie ihn das letzte Mal auf dem Geschäftsessen im April 1992 gesehen hatte. Es sollte ihre letzte Begegnung sein.
An diesem Abend, als sie ihn mit der rothaarigen Frau gesehen hatte, war ihr Herz unwiderruflich zerbrochen.
Anna Muller.
Sheila schnaubte unbewusst, als sie an das kleine Flittchen aus Edonien dachte, die es gewagt hatte, ihr Albert wegzunehmen. Aber Sheila hatte ihr gezeigt, wo sie hingehörte.
Allerdings hatte sie Alberts Zurückweisung nie verkraftet und die Tatsache, dass ein Kind entstanden war, noch weniger. Sie hatte es nicht mehr ertragen können, weiter in seiner Nähe zu bleiben, wenn er ihr keine Beachtung schenkte. Sie hatte ihren Job als Agentin im Information Department aufgegeben und war zu ihrer alten Stelle ins Fremdsprachenbüro zurückgekehrt. Sie hatte versucht, wieder ein normales Leben zu führen, doch der Schmerz über die unerfüllte Liebe war zu stark gewesen.
Sie fehlte bei der Arbeit, oft monatelang, und schließlich hatte man sie gekündigt. Sie hatte sich in den 90er Jahren gequält und durchgeschlagen, bis sie dann die Firma ihres Vaters übernommen hatte.
Nach all den Jahren war sie innerlich leer. Sie mochte nach außen hin funktionieren und ihre Aufgaben erfüllen, aber in ihrem Inneren herrschte Leere und Einsamkeit. Die Erkenntnis, dass Albert sie nicht wollte, dass er eine andere Frau wollte und mit ihr ein Kind hatte, hatte sie zerstört.
Trotz allem jedoch hatte sie all die Jahre nie die Hoffnung aufgegeben, ihn eines Tages wiederzusehen. Eines Tages doch noch glücklich mit ihm vereint zu sein. Vielleicht hatte sie diese Hoffnung, dieser Wunsch, all die Jahre der Qualen überstehen lassen, sie überleben lassen.
Sie leerte ihr Glas mit einem Schluck und stellte es auf eine niedrige Kommode. Sheilas Hand wanderte in die Tasche an ihrem Bademantel, in der sich eine Spritze befand. Sie zog sie heraus und betrachtete sie eingehend. Eine Erinnerung erschien vor ihrem geistigen Auge:
Sie kniete in einem dunklen Raum und eine vermummte Gestalt schritt langsam um sie herum. Sie zitterte, weil sie fror und weil sie Angst hatte. Der Unbekannte zeigte sein Gesicht nicht. Es war hinter einer Kapuze verborgen, wie immer, wenn sie sich trafen und sie ihm Bericht erstatten musste. Sie folgte ihm verängstigt mit den Augen, als er wie ein Tier, das seine Beute umkreiste, um sie herum ging.
Irgendwann kam er vor ihr zum Stehen und sah auf sie herab.
„Arme Sheila", sagte er gespielt mitleidsvoll. „Was hast du gelitten in der Vergangenheit? Aber jetzt ist die Zeit, dass du ihm den Schmerz, den er dir angetan hat, zurückzahlen kannst."
Er hielt ihre eine Spritze hin, in der sich eine dunkle, violette Flüssigkeit befand. Sie starrte ihn ungläubig an.
„Nimm sie. Es ist dein Weg zur Vergeltung. Ich habe keine Verwendung mehr für dich. Die Firma ist in meiner Hand. Finde Erlösung in der Rache. Lass ihn dafür bezahlen, was er dir angetan hat."
Vorsichtig nahm sie die Phiole in die Hand und betrachtete sie.
„Ich… Ich verstehe nicht", stotterte sie ängstlich.
„Albert wird schon bald den Weg zu dir finden", sagte die Gestalt über ihr. „Es ist nur noch eine Frage der Zeit. Nutze die Macht, von der ich dir so großzügig einen Anteil zukommen lasse. Die Rache soll dein sein."
Sheila ließ die Spritze in ihren Händen hin und hergleiten. Die Flüssigkeit schwappte von einer Seite zur anderen. Ein schwarzer Schatten schien darin zu wabern. Sie umgriff die Spritze mit einer Faust und hielt sie sich an ihren Unterarm, stach aber nicht zu. Sie wusste nicht, was sie tun sollte.
Wenn Albert wirklich zu ihr kam, dann bestand doch Hoffnung für sie, oder nicht? Sie wollte nichts sehnlicher, als dass sie endlich zusammen und glücklich sein konnten. Die Firma war ihr egal, alles, was die letzten Jahre passiert war, war ihr egal. Sie hatte so viel durchgemacht, hatte solange gelitten, es durfte nicht umsonst gewesen sein. Und wenn Albert sie aufsuchte, was sollte er für einen anderen Grund haben, als dass er endlich eingesehen hatte, dass sie zusammengehörten?
Sie steckte die Spritze wieder in ihre Tasche. Nein, es musste einen anderen Weg geben. Die Viren interessierten sie nicht. Es ging ihr nur um Albert. Nur er und sie zählten. Wenn sie vereint waren, dann war alles andere nebensächlich. Auch er konnte dann keinen Einfluss mehr auf ihr Leben nehmen. Dann würde sie alles hinter sich lassen können.
Plötzlich verstummte die Musik hinter ihr. Ihre Lippen formten ein schwaches Lächeln und ihr Herz setzte für einen Moment aus. Er hatte Recht gehabt. Er war wirklich gekommen.
Wesker hob den Arm des Plattenspielers und setzte ihn zur Seite. Die Musik erstarb.
Er schritt langsam auf Sheila Yamamoto zu, die mit dem Rücken zu ihm am Fenster stand. Er betrachtete sie aus einigen Metern Entfernung. Seit ihrer letzten Begegnung war viel Zeit vergangen und sie hatte sich sehr verändert. Sie war nicht mehr die aufgetakelte Schönheit. Sie war nicht mehr so dünn wie damals und sie wirkte wie eine gebrochene Gestalt. Ihre Haare waren deutlich länger und wallten über ihren Rücken. Wesker bemerkte sofort, dass sie aus der Dusche gestiegen war. Sie trug einen Bademantel und auf dem Boden waren Wassertropfen von ihren Haaren.
Sie warf ihm über die Schulter einen kurzen Blick zu. Sie war nicht im Mindesten von seiner Erscheinung verängstigt oder eingeschüchtert. Sie lächelte sogar.
„Ich wusste, dass du eines Tages kommen würdest", raunte Sheila leise. „Ich hatte keinen Zweifel daran."
„Ich war tot", sagte Wesker mit heiserer Stimme.
„Ich hab immer gewusst, dass du zurückkommen würdest. Nicht mal der Tod kann uns trennen. Nicht mal der Tod konnte meine Hoffnungen zunichtemachen, dich eines Tages so vor mir zu sehen."
Sie hatte ihn also offenbar erwartet.
„Du hast gewusst, dass ich komme?", fragte Wesker erstaunt.
„Ich habe es immer geahnt", antwortete Sheila heiser. „Ich hatte es im Gespür. Ich wusste, dass uns nichts trennen kann." Sie drehte sich langsam zu ihm um und sah ihn an. „Dass du irgendwann an meiner Seite sein wirst."
Wesker erkannte an ihrem Gesicht, dass sie die letzten Jahre gezeichnet hatten. Sie war blass und hatte dunkle Schatten unter den Augen. Ihre Wangenknochen traten hervor und ihre Wangen waren hohl. Aber die Freude über ihr Wiedersehen erfüllte sie mit Leben. Ihre leeren Augen waren plötzlich wacher.
Wesker grinste nach ihrer Bemerkung und schüttelte leicht den Kopf. Sie hatte sich nicht verändert. Selbst zwanzig Jahre der Trennung hatte sie nicht davon abbringen können, auf ihn zu hoffen.
„Oh Sheila, du hast dich nicht verändert. Wie ich sehe, hast du nichts gelernt", sagte Wesker, als spreche er mit einem kleinen Kind.
„Warum bist du hier, Albert?", fragte sie. „Du hast nach all den Jahren den Weg zu mir gefunden?"
„Wir haben etwas zu bereden, Sheila, deswegen bin ich hier", erklärte Wesker ruhig.
„Wie hast du mich gefunden?", fragte sie.
„Takeshi, er hat mir den Tipp gegeben."
Sie nickte. „Verstehe."
Sie trat vorsichtig auf ihn zu und betrachtete ihn von oben bis unten. Sie atmete tief durch. „Albert, ich kann es nicht glauben, dich wirklich hier vor mir zu sehen. Du hast dich kaum verändert. Du siehst gut aus. Ist das wirklich kein Traum?"
„Es ist kein Traum, ich bin hier", sagte Wesker. „Endlich."
„Ich bin so froh und richtig glücklich, dich zu sehen. Ich habe mich immer gefragt, wie es dir ergangen ist. Und es freut mich zu sehen, dass es dir gut geht."
Sie biss sich verlegen auf die Lippe und schlang ihre Arme um ihren Körper, als fröstle sie.
„Wie ist es dir ergangen, Sheila? Wir haben uns viele Jahre nicht gesehen", sagte Wesker.
Sie lächelte schwach und mied seinen Blick. „Wie es mir ergangen ist, fragst du? Ach, was soll ich sagen? Du weißt sicher, dass ich Geschäftsführerin eines Weltkonzerns bin."
„In der Tat."
„Aber das ist alles nur nebensächlich", sagte Sheila, auf einmal mit etwas mehr Selbstbewusstsein in der Stimme. „Albert", sie wagte es jetzt, ihm direkt in die Augen zu sehen, „ ich habe so lange auf dich gewartet. All die Jahre habe ich jeden einzelnen Augenblick an dich gedacht. Ich habe gewartet und gewartet. Ich habe diesen Tag so lange herbeigesehnt. Und jetzt bist du hier! Wir sind endlich wieder vereint."
Wesker rührte sich nicht, als sie direkt vor ihm stand und ihn eindringlich ansah. Ein neuer Lebensgeist schien in die leere Hülle gefahren zu sein. In ihren Augen sah er ein Glühen, so als wäre sie aus ihrer Jahre währenden Totenstarre erwacht.
Vorsichtig streckte sie einen Arm aus und berührte ihn an der Schulter. Sie strich sanft über seinen Arm nach unten und sah ihn mit einem flehenden Blick an. Sie schloss den Abstand zwischen ihnen. Ihr Bademantel rutschte von ihren Schultern und entblößte ihre nackten Schultern.
Wesker nahm ihr Gesicht in eine Hand und hob ihren Kopf ein Stück an. Er beugte sich etwas zu ihr. Sie erwiderte sofort seine Geste, weil sie dachte, er wolle sie küssen. Ihr Körper bebte vor Erregung. Sie lechzte regelrecht nach ihm und seinen Lippen. Er spürte, wie ihr Puls raste. Er fühlte sich in die Zeit zurückversetzt, als Excella ihn mit demselben lüsternen und gierigen Blick bedacht hatte.
Er beugte sich näher zu ihr, sodass er ihr ins Ohr flüstern konnte: „Wir beide… haben noch eine alte Rechnung offen."
Dann stieß er Sheila mit voller Kraft von sich, sodass sie nach hinten fiel und auf den Boden aufschlug. Sie starrte ihn mit weitaufgerissenen Augen an. „Albert, was…?", stammelte sie und versuchte sich hochzurappeln. Sie rieb sich den Arm, weil sie auf der Schulter aufgeschlagen war.
Wesker ließ sich nicht von ihr beeindrucken. „Ich bin aus einem Grund hier, Sheila", sagte er hart. „Ich will die Wahrheit wissen."
„Von was sprichst du?", fragte Sheila völlig entgeistert. Sie zog sich mühevoll an der Armlehne ihres Sofas hoch. Sie zitterte.
„Du weißt genau, von was ich spreche", zischte Wesker bedrohlich. Seine Hände ballten sich zu Fäusten. Er hatte derart viel Wut in sich aufgestaut, dass er sie am liebsten sofort qualvoll getötet hätte. Doch er brauchte Antworten. Er wollte, er musste die Wahrheit wissen. Um Annas Willen.
„Sag mir, warst du es, die Anna Muller die geheimen Unterlagen von Umbrella gegeben hat?"
Sheila sah ihn an, als hätte sie sich verhört. „Unterlagen? Was…?"
„Spiel nicht die Unschuldige, Sheila", sagte Wesker giftig. „Ich weiß, dass du es warst. Du bist die einzige, die Zugang dazu hatte. Und ein Motiv. Du wusstest von meinem Sohn, habe ich Recht? Und du wolltest Anna aus dem Weg haben."
Während er sprach, mied sie seinen Blick. Als Wesker Jake und Anna erwähnte, funkelte sie ihn böse an.
„Habe ich Recht?", fragte Wesker erneut, diesmal eindringlicher.
Ihr Gesicht veränderte sich. Wesker sah den Zorn in ihr, aber auch die Verzweiflung. Sie wirkte mehr denn je wie eine Wahnsinnige.
„Anna und Jake. Du bist hier und das ist das einzige, das dich interessiert?" Sie schnaubte verächtlich.
„Warum Sheila? Ich will die Wahrheit von dir wissen. Warum hast du es getan?"
„Warum ich es getan habe?", schrie sie plötzlich laut. Ihre Miene war von Schmerz und Verzweiflung verzerrt. Tränen rannen ihr übers Gesicht. „Was denkst du denn?" Ihre Hände krallten sich in die Sofalehne. „Was hat sich dieses kleine Flittchen aus Edonien eingebildet?! Sie war nicht richtig für dich! Ich habe dir doch nur einen Gefallen getan!"
„Wie bitte?!", fragte Wesker aufgebracht.
„Diese kleine Schlampe hat es gewagt, dich mir wegzunehmen. Du hast mich doch nie beachtet! Ich war doch nichts für dich! Dabei hätte ich alles für dich getan! Alles!" Sie schluchzte. „Du, du hattest nur Augen für sie, Anna Muller! Und was war mit mir?! Ich war viel besser für dich! Was war die denn schon?! Ein kleines Zimmermädchen, das dich doch nur ausgenutzt hat!"
Sie schluckte hart. „Ich konnte das alles einfach nicht ertragen. Wie du nur sie angesehen hast und nicht mich! Und als ich dann erfahren habe, dass… sie ein Kind von dir bekommt, da wusste ich, dass ich etwas tun musste." Sie presste die Worte gequält hervor, als bereiteten sie ihr Höllenqualen. „Ich konnte es nicht zulassen. Ja, es stimmt. Ich habe ihr die Dokumente zugespielt. Ich habe sie bei ihr in den Briefkasten geworfen. Ich wusste genau, dass dir die Firma wichtiger war."
Ihre Worte trafen Wesker wie ein Dolch in die Brust.
„Ich habe genau darauf spekuliert, dass du sie verlässt. Sie verschwand ja dann, Gott sei Dank, zurück nach Osteuropa, wo sie hingehört. Und was den Jungen angeht", sie sah hasserfüllt zu ihm, „ich konnte es nicht ändern, aber wenigstens habe ich dafür gesorgt, dass beide verschwinden und du nie davon erfährst. Er ist nur ein Bastardkind von einer Hurenmutter. Sie musste weg. Jake hätte unser Sohn sein sollen!"
Wesker stand da und spürte seinen Körper nicht mehr. Er war taub und Leere breitete sich in ihm aus. Er war so angespannt, dass er kein Gefühl mehr für seinen Körper hatte.
„Du hast Anna zum Tode verurteilt", sagte er, mehr zu sich selbst, „wegen dir ist sie tot. Und mein Sohn und sie… sie waren zu diesem Leben verdammt…"
Sein Arm wanderte instinktiv an seinen Gürtel, wo er seine Waffe trug. Er nahm sie aus dem Holster und richtete sie auf Sheila. „Du hast Anna auf dem Gewissen. Du hast… die einzige Familie zerstört, die ich jemals hätte haben können."
„Familie?!", fragte Sheila wütend. „Was wart ihr denn schon? Nichts! Anna war nicht gut für dich! Ich habe dir geholfen, ich habe dich befreit."
Sheila tat langsam ein paar vorsichtige Schritte in seine Richtung. „Das Schicksal hat es bestimmt, dass wir beide zusammen sind. Wir beide gehören zusammen. Das stand immer fest und wird sich auch niemals ändern. Die einzig richtige Person für dich bin ich. Und niemand sonst. Du gehörst zu mir, Albert. Unsere Liebe ist stark und nichts auf der Welt kann uns auseinanderbringen. Nicht mal dein Tod konnte das, denn du bist zu mir zurückgekehrt."
Sie streckte die Hand nach ihm aus. Wesker schüttelte den Kopf. Sie sprach wie eine Wahnsinnige.
„Du bist krank, Sheila", sagte er angewidert.
„Ich habe all die Jahre gelitten, als ich auf dich gewartet habe. Und jetzt bist du hier! Wir sind vereint! Alles ist gut, denn wir können zusammen sein!", flehte Sheila.
„Du bist... krank. Du widerst mich an", sagte Wesker. „Ich werde dich von deinen Qualen erlösen. Aber vorher… wirst du genauso leiden, wie Anna und Jake. Das schwöre ich."
Wesker entsicherte seine Waffe. Er hatte den Finger am Abzug und zielte auf Sheilas Herz.
Sie sah ihn ungläubig und empört an, während bitterlich die Tränen über ihr Gesicht rannen. Sie wirkte innerlich zerstört und zerrissen. Ihre Hand wanderte in ihre Tasche.
Weskers Finger lag am Abzug der Waffe und er war im Begriff abzudrücken. Der Hass pulsierte derart stark durch seinen Körper, dass er mit seiner anderen Hand sein Handgelenk stützen musste, um die Waffe überhaupt gerade halten zu können. Sein Finger bewegte sich wie in Zeitlupe. Nur noch einen kurzen Augenblick und er würde seine Rache in vollen Zügen genießen können.
In dem Moment, in dem er den Abzug betätigen wollte, knallte plötzlich die Tür hinter ihm auf. Er fuhr herum und blickte Alex ins Gesicht.
„Albert?!"
„Was tust du hier?!", fragte Albert verärgert und wandte sich sogleich wieder Sheila zu. „Das ist meine Sache, Alex."
„Nein, ist es nicht!", entgegnete Alex. Er trat nach vorne neben Albert und musterte Sheila. Diese schien überrascht von der Erscheinung ihres Schwagers.
„Alex, lange nicht gesehen", meinte sie nur mit einem gezwungenen Lächeln. „Wie geht es meiner Schwester? Und Faith?"
Alex schnaubte, bei der Erwähnung der Namen seiner Familie und seine Miene verfinsterte sich.
„Tja, weißt du, eigentlich solltest du das doch wissen, Sheila, denn du hast doch einen Anteil daran, dass sie jetzt beide tot sind."
Sheila musterte ihren Schwager mit ausdrucksloser Miene.
„Sheila, sag mir", begann er ohne Umschweife, „hast du meine Tochter an Simmons und „die Familie" verraten?!"
Sie sah ihn nur an, aber sagte nichts.
„Sag schon!", befahl Alex und aus seinen Worten war ebenso viel Schmerz herauszuhören wie aus den ihren. „Ich will wissen, ob du den Tod meiner Tochter zu verantworten hast."
Sheila zuckte kurz mit einer Schulter. „Es tut mir Leid. Ich wusste nicht… ich… Ich hatte keine Ahnung, was sie mit der kleinen Maus anstellen würden. Wenn ich das geahnt hätte, ich hätte ihnen gesagt, dass…"
Alex blickte sie an, als sei sie nicht bei Trost. „Sheila, bist du so naiv… oder einfach so dumm?! Es war doch klar, dass sie Faith töten würden, wenn sie nicht das finden, was sie haben wollten! Komm mir nicht mit dieser blöden Ausrede! Du hast Simmons geholfen und deinetwegen ist meine Tochter tot!"
Hinter ihnen betraten Chris, Jill, Leon, Sheva und Jake den Raum. Sie alle hoben instinktiv ihre Waffen. „Was geht hier vor?!", fragte Chris sofort beim Anblick von Wesker, der seine Pistole auf Sheila gerichtet hielt.
„Vater!", sagte Jake. Er wollte ein paar Schritte nach vorne auf seinen Vater zu tun, doch dieser erwiderte sogleich: „Jake, bleib wo du bist. Das ist meine Sache, halt dich da raus!"
„Wesker, das ist es nicht wert!", flehte Jill. „Lass sie!"
„Vielleicht solltest du auf sie hören", meinte Sheila. „Egal was ist, du wirst Anna nicht zurückbekommen. Was geschehen ist, ist geschehen. Jetzt geht es nur um uns."
„Sei still, sei still, SEI STILL!", zischte Wesker bedrohlich, machte einen Schritt auf Sheila zu und drückte ab. Niemand der anderen hatte eine Chance, irgendetwas zu tun.
Ein lauter Knall hallte im Raum wider und Sheila fiel leblos mit ausgestreckten Armen nach hinten. Sie schlug auf dem Boden auf sofort breitete sich Blut um ihren Körper herum aus. Die Kugel hatte in ihren Hals geschlagen, das Fleisch zerfetzt und sie augenblicklich getötet.
Chris, Jill und die anderen konnten nur tatenlos zusehen und fassungslos das Schauspiel beobachten. Der Schuss durchschnitt die Luft und darauf folgte eine gespenstische Stille, Totenstille.
Wesker ließ langsam seinen Arm sinken. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er schwer atmete und Herzrasen hatte. Er ließ die Waffe auf den Boden fallen und sank nach unten auf die Knie. Alex trat neben ihn.
„Es ist vorbei", sagte er leise. „Du hast sie von ihren Qualen erlöst. Sie wird nichts mehr tun. Du hattest die ganze Zeit Recht, Albert. Es war wirklich Sheila, die ganze Zeit."
Albert nickte nur. Sein Sohn näherte sich vorsichtig. „Dad…?"
Jake wollte vielleicht etwas sagen, doch er kam nicht mehr dazu. Ein Klirren ließ sie aufschrecken und sie blickten alle in Richtung der Leiche. Doch Sheila Yamamoto war nicht tot…
Eine Spritze war aus Sheilas Hand gefallen und rollte ein Stück über den Boden. Das Blut, das aus der Wunde ausgetreten war, zog sich langsam wieder zurück in ihren Körper. Ihr Oberkörper richtete sich langsam auf und sie starrte die Gruppe mit hasserfüllten Augen an.
„Was zum Teufel?!", schimpfte Jake. Alle hoben sofort ihre Waffen.
„Er hatte Recht. Alle hatten Recht. All die Jahre habe ich wegen dir gelitten", sagte Sheila, ihre Stimme plötzlich nicht mehr verzweifelt, sondern voller Zorn. Sie hatte einen unnatürlichen Ton angenommen, als käme sie aus einer Maschine. „All die Jahre habe ich für dich weggeworfen und wofür? Für nichts! Du bist hier, nach einer so langen Ewigkeit bist du endlich hier bei mir und das einzige, das dich interessiert, ist Anna! Er hatte Recht. Ich werde dich dafür bezahlen lassen, was du mir angetan hast, Albert! Wenn ich dich nicht im Leben haben kann, Albert, dann werde ich dich mit in den Tod nehmen! Du gehörst mir! Wir werden im Tod vereint sein!"
Während sie sprach, veränderte sich ihr Körper. Ihre Haut wurde grau und schuppig. Auf ihrem Rücken entwickelten sich Stacheln und dort wo ihre Schulterblätter waren, brachen lange Arme heraus. An ihren Händen wuchsen scharfe Krallen.
Bevor Albert oder Alex reagieren konnten, hatte Sheila bereits ihre Fangarme ausgestreckt und zwischen die beiden auf den Boden geschlagen, wo ein tiefes Loch im Parkett entstand. Holzsplitter verdeckten Albert die Sicht und er hatte keine Chance, seine Waffe zu ziehen.
Sheila riss ihn von den Füßen und schleuderte ihn mit voller Wucht gegen das Fenster. Die Scheibe zerbarst in tauschend Scherben und er wurde in die Nachtluft hinausgeworfen. Er konnte sich gerade noch abfangen, bevor er mit dem Rücken auf den Pflastersteinen im Innenhof aufschlug. Er schaffte es, auf den Füßen zu landen, doch augenblicklich schoss ein stechender Schmerz durch seinen Körper von dem starken Aufprall.
Er richtete sich mit zittrigen Knien auf und zog seine Waffe. Er war mit Sicherheit zehn Meter in die Tiefe gestürzt und ohne seine Kräfte hätte er sich schlimme Verletzungen zugezogen.
Er hatte nur ein paar Sekunden, ehe sich Sheila aus dem Fenster stürzte und vor ihm auf dem Boden landete. Sie holte erneut mit ihren Fangarmen aus, doch diesmal wich Wesker rechtzeitig aus und schoss mehrmals auf das mutierte Monster.
Sheila schrie auf, als die Kugeln sie in die Brust trafen.
Um ihn herum kreischten Leute, die beim Anblick des Monsters schnell das Weite suchten.
Alex schwang sich ebenfalls aus dem Fenster, nutzte einen Balkon als Zwischenetappe und landete elegant auf dem Boden. Er schoss von hinten auf Sheila, um sie von Albert abzulenken.
„Sheila!", rief er, „hör auf! Reiß dich zusammen! Kämpf dagegen an!"
„Du, ha!", höhnte Sheila nur. Die Kugeln prallten von ihrem Rückenpanzer ab. „Was bist du denn?! Albert gehört mir! Du bist im Weg!"
Einer ihrer Arme schoss auf Alex zu und traf ihn an der Schulter. Er stürzte nach hinten, weil ihn die Wucht des Stoßes von den Füßen riss. Sheila sprang auf ihn und versuchte, ihre Krallen in seinen Körper zu rammen. Sie wurde jedoch von einem Kugelhagel, der sich in ihren Körper entlud nach hinten gerissen und musste schutzsuchend auf einen Balkon springen. Chris, Jill, Sheva, Leon und Jake stürmten durch eine Terrassentür auf den Innenhof und feuerten auf Sheila.
Sie schrie vor Wut auf und sprang von Balkon zu Balkon, um den Schüssen zu entgehen.
„Ihr! Wie könnt ihr es wagen?!", fauchte sie laut mit ihrer schrecklich metallisch verzerrten Stimme. „Ich werde euch vernichten!"
Alex eilte zu Albert. „Geht's dir gut?!", fragte er sofort.
„Es geht schon, ja", sagte Albert nur.
Sie verfolgten Sheila mit den Augen, die so schnell zwischen den Hauswänden hin und herflog, dass sie nicht zielen konnten. Alex und Albert stoben auseinander als sie blitzschnell auf die beiden zusprang.
„Sheila! Du musst aufhören!", flehte Alex. „Es hat keinen Sinn! Kämpf dagegen an!"
Sheila fauchte trotzig und schüttelte den Kopf. Sie stieß Alex beiseite und stürmte erneut auf Albert zu. Diesmal jedoch war dieser vorbereitet. Er duckte sich unter ihren Fangarmen weg und rammte ihr die Kampfmesser, die er aus Sherrys und Jakes Wohnung mitgenommen hatte, in Bauch und Flanke.
Schwarze Flüssigkeit trat aus den Wunden und Sheila taumelte vor Schmerz stöhnend zurück. Albert schrie ebenfalls vor Schmerz auf, als das Blut seine Haut berührte. Die Substanz brannte.
Chris, Jill und die anderen luden ihre Waffen nach und feuerten auf das Monster. Sheila blieb stehen, als die Kugeln ihren Körper trafen und sich immer mehr schwarze Flüssigkeit auf das Pflaster ergoss.
„Du gehörst mir!", wiederholte sie. „Ich werde nicht zulassen, dass man dich mir wegnimmt!"
Sie stöhnte vor Schmerz auf und krümmte sich. Der Virus, den sie sich gespritzt hatte, ließ sie weiter mutieren. Ihre schuppige Haut wurde dichter und wuchtiger, sie nahm an Größe zu. Ihre Fangarme wuchsen und entwickelten mehrere Ausläufer. Ihre Wirbelsäule wurde länger und aus ihrem Steißbein wuchs ein langer mit Stacheln besetzter Reptilienschwanz hervor. Plötzlich wirbelte sie herum und bohrte sich kopfüber in den Boden und verschwand.
„Wo ist sie hin?!", fragte Jill alarmiert. Alle blickten nach unten und zielten mit ihren Pistolen auf die Erde.
Ein Rumoren unter ihnen war zu vernehmen.
„Achtung, sie kommt!", schrie Alex und riss Sheva zur Seite. Sheila durchbrach den steinernen Weg genau dort, wo die Afrikanerin gestanden hatte, und schoss, begleitet von einer Wasserfontäne heraus. Ihr Schwanz fegte sie von den Füßen. Chris und Jill rollten sich zur Seite, bevor der Dorn an ihrem Schwanzende sie durchbohren konnte. Wasser spritzte über sie. Sie musste Wasserleitungen im Boden beschädigt haben.
Sie schossen, doch dem neuen Ungetüm schienen die Kugeln noch weniger auszumachen. Ihre Wut und ihr Hass wurden immer größer und ihre Angriffe auf Albert immer aggressiver. Sie wollte ihn um jeden Preis vernichten und mit sich nehmen. Es war ersichtlich, dass sie ihren eigenen Tod akzeptiert hatte. Es ging nur darum, mit Albert vereint zu sein und ihn mit sich zu nehmen. Sie hielt die anderen auf Abstand, während sie Albert von ihnen wegdrängte. Er konnte nichts weiter tun, als ihren Angriffen auszuweichen. Er hatte bereits zahlreiche Schläge von ihr einstecken müssen und blutete stark im Gesicht und am rechten Oberschenkel.
„Vater!", schrie Jake und eilte auf Albert zu.
„Jake, bleibt da stehen! Das ist ein Befehl!", erwiderte Albert noch.
Ein hämisches Grinsen stahl sich auf Sheilas Gesichtszüge. Sie wirbelte herum und packte Jake mit ihren Fangtentakeln.
„Was haben wir denn da?"
„Jake!", schrien Chris und Leon und hasteten hinterher. Sie schossen auf Sheilas Arm. Die Kugeln bohrten sich in ihr Fleisch und Blut rann ihren Körper hinab, doch sie blieb davon unbeeindruckt.
Jake wand sich in ihrem Griff, doch sie schloss ihre Gliedmaße nur noch stärker um ihn. Jake spürte seine Knochen knacken. Sie war dabei, ihm die Wirbelsäule zu brechen.
„Deine Mutter ist schon dort, wo sie hingehört. Ich werde dir einen Gefallen tun und dich zu ihr schicken. Dein Vater gehört mir allein!", sagte Sheila siegessicher.
In Jake stiegen grenzenlose Wut und Hass auf. Er wand sich und schaffte es schließlich, seine Waffe zu erreichen und den Abzug zu feuern. Die Kugel streifte Sheilas Wange und verfehlte knapp ihr Auge.
Sie fluchte laut auf und beschimpfte ihn als Bastardkind. Bevor sie Rache üben und ihn zerquetschen konnte, spürte sie einen kräftigen Schlag und wurde nach hinten gerissen.
Alex und Albert waren beide gleichzeitig nach vorne geschossen und hatten das Monster angegriffen, Albert mit einem Fußtritt, Alex mit dem Metallgeländer eines Balkons, das Sheila aus der Wand gerissen hatte.
Sie warf Jake ein paar Meter von sich und versuchte, sich zu sammeln.
Alle rappelten sich hoch und umringten Sheila mit gezogenen Pistolen. Sie waren völlig durchnässt von dem Wasser, das konstant einige Meter in den Himmel schoss. Der Innenhof war völlig zerstört worden. In der Ferne waren die Sirenen von Polizei und Feuerwehr zu hören.
„Sheila", sagte Alex eindringlich, „es ist vorbei. Lass es dich nicht weiter beherrschen, OK? Kämpf dagegen an! Ich bitte dich! Denk an deine Familie, an deine Schwester! Sie würden es nicht wollen! Du kannst die Liebe zu Albert nicht erzwingen. Du kannst die Vergangenheit nicht ändern. Hör auf."
Sheila musterte sie alle reihum. Wasser rann ihren schuppigen Körper hinab und vermischte sich mit ihrem schwarzen Blut.
„Nein!", widersprach sie lauthals. „Nein! Albert!", sie wandte sich jetzt direkt an ihn, „Ich habe all die Jahre auf dich gewartet. Du hast mich nie beachtet, dabei hätte ich alles für dich getan. Alles! Weißt du, wie ich gelitten habe? Ich war immer für dich da! Aber du… Mein Leben ist wertlos ohne dich. Komm mit mir!"
Sie machte ein paar unsichere Schritte auf ihn zu und streckte hilfesuchend eine Hand nach ihm aus. „Du gehörst zu mir und wenn wir nicht im Leben vereint sein können, dann wenigstens im Tod!"
Albert schüttelte den Kopf. Jake trat neben ihn.
„Mein Vater gehört immer noch mir und ich hab noch ein paar Sachen mit ihm zu klären. Du kannst gehen, wohin du willst, aber Albert Wesker wirst du nicht mitnehmen. Du wirst dafür bezahlen, was du meiner Mutter angetan hast. Dafür kannst du nämlich in der Hölle schmoren."
Sheila näherte sich Albert, doch sie stockte plötzlich als ein Schuss direkt durch ihre Brust fuhr. Albert, Alex und Jake hatten gleichzeitig auf ihr Herz geschossen und es durchbohrt.
„Das war für meine Mum", sagte Jake.
„Und das war für Faith", fügte Alex hinzu.
Sheila spuckte Blut und schwarze Masse quoll aus ihrer Brust. Ihre Mutation bildete sich plötzlich zurück und sie wurde wieder kleiner.
„Nein!", stöhnte sie und griff sich an ihr Herz. „Nein, Albert! Wie kannst du mir das antun? Ich habe dich geliebt…" Sie brach ab.
Ihr gesamter Körper zerfloss mit dem Wasser, das sich über sie ergoss, zu einem schwarzen Brei und breitete sich auf dem Boden aus. Sie mussten von der Masse zurückweichen, weil sie sich in die Oberfläche des Bodens einbrannte und Dampf aufstieg.
Sheila bäumte sich ein letztes Mal auf. Eine verkrüppelte Gestalt formte sich aus der Masse, die entfernt an eine Person erinnerte, und streckte ihren Arm nach Albert aus, doch das Wasser verflüssigte sie immer mehr und sie konnte sich nicht in stabiler Form halten.
Das Schwarz wurde weniger und weniger und schließlich war es soweit mit Wasser verdünnt, dass es im Boden versickerte.
Sie alle atmeten auf und ließen erleichtert ihre Waffen sinken.
„Jetzt ist es wirklich vorbei", sagte Jill.
Albert fühlte eine große Last von seinen Schultern fallen. Sheila war weg. Sie hatte für ihre Taten bezahlt. Er merkte kaum, wie er in die Hocke sank und sich die Seite hielt. Sheila musste ihn doch erwischt haben. Er spürte, wie sein Virus seine angeknacksten Knochen wieder zusammensetzte und sich die zahlreichen Schnittverletzungen schlossen.
Auch Alex war merklich mitgenommen. Seine Wunden hatten sich geheilt, nur verkrustetes Blut war auf seiner Haut zurückgeblieben. Er sank neben Albert auf die Knie.
„Du hattest Recht, Albert, du hattest so Recht. Sheila hatte den Tod meiner Tochter zu verantworten. Sie war alles. Warum, warum hab ich es nicht früher gesehen?"
„Jetzt ist es vorbei, Alex", sagte Albert.
Alex erhob sich und ging zu Chris, Jill und den anderen. Sie alle hatten Blessuren von Sheila davongetragen, aber schienen sonst wohlauf zu sein. Jake schritt zu seinem Vater und reichte ihm eine Hand, um ihm aufzuhelfen. Albert nickte und ergriff sie. Jake war im Begriff, seinen Vater nach oben zu ziehen, doch da schoss wie aus dem Nichts etwas Schwarzes auf Albert Wesker und schloss sich um seinen Hals.
Er stöhnte vor Schmerz auf und versuchte noch, sich das Gerät von seinem Hals zu reißen, doch es schnappte zu und bohrte sich in seinen Nacken. Er atmete schwer und sank auf alle Viere.
„Vater…?", fragte Jake verunsichert. „Was ist los?"
„Jake! Geh weg von ihm!", schrie Alex Wesker hinter ihm.
„Was…?" Jake hatte keine Zeit zu reagieren. Sein Vater versetzte ihm einen kräftigen Schlag gegen die Brust und schleuderte ihn ein paar Meter weit nach hinten.
Die anderen eilten sofort zu Jake, der hustete und nach Luft schnappte. Er rappelte sich röchelnd hoch.
Wesker stand da und sah sie mit einem bösartigen Blick an. Das Halsband leuchtete rot auf.
„Wesker!"
„Vater!"
Wesker hörte nicht auf Jakes oder Chris´ Rufe, sondern wandte sich blitzschnell um, schwang sich leichtfüßig über die Balkone auf das Dach des Hauses und verschwand außer Sichtweite.
