Kapitel 36

~ Unerwarteter Besuch ~

Es waren mittlerweile gute zwei Monate seit Amandas erster Übungsstunde vergangen und während dieser Zeit hatte Severus keine Gelegenheit ausgelassen, um sie weiterhin zu schulen. Gleich an ihrem zweiten Duelliertag hatte er ihr einige nützliche Abwehrzauber beigebracht und diese in späteren Übungsstunden noch durch effektive und einfache Flüche ergänzt. Das Training war hart und Severus trieb Amanda jedes Mal an ihre Grenzen, doch zeigte es auch seine Wirkung und so hatte Snape zuletzt auch selbst ab und an Hiebe einstecken müssen, weil er in seiner Wachsamkeit Amanda gegenüber doch ein wenig nachlässiger war, als in einem ernsten Kampf. Im Okklumentik-Unterricht machte Amanda auch Fortschritte, wenn auch etwas langsamere. Es gestaltete sich verständlicherweise etwas schwierig für sie, ihren Geist nach einer arbeitsreichen und anstrengenden Woche zu leeren und diese Leere auch dann noch aufrecht zu erhalten, wenn Severus die Legilimentik begann. Dennoch war Snape mit dem zufrieden, was sie bisher gemeinsam erreicht hatten und er versuchte es Amanda auch zu zeigen.

Ende Oktober trafen schließlich die Vertretungen von Beauxbatons und Durmstrang ein und die gemeinsame Zeit von Severus und Amanda wurde noch mehr beschnitten. Zu allem Überfluss wurde zudem auch noch Harry Potter mysteriöserweise als vierter Trimagischer Champion auserwählt, was Snape, neben seinem immer deutlicher werdenden Mal, zusätzliches Kopfzerbrechen bereitete. Dennoch fand er am ersten Novemberwochenende wieder einmal die Zeit, sich mit Amanda zu treffen, nicht zuletzt um erneut zu trainieren und um anschließend noch auf Alans Geburtstagsfeier zu gehen.

Für Amanda waren diese Übungsstunden sehr anstrengend und auch belastend. Inzwischen konnte sie aber ein wenig besser zwischen ihren eigentlichen Gefühlen für Severus und der Situation im Training unterscheiden, so dass sie ihn auch aktiv angreifen konnte. Am Tag von Alans Geburtstagsfeier kam Amanda schon am Mittag nach Hause, um noch genügend Zeit zu haben, um mit Severus zu üben und sich auf die Feier vorzubereiten. Nach einem kurzen Mittagessen standen Severus und sie also wieder einmal im Garten und duellierten sich.

Carl Brown indes, hatte bei sich in der Wohnung während seines Urlaubs ausgemistet und einige Dinge gefunden, die Amanda vielleicht gefallen könnten. Deshalb stand er auch am frühen Nachmittag desselben Tages vor ihrer Tür und klingelte. Doch auch nach erneutem Läuten öffnete niemand. Verwundert, da seine Tochter gesagt hatte, sie wäre schon früher zu Hause, wollte Carl gerade wieder gehen, als er Geräusche aus dem Garten hörte. War Amanda vielleicht dort? Doch was tat sie bloß, was solchen Krach machen könnte? Stirnrunzelnd machte sich Carl Brown daran, um das Haus zu gehen.

Severus konnte gerade noch einem Fluch von Amanda ausweichen, allerdings streifte er noch seine Robe, die daraufhin etwas angekokelt wurde. Seine Revanche folgte deshalb auf dem Fuße. Keiner von beiden merkte, dass sich Carl näherte, deshalb trainierten sie unbeeinflusst weiter. Als dieser gerade durch das Gartentor getreten war, hatte sich Amanda nach einem Fluch gerade wieder aufgerappelt, woraufhin Severus mit versteinerter Miene gleich noch einen neuen hinterher schickte.

Nachdem ein Fluch Amanda zu Boden geworfen hatte, stand sie mit leichtem Schmerz im Arm wieder auf. Kaum stand sie wieder auf beiden Füßen, zwang sie der nächste Fluch zu Boden und augenblicklich breitete sich ein unglaublicher Schmerz in ihrem ganzen Körper aus, der sie aufschreien ließ. Carl hingegen betrat gerade den Garten und traute seinen Augen kaum. Severus stand mit erhobenem Zauberstab vor Amanda, die gerade wieder vom Boden aufstand. Was ging hier nur vor? Kaum stand seine Tochter wieder halbwegs gerade, schickte Severus den nächsten Fluch auf sie, der sie erneut umwarf und offensichtlich vor Schmerzen schreien ließ. Auch ohne den Fluch gehört zu haben, ahnte Brown senior, um was es sich handelte und entsetzt ließ er die Kiste aus seinen Händen fallen und zog seinen Zauberstab, den er gleich auf Severus richtete.

Das unerwartete Geräusch von rechts hinter ihm ließ Severus sofort reflexartig umschnellen, woraufhin der Cruciatusfluch auf Amanda unterbrochen wurde. Er sah einen Mann, der eine Kiste hatte fallen lassen und nun gerade seinen Zauberstab zog. Es waren nur Sekundenbruchteile, die Severus nun Zeit hatte, die Situation einzuschätzen und sich darüber klar zu werden, wie er weiter verfahren sollte. Er war kurz davor, den vermeintlich zweiten Gegner mit einem Fluch niederzustrecken, als er registrierte, dass es Carl war und dieser gerade dazu ansetzte, ihn zu entwaffnen. Aus diesem Grund entschied sich Severus blitzschnell dafür, einen Schutzzauber entgegenzusetzen, denn natürlich war es nicht seine Absicht, den Vater von Amanda niederzustrecken. Carls Zauber prallte an Severus Schild ab. Mit weiter erhobenem Zauberstab ging er auf ihn und Amanda zu, welche sich langsam wieder aufrappelte. „Was geht hier vor", wollte er in scharfem Ton wissen, während Amanda noch immer die Nachwirkungen des Fluchs durch ihren Körper jagen spürte, so dass sie nur langsam aufstehen konnte.

Kurz huschte Severus Blick zu ihr, dann fixierte er wieder aufmerksam Carl, falls dieser noch einmal auf die Idee kommen sollte, ihn anzugreifen. Als er sich näherte, wich Snape ein wenig zur Seite und Richtung Amanda aus, darauf bedacht, weiterhin einen gewissen Mindestabstand zu deren Vater zu halten, um bei einem erneuten Angriff wieder blocken zu können. „Nimm deinen Zauberstab runter, Carl…", sagte Severus schließlich, denn er war nicht darauf aus, mit Amandas Vater in einen Zweikampf verwickelt zu werden, nur weil dieser die momentane Situation missverstand. Auch Carls Blick fiel zunächst auf Amanda und er sah, dass es ihr scheinbar weitestgehend gut ging. Dann wandte er sich wieder an Severus. „Das kannst du auch tun! Was ist hier los?" Amanda machte einige Schritte auf Severus zu, doch da alles recht schnell ging, kam sie noch nicht dazu, etwas zu sagen. „Also schön...", entgegnete Snape ruhig und ein wenig gedehnt. „Training beendet für heute, Amanda", sagte er dann mit einem kurzen Seitenblick zu ihr, dann ließ er langsam seinen Zauberstab sinken, allerdings nicht ohne Carl weiter äußert aufmerksam im Auge zu behalten. Er wollte ihm deutlich machen, dass es nicht in seiner Absicht lag, ihm Schaden zuzufügen, doch sollte er ihn noch einmal angreifen, so war er noch immer bereit. Amanda sah Severus an und nickte, bevor ihr Blick wieder auf ihren Vater fiel. „Dad, es ist in Ordnung, wirklich!" Carl sah sie an. „Spinnst du? Nichts ist in Ordnung! Er hat dich gerade mit dem Cruciatus-Fluch belegt!" Amanda ging auf ihren Vater zu. „Ja, ich weiß, Dad. Das ist okay, wir haben geübt." Skeptisch sah Carl zunächst Amanda dann Severus an, bevor er langsam seinen Zauberstab senkte.

Snapes Miene hatte sich mittlerweile wieder etwas entspannt und er sah nicht mehr ganz so verbissen und furchteinflößend aus, wie noch eine Minute zuvor. Als er bemerkte, dass Carl langsam wieder zur Vernunft kam, lockerte auch er den Griff um seinen Zauberstab wieder etwas und ließ ihn kurze Zeit später auch schon in seinen Roben verschwinden. „Dem habe ich nichts hinzuzufügen", sagte er schließlich nur noch auf Amandas Worte hin und erwiderte Carls Blick ruhig. Dieser kam noch einige Schritte näher und sah seine Tochter an. „Geht es dir gut?" Amanda nickte. „Ja sicher", antwortete sie, auch wenn das nicht so ganz stimmte, denn genau genommen fühlte sie sich durch das Training und vor allem durch den letzten Fluch ziemlich gerädert. „Und was tut ihr hier bitte sehr", wollte Carl erneut wissen. „Wir üben, wie Severus schon gesagt hat", erklärte Amanda ruhig. „Üben? Mit einem unverzeihlichen Fluch? Das sehe ich aber nicht sehr als Übung an!" Vorwurfsvoll sah er Severus an, der diesen Zauber nun mal zu verschulden hatte. Dieser hielt Carls Blick weiterhin ungerührt stand, auch wenn es in ihm selbst ganz anders aussah. Es war ihm nicht gerade angenehm, dass Carl dieses Training mitbekommen hatte, genauso wie es ihm keineswegs Spaß gemacht hatte, Amanda diesen Fluch aufzuhalsen. Wortlos griff er deshalb zunächst in seine Roben und zog eine kleine Phiole hervor. „Hier… Trink das", sagte er dann zu Amanda, reichte ihr das Fläschchen und sah sie an. „Sonst kannst, oder besser willst du dich spätestens morgen vor Schmerzen nicht mehr bewegen." Dann wandte er sich wieder an Carl. „Es geht hier nicht darum, was du als Übung ansiehst, Carl, sondern darum, was ich als ihr Lehrer für nötig erachte. Amanda soll sich Wissen aneignen und dazu gehört auch, wie sich die unverzeihlichen Flüche anfühlen."

Ohne zu zögern, nahm Amanda ihm die Phiole ab und leerte sie. Zwar schmeckte der Inhalt bitter, doch kaum hatte sie den Inhalt geschluckt, fühlte sie, wie ein warmes Gefühl sie durchströmte und die Schmerzen langsam nachließen. „Vielen Dank", sagte sie ruhig und sah ihren Vater an. „Ich habe Severus darum gebeten." Skeptisch sah Carl erst sie und dann seinen baldigen Schwiegersohn an. „Bleibt wohl die Frage, was du dann als nächstes für nötig erachtest!" Carl war wütend und besorgt und machte sich auch keine Mühe, dies zu verbergen. „Bitte", entgegnete Severus und lächelte Amanda kurz an, dann wandte er sich wieder an ihren Vater. „Du kannst unbesorgt sein… Der Todesfluch gehört sicherlich nicht zum Programm. Aber es sollte nicht nur in meinem und Amandas Interesse liegen, dass sie sich möglichst gut schützen kann, sondern auch in deinem. Und aus keinem anderen Grund tun wir das. Oder glaubst du etwa, ich habe Spaß daran, Amanda leiden zu sehen und ihr Schaden zuzufügen", wollte Snape schließlich mit scharfem Unterton wissen und sah sein Gegenüber forschend an. Aufgrund von Severus vorherigem Gesichtsausdruck war sich Carl da momentan nicht mehr so sicher. „Nein, ich denke nicht, eigentlich." „Och, Dad. Es tut mir leid, dass du das mit ansehen musstest. Lasst uns bitte alle reingehen und dort weiterreden. Mir wird kalt hier, vom Herumstehen." „Eigentlich… Das klingt stark nach aber", sagte Snape, dann ging er voraus. Er hatte nicht erwartet, dass Carl Verständnis für diese Sache aufbrachte, dennoch fühlte er sich in der Situation als Sündenbock alles andere als wohl.

Amanda sah Severus hinterher, blieb aber neben ihrem Vater stehen und sah ihn dann an. „Dad, hör mir zu: Mit allem was Severus und ich während der Übungen tun, bin ich einverstanden. Wir haben zuvor darüber geredet und das geklärt. Keiner von uns macht das, weil er Spaß daran hat, geschweige denn, weil er den anderen verletzten will. Mach Severus bitte keinen Vorwurf daraus. Es belastet ihn beinahe mehr als mich." Einen Moment sah ihr Vater sie schweigend an. „Gut, wenn du das sagst", sagte er so ruhig wie möglich. Noch immer gefiel ihm das Ganze nicht wirklich, auch wenn er natürlich wusste, dass es gut war, wenn Amanda an ihren Fähigkeiten arbeitete. „Ja, das sage ich." Mit diesen Worten folgte sie Severus ins Haus. Carl sah Amanda kurze Zeit nach und beschloss dann, seine fallen gelassene Kiste zu holen, bevor er ebenfalls hinein gehen würde.
"Severus", sprach Amanda Snape an, nachdem sie das Haus betreten hatte. „Tut mir leid, er macht sich Sorgen." „Ja, ich weiß", sagte der Angesprochene ruhig, aber mit ein wenig gesengter Stimme und drehte sich zu ihr um. Sie ging zu ihm hinüber und umarmte ihn kurz. „Ich denke, er hat sich gleich wieder beruhigt." Auch Severus legte die Arme um Amanda, drückte sie sanft an sich und schloss kurze Zeit und leise seufzend die Augen. „Und trotzdem bleibt er misstrauisch", sagte er dann leise, denn er wusste selbst, dass Misstrauen etwas war, das man, wenn es einmal gewonnen war, nicht so leicht wieder ablegen konnte. „Ja, ich befürchte, das ist so. Vielleicht wärst du das auch?" Sie sprach ruhig und wollte nur, dass Severus sich dadurch nicht schlecht fühlte. „Ja, vermutlich. Ich kann seine Gründe nachvollziehen", antwortete dieser leise, doch trotz seiner Worte, die ihm sein Verstand vorgab, fühlte er sich nicht dementsprechend. Amandas Vater war ihm mittlerweile wohl doch schon wichtiger geworden, als er es sich bisher eingestanden hatte, dachte sich Severus. Sein Vertrauen war ihm wichtig und das nun angekratzt zu sehen, fühlte sich schlecht an. Amanda löste sich ein Stück von ihm, sah in seine Augen und küsste ihn zärtlich auf die Stirn, bevor sie einige Strähnen aus seinem Gesicht strich. „Er wird es schon noch verstehen, mach dir keine Sorgen."

Carl hatte derweil alles zurück in den Karton verfrachtet und machte sich nun auf den Weg in Richtung Terrassentür. Severus lächelte ein wenig, dann küsste er sie kurz. „Ich werde mir Mühe geben…" Daraufhin zog er sie noch einmal in seine Arme und drückte sie sanft an sich. Amanda seufzte leise und streichelte seinen Rücken entlang. Carl betrat einen kurzen Moment später das Wohnzimmer und das Bild, das sich ihm bot, berührte ihn dann doch. Vielleicht hatte Amanda Recht und es fiel Severus doch nicht so einfach, wie es aussah. Vorsichtig stellte er die Kiste auf den kleinen Tisch neben der Tür ab.

Als Severus hörte, wie die Kiste abgestellt wurde, sah er auf und als er Carl entdeckte, löste er sich gleich wieder etwas von Amanda, jedoch ohne ein Wort zu sagen. Als Severus sich bewegte, drehte sich Amanda zu ihrem Vater um, der auch gleich das Wort ergriff: „Ich bin eigentlich nur gekommen, um die Kiste hier abzugeben. Du kannst ja sehen, ob du etwas haben möchtest von den Sachen, Amanda." „Ach ja, stimmt. Vielen Dank", antwortete diese und ging zu ihrem Vater hinüber und sah in den Karton hinein. „Ich will euch auch gar nicht länger stören und gehe gleich wieder." „Gut, wenn du meinst." Carl nickte. „Ich denke das ist besser." So verabschiedete sich Mr. Brown und verließ kurze Zeit später wieder das Haus. Amanda seufzte leise, nachdem ihr Vater gegangen war und kam wieder zu Severus, um ihn erneut in den Arm zu nehmen. „Wir müssen auch nicht weggehen heute Abend, wenn es dir lieber wäre, hier zu bleiben", meinte sie schließlich leise. Auch Severus seufzte, nachdem sie wieder alleine waren. „Ich weiß noch nicht", sagte er dann leise. „Lass uns erst einmal duschen gehen… Oder baden." „Was du möchtest", sagte sie und sah ihn an. „Dann Baden. Das ist bequemer." Er lächelte ein wenig. „Und wärmer. Mir ist nämlich noch immer ziemlich kalt." Sie gab ihm einen kurzen Kuss, nahm dann seine Hand und zog ihn mit sich in Richtung Treppe. „Dann sollten ich und das Badewasser dich schnell aufwärmen", grinste Severus ein wenig und folgte ihr daraufhin. Wenig später saßen sie auch schon gemeinsam in der Wanne.