Es kommt doch immer anders, als man denkt, Kapitel 36

Die letzten Flitterwochen waren verflogen und bei Rilla und Kenneth hatte sich ungewollt der Alltag eingeschlichen. Die beiden Liebenden liebten ihr neues Zuhause, das sie liebevoll Ivy Porch nannten, abgöttisch. Rilla hatte mit ihrem guten Geschmack dem Haus ,das zwar ganz nett aussah dem jedoch das gewisse etwas fehlte, eine persönliche Note verpasst. Sie hatte verschiede Bilder ihrer Familie, sowie ihr Hochzeitsbild aufgehängt. Im Gästezimmer auf dem Bett lag, eine schon etwas in die Jahre gekommene Apfelblüten Decke von Rachel Lynde. In der Speisekammer befanden sich mindestens an die 15 Einmachgläser mit selbst gemachter Kirschmarmelade, Apfelkompott und eingelegte Pfirsichen. "Wer weis was du dort findest. Ich gehe lieber auf Nummer sicher und gebe dir ein paar Gläser mit", hatte Susan gesagt als sie Rilla die Gläser einpackte. Doch waren es nicht genau solche Kleinigkeiten die einem das größte Heimweh einwenig erleichterte?

Rilla liebte es in ihrem Häuschen die "Herrin" zu sein. Sie erledigte alle anfallenden Arbeiten. Sie wusch, bügelte, hielt das Haus in Ordnung und kochte die leckersten Dinge die Kenneth je gegessen hatte. Leslies Angebot ein Dienstmädchen und Köchin einzustellen, hatte Rilla lächelnd abgelehnt. Sie wollte keine fremde Hilfe, es war ihr Haus und ihr Mann dem sie es gemütlich machen wollte, ansonsten hätte sie sich die letzten beiden Hauswirtschaftskursjahre sparen können.

Da Kenneth von Morgens bis spät Nachmittags an der Universität und der Bibliothek verbrachte, war Rilla die meiste Zeit allein. Er nahm sich so viel Zeit für sie, wie er aufbringen konnte, doch leider war es nicht viel. Natürlich unternahm sie mit Leslie, Owen und den McGowans lustige Dinge, spazierte durch den Park und wurde in die Gesellschaft von Toronto eingeführt, doch Rilla fühlte sich alleine. Sie wusste, dass es schwer werden würde. Schließlich kamen auf Kenneth die entscheidenden Prüfungen zu. Rilla war für ihn da und stärkte ihm den Rücken. Doch Kenneth spürte, das seine Rilla unglücklich war und sich allein gelassen fühlte. Sie würde es ihm jedoch nie offen sagen, für sie war es das wichtigste das er sich nun auf seine Prüfungen konzentrierte und hatte sie nicht vor wenigen Wochen geschworen wie im Guten so im Schlechten? Die Zeit würde vorbei gehen und dann konnten die beiden endlich mehr Zeit für einander haben.

Rilla verbrachte neben ihrer Hausarbeit und den Unternehmungen mit den Fords und McGowans viel Zeit in dem kleinen Wäldchen hinter Ivy Porch. Da sie kein Regenbogental mehr hatte, brauchte sie Ersatz und hatte diesen im 'Wispering Woods' wie sie das kleine Wäldchen nannte, gefunden. Sie unternahm lange Spaziergänge dort, lies ihrer Fantasie freien lauf. Beobachtete die Kinder des Winds, wie sie mit den Bunten Blättern umher spielten oder lauschte dem Bach der durch das Wäldchen floss. Ja, sie hatte 'Wispering Woods' bereits tief in ihr Herz geschlossen.

Da nun der November sein Unwesen trieb und somit Rilla daran hinderte öfters in den 'Wispering Woods' umher zu spazieren, widmete sie sich dem Briefe schreiben oder dem Stricken kleiner Baby Sachen für die Zukünftigen Kinder von Faith und Emily. Sie selbst verschwendete keinerlei Gedanken daran das sie selbst eines Tages Mutter sein könnte. Rilla machte sich darüber überhaupt keinen Kopf. Eines Tages würden sie schon Kinder haben, wie in ihrem Traum. Doch Kenneth hatte im Moment eh keine Zeit für ein Kind, also was sollten dann die unnötigen Gedanken? Dennoch ging es Rilla seit einigen Tagen nicht gut. Um einer Erkältung vor zubeugen, beschloss sie einen Arzt aufzusuchen.

Wenige Tage nach ihrem Besuch eines Arztes saß Rilla auf der Veranda von Ivy Porch und erwartete ihren liebsten Kenneth. Sie hatte sich eine Wollstola übergeworfen und lächelte in die Nacht hinein. Wer hätte denn schon geahnt, dass die Diagnose des Arztes so ausfallen würde. Aber ich muss zugeben, ein ganz kleiner Teil meines Herzens den ich eigentlich nie beachte, hat es bereits gespürt und es sich gewünscht, was ich eigentlich nie für möglich gehalten hätte, dachte sie sich. Rilla strich sich sanft über ihren Bauch. Es war kaum zu glauben aber Rilla konnte sich sicher sein. Unter ihrem Herzen wuchs ein neues Leben heran. Sie verspürte mehr Lebenslust, wollte am liebsten den ganzen Tag über laut singen oder einfach nur ein paar Purzelbäume verüben, aber es gehörte sich nun einmal nicht solche Dinge zu tun. Rilla wollte es erst Kenneth sagen, bevor es die restliche Familie erfuhr.

Rilla hatte gedacht, dass sie ihr erstes Kind erst nach Kenneths Studium oder irgendwann einmal bekommen würde, aber das es so schnell ging, damit hatte sie nicht gerechnet. Rilla freute sich auf ihr Baby doch mehr als sie zugab. Das Gefühl Mutter zu werden war das schönste das sie bisher je verspürte. Doch an Rilla's Freude nagten einige Zweifel. Würde sie der Aufgabe einer liebenden Mutter gerecht werden? Sie hatte zwar ihren geliebten Jims groß gezogen, der wie ein Sohn für sie war. Aber es fühlte sich doch anders an. Sie trug Kenneth und ihr eigenes Kind unter dem Herzen. Im Juni, wo das Kind zur Welt kommen sollte, würde sich alles ändern. Sie würden zu einer wirklichen, kleinen Familie werden. Doch die stetig wachsende Angst, etwas falsch zu machen, lies Rilla nicht mehr los.

Erschöpft und müde trat Kenneth durch die Gartentür und fand seine Rilla wartend vor.
"Rilla-My-Rilla, was machst du hier draußen? Es kalt, du wirst dir noch den Tot holen und das will ich nicht", meinte Kenneth und wollte seiner Frau aufstehen helfen.
"Ich habe auf dich gewartet. Ich muss mit dir sprechen Liebster, es ist wichtig. Bitte setze dich zu mir", sprach Rilla in ernstem Ton.

Kenneth der dies von seiner Rilla nicht gewohnt war nahm Platz und sah sie besorgt an. "Fehlt dir etwas? Geht es dir nicht gut? Wenn es darum geht, dass ich so viel Zeit in der Uni verbringe, keine Angst ich habe mir schon was überlegt. Ich werde die Bücher einfach mit nach Hause nehmen und somit können wir mehr Zeit miteinander verbringen. Ich weis, du fühlst dich allein gelassen von mir und es tut mir sehr Leid", sagte Kenneth und küsste Rilla zärtlich auf die Stirn.
Es herrschte einige Minuten stille. Er hatte natürlich recht damit. Er hatte ja jetzt schon kaum Zeit für sie, wie würde es später mit einem kleinen Kind werden? Rilla wusste nicht genau wie sie nun beginnen sollte. Sie hatte so etwas noch nie zuvor getan. Wie brachte man es seinem Mann bei, dass man Schwanger war? Es ihm einfach so sagen, nein das wollte sie nicht.
"Bitte schließe die Augen und reiche mir deine Hand", meinte Rilla nach einigen Minuten, als sie wusste was sie zu tun hatte.
"Meine Hand möchtest du? Wofür?"

"Bitte mach es einfach. Du wirst schon sehen." Kenneth tat wie es ihm geheißen wurde und schloss die Augen. Er reichte Rilla seine Hand und wartete ab. Rilla vergewisserte sich darüber das die Augen verschlossen waren und nahm Kenneths Hand in ihre. Sie legte seine Hand auf ihren Bauch. "Sag mir was du fühlst. Lass aber die Augen zu", mahnte Rilla, als er sie öffnen wollte.

"Ich fühle, deinen Bauch. Du hast meine Hand auf deinen Bauch gelegt. Ich fühle dein Atmen.", meinte Kenneth. Er verstand nicht recht, was sie ihm damit sagen wollte. "Und nun schau mit deinem Herzen. Sag mir nun was du siehst."
Kenneth wartete einen Moment. "Tut mir Leid Rilla, aber ich sehe nichts. Kannst du mir nicht einfach sagen, was du zu sagen hast? Ich hatte heute einen anstrengenden Tag und bin erledigt."

"Oh Kenneth! Seit wann bist du so unromantisch? Ich versuche dir hier etwas zu erzählen was unser Leben verändern wird und du, du gibst dir keine richtige Mühe", meinte Rilla und verschränkte die Arme. Kenneth machte ein verdutztes Gesicht. Nach einem Moment der Stille grinste er plötzlich über beide Ohren.
"Soll das etwa... , willst du mir das sagen was ich denke?", sagte Kenneth aufgeregt und war aufgesprungen. Rilla lächelte ihn verlegen an. "Ja, du Dummerchen, ich bin Schwanger", lächelte Rilla versöhnlich, als sie Kenneths Gesicht sah. Er sprang in die Luft und verübte Freuden schreie. Dann wand er sich Rilla zu, zog sie zu sich hinauf und drehte sich mit ihr im Kreis.

"Wir bekommen ein Baby!", schrie er durch die Nacht. Er küsste seine Rilla. "Wir bekommen ein Baby", flüsterte er ihr ins Ohr und strahlte.