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Kapitel 36Sowie Hermine im Kamin verschwunden war, fiel Snapes mühsam aufrechterhaltene Beherrschung in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Die Flut widersprüchlicher Gefühle, die ihn regelrecht überrollte, schien in seinem Kopf einen Wirbel zu bilden, der sich immer schneller um sich selber drehte und ihn schwindlig machte.
Dem Bedürfnis, das Glas, das er noch immer in der Hand hielt an die Wand zu werfen widerstand er allerdings und füllte es stattdessen noch einmal zur Hälfte auf um es gleich anschießend in einem Zug wieder leer zu trinken.
Er schloss die Augen und lehnte sich zurück, als der Whiskey brennend durch seine Kehle lief und ließ sich dann langsam an der Rückenlehne des Sofas hinunterrutschen, bis Schulter und Kopf das Polster berührten. Als er die Knie zur Körpermitte zog stieß er an das Glas, das ihm daraufhin aus der Hand glitt und auf den Boden fiel, wo es mit einem seltsam beruhigenden, monotonen Geräusch einige Meter weiterrollte.
Snape versuchte angestrengt seine wirren Gedanken in eine Reihenfolge zu bringen, was der Alkohol in seinem Blut allerdings merklich erschwerte. Dennoch schien ihm der Gedanke, aufzustehen und einen entsprechenden Trank gegen diesen Zustand zu sich zu nehmen so mühsam, dass er ihn gleich wieder verwarf. Seine Kraft reichte gerade noch dafür, hier liegen zu bleiben und gegen den emotionalen Strudel anzukämpfen, der ihn in sich hineinzuziehen drohte.
Er konnte sich nicht entscheiden, auf wen er wütender war – auf Hermine oder auf sich selbst. Wenn man die Sache objektiv betrachtete, lag die Schuld für diesen Vorfall genauso bei ihm, wie bei ihr. Er hätte einen solchen Angriff ihrerseits vorhersehen und sich dementsprechend wappnen müssen - stattdessen hatte er die Augen geschlossen, weil ihr Anblick ihn so erregt hatte. Nicht einmal den Zauberstab hatte er ihr vorher abgenommen um ihn sicher zu verwahren und sich dann auch noch den seinen abnehmen lassen, von einer Schülerin – der Gipfel der Peinlichkeit – na ja, fast... denn das, was sie danach mit ihm angestellt hatte, war wirklich schwer verdaulich.
Er hatte bis zum Schluss nicht geglaubt, dass sie es wirklich tun würde und gehofft, dass doch noch ihr Verstand Oberhand über ihre körperlichen Bedürfnisse erlangen würde.
Zu behaupten, dass er keine Lust bei der ganzen Sache empfunden hätte, wäre allerdings eine Lüge gewesen. Das Bild Hermines, wie sie sich schweißbedeckt und völlig dem Rausch ihrer sich steigernden Erregung hingegeben auf ihm bewegt hatte, ging ihm nicht mehr aus dem Kopf und es löste ein Kribbeln in seinen Lenden aus, das alles andere als unangenehm war, wenn auch vom vernunftgesteuerten Standpunkt her völlig unakzeptabel.
Und als ob die Tatsache, dass sich eine Schülerin auf ihm selbst entjungferte noch nicht schlimm genug gewesen wäre, hatte sie ihn auch noch absichtlich und mit deutlichem Vergnügen gedemütigt. An ihrem Verhalten war dies der Punkt, den er ihr am schlechtesten verzeihen konnte, obwohl die Motivation hierfür durchaus nachvollziehbar war. Schließlich hatte auch er in den vergangenen Wochen niemals Skrupel gehabt, sie zu demütigen – sie hatte es ihm nur heimgezahlt, wenn auch mit unerwarteter Intensität.
Doch trotz dieser Erkenntnis kratzte die durch sie erlittene Demütigung schwer an seinem Ego. Das schrie geradezu nach Rache und er hätte sich sicher mit Elan in die gedankliche Vorbereitung derselben gestürzt, wenn da nicht noch etwas anderes gewesen wäre...
Ganz deutlich mehr erschrocken, als über die genüsslich sadistischen Anwandlungen seiner Schülerin, war er über die Gefühle, die sie dadurch in ihm geweckt hatte. Die Angst, dass er ihr etwas antun könnte, was weit jenseits der Grenze jeglicher moralischen Vertretbarkeit lag, hatte ihm schier den Atem geraubt, als er erkannt hatte, dass sie ihn freilassen würde.
Es war, als wäre in jenem Moment eine Tür in seinem Innern aufgegangen, von der er geglaubt hatte, sie wäre für immer versiegelt. Aus seiner Zeit bei Voldemort wusste er ganz genau, in welcher Weise man einem Menschen psychisch und physisch zusetzen musste, um ihn vollkommen gefügig zu machen. Die Vorstellung, dass er Hermine etwas derartiges antun könnte, war so erschreckend, das er es kaum ertragen hatte mir ihr im selben Raum zu sein, unmittelbar nachdem sie ihn von dem Stuhl befreit hatte.
Die Ohrfeige und seine Grobheit, als er sie danach genommen hatte, hatten wie ein Ventil gewirkt und damit die Gefahr, dass er ihr etwas wirklich unverzeihliches antat, weitgehend eingedämmt. Aber auch wenn dadurch die imaginäre Tür in seinem Inneren wieder geschlossen worden war – die Tatsache, dass diese dunkle Seite in ihm noch so präsent war, machte ihm große Angst.
Eine Stunde später - als sie zum zweiten Mal an diesem Abend zu ihm gekommen war - hatte er seine Befürchtungen schon in reichlich gutem altem Irischen Whiskey eingelegt und dadurch wieder etwas relativiert, er war aber vorsichtshalber so zurückhaltend wie möglich ihr gegenüber geblieben, um das Ganze nicht wieder in einen Streit ausarten zu lassen.
Er war sich nach wie vor nicht sicher, wie er auf erneute Aggression von ihrer Seite reagieren würde, vor allem, wenn sie sich ihm dabei auch noch körperlich näherte. Es konnte auf keinen Fall schaden, sie in der nächsten Zeit auf Distanz zu halten.
‚In der nächsten Zeit?', fragte seine innere Stimme hinterhältig.
Okay – es konnte nicht schaden, sie auf Distanz zu halten, bis sie von der Schule abging... und er sie nie wieder sah...
Er ignorierte die aufkeimende Traurigkeit, die dieser Gedanke hervorrief und tastete stattdessen nach seinem Zauberstab, um das Whiskeyglas einzufangen und wieder seinem eigentlichen Zweck zuzuführen.
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Hermine stand eine Weile nur wie erstarrt da und ließ ihren Blick durch ihr Zimmer schweifen, nachdem sie aus dem Kamin getreten war. Ihre Welt war – in emotionaler Hinsicht - so sehr aus den Angeln gehoben, dass die vertraute Umgebung mit einem Mal befremdlich irreal wirkte.
Unfassbar, dass ihr Leben als Schülerin in diesem Schloss einfach wie bisher weiterlaufen sollte, nachdem sie ihren Lehrer... vergewaltigt hatte. Selbst ohne es tatsächlich auszusprechen, fiel es ihr schwer, dieses Wort in ihrem Geist zu formieren.
Aber Severus hatte Recht! Eine Vergewaltigung - genau das war es gewesen – und Hermine fühlte sich grauenhaft schuldig deswegen. Zudem hatte sie ihn vorsätzlich verletzt, auch wenn sie ihm rein körperlich keine Schmerzen zugefügt hatte. Sie hatte ihn seiner Freiheit beraubt, seine Würde und sein Recht auf Selbstbestimmung mit Füßen getreten und ihn mit voller Absicht gedemütigt – was sich beim besten Willen nicht mit der Wirkung des Trankes entschuldigen ließ.
Natürlich trug Severus bei logischer Betrachtung der Sache eine Teilschuld an dem Vorfall. Er hatte ihr diesen Trank gegeben und trotz des Wissens um ihren Zustand keine weiteren Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Man konnte ihm vorwerfen, sich von einer Schülerin übertölpelt haben zu lassen, wie ein Anfänger, während man von einem Mann wie ihm doch erwarten konnte, in einer solchen Situation die Kontrolle zu behalten und gefährliche Faktoren im Voraus zu erkennen.
Wenn man in Betracht zog, wie sehr er ihr während ihrer gesamten Schulzeit und speziell in den letzten Wochen zugesetzt hatte, war es eigentlich nur verständlich, dass sie sich revanchiert hatte, als sich die Gelegenheit dazu bot.
Aber trotz alledem – es war größtenteils ihre Schuld! Sie hatte etwas getan, das grundsätzlich nicht mit ihren Moralvorstellungen vereinbar war.
Und das Schlimmste daran war – sie hatte es genossen, dass er ihr ausgeliefert war. Ihn zu demütigen hatte ihr eine solche Genugtuung bereitet, dass sie im Nachhinein Angst vor sich selber bekam.
Was war sie nur für ein Mensch, das sie Freude daran hatte, einen anderen zu quälen – noch dazu jemanden, den sie liebte. Diese beiden Dinge passten für sie so wenig zusammen, das sie sich fragen musste, ob eine dieser Emotionen eventuell nicht echt war.
Konnte es sein, dass ihre Liebe nur Einbildung war, eine zeitweilige Verirrung der Gefühle? War es möglich, dass sie sich einfach in den Menschen verliebt hatte, von dem sie am meisten abhängig, ja dem sie geradezu ausgeliefert war – eine Reaktion, ähnlich dem Stockholm-Syndrom, bei dem sich Entführungsopfer zu ihrem Geiselnehmer hingezogen fühlten?
Nein! Denn wenn dem so wäre, hätte sie Severus in einem verklärten Licht gesehen und seine schlechten Eigenschaften weitgehend ignoriert. Ihr jedoch war klar, das dieser Mann ein arroganter, ungerechter, hinterhältiger, in sozialer Hinsicht nahezu untragbarer Mensch war, ein Einzelgänger, einer den die Gesellschaft mit Recht mied und fürchtete – und trotzdem liebte sie ihn.
Das hieß also, sie musste die Situation, als sie ihn gedemütigt hatte und ihre Empfindungen dabei näher unter die Lupe nehmen.
Ihn bei dem erzwungenen Akt absichtlich immer nur bis kurz vor den Orgasmus kommen zu lassen, hatte ihr ein so berauschendes Gefühl von Macht verliehen, dass sich sogar jetzt, wenn sie nur daran dachte, eine wohlig-schaurige Gänsehaut bekam. Bei der Sache mit dem Glas Wasser hatten ihr vor Aufregung über die eigene Courrage die Knie gezittert, angesichts der Vorstellung, wie gedemütigt er sich dabei fühlen musste.
Aber den größten Kick hatte ihr eindeutig der Moment beschert, in dem sie beschlossen hatte die Fesseln zu lösen und seine Revanche über sich ergehen zu lassen. Bei genauerer Betrachtung war alles, was sie zuvor getan hatte in dem Bewusstsein geschehen, dass sie ihn danach freilassen und er sie für ihre Gemeinheiten bestrafen würde.
Auf die Ohrfeige, die er ihr gegeben hatte, und die sie zähneknirschend als Preis für ihr Vergehen akzeptierte, hätte Hermine zwar gut verzichten können, aber andererseits hatte sie ihn durch ihr demütigendes Verhalten dazu gebracht, aus eigenem Antrieb den Koitus mit ihr zu vollziehen, was er unter anderen Umständen wohl strikt verweigert hätte.
Und trotzdem er ihr dabei weh getan hatte - was zum Großteil wohl ohnehin auf ihre vorausgegangene Defloration zurückzuführen war – sie hatte es genossen, weil es das war, was sie eigentlich wollte.
Von ihm genommen werden war, was sie am meisten begehrte, was sie in einen regelrechten Sinnestaumel versetzte. Sie wollte die Lust in seinen Augen sehen und dabei wissen, dass sie der Auslöser dafür war, aber viel mehr noch sehnte sie sich danach, sich von ihm erobern und beherrschen zu lassen. Es kam sicher auch nicht von Ungefähr, das sie sich ausgerechnet Severus für ihren Tagtraum im Unterricht ausgesucht hatte – vermutlich hatte sie instinktiv gespürt, dass er der Typ Mann für so etwas war.
Diese neuen Erkenntnisse erschütterten Hermine zunächst bis ins Mark. Der Wunsch, sich von einem Mann dominieren zu lassen, wenn auch lediglich auf sexueller Ebene, passte so wenig in ihre Vorstellung von der jungen, selbstbewussten Frau als die sich sah, dass es ihr fast lieber gewesen wäre, sich eine sadistische Ader einzugestehen.
Je länger sie jedoch darüber nachdachte, desto mehr wurde ihr klar, dass sehr viel Mut und Stärke dazu gehörte, sich auf diese Art einem anderen Menschen auszuliefern. Und eventuell noch eine Portion Wahnsinn, wenn dieser Mensch Severus Snape hieß.
Und so beschloss Hermine, dass sie stolz und rückhaltlos zu ihrer Neigung stehen würde und nahm sich vor, diesen Umstand bei nächster Gelegenheit auch gegenüber Severus kundzutun. Sie würde ehrlich zu ihm sein – auch ohne Veritaserum – und sie würde alles tun, um ihn von der Echtheit ihrer Gefühle für ihn zu überzeugen, auch wenn dies angesichts der jüngsten Ereignisse fast unmöglich schien.
Sich an diesem wenigstens ansatzweise hoffnungsvollen Gedanken festklammernd fiel sie schließlich irgendwann in einen unruhigen, von wirren Träumen durchwobenen Schlaf.
Als Hermine am nächsten Morgen erwachte und sich verschlafen aufsetzte, schlichen sich zunächst zwei Dinge drastisch in ihre vom Schlaf vernebelten Gehirnwindungen: Sitzen tat weh und ihr Bettlaken war voller Blut. Eine Sekunde später wurde ihr das ganze Ausmaß ihrer gestrigen Eskapade erneut bewusst, woraufhin sie sich kraftlos zurück ins Bett plumpsen ließ.
Wie sollte sie diesen Tag nur überstehen? Die Aussicht, vermutlich in der großen Halle und – unvermeidbar – im Zaubertränkeunterricht auf Severus zu treffen, verursachte ein schrecklich flaues Gefühl in ihrem Magen. Am liebsten wäre sie auf der Stelle wieder zu ihm gegangen um das Gespräch von gestern dort weiterzuführen, wo sie es unterbrochen hatten, aber ihm in Gegenwart anderer zu begegnen und sich verstellen zu müssen, schien ihr heute doppelt schwer.
Außerdem hatte sie nur wenige Stunden geschlafen in dieser Nacht, was ihren Zustand natürlich nicht gerade verbesserte. Einen kurzen Moment überlegte sie, ob sie sich krank melden sollte, aber sich Madame Pomfreys Fragen zu stellen, schien ihr dann doch so wenig verlockend, dass sie sich schließlich dazu durchrang aufzustehen.
‚Toll Hermine! Jetzt bist du eine richtige Frau!', dachte sie ironisch bei sich, als sie breitbeinig und vorsichtig, um den Schmerz einigermaßen zu überlisten, ins Badezimmer schlurfte.
Eine heiße Dusche und einen schmerz- und blutstillenden Zauber später, fühlte sie sich jedoch schon fast wieder wohl in ihrer Haut. Blieb nur noch das nagende Schuldgefühl gegenüber Severus in den Griff zu bekommen und das würde mit Sicherheit weitaus schwieriger werden.
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Als Snape aufwachte, meinte er sein Schädel müsse zerspringen. Er erhob sich mit äußerster Vorsicht aus seinem Bett - wobei er halbherzig sein Gedächtnis nach der Erinnerung durchsuchte, wie er eigentlich gestern Nacht dorthin gekommen war - und schlurfte mit kleinen, langsamen Schritten in sein Privatlabor, wo er zielstrebig nach einer Flasche griff und einem Becher mit der darin enthaltenen eklig aussehenden, braunen Flüssigkeit füllte. Er kippte das Zeug mit einem Zug hinunter und schüttelte sich, was er aufgrund des dröhnenden Echos, das diese Bewegung in seinem Kopf verursachte, umgehend bereute.
Anschließend schlich er ins Badezimmer und als er nach einer ausgiebigen heißen Dusche, den Wasserhahn auf kalt umstellte um schneller in die Gänge zu kommen, war sein Kopf schon fast wieder klar.
Er biss die Zähne zusammen und kämpfte gegen die Versuchung an, dem eiskalten Wasserstrahl zu entfliehen. Erst, als seine Haut sich schon so taub anfühlte, dass er die Kälte kaum noch wahrnahm, drehte er das Wasser ab. Die Luft im Raum kam ihm angenehm warm vor, nach dieser Tortur. Als er sich schließlich trockenrubbelte und das Blut schneller in seinem Körper zu zirkulieren begann, fühlte er sich auch einigermaßen bereit, dem neuen Tag entgegenzutreten.
Er verbot sich selbst, erneut über die gestrigen Ereignisse nachzudenken, nachdem er das ohnehin schon die halbe Nacht lang getan hatte, ohne zu einem wirklich befriedigenden Ergebnis zu gelangen. Den Kopf für sachliche Dinge, wie den Unterrichtsstoff frei zu haben, war jetzt wichtiger, denn sich auch noch vor seinen Schülern zu blamieren, nachdem er gestern Abend schon so eine jämmerliche Vorstellung geboten hatte, war wirklich das Letzte, was er im Moment brauchen konnte.
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Hermines erster Blick fiel auf den Lehrertisch, als sie die große Halle betrat – aber Snapes Platz war leer und sie konnte sich nicht recht entscheiden, ob sie nun erleichtert oder enttäuscht darüber war. Kurz darauf liefen Harry und Ginny ein, die sich zu ihr setzten, zum Glück aber nicht versuchten, sie in ein Gespräch zu verwickeln.
Snape betrat den Saal, als Hermine mit ihren beiden Freunden gerade dabei war, ihn wieder zu verlassen. Sie trafen im Bereich der Tür aufeinander und die drei jungen Leute traten automatisch zurück um ihren Lehrer vorbeizulassen.
Snape schien zwar nicht besonders begeistert, aber auch keineswegs bestürzt über das Zusammentreffen zu sein. Sein Blick fiel - mit der üblichen Verachtung darin - auf Harry, streifte kurz und eher neutral Ginny und blieb dann eine Winzigkeit länger an Hermine hängen.
Hermine rutsche das Herz in die Hosen. Was sollte sie nun tun. Nichts zu sagen schien ihr unangebracht, ihn anzusprechen jedoch fast unverschämt.
„Guten Morgen Professor Snape!", sagte sie schließlich mit leicht zitternder Stimme und hoffte, dass er ihre Worte nicht etwa als Provokation auffasste.
„Guten Morgen, Miss Granger!", erwiderte Snape leise und nickte ihr zu, bevor er seinen Weg zum Lehrertisch fortsetzte.
„Wie hast du das hingekriegt, dass er höflich zu dir ist?", fragte Ginny erstaunt, als sie weitergingen, während Harry nur ein abfälliges Schnauben von sich gab.
„Ich weiß auch nicht, womit ich das verdient habe", sagte Hermine tonlos.
Den Zaubertrankunterricht zu überstehen, stellte sich als weit weniger problematisch heraus, als Hermine es befürchtet hatte. Dass sie so wenig bei der Sache war, wie noch nie zuvor in ihrer Schullaufbahn und nichts anderes tat, als ihren Gedanken nachzuhängen und hin und wieder einen verstohlenen Blick auf Snape zu werfen, der sie vom Beginn der Stunde an vollkommen ignorierte, war nicht weiter schlimm, denn das behandelte Zaubertrankrezept stellte ohnehin keine große Herausforderung für sie dar.
Der Unterricht im Kerker schien sogar wesentlich schneller zu vergehen, als der Rest des Tages, der sich hinzog wie der zäheste aller Kaugummis.
Beim Abendessen bebte Hermine schon fast vor lauter Ungeduld, da sie es kaum noch erwarten konnte, endlich zu Severus zu gehen und mit ihm zu sprechen. Sie malte sich aus, wie das Gespräch verlaufen würde und stellte erst bei dieser Gelegenheit fest, dass sie heute keinerlei Entzugsymptome an sich bemerkt hatte – zumindest führte sie keine Komponente ihrer heute doch recht außergewöhnlichen Verfassung darauf zurück.
Punkt acht Uhr stand sie vor seiner Wohnungstüre. Auf das Benutzen des Kamins hatte sie heute verzichtet, da sie ihm demonstrieren wollte, dass sie trotz ihres gestrigen Überfalls seine Privatsphäre respektierte und gleichzeitig hoffte, ihn damit etwas milde zu stimmen.
Ob ihr dies gelungen war, konnte sie seiner steinernen Miene allerdings nicht entnehmen, als er sie ohne ein Wort zu verlieren hereinließ. Er wies ihr mit einer flüchtigen Geste den Platz auf dem Sofa an und ließ sich selbst ohne ein sichtbares Zeichen von Unbehagen auf dem Sessel nieder, an den sie ihn gestern gefesselt hatte.
Immer noch sprach er kein Wort, schlug nur die Beine übereinander und verschränkte die Arme. Sein Blick lag schwarz, unergründlich und mit scheinbar vollkommener Ruhe auf Hermine, während diese immer nervöser wurde.
„Wie... geht es dir?", fragt sie schließlich zögernd.
„Das spielt keine Rolle", sagte Snape.
„Tut es doch!", sagte Hermine.
„Kaum eine Minute da und schon wiedersprichst du mir", sagte Snape vorwurfsvoll und schüttelte den Kopf. „Du bist wegen deiner Entzugserscheinungen hier – also erzähl mir, wie es DIR geht!"
„Ich bin sehr bestürzt und... traurig über das, was gestern passiert ist", sagte Hermine leise.
„Hast du heute irgendwelche physischen oder psychischen Auffälligkeiten an dir beobachtet, die eventuell auf deinen Entzug zurückzuführen sind?", fragte Snape ohne dass seine Stimme auch nur den geringsten Aufschluss darüber gab, ob ihn ihre Worte überhaupt erreicht hatten.
„Es ist unverzeihlich, was ich getan habe", sagte Hermine.
„Schwindel? Übelkeit? Erhöhter Puls? Nervosität?", fragte Snape.
„Ich wünschte, ich könnte es ungeschehen machen", flüsterte Hermine.
„Irgendwelche Paranoia?", fragte Snape.
„Ja, ich habe die zwanghafte Vorstellung, dass manche Menschen mir nicht zuhören, wenn ich mit ihnen rede", sagte Hermine mit plötzlicher Schärfe.
„Wir haben bereits gestern über diese Sache geredet", sagte Snape eisig. „Das war völlig ausreichend."
„Und das bestimmst natürlich du ganz alleine", sagte Hermine und warf ihm einen bösen Blick zu.
„Erkannt!", sagte Snape. „Bist du immer noch... sexuell... übermotiviert?"
„Nein!", sagte Hermine. „Und du?"
„Aggressionen?", fragte Snape ungerührt.
„Nicht übermäßig, aber daraus könnte noch was werden, wenn du so weitermachst", sagte Hermine.
„Tja – dann nimmst du am besten mal den Trank und wir werden sehen, was passiert", sagte Snape und stand auf.
„Das Veritaserum sollten wir diesmal lieber weglassen", sagte Hermine bitter, „nachdem du heute nicht sehr viel Interesse an der Wahrheit zu haben scheinst."
Snape ignorierte ihre Provokation und ging an ihr vorbei auf sein Labor zu.
„Du machst es dir verdammt einfach, Severus!", sagte Hermine.
„Einfach wäre gewesen, dich mitsamt deinen verbotenen Tränken McGonagall zu überlassen", sagte Snape der stehen geblieben war, ohne sich umzudrehen, „dann wärst du zwar vermutlich von der Schule geflogen, aber auch immer noch unversehrt... und ich müsste mich nicht ständig fragen, wie zum Teufel ich zulassen konnte, dass so etwas passiert", fügte er so leise hinzu, das Hermine ihn kaum mehr verstehen konnte.
„Es war nicht deine Schuld", sagte Hermine beschwörend. „Na ja – vielleicht ein bisschen, aber hautsächlich war es die meine."
Snape antwortete nicht. Er straffte den Rücken, ging in sein Labor und kehrte kurz darauf mit dem Trank wieder zurück.
Hermine sah ihn fragend an, als er ihr den Becher reichte.
„Es ist die selbe Mischung wie gestern", sagte Snape.
Hermine zog nur kurz die Augenbrauen hoch und trank das Gebräu dann aus.
„Es wird wohl am Besten sein, du bindest mich diesmal gleich fest, bevor ich wieder irgendetwas anrichten kann", sagte sie.
„Das wird sicher nicht nötig sein", sagte Snape. „Aber deinen Zauberstab hätte ich gerne."
Hermine lächelte gequält und reicht ihm den Stab.
„Dann warten wir also, in welche Art von Monster ich mich diesmal verwandle", sagte sie.
„Ja!", sagte Snape.
„Das ist zermürbend!", sagte Hermine, nachdem sie sich mehrere Minuten angeschwiegen hatten.
„Hm...", machte Snape. Er schien nicht gewillt, mehr als unbedingt nötig zur Konversation beizutragen.
„Severus, es tut mir leid", sagte Hermine.
„Das hast du bereits gestern gesagt", brummte Snape.
„Was kann ich tun, damit du wieder mit mir redest?", fragte Hermine verzweifelt.
„Ich will nicht mit dir reden!", sagte Snape. „Nicht darüber!"
„Das müssen wir aber!", sagte Hermine flehentlich.
„Nein!", sagte Snape scharf. „Und jetzt hör auf damit!"
Hermine drehte den Kopf weg, damit er nicht die Tränen sah, die ihr in die Augen stiegen.
„Spürst du schon irgend etwas?", fragte Snape nach einer Weile.
Hermine schüttelte den Kopf.
„Keinerlei auffälligen Veränderungen?", hakte Snape nach.
„Ich bin verzweifelt, weil du mich nicht an dich ran lässt und weil du nicht mit mir sprechen möchtest über das, was gestern passiert ist, aber das interessiert dich ja nicht", sagte Hermine mit zitternder Stimme.
„Rein körperliche Symptome? Schwindel? Schmerzen?", fragte Snape ungerührt.
Hermine schüttelte abermals den Kopf. Eine Träne rollte über ihre Wange herunter, bevor sie es verhindern konnte. Sie wischte sie energisch mit dem Ärmel ihres Shirts weg.
Snape sah sie prüfend an, schien aber nicht gewillt, auf ihren Zustand in irgendeiner Weise einzugehen.
„Du scheinst den Entzug tatsächlich überstanden zu haben", sagte er, „...schon nach so kurzer Zeit. Entweder hast du dir doch nicht so viel von deinen Mitteln zugeführt wie angenommen, oder dein Organismus hat die Tränke, die ich dir verordnet habe ungewöhnlich schnell und effektiv verarbeitet."
„Es ist vorbei?", fragte Hermine erstaunt. „Heißt das... ich soll... gehen?"
„Nein!", sagte Snape. „Wir werden diesen letzten Abend nutzen, um über die Ursache deines Dilemmas zu sprechen."
„Wie meinst du das?", fragte Hermine misstrauisch.
„Wir werden über den Tod von Ronald Weasley reden", sagte Snape.
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Fortsetzung folgt...
