34. Kapitel
Hunsford, Kentund London – Elizabeth fängt ein neues Leben an und William erfährt interessante Neuigkeiten
Elizabeth
Die kleine Reisegesellschaft bestehend aus William Darcy, Charlotte Collins und Elizabeth Bennet machte sich am nächsten Morgen in aller Frühe auf den Weg nach Kent. Elizabeths restliche Sachen waren am Abend vorher noch zum Gasthof gebracht worden und von diesem Augenblick an stand es ihr frei, ein neues Leben zu beginnen. Ohne John Thornton. Und weit weg von Cornwall.
Sie hatte William am gestrigen Abend noch persönlich über ihre Entscheidung informiert, jedoch keine Einzelheiten mitgeteilt. William hatte selbstverständlich auch nicht nachgebohrt. Er hatte lediglich genickt und sie ruhig gefragt, wann sie abzureisen wünschte und wohin er sie bringen durfte. „So bald wie möglich und zunächst nach Hunsford," war ihre nicht besonders überraschende Antwort und William hatte umsichtig und stillschweigend alles Notwendige veranlaßt.
Die Fahrt nach Kent dauerte lange und verlief, zumindest am ersten Tag, ziemlich schweigsam und bedrückend. Elizabeth war die meiste Zeit in Gedanken versunken, weinte viel und verschlief einen Großteil der Fahrt. Sie war erschöpft, müde und vollkommen durcheinander und ihre beiden Reisegefährten taten ihr bestes, sie aufzuheitern, zu trösten und einfach für sie dazusein. Am zweiten Reisetag ging es ihr ein wenig besser, aber die Tränen flossen noch immer ziemlich schnell. William hätte sie gerne getröstet, aber es war Charlottes Aufgabe, die Freundin immer wieder in den Arm zu nehmen und für sie da zu sein.
Hätte William geahnt, wie überaus dankbar Elizabeth ihm für seine Hilfe war und wie sehr sie mit Wehmut und Trauer daran dachte, bald wieder von ihm getrennt zu sein, es wäre ihm sicher Trost und noch viel mehr Hoffnung gewesen. Aber sie wußte nicht so recht, wie sie sich ausdrücken sollte und er sprach sie nicht darauf an.
Als sie endlich in Kent ankamen, bemühte sich Elizabeth tapfer um Stärke und Mut. Natürlich würde es eine Zeit dauern, bis sie die letzten Monate vergessen konnte. Nein, vergessen würde sie diese Zeit sicherlich nie, aber darüber hinwegkommen mußte sie irgendwann. Sie konnte vorläufig bei Charlotte bleiben, aber es wäre wirklich nur eine Übergangslösung. Unter keinen Umständen wollte sie ihrer Freundin zur Last fallen.
Elizabeth gestand es sich nicht offen ein, aber am liebsten wäre sie mit William nach Pemberley gegangen. Innerlich hoffte sie, daß er sie fragen würde, ob sie wieder als Gouvernante bei ihm arbeiten wolle. Nichts hätte sie lieber getan! Auf Pemberley würde sie sich geborgen fühlen, beschützt und sicher. Sie wäre glücklich dort. Aber William fragte sie nicht.
Sie kamen gegen Mittag in Hunsford an und da noch genügend Zeit war, wollte William gleich weiter nach London reisen. Er wußte, würde er nur eine Minute länger in Elizabeths Gesellschaft bleiben als nötig, er würde sie in die Kutsche sperren und umgehend mit nach Pemberley nehmen. Oder gleich nach Gretna Green. Und damit alles zerstören. Nein, er hatte die Absicht, den Kontakt zu Elizabeth langsam wieder aufzubauen, vielleicht könnte Hannah wieder mit ihr korrespondieren und sie irgendwann nach Pemberley einladen. Aber nicht jetzt. Nicht nach dem Trauma, daß sie gerade erst erlebt hatte und verarbeiten mußte. Das einzige was er machen konnte, war, ihr noch einmal seine uneingeschränkte Hilfe anzubieten, wann immer sie diese benötigen sollte.
So gestaltete er den Abschied so kurz wie nur möglich. „Pemberley steht ihnen jederzeit offen, Miss Bennet, bitte vergessen sie das nicht," sagte er, nahm ihre Hand, küßte sanft ihre Fingerspitzen und bestieg seine Kutsche. Mit einem ernsten und gleichzeitig hoffnungsvollen Blick zu Elizabeth fuhr er davon. Er sah nicht die Tränen, die ihr übers Gesicht liefen.
Elizabeth schaute der Kutsche noch lange nach und irgendwann versiegten auch die Tränen. Als sie nach ihrem Taschentuch griff, mußte sie lächeln – sie hatte noch immer Williams Tuch einstecken, eine Ecke kunstvoll mit seinen Initialien bestickt.
Charlotte fand sie schließlich, wie sie verloren in der Einfahrt stand und sich das edle Seidentuch gedankenverloren an die Wange hielt. „Liebes, komm mit ins Haus," sagte sie und legte einen Arm um Elizabeths Schultern. Elizabeth folgte ihr zögernd. „Ich bin sicher, du wirst ihn wiedersehen," meinte Charlotte und lächelte. Ein Blinder konnte sehen, daß du ihm nicht gleichgültig bist, dachte sie amüsiert. Elizabeth war rot geworden, aber sie schwieg. Sie gingen in das kleine Cottage, wo bereits heiße Schokolade auf sie wartete.
Elizabeth verbrachte die ersten Tage in Hunsford mit Nachdenken und Nichtstun. Sie mußte sich zunächst ziemlich umstellen. Es war ein seltsames Gefühl, wenn man keine Angst haben mußte, daß jemand heimlich etwas weggenommen oder zerstört hatte, daß ihre Kleider sauber waren und keine Kröten oder anderes Getier in ihrem Bett oder ihrer Waschschüssel lauerten. Ganz zu schweigen von Mrs. Thornton und ihrer stets geringschätzig hochgezogenen Augenbraue! Sie gewöhnte sich langsam an ihr neues, freies Leben und daß sie nun eigentlich tun und lassen konnte, was sie wollte. Die Welt stand ihr offen und schien nur auf sie zu warten.
Und doch war sie nicht glücklich. Ganz im Gegenteil. Sie war Charlotte dankbar, daß sie vorerst hier bleiben konnte. Aber sie hatte nicht die geringste Ahnung, was sie mit ihrem Leben nun anfangen wollte. Sie dachte häufig an John Thornton und was für ein Leben sie mit ihm hätte haben können, wenn seine Mutter nicht gewesen wäre. Sie wußte nicht, ob sie ihn geliebt hatte. Wahrscheinlich schon, oder? Hatte er sie geliebt? Wahrscheinlich nicht sonderlich stark, hätte er nicht sonst um sie gekämpft? Warum hatte er sie gehen lassen? Warum hatte er nicht auf ihrer Seite gestanden? Hätte sie doch bleiben sollen? Aber wären sie glücklich miteinander geworden? Hätte er jemals Zeit für sie erübrigen können? War es vielleicht ganz gut, daß es mit ihnen nicht geklappt hatte? Viel zu viele Fragen. Elizabeth beschloß tapfer, nicht mehr darüber nachzudenken und es einfach so zu akzeptieren. Es würde ihr sicherlich nicht auf Anhieb gelingen, aber sie mußte in die Zukunft schauen und die Vergangenheit endgültig hinter sich lassen.
Aber was hielt die Zukunft für sie bereit? Was sollte sie tun? In Hunsford wollte sie nicht zu lange bleiben. Lady Catherine hatte herausbekommen, daß sie momentan bei Charlotte lebte und bestand darauf, daß die beiden Frauen sie häufig besuchten. Diese Besuche waren keine Freude, aber Charlotte zuliebe ging sie eben oft mit. Charlotte konnte es sich nicht leisten, die alte Dame zu verärgern – sie war auf ihren guten Willen angewiesen – und fügte sich mit zusammengebissenen Zähnen und einem resignierten Lächeln in ihr Schicksal.
Lady Catherine war eine Nervensäge und unangenehme Person. Als sie Elizabeth eines Tages überraschenderweise die Stelle einer Gesellschafterin anbot, hatte diese endlich einen Anreiz gefunden, ihr Leben wieder ein Stück weit zu verändern. Niemals würde sie für die Dame arbeiten! Nein, es war nun endgültig an der Zeit, die Zelte in Kent abzubrechen.
Aber was tun? Longbourn kam nicht in Frage, Jane in Lincolnshire ebensowenig. Pemberley…hach. Wie gerne würde sie dort wieder leben! Aber auch wenn Mr. Darcy ihr seine Unterstützung angeboten hatte, sie konnte schlecht dort anklopfen und um eine Stelle bitten. Das hatte er sicherlich nicht damit gemeint, sonst hätte er sie wahrscheinlich direkt gefragt. Er war schließlich kein Mann, der um den heißen Brei herumredete. Hätte er Bedarf an einer Gouvernante gehabt, dann hätte er das gesagt. Außerdem war Mr. Ladislaw nun zuständig für die Erziehung der Kinder.
Nein, sie würde sich aber wieder eine Stellung als Gouvernante suchen, und zwar bevorzugt in London. Vorher würde sie ihre Verwandten, die Gardiners, bitten, sie vorübergehend aufzunehmen. Sicher war es nicht schwierig, eine Stellung zu bekommen. Sie hatte schließlich ein wenig Erfahrung in einem vornehmen Haushalt und von Mr. Darcy dazu eine hervorragende Referenz erhalten. Vielleicht hatte sie Glück und fand etwas vergleichbares wie Pemberley. Mit freundlichen Arbeitgebern und süßen Kindern.
Also war es entschieden. Elizabeth schrieb einen langen, erklärenden Brief an ihre Tante und bat um Aufnahme, die ihr sofort und aufrichtig erfreut gewährt wurde. Bald war Elizabeth auf dem Weg nach London – bereit für neue Abenteuer.
William
Es war William entsetzlich schwergefallen, Elizabeth in Hunsford zu verlassen. Es hatte eiserner Willensstärke bedurft, sie dort einsam und alleine vor dem Cottage stehenzulassen und wegzufahren. Er hatte nicht gewagt, zurückzublicken. Hätte er es getan, er wäre schwach geworden, er wäre auf der Stelle umgekehrt und hätte sie mitgenommen. Nein nein nein. Er durfte jetzt nicht den Kopf verlieren!
William war froh, als er am späten nachmittag in seinem Londoner Stadthaus ankam. Er wollte nichts anderes als sich ein, zwei Tage ausruhen, ein paar dringenden Geschäften nachgehen, wenn er schon einmal hier war und dann so schnell wie möglich nach Pemberley zurückkehren. Er vermißte seine Kinder ohne Ende.
Aber es waren fromme Wünsche. William hatte ein erfrischendes Bad genommen, zu Abend gegessen und wollte es sich schließlich mit einem Buch und einem feinen Glas Brandy in seiner Bibliothek gemütlich machen, als ihm zu später Stunde noch Besuch angekündigt wurde. Sehr zu seinem Erstaunen wurde sein Cousin, Andrew Fitzwilliam, hereingeführt.
„Fitzwilliam, was führt dich hierher? Und woher weißt du überhaupt, daß ich wieder in der Stadt bin?"
Der zukünftige Earl of Matlock grinste. „Es ist von allgemeinem Interesse, wenn William Darcy London wieder mit seiner Anwesenheit beehrt. Außerdem habe ich sehr interessante Neuigkeiten für dich, Darce. Bin mir allerdings nicht sicher, ob du mir Glauben schenken wirst."
William starrte seinen Cousin fragend und ungeduldig an. „Als da wäre?"
Andrew sah sich in der Bibliothek um und räusperte sich demonstrativ, so als sei sein Hals trocken. William verstand und verdrehte seufzend die Augen.
„Kann ich dir etwas zu trinken anbieten, Cousin?" fragte er übertrieben höflich und Fitzwilliam grinste breit. „Brandy, alter Junge." William goß ihnen beiden je ein Glas ein und wartete dann ungeduldig auf die so angeblich überaus interessanten Neuigkeiten, die er nicht würde glauben wollen. Aber Andrew ließ ihn genüßlich noch ein wenig zappeln. Darcy ärgern war eine seiner Lieblingsbeschäftigungen.
„Wie war dein Ausflug nach Cornwall? Hast du die holde Maid vor dem bösen Drachen erretten können?" fragte er und drehte das schwere Kristallglas bedächtig in seinen Fingern. „Haben deine Neuigkeiten damit zu tun?" wollte William wissen.
Andrew zuckte mit den Schultern. „Ich glaube nicht. Es geht vielmehr um deine kleine Gespielin, die Contessa del Sarto."
„Was hat Alicia mit Miss Bennet zu tun? Und außerdem ist sie nicht meine Gespielin."
Andrew grinste. „Du und deine Frauen! Wer soll da noch durchblicken! Nein, ich denke, die Contessa hat nichts mit dem süßen Kindermädchen zu tun, nicht daß ich wüßte. Oder zumindest hoffe ich es sehr." Er schüttelte amüsiert den Kopf. Sein Cousin und die Frauen…
„Also was ist mit der Contessa?" fragte William ungeduldig. Andrew wurde ernst und stellte sein Glas auf den kleinen Beistelltisch.
„Nun ja, wie du weißt, habe ich mich schon immer gefragt, woher ich diese Frau kenne, seit ich sie zum ersten mal auf Pemberley gesehen habe." Er machte eine Pause und überlegte. „Wiedergesehen habe, um genau zu sein. Darce, ich fürchte, du nährst momentan eine ziemliche Schlange an deinem Busen." William starrte fragend Andrew an. Er sah, sein Cousin war nicht in Stimmung für Scherze und Unfug, sondern meinte es ernst. Und Andrew war klug genug, die Geduld Darcys nicht über Gebühr zu strapazieren – so gern er ihn auch manchmal triezte.
„Ich hatte immer angenommen, ich kannte die Contessa aus Italien. Wie du weißt, habe ich längere Zeit dort verbracht und – nun ja, auch ein paar Frauen dort gekannt." William verdrehte die Augen. Ein paar Frauen, in der Tat! Aber auch wenn er mit dem unmoralischen Lebenswandel seines Cousins nicht sonderlich einverstanden war, Andrew Fitzwilliam war im allgemeinen vertrauenswürdig und zuverlässig – jedenfalls in nüchternem Zustand. „Dem war tatsächlich so. Aber die geheimnisvolle Contessa ist auch in London kein unbeschriebenes Blatt." Er holte ein zerknittertes, kleines Heft aus seiner Manteltasche und blätterte suchend darin herum. „Ah, hier ist es." Er reichte William das zerfledderte Papier und deutete auf einen Namen, der ziemlich in der Mitte der Seite stand. „Alessandra Del Artos. Das ist deine Contessa."
William warf einen angewiderten Blick auf den Titel der Publikation. Harris's list of Covent Garden Ladies or Man of Pleasure's Kalendar – die Broschüre war unter der männlichen Bevölkerung Londons sehr beliebt. Sie enthielt nicht nur die Namen der hochbezahlten und erlesensten Kurtisanen Londons, sondern beschrieb auch noch in aller Ausführlichkeit das Aussehen und die besonderen Spezialitäten und Künste besagter Damen. Das kleine Heftchen konnte bei jedem Buchhändler problemlos erworben werden. William warf das Papier seinem Cousin zu, ohne es genauer angeschaut zu haben. Er wollte lieber nichts über die besonderen Verführungskünste hören, über die sein Gast auf Pemberley angeblich verfügte. Außerdem…woher wollte Fitzwilliam überhaupt wissen, daß es sich dabei um Alicia handelte? Alessandra del Artos? Andrew schien die Frage erwartet zu haben, denn er gab die Antwort gleich selbst.
„Es war in der Tat ein dummer – oder, soll ich sagen, glücklicher – Zufall, daß ich ausgerechnet diese Dame aufsuchen wollte. Sie hat nämlich ein ganz besonderes Talent, dich in…" William hob hastig die Hand. „Behalt das bitte für dich, Fitzwilliam!" Andrew grinste. „Also wenn du nicht zwei Kinder hättest, würde ich fast sagen, du hättest noch nie eine Frau zwischen den Beinen gehabt, alter Knabe. Was um alles in der Welt machst du mit einer Frau im Bett? Oh, ich kann es mir durchaus vorstellen! Sie liegt züchtig im hochgeschlossenen Nachtgewand auf dem Rücken, Beine fest zusammengepreßt und du fragst höflich, ob du eindringen darfst! Man ist ja schließlich ein Gentleman! Weißt du, Darcy, ich…"
„Könntest du bitte zum Punkt kommen, Fitzwilliam. Mein Liebesleben steht hier nicht zur Debatte." Williams Stimme war eisig. Außerdem hatte sein vermaledeiter Cousin keinerlei Ahnung… William seufzte innerlich. Elizabeth bräuchte sich mit Sicherheit keine Gedanken über seine Qualitäten als Liebhaber zu machen und sie würde garantiert auch keine hochgeschlossenen Nachthemden tragen… Liebe Güte, woher hatte er jetzt bloß diese Gedanken wieder…
Andrew lachte gutmütig. „Schon gut, reg dich wieder ab. Also. Ich war vor drei Tagen in besagtem Haus und habe nach Signorina Alessandra gefragt. Die gute Madam war untröstlich und teilte mir mit, daß ihr bestes Pferdchen leider nicht mehr zur Verfügung steht, da sie das große Glück gehabt hatte, sich einen reichen Galan zu angeln. Einen jungen, offenbar sehr wohlhabenden Liebhaber aus Derbyshire." Andrew sah seinen Cousin aufmerksam an und William wurde blaß. „Das beweist gar nichts," sagte er fest.
„Richtig. Nun, Madam bedauerte ihren Weggang sehr, denn die süße Miss war offenbar das einzige ihrer Kätzchen, das sich hervorragend in der griechischen Liebe auskannte und auch des flagellierens mächtig war…" William wurde schlecht. „Genug, Fitzwilliam. Erspare mir die Einzelheiten." Er konnte sich nur wundern, daß sein Cousin freiwillig eine solche Dame überhaupt aufsuchte! Aber er schwieg lieber. Es ging ihn ja auch nichts an.
„Nun ja," fuhr Fitzwilliam fort und goß sich einen weiteren Brandy ein. „Madam schlug mir dann vor, eine Nubierin auszuprobieren, frisch aus den Kolonien importiert, mit einer ganz erstaunlichen Begabung für…" Williams Blick ließ ihn innehalten und er grinste wieder. „Du weißt überhaupt nicht, was dir so alles entgeht, Darce! Ich habe mich dann jedoch für zwei süße, überaus üppige Französinnen entschieden, die ihrem Namen alle Ehre machten. Französisch, du verstehst…"
„Andrew Fitzwilliam, könntest du bitte zur Sache kommen! Mich interessieren deine lasterhaften Abenteuer nicht im geringsten. Was hat das nun alles mit Alicia zu tun?" Der zukünftige Earl nahm einen Schluck Brandy zu sich und grinste. Er liebte es, seinen so prüden Cousin ein wenig aufzuziehen. Dabei war William bloß wohlerzogen und bei den passenden Gelegenheiten alles andere als prüde. „Vielleicht möchtest du bei Gelegenheit mal mitkommen, Darce? Yvette ist wirklich talentiert. Ihr Mund kann durchaus dein…"
William stand auf. „Also?" fragte er kurzangebunden. „Schon gut, alter Freund. Auf dem Weg zu den süßen, üppigen Französinnen kamen wir an einer kleinen Galerie vorbei. Mindestens zwanzig Abbildungen der schönsten Frauen hingen dort an der Wand, alle sehr hüllenlos, sehr pikant! Und sehr originalgetreu, wie mir Madam versicherte. Jedes einzelne Bild war versehen mit detaillierten Beschreibungen der Fertigkeiten der jeweiligen Dame. Wie ein Journal, man sucht sich das aus, was man gerne hätte. Nun ja, und dort hing auch ein Bild deiner süßen Contessa. Mit blonden Haaren allerdings."
William starrte Andrew ungläubig an. „Ich runzelte die Stirn, weil sie mir bekannt vorkam und Madam sah, daß ich das Bild anstarrte. Sie hat gelacht und gesagt ‚Tut mir leid, Sir, ich fürchte, sie müssen mit ihrem Porträt vorlieb nehmen. Das ist Alessandra. Wir haben das Bild noch nicht abgehängt.'"
William konnte es nicht fassen. Wie groß war die Möglichkeit, daß Andrew sich irrte? Aber sein Cousin war noch nicht fertig.
„Ich murmelte etwas, daß mir die junge Dame bekannt vorkam und die Madam nickte. Sie erzählte mir die Lebensgeschichte der sogenannten Signorina Alessandra. Anscheinend war sie erst vor ungefähr einem halben Jahr nach London gekommen und hatte sofort großen Erfolg in Madams Etablissement. Wie schon gesagt, sie war in gewissen Praktiken sehr talentiert. Madam verriet mir, daß sie vorher einige Jahre in Italien verbracht hatte und dort eine berühmte Kurtisane gewesen war. Männer aus allen Teilen des Kontinents suchten sie auf und ließen sich von ihr…" Williams Blick war unheilvoll und Andrew grinste. „Was auch immer. Und da erinnerte ich mich wieder dunkel. Ich hatte deine Contessa vor ungefähr fünf Jahren tatsächlich schon in Florenz kennengelernt. Sie war dort die Gespielin eines älteren Grafen gewesen, und ich war dort einige Zeit zu Gast. Der gute Graf hatte die etwas seltsame Angewohnheit, seine Geliebte gerne an seine männlichen Gäste zu verleihen und eines nachts kam auch ich in den Genuß seiner besonderen Gastfreundschaft. Nun ja, ich hatte ja keine Ahnung, daß er nur erregt wurde, wenn er dabei zuseh…"
„Andrew, bitte." William war mittlerweile über die Maßen angewidert von den Schilderungen seines Cousins und geschockt von den Zufällen, die möglicherweise Alicia betrafen. Aber waren es denn Zufälle? War es wirklich Alicia?
„Schon gut. Lange Rede, kurzer Sinn – deine Contessa, die damals in Florenz übrigens noch auf den Namen „Angela" hörte, war offenbar schon kurz dem Tod ihres Mannes zur Kurtisane geworden. Er hat ihr nicht viel hinterlassen, hat alles verspielt und verhurt. Sie war praktisch mittellos und hat eine erstaunliche Karriere in diesem Gewerbe hinter sich. Ich erspare dir die Einzelheiten besser."
William schloß die Augen und rieb sich müde die Stirn. Das konnte nicht wahr sein, oder? Alicia eine Hure? Schon seit Jahren? Vom Zeitrahmen könnte es passen, keine Frage. „William, du kannst es mir ruhig glauben," sagte Andrew ernst. „Du weißt, mit so etwas mache ich keine Scherze. Wenn du willst oder noch irgendwelche Zweifel hast, begleite mich morgen nach Covent Garden und ich zeige dir die Bilder. Und du kannst mit Madam Valerie sprechen. Sicher hat sie noch weitere Informationen."
„Andrew, wenn das wahr ist… Alicia kann keinen Moment länger auf Pemberley bleiben! Sie muß unbedingt weg von den Kindern. Sofort!" William packte das kalte Grauen wenn er daran dachte, daß seine unschuldigen Kinder ihrem Einfluß ausgesetzt waren. Einer Kurtisane! „Ich werde sofort einen Brief an Mrs. Reynolds schreiben. Sie soll die Kinder unter allen Umständen von ihr fernhalten. Und ich werde so schnell wie möglich nach Pemberley reisen." Er war aufgestanden und ruhelos im Zimmer hin- und hergegangen. Ein kleiner Zweifel blieb zwar noch, vielleicht war es auch eher der Wunsch, daß sein Cousin sich irrte, aber tief im Innern wußte er, Andrew sagte die Wahrheit. Er mußte sehen, daß Alicia unverzüglich Pemberley verließ. Eine Kurtisane…und er hatte ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, sie zu heiraten… Wie naiv war er nur gewesen! Ihre Versuche, ihn zu verführen! Und er hatte sich selbst die Schuld daran gegeben, hatte sie als unschuldig und unerfahren betrachtet – dabei war es die ganze Zeit über offenbar ihre Absicht gewesen, ihn in ihr Lotterbett zu bekommen und Herrin von Pemberley zu werden, seine Ehefrau – Stiefmutter seiner Kinder. So sehr ihn die Enthüllungen seines Cousins auch geschockt und getroffen hatten, er mußte Andrew dankbar sein, daß er ihn vor einer großen Dummheit bewahrt hatte.
Zwei Tage später war er auf dem Weg nach Pemberley.
