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Eigentlich hätte es besser funktionieren sollen, doch waren die drei bewaffnet gewesen. Jetzt saß er in einem von Kugeln durchlöcherten Auto, seine beiden Mitstreiter waren tot auf den vorderen Sitzen und bluteten den Wagen voll.

Warum auch hatte niemand auf ihn gehört und abgewartet, bevor sie das Auto und das Motorrad überfallen würden? Sie waren Idioten, allesamt. Doch es war nun mal ihre Aufgabe und je schneller sie erledigt wäre, desto früher wären sie wieder bei ihrem Camp.

Er drehte den Kopf vorsichtig hin und her und bewegte sich zur Autotür. Die Scherben auf seinem Sitz ritzten ihm ein wenig die Hose auf.

Schweißgebadet sah er sich im Wagen um und fand eine Beretta, die er an sich nahm und deren Magazin er sofort überprüfte. Es war noch voll, sehr gut. Zum Glück schossen sie eher mit den Maschinengewehren auf Fremde statt immer mit den kleineren Waffen.

Ein Messer hatte er auch noch bei sich. Dann konnte ja nichts mehr schiefgehen. Er verließ den Wagen und ging in den Wald.

Er war seit ungefähr einer halben Ewigkeit im Wald unterwegs, da musste er sich eingestehen, dass er kaum Orientierung hatte. Weil es langsam dunkel wurde, blickte er sich vorsichtiger um und bewertete jedes Geräusch, bevor er einen nächsten Schritt tat.

Beißer waren zwar gefährlich, doch waren Menschen noch gefährlicher. So wie seine Gruppe gefährlich war.

Vor sich entdeckte er eine liegende Gestalt, sie sah ziemlich menschlich aus, aber beschwören wollte er es nicht. Beim genaueren Hinsehen stellte er fest, dass es sich um eine nackte, vollständig mit Blut beschmierte und bewusstlose Frau handelte. Er lächelte lüstern, ohne es zu bemerken.

Allerdings wollte er erst beobachten, ob etwas Unvorhergesehenes geschah, es konnte schließlich auch eine Falle sein.

Geduld zahlte sich am Ende allerdings immer aus.

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Sasha hatte in großen Lettern Dixon an die Tür des Gebäudes geschrieben, in dem sie sich mit Abraham für die nächsten Stunden oder Tage einschließen wollte.

Er war irgendwie seltsam, aggressiv und verschlossen. Sie musste sich wohl mit ihm arrangieren. Im Gebäude war ein Beißer hinter einer Glastür eingesperrt und sie saß in einem Stuhl davor.

Abraham betrachtete sie mit hochgezogenen Augenbrauen. Ohne ihn anzusehen, fragte sie:

„Bewachen oder schlafen?"

„Das erste", war seine knappe Antwort.

Sie erhob sich von ihrem Stuhl und ging an einem Tisch vorbei, hinter dem sie sich schlafen legen wollte. Der Lärm um sie herum ließ sie allerdings nicht zur Ruhe kommen.

Es war ein Teufelskreis. Abraham wurde unruhiger, weil er den Beißer nicht töten sollte und der Beißer wurde unruhiger, weil Abraham wie ein Tiger im Käfig vor der Glasscheibe herumlief.

Sasha verdrehte die Augen und erhob sich.

„Was ist, kannst du nicht schlafen?"

„Wonach sieht es denn aus?" beantwortete sie seine Frage mit einer schnippischen Gegenfrage. Eigentlich hoffte sie nur, dass Daryl so bald wie möglich zurückkam.

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Abraham ging gerade auf ein Militärfahrzeug zu und sah den Beißer an, der mit einem Granatwerfer um den Oberkörper an einem Zaun hing und vor sich hin baumelte. Am Horizont entdeckte er wieder die Rauchsäule, die er seit zwei Tagen beobachten konnte.

Ihm war gar nicht aufgefallen, dass sie noch näher war als zuvor. Sie waren wohl in ihre Nähe gefahren.

Er fragte sich seit er sie das erste Mal erblickt hatte, was sie zu bedeuten hatte. Wie dieses Feuer ausgebrochen und wer dafür verantwortlich zu nennen war.

Aus einem Impuls heraus beschloss er zu der Quelle des Rauches zu gehen, Sasha erwartete ihn vor Sonnenuntergang ohnehin nicht zurück.

Also verließ er den Ort und begab sich in den Wald. Er hätte genügend Munition dabei, um mehrere Beißer auszuschalten.

Zuversichtlich wanderte er knapp eineinhalb Stunden auf die Rauchsäule zu, die immer heller zu werden schien. Das Feuer ging also langsam aus.

Endlich tat sich vor ihm eine Lichtung auf und er sah ein großes, eingezäuntes Gelände, auf welchem sich zahlreiche LKWs befanden, deren Ladeflächen mit Werbung für Konservenessen bedruckt waren. Vielleicht war hier noch etwas zu retten und er konnte für Sasha und sich etwas Brauchbares mitnehmen.

Interessant war, dass der Eingang des Zaunes sperrangelweit offen stand. Anscheinend hatte es der Brandstifter auf die Beißer abgesehen und ihnen eine Einladung geschickt. Und seine Vermutung wurde bestätigt, denn in großen Lettern aus Blut stand auf dem Betonboden gut lesbar:

Ich überlebte den Hunger der Wölfe

Tatsächlich, eine Einladung und gleichzeitig ein Schlussstrich... Hatte Morgan nicht etwas von Angreifern erwähnt, die sich Ws auf die Stirn malten und Menschen jagten?

Abraham ging davon aus, dass es diese Wölfe gewesen sein mussten, die die Hupe vor Alexandria betätigt hatten, um sie ordentlich in die Scheiße zu reiten. Aber Rick hatte die Situation höchstwahrscheinlich bereinigt. So arbeitete der Sheriff und Abraham zollte ihm Respekt dafür.

Er betrat das Gelände und sah sich sehr genau um. Bisher waren nur verkohlte Beißer zu sehen, die es wohl aus der Halle heraus geschafft hatten, um dann doch zusammenzubrechen, weil ihr Gewebe nicht mehr mitmachte.

Eine insgesamt amüsante Vorstellung, er hätte zu gerne zugesehen was hier passiert war. Nun musste er sich mit dem Finale zufrieden geben. Die Halle war nur noch eine Ruine und die Arbeit damit getan.

Er wollte gerade das Gelände verlassen und sich umdrehen, da fiel ihm etwas unter einem Container ins Auge. Ein Klumpen lag darunter und es sah aus, als wäre er absichtlich dort versteckt worden.

Zügig näherte er sich seiner Entdeckung und beugte sich hinunter. Mit seinem rechten Arm fasste er das zusammengeknüllte Bündel und zog es ins Tageslicht. Es waren Kleidungsstücke und eine 44er Magnum mit Schalldämpfer.

Irgendetwas an diesen Sachen kam ihm sehr bekannt vor... Er sah sich die Sachen genauer an und fand eine auffällig zerschlissene Lederjacke, ein paar feine Handschuhe und eine Sturmhaube, die er kannte und respektierte.

Sie war hier gewesen. Die kleine Frau hatte doch tatsächlich hunderte von Beißern angezündet – und das nackt. Das Messer lag nicht dabei, das Gewehr ebenfalls nicht. Sie war definitiv noch unterwegs, auch wenn er nicht verstand, warum sie dabei unbekleidet blieb.

Was er wusste war, dass sie einen guten Grund dafür haben würde. Und er hatte gute Neuigkeiten für ihren verschollenen Begleiter. Die kleine Frau lebte also noch.

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(Inspiriert von 'I am Ghost', Caliban)

Geräusche, unglaublicher Lärm, Rauschen... Allmählich kam Judith wieder zu Bewusstsein, welches gerade jeden Eindruck doppelt so laut wahrnahm. Sie spürte dennoch sofort, dass sie beobachtet wurde. Das Blut auf ihrer Haut verklebte ihre Augen und sie konnte sie nur mit Mühe öffnen.

Sie richtete sich auf und lag, gestützt auf ihre Unterarme, immer noch rücklings auf der Erde im Wald. Es war irgendeine schemenhafte Gestalt, die sie gerade ansah. Sie konnte nichts erkennen, es war mittlerweile Abend und damit dunkler.

Wo sie war, wusste sie auch nicht. Seit sie das Wohnmobil auf der Straße entdeckt hatte, war sie stundenlang weitergelaufen, allerdings ohne Orientierung, da sie langsam ihren Verstand verloren haben musste.

Es war idiotisch gewesen. Doch war das gerade eins ihrer kleinsten Probleme. Wer war das, der sie da ansah? So schnell wie möglich setzte sie sich hin und wartete auf eine Regung der Gestalt. Dann hörte sie wie eine Waffe entsichert wurde und hastig nahm sie ihr Gewehr, auf dem sie gelegen hatte.

Ohne ein Wort richtete sie den Lauf des Gewehres in die stetig dunkler werdende Umgebung. Nicht mehr lange, dann könne sie nicht mehr erkennen, wo der Fremde sich befand. Aber das sollte sie nicht hindern.

Beherrscht brachte sie sich auf die Knie ohne den Blick von der Stelle zu nehmen, an der der Fremde sich befand. Er bewegte sich nicht. Regungslos kniete sie weiter auf dem Boden und atmete vollkommen ruhig und kontrolliert.

Sie hatte keine Angst. Kein Herzrasen, keine beschleunigte Atmung, kein Strom aus Gedanken. Nur der wiedergekehrte Wille zu leben. Niemand gaffte sie an, wenn sie am Boden lag. Niemand schlich sich feige an sie heran und wartete bis es dunkel wurde.

Die Gestalt sagte nichts. Es war also keiner von den Wölfen, so viel war sicher. Sie waren große Anhänger der Theatralik und der Symbolhaftigkeit. Das war wahrscheinlich jemand Interessanteres, ohne Allüren und den ganzen Kitsch.

Judith schärfte ihre Sinne, hörte jede Kleinigkeit und ortete sie genau. Er war jetzt rechts neben ihr, noch etwa fünf Meter entfernt. Er versuchte also sie zu umkreisen und aus dem Gleichgewicht zu bringen. Beeindruckt warf sie sich auf die linke Flanke und schoss auf die Gestalt, die gerade aus dem Dickicht geschlichen war, um sie anzugreifen.

Anscheinend hatte sie ihn getroffen, doch nicht tödlich. Vermutlich nur ein Streifschuss. Aber damit war sie schon im Vorteil. Sie kam auf die Füße und blieb halb gebückt stehen, um sich umzuhören.

Weniger Angriffsfläche bieten, erinnerte sie sich an einen Satz, den sie mal bei einem ihrer zahlreichen Besuche auf der Polizeiwache in alten Zeiten aufgeschappt hatte. Also machte sie sich klein, um genau das zu tun – keine Verwundbarkeit zulassen.

Die Gestalt keuchte und stand genau vor ihr. Es war ein Mann mit einer kleinen Handfeuerwaffe. Sie betrachtete ihn so lange wie möglich, um nach Messern an seinem Gürtel Ausschau zu halten. Und er hatte tatsächlich eins dabei.

Wenn das kein netter Zufall war. Judith wartete bis er etwas tat. Na los, greif an, damit ich endlich an dein Messer herankomme, dachte sie sich. Sie brauchte es dringend und es würde ihr das Leben um einiges erleichtern.

Sie wartete weiter. Es mussten mindestens zwei Minuten vergangen sein, bis er etwas sagte, statt weiterhin bloß die entsicherte Waffe auf sie zu richten.

„Was tust du hier, auf Opfer warten? Und was soll deine Aufmachung? Willst wohl zu denen gehören, was?" Er klang verunsichert, aber dennoch arrogant. Das machte allerdings keinen Unterschied, er würde sowieso sterben. Nur jetzt würde sie umso lieber abdrücken.

Sie antwortete nicht, es war ihr zu lästig sich immer wieder mit den kranken Gedanken der Menschen dieser Zeit auseinanderzusetzen. Sie war verdammt nochmal keine Person, die sich gerne mit Fremden im Wald beschäftigte. Sie würden es wohl nie verstehen.

„Du sprichst wohl nicht mit jedem. Aber das ist auch egal, du wirst gleich sterben."

Dass sie immer vorher groß ankündigen mussten, was sie machen wollten. Es interessierte sie nicht, was sie vorhatten. Es interessierte sie nicht, ob sie sie töten wollten. Es interessierte sie nicht, was für Drohungen sie sich einfallen ließen.

Letztendlich war es doch immer sie, die den Abzug zuerst betätigen konnte. Sie war entweder unverwundbar oder hatte immer besonderes Glück. Vielleicht war sie ja auch schon ein Geist, so wie immer befürchtet. Ein Schatten ihrer Selbst. Eine wandelnde Tote...

Völlig resigniert ließ sie das Gewehr sinken. Er langweilte sie vorher hoffentlich zu Tode, damit sie das Gerede nicht mehr hören musste bis er endlich abdrückte.

Irritiert starrte er sie an, doch drückte er nicht ab. Eventuell hatte er sogar Angst. Vielleicht war es auch nur Verblüffung, doch regte er sich nicht.

Sie streckte die Arme zur Seite, um ihn beinahe noch zum Schuss einzuladen, doch regte er sich nicht. Laut seufzend erhob sie das Gewehr erneut und schoss auf seine Hände. Seine Waffe fiel auf den Boden und er schrie vor Schmerzen auf.

Seit das bei dem blonden Wolf zufällig so gut funktioniert hatte, wollte sie diese Technik in ihre Abwehrtaktik aufnehmen und hier war der erste praktische Versuch. Sie schritt auf ihn zu und nahm die Waffe vom Boden. Eine Beretta, so eine hatte sie auch mal besessen.

Sie schoss damit in sein Knie. Zwar hatte diese Waffe keinen Schalldämpfer, doch war es in Ordnung, wenn Beißer herbeikämen. Sie rochen sie ja nicht.

Endlich hatte sie wieder eine Beretta, denn sie war handlich und mit so einer hatte sie Schießen gelernt. An selbstgebauten Zielscheiben bei ihrer Hütte im Wald... In Erinnerungen konnte sie später schwelgen. Judith besann sich ihrer Situation und betrachtete den Mann, der vor ihr auf dem Boden lag.

„Na los, tu es!" presste er unter Schmerzen hervor und blickte mit verzerrtem Gesicht zu ihr nach oben. Es war zwar schon recht dunkel, aber sie konnte die Angst in seinen Augen sehen.

Zeit, ihn davon zu befreien. Sie richtete die Beretta auf ihn und drückte ab. Das Blut aus der Kopfwunde besudelte den Boden hinter ihm und sie hörte, wie die ersten Beißer sich dem Lärm näherten, den sie soeben verursacht hatte.

Es war eine Geste der Höflichkeit, die sie von der frischen Leiche zurücktreten ließ, um den Neuankömmlingen den Weg zu ihrem Buffet frei zu machen. Interessiert sah sie dabei zu, wie sie seine Haut aufrissen und die Eingeweide aus seinem Oberkörper zogen.

Sie quetschte sich zwischen die Beißer, die sie nicht weiter beachteten und entfernte das Messer von seinem Gürtel. Nach und nach stach sie es in ihre Köpfe.

Er hatte eine Tasche bei sich gehabt und sie wollte sehen, was sich darin befand. Eine Flasche Wasser, das war gut. Ein wenig Proviant, das war sogar noch besser. Ansonsten nur Dreck und Flusen. Achtlos warf sie die Tasche vor ihn auf den Boden und legte seine Verpflegung sorgfältig in ihre Umhängetasche.

Sie wollte auf die Jagd gehen, denn wo dieser Mann herkam, gab es wahrscheinlich noch sehr viel mehr...