Er weiß nicht, wie genau er in diesen Raum gekommen ist. Den unverputzten Wänden nach zu urteilen befindet er sich in einem alten Keller, aber sicher ist sich Tibor nicht. Sicher ist nur, dass seine Hände in Fesseln stecken, die mit einer schweren Kette an der Decke gebunden sind. Tibor ist immer noch benebelt von den Gas und er weiß, dass dieser Zustand noch einige Zeit andauern wird. Es scheint die Schmerzen noch zu verstärken, welche ein massiger Kerl mit einem Schagstock ihn zu fügen. Der Agent weiß ganz genau, dass dies noch der harmlose Teil ist. Montinguez kann er nicht sehen, was ihn unruhig macht.
Wieder schlägt der Mann zu, diesmal tut Tibor ihm nicht den Gefallen, sein Gesicht vor Schmerz zu verziehen. Zumindest hofft er es, schwer zu sagen in seinem jetzigen Zustand. Nach drei weiteren Schlägen auf Schulter, Oberschenkel und Bauch hört sein Folterknecht auf. Die schwere Metalltür öffnet sich und eine weitere Gestalt betritt den Keller. Der Gefangene kann in dem schwachen Licht nur die Umrisse der Person erkennen, aber diesen Menschen erkennt er selbst nach über sieben Jahren an seinem Gang.
Mit einem Fingerschnippen schickt Montinguez den Folterknecht raus, bevor er sich selbst seinem Opfer zuwendet. »Also ist es wahr«, sagt er, während er um den gefesselten Agenten herum geht, »Tibor Chevalier will das Projekt verraten. Dabei warst du immer ein so vielversprechender Schüler. Was würden deine Eltern wohl dazu sagen, dass ihr ältester Sohn ein Verräter ist?«
Anstelle zu antworten, starrt Tibor weiter geradeaus. Er kennt die Methoden von seinem alten Lehrer nur zu gut.
»Und was ist mit deinem Bruder? Was sagt er dazu?« Was will Montinguez von Julius? Tibors Lüge klingt überzeugend, als ob er selbst noch an ihrem Wahrheitsgehalt glaubt.
»Ich habe meinen Bruder zuletzt als Kleinkind gesehen, er ist tot.«
Montinguez lacht spöttisch auf, während er direkt vor Tibors Gesicht stehen bleibt. »Du bist ein ausgezeichneter Lügner Chevalier, aber wir beide wissen dass das nicht stimmt. Ich habe dich ausgebildet, oder hast du das schon vergessen? Ich war dein Mentor und Lehrer, und du fällst mir in den Rücken. Also, wo ist er?«
Warum sucht Montinguez nach Julius? Weiß er denn etwa nicht... Nein, Tibor verbietet sich, diesen Gedanken weiter zu denken. Er muss Montinguez von seinem Bruder fern halten, koste es was es wolle. »Falls er wirklich noch am Leben ist dann weiß ich nicht wo er lebt. Er weiß dann vermutlich nicht einmal, dass ich existiere. Warum interessierst du dich für ihn?«
Kaum sichtbar lächelt Tibor, als sein Peiniger mit der Antwort zögert. »Ich bin einfach nur neugierig. Vielleicht wäre er ein genauso guter Agent geworden wie sein großer Bruder.«
Wäre ein Agent geworden? Also weiß Montinguez immer noch nicht, dass Julius ebenfalls ausgebildet wurde? Tibor fällt dazu im Moment keine logische Erklärung für ein, aber er entschließt sich, auf keinen Fall Julius Namen zu verraten.
Montinguez scheint Tibors beharrliches Schweigen beinahe zu kränken.
»Für dich sind wir die Verräter, oder Tibor? Du gibst uns die Schuld an allem, was geschehen ist. Wir haben dich immer unterstützt, und selbst deine größten Fehler verziehen. Du hättest eine Karriere haben können, die selbst die deiner glorreichen Eltern übertrifft. Aber du hast alles aufgegeben und unsere Großzügigkeit mit Füßen getreten. Ich habe dein Talent erkannt. Ich habe dich beschützt, als man dich wegen deinem kleinen Missgeschick mit dem Mädchen aus dem Verkehr ziehen wollte. Ich habe dich zu den großen Agenten gemacht, der du heute bist. Ohne mich wärst du ein Nichts, ein einfacher kleiner Zivilist der in einem Büro arbeitet und heimlich Briemarken sammelt. Hättest du das gewollt, Tibor?«
Ohne es zu wollen lacht Tibor. Diese Vorstellung amüsiert ihn, obwohl es ihn auch einen kleinen Schauer über den Rücken laufen lässt. »Warum nicht? Es kommt doch schlussendlich das gleiche bei raus: Ich werde angelogen, soll die Drecksarbeit machen und bin dabei nicht mehr wert als dein Schreibtisch. Der Unterschied ist, dass ich als Büroangestellter abends Feierabend hätte. Nur die Bezahlung ist als Agent besser.«
Montinguez nimmt diese Bemerkung scheinbar gelassen hin. »Ich habe dich nie angelogen, wenn es nicht nötig war und ich verlange von dir, dass du mich ebenfalls nicht belügst. Wie ich gehört habe, arbeitest du jetzt für die Akademie. Ich konnte es nicht glauben, dass dir deine Karriere wirklich so unwichtig ist. Also habe ich einen meiner Informanten zu Al geschickt, damit wir beide uns endlich wieder sehen. Ich hätte nie gedacht, dass dieser alte Hippie dich wirklich alleine hierher schickt, wo er doch so viel Wert auf Teamarbeit legt. Oder bist du gar nicht alleine hier?«
Tibor schweigt weiter, ohne sich zu regen.
Montinguez seufzt.
»Es ist wahrlich eine Schande, dass ich das jetzt tun muss aber du zwingst mich einfach dazu. Dabei habe ich so sehr gehofft, es anders regeln zu können.« Er öffnet die Brusttasche seine Jacketts und holt ein kleines Fläschchen heraus, die er mit einem leisen Plopp öffnet. Tibors Nackenhaare stellen sich auf, und es kostet ihn seine gesamte Willenskraft, nicht heftig an seinen Fesseln zu schütteln. Niemand braucht ihn sagen, was sich in diesem Fläschchen befindet. Der Agent weiß auch so, dass er es gleich mit einer speziell für die Folter entwickelte Flüssigkeit zu tun haben wird, die so große Schmerzen wie die brennenden Eisen im Mittelalter verursacht und dabei noch schlechter verheilt.
