20:56 Uhr EST
Wohnung von Carrie Wiggins,
Washington D.C.
„Okay, mehr können wir heute nicht tun." Carrie Wiggins schob die verschiedenen Unterlagen zurück in den Aktendeckel und legte ihn an die Seite. „Möchtest du ein Bier oder ein Glas Wein?"
„Ein Bier wäre gut." Harm lehnte sich auf dem hellen Ledersofa zurück und betrachtete die Wohnungseinrichtung, während Carrie in der Küche verschwand. „Gefällt mir, deine Wohnung", rief er so, dass sie ihn nebenan hören konnte. „Aber du hast wohl selten Kinder zu Besuch."
Sofort erschien ihr Kopf in der geöffneten Tür. „Wie kommst du darauf?", fragte sie erstaunt und reichte ihm eine geöffnete Flasche Bier. Für sich selbst hatte sie ein Glas Weißwein mitgebracht, das sie vor sich auf den Glastisch stellte.
Harms Blick glitt vom Sofa über den wollweißen Teppichboden zu der hochwertigen Stereoanlage und den offensichtlich wertvollen Kunstgegenständen, die auf einem niedrigen Schrank in der Ecke standen. „Wenn du meine Tochter kennen würdest, wüsstest du, dass Kinder hellen Teppichboden lieben – um ihren Kakao darüber zu kippen." Genau das hatte Belle nämlich in Macs Wohnung fertig gebracht. Der Fleck hatte sich nicht hundertprozentig entfernen lassen, aber Mac hatte das Ganze mit einem Schulternzucken abgetan. „Für das Sofa gilt das Gleiche und du glaubst doch nicht, dass diese antike Vase…"
„Etruskische Bandhenkelamphore ", fiel Carrie ihm stolz ins Wort.
„Wie auch immer, sie würde dort bestimmt nicht lange überleben."
Carrie schaute sich in ihrer Wohnung um, als sähe sie sie zum ersten Mal. „Du hast wahrscheinlich Recht, besonders kindersicher ist es hier nicht. Aber wie du schon richtig vermutet hast, ich habe privat auch nicht viel mit Kindern zu tun. Bei dir sieht es vermutlich ganz anders aus." Sie hob das Weinglas. „Auf einen glücklichen Ausgang!"
„Auf einen glücklichen Ausgang!" Harm hob die Bierflasche an den Mund und trank einen Schluck. „Ob sie wirklich vor Gericht gehen wird?"
„Warten wir erst einmal ab, was das Gespräch mit ihrem Anwalt ergibt. Aber selbst wenn, mit welcher Begründung sollte man dir Belle wegnehmen?"
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22:03 Uhr EST
Harms Apartment
Nördlich der Union Station, Washington D.C.
„Hey, wie ist es gelaufen?" Harm schloss die Wohnungstür und zog seine Jacke aus.
„Sie ist ohne Probleme eingeschlafen und hat seitdem nichts mehr gesagt. Warte eine Sekunde, ich bin hier sofort fertig."
Harm trat näher an seinen Schreibtisch und schüttelte amüsiert den Kopf. „Keine drei Stunden und es sieht genauso wüst aus wie in deinem Büro. Wie machst du das eigentlich?" Grinsend sah er dabei zu, wie Mac hektisch die zahlreichen Papiere zusammenklaubte und in ihren Aktenkoffer stopfte. „Du brauchst dir keine Mühe zu geben, ich weiß längst, dass du eine Chaotin bist. Ich hoffe nur, dass das nicht irgendwann auf Belle abfärben wird. Zwei von der Sorte wären mehr als ich ertragen kann."
Als Antwort streckte sie ihm die Zunge raus.
„Hm, sieht ein bisschen belegt aus, vielleicht solltest du zum mal Arzt gehen", kommentierte Harm scheinbar besorgt.
„Witzbold!" Mac schaltete die Schreibtischlampe aus und folgte ihm in die Küche. „Was hat Carrie gesagt?"
Harm hob fragend die Mineralwasserflasche hoch und schenkte Mac ein Glas ein, als sie zustimmend nickte. „Sie setzt sich morgen als erstes mit diesem Anwalt in Verbindung und versucht, ein Treffen mit Belles Tante zu arrangieren. Wir hoffen, dass wir die Sache auch ohne Richter klären können", antwortete er dann und reichte ihr das Wasser. „Bis dahin können wir nur abwarten."
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11:33 Uhr EST
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
„Hast du eine Minute Zeit?"
Mac hob den Kopf und nickte. „Natürlich, komm rein. Hat Carrie angerufen?"
Harm schloss die Tür hinter sich und setzte sich auf den Stuhl vor Macs Schreibtisch. „Gerade eben. Diese Ricarda ist laut ihrem Rechtsanwalt zu einem Treffen bereit, wird aber auf jeden Fall vor Gericht gehen, wenn ich ihr nicht die Vormundschaft für Belle übertrage." Er machte eine kurze Pause. „Carrie sagt, der Anwalt hätte behauptet, dass sie jede Menge Beweise hätten, dass ich als Vater ungeeignet sei."
Er griff sich einen Bleistift vom Schreibtisch und drehte ihn unruhig zwischen den Fingern. „Bin ich wirklich so ein schlechter Vater?", fragte er dann leise und ohne aufzusehen.
„Nein, verdammt, und das weißt du auch!" Mac konnte nicht fassen, dass er wirklich an sich zweifelte. „Gib doch nichts auf diese leeren Drohungen. Du bist selbst Anwalt, du weißt doch, wie das Spiel funktioniert. Er will dich nur einschüchtern, damit du nachgibst."
„Ich habe aber als Anwalt noch nie dermaßen in dem Privatleben eines Beklagten herumgeschnüffelt. Carrie fürchtet, dass er jede Verfehlung von mir ausgraben und vor Gericht ausbreiten wird. Und mein bisheriges Leben kann man nun wirklich nicht als das eines treusorgenden Vaters bezeichnen." Er starrte vor sich hin.
„Wen interessiert denn schon, was früher war? Das ist Vergangenheit. Du willst deine Tochter doch nicht widerspruchslos dieser Frau überlassen, oder?" Allmählich bekam Mac den Eindruck, als ob Harm den Kampf bereits aufgegeben hatte.
„Bestimmt nicht." Harm versuchte zu lächeln, aber es gelang nicht so recht. „Ich bin nur froh, dass Belle noch zu klein ist, um vor Gericht befragt zu werden. Sie wird hoffentlich nicht allzu viel von der Sache mitbekommen." Er legte den Bleistift wieder zurück. „Falls das Ganze tatsächlich vor Gericht geht, werde ich vermutlich einige Leumundszeugen brauchen. Du wirst doch für mich aussagen, nicht wahr?"
„Natürlich und Sandy garantiert auch. Musst du wieder nach San Antonio fliegen, um Ricarda zu treffen?" Mac überlegte bereits, was Chegwidden und – viel wichtiger noch – der SecNav dazu sagen würden, wenn Harm schon wieder ausfallen würde.
›Mit dem Admiral wird es vermutlich keine größeren Probleme geben, aber der SecNav wird an die Decke gehen.‹
Aber Harm schüttelte den Kopf. „Sie kommt nach Washington und bringt ihren Anwalt gleich mit."
Das klang tatsächlich nicht gerade ermutigend.
„Und wann?"
„Mittwoch, gleich am Vormittag. Carrie hat extra einen anderen Termin abgesagt, damit sie dabei sein kann." Er stand auf und rückte den Stuhl wieder gerade. „Wollen wir nachher zusammen Mittag essen?"
Bedauernd schüttelte Mac den Kopf. „Ich habe heute Nachmittag einen Termin in Norfolk und werde unterwegs eine Kleinigkeit essen. Wie wäre es mit morgen?"
„Morgen bin ich den ganzen Tag im Kongress. Du weißt schon, der Untersuchungsausschuss gegen den Kongressabgeordneten Lanting, an dem ich als Rechtsberater teilnehmen muss."
„Und abends?"
„Abends kommt Carrie vorbei. Sie möchte Belle wenigstens kennenlernen."
Na gut, das war nachzuvollziehen.
„Dann sehen wir uns erst Mittwoch nach dem Gespräch wieder?"
›Hey, du klingst ja so, als ob du gleich in Tränen ausbrechen würdest. Mach ihm lieber ein bisschen Mut.‹
„Ich wünsche euch viel Erfolg. Und denk immer daran: du bist nicht nur völlig im Recht, sondern auch das Beste für Belle. Ganz egal, was diese Ricarda behauptet."
Es klopfte und Tiner steckte seinen Kopf zur Tür hinein. „Commander, der Admiral hat seine Besprechung beendet."
„Danke, Tiner."
„Ich muss für übermorgen um einen freien Vormittag bitten", erläuterte Harm seiner Kollegin, bevor er dem Petty Officer folgte.
