36.

Britta, mon amour. Ich war lange nicht hier. Um ehrlich zu sein, ich war nicht mehr hier, seit ich Abschied von dir nehmen musste. In letzter Zeit habe ich auch nicht mehr mit dir gesprochen und was noch viel wichtiger ist: Ich habe mir nicht mehr eingebildet, du würdest mir antworten. Ich habe die Nacht bei… mit Oksana verbracht… bei uns Zuhause. Das weißt du vermutlich schon. Ich dachte immer, wenn wieder eine Frau in mein Leben treten würde, dann könnte ich nicht zulassen, dass sie deine Stelle einnimmt… vor lauter schlechtem Gewissen. Seit ich Oksana liebe, weiß ich, dass es nichts damit zu tun hat, dass sie deine Stelle einnimmt, denn das tut sie nicht. Ja, sie ist die Frau in meinem Leben, aber sie nimmt die Oksana-Stelle ein, so wie du die Britta-Stelle eingenommen hast… einnimmst. Britta, ich bin endlich wieder glücklich. Das freut dich doch auch, mon amour? Ich habe immer geglaubt, ich würde bis an mein Lebensende unglücklich sein und um dich trauern, aber nun… nun habe ich Oksana. Das ist ja nun etwas zwischen dir und mir. Ich brauche nur deinen Segen für eine neue Beziehung – was die anderen reden, schreiben oder über den Äther schicken, ist mir egal, ich will nur, dass du weißt, dass ich dich geliebt habe und das ein kleiner Teil meines Herzens immer dir gehören wird. Ich danke dir für die kurze, aber schön… sehr schöne Zeit, die wir gemeinsam hatten. Diese Weisheit habe ich von einem 13-Jährigen. Schon seltsam, was man von einem Teenie so lernen kann… Allerdings hat er Recht: Für mich geht das Leben weiter und jetzt, da ich endlich nach Vorne sehen kann, muss ich das auch tun. Weißt du, ich hätte nie gedacht, dass ein Mensch wie Oksana mich glücklich machen könnte – sie ist so ganz anders als ich, aber sie weiß, welche Knöpfe sie bei mir drücken muss und das meine ich nicht sexuell, sondern rein menschlich. Du kennst mich ja, wenn ich meine kreativen Höhenflüge habe, dann… jedenfalls schafft Oksana es, dass ich nicht davon schwebe, ohne dass sie mich ausbremst. Wir haben gestern tatsächlich noch einen Laden für sie gefunden. Sie ist unglaublich stur – sie will alles alleine renovieren, soweit sie das alleine kann. Sie macht sich Gedanken über das Geld, aber das muss sie nicht – ich investiere gerne in ihren Traum. Oksana ist so begeisterungsfähig, es tut so gut, sie so zu sehen und mich mit ihr zu freuen. Das einzige, was mir Sorge macht, ist unsere Wohnsituation. Lisa, Rokko und ihr Nachwuchs – die werden nicht ewig zwischen Berlin und Göberitz hin und her pendeln – was auch gut so ist! Die Drei gehören doch zusammen, aber mit Oksana in der Wohnung leben, die ich bereits mit dir geteilt habe? Das ist mir, glaube ich, doch zu viel. Oksana sucht ja schon nach einer Wohnung für sich, weil es ihr unangenehm ist, von meinen „Almosen" zu leben. Ich hoffe, ich kann sie überzeugen, dass wir uns zu zweit etwas suchen. Das wäre schön. Zu übereilt vielleicht? Ich glaube nicht – das Leben ist zu kurz, um zu zögern. Die Weisheit ist nicht von Watson, die ist von mir. Grüß den Jungen von mir, wenn du ihn siehst.

„Was ist passiert? Wieso musste ich so schnell hierher kommen?", fragte David abgehetzt, als er in Madeleines Coffeebar stürmte. Gelassen stand Madeleine hinter dem Tresen und sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Wenn du die Strecke von Berlin nach München so rennst, dann veränderst du die Erdachse, da bin ich mir sicher", meinte sie trocken. „Mach keine dummen Witze. Sabrina hat gesagt, es wäre ein Notfall und…" – „Es ist auch ein Notfall. David Seidel, ich nehme dich mit auf ein Konzert, wir haben einen schönen Abend und du befindest es nicht für nötig, dich mal bei mir zu melden, so von wegen: ‚Danke für den schönen Abend, vielleicht könnten wir das mal wiederholen'." – „Besser nicht", murmelte David. „So einen Kater überstehe ich nicht noch mal." Mit zornigem Gesichtsausdruck verschränkte Madeleine die Arme vor der Brust. „Also hat es dir nicht gefallen? Ist das etwa der Grund, warum du nicht mal mehr dein komisches, indisches Gesöff holen kommst?" – „Wenn du schon so fragst: Einen Chai Latte würde ich nicht ablehnen. Und wegen neulich… also, das Konzert war wirklich toll, aber ich habe den mit Abstand schlimmsten Filmriss in der Geschichte des Filmrisses und… naja… ich weiß wirklich nicht mehr, was passiert ist und… also… für den Fall, dass ich etwas Peinliches getan oder gesagt habe…" Madeleines ausgelassenes Gekicher setzte Davids Gestotter ein Ende. „Meinst du, du wirst es erfahren, wenn du mir aus dem Weg gehst?", zog sie ihn auf. „Habe ich mich denn sehr daneben benommen?", fragte er errötend. „Du bist ein wahrer Gentleman gewesen", lachte Madeleine. „Mehr verrate ich dir bei unserem nächsten Date." – „Es gibt ein nächstes Date?" – „Meinetwegen." – „Wann?", wollte David wissen. „Schon bald", flötete Madeleine. „Wie wäre es mit heute Abend?", schlug David vor. „Ach so, wenn der Gaul dich abgeworfen hat, muss man gleich wieder aufsteigen oder was?", feixte die junge Frau mit den Rasta-Zöpfen. „So ungefähr", konterte David mit einem Pokerface. „Ich hole dich um 19 Uhr hier ab. Zieh dir etwas Schickes an, wir machen etwas aus meiner Welt." Sicher, Madeleine mit seinem selbstbewussten Auftreten von sich überzeugt zu haben, drehte David sich um und spazierte aus dem Geschäft.

„Es ist irgendwie ungewohnt, ohne Pascal unterwegs zu sein", gestand Lisa Rokko am späten Abend. „Das verstehe ich", meinte dieser. „Und ich finde es wirklich bewundernswert, dass du dich nur einmal unter dem Deckmäntelchen des Toilettenbesuchs rausgeschlichen und Zuhause angerufen hast." – „Woher weißt du… nein, habe ich nicht", widersprach Lisa wenig überzeugend. Rokko zog sie an sich und gab ihr einen Kuss auf die Nasenspitze. „Umso mehr freut es mich, dass du noch mit zu mir gekommen bist. Ich mache dir einen Vorschlag: Du rufst noch mal in Göberitz an und erkundigst dich, wie es unserem Spross geht und ich mache eine Flasche Wein auf." – „Besser keinen Alkohol… also für mich", wandte Lisa ein. „Gut, dann Fruchtsaft?" Lisa nickte. „Na dann mal los. Grüß deine Familie von mir."

„Hugo übernachtet heute bei Oksana", raunte Rokko Lisa zwischen zwei Küssen zu. „Schön für ihn", grinste diese zurück und steuerte wieder Rokkos Lippen an. „Denkst du, wir überstürzen etwas?", fragte Rokko atemlos. „Es fühlt sich gut an, oder?", erwiderte Lisa. „Sehr gut sogar", versicherte Rokko ihr. Verlegen biss Lisa sich auf die Unterlippe. „Du? Ich glaube, ich weiß gar nicht mehr, wie das geht." – „Dann finden wir es noch einmal gemeinsam raus", grinste Rokko und zog sie wieder dichter an sich.

„Wo ist Amnesty International, wenn man diese Typen mal braucht?", plusterte Madeleine sich auf, als sie mit David durch die Straßen des nächtlichen Berlins lief. „Das war eine Performance", erklärte David möglichst ernst, brach dann aber in Lachen aus. „Boah, das war so… so…" Er fand einfach keine Worte für das, was er gerade gemeinsam mit der jungen Frau erlebt hatte. „In meiner Welt gibt es Pillen und geschlossene Räume mit gepolsterten Wänden dagegen", fiel Madeleine in sein ausgelassenes Gekicher ein. „Sag mal, findest du dein Auto nicht wieder oder warum laufen wir hier kreuz und quer durch die Gegend?" – „Ich dachte, ich mache den verkorksten Abend mit einem Döner wieder gut. Hier um die Ecke soll es einen wirklich guten Imbiss geben." – „Du hast ja doch Klasse", lachte Madeleine. „Aber knutschen ist nach Döner nicht erlaubt, das ist klar, oder?" – „Hm", grübelte David gespielt. „Dann vielleicht doch ins Wolfhardts?" – „Besser nicht", fiel Madeleine ihm ins Wort und hakte sich bei David unter. „Ich kriege aber einen großen Döner, wenn ich diesen Spinner schon über eine Stunde ertragen musste."

„Weißt du noch? Das letzte Mal, das wir hier so gelegen haben, da hatten wir gerade das schönste und liebste Baby mit dem allerbreitesten Lächeln überhaupt gezeugt." Lisa hob ihren Kopf von Rokkos Brust und sah ihm direkt in die Augen. „Wirst du etwa sentimental, Rokko?", zog sie ihn auf. „Nein, ich meine nur." – „Im Übrigen lagen wir beim letzten Mal auf dem Sofa." – „Jep, wir machen Fortschritte." – „Dann können wir ja nur hoffen, dass das mit dem Geschwisterchen für Pascal noch eine Weile dauert. Jetzt noch ein Baby, das wäre mir zu anstrengend. Versteh mich nicht falsch, ich liebe unseren Sohn, aber… naja…" – „DAS sollten wir jetzt wirklich nicht überstürzen, ich weiß. War auch nur so ein Gedanke." Lisa kuschelte sich wieder an Rokko. „Er ist schon toll, unser Sohn, oder?" Rokkos Brustkorb bebte, weil er kurz auflachte. „Ja, er ist ein tolles Baby." – „Erinnert er dich sehr an Watson?", fragte Lisa leise. „Rein optisch nicht so sehr, aber die Art wie er guckt – diese Neugier und das Strahlen in seinen Augen… doch, da hat er schon Ähnlichkeit mit Watson. Mal gucken, vielleicht wird Pascal ja auch ein Lebensmittelfanatiker und Pedant", lachte Rokko wieder. Er legte seine Arme fester um Lisa und drückte ihr einen Kuss auf den Haaransatz. „Schlaf gut, Süße."

„So, da sind wir", erklärte Madeleine und deutete auf einen mehrstöckigen Neubau. David fuhr an den Straßenrand und parkte seinen Wagen. „Bleib sitzen", forderte er die junge Frau auf. Hastig stieg er aus und lief um sein Auto. „So, Mademoiselle Madeleine, wenn ich bitten dürfte", meinte er und hielt ihr die Autotür auf. „Sehr höflich. Sieht dir gar nicht ähnlich", konterte Madeleine geflissentlich die helfende Hand, die David ihr hinhielt, ignorierend. „Oh, das trifft mich tief in meiner empfindsamen Seele", konterte David und griff sich ans Herz, als hätte ihm gerade jemand ein Messer dorthinein gerammt. „Ich würde dich ja noch hereinbitten, aber… nun ja… wir haben da diese WG-Regel. Also… keine Überraschungsgäste und schon gar nicht mitten in der Nacht", erklärte Madeleine drucksend. „Aber wenn diese Regel nicht wäre, würde ich dich sehr gerne mit hinein nehmen", lächelte sie David scheu an. „Regeln sind Regeln", flüsterte David und machte einen Schritt auf Madeleine zu. „Aber noch sind wir ja draußen." Mit einer Hand fuhr er über Madeleines Wange, mit der anderen zog er sie an sich. Er legte seinen Kopf leicht schräg und wollte gerade seine Lippen auf Madeleines legen, als diese ihm zuvorkam. Ein Blitzschlag – so muss sich ein Blitzschlag anfühlen. Wow, was tut sie denn da nur mit dir? Ist das ihre Hand auf deinem… deinem… wow, das ist dein Hintern. Was macht sie dann da mit ihrer Zunge? Das ist überirdisch. Dieses Gefühl ist genial! Denk doch nicht so viel und genieße…

Bin beim Bäcker. Ich liebe dich. Rokko – na das war doch ein spitzenmäßiger Zettel! So würde Lisa keine Angst haben müssen, wenn sie aufwachte. Bloß, wohin mit dem Zettel? Rokko grinste vor sich hin – ja, auf die Stirn, da würde sie ihn sofort bemerken. Zielsicher drückte Rokko den Klebezettel über Lisas Nase fest. Dann machte er sich auf zu seiner Wohnungstür. Kaum hatte er die Tür aufgemacht, stieß er fast mit Bruno zusammen. „Guten Morgen", grüßte Rokko geistesgegenwärtig. „Ebenfalls", grinste Bruno. „Auf dem Weg zum Bäcker?" – „Jep", antwortete Rokko und äugte an Bruno vorbei in den Kinderwagen. „Ist alles in Ordnung? Hattet ihr Probleme mit Pascal?", fragte der junge Vater sorgenvoll. „Nein, nein, alles in Ordnung. Wir hatten viel Spaß zusammen. Allerdings mag er diese künstliche Milch nicht sehr gerne und Bernd hat gemeint, dass ihr jetzt genug Zeit für euch hattet und Lisa ruhig mal etwas von der bevorzugten Milch rausrücken könnte", erklärte Bruno verschämt. „Ich dachte, es wäre für alle am wenigsten peinlich, wenn ich euch Pascal bringe. Ich habe euch auch Brötchen und Croissants mitgebracht. Dann brauchst du jetzt nicht los." – „Das ist wirklich nett von dir. Lisa schläft noch…" – „Pascal nicht, aber er hat auch noch gemeckert… also seit dem letzten Fläschchen." – „Willst du nicht reinkommen?", bot Rokko plötzlich an. „Nein, nein, ich muss gleich zu Kerima. Und wehe, du lässt dich da heute blicken. Du machst dir einen schönen Tag mit deiner Familie, okay?" Rokko nickte und zog den Kinderwagen in die Wohnung. „Danke, Bruno." – „Kein Ding. Bis morgen."

Langsam schlug Lisa die Augen auf. Seit wann hat Rokko denn blaue Augen? Das ist nicht Rokko, aber wer ist es dann? Lisa tastete nach ihrer Brille. „Pascal, mein Spatz, was machst du denn her?", fragte sie das quietschvergnügte Baby. „Was ist denn das?" Verwirrt fasste Lisa sich an die Stirn und zog den Zettel ab. „Du Spinner", schimpfte sie lachend. „Wo ist denn dein Papa?" Rokko hatte sich so hingelegt, dass sein Kopf hinter Pascal verschwand. „Kuckuck", lachte Rokko und kam zum Vorschein. „Onkel Bruno hat Pascal eben vorbei gebracht. Zusammen mit einer großen Tüte Brötchen." – „Das ist aber nett von Onkel Bruno und gerade zur rechten Zeit." Fragend sah Rokko Lisa an. „Na hörst du nicht, wie Pascal schmatzt? Er hat Hunger." Lisa schlug die Decke zurück und rollte das Baby zu sich. „Ähm… ich bin dann mal draußen. Nehmt euch Zeit", meinte Rokko hektisch und wollte aufspringen. „Bleib doch. Ich meine, mich hast du doch schon nackt gesehen und… ich fände es einfach schön, wenn du bleibst." Rokko freute sich sichtlich über diese Bitte und kuschelte sich so an Pascal, dass dieser nicht auf den Rücken zurückrollen konnte. „Macht er gerade gluck-gluck?", fragte er Lisa sichtlich überrascht. „Ja, Auge in Auge mit der Futterquelle macht er das", lächelte Lisa. Während Pascal zufrieden vor sich hinnuckelte, legte Rokko seinen Arm über Lisa und ihn. Dann legte er seine Stirn an Lisas. „Ich liebe euch", flüsterte er, um Pascal nicht zu stören. „Wir dich auch."