Tear me apart – Fortsetzung
Kapitel 34
Perspektiven
Hermine stemmte die Hände in die Hüften. Severus war eingeschlafen und so nützte sie die Gelegenheit, alleine mit den Jungs zu sprechen.
„Ich würde nur zu gerne wissen, was es mit diesem Kinnhaken auf sich hat!"
Harry sah schnell in die andere Richtung und sie fühlte sich bestätigt, dass da irgendetwas am Laufen gewesen war. Voller Erwartung sah sie den Rotschopf an und Ron kratzte sich verlegen am Kopf.
„Och das ..."
„Ähm, wie darf ich das verstehen?"
„Nun ja … ich – ich musste es tun, Hermine, verstehst du?", stammelte er unbehaglich. „Er hätte sich sonst noch selbst verletzt."
Sie legte angesäuert die Stirn in Falten. „Das ist jetzt ein Scherz, oder? Ihr habt einen Verletzten geschlagen?"
Harry hob beschwichtigend die Hände. „Er hat recht, Mione. Sein Zustand war katastrophal. Er hat wie wild um sich geschlagen, obwohl er schon längst blutleer war." Er schüttelte sich. „Der Anblick war grauenvoll."
Sie atmete tief durch, was keinesfalls dabei half, sie zu beruhigen. „Und was Besseres ist euch nicht eingefallen?"
„Was hätten wir denn machen sollen? Die Zeit lief uns davon, überall wurde gekämpft und er hat auf keinen Zauberspruch mehr reagiert, der uns eingefallen ist."
„Ist das wirklich wahr?", fragte sie schließlich.
Beide nickten eifrig.
„Gut. Besser, wir behalten das erst mal für uns. Er sollte sich jetzt, wo der Krieg endlich vorbei ist, nicht unnötig aufregen."
„Meine Worte."
„Schon gut, Ron. Immerhin habt ihr ihm mit der Aktion das Leben gerettet. Aber dass mir so etwas nicht noch einmal zu Ohren kommt, verstanden?"
Ron nickte. Er war unheimlich erleichtert, dass sie nicht vorhatte, ihn zu verpfeifen. Schon bei dem Gedanken daran, dass Snape die Wahrheit erfahren könnte, wurde ihm mulmig zumute.
Als dann auch noch Ginny dazukam, verabschiedeten sich die Jungs ganz schnell, um die beiden ihren Frauengesprächen zu überlassen.
Seit Kriegsende hatte Hermine sich geweigert, von der Seite ihres Mannes zu weichen. An diesem Tag jedoch nützte sie die Gelegenheit, zum ersten Mal wieder nach draußen zu gehen.
Gemeinsam wanderten sie über die Schlossgründe und plauderten über Gott und die Welt. Am Ufer des Sees hielten sie inne und Hermine hockte sich auf einen alten Baumstamm, der aus dem Wasser ragte.
„Wirst du im Herbst mit der Schule weiter machen?", fragte Ginny vorsichtig.
Hermine zuckte mit den Schultern. „Ich fürchte nicht", antwortete sie nachdenklich. „Aber Severus will nach den großen Ferien wieder arbeiten, sobald das neue Schuljahr beginnt. Er denkt darüber nach, ob er nicht lieber McGonagall den Posten der Schulleitung überlassen soll, wenn seine Verletzungen bis dahin nicht besser ausheilen."
Ginny sah sie fragend an. „Aber du hast doch gesagt, dass es ihm gut geht."
Sie nickte. „Ja, Gin. Den Umständen entsprechend. Nur heißt das noch lange nicht, dass er für immer geheilt ist. Nagini war keine gewöhnliche Schlange und natürlich leidet er unter den Folgen, die das Gift in seinem Körper hinterlassen hat. Er war es sein ganzes Leben lang gewohnt, mit Schmerzen umzugehen. Wenn er also sagt, es geht ihm gut, bedeutet das noch lange nicht, dass er kerngesund ist, obwohl er erstaunlich gut mit den meisten Symptomen fertig wird. Doch hin und wieder merke ich, dass er die Zähne zusammen beißt, um sich nicht anmerken lassen, dass etwas nicht stimmt." Sie seufzte gedankenverloren. „Selbst Poppy hatte einen besorgten Blick, als sie ihm endlich den letzten Verband abgenommen hat."
Ginny senkte den Kopf und kickte mit dem Fuß einen Stein ins Wasser, der mit einem lauten Plätschern in den dunklen Tiefen versank.
„Verstehe. Dann heißt es also abwarten."
Hermine nickte und wirkte dabei sichtlich betrübt.
„Und was ist mit euren Flitterwochen, die ihr irgendwann mal nachholen wolltet? Wie wäre es in den Ferien damit?"
Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Definitiv nicht. Auch dann, wenn er es nicht zugeben will, leidet er. Und ich fürchte, dass uns ohnehin das Baby einen Strich durch die Rechnungen machen wird. Im Juli wird es soweit sein."
„Oh, so bald?"
„Ja ..."
„Neun Monate - oh Gott, du hast recht!"
„Sollte ich besser", grinste sie verlegen.
„Du kannst danach immer noch deinen Abschluss fertig machen. Vielleicht in einem Jahr oder so. Und das gleiche gilt für eure Flitterwochen, wenn der kleine Mann alt genug ist, um zu verreisen … Oder du könntest Harry und mich einspannen, wenn ihr mal allein sein wollt."
Ginny zwinkerte ihr auffällig zu und Hermine tat ihr Bestes, um nicht rot anzulaufen.
„Danke, Ginny. Ich schätze mal, wir werden dich früher als geplant daran erinnern." Ein sanftes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Und was ist mit euch? Wisst ihr schon, wann ihr heiraten werdet?"
„Oh, der Ring ..."
Jetzt war Ginny es, die rot wurde. Sie hob ihre Hand, an deren Finger ein funkelnder Silberring mit einem dezenten Diamanten steckte.
„Ich denke, wir brauchen erst noch etwas Zeit. Aber wer weiß - in einem Jahr kann viel passieren. So wie bei dir auch. Vielleicht dann, wenn ich Hogwarts abgeschlossen habe, vorausgesetzt, dein Severus lässt mich nicht durch rasseln."
Hermines Augen blitzten auf. Sie genoss es sichtlich, den Namen ihres Mannes aus Ginnys Mund zu hören, ganz so, als sei es selbstverständlich.
„Nein. Er hat keine Chance, du bist viel zu clever dafür. Und er weiß, dass du einige sehr pikante Details über unser Liebesleben kennst."
Sie grinste. „Allerdings!"
Hermine räusperte sich. „Nein, jetzt mal im Ernst. Geh ihm einfach so gut wie möglich aus dem Weg und du wirst sehen, es wird klappen. Das Letzte was er jetzt brauchen kann, sind Erinnerungen daran, was ich ihm angetan habe. Ich hoffe nur, dass sich das Ministerium mit Anschuldigungen zurückhält. Er hat schon genug mitgemacht."
Ginny nickte. „Wahrscheinlich hast du recht. Aber was, wenn bekannt wird, dass ihr ein Kind bekommt? Spätestens im Juli kannst du es nicht mehr verleugnen. Er war immer noch dein Professor, Hermine, als das passiert ist. Und das wird in der Öffentlichkeit unweigerlich für Zündstoff sorgen."
„Genau das ist das Problem, Gin. Es ist schon verdammt schwer geworden, den Bauch zu verstecken."
„Hmmm. Vielleicht solltest du das auch gar nicht länger tun. Ich meine, schließlich wird es ein Baby sein."
Hermine seufzte. „Ich weiß, was du meinst. Nur solange Severus noch nicht fit genug ist, will ich vermeiden, dass ihm das Ministerium damit auf den Leib rückt. Er braucht Ruhe, auch dann, wenn er es sich nicht eingestehen will."
„Verstehe."
Schweigend starrten sie hinaus auf den See, bis plötzlich ein sanftes Lächeln auf Ginnys Gesicht erschien.
„Ich kann es immer noch kaum glauben. Es ist schon erstaunlich, wie sehr ihr euch verändert habt. Er wirkte beim letzten Mal richtiggehend glücklich, Hermine - für seine Verhältnisse."
„Ja, das tut er. Er will sich zwar nichts anmerken lassen, aber er freut sich wirklich sehr auf das Baby."
Ginnys Augen funkelten vor Neugierde. „Und, habt ihr schon einen Namen?"
Hermine schüttelte den Kopf. „Ja und nein. Und das dürfte schwierig werden, weil ich gerne möchte, dass er Severus heißt."
Ginny blinzelte überrascht. „Was?"
„Ja, Gin. Er soll Severus heißen, genau wie sein Vater."
„Aber … warum?"
Sie seufzte und senkte den Blick. „Ganz einfach, weil ich ihn liebe und ihm damit zeigen möchte, dass er das Bedeutendste für mich überhaupt ist."
Ginny wippte langsam mit dem Kopf auf und ab. „Verstehe."
Hermine hob den Blick. „Tatsächlich?" Sie klang verunsichert.
„Nun ja, eigentlich ist es einleuchtend. Aber bitte bekomm das jetzt nicht in den falschen Hals – es könnte schon für Verwirrung sorgen."
„Das glaube ich nicht", sagte sie entschieden. „Früher haben die Söhne oft die Namen ihrer Väter bekommen und ich denke nicht, dass es deshalb zu Verwechslungen geführt hat."
Ginny zuckte mit den Schultern. „Mag ja sein. Dennoch ist es eher ungewöhnlich, findest du nicht?"
„Natürlich ist es das, Ginny. Aber genau darum geht es ja. Alles, was mit uns zu tun hatte, war ungewöhnlich. Schon die Tatsache, dass wir uns ineinander verliebt haben war alles andere als normal."
Nachdenklich legte das Weasley-Mädchen die Stirn in Falten. „Vielleicht hast du recht. Es könnte alles interessanter machen, wenn plötzlich zwei von der Sorte herumlaufen. Aber was meint er überhaupt dazu?"
Hermine seufzte tief. „Genau das ist das Problem. Er war alles andere als begeistert davon. Wir hätten uns beinahe deswegen gestritten."
„So schlimm?"
Sie nickte. „Ja. Severus ist der Meinung, dass ich vollkommen überreagiere. Aber vermutlich ist er einfach nur dagegen, weil ihm seine Eltern diesen Namen gegeben haben und alles, was mit ihnen zusammen hängt, ist wie ein rotes Tuch für ihn."
„Oh oh."
„Allerdings."
Sie schüttelte den Kopf. „Kann es wirklich so schwer sein, sich über so etwas zu einigen?"
„Ich fürchte schon. Er glaubt, dass unser Sohn Probleme wegen des Namens bekommen könnte."
„Tatsächlich? Warum?"
„Wegen seiner Vergangenheit mit Voldemort. Es gibt viele Leute, die ihm gegenüber deswegen immer noch Vorurteile haben."
„Aber jetzt, nachdem der Krieg vorbei ist, wissen doch alle, dass er immer auf unserer Seite war und für Dumbledore spioniert hat."
„Ja. Das wollte ich ihm auch klar machen. Aber es ist nicht so einfach, ihn vom Gegenteil zu überzeugen, solange wir immer noch Drohbriefe bekommen."
Ginny riss die Augen auf. „Was?"
Hermine nickte. „Ja, Gin. Einige Menschen sind wohl der Meinung, dass er ins Gefängnis gehört, so wie die anderen Todesser auch."
Ginny schluckte. „Soweit ich weiß, sind die Malfoys nicht belangt worden."
„Davon habe ich gehört. Sie haben sich zurück gezogen. Und angeblich ist dabei eine beachtliche Summe Geld geflossen. Doch das sind nur die inoffiziellen Meldungen."
„Es würde mich nicht wundern. Die hatten schon immer ihre Beziehungen im Ministerium."
„Ja, so ist das."
„Und jetzt?", fragte Ginny sichtlich besorgt. „Was wollt ihr tun, wenn das Ministerium nach der Geburt davon erfährt, dass der Schulleiter Vater geworden ist? Das ist keine Kleinigkeit, Hermine. Jeder weiß, dass ihr verheiratet seid."
Hermine spitzte die Ohren. „Worauf willst du hinaus, Gin?"
„Na ja, es ist nur logisch, dass das nicht unentdeckt bleiben wird. Ein ehemaliger Todesser, der für Dumbledore spioniert hat und plötzlich Leiter von Hogwarts geworden ist. Würde ich euch nicht kennen, würde ich sagen, dass das eine steile Karriere ist. Und zuletzt stellt er sich auch noch als Vater des Kindes der besten Freundin von Harry Potter heraus. Er könnte seinen Job verlieren, wenn es wegen all dieser Ungereimtheiten zu einem Prozess kommen sollte. Bestimmt wird es deswegen einen großen Aufstand geben."
Hermine schluckte. Genau das hatte ihr auch schon Kopfzerbrechen bereitet. Dass Ginny ebenso darauf gekommen war, zeigte ihr deutlich, dass sie allen Grund hatte, vorsichtig zu sein.
„Mal sehen, Gin. Wenn Severus seinen Posten als Schulleiter an McGonagall übergibt, hat sie auch noch ein Wörtchen mitzureden. Es könnte ihm dabei helfen, die Aufmerksamkeit von sich abzulenken, wenn er nicht mehr der Leiter von Hogwarts ist. Und ich denke nicht, dass McGonagall ihn entlassen würde. Im Gegenteil. Sie schätzt ihn weitaus mehr, als sie es zugeben würde. Außerdem scheint sie ein schlechtes Gewissen zu haben, weil sie sich nicht schon früher für ihn eingesetzt hat."
Ginny senkte den Blick. „Hoffentlich hast du recht. Glaub mir, ich wünsche euch mehr als alle anderen, dass ihr glücklich seid, schließlich habt ihr, wenn auch auf eine sehr verdrehte Weise, immer zu Harry gehalten."
Hermine nickte wortlos. Bei dem ganzen Trubel um die Gesundheit ihres Mannes hatte sie diese Dinge verdrängt. Jetzt musste sie einsehen, dass das keine Lösung war. Sie würden wohl das Quartier des Schulleiters aufgeben müssen und wieder gemeinsam in den Kerkern leben, wenn sie weitere Unannehmlichkeiten vermeiden wollten.
