30.

„Man könnte meinen, wir hätten uns abgesprochen", schmunzelte Loretta und deutete auf ihre Schuhe. „Die Frage ist ja nur, warum du zu deinem schwarzen Kostüm violette Schuhe trägst", erwiderte Rokko. „Aus dem gleichen Grund, warum du schwarze Schuhe zu deinem violetten Anzug trägst", konterte Loretta. „Wie jetzt, sind deine gelben Schuhe auch verschwunden?", lachte Rokko. „Nein", kicherte Loretta. „Meine Schuhe sind alle ordentlich im Schuhschrank aufgereiht." – „Hm, deshalb muss ich meine unter meinem Bett aufbewahren – weil du den ganzen Schuhschrank mit Beschlag belegst. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Thea sich an meinem Lieblingsschuhen vergangen hat." – „Wenn du sie öfter anhättest, müsstest du sicher nicht den Garten umgraben, um sie wieder zu finden", schüttelte Loretta verständnislos den Kopf. „Gefällt mir übrigens, dass du deinen Pflaumen-Anzug wieder mal trägst", gestand sie dann ernst. Rokko sah an sich herab. „Danke. Sia hat ihn neulich in meinem Schrank entdeckt und gemeint, er würde mir gut stehen." – „Ah, Sia, wieso wundert mich das jetzt nicht? Sie ist schon toll." – „Ja, das ist sie", lächelte Rokko. „Und sie vollbringt gerade ein Wunder", stellte Loretta fest. „Ein Wunder?", hakte ihr Mitbewohner nach. „Ja, ein Wunder. Du merkst es gar nicht, oder?" – „Was sollte ich merken?" – „Dass du mehr du selbst wirst… also der Rokko, den ich damals kennen lernen durfte, den provokanten Werbekometen eben." – „Meinst du?" – „Oh, ja", bestätigte Loretta. „Und ich finde es gut." Rokko sah an sich herab und schüttelte den Kopf. „Ich glaube, du interpretierst zuviel in meinen Anzug hinein." – „Und ich glaube, du brauchst noch ein bisschen Zeit, um es selbst zu merken." Loretta legte sich ein violettes Halstuch um und verknotete es. „Siehst du, dieses Tuch ist der Grund, warum ich violette Schuhe trage." – „Das ist wohl ein bisschen übertrieben – Schuhe und Halstuch in der gleichen Farbe", stellte Rokko trocken fest. „Tz, und Handtasche und Handschuhe und ein Hut." Rokko musterte die Kopfbedeckung kritisch. „Damit schießt du echt über's Ziel hinaus." – „Wieso? Ich finde ihn schick." – „Ist er auch – irgendwie. Jetzt siehst du aus wie eine moderne Ausgabe von Fräulein Rottenmeier." – „Okay, für genau diesen dämlichen Kommentar habe ich auch einen violetten Haarreif." Loretta setzte besagten Gegenstand auf. „Besser?" – „Viel besser. Jetzt siehst du nicht mehr aus wie eine Gouvernante", lachte Rokko. „Okay, wir müssen dann, oder?", seufzte Loretta. „Ja, wir müssen. Aber keine Sorge, es wird schon alles gut gehen."

„Hey, du bist ja schon hier", staunte Loretta, als sie Lisa im Gewusel der Kerima-Mitarbeiter antraf. „Ja, mich hat nichts mehr Zuhause gehalten und ich dachte, ich könnte hier vielleicht helfen oder so." – „Und? Kannst du?" – „Nicht wirklich. Die wissen alle, was sie zu tun haben und machen das auch ganz großartig", seufzte Lisa. „Na siehste", grinste Loretta. „Sag mal…", flüsterte Lisa plötzlich. „Rokko zieht sich aber schon noch um, oder?" – „Nö, wieso?", entgegnete Loretta verständnislos. „Weil er unmöglich aussieht. Er ist bunter gekleidet als Hugos Models." – „Ich finde, er sieht gut aus – so wie der alte…" Ein penetranter Klingelton unterbrach Lorettas Verteidigungsrede. „Entschuldige", drehte Lisa sich von ihm weg.

„Rate", strahlte sie, als das Telefonat beendet war. „Was?", wiegelte Loretta die Aufforderung ab. „Wir kriegen den AuPair-Jungen", freute Lisa sich. „Welchen AuPair-Jungen? Ich kann mich nicht erinnern, dass wir uns schon auf einen geeinigt hätten." – „Na Brighton Liang", erwiderte Lisa. „Brighton Liang… Brighton… Liang…", murmelte Loretta. „Du meinst diesen Kanadier mit den Kinderarzt-Ambitionen?" – „Jep, genau den. Freust du dich denn gar nicht?" – „Das war Rokkos Favorit, oder?" – „Ja, und?" – „Nun, Paulchen ist mein Sohn und deiner. Ich finde, ich sollte da ein Mitspracherecht haben. Du kannst dich doch nicht einfach mit der Agentur treffen, ohne das mit mir abzusprechen. Vielleicht hätte ich die Agenturtante gerne kennen gelernt." – „Es ist ein Agentur-Onkel und ich verstehe deinen Aufstand jetzt nicht. Wir waren uns doch einig, dass wir eine Kinderbetreuung einstellen." – „Ja, aber wir waren uns noch nicht einig, welcher der jungen Männer in Betracht kommt. Sag mal, bin ich dir so peinlich, dass du mich nicht mit zu diesem Gespräch genommen hast?" – „Nein!", widersprach Lisa heftig. „Ganz im Gegenteil – ich habe dem Agenturchef von dir erzählt und ihm gesagt, dass das AuPair offen mit dir umgehen können muss." – „Hast du dich so sehr in deine Verliebtheit zu Rokko verrannt, dass du sein Urteil über eine Kinderbetreuung für unseren Sohn über meines stellst? Lisa…" Loretta wollte eigentlich noch mehr sagen, aber Lisas Blick war zu Rokko gewandert. „Huhu, Loretta an Lisa, Loretta an Lisa! Ich rede mit dir!" – „Ähm, was?" – „Lisa, ich weiß, dass das schwer für dich ist, aber sieh doch mal, Theresia ist da…" – „Ob Rokko weiß, dass Chinesen in Rot heiraten?", fiel Lisa ihrem Ex-Mann ins Wort. „Bitte?" – „Ihr Kleid, es ist rot." – „Es ist schick und es steht ihr gut", äußerte Loretta ihre Meinung. „Es passt nicht zu Rokkos Anzug und es sieht so aus, als hätte sie es schon oft angehabt. Vielleicht hat sie nur ein Kleid für solche Anlässe", stichelte Lisa. „Was ist denn mit dir los?", fragte Loretta entsetzt. „Von dir hätte ich so eine Gehässigkeit ja nicht erwartet. Weißt du noch, wie du aussahst, als du das erste Mal hier warst?", erinnerte sie die Mehrheitseignerin, die trotzig schwieg statt zu antworten. „Du solltest dir Rokko aus dem Kopf schlagen. Er liebt Sia und er ist endlich glücklich." – „Pf, endlich glücklich. Das mit den beiden hält doch nie." – „Woher willst du das wissen?" – „Weil Rokko es mir gesagt hat." – „Bitte?", hakte Loretta schockiert nach. „Er hat gesagt, dass Beziehungen zerbrechen und Paare sich trennen können." – „In welchem Zusammenhang? Für mich klingt das nicht danach, als hätte er von sich und Sia gesprochen." – „Das hat er gesagt, als ich ihm gesagt habe, dass ich in ihn verliebt bin." – „Du hast es ihm gesagt?", staunte Loretta. „Nicht ganz so direkt, aber ich denke, ich war unmissverständlich." – „Und darum glaubst du jetzt, dass er sich von Sia trennt?" – „Sieht doch ganz so aus, oder?", meinte Lisa und deutete auf das Paar.

„Hey, du bist ja schon da", freute Rokko sich, als er seine Freundin sah. „Ja, ich dachte, ich komme besser nicht auf den letzten Drücker." – „Du siehst toll aus", bestaunte Rokko Sias Outfit. Diese sah an sich herab und musterte das rote Kleid im asiatischen Stil. „Danke. Du auch." – „Ja, und wenn wir nebeneinander sitzen und jemand zu uns rüberguckt, kriegt der Augenkrebs", lachte Rokko. „Wolltest du nicht deine Schwägerin mitbringen? Kommt sie noch?" Sia senkte ihren Blick. „Stimmt etwas nicht?" – „Anke ist letzte Nacht mit Krämpfen und Blutungen ins Krankenhaus gebracht worden." – „Oh nein", seufzte Rokko schockiert. „Sie hat doch…" – „Nein, sie hat das Baby nicht verloren. Sie muss den Rest der Schwangerschaft wohl liegend verbringen, aber das ist ja gar nichts im Vergleich zu einer drohenden Fehlgeburt." Sias Blick wich Rokkos so gut es ging aus. „Ich habe versprochen, Fotos zu machen." – „Na klar", lächelte Rokko sie an. „Fotographen gibt es hier ja genug. Mit den meisten bin ich per Du. Was meinst du, was für tolle Fotos sie von der Show kriegt." Rokko gab sich große Mühe, um einen Blick in Sias Augen zu erhaschen. „Hey, du musst nicht hier sein, wenn du lieber bei deiner Familie wärst." – „Nein, nein. Es reicht ja, wenn ein aufgeregter Halbchinese um sie herumwuselt. Sie hat auch schon Scherze gemacht…" – „Was denn für welche? Notfalls kreuze ich die nächsten neun Monate die Beine und mache Handstand?", versuchte Rokko die Situation auszulockern. „So ungefähr – bloß, dass sie weiß, in welcher Woche sie ist…" – „Hey, komm her", forderte Rokko seine Freundin auf, als er sah, dass sie den Tränen nahe war. Bereitwillig ließ Sia sich in den Arm nehmen. „Es täte mir so leid für die beiden, wenn… wenn… Sie freuen sich so auf ihr Baby und sie haben es so lange probiert, bis es geklappt hat…" – „Das verstehe ich", versicherte Rokko ihr. „Es wird bestimmt alles gut."

„Für mich sieht das nicht nach einer Trennung aus", stellte Loretta kritisch fest. „Und wonach sieht es deiner Meinung nach aus?", hakte Lisa nach. „Es sieht aus, als hätte Sia Kummer oder so." – „Lass uns rübergehen und es herausfinden", schlug Lisa vor. „Nein!", lehnte Loretta ab. „Das geht uns nichts an." Eindringlich musterte sie ihr Gegenüber. „Lisa, ich glaube, du hast dich da total in etwas verrannt. Ich finde, du solltest Rokko in Ruhe lassen." – „Aber… du selbst hast immer gesagt, dass man in der Liebe kämpfen muss." – „Ja… nein… doch, ja, das habe ich immer gesagt, aber wohin hat uns das gebracht? Rokko war so lange unglücklich." – „Und weil es meine Schuld ist, habe ich kein Recht, auch glücklich zu sein, oder was?" – „Doch, natürlich. Versprich mir wenigstens, dass du Rokkos Beziehung nicht torpedierst, ja? Wenn er sich auch in dich verliebt und ihr zusammenkommt, dann ist das kein Problem für mich, aber es wäre eines für mich, wenn du etwas tun würdest, das für dich total untypisch wäre."

„Ui, da waren ja heiße Kreationen bei", kommentierte Sia, als die Show zu Ende war. „Jup, das fand ich auch", grinste Rokko. „Merci, merci, merci beaucoup", bedankte Hugo sich überschwänglich bei dem applaudierenden Publikum. „Ich möchte mich ganz besonders bei meinen Kollegen und Freunden bei Kerima bedanken, die mich tatkräftig unterstützt und mich damit zu dieser Kollektion inspiriert haben." Mit einer einladenden Geste forderte er Loretta und Lisa auf, zu ihm auf die Bühne zu kommen. „Vielen Dank", waren die ersten Worte, die Lisa an das Publikum richtete. „Frau Seidel, Frau Seidel – ein Frage!", meldete sich sofort ein Journalist zu Wort. „Natürlich", gestattete Loretta dem Mann sein Anliegen.

„Frau Plenske, eine letzte Frage noch", forderte eine Reporterin. „Bitte", lächelte Lisa. „Wenn Sie Ihr Leben heute betrachten, würden Sie dann rückwirkend sagen, dass Sie am 01. September 2006 eine falsche Entscheidung getroffen haben?" Die Anwesenden tauschten schockierte Blicke. „Ähm, wie bitte?", hakte Lisa nach. „Denken Sie angesichts David Seidels Transsexualität, dass es besser gewesen wäre, Rokko Kowalski zu heiraten?" Als der Werbefachmann seinen Namen hörte, sprang er auf und wollte der Fragerunde ein Ende setzten, doch Lisa zog es vor zu antworten: „Nun, darauf kann ich weder ja noch nein sagen – also nicht nur, so einfach kann ich es mir nicht machen. Sicherlich es ist schwer für mich gewesen, Davids Wandlung zu akzeptieren, aber Loretta und ich kommen gut miteinander klar." – „Das beantwortet meine Frage nicht", bohrte die Journalistin weiter. „Ich habe im Laufe meines Lebens vielen Menschen wehgetan – ich bin nun einmal nicht perfekt. Ich mache eben auch Fehler und es war sicher ein Fehler, Rokko am Tag unserer geplanten Hochzeit so vor den Kopf zu stoßen. Ob ich die Ehe mit David Seidel bereue? Nein, schon alleine wegen unseres wundervollen Sohnes nicht. Ob ich – wäre ich heute in der gleichen Situation wie 2006 – Rokko Kowalski heiraten würde? Ja, das würde ich." Lisa hatte kaum ausgesprochen, als Rokko sie an den Schultern packte und vom Laufsteg dirigierte.

„Gott, Lisa, wieso hast du denn auf diese Frage geantwortet?", machte Rokko seiner Ex-Verlobten Vorwürfe. „Und dann auch noch so! Gut, damit konnte keiner rechnen, aber… Mensch, weißt du, was das für Schlagzeilen gibt? Lisa Plenske macht bei Kerima-Show Ex-Verlobtem Liebeserklärung", dramatisierte Rokko, was nun bevorstand. „Ja, aber… aber…", stotterte Lisa. „Was hast du dir denn dabei gedacht?", wurde Rokko wieder ruhiger. „Ich dachte, ich sollte ehrlich sein." – „Du würdest mich also heiraten, wenn du heute noch mal in der gleichen Situation wärst wie damals? Lisa, ehrlich, das ist…" – „Ich verstehe", seufzte Lisa. „Wie konnte ich auch erwarten, dass du mich noch lieben würdest?" – „Bitte was?" Rokkos Gesichtsausdruck wurde nachdenklich. „Du hast dich in mich verliebt?", fragte er ungläubig. „Ja, das habe ich dir doch gestern gesagt." – „Du hast nur ge… oh, nein, ich bin der Typ mit der netten Freundin?" – „Ja, und du hast doch gesagt, dass Beziehungen…" – „Nein, Lisa, nein!", wiegelte Rokko ab. „Sprich das nicht aus." Plötzlich lief er im Hinterzimmer des Showrooms auf und ab. „Du erwartest doch nicht, dass ich mich von Sia trenne, oder?"

„Loretta?" – „Ja?", fuhr die Angesprochene herum. „Ah, Sia, hübsches Kleid", machte sie ihrer Freundin ein Kompliment. „Danke. Sag mal, hast du Rokko gesehen?" – „Der wertet noch mit Lisa den Auftritt von eben aus. Die sind bestimmt noch hinter der Bühne." – „Okay." – „Na geh schon", ermutigte Loretta die junge Frau. „Nein, besser nicht." – „Nun lass dich doch nicht verunsichern." – „Sie hat ihm vor versammelter Mannschaft quasi eine Liebeserklärung und einen Heiratsantrag gemacht." Betreten biss sich Loretta auf die Lippen. „Ich weiß. Ich war dabei, aber… geh einfach zu ihm und lass dir von ihm sagen, dass er nur dich liebt."

„So leid es mir tut, Lisa, aber ich fühle nicht so für dich." – „Das sagst du doch jetzt nur so. Ich werde dir nie, nie wieder so wehtun wie am Tag unserer Hochzeit", versicherte Lisa hoffnungsvoll. „Das glaube ich dir sogar, aber… es gibt Sia." – „Aber, was wäre, wenn es sie nicht gäbe?" – „Es gibt sie aber, Ende der Diskussion." – „Was ist an ihr denn besser als an mir?" – „Sie… sie… sie kann über sich selbst lachen… Sie ist keine Schwarzseherin… Sie nimmt das Leben nicht so ernst… Nein, das trifft es nicht… Sie…" – „Und ob ich das Leben ernst nehme", unterbrach Sia Rokkos Redeschwall. Mit weit aufgerissenen Augen stand sie in der Tür zum Hinterzimmer. „So siehst du das also. Lustig ist es also mit mir und was noch? Dir ist ja nicht mal ansatzweise etwas eingefallen! Vielleicht wärst du besser dran, wenn es mich nicht gäbe. Dann wäre die Bahn für Lisa frei", redete die Halbchinesin sich in Rage. „Sia, das verstehst du völlig falsch", versuchte Rokko sie zu beschwichtigen. „Ich verstehe sehr wohl", sagte Sia leise, bevor sie sich umdrehte und aus dem Raum stürmte.

„Sia, warte doch! Bitte, lass es mich erklären!", lief Rokko ihr eilig hinterher. „Was ist denn los?", wollte Loretta wissen. „Sie hat etwas von meinem Gespräch mit Lisa gehört und es missverstanden. Ich muss mit ihr reden." – „Lass mich gehen, ja?" – „Wieso?" – „Weil sie mit dir ganz sicher nicht reden will." Ohne eine Antwort abzuwarten, eilte Loretta der Freundin ihres Mitbewohners hinterher.

„Taxi! Verdammt, wo sind die, wenn man sie mal braucht?", schimpfte Sia tränenüberströmt am Straßenrand. „Hier kannst du lange auf ein Taxi warten. Die kommen erst, wenn die Party vorbei ist", trat Loretta an sie heran. „Ich habe von euren Streit gehört. Willst du reden?" – „Nein", knurrte Sia. „Ich will nach Hause." Entschlossen begann sie, die einsame Straße in Richtung Stadtzentrum entlangzulaufen. „Es ist mitten in der Nacht, es ist dunkel. Sia, das ist gefährlich. Ich fahre dich, okay?" Wütend verschränkte Sia die Arme vor der Brust. „Wenn es sein muss." – „Ja, muss es", schmunzelte Loretta. „Ich gehe nur noch mal kurz rein, um mich zu verabschieden und meine Tasche zu holen, ja? Ohne Autoschlüssel kommen wir nämlich keinen Millimeter weit."

„Loretta, bitte, nimm mich auch mit, ja? Ich möchte Sia alles erklären", bettelte Rokko, als seine Mitbewohnerin noch einmal kurz in den Showroom gekommen war, um ihre Handtasche zu holen. „Ich denke, dass es besser ist, wenn ich sie alleine nach Hause bringe", wiegelte Loretta ab. „Es würde sie überfordern, wenn du auch dabei wärst. Sie ist wütend und verzweifelt… Sie würde dir eh nicht zuhören." – „Aber bitte sag ihr, dass ich sie liebe und dass sie das alles missverstanden hat, ja? Ich will mich nicht von ihr trennen, schon gar nicht wegen Lisa." Loretta legte Rokko die Hände auf die Schultern, um ihn zu beruhigen. „Das mache ich. Das sage ich ihr, versprochen. Wir sehen uns nachher Zuhause, okay?"

„Rokko sagt, er liebt dich und er sagt, dass du etwas missverstanden hast, weil du nur das halbe Gespräch gehört hast", begann Loretta ein Gespräch mit ihrer Beifahrerin. „Du meinst, wie in einem Shakespeare-Stück? Wenn eine Figur Gespräche von anderen Figuren belauscht? Quatsch, so was passiert im echten Leben nicht. Ich habe nicht mit Absicht gelauscht, aber ich weiß, was ich gehört habe. Du kannst mir nichts vormachen und ich mir auch nicht: Gegen Lisa habe ich keine Chance." – „Oh, das darfst du nicht denken. Ja, Rokko hat sie mal geliebt, aber das ist lange her und seit er dich kennen gelernt hat, ist er so… so… so aufgeblüht. Er ist fast wieder der alte." – „Der alte Rokko hat Lisa geliebt." – „Nun verdreh mir doch nicht jedes Wort im Mund." – „Du musst hier halten. Da hinten ist eine Baustelle, da kannst du dein Auto nicht wenden." – „Es ist doch hoffentlich nicht mehr weit bis zu dir?" – „Nein, das ist es nicht. Von mir aus kannst du ja hier stehen bleiben und mir hinterher sehen", motzte Sia aufgesetzt aggressiv. „Gut, das mache ich. Hier, nimm mit", forderte Loretta und drückte der jungen Frau eine Packung Papiertaschentücher in die Hand.

„Und?", bestürmte Rokko seine Mitbewohnerin, die noch nicht einmal richtig zur Tür hereingekommen war. „Sie hat schrecklich geweint." – „Bei dir im Auto?" – „Nein, damit hat sie gewartet, bis sie ausgestiegen ist, aber ich konnte es sehen. Ich habe ihr hinterher geguckt in ihrer Straße… du weißt schon… wegen der Baustelle." – „Ja ja, völlig unwichtig. Was hat Sia gesagt?" – „Sie hat Angst, gegen Lisa keine Chance zu haben", seufzte Loretta. „Aber das ist Unsinn. Das habe ich Lisa auch schon gesagt." – „Den Teil hat sie leider nicht gehört." – „Ja, leider", seufzte Rokko. „Lässt du mich dann erstmal rein?", bat Loretta und deutete auf den Hausflur. „Ja… ja, natürlich. Komm rein. Ich…" – „Du bist ein verliebter Mann und du machst dir Sorgen um deine Freundin. Das kann ich verstehen. Ich hätte ja nicht gedacht, dass Lisa so weit geht. Sie hat mir versprochen…" – „Du hast gewusst, dass sie sich in mich verliebt hat?", fragte Rokko entsetzt. „Ja, das habe ich", gestand Loretta schuldbewusst. „Und du hast mir nichts gesagt?!", warf Rokko ihr vor. „Ich… Nein, das habe ich nicht", gab Loretta selbstbewusst zu. „Ich dachte, das wäre nicht nötig. Du bist glücklich mit Sia und Lisa hat mir versprochen, deine Beziehung nicht zu torpedieren." – „Tja, beides dürfte Vergangenheit sein", knurrte Rokko. „Auf mich musst du jetzt nicht böse sein", wies Loretta ihn zurecht. „Wir sollten erst einmal alle eine Nacht darüber schlafen. Morgen ist ein neuer Tag… Außerdem fährst du doch mit Sia bald nach England – bis dahin habt ihr das alles geklärt, da bin ich mir sicher." – „Hm, schlaf gut", brummte Rokko. „Ich gehe noch ne Runde mit Thea. Ich brauche jetzt frische Luft."