Zurück in Hogwarts
Atemlos hechtete Saphira durch die Flügeltüre der Villa und prallte draußen versehentlich mit Narzissa zusammen, die dort auf sie gewartet hatte. Verschreckt ließ die Kleinere der beiden ihre Tasche fallen und starrte ihre Tante einen Moment lang sprachlos an. Der Schock stand ihr förmlich ins Gesicht geschrieben, doch als sie erkannte, um wen es sich handelte, beruhigte sie sich schnell wieder. Besorgt sah Narzissa sie an.
„Alles in Ordnung?"
„Ja ... Ich dachte nur ... Ach, gar nichts", murmelte Saphira und schüttelte verärgert den Kopf; es gab keinerlei Anlass, in Panik zu verfallen.
„Saphira?" Narzissa hielt sie an den Schultern fest und musterte sie prüfend.
„Ist wirklich alles okay mit dir? Du weißt, dass du immer zu mir kommen kannst, wenn du Probleme hast, oder?"
Die junge Black biss sich auf die Unterlippe und nickte. Wusste Narzissa irgendetwas? Hatte Draco vielleicht etwas erzählt, was er nicht hätte erzählen sollen?
Narzissa seufzte leise und nahm ihre Nichte in den Arm.
„Schreib mir, wenn du wieder in Hogwarts bist, und lass nicht immer alle wichtigen Details aus, so wie letztes Schuljahr, und sieh zu, dass aus meinem Draco ein anständiger Junge wird. Einen zweiten Lucius braucht die Welt nun wirklich nicht", lachte die Ältere und strich ihrer Nichte sanft über das lange Haar.
„Er ist ein guter Junge, nur manchmal etwas ungehobelt. Du kennst ihn."
Die junge Black nickte stumm und versuchte es mit einem zaghaften Lächeln.
„Fein, machen wir uns auf den Weg oder möchtest du gerne ein wenig mit mir spazieren gehen und reden?", hakte Mrs. Malfoy nach, doch Saphira schüttelte nur stumm den Kopf, ergriff ihre Tasche und signalisierte ihrer Tante somit, dass sie bereit zum Aufbruch war. Über ernste Themen zu sprechen war ihr viel zu unangenehm, außerdem ging das meiste wahrhaftig niemanden etwas an. Inständig hoffte sie, dass Draco den Mund gehalten und Narzissas Frage rein routinemäßiger Natur war. Ihre Tante war unheimlich empathisch, vielleicht spürte sie einfach, dass Saphiras aufgesetzte Fröhlichkeit nicht echt war und machte sich nur deshalb Sorgen.
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Als sie am Tag ihrer Abreise am Bahnhof ankamen, erblickten sie sogleich die Weasleys, die zusammen mit Potter und einem ganzen Rudel von Auroren angereist waren. Draco schüttelte abfällig den Kopf und deutete mit dem Finger auf die Bagage Blutsverräter.
„Man kann es auch übertreiben, aber der berüüühmte Harry Potter mit seiner hässlichen Narbe könnte ja ausrutschen und sich einen Fingernagel dabei abbrechen ... Ich fasse es nicht! Und schau nur, einen streunenden Köter hat er auch dabei. Ich hoffe nur, er versucht nicht, das verlauste Vieh mit nach Hogwarts zu schmuggeln."
Saphira und Narzissa blickten zeitgleich zu dem großen, schwarzen Hund, von dem Draco im Gegensatz zu seinen weiblichen Begleiterinnen nicht wusste, dass es sich um Sirius Black handelte. Seine Freundin verzog angewidert das Gesicht, nur einmal war sie ihrem Onkel bisher begegnet und sie konnte ihn auf den Tod nicht ausstehen. Er hatte ihren Vater beleidigt, ihn als Feigling und Nichtsnutz betitelt ...
„Auch nicht so der Hundemensch?", fragte Draco angesichts ihres missgelaunten Ausdrucks belustigt und Narzissa schüttelte kaum merklich den Kopf, um ihrer Nichte zu bedeuten, dass Draco davon nichts erfahren durfte.
„Nein ... Eher ein Katzenmensch", antwortete seine Freundin zerstreut und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr ihr die Anwesenheit dieser Person in Animagusgestalt gegen den Strich ging.
„Und warum hast du dann keine?", erkundigte sich der junge Malfoy mäßig interessiert, während sie sich dem Zug näherten.
„Mutter mag keine Tiere im Haus", entgegnete Saphira knapp. „Hast du Tracey oder Blaise schon irgendwo gesehen?", fragte sie und beendete somit das Thema.
Nachdem die Kinder im Zug verschwunden waren, erblickte Mrs. Malfoy ihre Nichte Nymphadora Tonks und nickte ihr kurz zu. Zwar wunderte Tonks sich über diese Geste, erwiderte sie jedoch. Ihrer Tante war sie bisher nur ein paar Mal begegnet, doch ihre Mutter sprach nie schlecht über Narzissa, lediglich über deren Mann, der Schuld daran war, dass die Schwestern so gut wie keinen Kontakt mehr hatten.
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Es war der erste Tag bevor das neue Schuljahr beginnen würde und nach dem Festessen, welches alljährlich in der Großen Halle stattfand, waren Saphira und Tracey direkt in ihrem Schlafsaal verschwunden, denn die besten Freundinnen hatten sich viel zu berichten.
Unterdessen saß Draco zusammen mit ein paar Jungs – darunter auch Blaise Zabini – noch eine Weile im Gemeinschaftsraum und sah Crabbe und Goyle dabei zu, wie diese versuchten, eine Partie Zauberschach zu spielen. Da die beiden der Regeln dieses Spiels allerdings nicht wirklich mächtig waren, ging es dabei hauptsächlich darum, zu beobachten, wie sich die verschiedenen Figuren gegenseitig zertrümmerten, was die beiden Hohlköpfe sichtlich amüsierte.
Blaise hingegen schien sich weniger für dieses (doch recht hirnlose) Spektakel zu interessieren. Stattdessen warf er immer wieder Blicke in eine andere Richtung ...
„Sag mal, wie findest du die?", fragte er Draco nach einiger Zeit und deutete mit dem Finger auf Ariadne Crouch, ein blasses, schwarzhaariges Mädchen, das zusammen mit ihrem besten Freund Theodore Nott in einer weniger belebten Ecke des Gemeinschaftsraumes auf einem kleinen Sofa saß und sich leise mit diesem unterhielt.
Der Blonde schreckte aus seinen Träumereien auf, in denen er wieder alleine mit Saphira oben in seinem Zimmer in Malfoy Manor gewesen war, und sah sich verwirrt um, dann entdeckte er, wen Blaise gemeint hatte.
„Wen? Crouch?"
Blaise nickte und musterte sie weiter mit einem Blick, der verriet, dass sein Interesse an ihr wohl nicht ganz jungendfreier Natur war.
„Weiß nicht." Draco dachte kurz nach und fuhr dann fort: „Rein optisch auf jeden Fall heiß, aber irgendwie nicht mein Fall."
„Nicht blond genug, was?", witzelte der Schwarzhaarige und sah Draco dabei prüfend an.
„Nein, es ist vielmehr ... ihre Art. Sie ist so ... Ach, ich weiß auch nicht, die ist so ... ein Eisklotz. Und fluchen wie ein Kerl kann sie auch. Ich kann sie nicht ausstehen", versuchte Draco seine Abneigung gegen dieses Mädchen zu erklären. Es war kein Geheimnis, dass Crouch ihm ebenfalls nicht sonderlich zugeneigt war. Ein Umstand, den Draco hauptsächlich seiner großkotzigen Art und den Hänseleien gegenüber Theodore zu verdanken hatte.
„Na komm, Phia ist nach außen hin doch ähnlich und selbst zu ihren Freunden des Öfteren ziemlich ... sagen wir mal gefühlskalt", warf Blaise ein.
„Zu dir vielleicht", stichelte der Blonde und hoffte, damit einen wunden Punkt bei seinem Rivalen getroffen zu haben, doch dieser ließ sich nichts anmerken und so setzte Draco noch einen drauf:
„Du kennst Saphira nicht so wie ich sie kenne. Also rede nicht über Dinge, von denen du nichts verstehst."
Blaise hob als Antwort nur eine Augenbraue an und verkniff sich ein Grinsen; der junge Malfoy konnte manchmal wirklich kindisch eifersüchtig sein ...
„Und ganz abgesehen davon wirst du bei Crouch auch nicht landen können. So wie ich das sehe, hat das bisher noch niemand geschafft und ich kann mir auch nur schwerlich vorstellen, dass es sich lohnt. Ich würde nicht mit ihr zusammen sein wollen", beendete der Blonde seine Ausführungen und meinte, damit die unterschwellige Auseinandersetzung gewonnen zu haben.
„Wer redet denn gleich von einer Beziehung? Das hatte ich überhaupt nicht vor", entgegnete der andere und fügte in Gedanken Sie ist schließlich nicht Phia, hinzu. Doch nach außen blieb seine Miene unbewegt, diese Blöße würde er sich vor dem arroganten Blonden keinesfalls geben.
„Trotzdem. Das schaffst du nie." Draco schien sich seiner Sache absolut sicher zu sein, was Blaise nur noch mehr anstachelte.
„Wetten doch?", sagte dieser feixend und ergänzte: „Hundert Galleonen, dass ich Crouch noch vor Weihnachten im Bett hatte ... oder sonst wo."
Draco gab ihm die Hand darauf, überzeugt davon, dass er diese Wette schon so gut wie gewonnen hatte.
Ariadne Crouch, die sich über eines ihrer Bücher gebeugt hatte, bekam von all dem nichts mit, genauso wenig, wie sie die verstohlenen, schmachtenden Seitenblicke ihres besten Freundes bemerkte, die dieser ihr immer wieder zuwarf ...
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Einige Tage vergingen, in denen nichts weiter Nennenswertes geschah, doch dann fiel Saphira das kleine Notizbuch ihres Vaters wieder ein, welches sie so einfach ohne nachzudenken eingesteckt hatte und in einer ruhigen Stunde, die sie alleine im Mädchenschlafsaal verbrachte, fing sie zögerlich an, darin herumzublättern. Zwar hatte sie dabei ein nicht allzu reines Gewissen, doch die Neugier siegte über ihre Unsicherheit.
Auf den ersten Blick schien es keine Besonderheiten zu enthalten, lediglich ein paar Erinnerungen daran, was er noch zu tun hatte, mit wem er sich verabredete und scheinbar unwichtige Kritzeleien, doch für Saphira bedeutete dies mehr, als sich jeder, der sich nicht in derselben Situation befand, vermutlich vorstellen konnte, denn sie wusste rein gar nichts über ihren Vater. Nicht wie er aussah, wie er gewesen war, welche Freizeitaktivitäten er betrieben hatte … Alle Informationen, die für andere so nichtig und selbstverständlich waren, waren für die junge Hexe von immensem, schier unvorstellbarem Wert.
Selbst jene Mitschüler, deren Eltern ebenfalls tot waren, wussten mehr über ihre Herkunft, denn im Gegensatz zu Saphira hatten sie Verwandte, die ihnen von der Vergangenheit berichteten. Cecilia hingegen schwieg beharrlich über dieses Thema und Saphira hatte es bisher auch nicht gewagt, Zissy oder Lucius danach zu fragen, da es ihr selbst etwas unangenehm war, dass sie so an einem Menschen hing, dem sie noch nie zuvor begegnet war.
Die Angst vor der Frage Warum interessiert dich das? war zu groß und sie wollte ihre Tante, die bei jeder Erwähnung von Regulus' Namen seltsam still und bedrückt wirkte, auch nicht traurig stimmen.
Narzissa schien in Regulus Blacks Leben wohl eine größere Rolle gespielt zu haben, als Saphira es bislang vermutet hatte. Wenn sie die kurzen, hastig gekritzelten Notizen richtig deutete, dann war ihr Vater sogar einst in ihre Tante verliebt gewesen ... Eine wirklich merkwürdige Vorstellung, doch Einträge dieser Art fanden sich nur am Anfang des Buches, später wurde deutlich, wie sehr er an Cecilia gehangen, wie sehr er sie geliebt hatte, aber was die junge Hexe am meisten verwunderte war, dass ihr Vater gewusst oder zumindest geahnt zu haben schien, dass sein Lebensweg bald enden würde ... War es möglich, dass er nicht bei einem Unfall oder spontanen Übergriff ums Leben gekommen war, sondern ... irgendwie anders? Saphira fand keine rationale Erklärung dafür, wie das möglich sein konnte, wenn er sich nicht selbst umgebracht hatte, was sie sich jedoch nicht vorstellen konnte. Seine Aufzeichnungen klangen ganz und gar nicht danach, als habe er sich den Tod gewünscht. Dennoch waren die Aufzeichnungen der letzten Monate seines Lebens so manches Mal von seltsam melancholischer, gar düsterer Natur, worauf Saphira sich beim besten Willen keinen Reim machen konnte.
Als Ariadne irgendwann ziemlich genervt „Licht aus!", zischte, seufzte Saphira, kam ihrem Wunsch jedoch nach, murmelte „Occulta librum" und löschte dann mit einem letzten Schlenker ihres Zauberstabes die Kerze auf ihrem Nachtschränkchen.
Es dauerte lange, bis sie endlich in einen unruhigen Schlaf, durchzogen von seltsamen Träumen fiel ...
