- Kapitel 34 (unkorrigiert)-

Der wahre Feind

Tarsuinn und Vivian fuhren herum, weil sie hastige Schritte näher kommen hörten.

„Tikki! Meinen Zauberstab", rief Tarsuinn, doch sie waren zu langsam. Sein Gefühl warnte ihn vor einen Schockzauber und warf sich zur Seite. Dabei gelang es ihm Tikki zu greifen und zu schützen. Doch der Aufwand war gar nicht nötig. Es war Vivian, die von zwei Zaubern getroffen zusammensackte.

„Geht es dir gut, Tarsuinn?", rief seine Mutter und bevor er sich wirklich klar wurde, dass er irgendwie überhaupt nicht mehr zwischen Freund und Feind unterscheiden konnte, wurde er fest umarmt. „Es tut uns leid, dass wir erst so spät kommen." Tarsuinn zuckte bei der Berührung zusammen und ließ Tikki zu Boden gleiten. „Bist du verletzt?", interpretierte Nathara seine Reaktion falsch, schob ihn kurz auf Armlänge weg und nahm ihn offensichtlich in Augenschein. „Wenn sie dir was angetan haben…"

„Alles in Ordnung… Mum", sagte er. „Vivian hat mir eigentlich geholfen. Sie zu schocken war nicht nötig."

„Oh, das tut uns leid", sagte Dour, der sich bei den drei Slytherins befand. „Wir mussten sicher gehen."

„Ich wollte es nur gesagt haben", meinte Tarsuinn und in seinen Kopf rotierten viel zu viele Möglichkeiten.

„Komm, lass uns nach Rica sehen", sagte Nathara sanft und ergriff seine Hand.

„Sie ist irgendwo hinten", erklärte Tarsuinn und versuchte sich in einem Lächeln. Er ließ seinen inneren Widerstand und ging folgsam an der Hand hinterher. Er wollte ja auch zu Rica. Eine Tür wurde geöffnet. Tarsuinn wusste wohin sie führte. Es war die Schatzkammer. Noch immer umgab sie der Schutzauber von damals, doch dieses Mal brauchte er keinen Zauberstab um einzutreten.

Doch nicht nur das hatte sich verändert. Wo früher unzählige und vor allem magische Reichtümer sich im völligen Chaos herumlagen, war nun alles aufgeräumt. Kleine Leuchtflecke tanzten um ihn herum und formten Wände aus flirrender Zauberei. Wahrscheinlich lag dieser ganze gefährliche Kram schön ordentlich in neuen Regalen, damit man nie lange suchen musste um Unheil anzurichten.

Doch all diese Kostbarkeiten nahm er nur am Rande war. Viel wichtiger war etwas anderes. Tarsuinn konnte zwar nur den magischen Kokon sehen, aber die Körperform Ricas, ihr Geruch und ihr leicht pfeifender Atem waren ihm nur zu bekannt. Vorsichtig ging er zu ihr, griff durch den Stasiszauber hindurch und streichelte Ricas Gesicht. Sie war wieder hagerer geworden und ganz sicher war sie wütend gewesen, als man sie schlafen gelegt hatte.

Tikki sprang auf das Bett, auf dem Rica lag, und begutachtete seine Schwester schnüffelnd, dann hüpfte sie auf Tarsuinns Schulter und schlüpfte von da umgehend in seine Kapuze. Ihre Wärme war an seinem Nacken hochwillkommen, genau wie sein Zauberstab, dessen Griff von hinten gegens Ohr piekte.

Er richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Dour und Nathara, welche auf die andere Seite von Ricas Bett getreten waren.

„Es ist ein riesiges Glück, dass ihr hierhergefunden habt", sagte Tarsuinn und lächelte verlegen. „Ich weiß nicht, ob ich diesen Zauber aufheben könnte."

„Patsy hat uns gesagt, wo wir dich finden können", sagte Nathara, als hätte sie eigentlich eine andere Frage erwartet.

„Ja, Patsy ist toll", tat Tarsuinn so, als würde er die Halbwahrheit in den Worten seiner Mutter nicht bemerken. „Wer hätte gedacht, dass sie mich durch all diese Abwehrzauber hier finden konnte, ist echt bemerkenswert."

„Sie ist dir sehr besonders verbunden, Tarsuinn", meinte Dour. „Wahrscheinlich konnte sie deshalb nur dich und nicht Rica finden."

Wieder eine Antwort auf eine Frage, die er gar nicht gestellt hatte.

„Schön aufgeräumt habt ihr hier!", sagte er möglichst neutral. „Hat sicher Wochen gekostet."

Überraschtes Schweigen war die Antwort. Tarsuinn konnte spüren, wie seine Eltern Blicke miteinander tauschten.

„Man kann dir wirklich nichts vormachen", meinte schließlich Dour anerkennend, ja sogar ein wenig Stolz.

„Aber bitte versteh das nicht falsch", fügte Nathara hastig hinzu.

„Was soll man denn falsch verstehen können?", fragte Tarsuinn und drängt die wieder aufkeimende Wut in sich zurück. „Ihr habt Rica entführt und hierher gebracht – so einfach ist das, oder?"

„Und genau das ist falsch", sagte Dour tadelnd. „Wir haben sie – und dich – nur in Sicherheit gebracht."

„Rica ist erwachsen seit sie mich allein am Hals hatte und sie ist es auch, die solche Entscheidungen trifft, die ich selbst noch nicht treffen darf. Ihr habt kein Recht über einen von uns zu bestimmen!"

„Solange wie ihr euch wie Kinder benehmt und der Dunkle Lord zurück ist, bleibt uns leider nichts anderes übrig."

„Voldemort soll zurück sein?", war Tarsuinn ein wenig geschockt.

„Ja, zumindest laut Dumbledore und Harry Potter", erklärte Nathara und so sehr Tarsuinn es auch hoffte, er konnte keine Lüge hören.

„Verstehst du, Junge?", fügte Dour hinzu. „Dies ist der perfekte Ort für uns. Niemand außer dir kann diesen Ort finden. Kein Dunkler Lord, kein Banefactor, kein Dunbledore. Wir sind hier sicher bis alles vorbei ist."

Wieder stieg Wut in Tarsuinn auf. Er dachte an Winona, Toireasa und die anderen, die sich nicht feige verstecken konnten und wollten. Die jetzt da draußen vielleicht schon um ihr Leben kämpften. Trotzdem erstickte er schnell das Feuer in sich. Es war offensichtlich kein Zufall, dass Rica genau zwischen ihm und seinen Eltern lag.

„Aber was, wenn es niemals vorbei ist?", fragte Tarsuinn vernünftig, weil ein schnelles Nachgeben auffällig gewesen wäre. Er brauchte eine bessere Position bevor er handelte. „Sollen wir hier alt und grau werden? Allein?"

„Oh nein", sagte seine Mutter. „Das würden wir euch niemals antun. Ganz im Gegenteil. Gib uns zehn Jahre und ihr werdet in der Lage sein, die gesamte Welt herauszufordern und nach euren Wünschen zu formen."

Die korrekte Antwort darauf hätte die Worte Vollknall und Sockenschuss beinhaltet, doch etwas anderes war plötzlich wichtiger geworden…

„Ihr?", fragte Tarsuinn verwundert. „Habt ihr noch jemanden gekidnappt?"

„Nein, du und Rica! Ihr werdet unschlagbar sein. Gemeinsam. Die Welt weiß es noch nicht, aber ihr seid es, die sie retten werdet."

In einer kleinen Sinnkrise hatte Tarsuinn in Hongkong mal die Predigt eines fanatischen Jesuitenpriesters gehört. Der hatte genauso geklungen wie seine Mutter jetzt.

„Euch ist schon bewusst, dass Rica ein Squib ist, nicht wahr?"

„Das ist sie definitiv nicht!", lachte Nathara nachsichtig.

„Und was soll sie dann sein?"

„Sie ist ein Schatz. Etwas ganz Besonderes. Das zu verheimlichen hat uns so viel gekostet…"

„Und was macht sie in euren Augen so besonders?", fragte Tarsuinn. Für ihn war Rica schon immer etwas Besonderes gewesen, doch irgendwie bezweifelte er, dass seine Eltern die gleichen Maßstäbe dafür verwendeten.

„Rica ist eine aktive Empathin", erklärte Nathara und interpretierte dann Tarsuinns Gesichtsausdruck richtig. „Weißt du denn nicht was dies bedeutet, Tarsuinn?"

„Sie kann die Gefühle eines anderen spüren", sagte er unbeeindruckt. „Und? Das kann ich auch!"

„Die Fähigkeiten deiner Schwester gehen weit über das bloße Spüren hinaus. Sie kann Gefühle in andere projizieren und sogar das komplette Wesen eines Menschen erfassen. Sie kann die Herzrune eines jeden Menschen zeichnen und sogar verändern."

„Das ist völliger Blödsinn", wiedersprach Tarsuinn vehement. „Niemand kann das. Ihr irrt euch völlig. Niemand kann eine fremde Herzrune schreiben!"

„Ach, und was glaubst du, macht Banefactor während seinem Ritual der Übertragung? Wieso kannst du den Wahnsinn in deinen Kopf kontrollieren, während selbst mächtige Zauberer, heilige Männer und die reinsten Nonnen daran scheiterten?

Versuch dich zu erinnern, wie sich ihre Gegenwart anfühlt. Wenn sie stolz auf dich ist und wie sehr es schmerzt, wenn man sie enttäuscht hat. Du hast sie doch sicherlich einmal enttäuscht, nicht wahr? Erinnerst du dich an den Schmerz, den du dabei gefühlt hast. Oder wie ist es wenn du traurig bist und Angst hast. Einmal in ihren Arm genommen und schon ist alles wieder gut…!"

Tarsuinns Gedanken glitten drei Jahre in die Vergangenheit…

Ich will nicht gehen!", sagte Tarsuinn stur und tastete nach Ricas Hand. Sie war kalt und er konnte Knochen, Sehnen und sogar Adern fühlen. Die Medikamente, die Chemotherapie und die ständige Übelkeit hatten sie stark geschwächt. Trotzdem war ihre Hand stark und bestimmend, als sie nach Tarsuinns Fingern griff.

Tarsuinn! Das hier ist kein Witz mehr mit dem ich dich schonend auf die Möglichkeit meines Todes hinweisen will!", Ricas krächzende Reibeisenstimme hielt ihn fester, als ihre Hand es jemals gekonnt hätte. „Ich werde sterben, Tarsuinn. Die Ärzte können lügen wie sie wollen, es ändert nichts an der Tatsache."

Das weiß ich", gab Tarsuinn nicht nach. „Aber ich werde nicht zulassen, dass du hier allein stirbst. Ich bleibe hier bei dir. Bis zum Ende!"

Das wirst du nicht!"

Du bist kaum in der Verfassung, um mich daran zu hindern."

Wenn du bei mir bleibst, werden sie dich finden und mitnehmen. Ich denke, die blöde Schnepfe vom Jugendamt ist eine von denen. Du weißt doch, die dich unbedingt unter vier Augen befragen wollte."

Das kannst du nicht wissen."

Habe ich je falsch gelegen?"

Nein, dachte Tarsuinn und biss sich fest auf die Unterlippe um es ja nicht zuzugeben.

Hör auf mich", sagte Rica eindringlich. „Wir haben genug Geld und du bist klug genug damit umzugehen. Zumindest den Sommer über kannst du durchs Land reisen und dich verstecken. Sei vernünftig, Tarsuinn."

Aber Tarsuinn wollte nicht vernünftig sein. Dieses eine Mal nicht! Selbst als Tikki – die er mit ins Krankenhaus geschmuggelte hatte – ihm in den Rücken fiel und Rica zustimmte. Er entzog sich Ricas Hand und wandte sich zur Tür.

Ich geh dann und sag Bescheid, dass ich das Gästezimmer im Hospiz miete. Wir haben ja genug…"

Das wirst du nicht!" Er ignorierte den Befehl. „Tarsuinn McNamara!" Ricas zornige Stimme ließ die Zeit, die Luft und Tarsuinn erstarren. „Du wirst tun was ich dir sagen! Du und Tikki, ihr werdet hier verschwinden und durchs Land reisen. Zuerst nach London, den dort könnte ihr am besten untertauchen oder etwaige Verfolger abhängen. Danach seht ihr euch das Land an und du wirst nicht ständig an mich denken. Such dir einen Ort an dem es dir gefällt und da bleibst du. Solange du suchst, darfst du mich immer dann anrufen, kurz bevor du eine Stadt verlässt. War das jetzt deutlich genug für dich?"

Tarsuinn nickte ohne eine Spur von Trotz. Tränen rannen ihm übers Gesicht, als er seinen Rucksack packte. Mit einem entschiedenen Fiepen bestand Tikki darauf, dass er ihren Spielzeugbeutel dabei nicht vergaß, den sie unter Ricas Bett hervor zerrte. Danach stand er einfach so im Raum und das Wissen gleich gehen zu müssen, tat so furchtbar weh. Viel schlimmer jedoch war, das Rica böse auf ihn war.

Es tut mir leid", flüsterte er flehend.

Ach, komm schon her, Kurzer!", sagte Rica versöhnlich. Ihre Umarmung machte ihn wieder glücklich und er nahm sich vor, sie nie wieder zu enttäuschen.

Du und Tikki, ihr schafft das!", flüsterte Rica in sein Ohr. „Ich hab euch so lieb, aber ihr müsste jetzt gehen. Schaut nach vorn und nicht zurück – und jetzt bitte keinen Spruch über die Formulierung."

Tarsuinn sagte kein Wort. Er löste isch aus Ricas Umarmung, ließ Tikki auf seine Schulter springen, lächelte seine Schwester an, weil sie das gerne hatte und verließ dann ohne weiteres Zögern das Krankenhaus.

Das Leben war gar nicht so schlimm! Immerhin würde er Rica viel zu erzählen haben, wenn er sie anrief. Ob sie ihn die Kronjuwelen der Königin mal anfassen ließen? Fragen konnte da sicher nicht schaden.

„Ich hab mich auch beherrschen können, wenn Rica nicht in meiner Nähe war", widersprach Tarsuinn seinen Eltern.

„Aber es ist dir immer viel schwerer gefallen, da bin ich mir sicher", entgegnete Nathara sanft.

„Ich denke, dass ist in meinem Alter völlig normal", log Tarsuinn. In seinem Inneren spürte er jedoch die Wahrheit und das sie noch viel umfassender war. Nur zu gut spürte er die Leere in seinem Inneren. Es fehlte eine Wärme in ihm, auf die sonst immer Verlass gewesen war.

„Ist es auch normal, dass ein temperamentvoller Junge einfach so in Schlaf verfällt?", fragte Dour, wie immer etwas zurückhaltender. „Wir müssen zugeben, damit hat Rica selbst uns überrascht. Über hunderte Meilen, durch so viele Sicherheitszauber hindurch, konnte sie dich einfach schlafen schicken, sodass niemand dich wecken konnte. Unglaublich! Wir haben lange gebraucht um herauszufinden, wie wir ihre Macht über dich brechen konnten, ohne sie zu verletzen."

„Gratulation!", meinte Tarsuinn sarkastisch. „Dann wisst ihr ja auch, wie ihr Rica wieder wecken könnt, oder?"

„Natürlich könnten wir das…", begann Nathara.

„Aber?", fragte Tarsuinn ungeduldig.

„Sie wird furchtbar wütend auf uns sein."

„Echt? Ich kann mir gar nicht vorstellen warum", tat Tarsuinn unschuldig.

„Du weißt gar nicht, wie schlimm es sein kann", klang Nathara ziemlich ängstlich. „Wir waren ja geübt, ihre Launen abzublocken und wir hatten sie ja auch überzeugt, dass sie hier sicher ist, aber als sie merkte, dass wir dich auch heim zu uns holen wollten, da ist sie furchtbar wütend geworden und hat uns richtig angegriffen. Wenn sie geübter wäre…"

„Deshalb musst du uns helfen", fügte Dour hinzu.

„Warum sollte ich das?", fragte Tarsuinn.

„Weil du nicht verliebt bist und weil du die Zauberwelt wirklich begreifst. Du kannst verstehen, was die Rückkehr des Dunklen Lords bedeutet. Das wir hier sicher sind und das ihr beide lernen müsst. Du musst sie besänftigen."

„Lasst ihr sie dann gehen, wenn ich verspreche zu blieben?", fragte Tarsuinn.

„Das geht nicht. Versteh doch, mein Sohn. Sie ist die Prinzessin und du bist ihr Ritter. Die Prinzessin ist zu verletzlich, ohne ihren Ritter zum Schutz und der Ritter ist nicht, ohne die Befehle seiner Prinzessin. Nur gemeinsam könnte ihr den Dunklen Lord und sein Gefolge bezwingen."

„Und wie soll das gehen? Ich werde ganz sicher kein Superzauberer und Rica keine Dominatrix Maxima."

„Du unterschätzt die Möglichkeiten dieses Ortes. Das hier gesammelte Wissen, die machtvollen Gegenstände… und die Macht des Rituals des Übertragung, welches wir in Ricas Kopf versteckt haben."

Überrascht schnappte Tarsuinn nach Luft und stolperte einen Schritt zurück. Er war unfähig etwas zu sagen. Lautes Triumphgebrüll des Narren fauchte durch seinen Kopf, Visionen von einer glorreichen Zukunft, von einer Rückkehr nach Hause.

„Ja, Tarsuinn. Wir können euch beide heilen und damit gleichzeitig Banefactor vernichten. Seine Organisation, seine Macht, sein Wissen – all das wird dir und Rica gehören und damit könnte ihr den Dunklen Lord und seine Todesser in die Knie zwingen. Möchtest du denn nicht frei sein und Rica mit einem gesunden, wunderschönen Gesicht sehen?"

„Und was ist mit euch?"

„Wir? Wir haben nichts damit zu tun. Unsere Aufgabe war es immer euch zu beschützen. Banefactor hat uns jahrelang gefoltert. Uns Unaussprechliches angetan, aber wir haben ihm nichts über euch verraten und er hat auch nie erfahren, dass wir sein Ritual gestohlen haben."

„Bis jetzt jedenfalls…"


26/08/2010