Kapitel 34
Rumpelstilzchen saß gegen die Wand gelehnt hinter Robins Statue. Rechts und Links von ihm lagen die regungslosen Körper der Jungen, die er in eine magische Ohnmacht hatte fallen lassen. Die spärliche Beleuchtung des Verlies tauchte diesen Teil der Zelle in einen tiefen Schatten. Ungesehen von dem Neuankömmling, konnte er so dem Gespräch der beiden Frauen lauschen. Seine Augen überzog ein goldener Glanz, während sich Wahnsinn in diesen spiegelte. Freude durchfuhr seinen schmächtigen Körper, als im bewusst wurde, dass es an der Zeit war, die Stränge in dieser Farce, die Cora aufführte, wieder in die eigenen Hände zu nehmen. Er hätte Regina die Manschette nicht abnehmen können, ohne das Cora es merkte. Ein paar kleine Zauber konnte er ausüben. Ein paar schwache magische Kunststückchen, ohne das die Hexe an seinem Dolch die Macht spüren würde, die er tätigte, doch Großes konnte er ohne ihr Wissen nicht wirken.
Nun saß er hier in Schatten gekleidet und konnte das triumphierende Grinsen nicht aus seinem Gesicht wischen. Die Königin war bei ihm und was noch wichtiger war, sie war verzweifelt. Ihre Mutter hatte wieder einmal ganze Arbeit geleistet, aber der Dunkle hatte nicht einen Moment daran gezweifelt.
Ich sagte dir, Cora, dass sie MEIN Mädchen ist und nicht deines
Schwerfällig erhob sich der Mann und konnte die Last der vielen Jahre in seinen Knochen spüren. Dieses Gefängnis hatte ihn altern lassen, doch schon bald würde er diesem entfliehen können. Bald würde er seine Marionette dazu bekommen, ihn nicht nur aus dieser kalten Zelle zu befreien, sondern auch Cora loszuwerden. Alles was er tun musste, war ihr einen Schubs in die richtige Richtung zu geben.
Regina und Emma starrten sich noch immer fassungslos an. Die Retterin konnte nicht glauben, dass sie schon bald dieses Loch verlassen konnte, während die Königin das vertraute Gefühl der Magie begrüßte, die nun ungehindert durch ihr Innerstes floss. Augenblicklich fühlte sie sich körperlich stärker, doch die Schwachheit ihres Geistes blieb unverändert.
„Regina, wir müssen hier raus. Wir gehen, holen Henry und dann verschwinden wir. Hörst du?! Du musst nur diese Stäbe lösen", erklärte die Blonde, doch die andere Frau schien gar nicht zuzuhören. Sie nestelte an ihrer Unterlippe, als würde sie angestrengt nachdenken
Fliehen? Mit Henry...ich wünschte es wäre so einfach...aber es gibt keinen anderen weg. Er wird immer in Gefahr sein, solange sie lebt...solange nicht einer von uns...
Für einen Augenblick hing sie ihren Gedanken an. Wog die Möglichkeiten ab, die ihr blieben, um den ohnehin schon getätigten Schaden, so gering wie nur möglich zu halten. Weitere Momente verflogen bis ihre Miene einen entschlossenen Ausdruck annahm. Der Kampf war entschieden. Eine neue Woge der Ruhe überfiel sie, als sie die Waffen in ihrem Geist niederstreckte und sich eingestand, dass es nur einen Weg gab, den sie noch beschreiten müsste, um ihren wohlverdienten Frieden zu bekommen. Regina klärte ihren Blick und schaute Emma eindringlich an.
„Hör mir zu Emma. Du musst mir vertrauen. Ich kann die Stäbe nicht lösen, ohne dass sie es merkt und wenn sie es merkt, dann bricht hier die Hölle los"
Emma nickte verstehend und wollte gerade nachfragen, wie der Plan aussah, als die Königin diesen auch schon erklärte.
„Ich werde sie ablenken, dann werde ich den Bann hier lösen...", begann sie.
„ Du wirst hier nicht den Helden spielen, sondern du gehst zurück zum Lager, holst Henry und verschwindest"
Für einen Moment hielt sie inne
Roland...
ehe sie hinzufügte „Und bring auch Roland in Sicherheit. Ich weiß nicht, ob meine Mutter durchdrehen wird und den Wald in Brand setzt. Zutrauen würde ich es ihr."
Ob sie durchdrehen wird? Ist das dein Ernst Schätzchen? Natürlich wird sie das und genau das willst du
„Okay, ich vertraue dir. Du kommst dann zum Palast. Dort treffen wir uns", sprach die Blonde und kassierte ein aufmunterndes Lächeln von der Königin, welches sie nicht wirklich deuten konnte. Doch sie besaß nicht die Zeit und auch nicht die Ruhe, sich darüber Gedanken zu machen.
„Versprich mir, dass du Henry in Sicherheit bringst", forderte Regina abermals eindringlich, woraufhin die andere entschlossen nickte.
„Versprochen"
Im nächsten Augenblick wandte die Dunkelhaarige sich wieder den Stäben zu und lief durch diese hindurch, als wären sie bloß ein Hologramm. Kaum hatte sie den Gang betreten, da vernahm sie eine bekannte Stimme.
„Du kannst nicht gegen sie gewinnen, Regina", kicherte Rumpelstilzchen und hoffte so ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen, was ihm auch gelang. Der Dunkle schenkte ihr ein breites, wohlwissendes Grinsen, als er weiter sprach.
„Du brauchst mich, um dich von ihr zu befreien. Und das weißt du. Hol den Dolch! Bring ihn mir und dann können wir sie zusammen in die Hölle schicken. Wie in alten Zeiten, meine Liebe."
Reginas Augen hafteten sich an den schmächtigen Mann und sahen förmlich durch diesen hindurch. Ihr Blick landete auf die vertrauten Gesichtszüge Robins. Wie in Trance bewegte sich sich zu der Zelle. Ihre Finger umgriffen zwei der Stäbe, während sie zwischen diesen hindurch blickte. Die Welt sperrte sich aus ihrer Wahrnehmung aus. Schrumpfte einfach zusammen zu diesem Augenblick, wo sie in sein kaltes, erstarrtes Gesicht blickte. Eine Träne blühte an ihrer Wimper, als ihr abermals bewusst wurde, was sie verloren hatte.
Es tut mir Leid, Robin. So Leid
Ihre Lippen formten stumm eine Entschuldigung von der sie wusste, dass er ihr keine Absolution mehr erteilen konnte. Der Schmerz zog sich durch ihre Adern, verendete in ihrem Kopf und überwältigte sich. Doch nichts davon zeigte sich in ihrer Haltung. Als sei sie selbst zu einer Statue erfroren stand sie da und konnte ihren Blick nicht von dem Mann wenden, der einst ihre Seele mit neuem Leben erfüllte.
Bitte verzeih mir
Indes redete der Dunkle einfach weiter auf die Königin ein. Versuchte ihren Verstand so weit zu vergiften, dass ihr Handeln seinen Wünschen entsprach.
„Wir müssen sie töten. Schau was sie getan hat. Hat dem Mann hier, ohne mit der Wimper zu zucken, den gar ausgemacht. Ja so kennen wir unsere Cora, nicht wahr", kicherte er und fuhr ungehindert fort.
„Oh und sie wird auch Henry töten, wie sie alle tötet, die dich je geliebt haben. Bring mir den Dolch Regina. Bring ihn mir!"
Die Schwarzhaarige hörte nicht wirklich auf das was der Dunkle von sich verließen seinen Mund, doch sie verstand den Sinn nicht, weigerte ihnen Bedeutung zu schenken. Sie verlor sich in den schmerzlichen Anblick Robins. Nach einer gefühlten Ewigkeit nahm die Welt wieder ihren Lauf. Begann sich erneut zu drehen, während Regina Rumpelstilzchen nun direkt ansprach ohne ihre Augen von der Statue zu nehmen.
„Kann man diesen Bann lösen?", fragte sie.
„Hörst du mir überhaupt zu, meine Liebe?"
Rumpels Ungeduld spiegelte sich in seiner Stimme wieder, als er einen Handdeut in Richtung der Statue tätigte und ihr direkt in die dunklen Augen schaute.
„Sie hat ihn getötet. Hast du alles vergessen, was ich dir beigebracht habe? Es gibt keine Weg zurück"
Endlich löste Regina sich von Robins Bann und bedachte den Wurm hinter Gittern mit einem verächtlichen Blick. Sie fühlte ein Deja- Vu. Fühlte die gleiche Enttäuschung wie vor so vielen Jahren, als man ihr die erste Liebe nahm und es keinen Weg gab, sie jemals wieder zu bekommen. Zu diesen Gefühl mischte sich ein anderes. Wut. Erst Recht als Rumpel weiter auf sie einredete.
„Also, hol mir den Dolch und dann kümmern wir uns zusammen um die Hexe, hörst du, Regina"
Ihre Augen funkelten zornig, während ihre Lippen ein geringschätziges Grinsen andeuteten.
„So wie damals? Als du mir gesagt hast, dass ich mich von ihr befreien könnte und sieh wo wir jetzt sind? Wir sind ihre Gefangenen. Ich brauch dich nicht mehr um es zu beenden"
Rumpelstilzchen Mund verformte sich zu einem ungläubigen Oh, als er zu begreifen begann.
Du wirst doch nicht. Nein Regina!
„Das kannst du nicht tun"
„Doch und ich werde es", mit diesen Worten wandte sie sich von ihm ab und schaute zu Emma, die an den Gitterstäben stand und das Schauspiel schweigend beobachtet hatte.
Das Gespräch mit dem Dunklen hatte die Königin nur bestätigt, dass es keinen anderen Weg zur Befreiung gab. Sie war die Gefahr für ihren Jungen und selbst der Dunkle hatte es bis jetzt nicht geschafft Cora in ihre Schranken zu weisen. Hatte sie damals sogar selbst benutzt und sie angestachelt ihre Mutter zu verbannen. Hatte sogar Snow White manipuliert, damit sie die Drecksarbeit tätigte. Nein, Regina wusste es musste so sein und sie fürchtete sich nicht.
Sie schenkte der Retterin ein gequältes Lächeln, als sie diese ansprach.
„Pass gut auf Henry auf ja? Und sag ihm, dass ich ihn liebe. Lass ihn das bitte nicht vergessen" Emma starrte verwirrt auf die Königin, öffnete ihren Mund, doch kein Laut drang heraus. Stattdessen nickte sie nur und schaute dann Regina hinter her, die durch den Gang eilte.
Was hat das...pass gut auf ihn auf...das ist ein Abschied, sie wird doch nicht...NEIN!
Die Erkenntnis traf die Retterin wie ein Steinschlag. Ihre Augen weiteten sich und Panik stieg in ihrem Innern auf. Die Schwarzhaarige hegte keinerlei Ambitionen zur Flucht und sie wusste, dass sie den Kampf mit ihrer Mutter nicht gewinnen konnte, doch sie würde dafür Sorgen, dass Henry kein Druckmittel mehr war.
„REGINAAAAAAAAAAAAAAAAAAA!"
Schrie sie der Königin hinter her. Verzweifelt kreischte sie ihren Namen. Wollte sie hindern, wollte ihr sagen, dass sie einen Weg finden würden, doch die Schwarzhaarige war bereits verschwunden.
Rumpelstilzchen ärgerte sich über die Königin. Er hatte fest damit gerechnet die Wut in der Königin erneut zu schüren. Sie so heiß zu entfachen, dass ihr einziger Gedanke, der Tod Coras wäre, doch es war ihm nicht gelungen. Er hatte ihr sogar den Verlust des Räubers vor Augen gehalten, doch Regina schien resigniert zu habe. Wo früher Wut und Rachsucht ihr Handeln bestimmten, war sie etwas anderes getreten. Etwas, dass zweifelsohne der Geächtete ihr beigebracht hatte.
Du dummes, dummes Ding. Du dummes, dummes Ding
Emma durchmaß unruhig ihre Zelle. Nach wenigen Schritten kam sie an der Wand an, drehte sich um und marschierte aufgebracht wieder in Richtung der Gitterstäbe. Dabei schimpfte sie
„Wir müssen sie aufhalten. Es muss einen anderen Weg geben. Cora wird durchdrehen, ich kann nicht hinter ihr her und gleichzeitig Henry schützen"
Das weiß sie...und sie will auch nicht, dass du ihr nachgehst und sie aufhältst
Die Zeit verrann und zog sich dabei wie Kaugummi. Die Retterin wurde immer unruhiger. Dass der andere Gefangene schwieg war Fluch und Segen zugleich. Zu gern hätte sie einen Rat gehabt, hätte gewusst was sie tun sollte und gleichzeitig war sie so wütend, dass er nichts unternahm oder unternommen hatte, als Regina weiter zuzusetzen. Vielleicht brauchten sie wirklich nur den Dolch und alles würde gut gehen, doch Emma war nicht naiv genug, um an diesem Gedanken ihre Hoffnung zu setzen. Plötzlich erglüht ein lilafarbenes Licht in der Mitte des Ganges und breitete sich mit ungeheurer Gewalt aus. Der Boden wankte für einen Augenblick und die Wände erzitterten, als die Zauber, die in dem Untergeschoss wirkten, erloschen. Im nächsten Moment fielen die Gitterstäbe im ganzen Keller einfach klirrend zu Boden. Emma überlegte nicht zwei Mal, sie hastete einfach los. Mit schnellen Schritten eilte sie zum Ausgang und hechtete die Treppe so schnell sie konnte nach oben.
Rumpelstilzchen konnte die Macht spüren, die hinter diesem Zauber lag. Konnte die Emotionen fühlen, die sich kraftvoll hier unten entluden
Oh sie ist wütend
Erkannte er mit einem selbstzufriedenen Grinsen auf den dünnen Lippen. Er ließ seine Fingerspitzen aneinander tippen und zog kichernd die Schulter hoch.
„Es läuft doch besser als ich gedacht habe"
Sang er förmlich und trat einen Schritt aus der Zelle. Er tätigte einen weiteren Schritt und noch einen und wurde immer schneller. Noch war dieser Krieg nicht zu Ende und vor allem, noch hatte er diesen Krieg nicht verloren. Alles was er brauchte, war der Dolch und den würde er bekommen. Gleich, wen er dafür opfern müsste.
Henry schlug seine Augen auf und rappelte sich schwerfällig wieder auf. Die magische Ohnmacht verlor gleichwie alle anderen Zauber ihre Kraft. Er wusste nicht wo er war und wie er dort hingekommen war. Erst nachdem er ein paar mal blinzelte, kehrte die Erinnerung zurück. Auch Eddy und Jeff erwachten aus dem ungewollten Schlaf und rieben sich die Augen. Sie fühlten sich noch ein wenig benommen, doch diese Benommenheit wich schnell.
„Mr. Gold?! MR, GOLD?", rief Henry fragend in den leeren Gang, doch die Antwort die er bekam, war nicht die, welche er erwartete.
„Diese miese kleine Ratte", erklang es wütend hinter ihm. Der Junge wandte sich um. Seine Augen vergrößerten sich, während sein Mund sich in Verwunderung öffnete. Er wollte etwas sagen, doch ihm fehlten die Worte Vor ihm stand Robin. Seine Atmung ging schwer, als habe er zu lange gegen das Ertrinken angekämpft und nun das rettende Ufer erreicht. Eddy und Jeff strahlten und stürzten sich auf ihren Boss.
„Robin, aber wie ist das möglich?", fragte der Rothaarige, doch der der Geächtete starrte auf die beiden Jungen, dann auf Henry. Abermals wechselte er den Blick zwischen den Vertrauten und dem Fremden.
Henry?
„Henry?"
Der Junge nickte nur heftig und konnte seine Überraschung noch immer nicht in Worte kleiden.
