A/N: In diesem Kapitel werden sich manche vielleicht denken, dass Castles Reaktion übertrieben ist. Für mich ist sie passend, nicht, dass ich es gut halte; es ist eher eine Handlung im Affekt.
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Kapitel 36
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War es möglich, dass seine Tochter etwas Derartiges gemacht hatte? Nach all dem Ich-Zentrismus, den sie am Abend zuvor, als sie Pizza gegessen hatten, an den Tag gelegt hatte, erschien es ihm plötzlich möglich.
„Kate, glaube mir, ich hätte dich niemals alleine gehen lassen. Im Auto, von den Hamptons nachhause …"
Sie nickte nur abwesend. Sie oft hatte sie ihm glauben wollen in den letzten Jahren, wie oft war sie enttäuscht worden.
„Ich möchte Teil von all dem sein", erklärte Rick weiter", ein richtiger und vollständiger Teil und nicht nur eine Randerscheinung."
Die Polizistin nickte abermals, starrte auf ihre Hände bevor sie leise sagte: „Ich glaube, dass Alexis den Zettel abgenommen hat".
Diese Behauptung war ein großer Schritt für Beckett, immerhin ging es darum, dass sie seine heilige Tochter beschuldigte, etwas für sie beide Schwerwiegendes getan zu haben. Bisher hatte sie immer angenommen, dass Alexis die Unschuld darstellte, als die sie Rick gerne sah und präsentierte. Doch als er scheinbar wirklich nichts gewusst hatte, war sie skeptisch geworden und hatte auf ihre innere Stimme gehört, die die ihr seit Tagen sagte, dass Alexis nicht so unschuldig war, wie sie immer tat. Das hatte sie sich schon gedacht, als sie aus den Hamptons zurückgekommen waren und die beiden alleine verschwanden.
Hatte sie gedacht, dass Richard wütend sein würde, über ihre Beschuldigung, umso mehr war sie verwundert, als er ihr zustimmte. Auch er konnte sich vorstellen, dass seine Tochter involviert war.
„Du musst mit ihr sprechen", flüsterte sie beinahe.
„Nein Kate, wir werden gemeinsam mit ihr sprechen. Wir sind jetzt eine Familie und das bedeutet, dass wir gemeinsam an die Probleme herangehen, auch wenn es sich um Alexis handelt. Und es ist nicht wichtig, ob wir verheiratet sind oder nicht, wir leben unter einem Dach und ich möchte, dass sie zu dir aufsieht und dich akzeptiert. Respektiert." Castle legt eine kurze Pause ein und legte seine Hand um ihre Schulter, zog sie näher an sich heran. „Wenn sie voreingenommen ist und das nicht akzeptieren kann, kann sie gerne bis sie volljährig ist bei Meredith in Los Angeles leben."
„Als ob du einen Tag ohne ihr existieren könntest", sagte sie mit einem Lachen in der Stimme und lehnte sich an ihn. Nicht, dass all ihre Wut verflogen war, aber sie war am besten Weg ihm zu vergeben.
„Aber ohne dich auch nicht, Kate."
„Wieso muss bei uns immer alles so kompliziert sein?"
Rick lachte, stand auf und zog sie an sich. „Zweifle nicht an mir, Kate, nicht an uns. Ich glaube es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich mit beiden Beinen zu hundert Prozent in etwas involviert bin." Dann küsste er sie, anfänglich etwas zögerlich, da Castle sich nicht sicher war, ob sie schon bereit war, Intimitäten mit ihm auszutauschen, nachdem sie diesen kleinen Eklat hatten. Und kurz lehnte sie sich zu ihm, ließ sich küssen, ohne es allerdings zu vertiefen. Schließlich griff Rick nach ihrer Hand und gemeinsam gingen sie zurück aufs Revier.
Immer wieder konnte Castle nicht widerstehen, einen Schneeball zu formen und ihn auf Kate, die schon vorausgegangen war, zu werfen, ohne sie jemals wirklich zu treffen.
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Tage, an denen es keine blutigen und grausamen Mordfälle zu lösen gab, hatte der Job den Vorteil, dass man zu christliche Uhrzeiten nachhause kam. Zudem musste sich Kate eingestehen, dass sie leichter müde wurde. War sie früher Tage ohne Schlaf ausgekommen, war sie nun an dem Punkt, an dem sie mindestens sieben Stunden Schlaf benötigte, jeden einzelnen Tag. Die dunkelhaarige Frau wollte sich gar nicht vorstellen, wie das in zwei, drei Monaten aussehen würde.
Am Weg nachhause kauften sie noch die Zutaten für Ricks berühmte Spaghetti Carbonara, eine Schüsse Salat und etwas Obst ein. Ihm war aufgefallen, wie sehr sie sich nach frischem Obst in den letzten Wochen verzehrt hatte, in Jahren zuvor hatte er sie lediglich zweimal einen Apfel essen sehen. So kaufte er Erdbeeren und Pistazieneis, beides hatte er sie letzte Woche einmal genießen sehen.
Alexis würde erst etwas später nachhause kommen, sie hatte Mathematik-Club und da sie Rick nicht mit dem Wagen fahren ließ, würde es sicherlich sieben sein, bevor sie die Türe aufsperren würde. So kochten sie gemeinsam, schnitten die Zutaten, plauderten, als wäre nichts vorgefallen, ahnend, dass der restliche Abend nicht so entspannt verlaufen würde.
Als Kate zuvor in ihr Schlafzimmer gegangen war, um sich umzuziehen, war Castle mit ihr gegangen und sie war sich nicht sicher, was sie erwarten würde, dabei stand er lediglich in der Türe, als sie begann sich zu entkleiden und studierte sie. Auf der einen Seite fühlte sie sich beobachtet, auf der anderen fühlte sie sich sexy, fragte sich, ob er einen Schritt auf sie zu wagen würde. Doch er blieb dort stehen, lächelte. Dieses Lächeln hatte sie immer schon gefangen genommen, hatte es geschafft, dass sie ihm Sachen vergab, die sie eigentlich nicht vergeben wollte. Es war immer das Lächeln und diese treuen Augen gewesen, das Blau, in dem sie versinken konnte. Sich verlor.
Sie griff nach Leggins und einem weiten T-Shirt und in diesem Moment mischte er sich zum ersten Mal ein, kam auf sie zu und griff in den Schrank nach einer ihrer dunkelblauen Yoga-Hose mit einem breiten weichen Bund, den man umschlagen konnte. Wortlos nahm sie ihm die Hose ab und zog sie an. Das zweite war ein Henley-Shirt, nachdem er griff, es war hellgrau und hatte Druckknöpfe, die gut 15cm des Shirts einnahmen. Er hatte es an ihr schon gemocht, als er sie einmal bei Pilates-Übungen überrascht hatte. Es lag eng an ihrem Körper an und schmeichelte ihren Rundungen, von denen er nicht genug bekommen konnte. Am liebsten hätte er die gesamte Zeit seine Hand auf ihrem Bauch liegen, würde sie berühren, anfassen, nie mehr wieder von ihr ablassen. Rick hatte ihr erklärt, nachdem sie sich umgezogen hatte und er sie von hinten umarmte, seinen Kopf auf ihre Schulter gelegt hatte und seine Hände auf ihren Bauch legte, dass er sie vermisst hatte, in den letzten Tagen und er ließ sie wissen, dass er sie spüren wollte. Als sie schließlich seine Lippen an ihrem Hals spürte, verflog jeglicher Widerstand.
So trug sie nun seine Kleidungswahl, als die Türe geöffnet wurde. Hatte sich bisher Kate selbstsicher gefühlt, so verflog dieses Gefühl mit jedem Schritt, den Alexis in Richtung Küche wagte. Sie war gerade dabei gewesen, den Tisch zu decken, als das Mädchen aufschloss, so befand sie sich nicht direkt in der Küche sondern im angrenzenden Essbereich.
Sofort entdeckte Alexis Kate, die dabei war, Servietten zum Besteck zu legen. Sie stand quasi vor ihrem Vater. Rick streckte seinen Arm zur Seite und symbolisierte Kate, zu ihm zu kommen.
„Alexis?", fragte er und man konnte seiner Stimme bereits entnehmen, dass etwas nicht stimmte.
„Ich habe keinen Hunger", erklärte die Rothaarige und wollte in ihr Zimmer gehen.
„Auch wenn du nichts essen möchtest, wirst du dich an den Tisch setzen." Dieses Mal glich es einem Befehlston, dem man sich normalerweise nicht widersetzte.
„Dad …"
„In fünf Minuten ist das Essen fertig und in fünf Minuten sitzt du an diesem Tisch. Keine Widerworte."
Als das Mädchen protestieren in ihr Zimmer gegangen war, zog Rick Kate ganz eng an sich und küsste sie leidenschaftlich. Beide ahnten, dass der Abend nicht leicht werden würde, so suchte Rick nach Unterstützung.
„Das wollte ich den ganzen Tag schon machen", erklärte er und fuhr ihr durch ihr länger werdendes Haar.
„Ich dachte, das hast du bereits, als ich mich umzog." Doch dann drückte er sich gegen sie und Kate konnte das Offensichtliche fühlen, dass er sie nun spüren ließ, er gegen ihren Bauch presste. Ihre Pupillen waren sofort geweitet, ihre Lider schwer und sie sah ihn mit einem Grinsen an.
„Nicht jetzt und nicht hier", sagte sie spielerisch und löste sich von ihm.
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Alexis verweigerte tatsächlich das Essen und saß stumm am Tisch, als die beiden Erwachsenen ihre Spaghetti genossen.
„Hast du uns etwas zu sagen?", fragte Rick schließlich, als er nach dem Essen die Teller zusammenstellte und dabei war, den Tisch abzuräumen.
„Nein", sagte sie schnell und stand auf.
„Bist du dir sicher?"
„Ja."
„Dann kannst du uns sicherlich erklären, wo die Notiz vom Kühlschrank ist, die Kate gestern dort fixiert hatte."
„Euch?!", sagte sie wütend. „Euch brauche ich nichts zu erklären."
„Doch, uns", und das „uns" unterstrich er noch einmal deutlich, als er es aussprach.
„Nein, ich bin ihr keine Rechenschaft schuldig." Das Ihr war so hart über Alexis Lippen gekommen, dass Beckett beinahe Tränen in die Augen stiegen.
„In diesem Fall schon und sonst wirst du dich auch bemühen. Kate ist nicht deine Mutter, allerdings hat sie in den letzten Wochen mehr mit dir unternommen und erlebt, als deine richtige Mutter in deinem bisherigen Leben."
Alexis schäumte vor Wut, hatte sie doch gedacht, ihr Vater würde sich für immer auf ihrer Seite befinden, sich niemals gegen sie stellen – und am wenigsten, wenn es um eine Frau ging. Sie waren doch ein Team, eine Einheit.
„Nur weil du zu dumm warst, einen Gummi überzuziehen, zerstört sie nun unsere Familie", schrie sie Castle an, ihr Gesicht rot vor Wut. „Es war ja bei deinem Lebenswandel auch nur eine Frage der Zeit, bis so eine Misere einmal passieren würde. Mich niemand gefragt, was ich möchte. Mich fragt nie jemand." Sie gab sich nicht einmal recht Zeit, Luft zu holen. „Doch habe ich nicht gedacht, dass sie so dumm sei und sich ohne Kondom auf einen Frauenhelden wie dich einlassen würde. Was du alle an Krankheiten weitergeben könntest …."
Plötzlich durchfuhr ein Knallen die Stille des Raumes.
Das erste Mal in seinem Leben hatte er seine Tochter geschlagen. Mit der flachen Hand ins Gesicht.
Rick hatte nicht gedacht, dass dieser Tag irgendwann einmal kommen würde, lehnte er Gewalt in der Familie doch kompromisslos ab, aber dieses Mal war es ein Reflex gewesen. Ein Reflex. Alexis hatte damit ebenfalls nicht gerechnet, so hielt sie sich die Wange, den Mund offen, Tränen in den Augen.
Kate stand sprachlos neben Rick, starrte ihn an. Sie brachte kein Wort hervor.
Dieses Mal war Alexis zu weit gegangen, er ebenso, das wusste er, aber was sie gesagt hatte, war einfach – er fand gar kein passendes Wort dafür. Zwar war ihm der Schock über seine eigene Tat ins Gesicht geschrieben, doch sobald Alexis entrüstet in ihr Zimmer gelaufen war, schloss er Kate in seine Arme.
„Kate …"
„Sch … sch …", murmelte sie lediglich, als sie nun engumschlungen in der Küche standen.
Rick suchte ihre Wärme, ihre Geborgenheit. Immer, wenn etwas in der Familie unrund lief, hatte er in ihrer Gegenwart Abhilfe gesucht, nur war es damals nicht so offensichtlich gewesen und er hätte es niemals gewagt, sich diese Nähe zu erhoffen, sie zu verlangen, zu fordern.
Kate wusste, ohne dass er es aussprach, dass er noch nie zuvor die Hand gegen seine Tochter erhoben hatte, das war seinem Verhalten abzulesen. Und jetzt lag er in ihren Armen, presste ihre Körper zusammen. Würde es nun immer so sein, wenn sie Probleme mit Alexis hatten?
Als Kind hatte Kate die eine oder andere Ohrfeige bekommen, hatte darunter niemals gelitten, sie musste schon etwas ausgefressen haben, dass ihrer Mutter die Hand auskam. Es war immer nur Johanna gewesen. Sie konnte sich noch an jedes einzelne Ereignis erinnern, nach dem es diese Strafe gegeben hatte.
In ihrem Inneren wusste sie, dass Rick es nicht geplant hatte, so war er nicht. Er gehörte nicht zu diesen Männern, diesen Vätern. Es musste ihn so überrascht haben, dass es ein Reflex gewesen sein musste, anders konnte sie es sich nicht erklären. Affekthandlung.
Neben all dem, fühlte sie, wie sehr Alexis Worte sie verletzt hatten. Bisher war sie mit dem Mädchen immer gut ausgekommen, nie war ihr die Idee bisher gekommen, dass sie Probleme haben könnten. Doch diese Worte, dass sie ihre Familie zerstören würde, diese Worte hatten sie getroffen, wie Messerstiche, auch wenn sie sich dies im Moment nicht anmerken lassen konnte.
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Kapitel Ende
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A/N: Risky, ich weiß, aber so oft ich diese Szene in Gedanken durchgespielt habe, umso deutlicher wurde, dass dieses Szenario möglich ist. Real.
So …. Read & Review … Lesen und Kommentar hinterlassen ;)
