„Mist!" fluche ich, und drehe das Steuerhorn stark nach rechts, um das Abkippen nach links zu stoppen. Doch die Maschine reagiert nur zögerlich, und rüttelt und bockt, als ob ein unsichtbarer Riese sie gepackt hätte.
„Was war das? Ist was explodiert?" höre ich Breck von hinten erschrocken rufen.

Das rote Feuerwarnlicht am Instrumentenbrett direkt vor mir leuchtet grellrot auf, die Feueralarmglocke schrillt. Das hat uns gerade noch gefehlt!
„Das rote Licht im Feuerhebel leuchtet!" warnt mich Finch. Automatisch schwenkt mein Blick nach oben. Der Griff des Hebels von Triebwerk eins leuchtet rot. Ein schneller Blick auf die Triebwerksinstrumente – Nummer eins zeigt instabile Werte.
„Verdammt, wir haben ein Feuer in Triebwerk eins!" rufe ich, und trete ins rechte Seitenruder. Ein Stich fährt durch meinen Knöchel.
„Katniss, hilf mir mal. Rechtes Pedal! Fest drauf treten!"
Ich spüre, wie das Pedal sich bewegt. Ich habe mittlerweile fast vollen Querruderausschlag nach rechts, doch die DC-8 weigert sich weiterhin beharrlich, in den Geradeausflug zurückzukehren.
„Mehr Seitenruder, Katniss! Tritt drauf!"
„Mach ich ja schon!" entgegnet meine Copilotin mit gepresster Stimme.

Endlich reagiert die Maschine. Ich lasse den Querruderausschlag etwas nach.
„Gut, Memory Actions für Triebwerksbrand!" rufe ich, wie ich es gemäß Standard Operating Procedure tun würde, und stelle den Alarm stumm. Nur dass mir hier kein Copilot die Aktionen, die wir auswendig können müssen, vorsagen würde. Ich nehme meine rechte Hand vom Steuer, und greife nach dem Gashebel von Triebwerk eins.
„Schubhebel eins – geschlossen!" sage ich mehr zu mir selbst.
„Treibstoffhebel – aus".
Ich greife zum Feuerhebel von Nummer eins und ziehe ihn bis zum Anschlag nach vorne. Damit sind Treibstoffzufuhr, Triebwerksgenerator und Zapfluft für Triebwerk eins abgeschaltet. Eine kleine Plexiglas-Klappe hinter dem Hebel springt auf, und gibt den Zugriff zum Schalter für das Löschmittel frei. Wenn es ein Treibstoff-Feuer ist, sollte es jetzt theoretisch von selbst ausgehen, weil Brennstoff und Zündquelle fehlen.

Doch das rote Warnlicht leuchtet unermüdlich weiter. Gib ihm noch ein paar Sekunden! Du hast nur zwei Ladungen Löschmittel, also setze sie gut ein!
„Sollte das nicht schön langsam ausgehen? Gibt es keinen Feuerlöscher fürs Triebwerk?" fragt Finch beunruhigt.
Plötzlich stürmt jemand ins Cockpit.
„Leute, das ganze verdammte Triebwerk eins steht in Flammen, und wir ziehen einen riesigen Feuerschweif hinter uns her!" schreit Johanna uns entgegen.
Mein Herz rutscht mir förmlich in die Hose.
„Wie lang? Wo kommt der Schweif raus? Aus dem Triebwerk, oder aus der Tragfläche?"
„Aus dem Pylon", antwortet Johanna.
Mein Herz rutscht noch tiefer. In den Pylon kommt kein Löschmittel, was immer dort brennt, geht entweder von selbst aus, oder brennt uns irgendwann die Tragfläche weg. Aber was soll dort brennen? Der Treibstoffzufluss ist sowohl beim Triebwerk in der fuel control unit als auch beim Feuer-Absperrventil in der Treibstoffzuleitung abgesperrt. Da dürften maximal ein paar letzte Reste brennen.
„Mann, macht was! Sonst ist das Innenquerruder links bald weg!" krächzt eine aufgeregte Stimme aus Boggs Funkgerät.
„Peter, tu etwas!" fordert Finch.
Ich hole tief Luft, und versuche, mir das Treibstoffsystem bildlich vorzustellen. Es gibt noch eine letzte Möglichkeit, die wir versuchen können.

„Boggs, zieh den Tankwahlhebel von Nummer eins auf OFF. Ganz nach unten, soweit er sich bewegen lässt, und schalte die Pumpe in Tank eins aus!" rufe ich laut. Falls es die Treibstoffleitung vom Tank zum Triebwerk vor dem Feuer-Absperrventil erwischt hat, könnte uns das vielleicht retten.
„Feuer lässt nach!" tönt es aus dem Funkgerät. Ein Blick nach oben – das rote Licht brennt noch immer. Ich greife zum Löschmittel-Schalter und drücke ihn nach unten.
„Erste Ladung ausgelöst!"

Jetzt heißt es abwarten.
„Feuer lässt weiter nach, aus Triebwerk quillt weißlicher Staub oder Rauch, keine Flammen im Triebwerksbereich mehr. Feuer am Pylon weiter nachlassend!" meldet die Stimme am Funk.
„Peter, pass auf, die Maschine geht nach links weg!" mahnt mich Katniss. Instinktiv vergrößere ich sofort den Ruderausschlag, oder besser, ich versuche, ihn zu vergrößern. Doch das Steuerhorn setzt mir einen steifen Widerstand entgegen. Mit beiden Händen versuche ich, das Handrad weiter nach rechts zu drehen. Ich spüre, wie Katniss ebenfalls beginnt, Kraft auf das Steuer auszuüben.
„Hilf mal mit, so weit nach rechts, wie es geht!" rufe ich ihr zu.
Das Handrad passiert 90 Grad. Normalerweise sollte das nicht passieren, außer...
„Mist, wir verlieren die Hydraulik!" ruft Boggs entsetzt.
In diesem Moment wird mir klar, dass wir es mit keinem einfachen Triebwerksbrand zu tun haben. Triebwerk eins hat keinerlei Verbindung zur Hydraulik, diese wird von den Triebwerken zwei und drei angetrieben. Nummer eins muss regelrecht explodiert sein, und Splitter wie eine Granate in der Gegend verteilt haben. Uncontained failure. Ein beunruhigender Gedanke überfällt mich. Habe ich von den Triebwerken vielleicht zu viel verlangt, und ist das jetzt die Rache?

Egal. Wir müssen nun schnell handeln.
„Boggs, Hydraulik-Absperrhebel für Quer- und Seitenruder auf aus. Systemwahlhebel gang nach unten!" rufe ich.
„Absperrhebel sind aus, Systemwahlhebel ist unten!"
Jetzt ist die Hydraulikunterstützung völlig weg. Die DC-8 beginnt wieder, nach links abzukippen.
„Ich kann sie nicht halten! Katniss, hilf mir! Mehr Seitenruder! Steuer voll nach rechts!" schreie ich verzweifelt. „Boggs, Triebwerkshydraulik-Pumpen auf Bypass.!"
„Triebwerkshydraulik-Pumpen sind auf Bypass!"
„Wir sind am Anschlag!" ruft mir Katniss zu.
„Stürzen wir jetzt ab? Peter, wir müssen doch was tun können!", ruft Breck panisch.
Ungläubig starre ich das Steuerhorn in meinen Händen an. Das Handrad steht in seiner Endstellung von 135 Grad, wie sie zwecks Vergrößerung der Hebelwirkung nur bei manual Reversion, also der manuellen Betätigung der Querruder durch servo tabs, freigegeben wird, die per Muskelkraft in den Luftstrom ausgeschlagen werden, um das Ruder zu bewegen und die Kraft des Piloten zu verstärken. Ohne die Tabs wäre es unmöglich die Ruder rein durch menschliche Kraft nennenswert zu bewegen.

„Hast du volles Seitenruder rechts?" frage ich Katniss.
„Ja, das Pedal steht an! Peter, sie kippt weiter ab. Was machen wir jetzt?"
„Schub...asymmetrischen Schub! Katniss, nimm den Gashebel von Nummer vier zurück!"
„Wie weit?"
„Leerlauf! Bis ganz nach hinten!" rufe ich Katniss zu. Endlich zeigt die Maschine eine Reaktion. Die Querlage stoppt bei gut 40 Grad nach links. Doch sie will nicht aus der Kurve kommen, und wir beginnen, Höhe zu verlieren. Ich ziehe das Steuer etwas zu mir heran. Die Fahrt beginnt zu fallen. 240 Knoten. Wir dürfen in unserem jetzigen Zustand nicht zu langsam werden, sonst können wir die Maschine ohne Hydraulikunterstützung im Seitenruder mit einem ausgefallenen Triebwerk nicht kontrollieren.
„Jetzt macht doch was" fordert Johanna, die noch immer hinter mir im Mittegang steht. „Wir kurven genau auf die Truppen zu!"
Sie hat Recht. Wir sind mittlerweile auf Nordkurs und drehen weiter Richtung Westen. Wenn wir so weitermachen, fliegen wir den Soldaten praktisch in die Arme. Haben wir am Ende unsere Misere gar ihnen zu verdanken?

„Katniss, nimm Nummer drei auch etwas zurück. Aber langsam!"
Sie greift nach dem Schubhebel.
„Wie weit ungefähr?"
„Bis zur Hälfte, oder so. Mal sehen, wie sie reagiert!"
Die Flugzeugnase wandert ein Stück nach rechts. Ich kann spüren, dass wir schieben, aber dagegen kann ich nichts tun. Wenn wir die Maschine nur so aus der Kurve zwingen können, soll es mir recht sein. Punkte für sauber koordiniertes Fliegen zählen jetzt nicht mehr. Entweder wir beenden diesen beginnenden Spiralsturz, oder es ist vorbei. Game Over.
Zögerlich geht die Querlage etwas zurück. Doch der Preis dafür ist hoch. Die Fahrt ist auf 220 Knoten gefallen. Irgendetwas da draußen muss einen höllischen Luftwiderstand erzeugen. Wahrscheinlich das gleiche, was uns auch so stark nach links zieht.

Ich habe keine Wahl. Ich muss weiter Höhe aufgeben. 1 500 Fuß über Grund. Fast Westkurs. Der Flugplatz taucht im Seitenfenster auf. Ich habe keine Zeit, die Lage näher zu sondieren, doch wenn die Kapitoltruppen irgendwelche Waffen dabei haben, die uns etwas anhaben können, würden wir bald in ihrer Reichweite sein. Und selbst wenn – solange wir weiter Höhe aufgeben müssen, leben wir von geborgter Zeit. Manche behaupten, man kann fühlen, wenn ein schwer getroffenes Flugzeug nicht mehr fliegen will. Und diese DC-8, mit voll ausgeschlagenem Quer- und Seitenruder, ihr Lebensblut, die treffenderweise dunkelrote Hydraulikflüssigkeit aushauchend, in einer Todesspirale nach links, die sich nicht stoppen lässt, sagt mir so klar es eine Maschine kann, dass sie sterben will. Und ich kann nichts dagegen tun.

Oder doch? Einen letzten Trick gibt es noch. Aber er hat einen hohen Preis. Doch im Angesicht des sicheren Todes, wenn wir mit 220 Knoten in Schräglage in die nächste Hügelkuppe rasen, ist es jeder Preis wert, bezahlt zu werden.
„Katniss, fahr das Fahrwerk aus! Sofort!" befehle ich.
Ohne Hydraulik fallen die Fahrwerksbeine hart in ihre Rastpositionen, nachdem die Abdecklappen der Fahrwerksschächte elektrisch entriegelt wurden. Gravity drop. Fahrwerk ausfahren nur mit Hilfe der Schwerkraft. Die drei grünen Kontrolllampen leuchten auf.
„Boggs, sieh nach, ob wir Spoilerdruck bekommen. Wenn sich nichts tut, halte den Schalter für die Spoiler-Hydraulikpumpe in OVERRIDE!" rufe ich.
Das ist es, unser letztes Ass im Ärmel. Die Spoiler unterstützen bei ausgefahrenem Fahrwerk die Querruder, und werden von einem komplett unabhängigen Hydrauliksystem versorgt. Wenn wir Glück haben, ist dieses System noch intakt. Und dann könnten die Spoiler den Unterschied zwischen Absturz und noch einmal davonkommen machen.

„Spoilerdruck kommt!" meldet Boggs.
Langsam reagiert die DC-8. Die Schräglage nimmt ab.
„Ich kann es spüren! Jetzt kriegen wir die Kiste wieder in den Griff!"
„Das wurde ja auch Zeit", merkt Finch sichtlich erleichtert an.
Grad für Grad richtet sich die Maschine auf. Die Reaktion verbessert sich, als der Spoilerdruck seinen Normalwert erreicht. Ich beende die Kurve. Kurs 220 Grad. Fast direkt auf den Flugplatz zu. Ich lasse die DC-8 weiter nach rechts drehen. Nur noch 1 000 Fuß, und wir verlieren weiter Fahrt. Natürlich, die Spoiler erzeugen zusätzlichen Luftwiderstand. Was wir tun, ist einen Widerstand auf der linken Tragfläche durch einen auf der rechten auszugleichen. Dazu noch das ausgefahrene Fahrwerk. Vielleicht haben wir da den Beelzebub mit dem Teufel ausgetrieben.

„Katniss, schieb Gashebel drei wieder parallel mit Nummer zwei. Dann bring Nummer vier langsam nach vorne!"
Der zunehmende Schub beginnt, den Geschwindigkeitsverlust zu stabilisieren. Doch zugleich will die Maschine wieder stärker nach links ziehen. Mit Hilfe der Spoiler kann ich dem Linksdrall begegnen. 210 Knoten. Fahrt stabil. Doch wir sind nur noch in 800 Fuß über Grund. Wir müssen dringend steigen.
„Katniss, noch eine Spur mehr Schub auf Nummer vier!"
Die DC-8 will noch stärker nach links. Ich nähere mich gefährlich dem Endanschlag.
„Stopp, nicht weiter!" weise ich Katniss an. „Jetzt gibt mir etwas mehr auf zwei und drei, so bis 1.9 EPR auf der Anzeige!"
„Okay", bestätigt Katniss knapp, und schiebt die Gashebel nach vorne. Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass sich die EPR-Anzeigen von Nummer zwei und drei bei ungefähr 1.9 einpendeln. Der Schubrechner erlaubt noch etwas mehr, maximal 1.96. Aber das ist Startleistung, die wir nur für fünf Minuten durchgehend abrufen dürfen. Oder sollten.
„Peter, die Hügel!" ruft Breck mir zu. „Fliegen wir nicht etwas tief?"

„Noch etwas mehr auf Nummer zwei und drei!" rufe ich Katniss zu. Endlich, wir steigen. Langsam, mit weniger als 500 Fuß pro Minute, aber wir gewinnen an Höhe. 1 000 Fuß über Grund und steigend.
„Ich habe hier keinen Kabinendruckaufbau!" meldet Boggs.

„Natürlich nicht!" entgegnet Johanna kühl. „Bei dem, was wir an Löchern da hinten in der Kabine haben, ist das kein Wunder! Diese ganzen verdammten Turbinenschaufeln und was weiß ich sonst noch haben sich wie Schrapnelle in die Kabine gebohrt!"
„Prim!" schreit Katniss entsetzt, und lässt das Steuer los. Ohne ihre Hilfe muss ich auf einen Schlag die gesamte Kraft übernehmen. Weil ich nicht darauf gefasst war, reduziert sich die Schräglage nach rechts um ein paar Grad. Ich muss das Handrad mit beiden Händen fest nach rechts drehen, um die vorherige Kurvenlage wiederherzustellen.
„Was ist mit meiner Schwester?" wiederholt Katniss aufgeschreckt. „Ist sie in Ordnung?"
„Das weiß ich nicht. Ich bin gleich zu euch nach vorne gerannt, wegen dem Feuer", entgegnet Johanna.
„Dann sieh verdammt noch mal nach, was mit meiner Schwester lost ist!" Sofort" fordert Katniss.

Johanna wirft Boggs einen fragenden Blick zu.
„Tu, was sie sagt. Sieh nach, ob es Verletzte gibt. Und versuche, den Schaden an der Maschine näher zu beschreiben!" trägt Boggs ihr auf.
„Schau dir vor allem die Querruder an. Die sind verdammt wenig wirkungsvoll, selbst für manual reversion. Sieh nach, ob es irgendwelche Schäden gibt, oder ob etwas die Ruder behindert. Und wird einen Blick auf die servo tabs, ob die in Ordnung sind!" füge ich schnell hinzu.
„Soll ich wiederkommen, oder mich per Funk melden?" fragt Johanna.
„Funk genügt", meint Boggs. „Und jetzt sieh zu, dass du nach hinten kommst!"

Unser Kurs nähert sich wieder dem Sollwert. Nachdem die Soldaten nicht auf uns geschossen haben, und wir und mit 220 Knoten entfernen, gehe ich davon aus, dass wir vorerst in Sicherheit sind. Das rote Feuerwarnlicht ist ebenfalls aus.
„Mir fällt schön langsam mein Bein ab", beschwert sich Katniss. Die Arme steht seit sicher zwei Minuten mit voller Kraft im Seitenruder, das nicht gerade leichtgängig ist. Ich erinnere mich an die Worte meines Simulator-Instruktors bei Fedex, der mich immer davor gewarnt hatte, bei einem Triebwerksausfall die bequeme Variante zu wählen, indem ich statt mit dem Seitenruder mit dem Querruder dagegenhalte. „Dann fliegst du unsauber, und wenn du das direkt nach dem Start machst, bei noch ausgefahrenem Fahrwerk, steigt dir die Kiste mit drei Triebwerken bei schwerer Beladung nicht."

Ich wende mich an Katniss.
„Siehst du den großen runden Drehknopf ganz am hinteren Ende der Mittelkonsole?"
„Ja, hab ihn."
„Dreh ihn im Uhrzeigersinn, also nach rechts. So lange, bis du das Pedal nicht mehr treten musst, um es dort zu halten, wo es gerade ist", weise ich sie an.
Katniss beginnt den Knopf zu drehen. Zögerlich.
„Du kannst ihn ruhig schneller drehen. Du spürst es sowieso!"
„Ja, ich merke es schon, der Druck nimmt ab."
„Noch ein Stück, bis du gar nichts mehr spürst."
Katniss atmet erleichtert auf.
„Jetzt ist es viel besser!"
„Gut, dann nehmen wir uns als nächstes die Querrudertrimmung vor. Das ist der Drehknopf direkt dahinter, der senkrecht angeordnete", weise ich Katniss an. „Drehe ihn ebenfalls nach rechts, und zwar soweit er geht!"
„Ok, bin schon dabei", antwortet Katniss.

Mir ist klar, dass wir die Querruderkräfte nicht völlig wegtrimmen können. Aber jede Erleichterung ist willkommen.
„Knopf ist am Anschlag!" ruft mir Katniss zu.
„Ich merke es. Der Druck ist etwas weniger. Trotzdem, wenn du mir vielleicht ein wenig hilfst…"entgegne ich mit einem sanften Lächeln auf den Lippen.
„Wenn es sonst weiter nichts ist."

„Johanna an Boggs – bereit für Schadensbericht?" krächzt es plötzlich aus Boggs Funkgerät.
„Boggs hört – fahre fort!"
„So wie es aussieht, wurde die gesamte äußere linke Tragflächenspitze inklusive dem linken Außenquerruder abgetrennt. Die Bruchkante verläuft etwa entlang der Linie zwischen Innen- und Außenquerruder. Das Innenquerruder scheint bis auf ein paar Schmorspuren von Triebwerksbrand intakt, es weißt allerdings einige kleinere Eindellungen auf, vermutlich durch herumfliegende Splitter. Das servo tab des linken Innenquerruders scheint weitgehend unbeschädigt, soweit wir das beurteilen können", berichtet Johanna in sachlichem Tonfall.

„Frag sie, was mit Prim ist!" ruft Katniss ungeduldig dazwischen.
Doch bevor Boggs Johanna etwas fragen kann, setzt sie ihren Schadensbericht fort.
„Triebwerk eins ist vollkommen zerstört. Die Verkleidung wurde von Trümmern durchschlagen, das ist ein einziges Chaos. Ein Wunder, dass der Klumpen überhaupt noch dranhängt. Wir haben ein Bruchstück eines Turbinenlaufrads in der Kabine gefunden, und einige weitere Teile, die wir nicht zuordnen können. Sergeant Miller meint, dass die Triebwerksexplosion nicht die eigentliche Ursache unserer Probleme ist. Warten Sie, ich gebe Ihnen Miller!"

„Was ist mit Prim!" wiederholt Katniss panisch. Sie muss sich förmlich dazu zwingen, nicht aufzuspringen und nach hinten zu laufen.
„Hier Sergeant Miller!", krächzt es aus dem Funkgerät.
„Sergeant Miller, bevor sie ihren Schadensbericht fortsetzen, gibt es Verletzte?"
„Fragen Sie nach Prim!" ruft Katniss dazwischen.
„Ähm, und insbesondere wüsste hier gerne jemand, wie es der kleinen Primrose Everdeen geht", fügt Boggs hinzu.
„Verstanden. Primrose Everdeen geht es soweit gut, sie ist natürlich ein wenig erschrocken durch den Knall und das Feuer, aber körperlich ist sie unversehrt. Bis auf ein paar oberflächliche Verbrennungen aus dem Hovercraft, einem aufgeschlagenen Knie und möglicherweise einer leichten Lungenreizung durch den Rauch. Sonst haben wir hier zwei Verletzte, einen Soldaten mit einer Fleischwunde am Arm, und eine Frau aus Distrikt 12, mit einem Splitter im Oberschenkel. Scheint wohl die vom Bürgermeister zu sein. Beide Fälle sind unkritisch, da hatten wir Glück."

Katniss atmet erleichtert auf.
„Was meinte diese Johanna vorhin mit diesem ‚die Explosion ist nicht die eigentliche Ursache unserer Probleme?" fragt Fich unvermittelt. Trotz ihrer Verletzung bemüht sie sich nach wie vor, das Wesentliche im Blick zu behalten.
„Miller, und jetzt schildern sie uns ihre Theorie bezüglich der Ursache unserer Schwierigkeiten", fordert Boggs den Sergeant per Funk auf.
„Dazu komme ich besser zu Ihnen ins Cockpit. Da ist das einfacher zu erklären", meint Miller.
„In Ordnung", bestätigt Boggs.

Ich werfe einen Blick auf den Höhenmesser. 4 500 Fuß, entsprechend rund 2 500 Fuß über Grund. Meine Arme beginnen allmählich zu schmerzen. Die Maschine war auf fast 250 Knoten getrimmt, weshalb ich bei 220 Knoten kräftig am Steuerhorn ziehen muss. Die normale hydraulische Trimmung funktioniert nicht mehr. Nur noch die elektrische steht zur Verfügung, und die kann ich nicht vom Steuerhorn aus, sondern nur mit zwei Schaltern hinter den Gashebeln bedienen. Dazu muss ich eine Hand vom Steuer nehmen.
„Katniss, ich muss mal kurz die Höhenflosse trimme. Dazu nehme ich eine Hand vom Steuer. Du musst darauf achten, dass dir dass Handrad nicht entgleitet!"
„Ok, ich halte es, so fest ich kann!" entgegnet Katniss.
Schnell greife ich nach den elektrischen Trimmschaltern. Der Elektromotor zur Verstellung der Höhenflosse läuft langsam, nur etwa 1/20 Grad pro Sekunde. Doch nach ein paar Sekunden zeigt sich eine Wirkung.
„So, das hätten wir", verkünde ich, und lege meine rechte Hand wieder auf das Steuerhorn.

Zeit, den Rest der Checkliste abzuarbeiten.
„Boggs, ich will, dass du den CSD-Disconnect für Triebwerk ein bestätigst. Der Schalter hat eine rote Schutzabdeckung, und ist unterhalb des Kabinendruck-Kontrollhebels angebracht", rufe ich nach hinten.
„Ok, ich hab den Schalter. Generator drive disconnect, Nummer eins, Sicherungsklappe weg. Bestätige!"
„Ich kann mich nicht umdrehen! Breck, sieh du zur Seite, ob Boggs wirklich den ganz linken Schalter von denen mit den roten Schutzkappen hat!"
„Ja, hat er", bestätigt Breck knapp.
„Boggs, drücke den Schalter ungefähr drei Sekunden nach oben!" befehle ich.
„Ist erledigt."
„Gut, dann teste die Feuerwarnung!"
Die Alarmglocke schrillt kurz auf.
„Was ist das? Brennt schon wieder etwas?" fragt Breck alarmiert.
„Nein, das war nur ein Test der Feuerwarnung", versuche ich ihn zu beruhigen. „Boggs, du hast nicht zufällig ein QRH für die DC-8 auf deinem Holo, für die Engine Securing Items? Ich will die nicht unbedingt auswendig machen müssen!"

Ein QRH ist ein Schnellreferenz-Handbuch, welches Checklisten und Anweisungen für alle erdenklichen Notfälle beinhaltet.
„Peter, was denkst du von mir? Natürlich habe ich eines da!"
„Na dann, schlag nach bei Engine Fire, Severe Damage or Separation, Engine Securing Items!" fordere ich ihn auf.

Sergeant Miller betritt das Cockpit.
„Störe ich?"
„Gib uns noch einen Moment, wir müssen das Triebwerk noch sichern", entgegnet Boggs, während er auf seinem Holo die entsprechende Handbuchseite aufruft.
„Also, Feuerwarnung haben wir schon getestet…Elektrische Last…" – Boggs wirft einen kurzen Kontrollblick auf sein Panel – „ist ok, Niederdruck-Pneumatikschalter auf aus…ist soeben erledigt, Treibstoffmanagement und Pumpen…habe ich im Blick, Ölkühler-Klappe schließen…ok, dann mach ich das mal, Hydraulikpumpe betrifft uns nicht, da kein Innenbord-Triebwerk, Ignition Override ist aus? Peter?"
Ich nicke Boggs zu.
„Ist aus."
„Dann bleibt nur noch die Sicherung für die Zündung von Triebwerk eins."
„Die müsste am Battery Bus sein!" rufe ich Boggs zu.
„Richtig. Ich hab sie. Ist gezogen. Checkliste beendet!"

Boggs schaltet die Projektion aus.
„Und jetzt, Sergeant Miller, schildern Sie mal ihre Theorie!"
Miller nickt und räuspert sich.
„Also gut. Den Schaden hat Johanna ja bereits geschildert. Das Merkwürdigste ist, dass es ausgerechnet nur die Außentragfläche abgesprengt hat, wo doch das Triebwerk viel weiter innen liegt. Außerdem sind die Bruchkanten derart geformt, dass es eher danach aussieht, als ob die äußere Tragfläche selbst explodiert wäre. Noch außerhalb des alternate tanks eins. Ich kann es mir nicht anders erklären, als dass dort draußen ein Sprengkörper detoniert ist, und die Trümmerwolke dann das Triebwerk derart schlagartig zerstört hat, dass es in seine Einzelteile zerlegt wurde" führt Miller mit ruhiger Stimme aus.

„Das bedeutet, das war ein absichtlicher Akt?" fragt Boggs.
„War es das Kapitol?" hakt Finch nach. „War das eine Bombe, oder wollten die uns abschießen?"
„Wer es war, kann ich nicht sagen. Aber nachdem wir beim Start direkt über die Soldaten geflogen sind, und nachdem ein ältere Frau aus Distrikt 12, die auf der linken Seite der Maschine am Fenster saß, eine Art Schatten mit Feuerschweif gesehen haben will, gehe ich davon aus, dass es wohl eine kleine Boden-Luft-Rakete aus einem MANPAD war. Hat vermutlich das Einser-Triebwerk anvisiert, und dann doch die äußere Tragfläche erwischt", meint Sergeant Miller.
Wie bei diesem Airbus A-300 der DHL in Bagdad.
„Das kann gut sein", pflichte ich Miller bei, „so einen Fall gab es mal mit einem Airbus. Hat denen das Querruder weggerissen und einen Teil der Tragflächenhinterkante, und die gesamte Hydraulik ist ausgelaufen. Konnten nur noch mit den Triebwerken steuern. Das war so…"
„Peter, wenn wir eine Geschichtslektion brauchen, können wir in Distrikt 13 in der Enzyklopädie nachschlagen", unterbricht mich Boggs. Hat wohl Angst, dass ich etwas über meine Herkunft ausplaudere, wenn ich hier mit Vorfällen aus dem 21. Jahrhundert um mich herumzuschleudern beginne.

„Wie auch immer, ich bin froh, dass diese Kiste hier noch manual reversion hat. Auch wenn ich nach der Landung vermutlich den schlimmsten Muskelkater aller Zeiten haben sollte", merke ich lächelnd an.
„Jetzt übertreib nicht schon wieder so, Peter!" tadelt mich Katniss. „Was soll ich sagen? Meine Verbrennungen werden mich wochenlang quälen, und du jammerst wegen einem oder zwei Tagen Muskelkater?"
„Du hast ja auch ein abnormal niedriges Schmerzempfinden!" entgegne ich. „Sowas ist erblich, da kann ich nichts dafür! Beschwer dich bei meiner Mutter!"
„Dazu müssen wir es aber erstmal nach Distrikt 13 schaffen."
„Das sollte machbar sein", erwidere ich, obwohl ich tief in mir drin bereits Zweifel hege, ob dem wirklich so ist.
„Du glaubst also, dass wir es schaffen?" fragt Breck hoffnungsvoll.
„Warum nicht? Solange ein Flugzeug fliegt und sich kontrollieren lässt, ist nichts verloren!" entgegne ich.
„Ich geh dann mal wieder nach hinten, nach den Verletzten schauen", meint Sergeant Miller. „Ach ja, falls Johanna es vergessen hat, wir haben Löcher in der Druckkabine, also bleibt unter 10 000 Fuß, wenn es geht!"
„Ich bezweifle ja, dass die Kiste 10 000 Fuß überhaupt schafft, mit dem Luftwiderstand. Aber ich werde darauf achtgegen!", entgegne ich, während Miller sich auf den Weg nach hinten macht.

Pling!
Die FMC-Message-Lampe leuchtet auf. Wer schickt da schon wieder Nachrichten? Der Blick auf das Display verheißt nichts Gutes. INSUFFICIENT FUEL. Nicht genug Treibstoff. Ungläubig rufe ich die PROGRESS Seite auf. Distanz nach Distrikt 13 noch 263 NM. Resttreibstoff bei Ankunft 0.0 – am Wegpunkt für den Übergang in den Landeanflug ebenfalls null.
„So eine verdammte Scheiße!" fluche ich, und schlage mit Faust auf die Mittelkonsole. Am liebsten hätte ich das Display zertrümmert, doch meine verbundenen Hände zeigen mir, dass ich für heute genug selbstzerstörerische Aktionen in Verbindung mit Glas hinter mir habe.
„Peter, das nächste Mal warne mich gefälligst, vor, bevor du die Hand vom Steuer nimmst", schimpft mich Katniss. „Mir wäre es fast aus der Hand gerutscht, du Idiot!"
„Was machen wir jetzt?" fragt Finch.

Gute Frage.
„Bist du dir sicher, dass die Angabe stimmt?" fragt Boggs ruhig. „Vielleicht hat der Computer nur das ausgefahrene Fahrwerk nicht richtig mit einberechnet!"
Ich schüttle energisch meinen Kopf.
„Das kann nicht sein! Und selbst wenn, dann würde er eher fälschlicher Weise zu viel statt zu wenig Resttreibstoff anzeigen! Wir sind gef…wir sind im Arsch, und zwar gewaltig!"
„Können wir nicht woanders hinfliegen? Wohin es nicht so weit ist?" fragt Breck vorsichtig.
„Und wo sollte das sein? Distrikt 12, wo sie Soldaten schon wie die Aasgeier auf uns warten? Oder diesen ominösen Flugplatz irgendwo nordwestlich von Distrikt 12, den wir von unserer jetzigen Position aus wohl genauso wenig erreichen können wie Distrikt 13. Wo vermutlich schon zig Friedenswächter nur darauf warten, uns alle in die Mangel zu nehmen, sofern wir die Landung überleben?" entgegne ich gereizt. Ich hasse es einfach, die Kontrolle zu verlieren!

„Ein Flugplatz in Feindeshand kommt sowieso nicht in Frage", stellt Boggs klar. „Hier sind genug Personen an Bord, die viel zu viel wissen, um sie in die Hände des Kapitols fallen zu lassen. Du, Peter, inklusive. Dir ist doch klar, was das bedeutet?"
Ich nicke schweigend. Einen Giftpille oder einen Kugel in den Kopf, wie in einem dieser klassischen US-Agentenfilme, wenn ein Mitwisser aus dem Weg muss.
„Daran hätte ich auch nicht ernsthaft gedacht", entgegne ich. „Aber was sollen wir sonst tun? Die Mühle hier irgendwo in die Pampa setzen? Das ist keine Piper Cub, die man mal eben auf dem nächst besten freien Feld runterbringen kann!"

„Peter hat Recht", pflichtet Finch mir bei. „Ich bin zwar keine echte Expertin, aber wenn wir mit der Maschine irgendwo im Gelände zu landen versuchen, zerreißt es sie in tausend Stücke. Das hält die unmöglich aus!"

„Ich meine auch nicht irgendwo in der Pampa, wie Peter das so schön sagt", erwidert Boggs kühl, „sondern an einem dafür geeigneten Notlandeplatz! Peter, sagt dir der Lake Ontario etwas?"
„Natürlich sagt mir der Lake Ontario etwas! Aber hast du eine Ahnung, wie kalt der um die Jahreszeit ist? Wir haben Jänner, da hat der doch vielleicht ein oder zwei Grad! Selbst wenn wir die Wasserung überleben, erfrieren wir doch in wenigen Minuten. Schon mal Titanic gesehen?"
„Titanic?" fragt Katniss.
„Ein Film, der auf einem schlimmen Schiffsunglück im Nordatlantik basiert", erkläre ich. Erinnerungen an ein Bad in einem eiskalten Teich nach einem Saunagang werden wach. Keine Minute lang habe ich es ausgehalten, und auch das nur, weil ich mit einem Kumpel eine blödsinnige Wette abgeschlossen habe. Die Kälte kriecht einem förmlich in die Knochen, die schon nach kurzer Zeit zu schmerzen beginnen, und ein ungutes Prickeln breitet sich auf der Haut aus. Meine Beine waren nachher so taub, dass ich Mühe hatte, die 50 oder 60 Meter vom Teich zum Warmwasserbecken zu gehen, und selbst dieses Warmwasser fühlte sich nicht gleich warn an. Allein die Vorstellung, minutenlang in diesem Eiswasser schwimmen zu müssen, um danach mit nassen Kleidern frierend am Strand zu sitzen, jagt mir eine Gänsehaut über den Rücken. Wie lange überlebt man so etwas noch mal? Eine halbe Stunde? Eine Stunde?

„Peter, jetzt halte uns doch nicht für ganz so blöd!" entgegnet Boggs tadelnd. „Natürlich haben wir den See als mögliche Notlandefläche für euch schon im Vorfeld auserkoren, falls euer Sprit nicht bis nach Distrikt 13 reichen sollte. Unsere letzte Drohnenerkundung vom Vortag zeigt, dass der See weitgehend zugefroren ist, und dass es am Ostufer eine rund fünf bis sieben Meilen lange Strecke gibt, wo das Eis mit hoher Wahrscheinlichkeit dick genug ist, um das Gewicht einer DC-8 zu tragen. Außerdem scheint das Eis dort relativ eben zu sein, und die Schneedecke ist dünn und locker. Es könnte etwas rumpeln, aber wenn wir Glück haben, können wir die Maschine von dort sogar wieder ausfliegen!"

Ich nicke Boggs anerkennend zu.
„Da hat sich mal einer was überlegt. Aber wie geht es dann weiter?"
„Ich werde beim Kommando ein Hovercraft anfordern, das uns abholt. Die Flugzeit von Distrikt 13 wird rund 45 Minuten betragen. Wir werden bei, wie schnell fliegen wir gerade?"
„Gute 220 Knoten IAS, Groundspeed 231 Knoten", antworte ich.
„Dann brauchen wir wohl so eine gute halbe Stunde. Dreh einstweilen Richtung Nordnordost, so 25 bis 30 Grad. Ich gebe dir dann die Koordinaten ein!"
„Also gut. Kurs 025 Grad", bestätige ich, und wende mich an Katniss.
„Lass das Steuerhorn jetzt zusammen mit mir etwas nach, bis wir leicht nach links drehen. Wir fliegen eine flache Kurve, verstanden?"
Katniss nickt.
„Dann los."

Mir ist klar, dass ich äußerst vorsichtig in die Kurve gehen muss. Wenn ich unbegrenzt Zeit und Treibstoff hätte, würde ich einfach eine Rechtskurve fliegen, um in einem Dreiviertelkreis auf den richtigen Kurs zu kommen, und nicht über das ausgefallene Triebwerk und die beschädigte Fläche kurven zu müssen. Doch ich habe das Gefühl, dass trotz des Risikos der direkte Weg der bessere ist. Mit nur zehn bis fünfzehn Grad Schräglage drehe ich Richtung Nordosten ab. Aus dem Augenwinkel nehme ich wahr, wie Boggs sich von seinem Platz erhebt und sich über das FMC beugt, um die neuen Koordinaten einzugeben.
„Nord 43 Grad, 19 komma 4 Minuten, West 77 Grad, 45 komma 8 Minuten" höre ich ihn halblaut murmeln, während er die Zahlen von seinem Holo in den Computer eingibt.
„So, Peter, das Ziel ist drin, folge einfach dem Navigationsdisplay", sagt Boggs zum mir, und klopft mir aufmuntern auf die Schulter. „Zusammen bringen wir das schon hin. Und so eine Landung am Eis hat doch was, nicht?"
„Eine Betonpiste wäre mir lieber. Aber wenn eine Korean 707 das geschafft hat, können wir es auch", entgegne ich augenzwinkernd.

Der Höhenmesser zeigt 7 000 Fuß. Hoch genug, um in keine Berge zu rasen. Höher als 10 000 Fuß können wir sowieso nicht fliegen, mit defekter Druckkabine, also besteht kein Grund, noch schnell zu steigen.
„Katniss, nimm die Gashebel Nummer zwei und drei etwas zurück. Probier es mit 1.83 EPR!"
„Ist gut!"
Ich spüre das Nachlassen er Schubkraft. Der Steigflug stagniert beinahe, aber wir gewinnen noch langsam an Höhe.
„Soll ich auf Nummer vier etwas mehr Gas geben?" fragt Katniss.
„Nein. Wir sind mit der Trimmung fürs Seitenruder praktisch am Anschlag, und wir scheinen etwas Sideslip nach rechts zu brauchen, damit wir mit dem Querruder auskommen. Also kurz gesagt, nein!"

Ich werfe einen kurzen Blick aufs FMC. 125 NM bis zum Ontariosee. Knapp 33 Minuten Flugzeit bei der aktuellen Geschwindigkeit. Kurs 020 Grad.
Finch räuspert sich verhalten.
„Peter…mir..mir geht es gar nicht gut. Kann jetzt vielleicht der Sani kommen?"
„Ich ruf ihn", meint Boggs, und nimmt sein Funkgerät zur Hand.
„Boggs an alle. Schickt mir bitte einen Sani nach vorne, am besten Jack oder Harper. Der Tributin aus Fünf mit der Kopfverletzung geht es nicht gut. Rasch!"
„Danke!" murmelt Finch kraftlos.
„Bitte halt durch", fleht Breck sie an. „Jetzt sind wir so weit gekommen, das schaffst du das auch noch!"
„Ich werde mich bemühen", entgegnet sie müde.
„Und ich bestelle einstweilen unser Taxi nach Distrikt 13", wirft Boggs ein, und beginnt, auf seinem Holo herum zu tippen.


Anmerkungen:

1) Für Interessierte habe ich diesmal ein wenig Bonusmaterial aus dem Handbuch:

Checkliste Triebwerksbrand Seite 1: 118085645609482887716/DC8?authkey=Gv1sRgCP-jlb20ze7cfQ#5999723553004227218

Checkliste Triebwerksbrand Seite 2:

118085645609482887716/DC8?authkey=Gv1sRgCP-jlb20ze7cfQ#5999723556318501522

Checkliste für Hydraulik-Druckverlust: 118085645609482887716/DC8?authkey=Gv1sRgCP-jlb20ze7cfQ#5999722602780038418

2) Es gibt in der DC-8 drei Möglichkeiten, den Treibstoff zu den Brennkammer eines Triebwerks abzusperren. Die erste ist über die fuel control unit im Triebwerk selbst, das ist so, als würde man bei einem Auto die Einspritzung abstellen. Dann geht der Motor bzw. das Triebwerk aus. Die zweite Möglichkeit ist das „fire shutoff valve", ein Ventil in der Treibstoffleitung zum Triebwerk. Das wäre, als würde man im Motorraum eines Autos in der Treibstoffleitung zur Einspritzpumpe einen Absperrhahn zudrehen. Dann gibt es noch das „tank selector valve" welches noch ein Stück näher Richtung Tank sitzt. Stellt man das auf aus, kann auch zwischen dem „tank selector valve" und dem „fire shutoff valve" kein Treibstoff mehr fließen.

Bei dem von mir beschriebenen Leck war das die Abhilfe. Zur Illustration siehe diese Grafik: 118085645609482887716/DC8?authkey=Gv1sRgCP-jlb20ze7cfQ#5999724417054126930

3) Wie aus den vorherigen Kapiteln eventuell schon bekannt, funktionieren bei der DC-8 die „roll spoilers" nur mit ausgefahrenem Fahrwerk. Sie unterstützen die Querruder, indem die einseitig auf einer Tragfläche den Auftrieb reduzieren. Das geht natürlich mit einem erhöhten Luftwiderstand einher.

4) Bei einem Triebwerksausfall muss der asymmetrische Schub durch einen entsprechenden Seitenruderausschlag kompensiert werden. Da das Seitenruder bei der DC-8 relativ streng zu bedienen geht, machen manche Piloten den Fehler, stattdessen einfach mit verstärktem Querrudereinsatz die Maschine auf Kurs zu halten. Das geht prinzipiell, ist aber unsauber, weil der asymmetrische Schub die Flugzeugnase immer noch aus der Anströmrichtung drückt, und man dadurch im „Side-Slip" fliegt. Außerdem schlagen dabei bei ausgefahrenem Fahrwerk einseitig die Spoiler zur Unterstützung der Querruder aus, was den Luftwiderstand nochmals erhöht. Laut Clyde E. Roach (DC-8 Pilot, Verfasser des Buches „Hedgehopping Aviation") kann eine schwer beladene DC-8, wenn man das direkt nach dem Start macht, dadurch in den Sinkflug gezwungen werden.

Im hier beschriebenen Fall muss allerdings ein leicht übertriebener Seitenruderausschlag gegen das ausgefallene Triebwerk benutzt werden, weil die Querruderwirkung durch den erlittenen Schaden ungenügend ist, und man sich nur durch das vom Seitenruder erzeugte Schiebe-Roll-Moment helfen kann (stellt man ein Flugzeug mit dem Seitenruder bewusst quer zur Flugrichtung, wird durch die unterschiedliche Anströmung der Tragflächen auch ein Rollmoment (Kippen zur Seite) erzeugt. Durch all diese Maßnahmen ergibt sich eine sehr geringe Steigrate, zudem darf man mit ausgefahrenem Fahrwerk nicht schneller als 230 Knoten IAS (angezeigte Geschwindigkeit) fliegen.

5) Der (vermutete) Angriff ist angelehnt an den Vorfall mit Flug 902 der Korean Airlines, eine Boeing 707, die wegen eines Navigationsfehlers in den russischen Luftraum eingedrungen ist und dort von einer Luft-Luft-Rakete beschossen wurde. Ein Teil der Tragfläche und ein Triebwerk wurden zerstört. Siehe auch hier: /2008/06/03/the-korean-boeing/

Die Maschine landete auf einem zugefrorenen See. Dieser Vorfall ist nicht zu verwechseln mit Korean Flug 007, einer 747, die, ebenfalls von den Russen nach Eindringen in ihren Luftraum beschossen wurde und in weiterer Folge ins Meer stürzte.