Lover – Teil IX
Jim hatte nur ein kurzes Nicken für den ihm nur flüchtig vom Sehen bekannten Ensign an den Kontrollen übrig, als er erst die Transporterplattform und dann, Spock an seiner Seite, den Transporterraum auf dem Weg zur Brücke verließ.
Sie schwiegen den ganzen Weg über und zum ersten Mal war dieses Schweigen angespannt und ungemütlich, voll von Beinahe-Taten, unausgesprochenen Worten, Unbehaglichkeit und Verlegenheit. Es schien, als würde sich das, was auf New Vulcan passiert war – oder besser gesagt nicht passiert war – zwischen sie schieben wie eine unsichtbare Wand und er hasste jede Sekunde davon.
Er hielt den Blick stur geradeaus, weil er sich nicht traute, Spock anzusehen aus Angst, nur dessen unnahbare Maske zu sehen, während er seine eigenen Hände noch immer zu Fäusten geballt in den Hosentaschen seiner Jeans hielt, weil er sie immer noch nicht dazu hatte bringen können, nicht mehr zu zittern. Er war völlig durch den Wind und musste sich doch um Haltung bemühen. Es war ihm noch nie so schwer gefallen.
Und so war er froh, als er vor Spock die Brücke betrat.
Er hielt sich nicht mit Höflichkeitsfloskeln auf.
„Legen Sie mir das Gespräch in meinen Bereitschaftsraum, Lieutenant Uhura."
Und er zögerte nur Bruchteile von Sekunden, bevor er sich an Spock wandte, ohne diesem direkt ins Gesicht zu sehen.
„Sie kommen am besten mit mir, Commander. Wenn die Angelegenheit so dringend ist, wie Admiral Pike sagt, wird es wohl das Beste sein, dass Sie bei diesem Gespräch dabei sind."
Er wartete gar nicht auf Spocks Antwort, sondern eilte in seinen der Brücke angrenzenden Bereitschaftsraum, ließ sich in den Sessel an seinem Schreibtisch fallen, während sich Spock neben ihn stellte. Obwohl er sich Spocks Nähe schmerzlich bewusst war, zwang er sich dazu, jeden unprofessionellen Gedanken für den Moment zu vergessen und betätigte die bereits blinkende Kommunikationskonsole. Im selben Augenblick erschien Pikes Gesicht auf dem kleinen Bildschirm.
„Chris."
„Guten Abend, Jim. Und Ihnen auch, Mr. Spock."
„Ihnen auch einen guten Abend, Admiral."
Er konnte die Hitze spüren, die von Spocks Körper ausging und die Vibration von Spocks Stimme so dicht an seinem Ohr war beinahe mehr als er ertragen konnte, aber er riss sich zusammen.
„Was gibt es so Wichtiges, Chris?"
Das Gesicht seines väterlichen Freundes war ernst.
„Wir haben die undichte Stelle in der Admiralität ausgemacht."
Sofort lehnte er sich, alles andere für den Moment vergessend, interessiert vor.
„Wer ist es?"
„Sein Name ist Arne Darvin."
Der Name kam ihm vollkommen unbekannt vor. Ein kurzer Seitenblick auf Spocks regloses Gesicht ließ ihn vermuten, dass es Spock wohl genauso ging.
„Müsste ich diesen Darvin kennen?"
„Eher nicht, Jim. Er ist einer von Admiral Cormacks Assistenten. Mir war er bis vor wenigen Stunden auch noch gänzlich unbekannt."
„Wie hat sich Mr. Darvin verdächtig gemacht, Admiral?"
Wieder diese Stimme viel zu nahe an seinem Ohr. Wieder schaffte er es nur mit Mühe, ein leichtes Zittern zu unterdrücken und sich stattdessen auf Pikes Antwort zu konzentrieren.
„Nachdem nach unserer letzten Unterredung auf der Challenger der Verdacht aufkam, dass ein oder mehrere Verräter bereits die Sternenflotte infiltriert haben könnten, wurden verstärkte Sicherheitsvorkehrungen und Kontrollen eingerichtet, die zunächst keinerlei Ergebnisse erbracht hatten. Letztlich war es ein Zufall, mit dem wir Arne Darvin überführen konnten."
„Was für ein Zufall?"
„Admiral Cormacks Enkeltochter kam heute Morgen zu Besuch und hatte ihren Tribble dabei. Als Darvin Admiral Cormacks Büro betrat, fing der Tribble an zu fauchen. Der Admiral reagierte sofort und ließ Darvin festnehmen."
Ungläubig starrte er Pike an.
„Wieso sollte das Fauchen eines Tribbles ausreichen, um Darvin wegen Sabotage festnehmen zu lassen?"
„Der Anklagepunkt lautet weniger Sabotage, als Spionage, Jim."
Er schüttelte den Kopf.
„Ich begreife es immer noch nicht."
„Bei Mr. Darvin handelt es sich offensichtlich um einen klingonischen Spion, Captain."
Sein Kopf schnellte zu Spock herum.
„Woraus schließen Sie das, Commander?"
„Tribbles hegen eine bekannte Antipathie gegen Klingonen. Ihr charakteristisches Gurren, das von vielen Spezies als angenehm empfunden wird, verwandelt sich in unmittelbarer Nähe zu einem Klingonen in ein Fauchen. Da der Tribble bei Eintritt Mr. Darvins in das Büro des Admirals anfing zu fauchen, muss es sich bei Mr. Darvin logischerweise um einen Klingonen handeln."
Er wandte sich Pike zu.
„Wie hat es ein Klingone geschafft, unerkannt Assistent eines Admirals zu werden?"
„Darvins Aussehen wurde operativ verändert. Er sieht aus wie ein Mensch und konnte sich mit gefälschten Abschlüssen und Empfehlungen als Assistent etablieren."
„Wie hat Mr. Darvin operiert, Admiral?"
„Wir haben Darvin befragt, Commander, dieser weigert sich allerdings zu kooperieren. Wir konnten allerdings aus den Kommunikationsprotokollen einige Informationen gewinnen, insbesondere die Namen einiger Kontaktpersonen innerhalb und außerhalb der Admiralität, die Darvin wohl bestochen hat, um an weitere Informationen zu gelangen, die er dann zweifellos nach Kronos weiter geleitet hat. Diese Kontaktpersonen konnten wir inzwischen ebenfalls festnehmen und werden zur Stunde verhört."
„Das ist ja alles interessant, Chris, erklärt aber noch nicht, warum Sie mich so dringend sprechen wollten."
Er sah Pike mit ernstem Gesicht nicken.
„Eines der Kommunikationsprotokolle, das wir inzwischen teilweise entschlüsseln konnten, weist darauf hin, dass Darvin die momentane Position der Enterprise weitergegeben hat. Empfänger dieser Nachricht war höchstwahrscheinlich ein klingonisches Kriegsschiff, das sich bereits auf Föderationsgebiet befindet. Wir konnten die Worte ‚Morag', ‚Romulaner', ‚Spock', 'New Vulcan' sowie ‚zerstören' ausmachen."
Er fühlte, wie sich in seinem Magen ein Gefühl böser Vorahnung breit machen wollte.
„Sie glauben, dass Nero auf dem Weg hierher ist, um zu beenden, was er begonnen hat?"
Pike nickte.
„Es besteht die hohe Wahrscheinlichkeit, dass Nero auf dem Weg nach New Vulcan ist, um die Enterprise zu zerstören. Und wir müssen zumindest in Betracht ziehen, dass Nero bei dieser Gelegenheit auch die vulkanische Kolonie auf New Vulcan angreifen wird."
Er konnte spüren, wie sich Spock neben ihm versteifte, auch wenn er sicher war, dass dem Gesicht des Halbvulkaniers die Anspannung nicht anzumerken war. Er sah aber nicht zu Spock, sondern hielt den Blick weiterhin auf den Monitor gerichtet.
„Gibt es eine Vermutung, wann Nero hier auftauchen wird?"
Pike schüttelte den Kopf.
„Wir wissen es nicht. Wir konnten die Position des Empfängers der verschlüsselten Nachricht noch nicht ermitteln. Nach allem was wir wissen können es noch Tage, vielleicht aber auch nur noch Stunden sein."
„Wir sind noch nicht so weit, um uns mit Nero messen zu können, Chris. Die Arbeiten an unseren taktischen Systemen haben gerade erst begonnen. Bei unserer letzten Begegnung mit Nero wurde die Enterprise beinahe zerstört. Wir sind das einzige Sternenflottenschiff in der Umlaufbahn von New Vulcan und das einzige Bollwerk zwischen der vulkanischen Kolonie und Nero. Wir brauchen hier dringend Verstärkung."
„Ich weiß, Jim. Wir haben der USS Venture und der USS Odyssey, die New Vulcan am nächsten sind,bereits Befehl gegeben, sich unverzüglich mit Maximum-Warp nach New Vulcan zu begeben. Allerdings wird die USS Odyssey etwa 72 Stunden, die USS Venture sogar etwa 80 Stunden brauchen, bis sie New Vulcan erreicht haben. Wir müssen hoffen, dass sie rechtzeitig eintreffen werden."
Niemand musste aussprechen, dass dies mit einiger Wahrscheinlichkeit zu spät sein würde.
Einige Momente lang überlegte er.
Wieder war er mit seinem Schiff in eine Lage geraten, die nicht nur im höchsten Maße gefährlich, sondern beinahe aussichtslos schien. Und trotzdem würde er nicht zulassen, dass diese Tatsache ihn selbst oder die Crew lähmen würde. Sie wussten, was auf sie zukommen würde und sie konnten sich dieses Mal vorbereiten. Außerdem würden sie nicht nur für sich kämpfen, sondern auch für die verbliebenen 10.000 Vulkanier auf dem Planeten. Er glaubte nicht an ausweglose Situationen. Er vertraute darauf, dass ihnen etwas einfallen würde.
„Haben Sie noch etwas für uns, Chris? Irgendetwas, das uns einen taktischen Vorteil geben könnte?"
„Es gibt da tatsächlich etwas."
Sofort wurde er hellhörig.
„Schießen Sie los, Chris."
„Die Techniker an Bord der USS Challenger haben das klingonische Shuttle auseinander genommen, das Sie beide zur Flucht benutzt hatten. Sie konnten hierbei unter anderem die Frequenzen der Schilde und der Tarnvorrichtung des Shuttles extrahieren. Sie glauben, dass es sich hierbei technisch bedingt um dieselben Frequenzen handelt, die Neros Bird of Prey benutzt. Des Weiteren konnten Daten zu allen wichtigen Systemen des Shuttles, insbesondere die Waffensysteme gewonnen werden. Wir schicken Ihnen die Daten durch. Mithilfe dieser Daten und Frequenzen sollten Sie in der Lage sein, den Bird of Prey aufzuspüren, bevor er angreift."
Er spürte, wie bei Pikes Worten seine alte Zuversicht wieder zurückkehrte. Und seine Gedanken anfingen auf Hochtouren zu laufen. Denn diese Frequenzen bedeuteten nicht nur, dass sie den Klingonen den Vorteil des Überraschungsangriffs nehmen konnten. Vielleicht bedeuteten sie noch einen weiteren taktischen Vorteil, wenn ihnen die nötige Zeit blieb, um ihre Systeme anzupassen. Er würde später mit Spock darüber sprechen müssen, ob sie die Waffenphalanx möglicherweise so würden ausrichten können, dass…
„Nicht nur das, Admiral. Mit Hilfe der Frequenzen der Schilde sollte es uns möglich sein, unsere Waffenphalanx so auszurichten, dass unsere Photonentorpedos die Schilde des Bird of Prey durchdringen können. Unter der Voraussetzung natürlich, dass uns ausreichend Zeit bleibt, die notwenigen technischen Veränderungen vorzunehmen."
Er wusste, dass er über das ganze Gesicht grinste wie ein Honigkuchenpferd, als er, alles andere für den Moment vergessend, zu Spock aufsah.
„Genau denselben Gedanken hatte ich eben auch, Spock."
Er begegnete Spocks Augen und für einen kurzen Moment konnte er die Wärme und Spocks Lächeln in ihnen sehen, die erneut ihren Widerhall tief in seinem Inneren fanden und für einige wenige Augenblicke war es, als würde alles andere unwichtig – Pike, Nero, die Klingonen. Doch dann – erinnerte er sich wieder daran, was auf New Vulcan passiert war – oder besser nicht passiert war und sofort waren sie wieder da – die Verlegenheit und die Unbehaglichkeit. Das Lächeln verschwand von seinem Gesicht, das plötzlich ganz warm wurde und auch Spocks Augen verschlossen sich wieder vor ihm.
Schnell wandte er sich ab und wieder Pike zu, der mit einem nicht wenig verwirrten Gesichtsausdruck zwischen Spock und ihm hin und her sah, offensichtlich aber ausreichend Taktgefühl besaß, um zu schweigen.
Plötzlich hatte er es eilig, das Gespräch zu beenden.
„Gibt es sonst noch etwas, das wir wissen müssen, Chris?"
Pike schüttelte den Kopf.
„Das ist alles, was ich im Moment sagen kann, Jim. Sollten wir weitere Informationen erhalten, die Ihnen in irgendeiner Weise nützlich sein könnten, werde ich Sie wieder kontaktieren. Ich möchte aber, dass Sie mich über alles auf dem Laufenden halten. Und ich wünsche Ihnen viel Glück."
Er lächelte Pike an.
„Ich verlasse mich lieber auf das Können meiner Crew und meine eigenen Fähigkeiten als auf Glück, Chris."
Er konnte die Nostalgie in den Augen des ehemaligen Captains sehen und dann das ein wenig wehmütige aber ehrliche Lächeln.
„Wir bleiben in Verbindung. Captain. Commander."
„Admiral."
„Pike Ende."
Pike beendete die Verbindung und auf dem Bildschirm erschien das Sternenflottenemblem auf schwarzen Hintergrund.
Und er war mit Spock allein.
Er räusperte sich bevor er sich erhob und zu Spock umdrehte, der noch immer mit hinter dem Rücken verschränkten Armen da stand. Er zwang sich, Spock anzusehen, auch wenn sein Puls Kapriolen schlug. Und doch wusste er, dass er es sich angesichts dessen, was ihnen bevorstand, nicht leisten konnte, sich zu sehr aus dem Konzept bringen zu lassen. Professionalität war hier das Zauberwort. Und er war fest entschlossen, seine eigenen wirren Gefühle nicht mit seiner Professionalität in die Quere kommen zu lassen.
Und so straffte er die Schultern.
„Ich schlage vor, Sie unterrichten Mr. Scott und den Botschafter von unserem Gespräch mit dem Admiral und diskutieren die Möglichkeit, unsere Waffen an die Frequenz der klingonischen Schilde anzupassen. Und ich möchte, dass Scottys Team rund um die Uhr an den Verbesserungen arbeitet. Außerdem möchte ich regelmäßig über den Status unterrichtet werden. Ich selbst werde den vulkanischen Rat über die Situation unterrichten und diesem nahe legen, die Siedlung zu evakuieren."
Spock erwiderte seinen Blick ruhig und stoisch. Er konnte nicht die geringste Emotion bei dem Halbvulkanier erkennen und irgendwo tief in seinem Inneren machte ihn das fast wahnsinnig. Aber wieder rief er sich zur Professionalität. Die Sicherheit des Schiffes und New Vulcans waren oberste Priorität. Alles andere – musste warten.
Offensichtlich sah dies auch Spock so, denn dieser neigte den Kopf leicht nach rechts und sagte:
„Sehr wohl, Captain. Ich werde mich unverzüglich zum Maschinenraum begeben."
Er nickte.
„Sie sind entlassen, Commander."
Ohne ein weiteres Wort zu sagen drehte Spock sich um und verließ seinen Bereitschaftsraum.
Er sah ihm noch immer hinterher, als sich die Tür schon längst hinter Spock geschlossen hatte.
So falsch und beinahe unerträglich sich diese distanzschaffende Förmelei gegenüber dem Mann, dem er so gerne nahe kommen würde, für ihn anfühlte – er wusste, dass es für ihn in diesem Moment die einzige Möglichkeit war, um sich selbst soweit in den Griff zu bekommen, dass er als Captain dieses Schiffes funktionieren konnte. Und plötzlich schoss ihm durch den Kopf, dass das genau dasselbe Verhalten war, das Spock ihm gegenüber schon des Öfteren an den Tag gelegt hatte, zuletzt während ihrer Begegnung in der Jeffries-Röhre. Die mögliche Bedeutung dieser Entdeckung wollte sich ihm ebenso aufdrängen wie die Bilder von Spock und ihm im Sonnenuntergang auf New Vulcan und er musste tief durchatmen, die Augen kurz schließen und sich zum hundertsten Mal an diesem Tag zur Ordnung rufen.
Erst, als er sich sicher war, sich wieder im Griff zu haben, verließ er seinen Bereitschaftsraum und nahm seinen Platz auf der Brücke ein.
Spock saß mit überkreuzten Beinen in seinem Quartier auf seiner Meditationsmatte. Der vertraute Duft seiner Meditationskerzen ebenso wie die ihm seit früher Kindheit an antrainierten Verhaltensmuster, die es ihm erlaubten, sich zu entspannen und seine Gedanken zu ordnen, gaben ihm die Ruhe, der er in diesem Moment dringend bedurfte.
Er hatte die letzten 6,38 Stunden mit Mr. Scott im Maschinenraum verbracht und die Bemühungen des Ingenieur-Teams bei der Verstärkung der Schilde und der Waffen und der Ausrichtung letzterer auf die Schildsignatur der Klingonen zu unterstützen, während sein älteres Ich sich bereit erklärt hatte, die Langstreckensensoren auf die Tarnsignatur des Bird of Preys zu kalibrieren. Allerdings hatte er schließlich der Notwendigkeit entsprechend gehandelt, den Maschinenraum verlassen und sich zur Meditation zurück gezogen, als er bemerkt hatte, dass die Effektivität seiner Arbeitsweise schließlich deutlich weniger als 100% betragen und er sich der seltenen Schwierigkeit gegenüber gesehen hatte, seine Konzentration aufrecht zu erhalten und sich zu fokussieren. Er hatte es demnach für logisch erachtet, seine Arbeit im Maschinenraum durch eine kurze Meditation zu unterbrechen, da er kalkuliert hatte, dass ein Fehler seinerseits gravierendere Konsequenzen haben würde als der Zeitverlust, der durch seine Meditation entstand.
Er senkte sich hinab in seinen Geist, genoss das Gefühl der Ruhe, das er unter der aufgepeitschten Oberfläche seiner Emotionen finden konnte, tauchte ein in dieses Gefühl, bis seine Atmung ganz langsam, regelmäßig und flach wurde und er sich in der Lage fühlte, sich dem ungeordneten Durcheinander seiner Emotionen zu stellen und den Versuch zu unternehmen, diese zu ordnen und zu analysieren.
Und logischerweise wanderten seine Gedanken zu Jim und ihrem Aufenthalt auf New Vulcan.
Er war zuerst verwundert gewesen, als Jim ihn darum gebeten hatte, ihn nach New Vulcan und zu seinem Vater begleiten zu dürfen, hatte Jim aber den Wunsch nicht abschlagen wollen, zumal er aus – das war ihm vollkommen bewusst – höchst eigennützigen Motiven Jims Gesellschaft auf New Vulcan willkommen geheißen hatte. Die Aussicht, mit Jim längere Zeit zu zweit ohne Störungen durch ihre Pflichten verbringen zu können, hatte er im höchsten Maße akzeptabel gefunden und hatte ihn – das konnte er sich im Rahmen seiner Meditation ohne weiteres eingestehen – mit Vorfreude erfüllt. Dass sie einen Teil dieser Zeit bei seinem Vater verbringen würden, hätte ihn in seiner Vorfreude vielleicht bremsen sollen. Tatsächlich war dies aber nicht der Fall gewesen. Er hatte stattdessen mit großem Interesse den Umgang zwischen seinem Vater und Jim beobachtet und war zu gleichen Teilen erleichtert wie zufrieden gewesen, dass Jim seinem Vater offensichtliche Sympathie entgegen gebracht und umgekehrt auch sein Vater Jims Gesellschaft akzeptabel gefunden hatte.
Er hatte dank seines überlegenen, vulkanischen Gehörs sehr wohl gehört, was sein Vater zu Jim gesagt hatte, als er sich in der Küche befunden hatte, um das Geschirr in den Replikator zu räumen. Und im Rahmen seiner Meditation konnte er zugeben, dass ihn Jims Antworten nicht gleichgültig gewesen waren. Er hatte einige Sekunden länger in der Küche gebraucht, als strikt notwendig gewesen wäre, um sicher zu sein, dass nichts von dem Lächeln, das an seinen Mundwinkeln gezogen hatte, zu sehen sein würde, als er den Wohnbereich wieder betreten hatte und auch, um seinen erhöhten Pulsschlag zu beruhigen.
Er wusste aber, dass sein Vater ihm seine emotionale Aufgewühltheit trotz seiner Bemühungen angemerkt und sicherlich inzwischen seine eigenen Theorien hierzu entwickelt hatte. Aber auch, wenn sie sich seit dem Tod seiner Mutter näher standen, war sein Vater zu sehr Vulkanier, um ihn darauf anzusprechen. Er wusste, dass sich dieser Moment absoluter Ehrlichkeit und Nähe, den sie nach dem Zwischenfall zwischen ihm und Jim auf der Brücke der Enterprise geteilt hatten, möglicherweise einmalig bleiben würde. Aber dieser eine Augenblick hatte ausgereicht, um eine neue Art Verständnis zwischen ihnen zu schaffen, die ihre gegenseitige Wahrnehmung verändert hatte.
Er wandte den Fokus seiner Meditation von seinem Vater ab und erneut Jim zu. Denn das, was geschehen war, nachdem sie das Haus seines Vaters verlassen hatten, bedurfte definitiv der ausgiebigen Analyse.
Er hatte es genossen, neben Jim zu gehen, den Fortschritt bei der Errichtung der Siedlung mit diesem zu begutachten und sich in vertrauter Konversation über ebendiesen Fortschritt zu üben. Es würde ihm niemals langweilig werden, Zeit mit Jim zu verbringen, diesem nahe zu sein, dessen Meinung zu hören und mit diesem zu diskutieren oder einfach nur Beobachtungen mit diesem zu teilen.
Und nachdem sein älteres Ich ihn darauf hingewiesen hatte, war es ihm auch nicht schwer gefallen zu erkennen, dass dieser recht gehabt hatte – sein Geist hatte die ganze Zeit über nach Jims Geist gerufen. Jede Sekunde, die er alleine in Jims Gegenwart verbracht hatte, hatte ihn nur darin bestätigt, was er sowieso schon mit seinem ganzen Sein gewusst hatte – nämlich, dass Jim T'hy'la war und diese Gewissheit hatte ihn erneut mit Freude und Ehrfurcht erfüllt. Und doch hatte er diese Emotionen unterdrückt, da er sie Jim nicht hätte erklären können, ohne zu verraten, was er für diesen empfand – ein Szenario, vor dem er nach wie vor zurück geschreckt war.
Umso schwieriger war es für ihn zu verstehen, was danach passiert war.
Er konnte noch immer Jims Nähe spüren, Jims Berührung, als dieser ihm näher gekommen war.
Doch deutlicher als alles andere konnte er noch immer spüren, wo Jims Finger die seinen berührt hatten, konnte er noch immer das Kribbeln spüren, das diese Berührung ausgelöst hatte und die sich in seinem ganzen Arm ausgebreitet hatte. Sein Innerstes befand sich bei dem bloßen Gedanken daran noch immer in Aufruhr.
Er hatte die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass Jim vollkommen unbekannt war, welche Bedeutung die Berührung der Finger für Vulkanier hatte. Er musste die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass Jims Geste in diesem Moment tatsächlich unbewusst geschehen war. Trotzdem konnte er das Gefühl, das Jims Berührung bei ihm hinterlassen hatte, nicht abschütteln. Und die Art und Weise, wie Jim sich verhalten hatte, wie er ihn angesehen hatte, wie er sich vorgelehnt hatte, als würde er ihn auf menschliche Weise küssen wollen, die vollkommen unlogische Art und Weise, wie sich die Luft um sie herum wieder aufgeladen hatte, sagte ihm, dass selbst, wenn die Berührung der Hände zufällig gewesen sein sollte, es die Situation in ihrer Gesamtheit nicht gewesen war. Dass Jim seine Nähe und seine Berührung gesucht hatte. Und dass Jim ihn auf menschliche Weise geküsst hätte, wenn sie nicht gestört worden wären.
Darüber hinaus hatte er Jims Emotionen spüren können, als sich ihre Hände berührt hatten. Er hatte Jims Entschlossenheit gespürt, aber auch seine Nervosität und Aufregung. Aber deutlicher als alles andere hatte er Jims Zuneigung gespürt, die wie ein nervöser Pulsschlag wellenförmig aus Jim herausgeströmt war, ein Gefühl der Zuneigung, das so tief ging, dass es ihm selbst den Atem verschlagen hatte.
Und diese Erkenntnis erschütterte ihn bis ins Mark, machte es ihm beinahe unmöglich, seine Meditation aufrecht zu erhalten. Er kämpfte darum, die Kontrolle zu behalten, während in seinem Inneren ein Orkan tobte, ihn und seine Logik endgültig mit sich fortreißen wollte.
Er wünschte sich nichts sehnlicher, als wieder von Jim berührt zu werden. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als auf der Stelle zu Jim zu gehen, ihn endgültig für sich zu beanspruchen, ihre Geister miteinander zu verbinden und Jim nie wieder gehen zu lassen.
Und doch schaffte er es, gegen diese Macht, die ihn beinahe zu zerreißen drohte, anzukämpfen.
Denn auch, wenn er T'hy'la war und auch, wenn er tatsächlich ebenfalls Gefühle für ihn hegen sollte – Jim war kein Vulkanier, er war ein Mensch. Er war Jim nicht nur an Körperstärke überlegen, er wusste auch, dass die Emotionen eines Vulkaniers tiefer gingen und zerstörerischer waren als die eines Menschen, was letztlich auch der Hauptgrund dafür war, warum die Vulkanier gelernt hatten, ihre Emotionen mithilfe von Suraks Lehren zu beherrschen. Auch war unwahrscheinlich, dass Jim mit dem Begriff T'hy'la und dessen Bedeutung vertraut war. Er musste sich Jim behutsam nähern, seine Absichten behutsam kundtun. Er durfte Jim nicht mit der geballten Last seiner vulkanischen und menschlichen Emotionen überfordern.
Er zwang sich dazu, den Aufruhr in seinem Inneren zu beruhigen, seinen Geist wieder in die tieferen Regionen seines Bewusstseins zu führen. Er atmete bei geschlossenen Augen tief ein und aus, erlaubte sich mit jedem Atemzug ein wenig seiner Anspannung und Aufgewühltheit loszulassen und aus sich herausfließen zu lassen. Und schließlich – fühlte er sich wieder deutlich ruhiger.
Doch gerade, als er seine Meditation fortsetzen wollte, ertönte der Türbuzzer zu seinem Quartier und kündigte an, dass jemand Zutritt forderte.
Irritiert öffnete er die Augen.
Doch als der Türbuzzer nur kurze Zeit später ungeduldig zum zweiten Mal erklang, erhob er sich schließlich, endgültig aus seiner Meditation gerissen, und ging zur Tür.
Und als er den Türöffner betätigte, war er nicht wenig erleichtert, dass er es noch geschafft hatte, seinen inneren Aufruhr gerade noch rechtzeitig beruhigt zu haben.
Denn vor ihm stand, mit einem Ausdruck verzweifelter Entschlossenheit, Jim.
Er stand Spock gegenüber und mit einem Schlag war jeder Satz, den er sich im Laufe der Nacht überlegt gehabt hatte, wie weggeblasen.
Da hatte es die ganze Nacht gebraucht, um ihn schließlich nicht nur die Zeit sondern auch den Mut finden zu lassen, um Spock aufzusuchen, um diesen dazu zu zwingen mit ihm zu reden. Denn dass sie das, was auf New Vulcan passiert war – oder eben nicht passiert war – so nicht würden stehen lassen können, war ihm die ganze Zeit über klar gewesen. Doch erst war Spock im Maschinenraum unabkömmlich gewesen und dann hatte er eine halbe Stunde damit vergeudet, in seinem Quartier hin und her zu tigern, um sich zu überlegen, was er Spock sagen würde. Nur um irgendwann festzustellen, dass er das Unvermeidliche nur weiter hinauszögerte, so dass er schließlich noch einmal tief durchgeatmet und sich dann entschlossen auf den Weg gemacht hatte.
Er hatte den Türbuzzer betätigt und ungeduldig gleich darauf noch einmal, als ihm Spocks Reaktion zu langsam gewesen war.
Doch jetzt stand er Spock tatsächlich gegenüber, der es offensichtlich im Laufe der Nacht irgendwann geschafft hatte, seine vulkanische Robe gegen seine Uniform zu tauschen, sah sich wieder in diesen beinahe schwarzen Augen gefangen, die sich mit einem Ausdruck, den er nicht ganz fassen konnte, in seine bohrten und brachte kein Wort heraus.
Er schaffte er nicht einmal, seine Nervosität hinter seinem James T. Kirk Trademark-Lächeln zu verstecken. Und das – war definitiv bedenklich. Er hatte Herzklopfen und weiche Knie und zittrige Hände und er erkannte sich selbst kaum wieder. Er – der furchtlose James Tiberius Kirk – stand vor Spock wie ein liebestolles Schulmädchen und wusste nicht, was er sagen oder wie er beginnen sollte. Er hatte nie Probleme gehabt, mit Frauen zu reden, für die er sich interessiert hatte, aber es schien, als hätten seine Fähigkeiten ihn in Bezug auf Spock vollkommen verlassen. Vielleicht, weil er mit diesen Frauen schamlos geflirtet hatte ohne es ernst zu meinen und es deshalb ganz einfach gewesen war. Denn wenn er sich von der einen einen Korb eingefangen hatte, war er eben zur nächsten gegangen. Aber das ging hier nicht. Denn einen Korb von Spock würde ihn – und darüber war er sich im Klaren und das war auch das, was ihn so erschreckte – vollkommen zerstören.
Und trotzdem wusste er, dass es kein Zurück gab. Er musste etwas unternehmen. Er konnte die Geschehnisse auf New Vulcan nicht so stehen lassen. Und wenn er die Chance auf Glück ergreifen wollte, musste er mutig sein. Und sein Herz riskieren.
Noch einmal versuchte er sich ins Gedächtnis zu rufen, warum er sich so sicher war, dass Spock dasselbe für ihn empfand, rief sich den Moment auf New Vulcan zurück, in dem sie sich beinahe geküsst hätten, den Spock ihm entgegen gekommen war, nicht vor ihm zurück geschreckt war.
Er atmete einmal tief durch. Dann sagte er, den Blick keinen Augenblick von Spock lösend:
„Darf ich herein kommen? Ich denke, wir müssen reden."
Er sah, wie Spock den Kopf leicht nach rechts neigte und dann einen Schritt zur Seite trat. Er nutzte den Moment und trat an Spock vorbei in dessen Quartier, wobei ihm im Vorbeigehen Spocks Nähe und Körperwärme mehr als bewusst war. Er roch den unverwechselbaren Geruch von Spocks Meditationskerzen, sah die Matte noch immer auf dem Boden liegen und für einen winzigen Moment hatte er beinahe ein schlechtes Gewissen, Spock offensichtlich bei der Meditation gestört zu haben, wischte diesen Gedanken aber schnell zur Seite. Darauf konnte er nun wirklich keine Rücksicht nehmen.
Er blieb mitten im Raum stehen, den Rücken noch immer zur Tür und zu Spock gewandt. Er hörte, wie sich die Tür schloss und er wusste, dass es nun kein Zurück mehr geben würde. Noch einmal sammelte er sich, bis er sich zu Spock umdrehte.
Der, ohne dass er es bemerkt hatte, die Distanz zwischen der Tür und ihm lautlos, wie es seine Art war, überbrückt hatte.
Spock stand so nahe, dass er sich von dessen Körperwärme eingehüllt fühlte, wie in einen schützenden Kokon. Und irgendwie – gab ihm dieses Gefühl neuen Mut. Er sah auf in Spocks Augen, suchte und wusste doch nicht genau, wonach er suchte. Und was er fand, war Wärme, ein Wirbelwind aus Emotionen, der ihn mit sich fortreißen wollte.
Und plötzlich wurde er ruhiger, plötzlich wusste er nicht mehr, warum er sich Sorgen gemacht hatte, warum er sich nicht einfach fortreißen lassen sollte, warum er so lange nach Worten gesucht hatte, die vielleicht vollkommen unnötig waren. War er nicht schon immer am besten damit gefahren, erst zu handeln und dann zu denken? Sich auf seinen Instinkt, sein Bauchgefühl zu verlassen?
Er ließ Spocks Blick nicht los, als er langsam seine rechte Hand hob und diese auf Spocks Gesicht zubewegte, um sie diesem an die blasse, leicht grünlich schimmernde Wange zu legen, mit seinen Fingern Spocks Ohr zu berühren und Spocks Kopf auf diese Weise näher an sich heran ziehen, um ihn schließlich küssen zu können.
Der noch funktionierende Teil seines Bewusstseins nahm wahr, dass Spock still stand wie eine Statue und nicht vor der Berührung zurück schreckte, die er zweifellos auf sich zukommen sehen musste und allein diese Tatsache gab ihm noch einmal Mut.
Nur noch wenige Zentimeter trennten seine Hand von Spocks Wange und er vergaß alles um sich herum, während sich seine ganze Welt auf Spocks Gesicht reduzierte, das dem seinen so nahe war.
Bis plötzlich die Sirene roten Alarm ankündigte, die Stille durchriss und ihn mit brutaler Wucht in die Wirklichkeit zurück katapultierte.
Erschrocken ließ er die Hand fallen und trat einen Schritt zurück.
Hey,
nein, ich werde dieses Spielchen mit den Unterbrechungen nicht mehr weiter treiben und ich verspreche, dass es bald besser werden wird. Es ist allerdings so, dass ich beim Schreiben einfach eine Szene vor meinem Auge hatte, wie ich die beiden zusammen kommen lassen wollte, und auf die Szene musste ich jetzt hinarbeiten. Und das war eben nicht der romantische Sonnenuntergang und auch nicht die relativ nichtssagende Szene in Spocks Quartier. Ich habe die Geschichte und die Beziehung der beiden über viele Kapitel und viele Zwischenschritte aufgebaut und ich hätte es als unpassend empfunden, hier an den entscheidenden Stellen diese Geduld aufzugeben.
Mir ist klar, dass ich dabei eure Geduld strapaziere - aber immerhin - letztes Kapitel hat Jim Mut bewiesen und sie haben geahnt und dieses Kapitel wissen sie - jetzt fehlt ihnen nur noch die Situation, um dieses Wissen auszuleben. Oder eine Situation, die sie zu der ihren machen.
Jedenfalls ganz lieben Dank an lumivalkoinen, Lu-the fallen angel und HogwartsFan für euer liebes feedback und an alle, die lesen.
LG eure xxx
