Kein schlechter Ort
„Himmel, was das wieder anstrengend", stöhnte Eliza und warf einen verzweifelten Blick auf ihre zerschundenen Hände.
„Ich würde dir jetzt ja gerne sagen, dass es besser wird, aber ich habe im Gefühl, dass eher das Gegenteil der Fall sein wird", trotz ihrer wenig aufbauenden Worte drückte Ally der anderen Frau tröstend die Schultern.
Eliza seufzte nur schwer.
„Stimmt", Angharad nickte, „seit dem großen Angriff vor vier Tagen haben wir nur stetig mehr und nicht weniger Fälle bekommen. Das wird wohl erstmal so weiter gehen."
„Seid mal ruhig", forderte in dem Moment Belle die anderen auf, bevor Eliza die Chance bekam, etwas zu erwidern.
„Was ist denn?", fragte sie stattdessen an Belle gewandt, aber die legte nur einen Finger auf die Lippen und schüttelte den Kopf.
„Hört ihr das?", flüsterte sie.
Eliza und Angharad sahen sich verwirrt, ein wenig ängstlich um, konnten auf den sonnendurchfluteten Straßen des in tiefem Mittagsschlaf liegenden Sidcup nichts Gefährliches oder Ungewöhnliches entdecken.
Ally, die Belle besser kannte, verbiss sich ein Grinsen.
„Mein Bett", erklärte Belle jetzt in verschwörerischem Tonfall, „es ruft nach mir. Laut."
Das Lachen der vier Mädchen drang durch das friedlich daliegende Städtchen und für einige Augenblicke schien die Welt kein schlechter Ort.
Sie erreichten The Oaks, das im warmen Sonnenschein und eingerahmt von alten, grünen Bäumen gar nicht so imposant und abschreckend aussah wie sonst und während Ally die Türe aufschloss erzählte Angharad eine lustige Geschichte und Belle gab einen flapsigen Kommentar dazu.
Die Geschehnisse im Krankenhaus, das sie nur vor Minuten verlassen hatten, verdrängten alle vier gekonnt. Es lebte sich leichter, viel leichter so. Vielleicht war es auch die einzige Möglichkeit, um überhaupt leben zu können.
Lachend traten sie ein, über Angharads Geschichte, die sie alle in wenigen Wochen vergessen haben würden, und es hätte ein guter Tag sein können, der beste seit langem, wäre in dem Moment nicht Joan auf Ally zugetreten.
„Da wartet ein Mann auf dich im Salon", erklärte sie und grinste, „seit fast einer Stunde.".
Für einen Moment dachte Ally an James, aber dann erinnerte sie sich, dass er niemals so lange in diesem Salon gewartet hätte, er wäre zum Krankenhaus gekommen und hätte sie abgepasst, also ging sie kurz die anderen Jungen durch, verbot sich den irrationalen Gedanken an Walt, gab schließlich auf und zuckte mit den Schultern.
„Sieh doch nach", drängte Eliza und wie Joan witterte auch sie eine gute Story.
Also betrat Ally den Salon und der Mann auf dem Sofa sah sie, erhob sich und sie wusste, dass etwas ganz und gar nicht stimmte.
„Mrs. Blythe", grüßte Group Captain Timothy Walker und reichte ihr die Hand.
Ally gab ihm ihre und er griff danach, nach ihrer Hand, plötzlich kalt, zitternd, und hielt sie fest zwischen seinen beiden, als würde das etwas ändern.
„Was… was ist mit ihm?", weil es der einzige Grund sein konnte.
Ihre Stimme klang fremd, selbst in ihren eigenen Ohren, und das machte Sinn, weil das ja gar nicht mehr sie war, die sprach, es war irgendein Teil in ihr, ein rationaler Teil, der hervorgekommen war, um sich mit der Situation zu befassen, weil ihr anderer Teil, der fühlende, verletzliche Teil, sich längst verkrochen hatte wie ein verwundetes Tier, das sich zurückzieht um zu sterben.
„Es tut mir Leid."
Die Hülle rührte sich kein Stück, aber das kleine Tier darin zuckte zusammen als hätte jemand einen Stock genommen und es gepickt.
„Er hat es… nicht geschafft."
Und sie hatte es je gewusst, aber es zu hören, diese Gewissheit…
Es war wie fallen. Obwohl sie still stand, kein Muskel zuckte, fühlte es sich an, als würde sie fallen. Fallen und fallen und fallen, in einem Abgrund ohne Boden, ewig fallen.
Sie nahm war, dass der Mann weiter sprach, aber sie begriff die Worte nicht mehr, er war in einer Welt, nein sie war es, und sie vermochte nicht, in die seine zurückzukehren, als säße sie in einem Käfig aus Glas und nahm alles war und konnte doch nicht reagieren.
„Es ist gestern passiert. Wir waren auf einer Mission über Frankreich, über dem besetzten Teil. Es schien alles gut zu laufen, aber auf dem Rückweg waren da plötzlich Flaks und sie haben sein Flugzeug getroffen. Es ist abgestürzt und explodiert und… ich weiß nicht, wie er das hätte überleben sollen."
Wie Watte. Oder wie Wasser. Ja, genau, es fühlte sich an, als wäre sie unter Wasser, alles gedämpft, alles verlangsamt, alles fremd, und sie wollte auftauchen, wollte atmen, musste atmen und konnte nicht.
„Er hatte mich gebeten, es Ihnen persönlich zu sagen, sollte ihm etwas zustoßen."
„Und es wird der Tag kommen, an dem wird sie es Ihnen danken, aber für jetzt…"
Da war eine neue Stimme. Sie klang bekannt. Eine Frau.
Belle.
„Komm, Ally, komm nach oben."
Belle legte ihr einen Arm um die Taille, dann erschien Joan – Joan? – und griff nach ihrer Hand, sie zogen beide, zupften, sehr vorsichtig, es war ihnen wohl wichtig, also ging sie mit, es war ihr ja doch egal. Ob sie hier blieb oder mitging oder sich einfach in Luft auflöste. Es machte keinen Unterschied mehr. Es interessierte sie nicht mal.
Vielleicht wäre es einfacher gewesen, zu verschwinden. Weil nichts mehr sie hielt. Als hätte es etwas – jemanden – ihn – gegeben, um sie am Boden zu halten und plötzlich waren die Verbindungen weg, zerschnitten und sie schwebte, ziellos, und es schien einfacher zu sein, einfach wegzufliegen, wenn nur –
Sie brauchte ihn doch. Zum fliegen. Sie konnte nicht fliegen, ohne ihn.
Sie wusste ja nicht wie es ging.
Fliegen.
Leben.
Sein.
Die meiste Zeit schlief sie.
Es war einfacher zu schlafen. Es tat nicht so weh.
Sie schlief und selbst wenn sie wach war, schlief sie noch, weil ihr ganzes Selbst sich dagegen wehrte, aufzuwachen und zu verstehen und weil schlafen so viel einfacher war.
Sie schlief also und um sie herum drehte die Welt sich weiter.
Das allein schon schien ihr kurios.
Die Welt drehte sich.
Die Zeit verstrich.
Die Sonne ging treu jeden Morgen auf und jeden Abend unter.
Sie hätte nicht sagen können wie oft. Zeit hatte jegliche Bedeutung verloren. Weil Zeit mit warten zu tun hatte. Sie wusste nicht, worauf sie hätte warten sollen.
Sie hatte auf das Ende des Krieges gewartet, hatte auf ihre Zukunft gewartet, hatte auf ihn gewartet. Aber er war nicht mehr und ihre Zukunft war mit ihm gegangen und das Ende des Krieges hatte keinerlei Wichtigkeit mehr für sie.
Es gab nicht mehr viel, was wichtig für sie war. Nicht mehr viel, das ihr nicht egal war. Es hätte Kraft gefordert, wenn ihr etwas nicht egal gewesen wäre. Kraft, die sie nicht hatte.
Also war sie brav.
Sie hörte auf Belle. Stand auf und wusch sich, wenn die es sagte, nur um danach doch wieder ins Bett zu gehen, still liegend, an die Decke starrend, bis der Schlaf kam. Trank und saß, was sie ihr hinstellte, auch wenn ihr Körper noch mehr Widerstand aufbrachte als ihr Geist und sie das meiste hinterher erbrach. Sie antwortete sogar auf die Fragen, einsilbig zwar, aber es war eine Reaktion.
Es erleichterte Belle.
In Wirklichkeit war es nur der Weg des geringsten Widerstandes.
Es tat ihr ja nichts. Ob sie auf Belle hörte oder nicht hatte keinerlei Bedeutung mehr. Es war bloß einfacher, ihr zu gehorchen, weil Auflehnung Kraft erfordert hätte und sie sich noch nie in ihrem Leben so kraftlos gefühlt hatte.
Leben.
Existieren.
Existieren bekam sie hin.
Leben war zu anstrengend.
Leben hätte sie gezwungen, sich auseinanderzusetzen, damit, aus ihrer Wattewelt zu kommen, die den Schmerz dämpfte und erträglich machte und die ihr erlaubte, nicht zu denken.
Nicht daran zu denken.
Daran, dass er gegangen war. Wohin. Wo sie ihm nicht hinfolgen konnte. Nicht durfte. Nicht die Kraft hatte, zu folgen. Dabei hatte sie sich versprochen, ihm überall hin zu folgen. Bis ans Ende der Welt.
Aber was, da er das Ende, die Welt hinter sich gelassen hatte?
Wie eine rote Linie im Staub.
Er dort und sie hier und es wäre so leicht, diesen einen letzten Schritt zu tun. Es würde noch nicht einmal viel Kraft kosten. Es wäre leicht.
So leicht, diese Welt hinter sich zu lassen. Weil sie kein schlechter Ort war, nein, ein grausamer Ort. So leicht, diesen einen Unterschied zu beseitigen, der sie trennte. Weil sie lebte und er war –
Und er war –
Und er war –
Tot.
Und er war tot.
Tot.
Ein merkwürdiges Wort.
T – O – T.
O – T – T.
T – T – O.
T – O – T.
Tot.
So ein kleines Wort. Kleiner ging es kaum. Bloß drei kleine Buchstaben. Einer sogar doppelt. Symmetrisch. Ein symmetrisches Wort.
Eigentlich ein nettes Wort.
Was konnte denn das Wort dafür, dass sich so grausame Dinge dahinter verbargen? Was hatte denn das arme kleine tot getan? Woran war es denn wirklich Schuld?
Es war ja noch nicht einmal alleine. Es wurde doch bloß vorgeschoben von den anderen. Dabei war es noch das friedlichste von ihnen. Es tat am wenigsten weh.
Die Toten leiden nicht. Die Toten fühlen nicht.
Tot sein ist nicht so schlimm. Die anderen Seins sind doch viel schlimmer.
Einsam sein. Alleine sein. Verlassen sein. Zurückgelassen sein. Verletzt sein. Verwundet sein. Traurig sein. Verzweifelt sein.
Sein.
Tot. Sein.
Sein. Tot.
Tot und Sein.
Tot oder Sein.
Leben?
Einsam leben. Alleine leben. Verlassen leben. Zurückgelassen leben. Verletzt leben. Verwundet leben. Traurig leben. Verzweifelt leben.
Damit leben.
Trotzdem leben.
Deshalb leben.
Ewig leben.
Ewig tot.
Tot.
Immer dieses eine Wort. Immer tot. Ewig tot. Nie mehr leben. Nicht mal existieren. Bloß Tot.
Einfach tot.
Tot einfach.
Leben schwer.
Existieren.
Weil nichts anderes mehr ging. Nicht schwarz, nicht weißt – was ist was? – nur grau.
Tot. Leben Existieren.
Er war tot.
Und sie?
