Kapitel 36: Gedanken und Gespräche
Der Vormittag verging träge, wie zäh tropfender Honig und Carol spürte, dass der anhaltende Schlafmangel und die Sorgen langsam Folgen zeigten.
Sie beschloss, heute keine langen Recherchen in der Bibliothek vorzunehmen, sondern etwas Zeit an der frischen Luft zu verbringen. Sie zog sich dick an und machte sich dann auf den Weg durch die eisige Luft. Es roch nach Schnee, aber der Himmel war klar, so dass sie heute noch nicht damit rechnete. Es war ruhig auf dem Schulgelände, der Unterricht war noch in vollem Gange und so waren keine Schüler draußen anzutreffen.
Carol wandte ihre Schritte zu Hagrids Hütte und traf ihn an, wie er Säcke mit Getreide, Nüssen, Eicheln und Kastanien hinter seiner Hütte aufstapelte.
„'S muss alles vorbereitet sein, wenn der Schnee kommt. Die Tiere verlassen sich drauf, gibt jedes Jahr hier im Winter genug zu fressen, da kann ich se nich enttäuschen", brummelte er vor sich hin, als Carol ihm eine Weil zusah.
Als er erstmal fertig war, setzten sie sich auf einige der Säcke und sahen zum Waldrand hinüber.
„Hast Du schon mal Einhörner gesehen?", fragte Hagrid unvermittelt und Carol schüttelte den Kopf.
„Sind auch selten. Und scheu. Aber bei Gelegenheit zeige ich Dir mal welche, wenn's Frost gegeben hat und sie an die Futterstellen kommen. Dann nehm ich Dich mal mit, wennde dann noch hier bist."
Carol lächelte. „Dafür komme ich auch glatt noch einmal her, Hagrid", sagte sie und man konnte in ihrer Stimme hören, wie sehr sie sich das wünschte.
„Ich denk an Dich, wenn ich das Futter verteil, versprochen", nickte der Halbriese und dann sahen wie wieder auf den Waldrand, ohne viele Worte zu wechseln.
Carol konnte spüren, wie es ihr gut tat und sich ihre Lebensgeister erholten.
Nach einer ganzen Weile meinte Hagrid, er wolle nun vor dem Mittag noch etwas für den Unterricht in Pflege magischer Geschöpfe vorbereiten, aber Carol könne ihn gerne begleiten, wenn sie nichts anderes vorhabe.
Ihr allerdings knurrte inzwischen der Magen und sie dankte ihm für die Gesellschaft und machte sich auf den Weg ins Schloss.
Kurz bevor sie die Eingangshalle erreichte, traf sie auf einen Mann, den sie zuvor noch nicht gesehen hatte. Er war sehr groß, muskulös und machte den Eindruck, als könne er zum Fels werden, wenn er einen Platz nicht räumen wollte. Sandfarbenes Haar wellte sich in seiner Stirn und schien jedem Versuch es mit Kamm oder Magie zu bändigen zu widerstehen. Er hatte eine erstaunlich gebräunte Gesichtsfarbe und tiefe Fältchen umrahmten seine Augen.
Die Nase war etwas zu breit, um dieses Gesicht als schön zu bezeichnen, aber charmant wirkte es auf jeden Fall, zumal der Mund sich jetzt zu einem herzlichen Lächeln verzog.
Er sah Carol an, streckte die Hand aus und sagte mit einer Stimme, die direkt aus einer Oper zu stammen schien: „Nicholas Kasparian. Ich bin der Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste dieses Jahr und, so hoffe ich, auch für weitere Jahre. Sie müssen der Gast des Schulleiters sein, nicht wahr?"
Seine Stimme war tief, ruhig und voll. Sie klang wie dunkelroter Samt, schwer und bedeutungsvoll und schien die Luft mit Vibrationen zu füllen.
Carol starrte ihn einen Moment lang an, dann erwiderte sie sein Lächeln, ergriff seine Hand und schüttelte sie kräftig.
„Carol Featherton. Ja, ich bin auf Einladung von Professor Dumbledore hier und darf die großartige Bibliothek der Schule nutzen."
„Ja, man sagte uns, Sie würden recherchieren und es könnte sein, dass Sie mit Fragen auf uns zu kommen würden. Der Schulleiter bat uns, Ihnen in jeder möglichen Weise behilflich zu sein. Was ich selbstverständlich sehr gerne tun werde. Schreiben Sie ein Buch?"
Carol schmunzelte. „Nicht so ganz, aber ich versuche mein Wissen zu erweitern. Insbesondere, was Geschichte angeht, aber auch Verknüpfungen zu anderer Art von Magie."
„Wen Sie Fragen zu den dunklen Künsten haben, dann wenden Sie sich bitte jederzeit an mich, ich weiß viel darüber. Gerade in Verbindung mit Geschichte der Zaubererei sind die Informationen oft eher dünn gesät oder sogar verfälscht. Niemand sieht gerne die dunklen Künste als Teil der Geschichte an, deshalb könnte es sich schwierig gestalten, da an Wissen zu gelangen."
Er deutete eine fast formell aussehende Verbeugung an. „Es wäre mir eine Ehre, Ihnen dabei mit Wissen dienlich sein zu können." Das Lachen in seinen Augen strafte die förmliche Rede Lügen und Carol erkannte, dass er jemand mit einem recht eigenartigen Humor war. Nicht unangenehm, aber gewöhnungsbedürftig.
Sie nickte schmunzelnd und versicherte: „Ich werde auf Sie zurück kommen, wenn ich Wissen über die dunkle Seite der Magie suche, versprochen." Sie hob die Hand, als wolle sie einen Schwur leisten und er lachte.
Dann verabschiedete sie sich, um zum Mittag wieder in ihrem Zimmer zu sein.
Pünktlich zur Teezeit klopfte es an Carols Tür und als sie öffnete, standen dort Harry, Ron, Hermine und zwei Jugendliche in ihrem Alter, die Carol nicht kannte.
Sie ließ sie eintreten und Hermine stellte die beiden Als Neville Longbottom und Luna Lovegood vor und Ron sagte, seine Schwester Ginny würde später noch nachkommen, sie müsse noch nachsitzen.
Carol musterte die beiden interessiert aus den Augenwinkeln, während sie den Tee vorbereitete. Es war kein Tisch vorbereitet, da sie nicht genau gewusst hatte, wie viele Personen kommen würden, also hatte Winky mit ihr gemeinsam auf einem Sideboard eine Menge Teetassen, Teller, Sandwiches, Kekse und einen Schokoladenkuchen vorbereitet.
Das Mädchen namens Luna hatte eine interessante Ausstrahlung, sie wirkte zugleich konzentriert und abwesend. Als nähme sie ihre Umgebung nur beiläufig wahr und wäre eigentlich damit beschäftigt, diese Wahrnehmung in ein großes Bild einzufügen. Es war ein wenig irritierend in ihrer Gegenwart, aber gleichzeitig auch nicht unangenehm. Sie machte den Eindruck, völlig in sich zu ruhen und keinerlei Probleme damit zu haben, dass die Welt um sie herum sich auch ohne sie drehte.
Der junge Mann, der mit ihr hereingekommen war und nun ein wenig unentschlossen herum stand, war völlig anders. Er wirkte eher, als wisse er nicht genau, ob er hier richtig wäre oder erwünscht.
Carol fand, er sah aus, als wünsche er sich, die Situation erst einmal gründlich aus der Ferne betrachten zu können, bevor er sie betrat.
Sie beschloss, dass es wohl am Besten wäre, nicht mehr lange zu warten, sondern sich gemütlich hinzusetzen und den Schokokuchen zu vernichten.
Als alle saßen versorgt waren, dankte sie dem Trio für die nette Einladung.
„Es war sehr lieb von Euch, an mich zu denken. Immerhin kenne ich hier nicht so viele Leute und versuche auch noch, mich von der Masse der Schüler fernzuhalten. Aber manchmal ist es einfach schön, ein paar Freunde um sich zu haben. Freunde und solche, die es vielleicht werden." Sie lächelte Neville und Luna an.
Sie unterhielten sich angeregt über das Leben in Hogwarts, den Unterricht und Carol erzählte von ihren Aufenthalten in der Bibliothek und von ihren Spaziergängen auf dem Schulgelände. An diesem Punkt hatte Harry sie einweihen wollen, dass einige seiner Freunde sie beschützen wollten, aber Hermine hatte ihm das in letzter Minute noch ausgeredet, weil sie der Meinung war, Carol würde das nicht wollen. Und so kassierte er nur einen saftigen Tritt gegen sein Schienbein, als das Thema auf ihre Ausflüge kam.
Luna hörte sich ruhig an, was Carol über die Natur und ihre Kraft erzählte, sie schien in keiner Weise überrascht oder irritiert, so wie Neville wirkte.
Schließlich sagte sie nur mit abwesender Stimme: „Mein Dad hat mal eine Artikelserie über Stätten der Naturmagie veröffentlicht. Es ist überhaupt nicht nachvollziehbar, dass die Zauberergesellschaft völlig den Kontakt zur Naturmagie verloren hat."
Carol sah sie interessiert an und als wäre das eine Aufmunterung gewesen fuhr sie fort: „Immerhin ist es nicht sehr logisch, dass wir keinerlei Elementarmagie mehr verwenden, obwohl das zu Merlins Zeiten Gang und Gäbe war."
„Das ist nicht bewiesen, es gibt darüber nur Theorien", warf Hermine ein, doch Luna quittierte diesen Einwurf nur mit einem leichten Kopfschütteln.
Sie redeten ein wenig über die Unterschiede der Magiearten, dann wandte sich das Gespräch unweigerlich der momentanen Situation und der Bedrohung durch Voldemort zu. Es war scheinbar in diesen Zeiten nicht zu vermeiden, dass früher oder später jedes Gespräch bei den trüben Aussichten des Krieges landete. Gerade, als Luna erklären wollte, warum der Sieg gegen Voldemort so gut wie sicher wäre, denn das Ministerium hätte eine geheime Armee aus Kriegswalen gezüchtet und man müsse nur noch die finalen Schlachten ins Meer verlegen, klopfte es und Ginny traf ein.
Sie wurde begrüßt, setzte sich dazu und fragte trotz eines warnenden Knuffs ihres Bruders, worüber man gerade reden würde.
Ehe Luna wieder von den Walen anfangen konnte, erklärte Harry, dass sie über die drohenden Gefahren des Krieges im Allgemeinen und die Taktiken und Vorgehensweisen der Todesser im Speziellen redeten.
Carol hob sacht die Augenbrauen, kommentierte das aber nicht weiter.
„Wenigstens haben wir wieder einen guten Lehrer in Verteidigung gegen die dunklen Künste."
„Ja, aber ein paar mehr Angriffszauber und Flüche könnte man uns schon beibringen, immer nur Abwehr ist nicht genug, glaube ich."
Hermine schüttelte vehement den Kopf. „Abwehr sollte reichen und dann außer Gefecht setzen. Mehr müssen wir nicht können. Ich möchte gar keinen Menschen wirklich verfluchen und schädigen können."
Auch Ginny nickte nun. „Manche meinen ja sogar, wir sollten die unverzeihlichen Flüche lernen, so wie ja auch den Auroren deren Anwendung im letzten Krieg erlaubt war, aber das geht meiner Meinung nach wirklich zu weit."
„Immerhin wenden Du-weißt-schon-wer und seine Todesser die dunklen Künste an, sollte man da nicht zu jedem Mittel greifen, wenn es der Verteidigung dient?" Ron schien sich bei diesem Thema zu ereifern.
„Natürlich nicht", warf Carol ein. „Der Zweck heiligt doch nicht die Mittel. Und vor Allem heiligt er niemals jene, welche die Mittel auswählen. Man darf niemals vergessen, dass die gewählten Mittel gegen Menschen eingesetzt werden und man läuft Gefahr am Ende dabei seine eigenen Menschlichkeit zu verlieren."
Alle Blicke wandten sich ihr zu.
„Aber Todesser sind Monster, keine Menschen, was sie tun ist grausam und böse." Nevilles Stimme war leise und es klang entsetzlich viel Kummer und Bitterkeit darin mit.
„Sie verachten andere, sie glauben, nur weil sie etwas Besseres sind, haben sie das Recht, Menschen, die sie als minderwertig ansehen zu schikanieren, zu verletzen und zu töten."
Schweigen machte sich am Tisch breit und nach einer Weile sagte Carol ruhig:
„Monster ist ein merkwürdiger Begriff. Ich verstehe Eure Gedanken, ich habe diese Todesser erlebt, ich habe gesehen, wie sie einen Menschen fast zu Tode gefoltert haben, ich habe mit ihnen gekämpft, aber ich habe keine Monster gesehen.
Die Zeitungen und die Öffentlichkeit nennen sie Monster. Aber jede Gesellschaft schafft sich ihre eigenen Monster und es wäre falsch, sich von ihnen abzuwenden und so zu tun, als gehörten sie nicht dazu.
Unsere Gesellschaft, sowohl die der Muggel, als auch die der Zauberer hat einen fatalen Weg eingeschlagen. Sie wollen die Menschen glauben machen, sie wären nicht von Natur aus einzigartig, besonders und wertvoll. Sie stempeln den Durchschnitt als verachtenswert und wertlos ab und versuchen die Menschen glauben zu machen, wenn sie „nur" ein Teil der Masse sind, dann sind sie nichts wert.
So schaffen sie einen enormen Druck, der auf dem einzelnen lastet, sich von der Masse abzuheben, koste es was es wolle.
Anstatt zufrieden mit sich und dem Leben zu sein und sich nur dann hervorzutun, wenn das eigene Herz es befiehlt, wenn eine eigene Vision den Menschen antreibt, versucht er nun um jeden Preis etwas Besonderes zu werden. Und unter diesem Druck, nur nicht zur durchschnittlichen Masse zu gehören, schlagen die Menschen die eigenartigsten Wege ein und oft leider auch auf Kosten anderer. Manch einer kann nur heraustreten aus der Masse, indem er auf einen anderen tritt, sich selbst erhöht, indem er andere erniedrigt.
Und so entsteht der Nährboden für Ideen voller Grausamkeit, voller Verachtung für das Leben und seinen Wert.
Um höherwertig zu werden, werden minderwertige Gruppen erfunden, um stärker zu wirken, werden andere geschwächt.
Und die Ursache all dessen liegt nicht in der der bösen Natur der Menschen, sondern in ihren Ängsten und Sehnsüchten.
Die Gesellschaft spielt mit diesen Ängsten und Sehnsüchten und schafft sich so ihre Monster.
Aber sie sind keine Monster. Sie sind Menschen. Böse Menschen, aber Menschen. Und die Gesellschaft muss die Verantwortung für ihre Entstehung übernehmen. Sie kann diesen Verlauf nicht mehr ändern, aber sie kann daraus lernen, um es bei zukünftigen Generationen besser zu machen."
Neville starrte sie schweigend an, Carol wunderte sich ein wenig darüber, aber in seinen Augen konnte sie erkennen, dass es tief sitzende Gründe für seinen Abscheu gegen die Anhänger Voldemorts geben musste. Viel tiefere, als bei den anderen, die zwar Empörung und Furcht zeigten, aber darüber hinaus ruhiger reagierten. Carol fand, das, was sie in Nevilles Augen sah ähnelte ein wenig dem, was sie auch in Harrys Augen sehen konnte, wenn er über dieses Thema sprach.
„… muss man immer bedenken, dass ja auch jemand mal seine Meinung ändern kann und das wird unmöglich, wenn man ihn den Dementoren überlässt oder anderweitig eine Todesstrafe ausführt", Hermine riss sie wieder aus ihren Gedanken und Carol stellte erstaunt fest, dass sie sehr abwesend gewesen war. Sie fragte sich etwas überrascht, was sie wohl verpasst hatte, während sie über Neville und Harry nachgedacht hatte, aber dann wischte sie den Gedanken fort und konzentrierte sich wieder auf das Gespräch.
„Natürlich muss man das, viele angeblich schuldige Insassen von Askaban sind ja auch nur aufgrund einer weit angelegten Regierungsverschwörung dort, denn sie sollen nicht preisgeben, was sie über die Verbindung der Trolle und der Kobolde herausgefunden haben und was ja bekanntlich vom Ministerium höchst geheim gehalten wird." Lunas Augen glänzten, als sie wieder einmal eine der Theorien aus dem Klitterer wiedergab.
Carol runzelte die Stirn, erkannte dann aber an Rons Augenrollen, dass es wohl etwas ganz besonderes mit diesem Mädchen und seinen wilden Theorien auf sich haben musste, das den Freunden zwar schon sehr bekannt war, sie aber nicht davon abhielt, weiterhin mit dem Mädchen befreundet zu sein.
Alles, was sie sagte schien ein wenig aus einer anderen Welt zu sein, aber es war unbestreitbar eine hohe Intelligenz bei ihr zu bemerken, denn immer dann, wenn sie keine absurden Theorien verkündete, argumentierte sie klug und sehr überlegt.
Carol hörte sehr interessiert weiter zu, was ihre Gäste zu sagen hatten und warf nur ab und zu noch einen Gedanken ein, oder fragte etwas nach, aber dann war es Abend geworden und die Schüler verabschiedeten sich, denn es wurde Zeit für ihr Abendessen.
Sie verabredeten, sich bald wieder zu treffen, damit es für Carol nicht so einsam im Schloss sein würde.
Lächelnd dankte sie ihnen für ihre Gesellschaft und beobachtete, wie die fünf angeregt redend auf den Korridor hinaus traten.
Als sie um eine Ecke gebogen waren meinte Ron leise: „Manchmal klingt sie wie eine Lehrerin".
„Gute Lehrer klingen so", erwiderte Hermine mit einem deutlich belehrenden Klang in der Stimme.
„Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, wie sie die Todesser dargestellt hat." Neville klang noch immer sehr leise, nachdenklich. „Es klang schon sehr nachvollziehbar, aber das kann doch nicht entschuldigen, was diese Leute tun. Immerhin haben sie sich selber entschieden so zu werden. Oder zumindest haben sich eine Menge von ihnen selber entschieden." Er seufzte, als er merkte, dass es doch nicht ganz so einfach war.
„Ich glaube nicht, dass es eine Entschuldigung sein sollte", erklang Lunas verträumte Stimme. „Wohl eher eine Erklärung. Manchmal hilft es, die Dinge zu verstehen, bevor man sie verurteilt, sagt mein Vater oft."
„Ich denke auch, dass das eine Erklärung sein sollte, keine Entschuldigung." Harry wandte sich an Neville. „Sie wollte Dich bestimmt nicht verletzen oder die Todesser in Schutz nehmen. Ich glaube, es ging ihr eher darum dass man verstehen soll, wie es zu solchen Sachen kommt, damit man in Zukunft die Zeichen früher erkennt und schneller dagegen vorgehen kann."
„Oder es nicht einmal so weit kommen lassen, sondern anders handeln, schon bevor sich solche Sachen entwickeln, eine Gesellschaft schaffen, in der Menschen nicht mehr glauben, solches Streben nach Macht nötig zu haben", fügte Hermine hinzu.
„Aber bei unserem momentanen Schalmassel hilft uns das auch nicht weiter, denn nun kriegen wir Leute wie die Malfoys auch nicht mehr handzahm." Rons Stimme klang ärgerlich.
Bevor sie weiter darüber reden konnten, hatten sie die große Halle erreicht und Luna verabschiedete sich mit einem Winken in Richtung Ravenclaw-Tisch. Der Rest ging nachdenklich zu ihren Plätzen, aber bei all den leckeren Speisen war das bald verdrängt und sie beteiligten sich lebhaft an den Gesprächen über das Quidditch-Match am kommenden Wochenende zwischen Ravenclaw und Slytherin, dessen Ausgang enorm wichtig für den Punktestand war. Gewannen die Slytherins, dann war Ravenclaw so weit abgeschlagen, dass niemand mehr den Gryffindors den Pokal streitig machen konnte. Also müssten sie eigentlich die Slytherin-Mannschaft anfeuern, was aber natürlich auch nicht ging. Für das kommende Spiel schlug das Herz der Gryffindors eindeutig für Ravenclaw, auch wenn das ein weiteres schwieriges Spiel für sie bedeuten würde.
Seit Tagen schon wurde über die Mannschaftsaufstellungen und mögliche Taktiken diskutiert und die Begeisterung wogte oft über die Sorgen, die viele sich machten.
Nachdem Winky ihr wieder ein leichtes Abendessen bereitet hatte, wollte Carol sich noch etwas die Beine vertreten. Sie wanderte durch die Korridore des Gästeflügels und bewunderte die Gemälde und Wandteppiche. Heute wollte sie nicht mehr hinaus, sondern früh schlafen gehen in der Hoffnung, etwas mehr Schlaf zu finden, als in den Nächten vorher.
Nach einer kleinen Runde durch die Gänge schlug sie den Weg zu ihrem Zimmer ein und erreichte fast ohne Panne (diesmal waren zwei Gemälde, die an Abzweigungen hingen vertauscht worden, was ihr aber durch die Schimpftiraden ihrer Bewohner noch rechtzeitig auffiel) den Gang mit ihrem Zimmer.
Sie wollte gerade um die Ecke biegen und die Tür zu ihrem Zimmer öffnen, als eine Bewegung in einer Nische sie innehalten ließ. Lautlos trat Severus Snape auf den Gang und sah sie an. In seinem Blick spiegelte sich eine Andeutung von Besorgnis, als er die dunklen Ringe unter ihren Augen musterte.
„Du siehst aus, als hättest Du schlecht geschlafen", er machte eine Pause. „Sehr schlecht, um genau zu sein."
„Ich bin in Ordnung, keine Sorge", wehrte sie ab und wollte weitergehen.
„Das sieht für mich anders aus."
„Dann irrst Du Dich", erwiderte sie ungewollt schroff und sofort tat es ihr leid, ihn so vor den Kopf gestoßen zu haben, aber seine Miene blieb unbeweglich. Er hielt die Hand hoch, in der er eine kleine Phiole hielt.
„Ich habe hier einen Trank für einen ruhigen, traumlosen Schlaf, wäre das etwas für Dich?"
Carol schüttelte den Kopf. „Danke, das ist gut gemeint, aber ich brauche nichts, es geht mir gut."
Sie fragte sich selber, warum sie log. Severus war ein Freund und eigentlich hätte sie sich über seine Fürsorge gefreut. Aber im Moment wollte sie keine Fürsorge. Die Geschichte, die Dumbledore ihr erzählt hatte, hatte sie zutiefst verstört und auch, wenn sie es nicht zugab, sie machte sich noch mehr Sorgen um Remus.
Er betrachtete mit leicht angehobenen Augenbrauen ihren inneren Kampf, dann zog er mit einem leichten Zucken im Mundwinkel seinen Trumpf aus dem Ärmel.
„Ich kann natürlich eine Eule an Madame Jacobsen schicken und sie bitten, Dich zu untersuchen, weil ich glaube, Du bekommst nicht genug Schlaf. Wir können ja sehen, wie weit Du bei ihr kommst, mit Deiner Aussage, es ginge Dir gut."
Er machte eine Pause, dann hob er noch einmal die Hand, wedelte mit dem Fläschchen vor ihrem Gesicht herum. „Alternativ kann ich Dir das hier anbieten."
Carol konnte ein Schmunzeln nicht unterdrücken.
„Schon gut, Du hast gewonnen."
Sie deutete auf ihr Zimmer. „Komm herein, ehe Dich noch jemand dabei erwischt, wie Du nett bist und Dein ganzes mühsam erarbeitetes Miesepeter-Image den Bach runter geht."
„Mein WAS ?"
Sie erwiderte zwar nichts, aber als sie sich umdrehte, konnte er deutlich ein Schmunzeln in ihrem Blick sehen. Knurrend folgte er ihr.
