Kapitel 30
Neubeginn
Legolas erholte sich in den folgenden Tagen und wurde von Aragorn mehrmals versorgt. Ruhig und sicher verrichtete Aragorn dabei die Wundversorgung an Legolas, aber die Art, wie er dies tat, zeigte Legolas einen verschlossenen, nachdenklichen Freund. Schließlich brach Legolas das Schweigen zwischen ihnen und fragte:
"Estel, kannst du mir nicht vergeben?"
Aragorn blickte seinen Freund sanft an, betrachtete ihn einige Momente gedankenvoll und erwiderte dann mit ruhiger Stimme:
"Ich kann deine Handlungsweise verstehen, mein Freund, und es gibt nichts zu vergeben. Mir ist inzwischen klar geworden, daß es nur so enden konnte, aber dennoch zieht sich bei mir noch immer alles krampfhaft zusammen, sehe ich deine Wunden und stelle mir vor, was hätte passieren können."
Legolas legte seine Hand auf Aragorns Schulter und erwiderte:
"Bitte mach dich frei davon, Estel, es ist vorbei und dieser Schatten wird uns nie wieder einholen."
Der König von Gondor nickte still, er wollte es versuchen. Nachdem er mit dem Verband von Legolas fertig war, äußerte er, den Inhalt des Gespräches wechselnd:
"Du solltest dir etwas für unseren Freund Gimli einfallen lassen. Er blieb bei dem letzten Rettungsversuch zurück, weil er uns durch seine mittelmäßigen Reitkünste, wie er es nannte, nicht aufhalten wollte. Nun streift er schon seit Tagen umher und fühlt sich reichlich nutzlos. Er war von Beginn an in dieser Geschichte dabei und konnte doch die ganze Zeit über, wie er es sieht, nur wenig zum guten Ende dazutun. Er fühlt sich ausgeschlossen, habe ich den Eindruck. Vielleicht ist es aber so, daß er sich nun, da du bald heiraten wirst, ebensozurückgelassen fühlt, wie du damals nach dem Ringkrieg, als sich meine Bestimmung erfüllte."
Legolas betrachtete Aragorn nachdenklich und erwiderte:
"Ich war mit Gimli oft in seiner Heimat, aber ich konnte mich nie des Eindruckes erwehren, daß er sich in den Eisenbergen nicht mehr zuhause fühlte. Wir alle haben uns im Ringkrieg verändert. Auch ich ertrug die heile Welt des Eryn Lasgalen oft nicht mehr und zog hinaus, denn so vieles an Schrecklichem war geschehen, die Welt war nicht mehr die Gleiche und es gab noch vielerorts großes Leid erwachsend aus den Greueln von Saurons Schergen oder weil das Land verwüstet war. Ich habe schon lange überlegt, ob ich Gimli nicht vorschlagen sollte Moria neu zu ergründen. Was wir gesehen haben, war ein prachtvolles Werk an Baukunst und die Bestie der Tiefe wurde durch Gandalf besiegt. Was nun getan werden müßte, ist, die Gefallenen ehrenvoll zu bestatten, die Stadt zu neuem Leben zu erwecken und die Schatten schwinden zu lassen.
Aragorn überlegte den Vorschlag von Legolas einige Augenblicke bevor er antwortete:
"Es würde viel Überwindung kosten dorthin zurückzugehen, aber es ist ein guter Vorschlag, Legolas. Gimli hätte eine große Aufgabe und Verantwortung, aber er würde auch seinen Vetter ehren, der in Moria als letzter Herrscher der Zwerge umkam. Zudem hat Gimli versprochen, mit Männern seines Volkes die Feste in den Bergen, wo sich die Rotten Morkas' versteckt hielten, zu schleifen, auf daß sie keinem mehr Unterschlupf bieten kann. Das könnte er dann gleich auf seinem Weg nach Moria in Angriff nehmen. Ich werde ihn daran erinnern, aber zunächst, mein Freund, sollte er etwas für einen Freund tun können, um aus den letzten Monaten nicht nur mit schlechten Erinnerungen hervor zu gehen."
Aragorn lächelte dabei und blickte Legolas schelmisch an, der in diesem Moment etwas abwesend wirkte.
"Hast du eine Idee?"
Der junge Elb lachte zurück und erwiderte:
"Und ob! Er soll mir mein Reich für die Hochzeitsnacht schaffen."
Aragorn hob überrascht eine Augenbraue als sich sein Freund nun flink aus den Kissen erhob. Legolas hatte mit einigen Tagen ausgiebigen Schlafes wieder Kraft geschöpft und kleidete sich rasch an, ließ den inzwischen lachenden Aragorn einfach stehen und machte sich auf die Suche nach seinem Freund Gimli.
Aragorn blickte seinem elbischen Freund schmunzelnd nach, froh über die Energie, die der Prinz wieder versprühte.
Es dauerte nicht lange, dann hatte Legolas Gimli gefunden. Er erinnerte sich an die Küchenmagd, zu der sich der Zwerg hingezogen gefühlt hatte und fragte einfach nach ihr, in der Hoffnung, so zu seinem Kameraden zu finden. Die junge Frau wußte auch genau, wo er Gimli Gloinssohn finden konnte und brachte den Prinzen auf den richtigen Weg.
Der Zwerg saß gedankenverloren auf der Steintreppe, die zum Kräutergärtchen der Palastküche führte und stocherte mit einem Stock in einem Ameisenhaufen umher.
"Gimli, Freund! Ich brauche deine Hilfe!"
Mit einem Satz war Gimli auf den Beinen und rief:
"Legolas, bist du wieder in Ordnung? Was brauchst du? Ich werde dir jederzeit helfen."
Der junge Elb legte seinen Arm um die Schulter des Zwerges und sprach:
"Gimli ich würde gerne im Garten, dort wo das Tiergehege ist, in den angrenzenden Wald einen Flußlauf geschlagen haben. Ich habe dort eine Quelle entdeckt, die aber kurz nach ihrem Ursprung wieder im Boden versickert. Ich würde diesen Ort gerne so gestaltet haben wie eine Lichtung im Eryn Lasgalen. Kannst du mir mit deinen Kenntnissen und Fähigkeiten aus dem Bergbau helfen?"
Gimli blickte seinen Freund an und frage nach:
"Was war das denn für ein Platz im Eryn Lasgalen?"
Legolas lächelte mild und verträumt und antwortete:
"Es war jener Ort an dem ich Nefhithwen zu meiner Frau machte. Er soll sie daran erinnern und unser Rückzugsort werden."
Gimli lachte, das war eine Aufgabe, wie er sie gerne für Legolas erfüllte und er sprach:
"Fein, dann wird dies mein Hochzeitsgeschenk für Euch, so etwas ist ganz nach meinem Geschmack."
Legolas und er schlenderten zu der Stelle, die Legolas meinte. Es war eine Lichtung ähnlich der im Eryn Lasgalen, weicher, niedrig wachsender Farn statt Moos bildete einen grünen Teppich und über einen kleinen Hang mit einige Felsen hinunter sprang ein kleines Bächlein, versickerte aber bereits oberhalb eines Steinüberhanges. Legolas äußerte seine Ansicht, daß dieses Bächlein den kleinen Brunnen beim Tiergehege speiste und wünschte sich von Gimli, daß der Weg des Baches noch über die Felsen bis durch die Bäume fand, die den Blick zur offenen Wiese versperrten. Dichtes Unterholz und diese Bäume schützten so dieses lauschige Plätzchen vor ungebeteten Blicken von der Wiese aus.
Gimli zwinkerte Legolas zu und versprach, daß dieser Ort bis zur Hochzeit so sein würde, wie der junge Elb es sich wünschte.
Vergnügt verließ Legolas seinen Freund. Er würde eine Überraschung für Nefhithwen haben und Gimli hatte eine Aufgabe, für die er bestens geeignet war. Der Elb wußte, daß er sich auf die Verschwiegenheit und Zuverlässigkeit des Zwerges verlassen konnte.
Legolas ging durch den Garten zurück zum Palast, er wollte Nefhithwen suchen und an ihrer Seite den Tag verbringen. Er fand sie auf einem Balkon auf die Stadt blickend. Leise trat er von hinten an sie heran, legte seine Arme um ihre Taille, zog sie sanft an seine Brust und vergrub sein Gesicht in der Flut ihrer lockigen Haare.
"Ich liebe dich," flüsterte er leise.
Nefhithwen wand sich in seinen Armen um und schloß ihre Arme um seinen Hals, küßte ihn zärtlich und erwiderte liebevoll:
"Wann darf ich dich endlich meinen Gemahl nennen, Geliebter? Wann aller Welt mein Glück zeigen?"
Legolas küßte abermals zärtlich ihre Lippen und erwiderte:
"Ich weiß nicht, mein Herz. Amarns Vater und viele der Menschen Galawaits stehen gegen mich und ich weiß nicht, was ich dagegen tun kann."
Die junge Königin aber lachte Legolas an, nahm seine Hand und zog ihn mit sich. Sie eilte mit ihm durch die Gänge des Palastes hinaus auf die Straßen der Stadt und rief ihm zu:
"Du hast viel geschlafen, mein Herz, und einiges versäumt."
Legolas folgte Nefhithwen willig, aber erstaunt.
'Was wollte sie ihm zeigen?'
Der junge Elb bremste seine Geliebte, hakte sich bei ihr ein und sie schlenderten durch die Stadt. Freundliche Menschen, lachende Gesichter begrüßten nicht nur Nefhithwen, sondern auch Legolas wurde mit einem zurückhaltenden Lächeln auf den Lippen scheu von vielen Menschen willkommen geheißen. Legolas wunderte sich über den Stimmungswandel und flüsterte Nefhithwen zu:
"Wie hast du das gemacht, was ist geschehen? Ich war gerade noch geduldet, aber nicht gerne gesehen."
Nefhithwen schmiegte sich an ihn und antwortete:
"Meine Männer schätzen und achten dich. Sie haben ihre Meinung im Volk kungetan, haben von dir berichtet, und auch vom Volk der Elben im Eryn Lasgalen und dessen Freundlichkeit. Aber du selbst hattest schon den Wandel eingeleitet, weil dein Verhalten so anders war, als man es erwartet hatte. Du hast ihr Bild von den Elben ins Wanken gebracht. Und nicht zuletzt dein Eintreten ohne Zögern für Amarn brachte sie zur Einsicht."
Plötzlich trat eine junge Frau mit einem kleinen Mädchen an der Hand in ihren Weg.
"Herr, erkennt Ihr mich noch?", fragte die junge Mutter.
Legolas nickte und ging in die Knie, sanft strich er mit seinen Fingern über die Wange des blonden Mädchens und nannte sie wie schon zuvor Glorfinniël Sindarin: Goldlöckchen. Er lächelte und sprach:
"Hallo, meine kleine Schönheit. Weißt du noch, wer ich bin? Du hast keine Angst mehr, oder?"
Statt einer Antwort erschien die kleine Hand des Mädchens hinter ihrem Rücken und sie hielt Legolas einen kleinen Strauß selbstgepflückter, sonnengelber Butterblumen hin.
Der junge Elb ergriff die Blümchen, nahm ihren Duft auf und strahlte. Legolas gab dem Mädchen einen Kuß auf die Stirn und flüsterte:
"Danke, meine Dame."
Der Prinz erhob sich wieder, blickte in die Augen der Mutter und fragte:
"Was hat Euch dazu bewegt mich anzusprechen, werte Dame? Ich bin nur ein Elb aus dem Eryn Lasgalen, ein von Euch verabscheuter Waldelb."
Legolas Worte klangen bitter und erinnerten an ihre letzten Worte.
Da hob die junge Frau ihre Hand, fuhr in einer scheuen Geste sanft über die Wange des Prinzen und antwortete:
"Verzeiht, mein Herr, ich habe Euch gekränkt, obwohl gerade Ihr es nicht verdient hattet. Ihr wart so gut zu meiner Tochter und ich vergalt es Euch mit meiner Wut ohne etwas von Euch zu wissen. Viele in dieser Stadt haben dies in den letzten Wochen und Tagen begriffen, denn die Soldaten der Königin, Brüder, Väter und Gemahle wurden nicht müde von Euch und den Elben des Eryn Lasgalen zu berichten. Vor vielen Jahren wurden Fehler von unseren Vätern gemacht, wir Kinder sollten nicht länger daran festhalten."
Legolas blickte einen Moment stumm in die Augen der jungen Frau und sie hatte das Gefühl sich in seinen Augen zu verlieren, dann brach er den Bann und sprach:
"Ihr habt weise gesprochen und dies ist auch mein Herzenswunsch. Ich wäre glücklich, wenn alle wie Ihr die Vergangenheit sehen und hinter sich lassen könnten."
In diesem Moment trat ein Mann aus der Menge und sprach:
"Seid unbesorgt, Prinz, es wird so kommen. Gebt uns nur noch ein wenig Zeit unsere Scham zu verlieren und zu unseren eigenen Fehlern zu stehen. Ich möchte damit beginnen, ein Vorbild sein und mich bei Euch entschuldigen."
Legolas wandte sich zum Sprecher um. Vor ihn getreten war Esranam, Vater Amarns und jener Mann, der ihn vor scheinbar langer Zeit in diesen Straßen angepöbelt und beschimpft hatte. Ein Raunen ging durch die Menschenmenge, die sich mittlerweile um Legolas und Nefhithwen gebildet hatte, denn Esranam war ein hochgeschätzter Mann unter den Menschen Galens und noch bevor Legolas etwas antworten konnte, rief der Ratsherr über die Menge hinweg:
"Ihr kennt mich alle und meinen Haß auf die Elben. Aber hier und heute bekenne ich vor Euch allen meine Schuld. Es war falsch, König Hûniest, der einst mein Freund war, zu verunglimpfen. Es war falsch, Euch gegen die Elben des Eryn Lasgalen aufzuhetzen. Es war falsch, die Schuld für mein eigenes Versagen bei anderen zu suchen."
Legolas wollte Esranams Selbstbezichtigung Einhalt gebieten und bat flehentlich:
"Ratsherr, bitte! Was immer der Grund war, es genügt, daß Ihr Euren Fehler erkannt habt."
Aber Esranam trat zu ihm ihn, legte eine Hand auf sein Herz und erwiderte:
"Nein, mein König, nun noch mehr sollen alle von meiner Schuld hören, um die Großmut in Euren Worten würdigen zu können."
Und abermals erhob der Ratsherr seine Stimme und sprach:
"Vor vielen Jahren liebte ich eine Elbin, war aber nicht in der Lage, sie glücklich zu machen. Ich war so selbstsüchtig, daß ich das Einzige, das ihr meine wahre Liebe gezeigt hätte, nicht tun konnte. Ich konnte sie nicht gen Valinor ziehen lassen. Der Vater unserer Königin hat dies statt meiner getan und dafür haßte ich ihn, und für den Schmerz, den sie mir scheinbar zufügten, haßte ich die Elben, statt meine Selbstsucht zu verdammen."
Esranam drehte sich zu Legolas, ging in die Knie und ließ weiter vernehmen:
"Vergebt mir, mein Prinz und zukünftiger König. Vergebt bitte einem Narren und werdet glücklich."
Der Kopf des Ratsherrn war tief auf seine Brust gesunken und seine Arme hingen schwer an seiner Seite herunter. Seine Worte hatten Legolas tief bewegt und zeigten ihm, welche Größe Amarns Vater hatte, wenn er nicht fehlgeleitet war. Er mußte sich tief beugen, um Esranam an seinen Schultern hochziehen zu können und erwiderte:
"Steht auf, Esranam, es ist genug. Macht Euch nicht kleiner als Ihr seid für einen Fehler aus Liebe geboren, vor dem keiner in Mittelerde gefeit ist. Steht auf und blickt mir beruhigten Gewissens ins Gesicht. Dies alles ist Vergangenheit, wir wollen gemeinsam eine neue Zukunft für Galen formen."
Esranam war beschämt und sah vor Tränen zunächst nicht die Hand, die ihm Legolas entgegenhielt, aber dann griff er zu und ein fester Handschlag besiegelte ihren Neubeginn.
Legolas erhob nun seinerseits das Wort und sprach zu den Galanern.
"Mein Vater hat ebenso wie Esranam aus verletzter Liebe falsch gehandelt. Er konnte seinem Bruder nicht vergeben, daß dieser Eryn Lasgalen verließ. Mein Vater hatte dem seinen ein Versprechen gegeben und Hûniest, der ihren gemeinsamen Vater nie kennengelernt hatte, und dem dieses Versprechen nichts bedeutete, brach es aus Liebe zu Nefhithwens Mutter. Wie Esranam konnte vor dreizehn Jahren mein Vater nicht über seinen Schatten springen und verdammte alles, was er als Grund für den Weggang seines Bruders erachtete. Er erkannte ebensowenig wie der Ratsherr, daß die Schuld bei ihm allein und niemand anderem lag und so kam Leid über Euch, für daß ich um Vergebung bitte. Ich kann das Geschehene nicht wandeln, nicht vergessen machen, aber ich bitte Euch, nehmt das Beispiel von Esranam und meinem Vater und macht es ihnen nicht gleich. Verurteilt nicht mich für eine Schuld, die nicht auf meinen Schultern ruht."
Legolas sah sich um, suchte die Blicke der Menschen, die schwiegen und nachdenklich ihre Augen gesenkt hatten. Unterdessen schob sich eine Frau durch ihre Reihen, trat schließlich aus der Masse hervor und ein Knabe warf sich Legolas mit einem Freudenschrei entgegen. Der Prinz hatte kaum Zeit zu reagieren, bevor ihn Arimar erreicht hatte und sich jubelnd in die Arme des geistesgegenwärtig in die Knie gegangenen Elben warf. Legolas drückte den Jungen an sich und blickte erstaunt hoch, als er Narith, die Mutter des Jungen vernahm:
"Meine Familie starb damals, Prinz. Und ich verabscheute Euch Elben. Als ich Euch das erste Mal traf, fürchtete ich um meinen Sohn, nur Schlimmes hatte man immer von den Elben erzählt bekommen, aber Ihr ward so anders als erwartet und ich habe meinen Mut Euch zu vertrauen nie bereut. Ihr seid noch immer herzlich willkommen in meinem Heim, Legolas, und als von meinen beiden Rabauken erwählter Ziehbruder werdet Ihr sehnlichst erwartet."
Und etwas schnorriger, mit einer liebevollen, rauchigen Stimme fügte sie an:
"Ihr habt Euch reichlich viel Zeit damit gelassen wieder aufzutauchen, Junge!"
Ein Lachen und Raunen ging ob des letzten Satzes Nariths durch die Menge und das Eis war endgültig gebrochen. Als Legolas von Arimar aus den Armen gelassen wurde und sich wieder aufrichten konnte, blickte er nur noch in freundliche Gesichter und die gelöste Stimmung war fast greifbar.
Legolas lachte Narith an, griff nach Nefhithwens Hand und zog sie mit sich, dabei erklärte er:
"Komm, mein Herz, Narith macht die besten Apfelküchlein, die ich je gegessen habe."
Nefhithwen fiel in das Lachen von Legolas ein und war glücklich, denn er klang so befreit und froh. Sein Gesicht strahlte mit Arimars um die Wette in Vorfreude auf Nariths Kochkunst. Jeder Mißmut der Menschen Galens ihm gegenüber in der Vergangenheit war vergessen und die Menschenmenge verstreute sich, allesamt über den jungen Elben und den Knaben schmunzelnd.
In den folgenden Tagen schlenderten Nefhithwen und Legolas häufig durch die Stadt, sprachen mit den Galanern und kamen so den Menschen und ihren Sorgen näher. Legolas wünschte und suchte den Kontakt. Er wollte an Nefhithwens Seite ein guter König sein. Er war zu einem Thronfolger erzogen, aber das Leben der Elben gestaltete sich anders als das der Menschen und Sorgen wie Krankheit, Hunger, Alter und Gebrechlichkeit kannte er in seinem Volk nicht. Er war mit Aragorn viel in Mittelerde unterwegs gewesen und diese Dinge waren ihm nicht mehr gänzlich fremd, aber hier wurden von ihm Hilfe und Beistand erwartet. Mehr und mehr gewann er die Achtung der Bevölkerung und durch sein stilles, zurückhaltendes Wesen machte er es den Menschen Galawaits leicht, ihn in ihrer Mitte aufzunehmen.
In den Nächten hingegen wandelte sich das Wesen Legolas und er wurde zum fordernden Liebhaber. Legolas und Nefhithwen liebten sich voller Zärtlichkeit und immer dringender wurde ihr Wunsch, sich endlich zu vermählen.
Es war bereits ein Monat seit ihrer Rückkehr nach Galawait vergangen, als Legolas sich auf den Weg machte, Esranam in seinem Haus aufzusuchen. Der Ratsherr hatte um einige Wochen Befreiung von seinen Pflichten gebeten und wollte sich ganz seiner Familie widmen, um Vieles der Vergangenheit aufzuarbeiten. Legolas hatte aber auch den Eindruck gewonnen, daß Esranam ihm etwas aus dem Weg ging, weil er trotz ihres Handschlages nicht wußte, wie der Prinz zu ihm stand. Legolas wollte ihn deshalb nicht in den Palast bitten und nicht als zukünftiger König empfangen, sondern als neuer Freund zu ihm gehen und um einen Gefallen bitten. Legolas hatte darüber nicht mit Nefhithwen gesprochen, aber er wollte als Zeichen der Aussöhnung Esranam bitten, den Termin ihrer Hochzeit zu verkünden und die Feier auszurichten. Er hatte immer noch Sorge, daß die Ankunft seiner Familie in Galawait zu Unruhen führen könnte, war sich aber sicher, daß ein weiser und diplomatisch geschickter Mann wie Amarns Vater in der Lage war eine solch schwierige Situation zu meistern. Zudem war Legolas überzeugt davon, daß König Aragorns Anwesenheit und der Respekt, der ihm entgegen gebracht wurde, das Übrige tun würde, um selbst die letzten Abgeneigten unter Kontrolle zu halten.
Legolas klopfte an die Türe des herrschaftlichen Hauses von Amarns Vater, und es war Esranam selbst, der ihm öffnete. Der Ratsherr blickte erstaunt, bat aber dann den Elben freundlich ins Haus und grüßte:
"Mein Prinz, ich grüße Euch, wenn Ihr Amarn sucht, er hat heute seinen Dienst in der Garde wieder aufgenommen."
Legolas erhob kurz abwehrend die Hand und antwortete:
"Ich grüße Euch ebenso, Rastherr, aber ich komme heute zu Euch und nicht zu Eurem Sohn."
"Zu mir?", fragte Esranam überrascht zurück, wies aber dann Legolas den Weg in die Bibliothek und bot ihm einen Platz an.
Legolas begann das Gespräch und erklärte:
"Ratsherr, Ihr habt Größe bewiesen und Nefhithwen hat mir von Eurem Dienst stets im Sinne des Volkes berichtet. Ich stimme ihr vollkommen zu, daß ein Mann wie Ihr als Ratsherr unentbehrlich für eine gute Regierung und das Wohl des Volkes ist. Deshalb bitte ich Euch, möglichst bald Euren Platz wieder einzunehmen und dies mit der Erfüllung einer Bitte von mir zu verknüpfen."
Esranam war sprachlos. Daß ihn auch der Prinz wieder an seinem Platz sehen wollte und ihn sogar persönlich dazu aufforderte, hatte er nicht erwartet. Sicher hatten sie die Vergangenheit ausgeräumt und sich die Hände gereicht, aber Vertrauen und Achtung mußte man sich verdienen und da sah Amarns Vater noch einen großen Nachholbedarf für sich. Er hatte ungeachtet der Worte seiner Königin nicht damit gerechnet, daß sein zukünftiger König es ihm so leicht machen würde. Und er wurde von den nächsten Worten Legolas noch weiter überrascht.
Legolas ahnte den Gedankengang des Ratsherrn und fügte seiner Rede an:
"Ratsherr, wir fangen beide neu an. Ihr beginnt ein Leben ohne Haß und ich ein Leben als Regent für ein mir fremdes Volk. Ich bin als Thronfolger meines Vater aufgewachsen, aber die Geschicke der Elben sind andere als der Menschen und ich will, daß es allen gut geht und wie Hûniest ein guter und weiser König werden, aber dazu brauche ich vor allem jetzt zu Beginn die Hilfe von vernünftigen und geradlinigen Beratern. Um meinen Willen ohne Zweifel allen zu zeigen und die Aussöhnung zwischen uns zu stärken, bitte ich Euch den Vermählungstermin von Nefhithwen und mir festzulegen, bekanntzugeben und die Hochzeit auszurichten. Daß meine Familie mit einer Delegation an Elben dabei zugegen sein wird, muß Euch aber klar sein."
Esranam blickte den Elben staunend und doch dankbar an und erwiderte dann ehrerbietig:
"Herr, es wird mir eine Ehre sein und ich fühle mich zutiefst von Euren Worten berührt und danke Euch. Ja, die Vergangenheit konnte ich endlich los lassen und ich freue mich nun darauf, daß ich daran teilhaben darf mit Euch eine neue Zukunft für Galen aufzubauen. Ich werde mein Bestes geben, das verspreche ich Euch."
Legolas lächelte ob dieser Worte, bot dem Ratsherrn erneut die Hand und sprach dabei:
"Esranam, Euer Sohn ist mein Freund und Ihr werdet mir zweifellos ein hervorragender Ratgeber sein, ich bitte Euch, mich mit meinem Namen anzusprechen und solltet Ihr dies in der Öffentlichkeit nicht passend finden, so doch wenigstens, wenn wir unter vier Augen miteinander verkehren."
Esranam schluckte, dies war ein Vertrauensbeweis, wie er ihn für die Zukunft nur erhoffen konnte, aber nie erwartet hatte. Er schlug in die dargebotene Hand ein, und blickte Legolas offen und voller Achtung schweigend an. In Gedanken aber schwor er sich:
'Ihr werdet dies nie bereuen, mein Prinz, mein König, und in Gedenken an Hûniest will ich Euch der Freund sein, der ich ihm hätte sein sollen.'
Legolas nickte und merkte dann bevor er sich verabschiedete, noch in eben jenem persönlichen Ton, den er gerade Esranam angeboten hatte, an:
"Laß mich bitte bald wissen, welchen Tag du für die Vermählung für geeignet halten würdest, damit ich meiner Familie Nachricht senden kann. Und wähle nicht einen Tag in allzu weiter Ferne," er lachte leise, "ich will nicht länger warten."
Sanft lächelnd wandte er sich dann ab und verließ das Haus seines neuen Freundes. Esranam stand noch lange in der Bibliothek und blickte auf die Tür, die sich hinter dem Elben geschlossen hatte. So viel war in diesen wenigen Augenblicken in diesem Raum geschehen. Es war ihm, als wäre er zum Anfang zurückgekehrt, als würden die Götter ihm, nach dem Leid der Vergangenheit, eigenständig den Wandel seiner Geschichte gewähren. Esranam wollte dieses Geschenk mit Freude und Vertrauen für die kommenden Jahre annehmen und alles daransetzen, das Bestes daraus zu machen.
Drei Tage später suchte Esranam seine Königin und seinen zukünftigen König in ihren Gemächern auf um ihnen den Tag der Vermählung mitzuteilen und ihre Wünsche zu diesem Fest zu hören. Nach Anmeldung seiner Person durfte er eintreten und er verneigte sich tief vor seinem Herrscherpaar. Nefhithwen begrüßte ihn freundlich:
"Esranam, was führt Euch zu uns? Nehmt Platz und sprecht."
Esranam setzte sich und folgte der Aufforderung der Königin:
"Meine Herrin, Eure Vermählung mit Prinz Legolas vom Eryn Lasgalen, Thronfolger von Thranduil Oropher, sollte am folgenden Vollmondtag stattfinden. Die Gelehrten halten diesen Tag für ein gutes Datum und ich würde gerne, wenn Ihr zustimmt, diesen Tag heute noch verkünden lassen."
Legolas antwortete, bevor Nefhithwen sich von ihrer Überraschung erholte:
"Dies ist eine gute Wahl, Esranam, wenn auch sehr knapp für die Vorbereitungen und die Einladungen der Gäste."
Legolas blickte nun zu Nefhithwen, die ihn ganz erstaunt ansah, weil er so gar nicht überrascht klang, küßte sie flüchtig auf die Lippen und flüsterte nur:
"Ich habe ihn dazu vor kurzem angestiftet und mit der Erfüllung meiner Bitte nimmt er auch wieder seinen Platz als Ratsherr und enger Vertrauter unserer Familie ein."
Esranam hatte die geflüsterten Worte gehört und war erneut tief berührt über das Vertrauen, das ihm der Elbenprinz entgegenbrachte.
Nefhithwen brachte noch immer keinen Ton hervor und Esranam wurde schon unruhig in der Erwartung, daß ihr diese Vorgehensweise ihrer Hochzeitsverkündung nicht genehm sein würde. Legolas aber lachte ob seiner schweigsamen Geliebten, zog sie sanft in seine Arme, vergaß völlig den anwesenden Ratsherrn, der gar nicht wußte wo er hinsehen sollte, und küßte voller Zärtlichkeit Nefhithwen. Dann fragte er mit samtweicher Stimme neckend:
"Du hast es dir doch nicht anders überlegt und willst gar nicht mehr mein Weib werden? Bin ich dir vielleicht nicht mehr genug und langweile dich bereits?"
Nun mußte Nefhithwen lachen. Sie gab Legolas einen leichten Stoß vor die Brust und meinte nur:
"Du bist unmöglich, Prinz!"
Dann wandte sie sich in den Armen Legolas' um und sprach zu Esranam:
"Der von Euch ausgewählte Tag ist wunderbar, Ratsherr, und ich danke Euch, daß Ihr Euch der Festvorbereitungen annehmen wollt."
Esranam, der, auch wenn er tunlichst nicht das Paar beobachtet hatte, sich ein Schmunzeln über das Gehörte nicht verkneifen konnte, erwiderte mit einem leisen Glucksen in der Stimme:
"Es ist mir eine Freude, Herrin, und wenn Ihr mir baldigst eine Liste der gewünschten Gäste geben könntet, werde ich eiligst Boten entsenden, auch ihnen von Eurer Vermählung zu künden."
Mit diesen Worten verneigte sich Amarns Vater nochmals und verließ dann die Gemächer. Sein Gesicht strahlte und seine Augen lachten ob dieses verliebten Paares, das in seinen Augen noch so jung war. Einmal mehr hatte Legolas' Wesen, seine Jugend und seine Natürlichkeit vergessen gemacht, um wieviel älter als alle um ihn herum er war.
