18. Auf in den Kampf! Aber schlussendlich zog ich dann doch ohne Waffe aus dem Haus… - TEIL 2


Was zuvor geschah…

Der nächste Schritt zurück in mein Leben stand kurz bevor…und ich hoffte zum ersten Mal, nicht wieder zu stolpern. Jess hatte ganze Arbeit geleistet, aber meine Gedanken kreisten um so viele Dinge, dass es mir unmöglich schien, überhaupt noch die richtigen Worte zu finden. So wurde mein Unbehagen immer stärker und erreichte seinen Höhepunkt in diesem Moment, als ich die wenigen Stufen zur Tür der kleinen Kapelle erklomm. Drinnen erwarteten mich Rebecca, deren Ehemann, Rachel und viele andere. Jeder wollte irgendetwas loswerden, aber was genau, das wusste wohl niemand so richtig. Schließlich wurde ich aufgerufen, einige Worte an meinen toten Vater zu richten. Und tatsächlich schaffte ich es, über meinen Schatten zu springen. Trotz dessen, dass ich mich unwohl fühlte, dass ich gehen wollte… Ich schaffte es, mich aufzuraffen, und verlieh meiner Bewunderung über Jess' Art des Denkens über den Tod Ausdruck.


Wie gewöhnlich regnete es, als man ihn beisetzte. Jeder, ohne Ausnahme, trug einen schwarzen Mantel oder wenigstens eine Jacke dunkler Farbe. Wieder musste ich diese Worte hören, die eben drinnen schon an mir vorbeigezogen waren wie Wolken am Gewitterhimmel. Ich hatte genug gehört und genug ertragen und dennoch stand ich hier. Es gehörte so, natürlich. Aber das änderte nicht, dass mir der Sarg dort in diesem tiefen und trostlosen Loch falsch vorkam. Dass mein Vater darin war und gerade das letzte Mal an der Erdoberfläche verweilte, wollte und konnte ich mir nicht vorstellen. Vielleicht lag es daran, dass ich ihn nicht sehen und somit begreifen konnte, dass er tatsächlich tot, ja, unlängst verstorben war. Vielleicht aber auch, weil ich dem jungen Jake noch so viel ähnlicher war, als dem eigentlichen Jacob Black, der ich sein sollte.

Seitdem wir nun hier standen, hielt Jess meine Hand. Sie tat es, ohne dass es jemand anderem auffallen würde, obwohl ich den Sinn dessen nicht erschließen konnte. Ich glaubte, sie wollte mir damit helfen, nur schien mir diese Art der Hilfe merkwürdig. Schließlich gab mir das nur noch mehr das Gefühl, schwach und angreifbar zu sein und etwas verloren zu haben, das nicht wiederkommen und mich aufgrund dessen noch lange in Trauer darum hüllen würde. Auch, wenn das der Wahrheit entsprach, so wollte ich es nicht hören. Ich wollte glauben, dass alles gut sein würde und das schon sehr bald. Nur wollte das nicht so recht funktionieren, besonders nicht, da nun der Augenblick gekommen war, den letzten Blick auf ihn zu werfen. Jess zog mich mit sich, den Sarg zu betrachten und mit etwas Dreck dazu beizutragen, meinen Vater der Erde zu übergeben. Sie nahm eine Hand voll davon, trat näher zum Abgrund und ließ es fallen. Es folgte eine Rose, die mehr braun als rot erschien und mich wütend stimmte. Als sie sich daraufhin nach mir umsah, ließ ich den Blick gesenkt, wiederholte, was sie eben getan hatte, und trat zurück, weil ich nicht länger hinsehen wollte. Ich sehnte mich nach einem Zimmer, in das ich mich sperren und mich einfach nur der Ruhe hingeben konnte. Ich wünschte, dass es dunkel dort war und warm und dass ich mich auf ein Bett legen und mich in dessen Kissen verstecken konnte. Nur würde es dauern, bis mir das vergönnt war.


„Sie haben gesagt, dass du hier bist. Embry wollte gern mit dir sprechen, also dachte ich, dass ich frage, ob du ihn sehen möchtest."

Als würde sie fürchten, ich könnte ihn hinrichten, nur weil ich ihn im Moment nicht sehen wollte und er ohne Vorwarnung zu mir kam. Ich wollte tatsächlich nicht, dass er herkam. Ich wollte nicht, dass überhaupt irgendwer jetzt hier war.

„Vielleicht hast du später einen Moment, um mit ihm zu reden. Ich glaube, es wäre gut für dich.", sagte sie und machte kehrt, um den Raum wieder zu verlassen. Ich wollte mich nicht umdrehen, noch wollte ich sie sehen. Nein, ich wollte nicht, dass sie mich sah. Jess hielt inne: „Es fängt gleich an. Ich dulde nicht, dass du zu spät kommst." Ich schnaubte und wischte mir eine weitere vermaledeite Träne aus den Augen. Sie sprach, als wäre es meine Pflicht, diesen ganzen Müll hier zu ertragen. Als müsste ich das alles tun, weil man es von mir verlangte und besonders, weil sie das tat. Sie wusste, dass es mir nicht leicht fiel, sie wusste es so gut wie niemand und doch zwang sie mich in diese Rolle, die ich einzunehmen noch nicht bereit war.

„Es ist ein Tag des Abschieds, Jacob. Ein Tag, der deinem Vater gehört und ich erwarte, dass du ihn ihm auch widmest."

Ich dachte, sie wäre fort, doch wie so oft in letzter Zeit hatte ich mich getäuscht.

„Das Essen ist bereits angerichtet."

„Kein Bedarf.", murmelte ich so leise, wie ich nur konnte, um jedes Schluchzen zu verbergen. Ich hatte genug gehört und vor allem gesehen und ertragen. Irgendwann war das Maß voll, ja, kurz vorm Überlaufen.

„Ich hoffe, das ist ein schlechter Scherz.", sagte sie: „Nur noch dieses eine Essen. Danach fahren wir nach Hause und du kannst tun, was immer du möchtest. Danach ist es vorbei. Du musst nicht länger vorgeben, dass dir das hier nichts ausmacht. …eigentlich musst du das jetzt auch nicht." Natürlich war es vorbei. Alles war vorbei. Die Tür schloss sich, doch von der falschen Seite. Sie kam auf mich zu und ich senkte schnell den Kopf, um dem Folgenden aus dem Weg zu gehen.

„Ich habe die Tafel gesehen…dir würde gefallen, was man angerichtet hat. Vielleicht –"

„Dieser verdammte Braten kann mir gestohlen bleiben! Kapierst du das nicht?", fuhr ich sie an, bevor ich mich im nächsten Moment sofort wieder versteckte. Mein Herz raste und ich hörte meinen Puls in meinen Ohren rauschen. Beim Zittern meiner Arme fühlte ich mich schwach und viel zu stark zugleich. Ich erinnerte mich, als es mir zum letzten Mal so ergangen war. An Esmes Geburtstag hatte ich ebenfalls die Kontrolle verloren auf eine Weise, wie ich es nicht von mir kannte. Ich hielt die Luft an und schloss die Augen, um wieder etwas ruhiger zu werden.

„Geh.", presste ich hervor und kauerte mich auf dem knarrenden Holzstuhl zusammen. Jess blieb, wo sie war.

Geh schon!"

Ein erneuter Schauer durchfuhr mich und ich zwang mich, ein Wimmern zu unterdrücken. Ich lauschte meinem Herzschlag, doch er war so schnell, dass ich dadurch nicht zur Ruhe kommen, sondern nur noch mehr aus der Haut fahren konnte. Da war dieser Impuls, aufzuspringen und Jess deutlich zu machen, wie ernst es mir war, doch ich konnte mich gerade so zurückhalten. Ich wollte nicht akzeptieren, dass ich auf Dads Beerdingung völlig die Nerven verlor. Aber so weit würde es nicht kommen. Jess kniete an meiner Seite nieder, sie schlang die Arme halb um mich und bettete ihren Kopf an meiner Schulter. Als ich ihre Wärme spürte und ihre Gelassenheit, schien die Welt stehenzubleiben. Ich wollte, dass sie ging und doch bemerkte ich, dass es so viel besser war, wenn sie bei mir blieb. Ich wollte, dass sie mich nicht so sah und doch war nichts dabei, denn sie akzeptierte auch diese Seite von mir. Sie nahm hin, wie ich mit ihr sprach. Sie half mir, wenn ich sie von mir stieß. Sie war…sie war zu gut, als dass ich sie verdiente. Nur durfte ich ihr nicht sagen, dass es so war, da sie das womöglich weder hören noch glauben würde.

Als ich mich entspannt hatte und wieder normal atmen konnte, war nicht länger Zeit für Gespräche.

„Komm, lass uns gehen. Sie warten sicher schon.", flüsterte Jess mit müder Stimme und nahm meine Hand.


Wenn selbst das Bild, das man so gut kannte wie kein anderes, das Bild, dass man sah, wenn man zum Fenster seines Zimmers hinausblickte, einem merkwürdig fremd vorkam und dadurch umso interessanter, so handelte es sich um einen Moment, der schnell kam und auch bald wieder verflogen war. Ich wollte behaupten, ich wäre einsam oder gelangweilt oder auch beides zur selben Zeit, nur wusste ich einfach nichts mit dem Rest eines solchen Tages anzufangen. Er würde vorbei sein, bevor ich es bemerkte, hoffte ich, aber dem würde wohl kaum so sein. Zeit, die vergehen sollte, verging bekanntlich nicht und trug nur dazu bei, dass man sich noch elender fühlte, als es überhaupt schon der Fall war.

Ich erwartete, dass sie sagte, ich solle mir eine bessere Beschäftigung als das notorische Anstarren ungeputzter Fensterscheiben suchen, aber wie zu erwarten, war dem nicht so. Jess handelte immer anders, als ich es erwartete. Nur zu gern würde ich wissen wollen, warum.

„Ich glaube, es würde mir gefallen, etwas frische Luft zu schnappen."

Ich bezweifelte, dass sie um Erlaubnis bat. Sie legte ihre Hände auf meine Schultern.

„Aber noch viel besser würde mir das gefallen, wenn ich nicht allein wäre.", sagte sie leise, um die schwere Stille im Raum nicht zu stören, doch das tat sie sowieso nicht. Das könnte sie nie. Die Stille war angenehm, gewiss war sie das, besonders nach so einem Tag. Doch ihr konnte ich es nicht übel nehmen, denn wenn ich eines ebenso sehr mochte, wie Ruhe, dann musste es wohl ihre Stimme sein. Ich wusste nicht, wann mir das aufgefallen war, aber in der Tat ging es mir schon eine ganze Weile so.

„Vielleicht solltest du neben mir laufen und meine Hand dabei halten? Neuerdings habe ich öfter kalte Hände, weißt du. Es ist unangenehm, vor allem, weil ich keine Handschuhe habe, die etwas daran ändern könnten…"

Ihre Stimme ähnelte mehr einem Schnurren, als irgendeiner Sprache. Ich musste schmunzeln, als ich bemerkte, was sie vorhatte. Es funktionierte, natürlich funktionierte es.

„Sag mir nicht, dass darauf schon mal jemand hereingefallen ist." Tatsächlich brachte ich ein Grinsen zustande.

„Für gewöhnlich fällt jeder auf diesen Trick herein. Vielleicht auch deshalb, weil es gar kein Trick ist."

Sie legte ihre Hände an meinen Hals und ich zuckte zusammen bei der Kälte, die sie ausstrahlten. Ich drehte mich um und begegnete ihrem im Gegensatz dazu warmen Lächeln: „Ich sagte doch, dass ich kalte Hände habe. Und jetzt komm und wärm sie mir."

Ich fühlte mich tatsächlich besser, nachdem wir ein Stück gegangen waren. Die Luft war kühl und obwohl es aufgrund des Regens nass war, gefiel es mir so gut wie schon lange nicht mehr, draußen zu sein. Jess' Hände hatte ich inzwischen einigermaßen aufgewärmt, nur konnte ich immer nur eine von beiden halten, wenn wir denn währenddessen weiter gehen wollten.

Wir hatten nicht gesprochen, bis das Haus bereits wieder in Sicht war. Ich wollte gern mit ihr sprechen, nur wusste ich nicht, worüber. Vielleicht war es besser so.

„Ich möchte nicht, dass du länger auf dem Sofa schläfst. Es gefällt mir nicht, dass du Rückenschmerzen hast, während ich mich in deinem Zimmer einniste und dein Bett beanspruche.", gestand Jess und überraschte mich damit. Bisher war das in Ordnung gewesen – für uns beide. Jetzt wirkte sie jedoch wirklich unglücklich darüber.

„Ich habe es dir gern angeboten, schließlich sollst du bleiben. Und eigentlich ist das Sofa gar nicht so unbequem."

„Das sagst du nur, weil du schon gar nicht mehr weißt, wie schön ein Bett sein kann.", lachte sie, doch es hielt nicht lange an: „Ich dachte, du würdest dein eigenes Bett bekommen. Wir könnten…" Sie bemerkte meinen Blick und verstummte. Ich fühlte mich unwohl. Genau das war der Grund, weswegen ich nicht hatte reden wollen. Weswegen Ruhe so angenehm war.

„Du weißt, dass ich das nicht kann. Dieses Zimmer, es ist…ich kann das nicht. Es geht nicht.", sagte ich schlicht und hoffte, dass sie meine Angst nicht bemerkte. Es fiel mir schwer, das zuzugeben, aber allein der Gedanke daran, in das Zimmer meiner Eltern zu gehen, war…ich wollte es mir nicht annähern vorstellen. Womöglich würde ich es nicht einmal durch die Tür schaffen, weil ich genau wusste, was mich dahinter erwartete. Und auf diese Art der Erinnerung konnte ich mehr als nur verzichten. Solange ich diesen einen Raum mied, konnte ich sie wegsperren und es war gut so. Vielleicht nicht auf ewig, aber für jetzt. Jess stoppte mich: „Ich erwarte auch gar nicht, dass du das tust. Ich hatte eine andere Idee, ich meine, was ist mit den anderen beiden Zimmern? Deine Schwestern sind schon lange ausgezogen und ich dachte, dass ich eines ihrer Zimmer nehmen könnte. Dann kannst du auch wieder in deinem eigenen Bett schlafen." Sie hatte diesen Gedanken geweckt, sie konnte ihn nicht einfach wieder fort schicken.

„Die Zimmer sind leer, Rebecca und Rachel haben die Einrichtung mitgenommen, als sie gegangen sind."

Ihr musste wohl klar sein, dass ich nicht weiter reden wollte und auch, warum es so war. Ich wünschte, ich könnte ihr gegenüber verschlossener sein. Besonders in solchen Situationen.

„Ich weiß. …eigentlich wollte ich fragen, ob du mit mir in die Stadt fahren würdest. Ich brauche nur einen Schrank und ein Bett, nichts weiter. Etwas Geld habe ich, ich hoffe, es reicht für beides.", sagte sie schnell und ich sah ihr an, dass sie sich wünschte, es nicht geäußert zu haben. Ich sah, dass sie mich nicht zusätzlich belasten wollte, obwohl sie es gerade eben getan hatte. Sie hatte nichts von mir verlangt und doch…fühlte ich mich nun elender als zuvor. Und das aufgrund eines einzelnen Gedanken, den sie in mir geweckt hatte. Ich war schlicht und einfach nicht bereit, mich all dem zu stellen. Und deshalb war mir im Moment alles, das nichts damit zu tun hatte, willkommen.

„Wir werden deinen Pickup brauchen.", erwiderte ich nur und versuchte, ihr etwas von dem zurückzugeben, das sie mir die ganze Zeit über schon gab. Etwas, das wohl unbezahlbar war.