1917, nahe Columbus, Ohio
Nervös betrachtete Esme ihr Spiegelbild, ihre Hände umklammerten den Strauß wilder Blumen, ihr Kopf war mit dem weißen Schleier aus zarter Spitze geschmückt.
Sollte es nicht ihr Freudentag sein? Sie würde endlich heiraten, das war ein Grund für jede junge Frau sich zu freuen. All ihre Freundinnen waren ganz aufgeregt. Sie waren alle längst unter der Haube, die meisten von ihnen hatten bereits ein bezauberndes Baby oder waren in anderen Umständen. Esme war die letzte von ihnen, die heiraten würde. Endlich.
Endlich?
Genau genommen hatte sie nur auf Drängen ihrer Eltern zugestimmt. Sie wusste, dass sie zu alt war für die lächerlichen Träumereien, die sie noch immer heimsuchten. In ihren Träumen war sie glücklich. Er hielt darin um ihre Hand an, er führte sie zum Traualtar und er wurde dann zum Vater ihrer Kinder. Sie kochte ihm sein Lieblingsessen, während er im Krankenhaus arbeitete. Sie dachte an seine goldenen Augen, sein zurückhaltendes Lächeln bei dem er niemals seine Zähne zeigte, die zart hochgezogenen Mundwinkel. Sie hörte seine glockenreine Stimme, wusste, dass nicht nur sie ihm zuzuhören hatte, sondern dass auch er ein Ohr für ihre Meinung hatte.
Doch die Realität war eine andere. Er war weit fort, sie wusste nicht einmal wohin. Wahrscheinlich war er ohnehin längst glücklich verheiratet, hielt längst seine Kinder auf den Knien, gab einer anderen Frau einen liebevollen Kuss, wenn er nach Hause kam. Er würde niemals zurück kehren, würde niemals um Esmes Hand anhalten. Esme wusste das. Sie hatte es immer gewusst. Und dennoch hatte sie sich gerne in jene Fantasien gestürzt. Hatte davon geträumt wie er mit der nächsten Postkutsche kam, wie er nach ihr fragte, voller Sorge sie könnte bereits mit einem anderen verheiratet sein.
Aber es war Zeit vernünftig zu sein. Einzusehen, dass dies alles nur Träume waren und niemals zur Realität werden würden. Es war an der Zeit zu heiraten, Träume zu begraben und in der Wirklichkeit zu leben. Und so hatte sie dem Drängen ihrer Eltern nachgegeben und war auf Charles' werben eingegangen. Er war so anders als er, ein eher grobschlächtiger Mann, dessen trübe Augen niemals glänzten, dessen Gesicht von Pockennarben gezeichnet war und dem schon in jungem Alter die Haare langsam ausgingen. Sie schalt sich selbst dafür, dass sie so oberflächlich war und so sah sie über das Äußere hinweg und bemühte sich ehrlich, das liebenswerte in Charles zu finden. Doch es wollte ihr nicht recht gelingen.
„Esme", schalt sie sich selbst. „Er ist ein redlicher Mann, höflich, mit gutem Einkommen. Es wird dir nicht schlecht gehen."
Und so atmete sie tief ein, schloss für einen kurzen Moment die Augen, ehe sie sich fest entschlossen umdrehte und zur Tür ging. Ihr Vater wartete draußen bereits auf sie, um sie zum Altar zu führen. Ja, es würde ein gutes Leben mit ihrem Zukünftigen haben, dachte sie.
Als er sie in der folgenden Nacht unsanft auf das Bett stieß, ihr das Hochzeitskleid vom Körper riss und so grob in sie eindrang, dass sie vor Schmerz aufschrie, da glaubte sie noch immer, dass sie es gut haben würde. Er hatte nur ein wenig zuviel getrunken auf der Feier, um jetzt in ihrer Hochzeitsnacht behutsam mit ihr zu sein. Und hatten ihre Freundinnen nicht gesagt, dass es beim ersten mal immer weh tat?
Doch als er sie am nächsten Morgen aus dem Bett schubste, so dass sie sich den Kopf am Nachtisch anschlug, mit den groben Worten: „Steh auf Weib, du bist nicht hier zum Faulenzen, mach gefälligst das Frühstück!", musste sie bereits mit den Tränen kämpfen. Hätte sie geahnt, wie viel schlimmer es noch werden würde, dann hätte sie ihre Tränen wohl nicht mehr zurückhalten können. Doch so stand sie auf, rieb sich den schmerzenden Kopf und versuchte das heftige Brennen in ihrem Unterleib zu ignorieren.
Nach einer Woche wusste sie, dass sie in der Hölle war. Und niemand kam und rettete sie. Selbst als sie nach Hilfe schrie, ihre Eltern anflehte sie zurück zu nehmen, da drehten sie ihr nur den Rücken zu. Sie schimpften mit ihr, sagten ihr, dass es ihre eigene Schuld sei. Sie solle eine brave und fleißige Hausfrau sein, ihm keinen Grund zu klagen geben und dann würde er sie auch gut behandeln.
Niemand glaubte ihr, dass es egal war wie sehr sie sich bemühte, sobald die Tür hinter Charles und ihr verschlossen war, schlug und vergewaltigte er sie.
Und als die Vereinigten Staaten in den Krieg eintraten, da weinten ihre Freundinnen aus Angst um ihre Männer, die eingezogen wurden. Auch Esme weinte, als Charles in den Krieg zog. Doch sie weinte nicht aus Angst um sein Leben, sondern vor Erleichterung.
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