Adam ließ seinen Stift auf den Tisch fallen, lehnte sich zurück und rieb sich die Augen. Morgen fand die letzte Prüfung in diesem Semester statt. Danach würde er ein paar Tage den Sommer genießen, bevor er wieder ins Büro zu Mr. Graham musste. Er schaute auf die Uhr und fragte sich, wo Frederic so lange blieb. Auch er wollte doch noch einmal in die Bücher sehen. Adam überlegte gerade, ob er sich noch einen frischen Kaffee machen sollte, als die Tür aufgerissen wurde und ein hektischer Frederic ins Haus stürzte.
Adams Freund lief leise fluchend zwischen Wohnzimmer und Küche hin und her und Adam folgte ihm mit seinen Augen. „Willst du mir erzählen, was die Ursache für den Sturm in deinem Herzen ist?"
Frederic blieb vor Adam stehen. Seine Haare waren zerzaust und seine Stimme überschlug sich vor Stress. „Adam, das ist kein Sturm, das ist ein ausgemachter Orkan."
Frederic lief wieder in Richtung Küche. Adam lehnte sich vor. „Ich gehe davon aus, dass Giovanna schwanger ist."
Sein Freund blieb abrupt stehen. „Woher weißt du das?"
„Es kann nur zwei Gründe geben, warum du so aufgeregt bist. Entweder du hast das Konto von deinem Vater leer geräumt oder Giovanna ist schwanger. Da du hier stehst und nicht mit einem Clipper auf dem Weg nach Frankreich bist, kommt nur der zweite Grund in Betracht."
Frederic blickte Adam böse an. „Kannst du bitte aufhören, so überheblich zu sein?"
Adam stand auf und ging zu seinem Freund. „Du musst nicht mit mir sauer sein, weil du ein Problem hast, mit dem du anscheinend nicht klar kommst."
Frederic schaute Adam noch einmal kurz an, lief dann ins Wohnzimmer und ließ sich in einen Sessel fallen, um dann jedoch nach kurzer Zeit wieder aufzustehen. „Adam, sage mir bitte, was ich jetzt machen soll."
„Warum sollte ich das machen? Du hast ja auch nicht auf das gehört, was ich dir im Januar gesagt habe."
„Ja genau, Adam, das ist jetzt das, was ich brauche. Dass du mich behandelst wie mein Vater und den Moralapostel spielst."
Adam verschränkte seine Arme. „Frederic, ich will dich sicher nicht behandeln wie dein Vater, aber ich habe dir gesagt, dass du dir mit Giovanna sicher sein sollst. Dass du sie nicht benutzen darfst und so wie es aussieht, hast du meinen Rat nicht befolgt."
Frederic war mit einem Satz bei Adam und funkelte ihn böse an. „Höre damit auf, Adam. Ich kenne dich jetzt schon so lange und ich habe mehr als einmal gesehen, dass du auch keine Gelegenheit auslässt."
Unbeweglich stand Adam vor Frederic. „Ich weiß aber auch, wo meine Grenzen sind."
„Natürlich, du hast ja alles immer unter Kontrolle." Frederic tippte sich mit dem Finger gegen die Stirn. „ Das ist doch Blödsinn. Du kannst mir nicht erzählen, dass du nicht auch mal deinen Spaß haben willst."
Adam atmete tief durch. „Den werde ich sicher nicht mit einem der Mädchen haben, mit denen wir unterwegs waren. Den suche ich mir woanders, aber das ist jetzt nicht das Thema."
Frederics Blick hatte sich noch nicht verändert. „Ich bezweifle, ob du dabei Spaß haben kannst. Dann müsstest du ja mal die Kontrolle verlieren."
„FREDERIC…"
Frederic ging sich mit dem Finger durch die Haare und lief wieder ins Wohnzimmer. „Entschuldige, Adam. Es tut mir leid….. ,aber ich weiß wirklich nicht, was ich machen soll."
Adam folgte seinem Freund und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Frederic, mir ist nicht ganz klar, warum du dich das fragen musst? Du bist für die Konsequenzen deines Handelns verantwortlich."
Adams Freund legte seine Hand vor die Augen. „Warum passiert mir so etwas und nicht dir."
„Das Thema hatten wir schon….Frederic, wovor hast du Angst?"
„Adam, das weißt du doch ganz genau. Mein Vater wird außer sich sein. Er wird mich aus dem Haus werfen und mich enterben."
„Ich frage mich gerade, was dir wichtiger ist. Dein Vater oder Giovanna? Ich bin davon ausgegangen, dass deine Gefühle für sie echt sind. Hast du wirklich nur mit ihr gespielt?"
Frederic setzte sich auf die Stuhllehne. „Ja…ich meine nein…also…." Er holte tief Luft. „Ja, ich liebe sie. Ich habe nicht mit ihr gespielt, aber ich wollte meinen Vater langsam darauf vorbereiten und Giovanna dann nach unserem Abschluss heiraten. Ich weiß doch nicht, wie er reagieren wird und wenn er mich raus wirft, hätte ich mir dann woanders eine Arbeit gesucht." Er sah Adam nun direkt an. „Wenn ich es ihm jetzt sage, dann schmeißt er mich raus und ich stehe da."
Adam lehnte sich auf den Sessel, der Frederic gegenüber stand. „Du hast zwei Möglichkeiten. Entweder, löst du dein Problem wie die meisten deiner Freunde und bietest Giovanna genug Geld, damit sie aus deinem Leben verschwindet, oder du wirst erwachsen und fängst an, dein eigenes Leben zu leben, und zwar ohne deinen Vater." Adam machte eine kurze Pause. „Aber eins sage ich dir jetzt schon. Wenn du dich für die erste Möglichkeit entscheidest, dann fliegst du aus meinem Haus raus und ich vergesse sehr schnell, dass du mein Freund bist."
Mit Entsetzen in den Augen sah Frederic ihn an. „Ich werde ihr sicher kein Geld bieten, aber ich weiß auch nicht, wie ich uns ohne meinen Vater über die Runden bringen soll."
„Frederic, es gibt für jedes Problem eine Lösung. Siehst du keine Lösung, liegt das Problem bei dir."
Frederic war verwundert. Er wusste nicht, was Adam damit meinte. „Ja, ich sehe keine Lösung, aber ich sehe aber auch nicht, warum ich das Problem sein soll? Es ist mein Vater."
„Frederic, was sollte dein erster Gedanke sein?" Da Adam keine Antwort bekam, stieß er sich vom Sessel ab und lief in Richtung Küche. „Dann gehe ich davon aus, dass du Giovanna nicht wirklich liebst."
Frederic sprang von der Lehne hoch und folgte Adam. „Natürlich liebe ich sie. Was soll das Adam?"
„Dann frage ich mich, warum du dir mehr Sorgen um deinen Vater machst, als um Giovanna? Wo ist sie eigentlich? Solltest du jetzt nicht bei ihr sein?"
„Sie ist unten am Strand beim Fischerdorf."
„Wie bitte?" Jetzt sah Adam ihn entsetzt an. „Frederic, du willst mir doch nicht etwa sagen, sie hat es dir gerade am Strand gesagt und du hast sie einfach stehen lassen?"
Frederic ließ den Kopf hängen und nickte. Adam stemmte die Hände in die Seite und blickte zur Decke. Da er keine unbedachten Pfeile verschießen wollte, versuchte er wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Nach einiger Zeit sah er wieder zu seinem Freund. Mit neutraler Stimme sprach er mit Frederic. „Frederic, wenn du nicht sofort erwachsen wirst, werfe ich dich wirklich aus dem Haus."
Frederic hob den Kopf. „Adam, bitte hilf mir. Ich will doch mit ihr eine Zukunft haben, aber wie soll ich das alleine machen?"
„Du bist nicht alleine…Da ist Giovanna und ihre Familie. Da ist deine Schwester und ich bin auch für dich da, aber du musst dich endlich von deinem Vater lösen. Du wirst jetzt selber Vater und dein erster Schritt sollte jetzt sein Giovanna zu suchen, um ihr zu sagen, dass du zu ihr und dem Kind stehst und zwar jetzt sofort."
„Und was soll ich ihr sagen? Wo sollen wir nach der Hochzeit wohnen? Wo bekomme ich eine andere Arbeitsstelle her? Kann ich überhaupt weiter studieren? Kann ich….."
Adam legte seine Hände auf Frederics Schultern. „Ein Schritt nach dem anderen. Jetzt gehe zu ihr. Dann kommst du mit ihr wieder hierher und wir besprechen dann, wie es weitergeht und Frederic….. wohnen könnt ihr, bis wir unseren Abschluss haben, hier. Das Haus ist groß genug."
Mit einem lauten Seufzer stellte sich Frederic aufrecht hin. „Danke Adam. Für alles."
„Geh jetzt und suche sie."
Frederic verließ das Haus und Adam kehrte ins Wohnzimmer zurück. Sein Blick fiel auf den Tisch mit seinen Unterlagen und Büchern. Adam war sich sicher, dass es eine sehr kurze Nacht für ihn werden würde, da er im Moment nicht die Ruhe hatte, für die Prüfung zu lernen. Er wollte gerade wieder in die Küche gehen, um einen Kaffee für Giovanna und Frederic vorzubereiten, als er überlegte, wer bei dem Gespräch später noch dabei sein sollte. Adam verließ das Haus, um Bridget zu suchen.
XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX
Adam schloss die Tür hinter seinem Freund. Die vier Freunde haben sicher zwei Stunden zusammen gesessen und darüber gesprochen, wie es mit Giovanna und Frederic weitergehen sollte. Frederic hatte das Angebot von Adam angenommen, dass er mit Giovanna bis zum Abschluss im Haus wohnen würde und sollte während des Studiums Frederics Geld nicht reichen, würde Adam auch auf die Miete verzichten. Dass er aber sein Studium beenden sollte, darüber waren sich alle einig.
Die zwei Jahre würden sie gemeinsam schon schaffen und außerdem wäre da auch noch die Familie von Giovanna, die die beiden sicher auch noch mit unterstützen werden. Da die Hochzeit in den nächsten zwei Wochen stattfinden sollte, hatte Frederic sich entschlossen, noch heute mit seinem Vater zu reden. Mit einem sehr mulmigen Gefühl hatte er sich dann auf den Weg gemacht.
Adam sah die Treppe hoch. Giovanna hatte sich nach dem Gespräch etwas hingelegt. Sie war noch immer mit den Nerven fertig gewesen, weil Frederic sie einfach am Strand hatte stehen lassen. Er fragte sich, wie Frederic es immer wieder schaffte, sich in so ein Chaos zu stürzen und was mit ihm werden wird, wenn Adam zurück nach Nevada geht. Adam konnte nur hoffen, dass sein Freund in den nächsten zwei Jahren endlich lernen würde, auf eigenen Beinen zu stehen. Sein Blick fiel wieder auf die Bücher. Adam glaubte nicht daran, dass er überhaupt noch einen Blick vor der Prüfung hinein werfen konnte. Wenn Frederic von seinem Vater zurückkehrte, würde er sicher Redebedarf haben.
Es bestand kein Zweifel daran, dass Mr. Francois sich heute von seinem Sohn trennen würde. Eine Frau aus dem Arbeiterviertel wird er als Schwiegertochter sicher nicht akzeptieren und schon gar nicht ihre Familie, die sehr temperamentvoll ist.
Adam wollte gerade seine Bücher wegräumen, als er hörte, wie oben die Zimmertür aufging und Bridget die Treppe herunter kam. So wartete er am Fuß der Treppe auf sie. „Und wie geht es ihr?"
Bridget blieb auf der letzten Stufe stehen und lehnte sich an die Wand. „Schon besser. Sie ist nur noch etwas geschafft von den letzten Stunden. Ich wollte ihr gerade einen Tee machen." Sie merkte, wie müde er aussah. „Ist mit dir alles in Ordnung? Du siehst auch geschafft aus." Sie lächelte leicht. „Bereust du es bereits, dass du den beiden gesagt hast, dass sie hier wohnen können? Giovanna macht sich darüber auch schon Gedanken. Sie weiß doch, wie sehr du die Ruhe magst und es wird sicher nicht leiser werden hier in der nächsten Zeit."
Er lehnte sich an den Treppenpfosten und schüttelte den Kopf. „Sie braucht sich darum keine Sorgen zu machen. Denkt daran, ich habe zwei kleine Brüder und bei uns zu Hause war es nie still und schon gar nicht, seit Little Joe auf der Welt ist. Nein…ich mache mir mehr Sorgen was mit Frederic wird, wenn ich wieder nach Hause fahre. Ich meine, was hätte er gemacht, wenn ich ihm heute nicht die Meinung gesagt hätte? Hätte er dann zu seiner Verantwortung gestanden?"
Bridget legte den Kopf leicht schief und lächelte. „Ich glaube schon, dass er mit der Zeit dazu gestanden hätte."
„Mit der Zeit?"
„Schau mich nicht so entsetzt an. Sag mir nicht, dass du dich nicht auch erst einmal sammeln müsstest."
„Natürlich nicht. Wenn ich in so einer Situation wäre, bräuchte ich nicht darüber nachzudenken, was ich mache und ich würde sicher auch nicht das Mädchen einfach stehen lassen."
Bridget schmunzelte. Ja, das stimmte. Wie konnte sie Adam mit Frederic vergleichen. Er würde ganz anders reagieren. Auch wenn er nicht begeistert wäre, würde er niemals seine Freundin einfach verzweifelt zurücklassen. Denn das hatte sie in dem knappen Jahr, seit sie Adam kannte, gelernt. Adam handelte nie unüberlegt. Wenn er ein Mädchen in so eine Situation bringen würde, würde er auch dazu stehen. Mit allen Konsequenzen. Sie sah ihn nun sehr liebevoll an und legte ihre Hand auf seinen Arm. „Weißt du, Adam. Ich bin etwas neidisch. Die Frau, die dich später heiratet, kann sich glücklich schätzen. Sie bekommt einen Mann, auf den sie sich immer verlassen kann."
Er sah sie aus dem Augenwinkel an, aber sagte nichts. „Adam, mach dir bitte nicht so viel Gedanken um Frederic. Er muss lernen, auch ohne dich klarzukommen. Mein Bruder muss erwachsen werden, und zwar jetzt sofort. Du kannst dich nicht ständig für seinen Blödsinn, den er macht, verantwortlich fühlen."
Adam legte die Arme übereinander. „Sagst du mir gerade, ich bin genauso schlimm wie euer Vater?"
„Meine Güte nein, aber du machst dir zu viele Gedanken über ihn. Auch wenn er dein bester Freund hier in Boston ist, kannst du ihn nicht vor allem beschützen. Sei für ihn da, aber wenn er auf die Nase gefallen ist, muss er lernen, wieder alleine aufzustehen."
Adam grinste leicht. „Ich versuche, mich zu bessern."
„Wir werden sehen. Du bist anscheinend jemand, der sich immer für die Menschen verantwortlich fühlt, die dir am Herzen liegen, aber denke daran, manche Entscheidungen müssen diese auch alleine fällen."
Bridget ging die letzte Stufe hinunter. „Ich werde dann jetzt mal den Tee machen."
Adam sah ihr nach wie sie in die Küche lief. Sie hatten sich in den letzten Wochen kaum gesehen, weil Adam so viel für die Prüfung vorbereiten musste, oder im Büro von Mr. Graham war, aber seine Gefühle für sie hatten sich nicht verändert. Ganz im Gegenteil. Es wurde für ihn immer schwerer, diese nicht zuzulassen, aber gerade nach ihren Worten von eben, musste er sie wieder besser unter Kontrolle bekommen. Bridget hatte ihm gerade deutlich zu verstehen gegeben, dass sie sich nicht an seiner Seite sieht auch wenn er einen Weg gefunden hätte, wie er mit seinem Problem klarkommen könnte. Ganz davon abgesehen, dass er weiterhin nicht glaubte, dass sie in seiner Welt leben könnte. Er schloss die Augen, um die Aufruhr in seiner Seele und in seinem Herzen wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Als er sich wieder beruhigt hatte, sah er zum Kamin. Langsam lief er dorthin und nahm den Stein in die Hand. „Koko, warum bist du nicht hier? Du könntest mir sicher einen Rat geben."
„ADAM…DU REDEST WIEDER LAUT MIT IHR."
Adam lachte leise. Er hatte Bridget gebeten, ihn zu ermahnen, wenn sie mitbekommt, dass er mit Koko zu laut redet. Er wollte nicht, dass andere ihn für sonderlich hielten, wenn sie es mitbekommen würden.
Nach drei Stunden war Frederic immer noch nicht zu Hause und Adam wurde langsam nervös. Giovanna war eingeschlafen und er hatte sich wieder an den Tisch gesetzt, um für die Prüfung zu lernen, während Bridget mit einem Buch in der Hand in einem Sessel saß. Immer wieder sah er zur Uhr an der Wand. Bridget legte das Buch zur Seite. „Nun weiß ich endlich, wie man dich aus der Ruhe bringen kann."
„Und ich weiß nicht, wie du jetzt so ruhig bleiben kannst."
„Er ist mein Bruder. Ich kenne ihn schon mein ganzes Leben. Egal, wie das Gespräch verlaufen ist. Er wird jetzt irgendwo sitzen und darüber nachdenken, wie schlecht es ihm doch geht und alle anderen schuld an seinem Dilemma sind."
„Ich dachte, über diesen Punkt sind wir schon hinweg."
„Du hattest noch nie ein Gespräch mit meinen Vater gehabt, wenn du einen Fehler begangen hast. Danach fühlt sich fast jeder schlecht." Adam sah wieder zur Uhr. „Du würdest ihn gerne suchen gehen. Nicht wahr?"
Ganz langsam nickte er. „Ja, das würde ich gerne, aber du hast mir ja sehr deutlich gesagt, ich soll mich nicht für alles verantwortlich fühlen."
„Aber ich kann auch nicht zusehen, wie du leidest. Siehe zu, dass ihr nicht zu spät zu Hause seid. Mein lieber Bruder und Giovanna wollen heute auch noch mit ihren Eltern reden."
Sie musste lächeln, als sie sah, wie schnell er aufstand und das Haus verließ, um seinen Freund zu suchen.
