(Unless) this is truly the end

Als Rilla nach ein paar anstrengenden Nachmittagsstunden, in denen sie die Mathearbeiten der Fünftklässler korrigiert hatte – und dabei war es ihr egal gewesen, dass Sonntag war, denn Arbeiten korrigierten sich nun mal nicht von selbst! – nach unten kam, war sie ehrlicherweise nicht wirklich überrascht, dort auf Persis zu treffen.

In letzter Zeit kam es an mehr Tagen vor als nicht, dass Persis nach Ingleside kam. Sie tauchte plötzlich auf, ließ sich selbst durch die Hintertür herein und beschäftigte sich selbst bis jemand kam, um ihr Gesellschaft zu leisten. Oft genug saß sie bei Susan in der Küche und diskutierte über die politischen Entwicklungen in Europa (Susan war in den letzten Jahren zu einer Expertin der politischen Entwicklungen in Europa geworden). Manchmal sah Persis Anne beim Nähen zu – sie selbst gab fröhlich zu, zwei linke Handarbeitshände zu besitzen – und erzählte von Toronto. Gelegentlich folgte sie auch Gilbert in sein Arbeitszimmer, was dieser stets ein wenig amüsant und etwas verwirrend fand, zog Medizinbücher aus dem Regal und stellte Fragen zu dieser oder jener Krankheit oder Behandlungsmethode.

Meistens suchte sie jedoch Rillas Nähe. Es war – nett, fand Rilla. Nett, jemanden hier zu haben, der mit einem redete, denn es kam fast nie vor, dass Persis nicht redete. Sicher, man wusste bei Persis nie genau, in welcher Stimmung sie am nächsten Tag oder auch nur in der nächsten Stunde sein würde. Aber wenn man sich daran gewöhnt hatte, dass sich ihre Laune innerhalb kürzester Zeit eintrüben oder aufhellen konnte, war sie keine schlechte Gesellschaft. Zumindest wurde es mit ihr nicht eintönig – und es war nicht mehr still.

Außerdem war es, auf eine akademische Art und Weise, interessant zu sehen, dass es einen Menschen gab, der sich zu Hause noch weniger wohl fühlte als Rilla selbst.

„Gibt es etwas Neues?", fragte sie, während sie ins Wohnzimmer trat.

Persis zog eine Grimasse und sah von der Zeitung auf, die zu lesen Rilla noch nicht geschafft hatte. „Nein. Die Boche sehen immer noch nicht ein, dass sie verloren haben", erwiderte sie verächtlich und warf der Zeitung einen derart giftigen Blick zu, das Rilla halb erwartete, sie würde im nächsten Augenblick in Flammen aufgehen.

Sie konnte jedoch nicht abstreiten, dass in Persis' Worten eine gewissen Wahrheit lag. Seit dem Sommer hatten die britischen, französischen und amerikanischen Truppen die deutschen Soldaten praktisch vor sich hier gejagt. Die angeblich uneinnehmbare Hindenburgstellung war an mehreren Stellen durchbrochen und überwunden worden. Nach den Schreckensnachrichten des Sommers setzte sich langsam die Hoffnung durch, dass der Krieg dieses Jahr vielleicht wirklich bis Weihnachten vorbei sein würde.

Die Kanadier hatten ihren Teil getan in den vergangenen hundert Tagen. Nach dem Angriff auf Amiens, der Ken zum Verhängnis geworden war, hatten sie Anfang September mit der Einnahme der gut gesicherten Wotan-Stellung zwischen den Städten Drocourt und Quéant einen nördlichen Teil der Hindenburglinie durchbrochen. Nachdem die Deutschen sich danach hinter den Canal du Nord zurückgezogen hatten, folgten die Briten und Kanadier ihnen auch hierhin mit der gleichen Unerbittlichkeit.

Die folgende Schlacht an Canal du Nord sollte sich einreihen in die Liste großer kanadischer Triumphe. Im Schutze der Dunkelheit überquerten alle vier kanadischen Divisionen am 27. September auf Holzbrücken, die die Ingenieursbataillone nur zu diesem Zweck konstruiert hatten, den unfertigen Kanal und nahmen in wenigen Stunden das stark befestigte Ostufer ein, gefolgt von den dahinterliegenden Dörfern und dem Bourlon Wood. Die Querung des Kanals war ein voller Erfolg gewesen und hatte schließlich selbst Jem die Beförderung zum Hauptmann eingebracht, gegen die er sich so lange gewehrt hatte.

Mit der Überwindung des Canal du Nord war der Weg nach Cambrai frei. Cambrai, wichtiger deutscher Umschlag- und Knotenpunkt, an dessen Einnahme die Briten vor nicht einmal einem Jahr gescheitert waren. An diesem 8. Oktober marschierten die Kanadier jedoch fast ohne Gegenwehr ein und hindurch – die wenigen übrig gebliebenen deutschen Soldaten hatten fast keinen Widerstand mehr geleistet.

Nördlichen und südlich des kanadischen Korps schritten Briten und Australier, Franzosen und Amerikaner in ähnlichem Tempo voran und im Oktober gelang es den alliierten Truppen, den demoralisierten Deutschen große Teile der Gebiete abzunehmen, die sie vor vier Jahren in so kurzer Zeit eingenommen und seitdem gehalten hatten. Die so wichtige Hindenburglinie – oder Siegfriedstellung, wie die Wagnerverliebten deutschen Oberkommandierenden sie genannt hatten – war bereits am 5. Oktober auf einer über 30 Kilometer langen Front gebrochen.

Die Kanadier verfolgten derweil die deutschen Soldaten durch Frankreich und schließlich bis vor die belgische Stadt Mons. Ausgerechnet Mons, wo im August 1914 die britischen Truppen das erste Mal im Kampf auf die Deutschen gestoßen und trotz tapferer Gegenwehr zurückgedrängt worden waren. Es gab der Stadt eine spezielle Symbolik.

Jetzt, zu Beginn des Novembers, mochten zwar noch große Teile Belgiens unter deutscher Besatzung stehen, aber bis auf einige schmale Grenzstreifen war Frankreich befreit. Wenn man bedachte, dass noch vor vier Monaten der Fall von Paris nicht unwahrscheinlich geschienen hatte, konnten die Entwicklungen einen beinahe schwindelig werden lassen, fand Rilla.

„Ich glaube nicht, dass sie noch lange werden aushalten können", gab sie jetzt an Persis gewandt zu bedenken, „ich meine, ich will es nicht verhexen, aber… die Franzosen stehen fast an den Ardennen und die Briten bewegen sich im Norden langsam in Richtung von Brüssel … die Deutschen werden irgendwann aufgeben müssen oder sie riskieren, den Krieg in ihr eigenes Land zu tragen. Und ich kann mir kaum vorstellen, dass sie das wollen."

„Aufgeben wollen sie aber scheinbar auch nicht wirklich", feuerte Persis sofort zurück, die Unversöhnlichkeit ihrer Worte allerdings eindeutig gegen das deutsche Oberkommando gerichtet.

Rilla ging langsam hinüber zum Kamin und hielt ihre blass gefrorenen Hände über das Feuer, während sie erwiderte: „Über kurz oder lang werden sie das eine oder das andere tun müssen."

„Glaubst du da wirklich so fest dran?", hakte Persis sofort, offenkundig skeptisch, „und hast du da vor zwei Jahren auch schon so fest dran geglaubt?"

„Ich muss", antwortete Rilla schlicht, „und ich musste."

Denn wie hätten sie es anders aushalten sollen?

„Hmpf", machte Persis nur, was bei ihr, die nie gerne etwas eingestand, einer widerwilligen Zustimmung gleichkam. Geräuschvoll schlug sie die Zeitung zu und schob ihren Stuhl zurück, als sie aufstand.

Rillas fragenden Blick einfangen, informierte sie: „Wir gehen raus."

„Es ist kalt", widersprach Rilla, der es nicht unbedingt behagte, wenn über sie in dieser Art entschieden wurde, „und es schneit."

Persis nickte jedoch nur. „Sehr richtig", erklärte sie gelassen, „es ist also das perfekte Wetter für Schneeengel."

Es brauchte einen Moment, bis Rilla nach dieser Überraschung ihre Sprache wiedergefunden hatte. Sie folgte Persis in den Flur hinaus. „Schneeengel?", wiederholte sie dann ungläubig.

„Schneeengel", bestätigte Persis sehr sachlich und warf Rilla ihren Mantel zu. Den Hut ließ sie liegen, was in Anbetracht des Schneeengel-Plans wohl auch eine keine so schlechte Entscheidung war.

Kopfschüttelnd zog Rilla den Mantel über und folgte Persis durch die Küche zur Hintertür. Gleichzeitig fragte sie sich, warum sie das hier so überraschte. Sie hatte mittlerweile doch gelernt, dass man bei Persis auf solche exzentrischen Einfälle gefasst sein mochte.

Sie machten also ihre Schneeengel und auch wenn es kalt und nass und ziemlich albern war, war es irgendwie auch – befreiend. Es fühlte sich gut an, für einen Moment kindisch und verrückt zu sein und sich nicht darum zu scheren, was die guten Menschen von Glen St. Mary vielleicht über sie denken mochten. Zumal an einem Sonntag!

„So", bemerkte Persis triumphierend, als sie nebeneinander im Schnee lagen, „gibst du zu, dass das Spaß macht?"

Lachend nickte Rilla, ließ dann den Kopf zurück in den Schnee fallen. Persis, trotz all ihrer Verrücktheit, hatte etwas Unwiderstehliches.

„Ken und ich haben das mal gemacht", begann Persis da plötzlich und Rilla wurde still. Es passierte recht häufig, dass Persis ohne Vorwarnung eine Erinnerung an ihren Bruder ans Tageslicht holte. Rilla vermutete, dass sie sich nicht traute, vor ihren Eltern über Ken zu sprechen, aber es gleichzeitig nicht aushielt, nicht über ihn zu reden. Es hatte in jedem Fall den kuriosen Nebeneffekt, dass sie, Rilla, in den letzten sechs Wochen mehr über Kenneth erfahren hatte als jemals zuvor.

„Wir waren gerade aus Ägypten zurückgekommen und in Ägypten schneit es nicht. Das muss… im Winter 1910 gewesen sein", erzählte Persis derweil weiter, „und nachdem wir ein paar Wochen wieder in Toronto waren, kam der erste Schnee herunter. Mum hatte Ken und mich mitgenommen zu irgendeinem grässlichen Kaffeekränzen. Er in Anzug, ich im Kleidchen mit gestärktem Kragen – grässlich! Und ich weiß noch, wie sterbenslangweilig uns war. Wie üblich, wenn ihm langweilig ist, hat Ken irgendwann beschlossen, sich selbst zu amüsieren. Ich, ebenfalls wie üblich, war seine willige kleine Komplizin. Also haben wir die ganzen braven Töchter der Kaffekranz-Damen heraus in den Garten gelockt und sie davon überzeugt, was für eine wunderbare Idee es wäre, Schneeengel zu machen."

Persis lachte bei der Erinnerung leise, bevor sie fortfuhr: „Es war ein Bild für die Götter. Die ganzen artigen, tugendhaften Mädchen in ihren hübschen Rüschenkleidchen nebeneinander aufgereiht im Schnee liegend. Du kannst dir vielleicht vorstellen, dass ihre Mütter, als sie das gesehen haben, nicht sehr amüsiert wären. Ich meine, nicht auszudenken, wenn Klein-Rosalind sich erkältet hätte, nicht wahr? Mum war auch nicht gerade amüsiert und hat Ken und mir eine ziemliche Standpauke verpasst. Und er, weil er nun mal so ist, hat sie ganz gelassen angesehen und gesagt, man solle doch froh sein, dass es nur Schnee war und kein Schlamm. Danach war sie erst Recht fuchsteufelswild! Wir haben beide Hausarrest bekommen und Ken noch mal zusätzlich, weil er frech zu Mum war. Aber, Gott, es hat sich gelohnt!"

Rilla lächelte bei dem Gedanken an Persis und Kenneth, die die Torontoer Gesellschaft aufmischten. „Und ich vermute, ich bin jetzt genauso wie die braven Mädchen?", fragte sie neckend.

Überrascht drehte Persis den Kopf, um sie ansehen. „Natürlich nicht", erwiderte sie sehr ernst, „das waren dumme Gören. Du bist eine Freundin. Und außerdem machen wir uns, wenn überhaupt, beide genau gleich lächerlich."

„Mit dem Unterschied, dass die Leute es von dir beinahe schon erwarten", gab Rilla zu bedenken. Innerlich war sie jedoch viel mehr mit dem Ausdruck der ‚Freundin' beschäftigt, den Persis so nebenbei eingeworfen hatte. War sie das? Es fühlte sich sehr lange her an, seitdem sie jemands Freundin gewesen war.

Persis machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ach, die Leute sollten lernen, ihre Nasen nicht in Angelegenheiten zu stecken, die sie nichts angehen", verkündete sie, während sie sich aufrappelte, „und jetzt lass uns reingehen. Es ist wirklich kalt!"

Rilla, der die Kälte mittlerweile auch in jede Pore gekrochen war, ließ sich dankbar von Persis hochziehen. Sie beeilten sich, ins Haus zu kommen und die völlig durchnässten Klamotten loszuwerden. In zwei von Rillas dicksten Pullovern und stabile Tweedröcke gehüllt, setzten sie sich, dampfende Teetassen in der Hand, auf den Läufer vor dem Kamin, in der Hoffnung, die Wärme des Feuers möge ebenso schnell in sie hineindringen wie die Kälte des Schnees es getan hatte.

Draußen war es bereits dunkel geworden und das flackernde Feuer war die einzige Lichtquelle im Raum. Das Haus war still und nach der Ausgelassenheit von vorhin herrschte jetzt eine stille, reflektive Stimmung. Vielleicht war es das, was Persis zum Reden brachte oder vielleicht hatte sie auch immer schon geplant, es zu erzählen.

In jedem Fall bemerkte sie plötzlich, die Hand fest um die Teetasse geklammert: „Ich vermisse ihn. Mehr als ich dachte, dass ich jemanden vermissen könnte." Ihre Stimme klang gepresst.

Rilla seufzte. „Ich weiß", murmelte sie, denn was gab es schon anderes zu sagen?

„Tust du das?", fragte Persis. Sie sah Rilla an, skeptisch und beinahe ein bisschen herausfordernd. Die erwiderte den Blick jedoch nur, fest, aber ganz ruhig, bis Persis nach einigen Augenblicken wegsah.

„Es tut mir Leid", entschuldigte sie sich und seufzte jetzt ihrerseits, „ich will nicht gemein sein, auch wenn ich manchmal gemeine Sachen sage. Ich weiß ganz genau, dass du deine Brüder genauso vermisst wie ich meinen. Und ich behaupte ja auch nicht, dass es für mich schlimmer ist, aber… ich glaube, es ist irgendwie anders, weißt du?"

Sie warf Rilla einen bittenden Blick zu und fuhr, als diese leicht nickte, fort: „Ihr seid zu sechst, aber Ken und ich, das waren immer nur wir beide. Und ich habe unsere ganzen Reisen zwar geliebt, aber manchmal konnte es verdammt einsam sein, wenn Dad uns mal wieder in irgendein Land gebracht hat, dessen Kultur wir nicht verstanden haben und dessen Sprache wir nicht kannten und das wir wieder würden verlassen müssen, sobald wir uns halbwegs an beides gewohnt hatten. Ken ist gewandter als ich, deswegen konnte er sich besser anpassen, aber mir ist das nicht immer so leicht gefallen. Und durch diese ganzen Veränderungen war er die einzige Konstante, verstehst du? Oft genug habe ich ihn zum Teufel gewünscht, aber eigentlich habe ich ihn gebraucht. Denn egal wo wir waren und was wir gemacht haben, er war immer da und jetzt – jetzt ist er es nicht mehr. Und ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich bin mir nicht mal ganz sicher, wer ich bin, wenn ich nicht ein Teil von Ken-und-Pers sein kann."

Während der ganzen Zeit hatte Persis den Blick auf das Feuer gerichtet gehalten. Ihre Hand umklammerte die Teetasse sie fest, dass selbst im Feuerschein ihre Fingerknöchel weiß hervor traten und der pragmatische Teil in Rilla überlegte, ihr die Tasse aus der Hand zu nehmen, bevor das Porzellan dem Druck nachgab.

Persis hatte derweil wieder begonnen zu reden. „Und das alles wird auch nicht besser dadurch, dass ich die ganze Zeit das Gefühl habe, mit niemandem darüber reden zu können. Mum wird blasser als blass, sobald ich Ken erwähne und ich will es ihr nicht noch schwerer machen. Bei Dad ist es, naja, subtiler, aber man kann in seinen Augen sehen, wie er – wie er zumacht, sobald es um Ken geht. Ich verstehe das ja auch, immerhin ist er sein einziger Sohn und die beiden hatten einige Meinungsverschiedenheiten, bevor Ken gegangen ist. Ich schätze, dass das Dad jetzt, wo er verschwunden ist, mehr verfolgt denn je. Und ich will die beiden nicht quälen, aber trotzdem wünsche ich mir manchmal – ach, eigentlich weiß ich gar nicht, was ich mir wünsche…", frustriert brach sie ab.

„…wieder sechs Jahre alt zu sein und sich in Mums Armen zusammenrollen, während sie das Böse der Welt verscheucht?", schlug Rilla vor, der das Gefühl zugegeben selbst nicht unbekannt war.

„Genau!", stimmte Persis heftig zu, „ich würde so gerne, dass die beiden mich irgendwie beschützen und dann erkenne ich, dass sie das nicht mehr können und der Gedanke ist – furchterregend!"

Rilla machte ein mitfühlendes Geräusch und trank einen Schluck Tee, während Persis schon wieder weiterredete: „Und dann ist da auch noch diese merkwürdige Sache mit Kens angeblicher Hochzeit. Nicht, dass Dad das im Nachhinein zugeben wollte. Hat gesagt, ich hätte mich verhört und außerdem hätte er mich nicht so erzogen, dass ich an Türen lausche. Ich habe ihm gesagt, dass du zuerst gelauscht hast, aber das Argument fand er, glaube ich, nicht sehr überzeugend. Ist auch eigentlich egal – aber wenn es stimmt, wenn er wirklich geheiratet hat, ohne mir etwas davon zu sagen, dann… Ach, ich weiß nicht mal, was dann ist. Aber ich fühle mich irgendwie so – betrogen. Ich meine, müsste er mir nicht nach all den Jahren so etwas sagen? Habe ich nicht verdient, dass er wenigstens ehrlich zu mir ist?"

Ihr flehender Blick, um Verständnis oder Zustimmung ersuchen, traf Rilla, die ihrerseits mit einem Mal sehr, sehr still geworden war. Stumm nickte sie und betete innerlich darum, dass ihr Gesicht sie nicht verraten mochte.

Persis, dankbarerweise, schien das Nicken jedoch zu reichen. „Also sieht es doch so aus, dass keiner mit mir redet. Mum und Dad nicht und Ken scheinbar auch nicht", fasste sie zusammen, „und ich bin so schlecht darin, nicht zu reden. Als würden sich die Worte in mir sammeln und sammeln, bis kein Platz mehr ist und dann müssen sie raus. Ich kann nicht so kontrolliert sein wie du. Wobei du früher auch nicht kontrolliert warst – du konntest einem ein Ohr abkauen, wenn man dich gelassen hat – insofern hast du es offenbar geschafft. Was ist passiert?", mit schief gelegtem Kopf sah Persis zu Rilla hinüber und ihr Gesichtsausdruck ließ erkennen, dass sie die Frage offenbar tatsächlich ganz ernst meinte.

„Das Leben, schätze ich", gab Rilla mit einem Seufzen zurück, „und ein bisschen auch der Tod."

Für einen Moment runzelte Persis die Stirn, dann schien sie zu begreifen. „Carl?", hakte sie nach und Rilla nickte stumm.

„Hmh… hast du ihn geliebt?", fragte sie dann, was von jedem anderen Wohl eine unverschämte Frage war, aber von Persis wohl nicht anders zu erwarten war.

Rilla zuckte die Schultern. „Nein, nicht wirklich – nicht richtig", antworte sie langsam, die Worte ein wenig gequält, „aber ich glaube, ich hätte ihn lieben können."

„Wenn sein Tod es nicht verhindert hätte", nickte Persis verständnisvoll.

„Sein Tod – oder mein Leben", gab Rilla zurück und verzog das Gesicht.

Es war Persis anzusehen, dass sie gerne gefragt hätte, was Rilla damit meinte, aber bevor sie die Frage formulieren konnte, hörten sie plötzlich ein lautes, insistierendes Klopfen. Es kam von der Haustür.

Ruckartig setzte Rilla sich auf. Sie warf einen verständnislosen Blick hinab auf ihre Teetasse, deren Inhalt begonnen hatte, sich in leichten Wellen zu bewegen. Es dauerte einen kurzen Augenblick, bevor sie begriff, dass es daran lag, dass ihre Hand zitterte.

Erneutes Klopfen.

Die beiden Frauen sahen einander an und Rilla erkannte in Persis blassem Gesicht und den weit aufgerissenen Augen ihre eigene Angst wieder. Ein Klopfen, so spät am Abend, bedeutete nichts Gutes.

Jem? Walter? Vielleicht sogar Ken?

Sie versuchte gerade, von irgendwoher den Mut zu nehmen, aufzustehen und diese Türe zu öffnen, als sich plötzlich ein Rufen unter das immer hektischer werdende Klopfgeräusch mischte.

„Miss Blythe! Miss Blythe, sind sie da? Miss Blythe?", rief eine Jungenstimme. Sie klang aufgeregt.

„Das ist Charlie Crow", stellte Rilla langsam fest und noch während sie sprach, konnte sie spüren, wie die Anspannung sie verließ, „einer meiner Schüler."

„Sag mir bitte, er verdient sich nicht nebenbei Geld damit, dass er Telegramme austrägt", bat Persis mit einem nervösen Lachen.

Rilla schüttelte den Kopf. „Nein, nicht Charlie", beruhigte sie. Persis nickte erleichtert und atmete die Luft aus, die sie angehalten hatte.

„MISS BLYTHE!", rief Charlie von draußen, dieses Mal besonders laut, und beide Frauen beeilten sich, zur Tür zu kommen, bevor Charlie das ganze Dorf auf den Plan rufen konnte.

Kaum hatte Rilla die Tür geöffnet, stolperte der Junge auch schon hinein. Er war außer Atem, wirkte völlig aufgelöst, strahlte aber über das ganze Gesicht.

Bevor irgendjemand anders eine Chance hatte, zu reden, begann er sofort, zu plappern: „Gut, dass Sie da sind, Miss Blythe. Ich war mir nicht sicher, ob Sie es sind. Dabei wollte ich es Ihnen doch sagen. Wenn Sie es noch nicht gehört haben. Haben Sie es schon gehört?" Erschrocken beäugte er Rilla von unten.

Die legte ihrem Schüler beruhigend eine Hand auf die Schulter. „Ich habe noch nichts gehört", versicherte sie, „also darfst du es mir gerne sagen."

Charlie nickte erleichtert. „Ich war gerade im Dorf, als die Nachricht kam. Und dann bin ich sofort hierhin gelaufen. Ich wollte nämlich der Erste sein, der es Ihnen sagt. Ich wollte, dass Sie es von mir hören", erklärte er dann, allerdings immer noch zu aufgeregt, um sich wirklich verständlich auszudrücken.

„Was möchtest du mir denn sagen?", fragte Rilla erneut, mit einer Geduld, die sie nicht verspürte. Denn in ihr war längst eine Ahnung aufgestiegen, was der Junge meinen konnte, auch wenn sie kaum wagte, es zu hoffen. Ein Blick auf Persis' strahlende Augen sagte ihr, dass es der anderen genauso ging.

„Na, dass die Hunnen aufgegeben haben. Der Waffenstillstand wird in ein paar Stunden unterzeichnet, heißt es, und tritt dann morgen früh in Kraft", verkündete Charlie da endlich mit stolzgeschwellter Brust, „der Krieg ist aus!"


Der Titel ist dem Lied „Destruction Preventer" der Band Sonata Arctica entnommen.