Oh je. Da wollte ich doch eigentlich kürzere Kapitel schreiben und schneller updaten. Pustekuchen. Das 36. Kapitel wird so lang, dass ich es jetzt kurzerhand in zwei Hälften teile. Die zweite Hälfte kommt noch diese Woche. Versprochen. Hier die erste:
36. Verändert
An diesem Abend gab Morwen ihr das Buch ihrer Urgroßmutter zurück. Lilith drückte es an sich wie ein verlorengegangenes Haustier. Sie strich über den glatten Ledereinband. Er duftete.
„Versprich mir aber, dass du nicht den ganzen Tag deine Nase hineinsteckst", kam es von Morwen. Allerdings schmunzelte sie dabei. Kaum einem gelang es an diesem Tag, sich die Erleichterung nicht anmerken zu lassen. „Geh wenigstens jeden Mittag in den Garten. Sonne und frische Luft werden jetzt mehr helfen als jedes Heilkraut."
Lilith nickte. Sie war froh, wieder in ihrem Bett zu liegen. Noch heute Morgen hätte sie das für unmöglich gehalten. Aber der kurze Ausflug hatte sie gehörig erschöpft. Bleigewichte schienen an ihren Armen und Beinen zu hängen.
„Was wird jetzt passieren? Jetzt, wo der König wiederkommt?"
„Ein gewaltiges Aufhebens erst einmal. Frauen und Kinder werden zurückkehren. Häuser müssen wieder aufgebaut, Mauern und Straßen geflickt werden. Und ich bin sicher, dass alles nicht ohne ein großes Fest über die Bühne gehen wird. Du wirst sehen, wir werden in den nächsten Wochen keinen ruhigen Moment mehr haben."
Lange konnte Lilith nicht mehr über all die Veränderungen nachdenken, die heute stattgefunden hatten. Mit Katharinas Buch sicher auf dem Nachttisch kuschelte sie sich in ihre Decke und schloss die Augen. Ihre letzten Gedanken galten Frodo und Sam. Was für eine ungeheure Geschichte sie wohl zu erzählen hatten?
ooo
Morwens Vorhersagen trafen uneingeschränkt ein. Schon am nächsten Tag summte Minas Tirith wie ein aufgeregter Bienenstock. Selbst die Häuser der Heilung blieben von der allgemeinen Geschäftigkeit nicht verschont. Eilige Schritte klapperten über die Treppen und mehr als einmal sah Lilith Bergil mit geröteten Wangen und wehenden Haaren durch die Gänge flitzen.
Ein älterer Mann grub die Kräuterbeete im Garten um. Zwei Amseln stritten sich hinter seinem Rücken um die Würmer. Ihr entrüstetes Tschilpen verfolgte Lilith den ganzen Weg bis zur Steinbank. Der Sitz unter ihr war noch kalt aber die Sonnenstrahlen wärmten ihr Gesicht. Sie legte die Umhängetasche mit dem Buch neben sich. Morwen hatte sie ihr gegeben, nachdem sie Lilith mit dem Buch unter dem Arm auf der Treppe erwischt hatte.
„Damit du wenigstens beide Hände frei hast", hatte die Heilerin gebrummt.
Lilith fuhr über den braunen abgewetzten Stoff und lächelte. Nie wieder würde sie das Buch aus den Augen lassen. Keine Sekunde lang. Nicht, bis sie endlich erfahren hatte, was Katharina erlebt hatte und wie sie wieder nach Hause gelangen würde.
Für den Moment jedoch war sie zufrieden damit, sich einfach die Sonne auf die Nase scheinen zu lassen. Nichts tat ihr weh. Nicht einmal übel war ihr gerade. Ziemlich sicher hatte sie sich schon besser gefühlt aber im Vergleich zu den letzten Tagen und Wochen war es geradezu himmlisch.
Die Hyazinthen dufteten, eine Hummel summte gemächlich vorbei und hinter allem lagen wie ein bunter Teppich die Geräusche der Stadt. Kommandorufe, das Klappern von Hufen, der helle Klang von Hämmern und Eisen auf Stein. Dazwischen immer wieder Fetzen eines gesungenen oder gepfiffenen Liedes. Gerade letzteres unterschied sich von der Zeit vor der Belagerung. Als wäre nach einem langen Winter endlich der Frühling gekommen.
Lilith schloss die Augen und lehnte den Kopf gegen die Mauer in ihrem Rücken. Später war Zeit genug, sich wieder der geschwungenen Handschrift ihrer Urgroßmutter zu widmen. Zeit genug, sich Sorgen zu machen. Aber nicht ausgerechnet jetzt…
Das Knirschen von Kies schreckte Lilith aus ihrem Halbschlaf. Für eine Sekunde breitete sich Panik in ihr aus. Wo war sie? Wie viel Zeit war vergangen? Dann kehrte die Erinnerung auf einen Schlag zurück. Sie rieb sich die Augen, strich ihre Haare zurück und spähte um die Büsche herum. Ihr Blick fiel auf Eowyn.
Ihre Schritte waren nicht schnell aber entschlossen. Steinchen kullerten unter ihren Schuhen davon. Eine steile Falte stand zwischen ihren geraden hellen Brauen. Sie nickte Lilith zu und setzte sich neben sie. Lilith rutschte ein wenig zur Seite um ihr Platz zu machen. Sie sagte lieber nichts aber aus den Augenwinkeln beobachtete sie Eowyns Gesicht. Den angespannten Kiefer, die zusammengepressten Lippen. Was konnte sie so verärgert haben?
Sie hatten bereits eine ganze Zeitlang nebeneinander gesessen, bevor Eowyn das Wort ergriff:
„Ihr hattet Recht." Die Finger ihrer rechten Hand hatten sich bisher in den dunkelgrünen Stoff ihres Rocks gegraben. Jetzt lösten sie sich. „Ihr wart tatsächlich der Grund für das merkwürdige Verhalten des Truchsess gestern."
Lilith schluckte. „Woher wisst Ihr das plötzlich?"
„Ich habe ihn gefragt." Eowyns Gesicht blieb unbewegt.
„Ihn gefragt?" Es gelang Lilith nicht, das Entsetzen in ihrer Stimme zu verbergen. Wer wusste schon, was Faramir geantwortet hatte? Sie drückte die Tasche an sich. Ein Versteck wäre ihr lieber gewesen. „Was hat er gesagt?"
„Sehr viel und doch auch wieder nichts." Betont gelassen legte Eowyn ihre Hände neben sich auf den Stein. „So gut hätte sich nicht einmal der ehemalige Berater meines Onkels aus einer Sache herausreden können. Eines jedoch habe ich trotz allem verstanden: Ich soll mich nicht in Dinge einmischen, die mich nichts angehen." Ihre Augen funkelten zornig. „Aber eines hat er vergessen: Ich bin keine einfache Frau oder einer von diesen Höflingen. Ich bin eine Schildmaid. Und ein guter Krieger lässt sich nicht täuschen. Er sieht."
Langsam bekam Lilith es doch mit der Angst zu tun. Was, wenn Eowyns Ärger sich auch gegen sie richtete? „Er sieht was?", fragte sie zaghaft.
„Die Wahrheit." Lilith wich fast vor ihrem Blick zurück. „Meriadocs Vermutung ist nicht richtig. Jedenfalls nicht ganz. Es gibt mehr zwischen Euch und dem Truchsess als dieses Kind und seinen Vater. Nur zwei Sorten von Menschen behandelt man auf diese Weise: Solche, die man hasst und solche, die man vergessen möchte weil sie einen verletzt haben. Ich glaube nicht, dass er Euch hasst."
Das grob gestickte Muster auf der Tasche forderte plötzlich Liliths ganze Aufmerksamkeit. Wie von selbst folgte ihr Finger den gezackten Stichen. Eowyn musterte sie eindringlich. Sie spürte es.
„Ich habe mich dennoch eingemischt", gestand die andere schließlich. „Ich habe ihm geraten nicht ganz so streng mit Euch zu sein. Ihr seid soweit fort von zu Hause. Außerdem verhalten sich selbst die vernünftigsten Menschen in diesen Angelegenheiten äußerst unvernünftig. Oft versteht man nicht einmal sich selbst." Ihre Stimme nahm bei den letzten Worten einen melancholischen Klang an. Aller Zorn schien mit einem Mal verschwunden.
Lilith ergriff trotzdem die Flucht. Mit einem gemurmelten Satz, den sie nicht einmal selbst verstand, entschuldigte sie sich und stand auf. Zum Glück hielt Eowyn sie nicht zurück.
Seit gestern vermied sie es peinlichst, an Faramir zu denken. An den Moment nach der Botschaft des Adlers. Sie wollte sich keine falschen Hoffnungen machen. Hoffnungen, die nur enttäuscht werden konnten. Sicher, der dunkle Herrscher war vernichtet, der Untergang abgewendet. Das hieß jedoch noch lange nicht, dass sich auch alles andere in Wohlgefallen auflösen würde. Die Enttäuschung würde nur umso größer ausfallen.
Entschlossen steuerte Lilith auf die Häuser der Heilung zu. Sie würde ihre Zimmertür hinter sich schließen und lesen. Sich mit Katharinas Sorgen beschäftigen statt mit ihren eigenen. Für eine Weile jedenfalls. Was für eine verlockende Vorstellung.
Sie geriet mitten ins Chaos. Im Eingangsbereich und auf der Treppe herrschte ein heilloses Durcheinander. Eine Truhe wurde unter Rufen und Lärmen an ihr vorbeibugsiert. Ein Diener in der schwarz weißen Tracht der Festung folgte. Stimmen übertönten einander. Ellenbogen schoben im Weg stehende beiseite. Ein alter Heiler stand in einer Türöffnung und versuchte vergeblich, einen Anschein von Ordnung herzustellen. Schließlich rang er nur noch hilflos die Hände.
Dicht an die Wand gedrückt schob Lilith sich bis an die Treppe heran. Niemand achtete auf sie. Vorsichtig tastete sie sich die Treppe nach oben. Jede Stufe ein kleiner Kampf. Es ging erstaunlich gut. Bis sich der Riemen ihrer Tasche im Gürtel eines Vorbeigehenden verfing. Der Ruck riss sie nach hinten. Einen fürchterlichen Moment glaubte sie zu stürzen. Dann schlossen sich zwei Hände um ihre Oberarme und hielten sie fest. Lilith sah schwarzen Stoff und einen grauen Saum.
„Entschuldigt. Ich habe nicht gemerkt, dass…" Der Mann brach ab.
Lilith blickte auf. Sie erkannte ihn sofort. Es war einer der beiden Diener, die sie auf Denethors Befehl in Boromirs Gemächer gesperrt hatten. Vielleicht sogar derjenige, der ihr das Gift gebracht hatte. Er starrte sie erschrocken an.
„Danke, Barlo", beendete eine ruhige Stimme den unangenehmen Moment. „Ich glaube, du brauchst sie jetzt nicht mehr zu stützen."
Blitzartig zog der Diener die Hände zurück, als hätte er sich an Lilith verbrannt. Beschämt schlug er die Augen nieder.
„Verzeiht, Herr", hörte Lilith ihn noch leise sagen. Dann machte er sich schleunigst aus dem Staub. Verdutzt sah sie zu Faramir, der nur wenige Stufen über ihr stand.
„Das war…"
„…ein Diener meines Vaters, ich weiß", fiel er ihr ins Wort. „Einer der Treusten noch dazu. Was immer er auch getan haben mag, wirf es ihm nicht vor. Er hat lediglich die Befehle seines Herrn befolgt. Für Männer wie ihn war es zum Schluss am schlimmsten."
Lilith nickte. Wie seltsam, hier zu stehen und so einfach mit ihm zu reden. Mit einem Mal verstand sie den ganzen Menschenauflauf.
„Du gehst?" Zwei kurze Worte. Eine einfache Frage. Selbst ihre Stimme klang ganz normal dabei.
„Nicht dass es die Heiler gerne sehen würden", gab er zu. „Aber irgendjemand muss sich um die Stadt kümmern solange der König noch nicht da ist. Soll ich das etwa anderen überlassen?"
Was sollte sie darauf erwidern? Sie senkte den Blick und suchte wieder einmal Zuflucht hinter ihrer Tasche.
Auch Faramir musste weiter. Sie blockierten ohnehin schon viel zu lange den Treppenaufgang. Lilith fühlte den einen oder anderen ungeduldigen Blick.
„Es freut mich, dich wieder auf den Beinen zu sehen", meinte Faramir noch, als er fast schon an ihr vorbei war. Es war keine bloße Floskel. Es klang ehrlich.
In ihrem Zimmer starrte Lilith eine ganze Weile unschlüssig auf das Buch in ihren Händen. Konnte das gerade ein Anfang gewesen sein? Und wenn ja, ein Anfang wovon? Hatte sie das etwa Eowyns offenen Worten zu verdanken? Kopfschüttelnd klappte sie den Buchdeckel auf und begann zu lesen.
ooo
Am nächsten Morgen klopfte es an ihre Tür. Überrascht schob Lilith ihr Frühstück zur Seite. Sie war eben erst aufgestanden. Was konnten Eowyn oder Merry so früh von ihr wollen? Morwen klopfte nicht.
„Herein."
Die Tür ging auf und Liliths Verwirrung nahm weiter zu. Vor ihr stand eine rundliche Frau Anfang dreißig mit einem Korb unter dem Arm. Sie musterte Lilith mit ausdruckslosem Gesicht.
„Seid Ihr Lilith?"
„Ja."
„Gut." Sie schloss die Tür hinter sich und stellte den Korb auf den Stuhl neben dem Bett. „Ich bin hier um Maß zu nehmen für eure neuen Kleider."
„Meine neuen Kleider?" Lilith kam sich reichlich überrumpelt vor. Außerdem gefiel ihr der starre Ton der Fremden nicht. Auswendig gelernte Formeln um etwas dahinter zu verbergen.
„Auf Anordnung des Truchsess", gab die andere kurz angebunden zurück. Sie zog eine Handvoll bunte Schnüre mit Knoten darin aus dem Korb hervor. „Wenn Ihr nun so freundlich sein würdet."
Verblüfft gehorchte Lilith. Bisher hatte noch niemand sie je so vermessen. Deswegen wusste sie nicht, was von ihr erwartet wurde. Sie folgte den knappen Anweisungen, stand ganz still, hob die Arme, senkte sie wieder und kam sich vor wie ein Ausstellungsstück in einem Museum. Es machte sie nervös.
„Was für Kleider sollen das werden?", fragte sie schließlich um ihre Unruhe zu unterdrücken.
„Ein schlichtes für den täglichen Gebrauch und ein besseres für die Krönung des Königs", lautete die Antwort. Die Schneiderin, Näherin oder was immer sie auch sein mochte, sah dabei nicht von ihrer Arbeit auf. Sie legte eben ein rotes Band um Liliths Taille, überlegte kurz, dann gab sie ein ganzes Stück zu. „Beide werden etwas weiter geschnitten sein mit einer seitlichen Schnürung. Schließlich werdet Ihr in den nächsten Monaten deutlich zunehmen."
Es sollte eine bloße Feststellung sein doch Lilith hörte den anklagenden Unterton. Unbehaglich zwang sie sich dazu vor den geschickten Händen nicht zurückzuweichen. Was konnte diese Frau nur gegen sie haben? Lilith war ihr noch nie begegnet, da war sie sich ganz sicher. Sie mied Liliths Blick, sprach äußerst einsilbig und so höflich, dass es fast einer Beleidigung gleichkam. Wenn doch nur Morwen kurz hereinschauen würde. Oder wenigstens Merry. Oder Eowyn.
„Verzeiht", brachte Lilith schließlich ein wenig heiser hervor. Sie ertrug es einfach nicht länger. „Falls ich Euch auf irgendeine Weise zu nahe getreten sein sollte, oder…" Sie verstummte, suchte nach Worten. Sie wusste nicht weiter.
Ein kalter Blick aus blassen Augen ließ sie erstarren. „Habt Ihr um ihn getrauert?", fragte die andere gefährlich leise. „Habt Ihr auch nur eine einzige Träne über seinen Tod vergossen?" Ihre Unterlippe zitterte.
Jäh wandte sie sich ab, packte den Korb und stürmte zur Tür hinaus. Sie rannte fast in Eowyn hinein. Ohne eine Entschuldigung wich sie im letzten Moment aus. Ihre hastigen Schritte verschwanden den Gang hinunter.
Verdutzt blickte Eowyn ihr hinterher. „Was hatte das denn zu bedeuten?"
Lilith zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung", gestand sie. Doch das unangenehme Gefühl ließ sie den ganzen Tag nicht los.
ooo
Dieses war der erste Streich doch der zweite folgt…bald. Und ich musste Isilme aus „Kreuzstich" einfach einbauen. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen.
