Kapitel 35 – Begehren

Ein Aufruhr tobte in ihm, der sich nicht besänftigen ließ. Sein Puls raste. Er wusste kaum, was er als nächstes tun würde, aber eins stand fest: Er könnte es nicht ertragen, wenn sie jetzt die Tür hinter sich schloss.

Hermione hatte sein Mienenspiel gebannt verfolgt und war außerstande, sich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Wie aus weiter Ferne hörte sie ihn ihren Namen aussprechen. In Zeitlupe nahm sie wahr, dass er auf sie zukam.

„Hermione?" Seine Stimme bebte. Einen Augenblick später fühlte sie seine Lippen auf ihren. Seine plötzliche Nähe war so überraschend, dass die Welt um sie herum stillstand. Er zog sie dichter an sich heran. Überwältigt atmete sie den leichten Duft nach Holunder ein, der wieder an seiner Kleidung haftete und schloss die Augen.

sssssssssssssssssssss

Eine Woge der Lust überrollte ihn, als sie seinen Kuss erwiderte. Er seufzte, als er die Weichheit ihrer Lippen, ihre Nachgiebigkeit und Wärme fühlte.

So lange hatte er sich beherrscht, so lange hatte sein Geist über das Verlangen seines Körpers dominiert. Doch nun konnte er seine Begierde kaum noch im Zaum halten. Stopp, schrie eine Stimme in seinem Kopf, die immer lauter wurde. Beherrsche dich! HALT!!

Mit einer plötzlichen Bewegung schob er sie von sich.

Ihre Augen glänzten und Unverständnis über die abrupte Trennung spiegelte sich darin. Er versuchte eine Erklärung, doch die Worte verließen nur abgehackt und heiser seinen Mund: „Nein… nicht…" Eine herrische Geste seiner Hand unterstrich seinen Versuch, wieder Abstand herzustellen.

sssssssssssssssssssss

Hermiones Euphorie verwandelte sich in bittere Enttäuschung. Er konnte doch jetzt nicht wieder Distanz wahren! Ihr Körper schrie förmlich nach seiner Berührung und Nähe.

Auch ein Blick in sein Gesicht, wo nun jede Maske gefallen war, bestätigte ihr, dass es nur noch einen Weg für ihn und für sie gab.

„Hör auf mit der Selbstverleugnung, Severus", flüsterte sie und ging auf ihn zu.

Sein mühsam errichteter Widerstand brach zusammen. Er erwiderte ihren Kuss verlangend. Was so lange unter der kontrollierten Oberfläche geschwelt hatte, kam nun fast ungezügelt zum Ausbruch.

Es war nicht der Moment für sanfte Erkundungen. Er entkleidete sie mit wenigen raschen Handbewegungen und sie vernahm seinen Atem an ihrem Ohr.

Sie erwiderte seine fordernden Berührungen zärtlich. Als sie vorsichtig über die zahlreichen Narben strich, von denen sein hagerer, sehniger Körper übersät war, stöhnte er auf und zog sie auf das Sofa.

„Was hat man dir angetan?", flüsterte sie erschüttert.

Als Antwort fühlte sie einen weiteren hungrigen Kuss und sein Drängen, sich mit ihr zu vereinen. Nur noch einmal hielt er kurz inne und schaute sie an. Sie versank in der Schwärze dieses Blicks, kam ihm entgegen und gab sich seinen ungeduldigen, fast fieberhaften Bewegungen hin, die von dunklen Lauten begleitet wurden und wenig später in einem erlösten Seufzen mündeten.

sssssssssssssssssssss

Erschöpft löste er sich von ihr. Sie war noch immer überwältigt von seinen Berührungen und ein Gefühl von Leichtigkeit und Glück durchströmte sie.

Doch sie konnte seinen Blick nicht deuten. Abwesend strich er ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

„Es hätte nicht so weit kommen dürfen", bemerkte er schließlich ruhig.

Als er ihren entgeisterten Blick wahrnahm, fügte er hinzu: „Ich habe die Kontrolle verloren. Es tut mir leid, Hermione." Er stand auf und hüllte sich in seinen Umhang.

Ihr war, als würde eine eisige Hand ihr Inneres umklammern. Ihre Hochstimmung stürzte in den Keller. Auch sie ergriff ihre Sachen und kleidete sich an.

sssssssssssssssssssss

„Warum, Severus?" Sie traute ihrer Stimme kaum.

Snape setzte sich ihr gegenüber und vermied, sie anzusehen.

„Ich werde nicht zurück in die Zaubererwelt gehen. Mein Leben ist hier. Es ist zu spät, daran etwas zu ändern."

Das war es also. Sie atmete auf. Sie hatte eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was nun in seinem Kopf vor sich ging. Die Zeit für Rücksichtnahme und Geduld war damit abgelaufen und der Augenblick gekommen, einige Dinge beim Namen zu nennen:

„Möchtest du mich nicht hier in deinem Leben haben oder glaubst du, dass mich dein Einsiedlerdasein auf Dauer abschreckt?"

Überrascht über ihre direkte Frage suchte er nun einen imaginären Punkt an der Decke und starrte diesen an.

„Letzteres", entgegnete er nach einer Weile.

„Wenn ich dir versichere, dass es mir völlig gleich ist, ob du in die Zaubererwelt zurückkehrst oder nicht, ob du unter dem Namen Vanesse oder Snape auftrittst, glaubst du mir dann?"

Das Schweigen dauerte noch länger, doch dieses Mal forschte er intensiv in ihrem Gesicht.

„Warum würdest du das wollen, Hermione?"

„Du kennst die Antwort. Schon lange."

„Du weißt nicht, worauf du dich einlässt. Du bist jung. Du hast deine Buchhandlung und dein Leben in London."

„Das hatte ich auch schon in den letzten Monaten. Und trotzdem haben wir uns regelmäßig gesehen. Warum können wir das nicht einfach so weiterführen wie bisher?"

Er blieb ihr die Antwort schuldig, aber Hermione sah seine Zerrissenheit und Zweifel. Sie raufte sich in Gedanken die Haare. Was um alles in der Welt sollte sie noch tun, damit er ihr vertraute?

„Wir sollten morgen noch einmal darüber sprechen, Hermione. Du kannst hier bleiben, wenn du möchtest." Er deutete auf das Sofa.

Sie nickte und er brachte ihr eine Decke. Er ließ zu, dass sie ihn vorsichtig umarmte, bevor er den Raum verließ.

Trotz des aufwühlenden Abends war sie kurz darauf in einen unruhigen Schlaf geglitten. So bemerkte sie auch nicht, dass er wenig später zurückkam, sich neben ihr niederließ und sie lange nachdenklich im Mondlicht studierte.

sssssssssssssssssssss

Sie richtete sich auf. Der Mond stand noch am Himmel und ein Blick auf ihre Uhr verriet ihr, dass es 7 Uhr morgens war. Die stürmische, flüchtige Begegnung in der letzten Nacht und ihr anschließendes Gespräch erschienen ihr nun wie eine unwirkliche Traumsequenz und sie musste sich davon überzeugen, dass sie es nicht nur geträumt hatte.

Auf Zehenspitzen lief sie zum Nachbarraum, wo sie das Schlafzimmer vermutete und spähte vorsichtig hinein. Eine dunkle Silhouette am Fenster signalisierte, dass er auch wach war. Er wirkte so grüblerisch, dass sie leise den Rückzug antrat.

Ihre innere Stimme meldete sich wieder und obwohl sie versuchte, sie zur Ruhe zu bringen, so konnte sie doch nicht verhindern, dass sich erneut ein warnendes Gefühl einschlich. Wie würde er ihr heute Morgen begegnen?

sssssssssssssssssss

Severus Snape atmete tief durch. Er fühlte sich vor allem orientierungslos. Eine matte Zufriedenheit hatte sich noch immer seines Körpers bemächtigt, aber sein Geist war unruhiger denn je. Wie sollte es jetzt weitergehen? In seinem rasenden Rausch der Sinne und den unmittelbar danach einsetzenden Zweifeln hatte er nicht vermocht, ihr etwas von dem zurückzugeben, was sie ihm gestern Abend geschenkt hatte.

Unbehagen über seinen Mangel an Beherrschung paarte sich mit einem Gefühl von solch exquisiter Erlesenheit, dass es ihm die Kehle zusammenschnürte.

Er brauchte unbedingt einen klaren Kopf. Vielleicht würde ein Spaziergang zum See in der kühlen Morgenluft helfen.

Als er aus dem Zimmer trat, sah er, dass sie aufgestanden war und sich bereits angekleidet hatte. Ihm fehlten die richtigen Worte für diesen Moment.

Auch Hermione schwieg. Ihre Intuition sagte ihr, dass es klug wäre, sich jetzt zu verabschieden, um ihm mehr Zeit zu geben. Sie nahm ihre Tasche und ihren Umhang.

„Du gehst?"

Sie lächelte ihn an. „Du weißt, wo du mich findest. Ich laufe nicht weg, aber bitte bleib mir die Antwort nicht schuldig."

Er zeigte seine Verwunderung nicht. Sie zögerte einen Moment und küsste ihn sanft auf den Mund.

Sie war schon zur Tür hinaus, als sie seine Hand auf ihrer Schulter spürte.

„Danke, Hermione."

sssssssssssssssssss

Hermione lief mit beschwingten Schritten und voller Hoffnung durch die Dunkelheit. Auch wenn es in erster Linie Begehren gewesen war, was seine Mauern gestern zum Einsturz gebracht hatte, konnte er nicht länger verbergen, wie wichtig sie ihm geworden war. Als sie in Harrys Hütte ankam, summte sie, während sie Kaffee kochte. Dann ließ sie sich mit einer großen Tasse in der Küche nieder und dachte nach.

sssssssssssssssssss

Severus Snape hatte sich nach einem ausgedehnten Spaziergang sofort in sein Labor begeben. Doch die Gläser, die er sorgsam auf dem Arbeitstisch aufgereiht hatte, blieben unberührt, das Werkzeug unbenutzt. Er saß mit aufgestütztem Kopf und einer Nachlässigkeit da, die er sich nur selten erlaubte.

Noch immer nahm er ihren Duft und ihre Berührungen auf seiner Haut wahr. Er war sehr froh, dass sie ihm die Zeit gab, die er jetzt brauchte.

sssssssssssssssssss

Es blieb ihm nicht viel Gelegenheit zum Grübeln. Als er zurück in seinen Wohnraum trat, erklang ein trockenes Hüsteln aus der Richtung, wo Dumbledores Bild hing. Er hatte vergessen, den Abschirmzauber zu lösen, mit dem er das Bild gestern Abend belegt hatte.

Snape verdrehte die Augen. Was ihm jetzt gerade noch fehlte, waren Kommentare und Fragen von Albus Dumbledore, warum er ihn verdunkelt und von Geräuschen abgeschirmt hatte. Doch dieser grüßte ihn lediglich freundlich und richtete von Minerva aus, dass es Jenkins besser ging.

„Gut", murmelte Snape. Das war genau die Ablenkung, die er brauchte. Vielleicht würde es ihm helfen, etwas Abstand zu gewinnen, um seine neu entwickelte Situation mit Hermione einschätzen zu können.

„Ich soll dir mitteilen, dass in Hogwarts nur wenige Lehrer und acht Schüler anwesend sind. Falls dir der Weg dorthin jedoch nicht behagt, könntet ihr euch wieder in Edinburgh treffen."

„Richte ihr aus, dass ich auf dem Weg nach Hogwarts bin."

sssssssssssssssssss

Langsam schlenderte Severus Snape – getarnt als Vanesse - über das Hogwartsgelände. Er atmete tief die kühle Winterluft und versuchte sich zu erinnern, bei welcher Gelegenheit er das letzte Mal dort bewusst die Silhouette des alten Schlosses, die weiten Wiesen, die alten Bäume und das Wispern des Windes wahrgenommen hatte. Es lag sehr, sehr lange zurück. Während seiner letzten Jahre auf Hogwarts war seine Wahrnehmung eher auf negative Dinge gerichtet gewesen.

Hermione schob sich immer wieder in seine Gedanken, ihre Nähe, die Wärme ihres Körpers… Er fühlte sich plötzlich leicht und frei.

Als er die Stufen zum Haupteingang mit einem Schwung emporlief, der seinem geliehen alten Körper kaum entsprach, kam ihm Minerva entgegen.

„Ich dachte, ich höre nicht richtig, als mir Albus soeben sagte, dass du bereits auf dem Weg bist", begrüßte sie ihn überrascht. „Warum willst du so dringend mit Merian sprechen?"

„Zuerst muss ich wissen, ob meine Vermutung stimmt. Ich erzähle dir dann alles, Minerva."

„Ich gebe ihm Bescheid, dass du schon hier bist und er zum Raum der Wünsche kommen soll."

„Nein."

Sie schaute ihn verdutzt an.

„Ich möchte meine alten Räume sehen. Und mein Labor."

„DEIN Labor?" Minerva McGonagall schmunzelte. „Ich zeige es dir gern, wenn Merian einverstanden ist. Frag ihn doch bitte. Er selbst hat zurzeit keinen Zugang – aus Sicherheitsgründen. Möchtest du noch mehr von Hogwarts sehen?"

„Ich denke, das reicht für den Anfang."

Schweigend liefen sie durch die Gänge Richtung Kerker. Ein Mann kam auf sie zu.

„Professor Vanesse!", rief Neville Longbottom erstaunt.

„Professor Longbottom."

„Haben Sie schon gehört, dass es Fortschritte bei meinen Eltern gibt?", bemerkte er lebhaft. „Ich bin Ihnen so dankbar."

Das alte runzelige Gesicht von Vanesse verzog sich zu einem schiefen Lächeln. „Ich habe davon gehört." Neville strahlte ihn an.

Minerva und Snape näherten sich der Wendeltreppe, die zu den Slytherin-Gefilden hinabführte. Snape blieb zögernd stehen. Minerva betrachtete ihn prüfend. „Bist du sicher? Wir können gern zum Raum der Wünsche gehen, ich gebe nur schnell Merian Bescheid."

„Lass uns weitergehen." Er stieg die Treppe hinab.

Seine Tarnung begann zu verblassen und sie wies ihn darauf hin. „Es ist aber niemand hier. Wenn ich den Eingang schütze, könnt ihr euch ungestört ohne deinen Trank unterhalten. Gib mir durch den Kamin Bescheid, wenn ihr fertig seid, dann hole ich dich wieder ab, zeige dir das Labor – Merians Einverständnis vorausgesetzt - und du kannst mir berichten." Mit diesen Worten sprach sie einen Zauber und stieg die Treppe wieder empor.

Snape war allein. Er verweilte einen Moment vor der großen Holztür zu seinen ehemaligen Räumen und klopfte.

„Herein!" ertönte Jenkins Stimme. Snape holte tief Luft und trat ein.

Wie erwartet, wurde sein ehemaliger Wohnraum von Bücher- und Papierstapeln dominiert. Jenkins hatte eine Vorliebe für helle Farben: helles Holz, helle Fasern, helle Stoffe. Er selbst wirkte so abgezehrt, dass es Snape beunruhigte.

„Guten Abend, Severus", meinte Merian müde. „Minerva sagte mir, dass Sie mich sprechen wollen, aber ich habe nicht damit gerechnet, dass Sie mich hier in diesen Räumen aufsuchen würden."

„Ich bin nicht mehr sicher, ob es schon der richtige Zeitpunkt ist."

„Was ist schon der richtige Zeitpunkt", bemerkte Merian matt. „Man hat mich mit Beruhigungsmitteln vollgestopft, meinen Raum von allen gefährlichen Dingen befreit, den Zugang zu meinen Tränken blockiert und Minerva bewacht mich wie ein Hausdrache." Er lachte krächzend, was in starken Husten überging.

Als der Anfall vorbei war, forderte er nachdrücklich:

„Also, was verschafft mir die Ehre, dass Sie sich in Ihre alten Gemächer bemühen, um mit mir zu sprechen, Severus?"

„Möglicherweise gibt es einen Hoffnungsschimmer für Sie. Als Voldemort den Fluch ausführte, habe ich etwas gesehen."

Mir ist bewusst, dass sich viele ein romantischeres Kapitel erhofften. Aber ich kann Severus Snape momentan nicht anders agieren lassen, wenn ich seiner Charakterisierung in dieser Geschichte treu bleiben möchte. Ich hoffe, dass ich eure Erwartungen an den weiteren Verlauf damit nicht allzu sehr enttäuscht habe.

Die Personen sind – bis auf Mr. Jenkins und seinen Großvater – von J. K. Rowling ausgeliehen. Das Schreiben bringt keine finanziellen Vorteile, aber viel Freude.