„Warum kommt unsere Legierung denn so spät.", grinste uns Gimli entgegen, als wir die Halle betraten.
„Bitte?", entgegnete ich verwirrt. Was meinte der Zwerg?
„Legierung, meint, dass sich zwei Menschen zu etwas neuem, schönerem verbunden haben.", erklärte Aragorn mir sachlich und nahm einen Schluck aus seinem vermutlich mit Bier gefüllten Becher.
Ich setzte mich zusammen mit Legolas auf die Bank und entgegnete: „Das ist ein grauenvolles Wortspiel." Aragorn versuchte vergeblich ein Grinsen hinter dem bemalten Tonbecher zu verbergen.
„Ist es nicht! Es ist eine sehr schöne Redewendung, die Zwerge wünschen, wenn sich ein Paar aneinander bindet.", verteidigte sich der Zwerg. Ich starrte Gimli an und er errötete leicht. „Nicht, dass das bei euch beiden schon der Fall wäre, aber ich mein ja nur, dass, naja ihr seid glücklich.", murmelte er stammelnd. Legolas und ich schwiegen und warteten auf die Reaktion der anderen.
„Ich hab da schon eine Weile etwas geahnt. Ihr schaut euch beide schon seit längerem so an und als Gimli dann erzählte, er habe euch einander umarmend auf einer Terrasse gefunden, da erkannte ich.", hüstelte Aragorn, er hatte sich letztendlich ein wenig verschluckt, doch Merry schien von all dem mehr als nur verwirrt.
„Aragorn, du weißt, dass mein Vater…so wie du und Arwen. Ich-", beschwor Legolas diesen in halben Sätzen, kam jedoch nicht weit.
„Ich werde nichts sagen. Wir alle werden schweigen. Es obliegt euch beiden alleine zu entscheiden, ob es jemand erfahren soll oder nicht.", beruhigte Aragorn seinen Freund und Legolas entspannte sich merklich.
„Na dann, wenn ihr jetzt eh über uns Bescheid wisst.", lächelte der Elb, beugte sich zu mir herunter und küsste mich. Überrascht riss ich die Augen auf und war im ersten Moment sprachlos. Langsam lösten wir uns und unsere Gefährten schauten uns partiell geschockt oder belustigt an.
„Du, das, was ich dir gesagt habe, war kein Scherz!", flüsterte ich meinem Freund zu und wandte mich dann an ein Stück Brot vor mir. Legolas lachte leise und nahm meine Hand.
„Verzeih mir, ich hab es nicht auch auf unsere Freunde bezogen.", kam die ebenfalls geflüsterte Antwort. Ich konnte nicht anders und griff lächelnd seine Hand unter dem Tisch.
„Ich hab da wohl eine Menge nicht mitbekommen.", resümierte der Hobbit und schaute abwechselnd von mir zu Legolas.
Wir aßen und redeten über belanglose Dinge. Keiner von uns wollte an die unbequeme Zukunft denken, die uns erwartete.
Als das Gespräch letztendlich doch auf den Krieg zusteuerte, stellte ich eine Frage, die mich schon seit längerem beschäftigte: „Wie viele Männer haben wir?".
„Der König will 6000 Speere um sich sammeln und dann nach Minas Tirith ziehen.", antwortete mir Aragorn schließlich, „Ich weiß nicht wie viele Männer Gondor aufbieten kann. Aus den Lehen werden wohl einige kommen, aber…"
„…wir sind trotzdem in der Unterzahl.", beendete ich den Satz. In Helms Klamm hatten wir zwar gesiegt, doch die Verluste waren unglaublich hoch gewesen. Zudem war unsere Ausgangslage besser gewesen. Wenn wir dem Heer Sarumans auf offenem Feld begegnet wären, hätten wir vor dem Morgengrauen verloren. Die Rohirrim hatten zwar mit ihren Pferden einen Vorteil, doch gab es auch für Fußsoldaten mehrere Wege nahenden Reiter den Weg zu versperren.
„Du sagtest, dass auch in deiner Zeit Krieg geführt wird. Wie…ich meine, wie stark sind eure Heere?", riss mich Legolas aus meinen gedanklichen Erörterungen. Meine vier Gefährten sahen mich an und ich räusperte mich leicht.
„Ich weiß nicht wie viele Soldaten mein Land hat. Das mit dem Krieg ist etwas anders als hier, aber vor fast 70 Jahren in meiner Zeit endete der Zweite Weltkrieg. Es starben über 50 Millionen.", erklärte ich. Merry wurde ganz weiß im Gesicht und Legolas hatte entsetzt seine Augen aufgerissen. Aragorns Blick konnte ich nicht deuten. Einen Versuch zu starten, die Umstände zu erklären, wie dies geschehen konnte, stufte ich als sinnlos ein.
Ich wünschte den Vier eine gute Nacht und legte mich in meinem Gästezimmer schlafen. Zumindest wollte ich schlafen doch mich hielten Gedanken wach. Immer wieder erinnerte ich mich an Ausschnitte von Dokumentationen über Alexander den Großen, Hannibal und die ganzen anderen Feldherren. Es wurden Taktiken vorgestellt und Schauspieler unterstrichen diese. Irgendwann ging es in Träume über und ich sah, wie die Orks Fallen stellten und Pferde und Reiter ihre Sperre in die Brust bohrten. Überall war Blut. Im Hintergrund erkannte ich eine weiße Stadt, die mehr Ähnlichkeit mit Köln im Mittelalter hatte.
Mein Herz raste, als ich aufwachte. Die ersten Sonnenstrahlen fielen durch das mit Holzläden verschlossene Fenster. Ich tauchte meine Hände in eine mit kaltem Wasser gefüllte Tonschale und begann mich dann anzuziehen. Wir würden heute aufbrechen und in Richtung Minas Tirith ziehen, denn weitere Reiter würden uns erst unterwegs entgegen kommen. Gandalf hatte uns den Weg bereitet und den umliegenden Siedlungen die Kunde gebracht, der König würde zu den Waffen rufen. Ich räumte mein Zimmer und machte das Bett.
Der Tag war noch jung, als ich schließlich zu der Halle ging. Mir fiel auf, dass mehr Pferde, als noch am Abend zuvor bei den Ställen auf einer kleinen Weide standen. Wahrscheinlich waren weitere Reiter in der Nacht angekommen.
Ich schlüpfte durch die große Flügeltür und stutzte. Ein Großteil Meduselds war mit großen, wildaussehenden Männern gefüllt. Sie saßen an den Tischen wie wir an der Feier und aßen Brot, Käse und Wurst. Einige blickte auf und nickten mir kurz zu, als sie mich bemerkten, wandten sich dann aber wieder dem Essen zu.
Mein Blick schweifte durch die Halle und erblickte Legolas bei zwei weiteren Elben stehen. Sie sahen einander so ähnlich wie ein Ei dem anderem. Ich steuerte auf sie zu, da ich sonst weder Gimli noch Aragorn oder Merry entdecken konnte und suchte Legolas Blick. Wir dürften ab jetzt absolut kein Zeichen unserer Gefühle für einander mehr zeigen. So viel ich mitbekommen hatte, war es bei den Elben nicht gern gesehen, wenn nicht sogar verpönt, wenn einer der Erstgeborenen und ein Mensch zueinander fanden, wie Legolas und ich.
„Lucy, darf ich dir Elladan und Elrohir, die Söhne Elronds, vorstellen?", sagte mein Freund zu mir, als ich das Trio erreichte. Mit einem leichten Lächeln und einem wackeligen Knicks begrüßte ich die Brüder.
„Seid gegrüßt, Herrin der Zeit.", erwiderte einer der Beiden meinen Gruß, sich nach elbischer Art verbeugend.
„Ihr wisst von-was ich bin?", fragte ich leise nach.
„Ja, unser Vater berichtete von Euch, als wir aufbrachen, um die Dúnedain zu sammeln. Wir werden Euer Geheimnis waren.", antwortete der andere Elb.
„Wir sollten etwas essen. Es wird wohl die letzte Gelegenheit sein, denn der Krieg naht.", schlug Legolas vor. Wir setzten uns zwar auf eine Bank, doch war ich es, die aß. Leicht verhalten steckte ich mir kleine Brotstücke in den Mund, da ich es nicht leiden konnte, wenn man mich beim Essen beobachtete.
„Nun, wie lange?", fragte Elladan oder Elrohir nach einigen Minuten und blickte ihn fragend an.
„Macht er Euch den Hof.", präzisierte der Elb mit einem neugierigen Blitzen in seinen grauen Augen. Ich verschluckte mich vor Schreck an einem Brotstück und der andere Bruder klopfte leicht auf meinen Rücken, um mir das Husten zu erleichtern.
„Ist es so offensichtlich, Elrohir?", fragte Legolas leise, mit einer gewissen Trauer in der Stimme.
„Es wäre wohl besser gewesen, hättet ihr euch nicht einander gegenüber gesetzt. Ihr werft euch, wohl sogar unbewusst, Blicke zu, die keine andere Schlussfolgerung zu lassen.", erklärte Elrohir uns und sein Bruder nickte zustimmend. Mein Freund fuhr sich, als wäre er müde, über das Gesicht. Ich selber starrte nur auf meine Hände.
„Wir werden auch dieses Geheimnis für uns behalten, seid unbesorgt.", versprach uns da Elladan.
„Ich danke euch, meine Freunde.", erwiderte Legolas aufrichtig und Elrohir meinte lachend: „Was meinst du, Bruder: Womit könnte sich die Tochter der Zeit in die Legolas' Familie einkaufen? Thranduil wird wohl nicht gerade Luftsprünge machen, wenn er von der Wahl seines Sohnes erfährt."
Elladan fiel in das Lachen mit ein, während mein Hirn gerade zu Höchstleistungen anlief. Sohn von Thranduil? Moment, Legolas kam aus dem Düsterwald. Der König des Düsterwaldes, zumindest hatte ich das von den Zwergen, hieß Thranduil. Wenn Legolas nun sein Sohn war, dann- „Du bist der Sohn von König Thranduil?!", rief ich eine Spur zu laut.
„Lucy, bitte, ich-", brachte der Prinz hervor, bevor ich ihm ins Wort fiel: „Spar dir deine Erklärungen!"
Ich stürmte wutentbrannt nach draußen und blickte mich um. Ich musste weg. Sofort. Die Stadt wollte ich nicht verlassen, aber einen Ort für mich alleine wäre jetzt angebracht. Verdammt, er wusste alles von mir! Wer ich war, von wo ich kam und besonders: Was ich war. Er wusste von meiner Vergangenheit. Er wusste, wieso ich die Narben und die Albträume hatte und mir hatte er nicht gesagt, dass er der Prinz des Düsterwaldes war? Grob zusammengefasst wusste ich, wie er hieß und ein paar Informationen über seine Familie. Dann kam auch schon sein Charakterbild und das hatte gerade eine unschöne Färbung angenommen.
„Lucy, so lass es mich doch erklären.", hörte ich die Stimme Legolas hinter mir.
„Nein!", rief ich über meine Schulter und flüchtete Richtung Ställe. Über den Pferdeboxen meinte ich mich an ein Strohlager zu erinnern und tatsächlich lehnte hinter dem Gebäude eine Leiter, welche nach oben führte.
Ich stieg so schnell ich konnte hinauf, damit ich meine Ruhe haben könnte und plante erst wieder aus meinem Versteck hervor zu kommen, wenn wir losreiten würden. Ich musste nachdenken, auch wenn ich jetzt schon heulte. Der Dachboden war wirklich mit Stroh gefüllt und ich ließ mich schluchzend neben eine Katze mit ihren Jungen fallen. Diese war so gütig und verscheuchte mich auch prompt mit einem Fauchen. Drei Meter weiter kam ich nun zur Ruhe und barg mein Gesicht in meinen Händen. Warum hatte er mir nicht einfach gesagt, dass er ein Prinz war? Hatte er geglaubt, dass ich ihn dann auf Grund seines Titels lieben würde? Ich war fast vollständig blind gewesen, als wir das erste Mal aufeinander trafen. Ich kannte nur seine Stimme und seinen Geruch. Das, was ich an ihn liebte, war aber sein Wesen. Ich war so dumm gewesen.
„Lucy." Ich blickte nicht wirklich überrascht auf und sah Legolas an der Lucke zu meinem Refugium sitzen. Er sah mich mit seinen meeresblauen Augen an und wartete wohl auf eine Reaktion von mir.
„Warum hast du mir das nicht einfach gesagt? Hattest du Angst vor meiner Reaktion oder was?", fragte ich mit einer brüchigen Stimme.
„Ach meine schöne, schlaue Lucy.", seufzte er nur und kam auf mich zu. Ich wischte über meine Augen und zog die Stirn in Falten. Was sollte das denn jetzt?
„Offen gestanden ist mir dieser Titel vollkommen egal. Er birgt mehr Pflichten als Privilegien. Ich habe es dir bisher nicht gesagt, weil es irrelevant ist.", erklärte er mir mit einem Lächeln im Gesicht, bei dem ich nicht wusste, ob ich ihn küssen oder eine rein hauen sollte.
„Es geht nicht darum, ob es irrelevant ist, was es im Übrigen nicht ist, es geht darum, dass du mir nichts gesagt hast.", stellte ich klar.
„Es ändert nichts daran, was ich für dich empfinde, Ithilgalad." Legolas wollte mich auf die Wange küssen doch ich wich ihm aus.
„Es ändert schon etwas. Du sagtest doch, es wird von Elben erwartet, dass sie sich einen Partner suchen und es gibt nur noch wenige von euch. Dein Vater wird doch einen Erben wollen.", entgegnete ich ihm und versuchte aus seinem Gesicht zu lesen.
„Was mein Vater will, ist egal. Er wird sagen, dass es eine Schande ist, dass ich in mein Verderben laufen werde und dass mein Herz brechen wird, aber ich habe mich für dich entschieden.", antwortete er mir.
„Herz brechen?!", rief ich allarmiert, direkt ein paar unschöne Bilder vor Augen. Endlich wich sein Lächeln, welches der Situation vollkommen unangebracht war.
„Wir Elben sind größer, schneller und präziser als ihr Menschen, aber wir haben auch größere Schwächen. Wir fühlen Hass, Angst und Trauer intensiver. Wenn der Partner eines Erstgeborenen stirbt, so zerbricht der Hinterbliebene nicht selten an dem Verlust."
„Und du hast dich auf mich eingelassen? Bist du denn des Wahnsinns? Ich werde irgendwann weg sein. Einfach so!", fiel ich ihm ins Wort.
„Wir fühlen alles intensiver. Auch die Liebe. Ich habe den Punkt bereits überschritten, sodass eine Trennung, egal auf welche Weise, schwer wäre. Ich habe dir doch gesagt, dass ich lieber drei Stunden mehr mit dir habe.", fuhr er unbeeindruckt fort, wieder mit diesem Lächeln im Gesicht. Ich sah ihn an und brachte keinen Ton heraus.
Leise ausatmend ließ er sich in das Stroh fallen und beobachtete mich mit hinter den Kopf verschränkten Armen.
„Es wird noch dauern, bis wir aufbrechen. Wie wäre es, wenn ich dir ein wenig von mir erzähle? So als Ausgleich.", schlug er vor und zog mich ohne Vorwarnung neben sich ins Stroh.
